The Project Gutenberg EBook of 1906. Der Zusammenbruch der alten Welt, by 
Ferdinand Grautoff

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Title: 1906. Der Zusammenbruch der alten Welt

Author: Ferdinand Grautoff

Release Date: September 17, 2015 [EBook #49995]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK 1906. DER ZUSAMMENBRUCH ***




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                               Seestern




                                1906


                        Der Zusammenbruch der
                              alten Welt

                          Zwanzigste Auflage
                      == 96. bis 100. Tausend ==

                               Leipzig
                  Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung
                           Theodor Weicher.

                             Alle Rechte,
                 besonders des Recht der bersetzung
                   in fremde Sprachen, vorbehalten.

Wir stehen am Ende. Das furchtbare Jahr, in dem die alte Welt von Blut
so rot war, ist vorber. Wir haben ihn gehabt, den frischen frhlichen
Krieg. Noch stehen europische Heere drauen, um Schritt fr Schritt das
zurckzuerobern, was der Trmmersturz des Riesenkampfes verschttet hat.
Das wieder aufzubauen, was dieses Jahr an friedlicher Kulturarbeit
vernichtet hat, wird ein Jahrzehnt kosten. Und die, welche heimkehren
aus Feindesland, sind ein der Arbeit entwhntes Geschlecht. Die Herzen
sind hrter geworden in diesem Jahr, da die Welt nach Blut roch. Die
Lnder sind leerer geworden; es sind zu viele schlafen gegangen unter
den grnen Erdhgeln da drauen.

Wir stehen am Ende des gewaltigsten Krieges, den die Geschichte der
Menschheit sah; das Jahr 1906 ist ihr mit blutroten Lettern eingebrannt.
Wir stehen am Ende, und dem Historiker liegt es ob, sich noch einmal
Szene um Szene die Entwicklung des furchtbaren Dramas zu
vergegenwrtigen, das in den unheilvollen Mrztagen 1906 vor Samoa
seinen Anfang nahm und alle Vlker der alten Welt in seinen Wirbelsturm
mit hineinri. Alle die Unverantwortlichen, die in den Parlamenten, in
Volksversammlungen, in der Presse jenseits wie diesseits des Kanals
immer wieder den Vlkerha geschrt, die da gemeint hatten, ein
Waffengang zwischen Deutschland und England werde nur wie ein Gewitter
die Luft reinigen, und man werde in der Lage sein, nach Gutdnken heute
oder morgen, wenn die Spannung gelst, das Ganze Halt blasen zu
lassen, ber sie alle war der Gang der Ereignisse rcksichtslos
hinweggeschritten. ^Caesar supra grammaticos!^

Das hatten sie nicht berechnet, da ein europischer Krieg bei den
tausendfltigen Beziehungen zu den berseeischen Neulndern, deren
Millionenvlker widerwillig einer Handvoll Weier gehorchten,
notwendigerweise die Welt in Flammen setzen mute. Wie eine Bora, wie
ein glutheier alle schlummernden Gefhle aufpeitschender Wstensturm
ging es durch die Lnder des Islam, wie ein elektrischer Strom zuckte es
durch die scheinbar so indolenten Vlkermassive Asiens, als Europas
Boden vom Waffenlrm widerklirrte. Die Diplomaten des Berliner
Kongresses mhen sich jetzt den neuen Most in neue Schluche zu fllen;
noch liegt nichts Fertiges, Abgeschlossenes vor, aber die Umrilinien
sind gegeben. Da mgen wir noch einmal rckwrts schauen, und das Ganze
uns noch einmal vergegenwrtigen, wie es sich entwickelt hat. Nur ein
Querschnitt durch die Ereignisse soll hier gegeben werden, nur die
Hauptpunkte sollen hervorgehoben werden, nur die Meilensteine, die den
Weg des Jahres 1906 bezeichneten. Allein die _Einigkeit_ der Vlker
Europas kann das, was ihnen verloren gegangen ist, die unbestrittene
politische Macht und die Seeherrschaft auf dem Weltmeer wieder
zurckgewinnen. Heute liegt der politische Schwerpunkt in Washington,
Petersburg und Tokio.

Im Mai 1907.

                                                             Seestern.




                     Der Zwischenfall von Samoa.


Irgend etwas lag in der Luft. Nicht da gerade die politischen
Nachrichten irgend jemandem Sorge gemacht htten. Drben jenseits des
Meeres erscheinen Ereignisse, die in der Heimat wochenlang die Presse in
Atem halten, mikroskopisch klein. Die groe Distanz und die
Zeitdifferenz lt sie gewissermaen mit einem umgedrehten Fernglas
sehen. Recht, recht gleichgltig ist unseren Landsleuten drben der Gang
der groen und der kleinen Politik, von der man im stillen Winkel doch
so gut wie nichts versprt. Trotzdem machte es einen tiefen Eindruck,
als die Samoanische Ztg. am 3. Mrz durch eine Extraausgabe mitteilte,
der deutsche Reichstag habe die neuerdings geforderte Auslandsflotte,
auf die man beim Flottengesetz von 1900 verzichtet hatte, abgelehnt.

Am Abend des Tages saen einige deutsche Kaufleute und mehrere
Angestellte der deutschen Plantagengesellschaft in der Veranda eines
Landhauses, von dem aus man den schnsten Blick auf Apia und die Reede
hat. Am anderen Ufer der Bucht flatterte trge in der lauen Abendluft
ber dem kaiserlichen Gouvernement die Flagge des Reiches. Leise
rauschend schlugen die Wellen an den Strand, whrend die nach Norden
offene Reede sonst gerade im Mrzmonat von heftigen Strmen heimgesucht
wird. Gleich einem riesigen Gerippe lag das Wrack des Kreuzers Adler
auf der Korallenbank, auf der sich eine Schar Samoaner tummelte. Hin und
wieder erschien eine der geschmeidigen Gestalten zwischen den
Stahlrippen des Wracks. Der feurige Sonnenball stand dicht am Rande des
westlichen Horizontes. Von der Mwe, die auf der Reede lag[1], klangen
die melancholischen Tne des Zapfenstreiches ber die ruhige
Meeresflche, langgezogen und klagend. In der traumhaften Stille des
Abends glaubte man fast die Ruderschlge der Gig zu hren, die einige
Offiziere der Mwe dem Lande zutrug. Wie eine weie Raupe kroch das
Boot ber den kupferfarbenen Seespiegel, whrend mit dem Scheiden der
Sonne die Flagge am Heck des Kriegsschiffes verschwand.

[Funote 1: Die Mwe war nach ihrem Eintreffen in Tsingtau noch einmal
nach Apia zurckbeordert worden, da der in der Sdsee stationierte
Kreuzer Condor eine Havarie erlitten hatte.]

Dort kommen unsere Gste, sagte der Hausherr, der fr diesen Abend die
Offiziere S. M. S. Mwe zu sich geladen hatte, da das
Vermessungsschiff, ein hufiger Gast in Apia, am nchsten Tage die Reede
verlassen sollte, um seine letzte Reise nach Tsingtau anzutreten, um
dort als Hulk seine Tage zu beschlieen. Man brach auf und begab sich in
das Speisezimmer, um dort die Marineoffiziere zu begren. Noch bevor
sie die kurze Strecke von dem gebrechlichen Landungssteg am Strande bis
zum Landhause, das am sanften Abhange des Berges lag, zurckgelegt
hatten, erschien dort ein Soldat der eingeborenen Polizeitruppe mit
einem Briefe fr den Hausherrn. Nachdem er ihn durchflogen, wandte er
sich zu seinen Gsten: Schade, unser Gouverneur Dr. Solf bittet, ihn
fr heute abend als entschuldigt gelten zu lassen und auerdem will er
uns noch einen unserer Gste entfhren. Schade, es htte so nett werden
knnen. In diesem Augenblick betraten die Marineoffiziere, lebhaft
begrt, das Haus. Whrend die brigen Herren abschnallten, nahm der
Hausherr den Kapitnleutnant Schrder beiseite und verstndigte ihn von
dem Wunsche des Gouverneurs.

Bei einer vorzglichen Bowle entwickelte sich schnell eine rege
Unterhaltung, die sich bald auch dem Ereignis des Tages, dem
Reichstagsbeschlusse ber die Auslandsflotte, zuwandte.

Nun, allzu tragisch drfen wir's nun doch wohl nicht nehmen. Was
bekommen wir in Apia von der Auslandsflotte berhaupt zu sehen? Ja
frher, da lagen hier oft unsere groen Kreuzerfregatten, aber seit
1889, seit dem Unglck, schickt man uns doch nur kleine Khne. Das sind
Sie, sagte einer der Pflanzer zu den Offizieren, mit Ihrer >Mwe<, die
sieht ja recht nett aus, aber glauben Sie, da sie unseren englischen
und amerikanischen Freunden imponiert? Eine >Antiquitt aus Williams
Museum< nennen sie den Kahn. Nun, die >Mwe< geht ja jetzt auch ins alte
Eisen in der Tsingtauer Rumpelkammer. Hchstens kommt sonst mal der
>Falke< seligen Andenkens oder der >Cormoran< auf eine Stippvisite. Von
Ihren Auslandsschiffen merken wir hier verdammt wenig; wenn Sie Ihre
Schiffe nicht ins Ausland schicken, dann knnen wir uns die Kosten auch
sparen. berhaupt sieht's friedlich genug aus in der Politik. Wer will
denn auch heute einen Krieg anfangen? Jeder scheut doch die
Verantwortung.

Friedlich, meinte der Herausgeber der Samoanischen Zeitung, sieht
es nun gerade nicht aus. Wenn ich den Zusammenhang auch nicht ganz
verstehe, so mu doch irgend etwas in der Luft liegen, was sich ber das
Niveau des diplomatischen Kleinkrieges, den wir seit Monaten verfolgen
knnen, hinaushebt. Nach einer Depesche, die ich heute aus New York
bekam, die allerdings unterwegs stark ramponiert sein mu, hat England
sein Mittelmeergeschwader mobil gemacht. -- Auerdem wird von
verdchtigen Schiffsbewegungen im Kanal berichtet. Doch ist der Zweck
dieser Manahmen so unklar, da es ebenso gut eine amerikanische Ente
sein kann. Sie wissen ja wie das amerikanische Kabel arbeitet. Die
reinen Rsselsprnge depeschieren sie uns, wenn es ihnen pat.

Ach was, das englische Sbelrasseln kennen wir; warten wir ab und
trinken wir Tee oder besser diese geradezu erhaben komponierte Bowle.
Lat uns lieber ein lustiges Lied singen.

Wie immer, wenn Deutsche beisammen sind, war's kein lustiges, sondern
ein wehmtiges Lied --

   Hier in weiter, weiter Ferne
   Wie's mich nach der Heimat zieht!
   Lustig singen die Gesellen,
   Doch es ist ein falsches Lied,
   Doch es ist ein falsches Lied ....

klangs voll und krftig aus zwanzig Mnnerkehlen in die tropische
Sommernacht hinaus. Mit ernstem Gesicht hrte der Kapitnleutnant
Schrder, der, vom Gouverneur zurckgekehrt, unbemerkt das Zimmer wieder
betreten hatte, dem Gesange zu ....

   Andere Mdchen, andere Stdtchen
   O wie gerne kehrt' ich um .....

hallte es noch nach. Er trat jetzt an den Tisch: Meine Herren
Kameraden, Sie haben eben mit Nachdruck versichert, da Sie gerne
umkehrten; ich mu Sie nun leider auch tatschlich bitten, mit mir
umzukehren und mit mir an Bord zu gehen. Und Sie, verehrter Herr
Gastgeber, bitte ich, zu entschuldigen, da ich gewissermaen als
steinerner Gast, als Strer der Freude erscheine. Aber die Pflicht ruft.
Im brigen brauchen wir uns heute noch nicht zu verabschieden, denn die
Mwe bleibt noch einige Tage im Hafen liegen.

Ein rasches Abschiednehmen, dann ruderte die Gig wieder in die
Finsternis hinaus, auf die Laterne zu, die wie ein einsamer Stern am
Vortopp des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der weiten
Meeresflche schwebte.

Leise rauschend legte das Boot am Fallreep an, die beiden Fallreepsgste
erschienen mit ihren Laternen, die Deckswache salutierte. Als man auer
dem Hrkreis der Mannschaften war, ersuchte der Kommandant die
Offiziere, ihm in seine Kajte zu folgen.

Die Ordonnanz, die Licht gemacht, verschwand lautlos. Erwartungsvoll
blickten die Herren ihren Vorgesetzten an. Nach einer kurzen Pause sagte
er mit leicht stockender Stimme: Meine Herren, ich will Ihre Zeit nur
auf ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Der kaiserliche Gouverneur,
Herr Dr. Solf, hat mir aus einer amtlichen Meldung mitgeteilt, da die
politische Lage die Mglichkeit eines Kriegs zwischen England und
Deutschland nicht ausgeschlossen erscheinen lt. Es wird von
deutschfeindlichen Kundgebungen in England berichtet. Mit leiser,
erregter Stimme fortfahrend, setzte er hinzu: Unsere Kameraden von S.
M. S. Sperber sind in Durban vom englischen Pbel insultiert worden.
Die Lage ist ernst. Einstweilen ist angeordnet worden, da S. M. S.
Mwe vor Apia bleibt. Im Falle eines Krieges hat die Mwe bis auf
weiteres den Schutz der Kolonie zu bernehmen. Durch treue
Pflichterfllung werden wir das Vertrauen Seiner Majestt, unseres
obersten Kriegsherrn, ehren. Meine Herren Kameraden, diese Mitteilungen
sind nur fr Sie bestimmt; sie sind Dienstgeheimnis. Und nun, meine
Herren, lassen Sie uns ruhen. Mit festem Hndedruck verabschiedete sich
der Kommandant von seinen Offizieren.

Keiner fand Schlaf diese Nacht. Krieg? S. M. Kriegsschiff Mwe,
Kriegsschiff? Vermessungsschiff sagte die Schiffsliste. Auerdem zum
Tsingtauer Hulk kondemniert! Einerlei: Kriegsschiff. Langsam, mit
hallenden Schritten ging der Posten auf Deck auf und ab, auf ... und ...
ab, auf ... und ... ab. Tapp-tapp ... Kriegsschiff, Kriegs ... schiff.
Antiquitt hatte der Englnder gesagt. Ach was, ein deutsches Lied
singen Wie's mich nach der Heimat zieht ... Heimat ... ja Heimat ...
aber erst der Krieg ... Kriegsschiff ... Kriegs ... schiff ... Einerlei,
hier stand man auf Posten, der Schutz Samoas, und man wrde ja auch
nicht allein gelassen werden. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr,
hatte das nicht der Alte damals gesagt? Nein, nicht Dienst: _Pflicht_.

Leise pltschernd schlugen die Wellen gegen den schlanken Leib der
Mwe. Hin und wieder schnellte ein Fisch empor und fiel klatschend
wieder aufs Wasser zurck. Knarrend drehte sich nur manchmal eine Stenge
oder ein Tau im leichten Nachtwinde. Sonst Totenstille. Auch im
Gouvernementsgebude am Strande erlosch in dieser Nacht das Licht nicht.

                   *       *       *       *       *

Die nchsten Tage verliefen vllig ruhig. Die Mannschaft der Mwe
erhielt keinen Landurlaub mehr. Nur die Dampfpinasse fuhr mehrmals am
Tage zwischen dem Gouvernementsgebude und dem Kriegsschiff hin und her.
Dr. Solf teilte dem Kommandanten am 10. Mrz ein amtliches
Chiffretelegramm mit, das letzte, welches er aus der Heimat erhielt. Es
lautete -- vorsichtig abgefat, im Hinblick auf eine mgliche
Entzifferung von unberufener Seite -- Handelt im Einvernehmen mit
>Mwe<. Gefahr drohend von Washington und London. >Thetis< und
>Cormoran< unterwegs. So konnte man binnen einiger Tage auf das
Eintreffen der beiden Schiffe, des ersten von Batavia, des zweiten von
Jaluit aus hoffen. Bereits machte sich die Bedeutung des
englisch-amerikanischen Kabelmonopols geltend. Obige Depesche war wie
erwhnt das letzte Chifferntelegramm, das berhaupt auf dem
amerikanischen Kabel ber Pago-Pago weitergegeben wurde. Es war
vorsichtigerweise schon an eine Mittelsperson gerichtet.

Mindestens so gut wie auf deutscher Seite, waren die englischen und
amerikanischen Einwohner Apias ber die politischen Vorgnge in Europa
unterrichtet. Die Konsuln beider Lnder standen in steter
telegraphischer Verbindung mit ihren Regierungen. Den Depeschenverkehr
schon jetzt einer Zensur zu unterwerfen, lag fr die deutsche Behrde
einstweilen kein vlkerrechtlicher Grund vor. Da man gengend
informiert war, zeigte sich in dem sehr zurckhaltenden Benehmen der
Englnder und Amerikaner gegenber den Deutschen. Man ging sich
gegenseitig aus dem Wege. Im brigen zeigte Apia sein alltgliches
Aussehen, und nichts lie uerlich darauf schlieen, da die Luft mit
elektrischem Fluidum gesttigt war.

Die Mwe blieb ruhig vor dem Hafen liegen. Der kleine, wackelige
englische Postdampfer Kawau, der den Verkehr Samoas mit der Auenwelt
vermittelt, fuhr noch am 12. Mrz mit zahlreichen amerikanischen
Passagieren nach Pago-Pago auf Tutuila ab.

Unter der Hand verstndigte ein schnell gebildetes Komitee der deutschen
Bewohner Apias den Gouverneur, da im Ernstfall die Kolonie, meistens
gediente Leute, sofort aus sich selber heraus eine Schutztruppe bilden
wrde, und Herr Dr. Solf nahm, da die samoanische Polizeitruppe von 30
Mann doch nur ein fragwrdiges Kriegsinstrument war, das Anerbieten an
-- auf alle Flle. Er unterrichtete auch das Komitee davon, da die in
einem Schuppen hinter dem Gouvernementsgebude liegenden Armeegewehre
im Ernstfall zur Verfgung stnden. So war man, wenn auch nicht
gerstet, so doch vorbereitet.

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag des 13. Mrz erschien am westlichen Horizont eine
Rauchwolke, und kurz vor 5 Uhr warf ungefhr 200 m seewrts von der
Mwe der englische Kreuzer Tauranga, von Sidney kommend, Anker, ein
alter Bekannter auf der Reede von Apia. Nach Erledigung der
vorschriftsmigen Salutschsse lie sich der britische Kommandant an
Land setzen, um dem Gouverneur einen Besuch zu machen. Dr. Solf ersuchte
unter Hinweis, da von seiten der Mwe dasselbe geschehe, den
Englnder, bei den gegenwrtigen Mihelligkeiten, deren Einflu sich
schon bis Apia geltend machte, seiner Mannschaft einstweilen keinen
Landurlaub zu geben, was Kapitn Hopkins auch bereitwillig zusagte.
Hierauf verweilte er eine halbe Stunde -- ein lngerer Besuch wre
aufgefallen -- im englischen Konsulat und fuhr dann an Bord der Mwe.
Ein etwas wrmerer Ton kam in die anfangs streng frmliche Unterhaltung,
als beide Schiffskommandanten sich als Kameraden vom Seymourzuge auf
Peking erkannten. Noch an demselben Abend erwiderte Kapitnleutnant
Schrder den Besuch auf der Tauranga.

Am Abend desselben Tages wurde dem Gouverneur gemeldet, da ein
amerikanischer Missionar von Eingeborenen windelweich durchgeprgelt
worden sei, weil er durch reichliche Schnapsspenden und durch klingende
Dollars versucht hatte, einige ehemalige Anhnger Malietoas gegen die
Deutschen aufzuwiegeln. Der treffliche Seelenhirte -- man sagte ihm
nach, er habe vor seiner Erweckung einen lngeren Urlaub nach
Sing-Sing (dem bekannten amerikanischen Gefngnis) gehabt -- war bei
seinem sauberen Handel von zwei Soldaten der eingeborenen Polizeitruppe
berrascht worden, die alsbald die Rolle des Richters Lynch bernahmen
und den Reverend weidlich verdraschen. Der amerikanische Konsul sandte
alsbald ein amtliches Schreiben: Hoffentlich (^I hope sincerely^)
genssen doch amerikanische Untertanen auch unter den gegenwrtigen
Umstnden den Schutz der deutschen Regierung.

Die Sache war fatal wegen der Beteiligung der beiden Polizeisoldaten.

Dr. Solf teilte dem Konsul mit, beide beltter sen bereits im Arrest,
er bte ihn aber, seinen Einflu dahin geltend zu machen, da sich
amerikanische Untertanen auch jeder politischen Whlerei enthielten, nur
dann knnte er garantieren usw.

                   *       *       *       *       *

Am 15. Mrz beschwerte sich der englische Konsul, da betrunkene
Eingeborene -- der Schnaps stammte von dem amerikanischen Seelenhirten
-- nachts in einige englische ^stores^ eingebrochen seien. Hierauf
erlie Dr. Solf eine strenge Verfgung, die jede Verabfolgung von
Spirituosen an Eingeborene oder Chinesen mit strengen Strafen belegte.

Am Nachmittage erschienen auf der Reede der amerikanische Kreuzer
Wilmington und der von Sidney kommende englische Kreuzer Wallaroo
und ankerten neben der Tauranga. Am spten Abend fuhr vom Wilmington
ein Boot an Land; ein Offizier begab sich ins amerikanische Konsulat und
kehrte von dort erst spt wieder an Bord zurck. Ein Zollwchter
berichtete, man habe zwei schwere Kisten aus dem Boot ins Konsulat
geschafft; seiner Ansicht nach knnten sie nur Gewehre enthalten.

Um die Sache aufzuklren, lie sich Dr. Solf auf 9 Uhr am anderen Morgen
beim amerikanischen Konsul anmelden. Er teilte ihm mit, was ihm
gemeldet sei, und machte den Konsul darauf aufmerksam, da das
Waffeneinfuhrverbot nach wie vor bestehe. Der Konsul Mr(!) Schumacher
wollte nichts von Kistentransporten und gar nichts von Gewehren wissen.

Zwei Stunden darauf wurde einem eingeborenen Arbeiter auf einer
amerikanischen Plantage, ein verdchtiges Paket abgenommen, das drei
amerikanische Marinekarabiner enthielt. Der Bursche konnte entfliehen,
die Waffen wurden ins Gouvernementsgebude gebracht. Dr. Solf sandte Mr.
Schumacher ein offizielles Schreiben, in dem er seine Warnung
wiederholte.

Am Nachmittage bat Dr. Solf smtliche Schiffskommandanten und beide
fremden Konsuln zu einer Konferenz zu sich. In kurzen Worten skizzierte
er die politische Lage und bat die Vertreter der fremden Mchte, alles
zu tun oder zu unterlassen, was zu einer Strung des Friedens fhren
knnte.

Es herrschte eine schwle Atmosphre in dem engen Raum. Die Besprechung
hatte etwas Gezwungenes, und das gegenseitige Vertrauen fehlte.
Pltzlich fiel ein Schu drauen, wildes Geschrei folgte.

Der Kommandant des Wilmington eilte in nervser Hast ans Fenster.

Drauen wurde ein Chinese mit Kolbensten von eingeborenen
Polizeisoldaten in den kleinen Vorhof gefhrt, welcher zum Gouvernement
gehrt. Eine Ordonnanz trat ein und meldete, der Chinese habe nach
kurzem Wortwechsel einen Polizeisoldaten auf offener Strae erschossen.

Erschossen??!

Hier ist das Gewehr; die Ordonnanz berreichte es.

Ein Zucken ging ber Dr. Solfs bartloses Gesicht. Er stie den Kolben
des Gewehres mit kraftvoller Hand schmetternd auf den Fuboden, trat,
die Faust an dem Gewehrlauf, an den Beratungstisch, und den
durchdringenden Blick auf Mr. Schumacher geheftet, sagte er: Es ist
heute das zweite Mal, da mir amerikanische Marinegewehre ins Haus
getragen werden. In einer halben Stunde werden zwei Doppelposten vor dem
Konsulatsgebude der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika
stehen, damit keine Gegenstnde aus dem Gebude mehr -- gestohlen werden
knnen. Die Amerikaner grten eisig und empfahlen sich. Die Englnder
folgten ihnen. Zu kurzer Beratung blieben Kptlt. Schrder und Dr. Solf
noch zusammen, dann kehrte auch dieser an Bord zurck.

Eine halbe Stunde spter setzte die Mwe 30 Marinesoldaten an Land,
die ein Alarmquartier in der Nhe des Gouvernementsgebudes bezogen und
alsbald den Sicherheitsdienst in den Straen Apias bernahmen. Die
Ttigkeit der eingeborenen Polizeitruppe blieb auf das samoanische
Viertel beschrnkt. Zugleich erlie Dr. Solf eine Verfgung, da niemand
nach Sonnenuntergang ohne Erlaubnisschein die Strae betreten drfe, was
sofort auch den fremden Konsuln amtlich mitgeteilt wurde.

                   *       *       *       *       *

Glhend rot versank der Sonnenball im Meere. Auf der stillen Flut
wiegten sich leise die schlanken weien Leiber der vier Schiffe. Scharf
und deutlich drangen die schnarrenden Trommelwirbel und die
langgezogenen Horntne des Zapfenstreichs zum Lande hinber. Langsam und
ruckweise kletterte die weie Toplaterne wie ein blasser Stern am
Fockmast der Mwe empor. Wie ein Spielschiff nahm sie sich mit ihrer
hohen Takelage gegenber den ernsten, ausgesprochen kriegerisch
aussehenden fremden Kreuzern aus. Nur zwei Batterienpforten unterbrachen
die Reeling der Mwe, nur zwei grere Geschtze gegenber zwei
Dutzend englischen und amerikanischen, im Ernstfall ein von vornherein
verlorenes Spiel. Hinter der Mwe der groteske Bau des Wilmington,
ein schwimmendes Pltteisen mit einem Fabrikschornstein drauf, ungefhr
als wre in diesem Fahrzeug mit dem berlangen Schlot wieder eines jener
frhesten unbeholfenen, unproportionierten Dampfboote lebendig geworden,
wie sie noch hie und da in stillen Hafenwinkeln rosten.

Schnell brach die tropische Nacht herein. Unter ihrem Schutze nherten
sich zwei amerikanische Schiffsboote dem Strande; beide Kommandanten
begaben sich ins amerikanische Konsulat. Nur eine Bootswache blieb am
Strande zurck.

Um 2 Uhr nachts wurden mehrere total betrunkene Seehelden vom
Sternenbanner von deutschen Marinesoldaten im Arrestlokal eingeliefert.
Whrend die Patrouillen mit der Bndigung dieser Gesellen -- es waren
zwei Neger darunter -- beschftigt waren, spielten sich im eigentlichen
Apia wste Szenen ab. Eine Schar wiskybegeisterter amerikanischer
Matrosen war in mehrere Eingeborenenhtten eingebrochen. Aus einer
Prgelei war ein regelrechter Kampf geworden. Schsse fielen von beiden
Seiten. Die Samoaner, denen vor Jahren alle Waffen von den deutschen
Behrden abgenommen, d. h. abgekauft worden waren, hatten
unerklrlicherweise pltzlich amerikanische Karabiner; sie stammten, wie
sich spter herausstellte, aus dem Waffenlager im Konsulat. Zwei
amerikanische Matrosen wurden gettet, vier verwundet, acht sinnlos
betrunkene Leute waren im Arrest. Von den Samoanern waren acht tot,
vierzehn verwundet.

Noch vor Tagesanbruch fand ein lebhafter amtlicher Verkehr zwischen dem
Gouverneur und den Konsulaten statt. Es war eine bse Nacht.

                   *       *       *       *       *

Am 17. Mrz, morgens 7 Uhr, erhielt Dr. Solf vom amerikanischen und
gleich darauf vom englischen Konsul ein Schreiben des Inhalts: Da
bewaffnete Eingeborene amerikanische Seesoldaten berfallen htten,
mten sie als Schiffskommandanten ihrer Regierung ersuchen, eine
Abteilung Mannschaften zum Schutze der Konsulate zu landen.

Dr. Solf antwortete: Die Konsulate stnden unter dem Schutze der
deutschen Regierung; er erstrecke sich allerdings nicht auf Leute, die
die Htten friedlicher Eingeborener berfielen, wie das geschehen sei.
Eine Landung fremder Marinemannschaften knne er nicht erlauben. Er
wolle ber den Fall telegraphisch Instruktionen seiner Regierung
einholen. Bis dahin mte es bei diesem Bescheide bleiben. Die Bentzung
des Kabels sei vor der Hand nur fr gewhnliche, nicht chiffrierte
Depeschen zulssig. Die verhafteten Amerikaner mten bis auf weiteres
im Arrest verbleiben.

Antwort beider Konsuln: Wenn bis um 9 Uhr keine zustimmende Antwort des
Gouverneurs vorliege, wrde die Landung zweier Abteilungen ohne
Erlaubnis stattfinden.

Antwort Dr. Solfs: Einer bewaffneten Landung wrde er mit Waffengewalt
entgegentreten. Der Kommandant S. M. S. Mwe werde instruiert werden,
jedes Boot mit bewaffneter Macht unter Feuer zu nehmen.

Die Uhr schlug die 8. Stunde; alle Arbeit ruhte in Apia. berall wurden
die Ereignisse der Nacht besprochen. Auf den Straen standen lebhaft
sich unterhaltende Gruppen; die englischen und amerikanischen Ansiedler
hatten sich in der Nhe ihrer Konsulate versammelt. Die Hgel hinter
Apia waren dicht besetzt von Eingeborenen; das reine Amphitheater
^Caesar, morituri te salutant^ .... 5 Minuten nach 8 Uhr glitt das von
8 eingeborenen Polizeisoldaten geruderte Gouvernementsboot rasch aus dem
Hafen hinaus. Dr. Solf begab sich an Bord der Mwe. Eine Viertelstunde
spter verabschiedete er sich am Fallreep von Kapitnleutnant Schrder
mit einem langen Hndedruck. Auf der Rckfahrt begegnete Dr. Solf dem
Boote des amerikanischen Konsuls, das wenige Minuten spter beim
Wilmington anlegte und kurz darauf zurckkehrte. Am Lande hie es Mr.
Schumacher habe dem Kommandanten des Wilmington eine wichtige Meldung
berbracht.

9 Uhr. Tausend Augen blickten hinaus aufs Meer voll banger Sorge. Man
war auf sich selber angewiesen, ganz allein auf sich. Das Kabel hatte,
nachdem der amerikanische Konsul noch eine Depesche erhalten, versagt,
von der brigen Welt war man abgeschnitten. Drauen lagen die drei
weien Schiffe mit ihren blanken drohenden Geschtzen, der Feind,
daneben dem Lande zu die kleine Mwe. Und die Minuten rannen. Stolz
flattert des Reiches Flagge ber dem Gouvernementsgebude in der
frischen Brise. Dicke Ballen Rauch warfen die Schlote der Kriegsschiffe
aus; er sank nieder auf die Wasserflche, auf ihr sich zerteilend zu
einem feinen braunen Schleier. Ab und zu drang ein Signal herber.
Klick, klick, klack, klick, klick, klack tnte es scharf und regelmig
-- die Anker gingen auf, gleichzeitig erschien eine sprudelnde Welle am
Heck .... man lie die Schraube angehen. Und die Minuten rannen. Die
_kleine_ Mwe, die arme Mwe. Ihr Schicksal war besiegelt. Was
ntzte es, da man die Faust ballte, da man die Zhne zusammenbi. Die
_arme_ Mwe und unsere braven, blauen Jungen. Totenstill lag Apia da.
Alle blickten sie hinaus mit brennenden Augen, alle Deutschen auf des
Reiches uersten verlorenen Posten, alle, alle.

Gewehr bei Fu stand das gelandete Marinekommando im Vorhof des
Gouvernementsgebudes. Kerls das ist grlich. Wer doch wenigstens an
Bord sein knnte, um den verfluchten Hunden eins aufs Fell zu brennen,
knirschte der fhrende Leutnant zwischen den Zhnen hervor. Die Sekunden
wuchsen, aber sie schwanden Tropfen um Tropfen. Am Gouvernementsgebude
sammelten sich die Deutschen. Mit kurzem Hndedruck begrte man sich,
man sprach nur flsternd, die Sekunden rannen. Da tnte pltzlich der
heulende Schrei einer Dampfpfeife zum Lande herber, an dem langen
Schlot des Wilmington erschien eine weie Dampfwolke. Am Bug des
Schiffes wallte das Wasser auf. Langsam glitt der Wilmington zwischen
den beiden Englndern hindurch und verlie nun unter Volldampf die
Reede, weit drauen auf der offnen See einen flachen Bogen nach Osten
beschreibend und dann die Richtung nach Pago Pago nehmend. Der
amerikanische Konsul hatte dem Kommandanten des Wilmington das
Telegramm seiner Regierung noch rechtzeitig bermitteln knnen, welches
die Anweisung enthielt, auf _jeden Fall_ einen Konflikt zu vermeiden,
bei Ausbruch von Feindseligkeiten Apia zu verlassen und alles weitere
der Regierung der Vereinigten Staaten zu berlassen. Die beiden
Englnder blieben auf ihren Pltzen.

9 Uhr. Trug der Wind nicht den Ton einer Trillerpfeife herber? Auf dem
Achterdeck der Mwe trat die Mannschaft an.

Kapitnleutnant Schrder hielt eine kurze Ansprache: Kameraden! die
Kommandanten der englischen und amerikanischen Schiffe haben verlangt,
Mannschaften landen zu drfen zum Schutze ihrer Konsulate. Fremde
Konsulate auf deutschem Boden stehen unter deutschem Schutz und bedrfen
keines anderen. Unser Gouverneur hat das Ansinnen deshalb rundweg
abgelehnt und erklrt den Versuch einer Landung mit Waffengewalt
verhindern zu mssen. Da der Wilmington in See geht, scheint der
Amerikaner seine Forderung zurckgezogen zu haben. Die beiden Englnder
werden aber sicherlich Ernst machen. Kameraden! Wir lassen deutschen
Boden nicht vom Feinde betreten, einen Boden, auf dem so viel deutsches
Blut geflossen ist. Kameraden! Wird die Landung versucht, so sprechen
unsere Geschtze. Kerls, ich wollte wir htten hier ein anderes Schiff
unter den Fen. Wenn um 9 Uhr der erste Schu fllt, so wird eine
Viertelstunde spter die Mwe aller Voraussicht nach nicht mehr
existieren. Kameraden! Zeigen wir der Welt, wie deutsche Seeleute ihre
Flagge zu verteidigen wissen. Noch nie hat ein deutsches Kriegsschiff
die Flagge vor dem Feinde gestrichen, der letzte von uns nehme sie hinab
mit ins dunkle Grab. Und nun Kameraden, fassen wir alles, was uns
bewegt, in dem Rufe zusammen: Unser allergndigster Kriegsherr, hurra,
hurra, hurra!

Das brausende Hurra fand am Lande ein tausendfaches Echo; die geprete
Brust machte sich Luft in dem alten Kriegsruf.

5 Minuten vor 9 Uhr. Dr. Solf erscheint auf der Veranda des
Gouvernementsgebudes. Die Matrosenabteilung tritt an. Mit einem Ruck
fliegen die Gewehre empor. Totenstille. Alle Nerven gespannt. Arme
Mwe. Einer zeigt nach dem westlichen Horizont, wo ein qualmiger
Rauchstreifen ber dem Wasser liegt. Wer spricht da pltzlich von Hilfe
und Rettung? .... Baum, baum .... 9 Uhr.

Am Flaggenstock des englischen Konsulats fliegt eine Signalflagge empor
bis dicht unter die Landesflagge. Die Entscheidung! Alle Augen suchen
Dr. Solf, dessen eiserne Gesichtszge keine Bewegung verraten. Jetzt
nimmt er den Federhut ab, tritt an die Brstung der Veranda und
umklammert mit beiden Hnden das Gelnder, festen Auges aufs Meer
blickend. Vom Bord der Wallaroo geht ein Boot zu Wasser, ebenso von
der Tauranga.

An allen Geschtzen hinter den Panzerschilden und an den
Maschinengewehren sieht man die Bedienung stehen. Jetzt legen sich die
Bootsmannschaften in die Riemen. Ruckweise schieen die Boote vor, jetzt
kommen sie aus dem Schatten der Schiffskrper, eine leichte Kurve, jetzt
sind sie im offenen Wasser. Man glaubt fast den Rudertakt zu hren. Ruck
... Ruck ... Ruck ...

Aller Augen sind auf die Mwe gerichtet. An den dunklen Geschtzrohren
leuchten die weien Anzge der Matrosen. Ein schriller Pfiff, an der
vorderen Revolverkanone erscheint eine blaue Wolke, ein Blitz ... eine
zweite Wolke, ein zweiter Blitz ... Platschend schlagen die Geschosse
vor beiden Booten ins Wasser. Es ist, als ob sie zaudern. Nein, sie
rudern weiter. Pratsch gehen die Ruder ins Wasser, pratsch ... pratsch
...

Wer hat angefangen? ... irgendwer. Das alte Sturmlied vom Iltis.

   Stolz weht die Flagge schwarz-wei-rot
   von unseres Schiffes Mast.

Alle Hupter entblen sich am offenen Grabe unserer blauen Jungen.
Manch eine Trne rollt ber wettergebrunte Wangen. Ein letzter Gru von
deutschem Mund ward ihnen das Flaggenlied.

... Am Heck der Mwe schumt's auf. Dicht entquellen dem Schlote die
Rauchwolken. Bis 20 sollten die Kanoniere zhlen nach dem ersten
scharfen Warnungsschu ... zwanzig. Eine blaue Wolke hllt die
Revolverkanonen ein. Splitter und Holzscheite stieben empor an beiden
Booten. Hoch spritzt das Meerwasser auf in Dutzenden von Fontnen.
Einige Planken treiben auf dem Wasser, hie und da taucht ein Kopf, ein
Arm auf. Das war alles, was man sah. Denn in dem Moment, da die
Revolverkanonen der Mwe zu spielen beginnen, rast und tobt es drauen
los, als ob die Hlle sich ffnete. In einem ungeheueren, grauweien
Rauchschleier[2] verschwinden alle drei Schiffe. Rote und gelbe Blitze
flammen auf. Dumpf hallende Schlge, heulendes Pfeifen, helles
Zusammenkrachen von Eisenteilen, rollendes Kettenfeuer, donnernde
Explosionen, die die Luft zerreien und darber das harte metallische
Knattern der Maschinengewehre. Vereinzelte Geschosse schlagen am Lande
ein, hier knickt ein Palmbaum, glatt abgeschnitten, in der Mitte
zusammen, dort wirft eine berstende Granate gewaltige Erdmassen auf, ein
Haus brennt. Im Hafen steigen an hundert Stellen zugleich springende
Wassersulen auf.

Nach 10 Minuten wird es stiller, hie und da noch ein Schu, Hornsignale,
heulende Sirenentne, dann Hurragebrll, das gemarterte Trommelfell
vermag die pltzliche Stille kaum zu empfinden, und der Hllenlrm
klingt noch stundenlang im Ohre nach. Die dichte Rauchwand sinkt in sich
zusammen, die leichte Brise reit groe Stcken von ihr los.

[Funote 2: Die alte rauchstarke Geschtzmunition wird in den meisten
Marinen beim Salutschieen und von den Schiffen auf den Auenstationen
aufgebraucht. Das war vor Apia auf beiden Seiten der Fall.]

Mastspitzen werden sichtbar, qualmende Schlote. Endlich zerteilt ein
Windsto den Rauch, der wie eine Nebelwolke fortgeschoben wird. Die
Sonne bescheint eine Sttte wster Vernichtung.

Die Mwe ist verschwunden. Nur die Masten ragen noch aus dem Wasser,
am Grotopp weht noch wei und stolz die Flagge des Reiches. Die brave
Besatzung hatte, so weit sie nicht gettet war, in treuer
Pflichterfllung ein Grab in den Wellen gefunden. Nur einzelne hatten
sich in die Toppen gerettet.

Ein Boot von der Tauranga ruderte auf das Wrack der Mwe zu, um die
berlebenden an Bord zu bringen.

Die Tauranga schien ziemlich unversehrt zu sein, nur ein 10 cm
Geschtz war aus der Lafette geworfen und lag schief ber der Reeling.
Der Panzerschild war wie ein Blechkasten seitlich zusammengedrckt.
Schwer beschdigt schien dagegen die Wallaroo zu sein. Sie lag quer zu
dem Wrack der Mwe, die ungefhr 30 m seewrts von dem Riff, das die
Fortsetzung der Landspitze von Mulinuu bildet, gesunken war. Die
Wallaroo lag offenbar bis zur Mitte des Schiffes _auf_ dem Riff -- wie
er dahin geraten, war ein Rtsel -- mute auch schwer leck sein, denn
die Lenzpumpen warfen an beiden Bordseiten mchtige Wasserstrahlen aus.
Die Vernichtung der Mwe war vom Feinde teuer erkauft worden.

Whrend vor dem Gouvernementsgebude das vor zwei Tagen gebildete ca.
160 Mann starke Freiwilligenkorps unter Gewehr antrat, stie gegen 11
Uhr von der Tauranga ein Boot unter der Parlamentrsflagge ab. Der
erste Offizier des Schiffes berbrachte die Forderung, der Gouverneur
sollte die deutsche Flagge niederholen und Apia den fremden
Schiffskommandanten bergeben.

Dr. Solf antwortete khl: Wer die deutsche Flagge haben wolle, mge sie
sich nur holen.

Punkt 11 Uhr erffnete die Tauranga ein zwar heftiges, in seinen
Wirkungen aber ziemlich harmloses Bombardement auf Apia. Der Erfolg war
gleich Null; mehrere Samoaner wurden gettet und verwundet, ein paar
Gebude verwstet; das war alles.

Um 12 Uhr nahm die Dampfpinasse der Tauranga drei stark besetzte Boote
in Schlepp und nherte sich unter dem Feuer der Schiffsgeschtze dem
Lande. Als man Gefahr lief, die eigenen Leute zu treffen, verstummte das
Bombardement, und nun begann das Kleingewehrfeuer, untersttzt von dem
Bootsgeschtz in der englischen Pinasse. Wacker griff das deutsche
Freikorps in den Kampf ein, und die 30 Marinesoldaten, in guter Deckung
liegend, machten dem Feinde arg zu schaffen. Schon hatten die
Bootsmannschaften mehrere Tote verloren, aber trotzdem mute der Feind
in ein paar Minuten den Strand erreichen; einige Seesoldaten sprangen
bereits ber Bord und wateten, bis an den Hals im Wasser stehend, ans
Land. Die letzte Entscheidung nahte ....

Da stie pltzlich die Dampfsirene der Tauranga heulende Warnungsrufe
aus, die Vorwrtsbewegung der Landungstruppen stockte, und zu gleicher
Zeit scholl von der See her ein dumpfer Knall, und zwei Sekunden spter
platzte auf dem Achterdeck der Tauranga eine Granate.

Es war dies einer jener Momente, die spter allen Beteiligten bei
ruhigem Nachdenken einfach unbegreiflich erscheinen. Das Interesse des
Feindes war so sehr auf die Vorgnge am Lande konzentriert gewesen, und
andererseits hatte man dort nur Augen fr die angreifenden Boote, mute
sich auch vor den einschlagenden Granaten in Deckung halten, so da fast
niemand das Nherkommen zweier Schiffe von der See her bemerkt hatte.

Wie pltzlich aus dem Meer emporgetaucht lagen die vor einer Woche schon
angekndigten deutschen Kreuzer Thetis und Cormoran, zwei Seemeilen
vom Feinde entfernt und erffneten ein energisches und gut geleitetes
Feuer. Nur Dr. Solf hatte das Erscheinen der Retter in der Not seit zwei
Stunden beobachtet, und nur in seiner Umgebung war man unterrichtet.
Freudig atmete man auf, als man mit scharfen Glsern 12 Uhr die
deutsche Kriegsflagge am Heck beider Schiffe erkannt hatte. Und doch
hing die schlieliche Entscheidung an einigen Minuten.

Der Feind war in bler Lage. Die Hlfte der intakten Mannschaften befand
sich in den Booten, andere waren mit Reparaturarbeiten -- auf der
Wallaroo schon mehr Rettungsarbeiten -- beschftigt, so konnten die
Geschtze einstweilen nur ungengend bemannt werden. Die Boote wurden
schleunigst zurckgerufen. Nichtsdestoweniger nahm der Feind mit
anerkennenswerter Fixigkeit das neue Gefecht auf. Schlimm stand es nur
um die Wallaroo, die wie ein gestrandeter Pottwal auf dem Korallenriff
hing.

Ungefhr stand die Partie gleich. Tauranga und Thetis waren
gleichwertig und der kleinere Cormoran konnte es mit der havarierten
Wallaroo aufnehmen. Nun kam der starke Mannschaftsverlust auf seiten
des Feindes hinzu.

Ein glcklicher Schu traf die zurckkehrende Dampfpinasse, durchschlug
den Kessel, der explodierte, und in einer halben Minute war das Fahrzeug
von den Wogen verschlungen; auch ein anderes Boot ward von einer Granate
getroffen. Das voreilige Landungsmanver kostete dem Feinde in 5 Minuten
ber 60 Mann, da die rasch nher kommenden Deutschen das Feuer der
leichten Geschtze auf die Boote konzentrierten. Die Einzelheiten des
Gefechtes lieen sich infolge des Pulverdampfes, -- Thetis und
Cormoran waren mit ihrer rauchschwachen Munition sehr im Vorteil --
den die englischen Geschtze entwickelten, nicht genau verfolgen.

Wallaroo litt furchtbar. Die Geschosse vom Cormoran fegten das Deck,
die ohnehin sprliche Bedienungsmannschaft der Geschtze wurde
niedergemht. Deckaufbauten und Schornstein wurden heruntergeschossen.
Doch die Englnder zeigten, da man unter dem Union Jack noch zu sterben
wisse. Gegen 2 Uhr ward es still auf der Wallaroo, die wie ein totes
Werk, eine qualmende Ruine auf dem Riff lag. Der Wind drckte den
Pulverdampf nieder, rastlos klapperten die Maschinengeschtze, in kaum
sekundenlangen Pausen entsandten die 10 cm Geschtze ihre heulenden
Projektile. Aber schon wurden die Zwischenrume zwischen den feindlichen
Schssen grer. Die Tauranga hatte nur noch einen Schornstein; vom
Cormoran, der mehrere Volltreffer aufwies, war ein Mast ber Bord
gegangen. Scheinwerfer und Peilkompa glichen einem wsten Gewirr von
Eisenstben. Weiter tobte der Kampf. Jetzt verlie die Tauranga ihre
Position, sie machte eine brillante Wendung nach Steuerbord und
schrammte in fliegender Fahrt mit dem Heck fast den Cormoran. Dieser
Augenblick wurde mit scharfem Blick von einem englischen Kanonier
erfat. Ein Gescho traf die Mndung des Backbordtorpedorohres des
Cormoran. Ein weier Blitz, eine betubende Detonation -- hoch stob
der Gischt empor, in der Breitseite des Cormoran klaffte bis unter die
Wasserlinie ein meterbreiter Ri, durch den gurgelnd und brandend das
Wasser in das Innere strzte. Auerdem war einer der Backbordkessel
zertrmmert, und weier Dampf brach aus allen Decksffnungen.

Das Schiff lag gefhrlich nach Backbord ber; die Situation war
kritisch. Kurz entschlossen gab daher der Kommandant das Kommando in die
Maschine: Volldampf voraus. In voller Fahrt passierte der Cormoran
die drohenden Korallenbnke, erreichte die innere Bucht von Apia und
lief sicher gesteuert auf dem weichen Schlickgrund des Hafens auf, just
an derselben Stelle, wo 1889 die Olga durch ein hnliches Manver
einer anderen Gefahr entging. Sowie der Schiffsboden so einen Sttzpunkt
gefunden hatte, pendelte der Kreuzer wieder in die horizontale Lage
zurck und lag jetzt ruhig wie ein Block in der leichten Brandung. Der
Choc warf eine mchtige Welle auf den Strand.

Freilich schied der Cormoran so aus dem Gefechte aus, aber Schiff und
Besatzung waren gerettet, und die Thetis hatte ja auch nur noch mit
der arg zusammengeschossenen Tauranga zu tun, deren Maschinenleistung
durch Versagen eines Kessels und durch Zerstrung eines anderen durch
eine deutsche Granate, die das schwache Panzerdeck durchschlagen hatte,
erheblich reduziert war. In dem Moment der Explosion auf dem Cormoran
hatte die Tauranga einen kurzen Vorsprung vor der Thetis gewonnen.
Diese folgte ihr jetzt und es entspann sich ein laufendes Feuergefecht,
das aber nicht lange dauern konnte, da die Thetis noch ziemlich intakt
war.

Die Absicht des englischen Kommandanten war klar; er wollte das
aussichtslose Gefecht mit Ehren zu Ende fhren. Er hielt den Kurs eine
Seemeile vom Lande parallel der Kste.

Die Thetis folgte unter voller Maschinenkraft und lief der Tauranga
schnell auf. Deren zwei Heckgeschtzen gegenber hatte die Thetis
sechs 10 cm-Geschtze im Gefecht und dieser Umstand entschied bereits
nach 20 Minuten, zumal die Bedienung der beiden englischen Geschtze
(dreimal abgelst) unter dem Schloenhagel der Maschinengeschtze
schnell zusammenschmolz. Kurz nach 2 Uhr schor die Tauranga nach
Steuerbord aus und lief auf dem Korallenriff auf. Das Vorschiff bumte
sich hoch auf, das Heck fast unter Wasser drckend. Der furchtbare
Anprall warf alle zu Boden.

Der Kampf war zu Ende. Die Thetis stoppte 100 m von der Tauranga,
die den Union Jack herunterholte. Im selben Moment gingen zwei Boote der
Thetis, die einzigen noch verwendbaren, zu Wasser, um die berlebenden
der Tauranga, der smtliche Boote zerschossen waren, herberzuholen.

Als der englische Kommandant das Fallreep der Thetis betrat, schlug
der Tambour den Ehrensalut, die Mannschaft prsentierte. Kapitnleutnant
Hartmann begrte den geschlagenen Gegner mit einem Hndedruck und wies
dessen Degen mit stummer Gebrde zurck. Als die Thetis dann drehte
und den Kurs wieder auf Apia nahm, rutschte das Wrack der Tauranga von
dem Riff herunter und versank in den Fluten, ein ungeheurer Sarg fr die
an Bord zurckgelassenen Toten.

Brausender Jubel empfing die Sieger am Lande. Ernst und wrdig war aber
der Ton der Begrung. Dr. Solf lie sich sofort an Bord der Thetis
rudern. In stummer Ergriffenheit schttelte er Kptlt. Hartmann immer
wieder die Hnde. Apia war gerettet, aber unter welchen Opfern! und auf
wie lange! denn das war jetzt der Krieg. In diesem Augenblicke loderten
vielleicht schon berall auf dem ganzen Erdenrund die Flammen empor.

Es ist nur noch wenig ber die Ereignisse in Apia nachzutragen: Am
folgenden Tage wurden die Toten, Freund und Feind, soweit sie nicht auf
dem Grunde des Meeres ruhten, nebeneinander bestattet. Aus den Berichten
der 5 Geretteten von der Mwe ging hervor, da das Schiff gleich in
den ersten Minuten von den feindlichen Geschossen furchtbar zerfetzt
worden war. Sonderbarerweise blieb die Maschine intakt. Da fate der
Kommandant den verzweifelten Entschlu, die Wallaroo zu rammen. Als
die Mwe ungefhr noch 50 m von der Wallaroo entfernt war, lie der
Englnder die Maschine rckwrts schlagen und rannte so mit voller Kraft
auf das dicht hinter ihm liegende Korallenriff auf. So war die Strandung
zu erklren.

Die Wallaroo aus dem die deutschen Seeleute mit eigener Lebensgefahr
mehrere Verwundete geborgen hatten, brannte in der Nacht gnzlich aus,
eine gigantische Todesfackel ber dem Grabe der Gefallenen.

In den nchsten Tagen ging es an das Ausflicken der Thetis, bei der es
nur einige Schulcher im Rumpf und in den Schornsteinen und die Boote
zu reparieren gab. Zwei stark beschdigte Maschinenkanonen wurden an
Land geschafft. So war der Kreuzer schon nach zwei Tagen wieder fertig.
Schlimmer sah es mit dem Cormoran aus. Auf die Reparatur des
Dampfkessels mute verzichtet werden. In die zerschmetterte Bordwand
fgte man einige Stahlplatten vom Wrack der Wallaroo ein, die leidlich
passend gemacht wurden und so war der Cormoran nach einer Woche
einigermaen wieder zurechtkalfatert. Schn sah das Pflaster zwar nicht
aus, aber mit Farbe lt sich dem Auge manches verdecken. Dann wurde der
Cormoran geleichtert und von der Thetis abgeschleppt. Nirgends
zeigte sich ein Leck. Mit den Kohlenvorrten am Lande fllte man die
Bunker wieder auf, und am 26. Mrz lagen beide Schiffe vollkommen
gefechtsbereit wieder auf der Reede.

Was war inzwischen aber in der Welt vorgegangen!




                       Im deutschen Reichstag.


Der Abgeordnete Stadthagen redete bereits zwei Stunden. Die meisten der
sprlich erschienenen Volksvertreter hatten sich vor der alten
Phrasengiekanne in die Restaurationsrume geflchtet, denn nach dem
durch jahrelange Gewohnheit geheiligten Brauch benutzte der grauhaarige
Genosse die Beratung des Etatskapitels: Gehalt des Reichskanzlers, um
alles das, was die sozialdemokratische Presse im Laufe des letzten
Halbjahres ihren glubigen Lesern an wirklichen und erlogenen
Skandalgeschichten aufgetischt hatte, noch einmal wiederzukuen. Unter
lebhaften Gestikulationen und bei den hinausgeschrieenen Kraftstellen
mit der Stimme umkippend redete der zappelige Volkstribun allbereits
zwei volle Stunden ber die tausend Kleinigkeiten, die die kochende
Volksseele angeblich zum berschumen gebracht haben sollten. Jede
Backpfeife, die einem renitenten Rekruten auf dem sandigen Kasernenhofe
verabfolgt war, jeder freundschaftliche Rippensto ward hier zu einer
unerhrten Beleidigung des geknechteten rechtlosen Volkes. Und weiter
pltscherte der Strom der geschwtzigen Rede, wie ein Wasserhahn den man
vergessen hat zuzudrehen, weiter und weiter in ermdendem Tonfall.

Der Vizeprsident des hohen Hauses starrte wie geistesabwesend vor sich
hin; in dem allgemeinen Stumpfsinn ward es ihm schwer, die
Prsidialgewalt irgendwie imponierend zu markieren.

Bleierne Mdigkeit lag ber dem Hause. Selbst aus dem Huflein der
Roten, die als Ehrengarde fr ihren schlimmsten Dauerredner ausharrten,
erklang nur selten ein schlfriges Bravo. Und weiter pltscherte der
Worte Bchlein. Wie ein Schachbrett am Ende der Partie sahen die
Sitzreihen der anderen Parteien aus. Hie und da ein Abgeordneter, der
Briefe schrieb oder Schnrkel und geometrische Figuren aufs Papier malte
um der Mdigkeit Herr zu werden. Ein dicker Domherr gerade vor Herrn
Stadthagen hatte bereits kapituliert, die derbe Faust vor sich auf der
Tischplatte schnarchte er wie ein dicker Kater in heier Mittagsstunde.
Dicht am Eingang des Saales ein paar plaudernde Gruppen. Die Tribnen
waren fast leer. Und weiter ging der Rede surrender Gleichstrom.

Am Bundesratstische zwei Uniformen. Dem hohen Hause den Rcken kehrend
und sich an die Kante des Tisches lehnend sprach Frst Blow leise und
eindringlich mit einem Herrn in Generalsuniform. Der wandte den Kopf,
als Herr Stadthagen die Worte hervorkreischte:

... wenn der Soldat in dieser Weise der Willkr seiner Vorgesetzten
schutzlos preisgegeben ist, wenn die schreiendste Ungerechtigkeit zum
Prinzip erhoben wird, so kann doch von einer Begeisterung fr den
Heeresdienst, von der Sie bei festlichen Anlssen immer so viel zu
rhmen wissen, keine Rede mehr sein. Erfllt mit diesen Gefhlen von Ha
und Erbitterung, angesammelt in zwei Jahren rohester und brutalster
Behandlung, versagt die Armee berhaupt als Waffe. Ein Heer, in dem das
Ehrgefhl systematisch erttet wird, kann wohl in die Schlacht als
willenlose Masse getrieben aber nicht gefhrt werden. Wenn heute ein
Krieg ...

In diesem Augenblicke erwachte der dicke Domherr mit den Worten: Sehr
richtig, die von der andern Seite des Hauses mit einem frhlichen Guten
Morgen beantwortet wurden. In der allgemeinen Heiterkeit, die diesen
Zwischenfall begleitete, bemerkte man nicht, da ein Saaldiener an den
Frsten Blow herantrat und ihm etwas zuflsterte, worauf dieser sich
hastig von dem General verabschiedete. Und Herr Stadthagen redete
weiter.

Die Uhr ging stark auf drei. Graf Ballestrem bernahm wieder das
Prsidium und sein Stellvertreter verlie die Tribne, um von seinem
ermdenden Dienst Erholung zu suchen in der Restauration.

In der Tr prallte er heftig mit dem Grafen Reventlow zusammen, der den
Saal betrat, ein Blatt Papier in der hocherhobenen Rechten schwenkend.
Ihm folgten einige Dutzende von Abgeordneten, die laut und erregt
miteinander sprachen. Alle Augen wandten sich nach der Eingangstr. Dem
Abgeordneten Stadthagen ri der Faden der Rede ab; Graf Reventlow eilte
auf den Prsidenten zu und berreichte ihm das Blatt. Graf Ballestrem
berflog den Inhalt, whrend sich die Schar der Volksvertreter um den
Prsidentensitz drngte. Summendes Stimmengewirr erfllte pltzlich den
Saal. Graf Ballestrem schob seinen Stuhl zurck, sein Auge suchte den
Platz, wo vorher der Reichskanzler gestanden. Er war leer. Dann fuhr er
mit einer hastigen Bewegung nach der Glocke, setzte sie wieder auf den
Tisch, rckte an seiner goldenen Brille und begann:

Meine Herren! Es wird mir soeben ein Extrablatt berreicht, das vom
>Berliner Tageblatt< ausgegeben worden ist. Ich will es hiermit zur
Kenntnis des hohen Hauses bringen. Es lautet:

   Washington, 18. Mrz. (Privattelegramm.) Wie aus Pago-Pago
   gemeldet wird, sind am 16. Mrz in der Abendstunde einige
   amerikanische Matrosen von samoanischen Eingeborenen in Apia
   berfallen worden. 4 Matrosen wurden gettet und einige schwer
   verwundet. Hierauf kndigten die Konsulen der Vereinigten Staaten
   und Grobritanniens am 18. frhmorgens dem deutschen Gouverneur
   an, es sei unumgnglich notwendig, da amerikanische und
   englische Marinemannschaften zum Schutze der Konsulate und der
   betreffenden Staatsuntertanen gelandet wrden. Obgleich dieses
   Ersuchen in der verbindlichsten Form gestellt war und das Ansehen
   der deutschen Behrden in keiner Weise beeintrchtigte,
   verweigerte der Gouverneur Dr. Solf die Landung solcher
   Schutzwachen und erklrte, da er einer Landung mit Waffengewalt
   entgegentreten wrde. Er verbrge den Schutz aller fremden
   Staatsangehrigen. Im Vertrauen auf diese Zusage verlie dann der
   amerikanische Kreuzer Wilmington den Hafen von Apia. Die
   Kommandanten der beiden englischen Kreuzer Tauranga und
   Wallaroo beharrten jedoch auf ihrer Forderung. Als dann um 9
   Uhr eine englische Matrosenabteilung die Boote bestieg, um an
   Land zu gehen, erffnete der deutsche Kreuzer Mwe ohne
   weiteres das Feuer auf die Boote und die englischen Schiffe auf
   der Reede. Dieses provokatorische Vorgehen des deutschen Kreuzers
   fand damit ein Ende, da nach einem Gefecht von nur wenigen
   Minuten der Kreuzer Mwe zum Sinken gebracht wurde, worauf die
   Schutzwachen gelandet wurden. Die Kabelverbindung nach Pago-Pago
   scheint gestrt zu sein. Der amerikanische Kreuzer Wilmington,
   der in Pago-Pago auf Tutuila eingetroffen ist, hat den Verlauf
   des Gefechtes von der See aus beobachtet.

Meine Herren! Diese Meldung kommt so berraschend und sie ist so
schwerwiegend, da ich mich einstweilen lediglich auf diese Mitteilung
beschrnke. Ich werde mich sofort mit dem Herrn Reichskanzler in
Verbindung setzen, um zu erfahren, ob diese Nachricht auf Tatsachen
beruht. Ich bitte Sie das Resultat meiner Anfrage beim Herrn
Reichskanzler einstweilen abwarten zu wollen. Ich vertage hiermit die
Sitzung auf eine Stunde.

Schnell leerte sich der Sitzungssaal. Die Abgeordneten fluteten in die
Restaurationsrume zurck, wo der Inhalt des Extrablattes mit groer
Erregung besprochen wurde. Auf dem so hei umstrittenen Boden von Samoa
war deutsches Blut geflossen. Die Geschtze waren gewissermaen von
selber losgegangen und die mit elektrischem Fluidum bersttigte Luft
hatte eine Entladung gefunden. War das der Krieg, oder war es noch
mglich, unter Anspannung aller diplomatischen Knste, die Flut, die den
Deich durchbrochen, in ihre Ufer zurckzudmmen? Und zwar so
zurckzudmmen, da kein Flecken auf dem nationalen Ehrenschilde
zurckblieb? So, wie diese Depesche gefat war, stammte sie aus
amerikanischer Quelle und man wute aus Erfahrung, wie trbe diese
Quelle in Zeiten nationaler Erregung flo. Vielleicht war, wenn anders
in London der ehrliche Wille vorhanden war, diesen Konflikt als ein
^untoward event^ zu betrachten und zu behandeln, eine Mglichkeit
gegeben, noch einen ^modus vivendi^ zu finden. Das war der Strohhalm, an
den sich die Erwgungen derer anklammerten, die sich der furchtbaren
Verantwortung bewut waren, einen Krieg zu entfesseln, der ohne weiteres
die abendlndische Welt in Flammen setzen mute. Vielleicht hatte man in
der Wilhelmstrae schon andere Nachrichten, obwohl die Schwierigkeit auf
der Hand lag, den Schleier zu zerreien, den das angelschsische
Kabelmonopol vor den Augen Europas zu weben im stande war.

Im allgemeinen hatte man aber das Gefhl, hier machtlos am Ufer eines
Stromes zu stehen, dessen Wogen von einer hheren Gewalt emporgepeitscht
wurden. Man sa hier mit gebundenen Hnden, whrend die Weltenuhr
drauen mit hartem Pendelschlag die Stunden ma und die Weltgeschichte
ihren Gang ruhig weiterging, ohne da schwache Menschenhnde imstande
waren, in die Speichen des Rades hineinzugreifen.

Einige Abgeordnete trieb es hinaus aus dem engen Raum des Gebudes.
Drauen auf dem Knigsplatz fegte ein mrrischer Mrzwind die kahlen
Bume des Tiergartens und ein unfreundlicher Regentag hatte die Straen
und Wege verdet. Nur schwach drhnte das Brausen der Volksmenge und des
Wagenverkehrs vom Brandenburger Tor herber. Eine dichte Menschenmasse
wogte unter den Linden auf und ab, nichts von der Hastigkeit des
Berliner Lebens sonst. Man sah sich pltzlich einem Ungeheueren,
Unerwarteten gegenber, man fhlte, da diese Stunden eine scharfe
Scheide bildeten zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Um 5 Uhr erffnete Graf Ballestrem den Reichstag von neuem wieder,
machte aber nur die Mitteilung, der Reichskanzler sehe sich auerstande,
heute bereits weitere Erklrungen abzugeben, sei jedoch bereit, morgen
bei Erffnung der Sitzung Aufschlu ber die politische Lage zu geben.
Hierauf wurde die Sitzung geschlossen.

Die Abendbltter enthielten keine weiteren Nachrichten, berhaupt schien
der gewohnte Strom der Reuterschen Depeschen pltzlich versiegt zu sein.
Die Leitartikel forderten ein festes Auftreten der Regierung gegenber
diesem englischen bergriff, forderten strenge Shne fr das vergossene
deutsche Blut, und doch mischte sich ein Ton der Unsicherheit in diese
Betrachtungen, das Gefhl, England gegenber zur See fast hilflos
dazustehen mit den geringen eigenen maritimen Krften, und vielleicht
noch ohne Verbndete. Auch die Bndnisfrage wurde mit einer gewissen
Zaghaftigkeit errtert, es war unmglich, die Tragweite des Dreibundes
ohne weiteres unter solchen Umstnden richtig einzuschtzen, und man
fand nur darin schlielich einen zuversichtlichen Ton wieder, da man
versicherte, in einem solchen Konflikt sei das deutsche Volk, auch
allein, entschlossen, den letzten Mann an die Verteidigung der
nationalen Ehre zu setzen.

So verging der Abend. Bis tief in die Nacht hinein waren die Straen von
erregten Menschenmassen belebt. Man konnte sich nicht entschlieen, zur
Ruhe zu gehen, in fieberhafter Spannung weiteren Meldungen ber die
Ereignisse von Samoa entgegenharrend.

                   *       *       *       *       *

Frst Blow schlo: ... und so haben wir denn von unserm diplomatischen
Vertreter in London die Mitteilung erhalten, da die englische Regierung
zwar bereit sei, ihr Bedauern ber den Zwischenfall auszusprechen, da
sie aber keineswegs in der Lage sei, ihrem Vorgehen irgendwelche Schuld
beizumessen, diese trage vielmehr lediglich der deutsche Gouverneur von
Samoa, der sich geweigert habe, den fremden Staatsangehrigen in
ausreichender Weise seinen Schutz angedeihen zu lassen. Der englische
Standpunkt ist in diesem Fall ein solcher, da wir ihn unter keinen
Umstnden teilen knnen. Wir haben Herrn Dr. Solf angewiesen, jeden
feindlichen bergriff mit aller Entschiedenheit zurckzuweisen, das ist
eine Auffassung, wie sie allein mit unserer nationalen Ehre vereinbar
ist. Wie Sie bereits aus den Morgenblttern erfahren haben werden, sind
die beiden englischen Schiffe spter durch unsere Kreuzer Thetis und
Cormoran nach einem lngeren Gefechte vernichtet worden. Die
diplomatischen Verhandlungen gehen weiter und ich kann dem hohen Hause
die Zusicherung geben, da von meiner Seite alles geschehen wird, was
eine friedliche Beilegung dieses Konfliktes herbeifhren kann, doch wre
es tricht, zu verschweigen, da unsere Hoffnungen in dieser Beziehung
sehr gering sind. Nach den Nachrichten, die wir besitzen, scheint es im
Gegenteil fast so, als ob dieser Zwischenfall nur eine Episode ist in
einem Plane, der mit einer freundschaftlichen Politik dem Deutschen
Reiche gegenber in keiner Weise in Einklang gebracht werden kann.
Sollten unsere Vorstellungen in London keinen Erfolg haben, so sind die
Konsequenzen, die wir daraus zu ziehen haben, selbstverstndlich. Ich
bin natrlich auerstande, mich darber auszusprechen, welche Manahmen
in einem solchen Falle von uns zu treffen wren, noch auch darber,
welche Nachrichten ber beunruhigende Maregeln in England wir bereits
besitzen. Ich bitte deshalb das hohe Haus, sich fr heute mit diesen
Mitteilungen zu begngen und gebe meinerseits die Versicherung, da ich
bei einer ernsteren Wendung der Dinge keinen Moment zgern werde, dem
hohen Hause entsprechende Mitteilungen zu machen. Sollten wir aber jetzt
vor die groe Entscheidung um unsere nationale Zukunft gestellt werden
und sollten wir gezwungen werden, das Schwert zu unserer Verteidigung zu
ziehen, so wird das geschehen unter dem Wahlspruch, den die deutsche
Hansa zu ihrer Devise gemacht: Das Fhnlein ist wohl leicht an die
Stange gebunden, doch es ist schwer, es mit Ehren wieder
herunterzuholen.

Brausender Beifall folgte diesen Worten des Reichskanzlers, in den
Jubelrufen nationaler Begeisterung schaffte sich die geprete Brust
Erleichterung. Als die Hochrufe langsam verhallten, erhob sich Graf
Ballestrem und machte dem Hause die Mitteilung, da zwei Antrge bei ihm
eingebracht seien. Der Antrag Kardorff, von smtlichen Parteien, bis auf
die Sozialdemokraten, unterschrieben, forderte das Haus auf, dem Frsten
Blow fr seine Worte uneingeschrnktes Vertrauen auszusprechen und eine
weitere Errterung einstweilen nicht eintreten zu lassen. Hingegen, fuhr
er fort, verlangt ein _Antrag Bebel_ und Genossen, das hohe Haus mge
die Regierung auffordern, die Erledigung des Zwischenfalles von Samoa
dem _Haager Schiedsgericht_ zu berweisen.

Lebhafte Unruhe und strmische Protestrufe folgten dieser Ankndigung.
Kaum vernahm man noch, da der Abgeordnete Bebel zu seinem Antrag das
Wort zu ergreifen wnschte, so stand der ehemalige Drechslermeister
bereits auf der Tribne, aber es dauerte Minuten, bevor aus der
pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft gestikulierende Abgeordnete
dort oben gab, hin und wieder ein Wort vernehmbar wurde. Er zog alle
Register seiner Beredsamkeit. Wir haben Sie immer gewarnt, schrie er,
wir haben vergebens versucht die Verschleuderung des Volksvermgens fr
eine maritime Politik zu hintertreiben, die das ganze Ausland gegen
unsere sogenannte Weltpolitik mobil gemacht hat, die uns bei allen
Vlkern verdchtigt hat und die dazu gefhrt hat, da unsere Politik
berall mit Mitrauen verfolgt wird. Jetzt sehen Sie, wohin Sie mit
dieser Weltpolitik gekommen sind. Ihr Staatsschiff, Herr Reichskanzler,
hngt jetzt auf der kolonialen Korallenklippe, die Sie sich erst auf
einer Konkursversteigerung mit vielen Millionen teuer genug gekauft
haben. Hinter mir und meinen Genossen stehen drei Millionen deutscher
Staatsbrger, die verlangen, da dieser Zwischenfall isoliert bleibt,
und da seine Erledigung dem Haager Schiedsgericht berantwortet wird.
Wir werden kein Mittel scheuen, selbst kein Mittel, welches Sie
mibilligen werden, um zu verhindern, da Ihre unsinnige Politik uns in
das furchtbare Unglck eines europischen Krieges hineinfhrt. Es ist
Ihre Sache, Herr Reichskanzler, das wieder auszugleichen, was Sie
gesndigt, denn die Achiver, das sind wir, das steuerzahlende Volk, hat
keine Lust, das auszubaden, was die Knige gesndigt. Wir haben keine
Neigung, uns fr das Phantom einer angeblichen nationalen Ehre auf dem
Schlachtfelde hinmorden zu lassen. Was drben in Australien geschehen
ist, geht uns in der Heimat recht wenig an, sehen Sie zu, wie Sie mit
den fremden Kabinetten fertig werden, denn das ist Ihr Geschft, mit den
fremden Vlkern wollen wir, das arbeitende Volk, uns schon vertragen.
Zwischen uns und den Reden und Telegrammen eines Herrn, der die Welt in
stete Unruhe versetzt hat, besteht kein Zusammenhang. Wir mibilligen
seine Politik .....

Ein Sturm der Entrstung durchtoste das Haus, die Abgeordneten der
rechten Seite und auch die Massen der Zentrumsabgeordneten, in denen der
Funke nationaler Begeisterung zu glimmen begann, scharten sich um die
Tribne und manche derben Flche und Verwnschungen schollen dem
kreischenden Redner entgegen, dessen weitere Worte in dem allgemeinen
Tumult untergingen. Auch auf den Tribnen machte sich laute Emprung
geltend, und in dem brausenden Lrm verschwand auch der Schall der
Prsidentenglocke, die Graf Ballestrem ber dem wogenden Meer erhobener
Arme lautlos schwang.

Langsam verhallte der Lrm, Herr Bebel wollte von neuem zu reden
beginnen, aber der Prsident schnitt ihm den Faden ab mit den Worten:
Ich entziehe hiermit dem Abgeordneten Bebel das Wort. Der Antrag
Kardorff wurde mit 310 Stimmen angenommen, fr ihres Genossen Antrag
stimmten 48 Unentwegte. Die Sitzung wurde vertagt und schnell verlieen
die Abgeordneten das Reichstagsgebude, das von einer nach Zehntausenden
zhlenden Menschenmasse umlagert wurde. Man hielt die einzelnen Herren
auf der Strae an, um von ihnen zu erfahren, was Frst Blow gesagt.
Fremde Menschen schttelten sich die Hnde, sprachen auf einander ein
und die gemeinsame Not und Gefahr lie alle Standesunterschiede
vergessen, man war Mensch zu Mensch. Man sprach laut und erregt, war
emprt ber das, was in Samoa geschehen, und suchte dadurch, da man
immer wieder versicherte, fr des Volkes Sicherheit keine Opfer scheuen
zu wollen, tapfer der drohenden Gefahr ins Auge zu sehen, die dumpfe
innere Angst zu bertuben, die Angst vor einer ungekannten, furchtbaren
Gefahr, die jetzt vielleicht schon ber des Weltmeeres Wogen gegen die
Heimatkste herankam. Man zog wieder durch die Linden, umjubelte des
Frsten Blow Wagen, stand stundenlang, aller Tagesarbeit vergessend,
vor den grauen Mauern des Kaiserschlosses und zog wieder in die
Wilhelmstrae, dort vor des ersten Kanzlers Heimsttte, geduldig
ausharrend und schon erhob eine neue Gefahr drohend ihr Haupt.

In den schwarzen Strom der Menschen, der in gleichmigen Wellen
zwischen den hohen Huserreihen der Linden auf und nieder wogte, ergo
sich pltzlich von rechts her aus einer Zeitungsdruckerei ein
schumender Giebach weier Papierbltter, zerflo in ihm, zerteilte
sich, weie Schaumkpfe auf die schwarzen Wellen spritzend, in weien
Strudeln das schwarze Wasser herumquirlend und wieder stockte der Strom.
Mauergleich stand er, Totenstille herrschte und gierigen Blickes
durchflog man die tanzenden Zeilen auf dem knitternden Papier und
Extrablatt -- Extrablatt gellte der Ruf der Verkufer ber der
stummen Menge.

In der franzsischen Deputiertenkammer hatte ein Abgeordneter der
nationalistischen Partei den Minister des Auswrtigen interpelliert ber
den Zwischenfall von Samoa. Er hatte gefordert, da die franzsische
Regierung sich gegenber der neuen Konstellation in der Politik so
verhalten mchte wie es die Ehre Frankreichs, seine Bndnispflicht
gegenber England und das Andenken an alte Schmach erfordere. Der
Minister des Auswrtigen hatte darauf eine Darstellung der Ereignisse
vor Apia gegeben, in der bekannten Form und hatte hinzugefgt, da die
deutsche Regierung in London strenge Genugtuung gefordert habe, darauf
sei die Antwort ergangen: Man sei leider nicht in der Lage eine solche
zu gewhren, im Gegenteil msse man fordern, da Deutschland seinerseits
fr den unmotivierten Angriff auf die englischen Schiffsmannschaften
eine Genugtuung leiste. Man war demnach in Paris schon sehr genau ber
den Verlauf der diplomatischen Verhandlungen orientiert und wurde
anscheinend von London aus auf dem Laufenden gehalten. Er habe, so fuhr
der Minister fort, unbedingt zuverlssige Nachricht durch Frankreichs
diplomatischen Vertreter erhalten, da man in London fest entschlossen
sei, auf seinen Forderungen zu beharren. Wenn Deutschland durch das
Verhalten seines Gouverneurs auf Samoa den Krieg vom Zaune gebrochen
habe, so sei England entschlossen, den Handschuh aufzunehmen und, wie
mir versichert wird, lassen die Vorbereitungen der englischen Flotte
keinen Zweifel darber zu, da eine friedliche Beilegung des
Zwischenfalles wenig wahrscheinlich ist. Man ist jenseits des Kanales
der Ansicht, da das Auftreten Deutschlands in internationalen Fragen
seit Jahren ein derartiges gewesen ist, da kein Zweifel darber
bestehen kann, da Deutschland die Absicht hat, sich ber die im
internationalen Verkehr traditionellen Formen hinwegzusehen und in
falscher Beurteilung seiner Machtmittel zur See es auf einen Bruch der
Beziehungen zu den Vlkern angelschsischer Rasse ankommen zu lassen. Er
stelle dem Hause anheim, ob dies der Moment sei, das provozierende
Auftreten des deutschen Reiches in die gebhrenden Schranken
zurckzuweisen, auf da man fr alle Zukunft Ruhe vor diesem
Friedensstrer habe. Er stelle es dem Hause anheim, ob Frankreich in der
Lage sei, eine solche Beunruhigung der ganzen Welt durch Deutschland und
insbesondere der Staaten, mit denen man einesteils durch nationale
Traditionen verbunden sei und mit denen man andererseits einen Vertrag
geschlossen habe, der zwar Frankreich im Kriegsfalle keine
Verpflichtungen auferlege, es jedoch vor die Frage stelle, ob es die
Hoffnung auf die Wiedererlangung ihm geraubter Lnder auf ewig begraben
solle.

-- Es hie weiter in der Depesche, in der franzsischen Kammer htten
smtliche Parteien (mit Einschlu der Sozialdemokraten) eine
Tagesordnung eingebracht, die der Regierung in ihren Entschlssen
vollkommenes Vertrauen ausspreche. Diese Tagesordnung sei einstimmig
angenommen worden und die Kammersitzung habe geschlossen unter Rufen: 
Berlin,  Berlin! In Paris herrschte grte Begeisterung und eine
Stimmung, die keinen Zweifel darber lie, da man mit dem Ausbruch
eines Krieges gegen Deutschland bereits in den nchsten Stunden rechne.

Eine weitere Meldung aus Genf lie erkennen, da in Brest, Cherbourg und
Toulon Maregeln zur Mobilisierung der Flotte getroffen wrden.

Eine Depesche aus Brssel wollte bereits wissen, der Befehl zur
Mobilmachung der franzsischen Ostkorps sei schon am Vormittag ergangen.

Das war also das, worber man so oft gesprochen hatte, was man so oft
sich als in ferner Zukunft liegend ausgemalt hatte, das war der Krieg.
berall stockte der Pulsschlag auf einer Sekunde Dauer. ber die
Vergangenheit, ber das friedliche Leben des Tages machte man in
Gedanken einen Strich, von heute und dieser Stunde an war man ein
anderer als gestern und ehegestern. Das ganze Leben der Kulturwelt
versank in einem Augenblick in Vergessenheit, das Leben der europischen
Vlker ward in einer Stunde zurckgeschraubt um Jahrzehnte, um
Jahrhunderte. Man stand wieder, die Flinte im Arm, als Volk in Waffen an
des Reiches Grenzen.

Und immer weiter schumte der Giebach, Wirbel und Strudel ziehend in
den dunklen Wogen der Menge. Dann flossen die Wasser wieder zusammen,
breit und majesttisch, und dahin brauste ein breiter Strom, aus allen
Seitenstraen weiteren Zuflu an sich ziehend und wogte kaum sich
einengen lassend von den Husermauern, zu einem See sich erweiternd vor
des alten Kaisers schlichtem Hause, dann wieder sich einpressend vor dem
Zeughaus, wo die erkmpften Waffen und Fahnen stumme Zeugen waren von
des preuischen Heeres Ruhm und Tapferkeit. Noch einmal eingeengt
zwischen den Gelndern der Steinbrcke flo er dann breit hinaus auf den
weiten Platz vor dem Kaiserschlo. Und jetzt lohte sie auf die nationale
Begeisterung des Volkes, und whrend man bisher stumm, gedrckt von dem
pltzlich hereinbrechenden Unheil schweigend dahin gewandert war, jetzt
brach der Sturm los unwiderstehlich, alles mit sich fortreiend und
treibend, auch die behelmten Diener der ffentlichen Ordnung, die
vergebens versucht hatten, die erregten Volksmassen in Reihen lngs der
Brgersteige zu ordnen; alles durcheinander wirbelnd, so flutete der
Strom der Menschenmenge hin auf den Schloplatz, dort sich stauend und
bis zu den Terrassen vor dem Schlosse emporschumend und ber sie
hinwegleckend.

Und nun begann es irgendwo, einer fing an und die anderen stimmten ein,
und wie mit dem donnernden Tosen der Brandung scholl er hinauf, der alte
Siegessang der Hohenzollern, da nicht der Rosse und Reisigen Macht,
sondern des freien Mannes Liebe den Herrscherthron wie ein Fels im Meere
grndet: Heil Dir im Siegerkranz! Wie Sturmgebrll, wie des Orkans
Gewalt klang es, Zehntausende jubelten hier des Reiches Kaiser entgegen
und nicht enden wollte es und immer wieder von neuem begann es, ber den
grauen Mauern des Schlosses schwebte flatternd im Mrzwinde das
knigliche Blutpanier der Hohenzollern. Und hinter dem Balkon, auf dem
einst Friedrich Wilhelm IV. die tiefste Demtigung erlitt, begann jetzt
die eine Hlfte der Glastr zu zittern, sie wich nach innen zurck, eine
Hand erschien oben am anderen Trrahmen, schob mhsam einen Riegel
zurck, einen Moment sah man in das Dunkel des dahinter liegenden
Raumes, dann ward eine blaue Uniform sichtbar und festen Schrittes trat
der Kaiser auf den Balkon. Er schien zu zgern, wandte sich nochmals
nach rckwrts, winkte mit der Hand, die Kaiserin stand neben ihm, und
whrend der Gesang pltzlich stockte und abflaute und sich in die Tiefe
des Lustgartens bis hinten zum Museum verlor, wo er zwischen den
Gebuden langsam im Widerhall erstarb, brausten dem Kaiser donnernde
Hochrufe entgegen. Er legte die Hand grend an den Helm, sprach zu der
Kaiserin, wies auf die Menschenmassen dort unten vor ihm und grte
wieder und wieder. Und von neuem begann der Gesang, diesmal das alte
Sturmlied von anno 70: Die Wacht am Rhein, das unser Volk auf seinem
Siegeszuge geleitet. Es ward von neuem hinausgesungen, des Reiches
Schirmherrn das Gelbde bietend, da auch in dieser ernsten Stunde des
Volkes Heer treue Wacht halten werde an des Reiches Westgrenze.

Und immer neue Jubelrufe erschollen, als neben dem Kaiser die schlanke
Gestalt des Kronprinzen auf dem Balkon erschien. Kaiser Wilhelm legte
seinem Sohne die Hand auf die Schulter, zu ihm eindringlich sprechend.
Dann trat er an die Brstung des Balkons und sttzte sich mit der Linken
auf ihren steinernen Rand, festen Blickes auf die Menge
herniederschauend, und als sich sein Blick nach links verlor, wo die
^Via triumphalis^ der Linden bis an den Sulenbau des Brandenburger
Tores schwarz von Menschen sich schier endlos dehnte, und er den Blick
dann wieder zurckwandte auf die Menschenmasse vor ihm, die mit
erhobener Rechten ihm gleichsam neue Heeresfolge zuschwor, da fhrte er
in tiefer Ergriffenheit die Hand an die Augen, von denen eine Trne
hernieder perlte. Da ward es leise still dort unten, ein jeder fhlte,
da in dieser heiligen Stunde des Kaisers Herz zusammenschlug mit dem
des Volkes. Der Kaiser schien sprechen zu wollen, man sah wie er die
Lippen bewegte, doch von neuem brauste der Jubel empor und mit einer
kurzen, schnellen Bewegung trat der Kaiser zurck von der Brstung,
winkte noch einmal und verschwand mit der Kaiserin und dem Kronprinzen
im Dunkel des Zimmers. Da kam pltzlich neue Bewegung in die Menge, ber
den Kpfen derselben erblickte man den oberen Teil einer Droschke, die
sich langsam und nur ruckweise vorwrts zu schieben vermochte, bis sie
kurz vor der Schlobrcke still hielt und wie ein Wrack in der Brandung
hilflos liegen blieb. Dann ffnete sich eine schmale Gasse und langsam
erkmpfte sich der Reichskanzler Frst Blow, von strmischen Rufen
begrt, den Weg zum Schlo. Erst spt am Abend kehrte der Kanzler, der
sich nur schwer aller derer erwehren konnte, die ihm die Hand schtteln
wollten, aus dem Schlosse in sein Palais zurck. Inzwischen hatte der
Telegraph auf allen Stationen zwei inhaltsschwere Worte bermittelt:
_Krieg mobil_.

                   *       *       *       *       *

Noch an demselben Abend wurden smtliche diplomatischen Vertreter des
Reiches im Ausland ber die politische Lage dahin informiert, da die
Verhandlungen in London vllig ergebnislos verlaufen seien und da die
deutsche Regierung der drohenden Gefahr Rechnung getragen habe, indem
sie die Mobilisierung des Landheeres, sowie der Flotte angeordnet habe.
Es herrsche noch kein Kriegszustand, aber man msse auf Grund der
Nachrichten, die man aus England erhalten habe, befrchten, da die
englische Flotte ohne Kriegserklrung die deutschen Hfen und Ksten
angreifen werde, wie das ja vom Zivillord der englischen Admiralitt und
in der englischen Presse in der letzten Zeit fters ausgesprochen worden
sei. Sollte die telegraphische Verbindung zwischen Berlin und dem
Auslande unterbrochen werden, wie das zu erwarten sei, so seien die
diplomatischen Vertreter des Reiches angewiesen, ihren letzten
Instruktionen gem, die am Tage vorher noch in einer chiffrierten
Depesche versandt worden seien, zu handeln. Die Vorgnge in Paris legten
die ernstesten Befrchtungen nahe, da Frankreich sich dem britischen
Feinde anschlieen werde, ja da es vielleicht von vornherein gesonnen
sei, die Operationsbasis zu Lande gegen die deutschen Grenzen abzugeben.
Es scheine, da Abmachungen zwischen London und Paris bestnden,
derartig, da man annehmen knnte, die Mobilisierung des franzsischen
Heeres sei bereits weiter gediehen, als die franzsische Presse in den
letzten Tagen habe erkennen lassen. Jedenfalls sei zu befrchten, da
die franzsische Flotte gleichzeitig mit der englischen vorgehen werde.
Es sei so gut wie sicher, da sterreich sich Deutschland anschlieen
werde, soweit es berhaupt ber seine militrischen Krfte in Anbetracht
der inneren Krisis werde verfgen knnen. Nach Meldungen aus Rom gewinne
es den Anschein, da England durch ein Ultimatum, welches durch ein
pltzliches Erscheinen der englischen Flotte vor den italienischen Hfen
gesttzt werde, Italien zum Abfall vom Dreibund drngen werde. Man
hoffe, da Italien sich durch englische Drohungen nicht zwingen lassen
werde, seine Dreibundsverpflichtung zu ignorieren. Die Entscheidung
hnge in Rom jedenfalls an Stunden, die letzte Versicherung von seiten
der italienischen Regierung laute dahin, da sie in der gegenwrtigen
Krisis es mit ihrer Ehre nicht fr vereinbar halte, alte
Bndnisverpflichtungen zu ignorieren, doch sei dem gegenber zu
bedenken, da solche Entschlsse vielleicht doch durch ein bermchtiges
Auftreten einer feindlichen Macht wankend gemacht werden knnten.
Einstweilen sei man also ganz auf sich selber angewiesen und jedenfalls
habe man die Macht des ersten Anpralls allein auszuhalten. Da Ruland
sich neutral verhalten werde, sei so gut wie sicher.

Als Frst Blow nach durcharbeiteter Nacht in frher Morgenstunde, da
bereits der junge Tag durch die Vorhnge schimmerte, seinem
Legationssekretr die eben eingelaufene letzte Post abnahm, fand er oben
aufliegend ein offizielles Schreiben des deutschen Botschafters in
London. Er ffnete es und durchflog es.

Da teilt uns unser Botschafter offiziell mit, die Universitt London
habe Sr. Majestt dem Kaiser am 10. Mrz die juristische Doktorwrde
verliehen in Anerkennung seiner groen Verdienste um die Erhaltung des
Weltfriedens.

Das nennt man einen Treppenwitz der Weltgeschichte, sagte der Kanzler,
kommen Sie, Hollmann, jetzt wollen wir noch einige Stunden schlafen!
Den ersten Vortrag bitte ich mir um 8 Uhr zu halten.




                             Krieg mobil.


Wie einst zwischen Odins Adler und dem Drachen Nidhggr das Eichhrnchen
Ratatsker am Stamme der Weltesche auf und nieder springend Zankworte
hin und her trug, den nimmermden Streit zwischen den Kmpfern des
Lichtes und den dunklen Mchten immer aufs neue entfachend, so weckte
der elektrische Funke jetzt den Drachen der Zwietracht aus seinem
Schlummer. An allen Kontaktpunkten, da wo die Midgardschlange der
modernen Welt, die alle Lnder umschlingt, ihren Rachen ffnet und ihre
blanken Zhne bleckt, leuchtete jetzt der kleine, grne Funke des
Unheils auf. In der Abendstunde des 19. Mrz rasselten an allen
Apparaten die elektrischen Glocken, tnte das ratternde Gerusch des
Morsetelegraphen, ein kurzer Streifen weien Papieres erschien mit den
inhaltschweren Worten: Krieg mobil.

Auf allen Redaktionen tnten in spter Abendstunde die Telephonklingeln:
Extrablattmeldung aus Berlin, und mit zitternden Federzgen entstanden
auf dem Papier die wenigen Zeilen, die 60 Millionen die Kunde zutragen
sollten, da der Kaiser die Mobilisierung der Land- und Seemacht
befohlen habe.

Noch war man auer stande, die ganze Wucht dieses Ereignisses zu
erfassen und schon lag das weie Blatt am Rande des Setzerkastens, die
bleiernen Lettern fgten sich aneinander, und hinein gingen diese kurzen
Metallstreifen in die Maschine, die mit sausendem Schwunge diesen
unscheinbaren Bissen erfate und herumwirbelte. Und heraus flatterten
die weien, gedruckten Papierfetzen, von Dutzenden geschftiger Hnde
erfat, die sie hinaustrugen auf die Strae, wo sie den Strom des Lebens
pltzlich zum Stillstand brachten.

Krieg mobil! -- Die Extrabltter klebten bereits an allen Straenecken
und an allen Schaufenstern, wo sich die Menge vor ihnen staute und wo
man mit starren Augen immer wieder die wenigen Worte las, da der Kaiser
sein Volk rufe.

Als erster Tag der Mobilmachung galt der 20. Mrz. Das ganze friedliche
Leben des Volkes stand still. Der Arbeiter legte sein Werkzeug nieder
und ging heim. In allen Schreibstuben und Kontoren ward es leer und in
der stillen Arbeitsklause des Gelehrten hatte die Feder Ruhe. Des
Kaisers Ruf war durch das Land gegangen und man bestellte sein Haus, um
morgen hinauszuziehen auf die Sammelpltze, auf die Kasernenhfe, um
sich dort als wehrhafter Mann einzureihen und des Befehles zu harren,
der das Volk in Waffen an die Grenzen fhren sollte.

Die Grenzkorps waren so gut wie mobil und standen nach 24 Stunden, am
Abend des 20. Mrz, bereits in klirrender Rstung da, bereit, dem
Angriff des Feindes zu begegnen. Auf allen Bahnstationen des Reiches
aber begannen bereits am Mittag und Abend des 20. Mrz die ersten
Truppentransporte. Es war fast berall das gleiche Bild. Eine kurze
Ansprache der Truppenfhrer auf dem Kasernenhofe, die mit einem Hurra
auf den obersten Kriegsherrn schlo. Dann Still gestanden! ... Bataillon
marsch! ... Die Musik setzte ein und hinaus ging's auf die Strae, wo
die Truppe von einer dicht gedrngten Menschenmenge mit lauten Rufen
empfangen wurde. Die flotten Armeemrsche entfachten schnell eine
patriotische Stimmung, die Straenjugend lie es sich nicht nehmen,
jedes Bataillon bis zum Bahnhof zu geleiten, und man sah darber hinweg,
da die Ordnung im Glied nicht so streng aufrecht erhalten wurde, wenn
Mtter und Brute sich an die Reihen der marschierenden Leute
herandrngten, um noch einen letzten Hndedruck zu erhaschen. Auf den
Bahnhfen hatte die Bevlkerung dafr gesorgt, da den Truppen noch ein
letzter Trunk und eine letzte Liebesgabe gereicht wurde.

Einsteigen! hie es dann, noch ein Ku, eine Umarmung, hinein dann in
die Wagen, die auf Tage hinaus oft das Heim der Ausziehenden bilden
sollten. Immer wieder reichte man sich die Hnde durch die Fenster, dann
ein schriller Pfiff der Lokomotive, ein brausender Hurraruf der Menge
und unter Tcherschwenken ging es fort, immer weiter und immer
schneller, bis der Zug den Blicken der Zurckgebliebenen entschwand. Es
war ganz wie ^anno^ 70, nur da man damals, verwhnt durch die Erfolge
von 64 und 66, mit dem sicheren Gefhl des Erfolges ins Feld zog,
whrend jetzt die Ungewiheit ber die Zahl und Strke der Gegner das
freudige Siegesgefhl und die nationale Begeisterung etwas dmpfte.

Daheim sa man wieder zwischen den leeren Wnden und zergrbelte sich
den Kopf ber das, was werden mochte, whrend die, die jetzt der Grenze
zueilten, doch wenigstens der Gefahr frisch und klar ins Auge sehen
konnten. Man lie die Arbeit ruhen, die Erschtterung fr das gesamte
wirtschaftliche Leben war zu gro, als da man gleichmtig wieder zum
Werkzeug der tglichen Arbeit greifen konnte. Man hatte das Bedrfnis
sich mitzuteilen und auszusprechen, trieb sich planlos auf den Gassen
herum, schlo sich jeder marschierenden Soldatenabteilung ohne weiteres
an und kehrte dann immer wieder dahin zurck, wo die neuesten
Extrabltter ausgegeben wurden.

Was man aus ihnen erfuhr, war jedoch wenig genug, denn durch die
Erfahrungen des russisch-japanischen Krieges und auch des Burenkrieges
gewitzigt, hatte die deutsche Regierung auch ihrerseits eine scharfe
Depeschenzensur fr alles, was im Inlande vorging und auch nur im
entferntesten mit der Mobilmachung zusammenhing, eingefhrt. So erfuhr
das Volk eigentlich nur das, was es mit Augen sah, und selbst die
entsprechenden Vorgnge in den benachbarten Stdten wurden erst tagelang
nachher bekannt. Denn wenn auch der Feind darber unterrichtet war, da
die Mobilisierung beschlossen war und ausgefhrt wurde, so lag doch ein
hinreichender Grund vor, alle Nachrichten ber die Abfahrt von
Truppenkrpern, ber alle Bahntransporte und ihre Richtung, vorlufig zu
unterdrcken, damit der Feind keinen Anhalt dafr hatte, welche Truppen
und wohin sie bereits unterwegs waren.

Der Reichskanzler hatte sofort dafr gesorgt, da gleichzeitig mit dem
Telegramm, welches die Mobilmachung bekannt gab, an smtliche
Telegraphenstationen und an smtliche Zeitungen eine Mitteilung ergangen
war, des Inhaltes: Er msse darum ersuchen, alles, was sich auf die
Truppenmobilisierung beziehe, mit der grten Diskretion zu behandeln,
und auch die Berichte ber Vorgnge in der eigenen Stadt so abzufassen,
da die Richtung der Eisenbahntransporte und ihre Strke, sowie die
Namen der Truppenfhrer nicht genannt wrden. Er ersuche die
Redaktionen, diesem Wunsche Folge zu leisten in der Erwgung, da dem
Feinde durch eine allzu reichliche Berichterstattung leicht wertvolles
Material zugehen knnte. Er habe dafr gesorgt, da der Verkauf von
Zeitungen und ihre Versendung durch die Post an der Landesgrenze berall
sistiert wrde. Er bte aber auch seinerseits, seinem Wunsche Folge zu
leisten, damit nicht durch irgendwelche Indiskretionen Premeldungen
ber die Grenze gelangen knnten. Er hatte diese amtliche Mitteilung
auch an die sozialdemokratische Presse gerichtet und dabei erwhnt, da
er von jedem deutschen Blatte, einerlei, welcher Parteirichtung es
angehre, erwarte, da es dieser Regierungsverfgung Folge leiste. Er
bte, die Leser davon zu unterrichten, da sie vorlufig ber die
Truppentransporte und den Aufmarsch der Armeen nichts erfahren knnten
und sie darauf hinzuweisen, da dies im Interesse der militrischen
Verteidigung geschehe. Er werde jedoch dafr sorgen, da alles
Wissenswerte ber die Vorgnge auf dem voraussichtlichen
Kriegsschauplatze der Presse rechtzeitig zugehe; dagegen habe er die
lokalen Polizeiverwaltungen damit beauftragt, darauf zu achten, da
seine Anordnungen ber den Nachrichtendienst aufs Genaueste befolgt
wrden; er hoffe, da es nicht ntig sein werde, von Zwangsmaregeln
Gebrauch zu machen.

Diese Verfgung des Reichskanzlers ber eine freiwillige Prezensur im
militrischen Interesse wurde bekanntlich von allen Zeitungen aufs
Gewissenhafteste befolgt, so da ein Eingreifen der Behrden nirgends
ntig wurde.


                Antwerpen von den Englndern besetzt.

Das Nachrichtenmaterial aus dem Auslande war mehr als drftig, aber
immerhin drang einiges auf Umwegen ber die Grenze. So hie es, die
englische Flotte sei vor Antwerpen erschienen und habe die Festung, ohne
Widerstand zu finden, besetzt. Diese Meldung, die ber Amsterdam einlief
und mehrfach von anderen Orten besttigt wurde, gab verschiedenen
liberalen Blttern Anla, sich in langen, theoretischen Artikeln ber
die Neutralittsfrage an sich und insbesondere Belgiens Neutralitt zu
verbreiten. Diese Schreibtischpolitiker konnten sich auch jetzt noch
immer nicht zu der Erkenntnis aufraffen, da die Flut eines Krieges
nicht vor papiernen Wnden Halt macht, sondern schonungslos ber alle
Vertrge ber Neutralitt und derlei schne Sachen hinwegrauscht. Es
konnte kaum noch einem Zweifel unterliegen, da sich England in
Antwerpen eine Operationsbasis fr den Landfeldzug gesichert hatte,
gewissermaen einen festlndischen Brckenkopf fr Truppentransporte.
Welche Stellung die belgische Regierung dazu einnahm, war nicht zu
ersehen, bis unser Gesandter am 21. Mrz mittags in Aachen eintraf und
der Berliner Regierung mitteilte, man habe ihm in Brssel einfach seine
Psse zugestellt, mit dem Ersuchen, das Land zu verlassen; somit stand
auch Belgien in der Reihe der Gegner, es war von Frankreich und England
vor die Frage gestellt worden, freiwillig oder unfreiwillig seine
Grenzen den einmarschierenden Truppen zu ffnen.


                    Die Stellung der Niederlande.

Durch die Okkupierung oder den Anschlu Belgiens an die Verbndeten --
Genaueres war am 20. Mrz noch nicht darber bekannt -- waren die
Niederlande in eine sehr prekre Lage versetzt worden. Sie hingen
gewissermaen zwischen den Kriegfhrenden in der Luft. Auer stande
durch ihre kleine Armee, die Landesgrenzen zu verteidigen und den
Volksheeren der groen Nachbarreiche somit widerstandslos preisgegeben,
schwankte die niederlndische Regierung zwischen einem Versuch, ihre
Neutralitt zu bewahren und der Entscheidung, zu welcher von beiden
Parteien sie sich schlagen sollte. Folgte man Englands Fahnen, so konnte
man vielleicht hoffen, den ostindischen Kolonialbesitz aus dem
Trmmersturz zu retten. Schlo man sich dem deutschen Nachbar an, so
bestand eine Mglichkeit, da Deutschland auch die niederlndische
Grenze schtzte. Andererseits war dann die kleine niederlndische Flotte
in Gefahr, von den Englndern ohne weiteres berrannt zu werden, wodurch
dann auch die Seestdte in die Gewalt der Englnder fielen. Wohl war man
sich im Haag jetzt ber die Versumnisse der letzten Jahre klar, als man
die Hnde, die sich von Osten hilfreich darboten, immer wieder
eigensinnig zurckwies und durch das Beharren auf einer mitrauischen,
chauvinistischen Politik glaubte, die Rolle einer politischen Macht
spielen zu knnen. Jetzt fielen die Entscheidungen, ohne da man im Haag
eine Mglichkeit hatte, sie irgendwie beeinflussen zu knnen. Man ging
ber das Bestehen des niederlndischen Staates einfach zur Tagesordnung
ber. Holland hatte dasselbe Geschick, wie das benachbarte Belgien, und
ohne da weitere Schritte von der Regierung -- das Ministerium hielt
zwar dauernd Sitzungen ab, wurde aber schlielich von den Ereignissen
berrascht -- ergriffen wurden, ohne da berhaupt ein diplomatisches
Aktenstck mit dem Auslande gewechselt wurde, hatte sich das Schicksal
des Staates bereits erfllt. Noch ehe ein sentimentaler Protest der
Niederlande in London eintraf, waren die Englnder bereits vor
Vlissingen erschienen und im sdlichen Teile des Landes standen bereits
deutsche Truppen auf niederlndischem Boden. Da man jetzt das tat, was
man rechtzeitig htte vorbereiten sollen, hatte kaum noch einen Wert;
der Anschlu der Niederlande an Deutschland verstrkte die Wehrkraft des
Reiches nur um die vllig unvorbereitete, kleine niederlndische Armee
und einige Kstenpanzerschiffe, die nicht einmal mehr die deutschen
Hfen erreichten, sondern auf der Hhe von Texel von einem Detachement
der englischen Flotte nach einem halbstndigen Kampfe abgetan wurden.
Der Rest der niederlndischen Marine wurde in den Kriegshfen einfach
von den Englndern abgewrgt. Der englische Admiral rstete diese
Fahrzeuge noch auf den niederlndischen Werften mit den dortigen
Bestnden aus und reihte sie dann dem englischen Reservegeschwader ein.

Anfang April erschienen vor Batavia einige englische Schiffe. Das
Gefecht auf der Reede endete mit der Vernichtung der geringen
niederlndischen Streitkrfte. Nach Verlust zweier kleiner Kreuzer
besetzten die Englnder Batavia und machten die Stadt zu einer
englischen Flottenbasis. Die Gefechte der (von Hongkong aus) gelandeten
englischen Truppen mit der niederlndischen Kolonialarmee dauerten
bekanntlich noch einige Monate, dann aber zogen die Niederlnder es vor,
eingeengt zwischen einem europischen Feind und den grausamen Banden der
eingeborenen Volksstmme, zu kapitulieren, um ihr Leben nicht nutzlos an
eine verlorene Sache zu setzen. Im Mai existierten niederlndische
Kolonien nicht mehr und das kleine Mutterland ward mit zum Schauplatz
der Kmpfe, die hier, auf dem Grenzgebiet zwischen West und Ost, die
friedlichen Bewohner furchtbar in Mitleidenschaft zogen. ber dem Grabe
der niederlndischen Selbstndigkeit aber prangte die Inschrift: Eine
versumte Gelegenheit.


                      Alarmierende Nachrichten.

Am Abend des 20. Mrz waren berall an der westlichen Grenze vom
Dollartbusen an bis hinunter nach Lrrach, alle Stationen der
Grenzpolizei bereits von militrischen Kommandos besetzt. Der gesamte
Grenzverkehr hatte schon um die Mittagsstunde vllig aufgehrt. Wer sich
von den eintreffenden Reisenden nicht als Reichsangehriger ausweisen
konnte, wurde zurckgeschickt, und andererseits lie man niemand, auch
keinen Fremden mehr von diesseits ber die Grenze, schon um
Indiskretionen von seiten Privatpersonen hinsichtlich der Mobilmachung
zu verhindern.

Besonders in den Hafenstdten, wo die Nachrichten aus aller Welt bis
dahin zusammengeflossen waren, empfand man das pltzliche Abschnappen
der Kabelmeldungen als strend. Man war von der Auenwelt vllig
abgeschnitten, und wenn man auch das gewhnliche Depeschenmaterial,
soweit es sich auf politische Vorgnge bezog, nicht gerade sehr
entbehrte, so erzeugte doch das Ausbleiben der Meldungen ber den
Schiffsverkehr im Auslande groe Beunruhigung. Nach dem Stand der
Meldungen vom 18. Mrz wuten die Dampfergesellschaften und Reedereien
der Seestdte zwar, wo sich an diesem Tage ihre Schiffe befunden hatten,
man war jedoch jetzt vllig auer stande, zu kontrollieren, was aus
diesen schwimmenden Millionen des Nationalvermgens geworden war. Die
Vorkehrungen zur Sicherheit, die man treffen konnte, waren verschwindend
gering. Man hielt alle auslaufenden Schiffe zurck und schickte sie von
Bremerhaven und Cuxhaven usw. wieder stromaufwrts, um sie von dem
Schauplatz voraussichtlicher baldiger Kmpfe zu entfernen. Das war aber
auch alles, was sich anordnen lie. Der Verkehr nach den Nordseeinseln
und die Kstenschiffahrt wurden sofort eingestellt. Der Hamburger und
Bremer Senat hatte in Berlin angefragt, wie man sich gegenber den in
den Hfen liegenden englischen und franzsischen Schiffen verhalten
sollte. Einige englische Dampfer hatten ohne weiteres den Hafen bereits
verlassen ohne Rcksicht darauf, ob sie Ladung oder Lschung bereits
beendet hatten.

Von Berlin aus kam die Anweisung, alle franzsischen und englischen
Schiffe einstweilen im Hafen zurckzuhalten und weitere Anordnungen
abzuwarten. Man beabsichtige dieses Schiffsmaterial als ein Pfandobjekt
zu benutzen, falls die fremden Regierungen deutsches Privateigentum zur
See aufbringen sollten. Eine entsprechende Note sei dem abreisenden
englischen und franzsischen Botschafter vor ihrer Abfahrt aus Berlin
zugestellt worden, mit der Bemerkung, da die deutsche Regierung
gesonnen sei, sich in dieser Frage nach dem Verhalten der fremden
Regierungen zu richten. Man blieb hierber nicht lange im unklaren.

Selbst wenn man den zahlreichen Meldungen, da deutsche Dampfer und
Segelschiffe auf der Nordsee und im Kanal, sowie an der englischen Kste
bereits von englischen Kreuzern und Torpedobooten aufgebracht sein
sollten, einstweilen keinen Glauben beimessen wollte, so lag doch
andererseits von Amsterdam aus schon die Meldung vor, da der Dampfer
Gretchen Bohlen, sowie der Dampfer der Deutsch-Ostafrikalinie
Bundesrat (Durbaner Andenkens) sofort nach dem Verlassen des Hafens
von Rotterdam von einem englischen Kriegsfahrzeuge aufgebracht waren.
Ferner wurde gemeldet, da der Norddeutsche Lloyd-Dampfer Kronprinz
Wilhelm, auf der Rckfahrt von New York, auf der Hhe von Dover
angehalten und in den Hafen geschleppt worden sei. Es wurde auch noch
von mehreren Schiffen berichtet; so sollten auf der Hhe von Texel der
Touristendampfer Therapia von der Levantelinie und mehrere kleine
Hamburger und Bremer Dampfer von einem groen englischen Kreuzer
gekapert worden sein. Alle diese Nachrichten wirkten sehr alarmierend,
und an der Brse von Hamburg herrschte groe Aufregung. Dazu kamen noch
andere Meldungen, so hie es, die englische Flotte liege bereits auf der
Hhe von Norderney. Dann wurde aus Frederikshavn (Nordkste Jtlands)
gemeldet, eine schwimmende Batterie ohne Landesflagge habe in einer
Entfernung von vier Seemeilen sdlich steuernd die jtische Ostkste
passiert. Ein in Esbjerg eingetroffener dnischer Fischdampfer wollte
ferner unweit der Doggersbank ein englisches Geschwader manverierend
und nach Osten steuernd angetroffen haben; diese Meldung war bereits
drei Tage alt. Schlielich wollte ein in Cuxhaven am Mittag des 19. aus
Hull angekommener schwedischer Dampfer auf der Reede von Hull und im
Hafen nicht weniger als 30 groe Passagierdampfer gesehen haben. Es war
dem Dampfer, ohne Hull anzulaufen, gelungen, beim Anbruch der Nacht
heimlich davonzukommen. So verging der 20. Mrz.

Die Reede von Cuxhaven und die Elbmndung war vllig verlassen, nur nahe
am Ufer waren noch einige Fischerboote von Finkenwrder und Blankenese
verankert, die sich nicht getraut hatten, gewarnt von der Hafenbehrde,
drauen ihrem Fang nachzugehen. In dem kleinen Hafen lagen zwei Dampfer
der Nordseelinie, die ihre regelmigen Fahrten nach Helgoland usw.
bereits eingestellt hatten. Drauen auf der Reede sah man den
Lotsendampfer Kapitn Karpfanger langsam in die Elbmndung
zurckdampfen. Er hatte im Schlepp die drei Feuerschiffe, die auf
Anordnung der Marinebehrde eingezogen wurden. Zwei andere Dampfer,
darunter ein weigestrichenes Marineboot, sah man drauen die Seezeichen
einsammeln. Mitten im Fahrwasser lag der Pelikan von der Kaiserlichen
Marine, von Booten umschwrmt, und weiter stromabwrts sah man mehrere
Minenleger, die der Hamburger so drastisch Eierleger nennt, das
Fahrwasser bereits mit einer Minensperre versehen. Zu demselben Zwecke
wurden einige Fischdampfer und Torpedoboote verwendet. In den Batterien
von Kugelbaake und Grimmerhrn herrschte reges Leben, und von den
Kasernen tnten Signale herber. Die Kstenbahn hatte ihren Betrieb
eingeschrnkt und war ausschlielich fr Militrtransporte zur Verfgung
gestellt worden.

Was landeinwrts von Cuxhaven vorging, davon wurden unberufene Augen
durch eine doppelte Postenlinie ferngehalten; das eine war klar, da
dort hinten etwas vorging, aber die vielen morgens nach Cuxhaven
gefahrenen Hamburger waren infolge der strengen Absperrung nicht in der
Lage, ihre Neugierde zu befriedigen. Sie hielten sich dafr schadlos,
indem sie vor den beiden Batterien, deren gewaltige Rohre zwischen den
Erdtraversen hervorschauten, auf der Strandpromenade auf und ab
patrouillierten, die Mglichkeiten eines feindlichen Angriffes erwgend.
Mittags liefen zwei Torpedodivisionen aus Cuxhaven aus. Von der Flotte
sah man sonst weiter nichts, es hie nur, in Brunsbttel werde die
Durchfahrt mehrerer Schiffe erwartet. Der Kanal war seit morgens um 6
Uhr fr jedes Handelsschiff gesperrt. So verging der 20. Mrz, ohne da
man ber den Fortgang der Ereignisse etwas Positives erfuhr, unter
grter Spannung. Der Transport von Marinekommandos und ihre Verteilung
auf die einzelnen Befestigungen an der Elbmndung entzog sich der
Beobachtung, da ber alle diese Transporte nichts in der Presse
mitgeteilt wurde, der Dienst auf der Kstenbahn sich unter einer
strengen Aufsicht vollzog und von lokalen Ereignissen nur die Zuschauer
an Ort und Stelle erfuhren.


                               Im Dom.

Der 21. Mrz war durch kaiserliche Verordnung zum allgemeinen Bu- und
Bettag bestimmt. Noch einmal wollte man den Schutz des Hchsten auf die
deutschen Waffen herabflehen, noch einmal wollte man eine Stunde ruhiger
Sammlung haben, bevor der Sturm losbrauste. Der Gottesdienst im Berliner
Dom war auf 10 Uhr vormittags angesetzt. Der Kaiser hatte seine Residenz
um 8 Uhr morgens verlassen und war mit der Kaiserin und dem Kronprinzen
hinausgefahren nach Charlottenburg und Potsdam, um in den beiden stillen
Kapellen, die die Grber der beiden ersten Hohenzollernkaiser bergen,
einen stillen Abschied zu nehmen. Niemand war Zeuge gewesen dieser
Stunden, da des Reiches Herrscher mit den Seinen an jenen, durch groe
Erinnerungen geweihten, Sttten weilte.

Reges Leben herrschte in der Reichshauptstadt, als die kaiserliche
Equipage sich dem Brandenburger Tore wieder nherte. Ohne allen
militrischen Pomp durchfuhr der Kaiser die Linden, berall von der
Menge mit donnernden Zurufen begrt. Zahllose Blumen flogen in den
kaiserlichen Wagen, man hatte das Bedrfnis, dem Monarchen seine Liebe
und Anhnglichkeit durch diese letzten Spenden zu bezeichnen, denn am
Tage darauf wollte der Kaiser zur Armee abreisen. Am Morgen hatte ein
Berliner Blatt berichtet, ein Groindustrieller habe ein Gesuch an den
Kaiser gerichtet, er wolle eine Million fr die verwundeten Krieger zur
Verfgung stellen, wenn sein einziger Sohn von der Dienstpflicht befreit
werde. Der Kaiser habe am Rande der Bittschrift bemerkt: Ablehnen, mein
Sohn mu auch mit.

Der gewaltige Prachtbau des Berliner Domes war bis auf den letzten Platz
gefllt. Fast nur Uniformen; hier war noch einmal die Fhrerschaft der
Armee, soweit sie nicht schon an der Grenze stand, um ihren Kaiser
versammelt. Als die kaiserliche Familie ihre Loge betrat, ging ein
Gemurmel durch die Versammlung. Ein metallisches Klirren und Knirschen
des kriegerischen Schmuckes, aller Augen wandten sich einen Moment dem
Herrscher zu und eine rauschende Bewegung ging durch die Menge.

Die Worte des Predigers waren in dem weiten Gotteshaus verhallt; und
whrend alle, die hier die Kniee gebeugt hatten vor dem Gott, der die
Geschicke der Vlker in seiner Hand hlt, noch ihren Gedanken nachhingen
und von der Vergangenheit Abschied nahmen, begann leise die Orgel mit
ganz leisen, kaum hrbaren perlenden Akkorden, bald anschwellend zu
brausenden Tnen, bald fast verklingend in den Wlbungen der Decke und
in den Kapellen und Nischen ein leises Echo weckend. Dann setzte die
Orgel wieder machtvoll ein und der Sturmgesang, der einst ein armes Volk
begeistert und gefhrt hatte zum Kampfe gegen den bermchtigen Feind,
er brach hervor mit ergreifender Gewalt, und jetzt begann der Domchor,
und er klang hinaus wie Donnerhall dieser Schlachtensang, dieser
eifernde Schrei um Hilfe: Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten
und hinaus sangen sie es alle und fromme Begeisterung, die dem Hchsten
bekennt, da ohne ihn kein Sieg, erklang hinaus, da die gewaltigen
Mauern dieser Trutzkirche des protestantischen Glaubens erdrhnten.

Leise ffneten sich die Tren, die ersten Bnke leerten sich bereits, in
den breiten Eingangspforten drngten sich glitzernde Uniformen, da
mischte sich in die Tne des verhallenden Chorals von drauen her ein
scharfer, heller Klang. Der Gottesfrieden ward durch einen rauhen Ton
zerrissen, die Gotteswelt versank, ein Rasseln wie von klirrendem
Metall. Als die Ersten hinaustraten in den sonnigen, strahlenden
Frhlingstag, hielten ihnen tausend Hnde etwas entgegen, was, rasch
entziffert, die Meldung trug: _Die Englnder bombardieren Cuxhaven_.
Donnernde Zurufe empfingen den Kaiser, als er das Gotteshaus verlie und
rasch zu Fu, die Kaiserin am Arm, die Strae berschritt und im Portal
des kaiserlichen Schlosses verschwand.

Der erste Blitz war herniedergefahren, zndend, vernichtend, verwstend
und zertrmmernd, wann folgte der zweite und wohin traf er?




                          Ran an den Feind!


Um 4 Uhr nachmittags am 20. Mrz lief auf der Funkspruchsstation
Helgoland ein Zifferntelegramm aus Cuxhaven ein, das den kommandierenden
Admiral des auf der Reede liegenden Geschwaders ber die politische Lage
informierte und ihm neue Befehle bermittelte. Der Admiral begab sich
von Bord seines Flaggschiffes Kaiser Wilhelm II. sofort an Land und
hatte eine lngere Unterredung mit dem Kommandanten von Helgoland. 
Stunde spter legten sich die zehn Hamburger Kohlendampfer, die sich
beim Geschwader befanden, in einige Entfernung lngsseits der
Linienschiffe, und an den durch Stahltrossen konstruierten Schwebebahnen
krochen bald die schwarzen Kohlengefe hinber zu den nur leise auf und
nieder stampfenden Panzern, wo sie prasselnd in die schwarzen Schlnde
der Bunker entleert wurden, whrend die Torpedoboote unten an der
kleinen Mole anlegten und dort ihre Kohlenvorrte auffllten. Gegen 6
Uhr wurden die Trossen wieder eingeholt und die Kohlenschiffe nahmen
ihren Weg nach der Richtung von Cuxhaven, bald im abendlichen
Dmmerlicht nur noch als eine braune Rauchwolke am Horizont erkennbar.

In der ruhigen See wiegten sich die grauen Leiber der fnf Panzer der
Wittelsbach-Klasse neben ihnen der Kaiser Wilhelm II. und etwas
seewrts die Kreuzer Friedrich Karl und Prinz Adalbert mit ihren
drei schlanken Schloten. Weiter drauen, einen Halbkreis nach Westen
bildend, lagen die vier Kreuzer Gazelle, Medusa, Niobe und
Nymphe. Die scheidende Sonne berstrahlte den abendlichen Himmel mit
gelben und glutroten Farben, die sich auf der leise wogenden Meeresflut
in schimmernden Reflexen widerspiegelten. Fortwhrend wurden zwischen
dem Lande und dem Admiralsschiff, sowie zwischen diesem und den
einzelnen Schiffen des Geschwaders, Signale gewechselt. Als im
Abenddmmern die Winkflaggen nicht mehr zu erkennen waren, blitzten oben
zwischen den Signalmasten die farbigen, elektrischen Lichter als
feuerige Funken auf, einen steten Kontakt zwischen dem Kommandanten und
seinen Unterfhrern unterhaltend. Die Schiffe des Geschwaders waren die
einzigen Punkte, die das eintnige Graugrn der Meeresflche
unterbrachen. Nur ganz fern im Norden steuerte ein schwarzer, niedriger
Frachtdampfer, an den hellen Flchen auf seinen Vorder- und Hinterdeck
als Holzdampfer erkennbar, nach Sdwest, offenbar ein Schiff, das von
dem drohenden Unwetter noch keine Nachricht erhalten hatte und friedlich
seinen Weg fortsetzte, der einzige lebende Punkt in der weiten
Wasserwste. Die Bewohner der Insel standen in dichten Scharen oben an
der steinernen Brstung der Falm von dort aus mit scharfen Glsern den
Horizont absuchend.

Unten am Marinepier lagen die sechs schwarzen Hochseeboote S. 114 bis
119, taktmig auf der ans Ufer drngenden breiten Dnung sich an der
Mole hebend und senkend. Kapitnleutnant Westerkamp betrat jetzt, vom
Oberlande kommend, begleitet von den Fhrern der anderen Boote, eiligst
die Mole, verabschiedete sich mit kurzem Hndedruck von seinen Kameraden
und ging an Bord von S. 114. Im Schatten des hohen Felsenufers von
Helgoland lagen die sechs Boote fast schon in vollkommener Dunkelheit,
und die wenigen Neugierigen, die von dem Doppelposten am Strande vor der
Mole zurckgehalten wurden, vermochten nur wenig von dem zu
unterscheiden, was an Bord der Torpedoboote vor sich ging. Da dort aber
rege Ttigkeit herrschte, konnte man daran erkennen, da huschende
Schatten die rotglhenden Deckslichter bald verdeckten, bald wieder
freigaben. Allmhlich aber ward alles ruhig, die Wache ging in hallenden
Schritten auf den Decksplatten auf und nieder und alles Leben schien auf
den schwarzen ernsten Schiffen erstorben.

Um dieselbe Zeit konnte man oben von der Falm aus und von der am meisten
nach Sdwest vorgeschobenen Batterie des Oberlandes ein merkwrdiges
Schauspiel beobachten. Nur ein dunkelroter Streifen, der die dsteren
Regenwolken, die sich am westlichen Horizont zusammengeballt hatten, in
ihren unteren Konturen noch scharf erkennen lie, zeigte die Stelle, wo
die Sonne untergegangen war. Eine frische Brise von Westen war
aufgesprungen und schlug die Drhte des Signalmastes der
Funkenspruchstation hart aneinander. Es lag wie Gewitterstimmung in der
warmen Luft. Das Licht des steinernen Leuchtturmes brannte diese Nacht
nicht mehr, das erste Zeichen des Kriegszustandes. Da blitzte es
pltzlich im Sdwesten auf wie fernes Wetterleuchten, und weie
Lichtgarben schossen pltzlich aus der Wasserflche empor, dreimal,
viermal, in kurzen, unregelmigen Zwischenrumen, lautlos aufsprhend
wie Raketenfeuer. Pltzlich zuckten auch vom Leuchtturm aus mehrere
Blitze, den westlichen Teil der Insel mit weiem Licht bergieend. Dann
war mit Gedankenschnelle diese stumme Lichtsprache wieder verschwunden
und die Dunkelheit schlug ber diesem Feuerwerk wieder zusammen, nur in
dem kleinen Gebude der Funkenspruchstation prasselten und knatterten
die elektrischen Funken, die Mitteilung an den kommandierenden Admiral
weitergebend, da das Kreuzergeschwader Wilhelmshaven um 4 Uhr
nachmittags verlassen habe und, jetzt auf der Hhe von Helgoland
befindlich, seinen Weg entsprechend der dem Admiral bekannten Befehle
nach Norden fortsetze.

Um 8 Uhr betrat Kapitnleutnant Westerkamp wieder das Deck des
Torpedobootes S. 114. In die Tr des niedrigen Signalhauses tretend,
hielt er seine Uhr gegen das Licht der kleinen Laterne an der
Steuermaschine. 8 Uhr, sagte er leise zu dem Mann an der
Maschine, schlo die Tr hinter sich und ergriff den Hebel des
Maschinentelegraphen. Unten im Maschinenraum rasselten die Klingeln und
kurz darauf warfen die dicken Schlote der Boote schwere Rauchwolken aus.
Die Trossen wurden gelst, noch ein Signal an die Maschinen und lautlos
verlieen die Boote ihren Liegeplatz, sofort von der Dunkelheit
verschluckt, in der einige Minuten spter zwei grne Funken wie gierige
Raubtieraugen erglhten, von der Stelle, wo das Admiralsschiff lag, mit
einem anderen Glhsignal beantwortet.

Helgoland war gesichert gegen jeden unvermuteten berfall. Whrend das
Geschwader sdstlich der Insel liegen blieb, bildeten die Kreuzer in
weiter Entfernung einen Halbkreis um die Insel und zwischen ihnen hielt
eine Reihe vorgeschobener Torpedobootposten scharfe Wacht. Die von
Kapitnleutnant Westerkamp befehligte Division hatte den Auftrag, in der
Richtung auf den Kanal aufzuklren, whrend die Panzerkreuzer Prinz
Adalbert und Friedrich Karl in derselben Richtung Fhlung mit dem
Feinde suchen sollten, dessen Herannahen in dieser Nacht bereits zu
erwarten war. Die einzelnen Schiffe standen durch Funkspruch miteinander
in Verbindung, so da jede Nachricht sofort auf der ganzen Postenkette
bekannt werden konnte.

Gegen Mitternacht befand sich die Division des Kapitnleutnant
Westerkamp, mit 25 Knoten Geschwindigkeit die Wogen durchrasend, etwa
auf der Hhe von Terschelling. Kein Lichtschimmer, keine Laterne verriet
den Weg der schwarzen Schiffe. Um den messerscharfen Bug sprudelte das
dunkle Wasser, helle Schaummassen bis zum Wellenbrecher emporwerfend.
Kapitnleutnant Westerkamp befand sich unten in der Offiziersmesse, dort
auf der Seekarte den Weg der Division eine Seemeile um die andere
verfolgend. Leise nur drang das taktmige Stampfen der Maschine, die
den ganzen Schiffskrper in harten Schwingungen vibrieren lie, aus dem
Maschinenraum zu ihm herber. Die Division hatte den Befehl, den Feind,
falls er schon unterwegs angetroffen werden sollte, ohne weiteres
anzugreifen. Wrde man den Feind nicht finden, so hatte die Division den
Befehl, bei Tagesanbruch auf die beiden Panzerkreuzer zurckzufallen und
abends wieder vorzugehen, um womglich in der Nacht noch die englischen
Kriegshfen zu erreichen und, wenn eine Gelegenheit gnstig, feindliche
Schiffe berraschend anzugreifen.

Gegen Mitternacht zog sich Kapitnleutnant Westerkamp seinen lrock an
und begab sich, die schmale, steile Treppe emporklimmend, wobei schon
die starken Schwankungen des Bootes infolge heftiger werdenden
Seeganges, deutlich zu spren waren, wieder an Deck.

Es war eine finstere, sternenlose Nacht. Schon wenige Meter vom Schiffe
aus verschwamm alles in absoluter Dunkelheit und nur das an diese
bereits gewhnte Auge vermochte links und rechts die beiden zur Seite
fahrenden Boote als schwebende Schatten zu erkennen. Gurgelnd und
schumend verschwanden die von leichten Schaumstreifen gekrnten Wogen
in rascher Fahrt hinter dem Schiffskrper, der auf ihnen eine graue Bahn
rauschender Schaumblasen zurcklie. Die hinteren drei Boote vermochte
man in der Finsternis, die wie aus Stahlblcken gefgt wie eine Wand vor
den Augen stand, nicht zu erkennen. Das taktmige Schlagen der
Maschinen und ihre dumpfen Kolbenste waren der einzige, rings
vernehmbare Laut. Im Feuerraum flogen die Kohlen Schaufel um Schaufel in
die glhenden ffnungen der Kesselfeuerungen. Der hochgespannte Dampf
surrte und brauste in den Ventilen und wie am offenen Hllenrachen sah
man die schwarzen Gestalten der Heizer in dem rotglhenden Lichte
arbeiten, sobald die Feuertren sich ffneten, und unablssig flogen die
Kohlen Schaufel um Schaufel in die Feuerungen.

Vergebens suchte man mit starren Augen die kompakte Dunkelheit zu
durchbohren. Da blitzte pltzlich ber Steuerbord eine weie Lichtgarbe
auf, ganz fern die wogende Meeresflche mit bleichem Lichte berziehend
und nach Sekunden wieder verlschend: War das Freund oder Feind? berall
rasselten die Klingeln der Maschinentelegraphen. Die Fahrt wurde auf 28
Knoten erhht. Einen Moment drngten sich die Boote auf einen Haufen
zusammen, um dann strahlengleich nach vorwrts auseinander zu schieen,
jedes das andere aus dem Gesichtskreis verlierend. Der Wind pfiff frisch
ber die dunkle Seeflche, und jetzt, wo man die Wogen schrg vom
Backbord bekam, platschten wuchtige Spritzer ber Deck. Kapitnleutnant
Westerkamp bernahm nunmehr das Kommando seines Bootes selber und hielt
nach der Stelle, wo der Blitz des Scheinwerfers die Anwesenheit fremder
Schiffe verraten hatte. Und weiter pflgte der schwarze Schiffsleib und
die peitschenden Schrauben das schwarze Meerwasser.

Da erschien vorn bers Steuerbord ein huschender Schatten, der den Weg
von S. 114 kreuzte. Zwei Minuten spter und man passierte einen
grauen, kaum bemerkbaren Schaumstreifen, der den Weg eines feindlichen
Bootes flchtig markierte. Die erste Postenlinie des Feindes war
passiert. Alle Pulse flogen, fest und sicher aber ruhte des Fhrers Hand
auf dem Hebel des Maschinentelegraphen. Noch ein Moment und noch einer,
da stieg eine graue nach oben zackig ausgerissene Wand vor den Blicken
auf, herumgerissen den Hebel, ein leiser metallener Klang von unten aus
der Maschine, der Schiffskrper erbebte unter den Vibrationen, S. 114
nderte seinen Kurs, ein wenig nach Backbord abfallend. Jetzt war man
auf gleicher Hhe mit dem dunklen Schatten.

Der Leutnant stand bei den Mannschaften am ersten Torpedorohr, jetzt das
Kommandosignal: Los, ein Ri am Abzuge und klatschend sauste der
blanke Metallkrper ins schwarze Wasser. Wird der Schu treffen, man
zhlte in Gedanken 100 m ... 200 m ... 300 m ... 400 m ... jetzt, da
schumte gerade aus, ganz hinten ein weier Wasserberg auf, ein dumpfer
Krach wie von zerreiendem Metall und eine glnzende Wassergarbe stieg
mittschiffs des feindlichen Panzerkreuzers auf. ...

Da, blendende Helle, weie Strahlengarben. Pltzlich war das Deck in
grelles Licht getaucht. Die Mannschaften an den Torpedorohren erschienen
wie Gespenster aus der Dunkelheit auftauchend, zwei andere Boote zur
linken Seite ebenfalls in Tageshelle. Von ihr geblendet vermochte das
Auge den rasch aufeinander folgenden Ereignissen kaum noch zu folgen.
Rasselnde Signale, laute Kommandos, das Wasser spritzte auf und von
drben her, wo pltzlich die sich kreuzenden elektrischen Scheinwerfer
eine ganze Flotte dem berraschten Blick zeigten, begann das taktmige
Knattern der Maschinengeschtze, der Schnellfeuergeschtze. Wieder eine
dumpfe Explosion, man war mitten in der feindlichen Flotte und es galt
jetzt, wo der eigene Untergang gewi, dem Feinde nach Krften noch
Schaden zu tun. berall plumpsten die schweren Stahlgranaten ins Wasser,
spritzende Geyser in die Luft schleudernd, hier und da knickten an den
Lancierrohren die Mannschaften zusammen. Auf S. 115 fehlte pltzlich
ein Schornstein. Am Heck von S. 114 platzte eine 15 cm Granate die
Decksplatten aufreiend und das hintere Lancierrohr ber Bord werfend.
S. 117 kmpfte nach Backbord, dort einem englischen kleinen Kreuzer
von der Pelorus-Klasse, dessen Konturen sich gegen das Licht der
hinter ihm aufleuchtenden Scheinwerfer deutlich abzeichneten, aus beiden
Rohren Torpedos lancierend. Sobald die Wasserstrahlen an seiner
Backbordseite aufschumten, legte sich der Kreuzer weit ber, dem Feinde
sein schrges von Menschen wimmelndes Deck zeigend. Heulende Geschosse
durchfuhren die Luft. S. 118 hatte seinen Gegner zweimal gefehlt und
whrend es die Rohre von neuem lud, fate es einen neuen Feind ins Auge.
Pltzlich fhlte die Besatzung den Boden unter sich wanken, der am
hinteren Torpedorohr stehende Maat sah eine riesenhohe schwarze Wand zum
Greifen nahe neben sich erscheinen, fhlte die Decksplatten unter sich
zerreien und suchte sich vergebens an der glatten, nassen Eisenwand
neben ihm zu halten, aus der oben gelbe Blitze zuckten. Ein feindlicher
Kreuzer war einfach ber S. 118 hinweggefahren, das Boot mitten
zerschneidend und es unter sich in die Tiefe drckend. Der Maat erzhlte
nachher -- er war der einzige berlebende der Besatzung -- er sei mit
dem Boote in die Tiefe gegangen und habe im letzten Augenblick noch den
glhenden Dampf der explodierenden Maschine, der von unten
herausstrmte, gesprt; als er wieder an der Oberflche erschien, fhlte
er einen schweren Krper neben sich im Wasser treiben, ein Stck von der
Deckeinrichtung des gesunkenen englischen Kreuzers. Hieran sich
anklammernd und von seiner Korkweste getragen, habe er sich bis
Tagesanbruch ber Wasser gehalten, worauf er von einem englischen
Torpedoboot aufgefischt wurde.

Nach einer Viertelstunde herrschte wieder tiefe Stille auf dieser Sttte
der Vernichtung. Das englische Geschwader hatte zwei Kreuzer Pelorus
und Diadem verloren, die fast augenblicklich gesunken waren. Der
englische Panzerkreuzer Cressy, von einem Torpedo an der Stelle an
Steuerbord getroffen, wo der Panzergrtel dicht hinter dem zweiten Mast
aufhrt, war mit schwerer Havarie zurckgekehrt, um im heimatlichen Dock
zu reparieren. Auerdem waren zwei englische Torpedoboote, die sich
gegenseitig in dem ^ple-mle^ angerannt hatten, gesunken. Von den
deutschen Booten war nur S. 115 fast unbeschdigt durch die englische
Linie durchgebrochen, S. 114 gelang es in der Dunkelheit nach
Wilhelmshaven zu entkommen. Alle anderen Boote hatten den Angriff mit
ihrer eigenen Vernichtung bezahlt. Im allgemeinen konnte man mit dem
Ergebnis zufrieden sein.

Die beiden Panzerkreuzer Prinz Adalbert und Friedrich Carl hatten
von fern aus das Gefecht beobachtet. Auer stande bei einem so
ungleichen Kampfe einzugreifen, hatten sie sich zurckziehen mssen. Sie
erschienen, Fhlung mit dem Feinde behaltend, gegen 7 Uhr morgens in der
Nhe von Helgoland, die durch die kleinen Kreuzer gebildete Postenkette
langsam mit sich zurcknehmend. Da die elektrischen Wellen der
Funksprche sich fortwhrend strten und eine Verstndigung zwischen den
Kreuzern und der Station in Helgoland unmglich machten, erfuhr man erst
gegen 8 Uhr in Helgoland Genaueres von dem Gefecht.

Gleichzeitig meldete der im Nordosten der Insel, auf der Hhe von
Westerland stationierte Kreuzer Kaiserin Augusta das Herannahen des
zweiten feindlichen Geschwaders und um 9 Uhr meldete ein Funkspruch, da
das Torpedoboot S. 115 bei Sylt eingetroffen sei. Das Boot habe nach
dem Nachtgefecht beim Passieren der englischen Flotte deren ungefhre
Strke feststellen knnen, sie bestnde aus ca. 20 Schiffen und habe
eine ganze Reihe von Kohlendampfern bei sich. Der Feind nahte also
heran.


                    Das Bombardement von Cuxhaven.

Am 21. Mrz morgens 9 Uhr war fr die Besatzung von Cuxhaven -- der Tag
war bekanntlich ein allgemeiner Bu- und Bettag -- Kirchgang angesagt.
Die Garnisonkirche war bis auf den letzten Platz gedrngt voll. Der
Prediger hatte kaum begonnen, da tnten pltzlich von drauen her
schmetternde Signalhrner und rasselnde Trommelwirbel. Auf den Straen
wurde Generalmarsch geschlagen, und whrend der Prediger eine Pause
machte und nach den ungewohnten Tnen hinhorchte, wurde die Tr
aufgerissen und jemand schrie ins Gotteshaus hinein: Die Englnder
kommen. Keiner hrte mehr auf die Friedensworte von der Kanzel, scharfe
Kommandoworte und hinaus strmten Mannschaften und Offiziere aus den
Kirchtren. Drauen wurde schnell angetreten und whrend die Signale aus
den Straen des Stdtchens herbertnten und drben an der Ecke ein
blasender Hornist erschien, eilten schon einzelne Abteilungen der
Matrosenartillerie im Laufschritt in der Richtung nach den beiden
Batterien Kugelbaake und Grimmerhrn.

Aus allen Husern traten die Bewohner mit angsterfllten Blicken auf die
Strae, anscheinend noch die Bedeutung dieses pltzlichen Alarms nicht
erfassend, aber schon verbreitete sich mit Windeseile das Gercht vom
Herannahen des Feindes. Und in fliegender Hast strzte man wieder in die
Wohnungen, dort die wenigen Kostbarkeiten zusammenraffend und in der
lhmenden Aufregung Dinge rettend und bergend, die des Aufhebens nicht
wert waren. Noch konnte es ja Stunden dauern, vielleicht war auch der
Feind schon in nchster Nhe, aber bereits begann die Einwohnerschaft
von Cuxhaven die Stadt zu verlassen. Vom Hafen her drhnten heulende
Dampfpfeifen und die Sirenen der Schleppdampfer, die die Fischerboote,
breite Ewer und schlankere Kutter, auf denen die Fischerbevlkerung ihre
Habseligkeiten schon am Tage vorher in Sicherheit gebracht hatte,
nunmehr in langen Reihen stromaufwrts zogen. Polizisten gingen von Haus
zu Haus, um die Bewohner im Hinblick auf ein mgliches Bombardement zum
Verlassen ihrer Wohnungen aufzufordern. Auf dem Bahnhofe wurden Zge
rangiert und hastendes, nervses Leben herrschte pltzlich in der
kleinen Stadt. Allerlei Hausrat lud man auf Wagen, andere schrien sich
heiser nach Karren und sonstigen Befrderungsmitteln und rangen
verzweifelt die Hnde, ihr Eigentum im Stich lassen zu mssen. Der
Bahnhof war bald von dichten Scharen umlagert, die immer neuen Zuflu
aus allen Straen erhielten. Obgleich eine Abteilung der Hamburger
Polizei alles aufbot, Ordnung in das Chaos zu bringen, entspannen sich
wste Szenen als man erfuhr, da jede umfangreichere Gepckbefrderung
mit den schon seit dem Tage vorher bereitstehenden Bahnzgen
ausgeschlossen sei. Und immer von neuem schmetterten die Signalhrner.

Eine Schar von Hamburger Herren hatte sich auf der alten Liebe
gesammelt, von dort aus mit Fernglsern die Reede beobachtend und die
Vorgnge in den Batterien verfolgend.

Gegen 11 Uhr war der Hafen und der Strand vllig verdet. Die Straen
lagen still und menschenleer und nur vom Bahnhof herber drhnte das
Pfeifen der Lokomotiven und Rangieren der Zge.

Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Meere, von wo ferner
Kanonendonner bereits herber tnte. Am Horizont sah man eine Reihe von
Schiffen langsam herandampfen. Zunchst kamen die beiden
Kstenverteidiger Odin und Hagen, die an Cuxhaven schnell
vorberfuhren. Dann erschienen vier kleine Kreuzer drauen zwischen den
Snden, wo sonst die roten Feuerschiffe das Fahrwasser bezeichnet
hatten, und dann kam die Linie der sechs Panzerschiffe langsam in die
Elbmndung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die ihren
Schloten entquollen, konnte man deutlich die gelben Flammenblitze der
Geschtze erkennen. Vom Feind war noch nichts zu sehen, doch zeigten die
spritzenden Fontnen zwischen und diesseits der deutschen Schiffe, da
ein ernster Kampf im Gange war. Langsam zogen sich die deutschen Schiffe
in die breite Elbmndung zurck, und immer lauter erscholl der Donner
der schweren Geschtze. Gegen 11 Uhr erschien ganz weit drauen, noch
weiter hinaus als da, wo ein grauer Schatten die Lage des plumpen
viereckigen Leuchtturms von Neuwerk andeutete, eine Reihe
feuersprhender Linien, ber denen ein leichter blauer Rauchschleier
hing: die englische Flotte. Die sechs deutschen Panzer lagen ungefhr
auf der Hhe von Kugelbaake. Hinter ihnen, Cuxhaven rasch passierend,
barg sich ein Schwarm von Torpedobooten. Die vier kleinen Kreuzer und
die Kaiserin Augusta, sowie die beiden schweren Panzerkreuzer waren
bereits aus dem Gefechte ausgeschieden und dampften elbaufwrts. Auf dem
Friedrich Karl war der vordere Schornstein zerschossen, der mchtige
Schlot lag, nach vornber gebrochen, neben der Kommandobrcke. Die
Gazelle hatte zwei groe Schulcher dicht ber der Wasserlinie. Auf
der Kaiserin Augusta war ein Backbordgeschtz aus seiner Lafette
geworfen und ragte steil in die Luft. Im brigen waren an den Schiffen
keine schweren Beschdigungen zu erkennen. Jedes einlaufende Schiff
wurde von der Alten Liebe aus, die jetzt durch Militrposten von
Neugierigen langsam gerumt wurde, mit lautem Hurra begrt.

Noch immer schwiegen die Geschtze der Kstenbatterien, da die
Entfernung bis zum Feind noch zu gro war, auch seine Geschosse die
Batterien noch nicht erreichten. Aber immer zahlreicher wurden die
englischen Schiffe. Anscheinend gingen sie jetzt zum Angriff vor.
Gleichzeitig steuerten die sechs deutschen Linienschiffe, in Kiellinie
einander folgend, vorsichtig -- offenbar durch eine Lcke in der
Minensperre fahrend -- an Cuxhaven vorber und legten sich etwas
stromaufwrts des neuen Hafens vor Anker.

Da flammte es in der Batterie im Fort Kugelbaake auf. Die schweren 30,5
cm-Geschtze griffen in den Kampf ein, und heulend sandte die Batterie
ihren ersten Gru dem Feinde entgegen. Der nachhallende Donner des
Schusses lie alle Fensterscheiben in der Stadt erklirren. Nur in langen
Pausen fielen die Schsse von deutscher Seite. Eine Viertelstunde spter
blitzte es auch zwischen den grnen Erdtraversen des Forts Grimmerhrn
auf. Das Gefecht wurde diesseits nur von den Kstenbatterien gefhrt,
whrend das Geschwader, dessen strkstes Kaliber von 24 cm den Feind
nicht mehr erreichte, auf diese Schuweite gezwungen war, unttig dem
Artilleriekampfe zuzusehen. Der Feind war dagegen im stande, vermittels
seiner zahlreichen 30,5 cm (dem gleichen Kaliber wie in den deutschen
Kstenbatterien) und da seine Linienschiffe eine grere Maschinenkraft
besaen, die Einhaltung dieser Feuerdistanz zu erzwingen. Ein Vordringen
unserer Linienschiffe auf die Schuweite ihrer 24 cm-Geschtze htte
sie, wenn berhaupt die englischen Panzer dann nicht zurckwichen,
gezwungen, zunchst eine Strecke zurckzulegen, auf der sie der
feindlichen schweren Artillerie schutzlos preisgegeben waren, zumal die
Englnder, im Besitze genauer Seekarten, bei jedem Vorsto der deutschen
Schiffe die immerhin schmale Fahrrinne mit dem strksten Kaliber
energisch unter Feuer nahmen. Daher gab der Geschwaderchef den Befehl
zum vorlufigen Rckzuge und ging, wie erwhnt, etwas stromaufwrts,
auerhalb des feindlichen Schubereiches vor Anker.

Inzwischen tobte der Geschtzkampf mit voller Wut weiter. Alle kleineren
Kaliber schwiegen, da nur das Feuer der schwersten Geschtze auf solche
Entfernungen wirksam war. Immerhin folgten sich die Schsse nur in
langen Pausen, da man beiderseits bestrebt war, in Rcksicht auf die
beschrnkte Leistungsfhigkeit der schweren 30,5 cm-Rohre, das Material
zu schonen. Sobald die Kaiserin Augusta die Alte Liebe passiert
hatte, ging ihre Dampfpinasse zu Wasser, und steuerte in den Hafen
hinein. Ein Offizier stieg an Land und begab sich alsbald zu dem
Kommandofhrer der Kstenbatterien, um ihm seine genaueren Beobachtungen
ber die Strke und Zusammensetzung der feindlichen Flotte mitzuteilen.
Diese stimmten im groen und ganzen berein mit der letzten Meldung, die
man von der Beobachtungsstation auf dem Neuwerker Leuchtturm erhalten
hatte, bevor eine feindliche Granate dessen Laterne und den
Signalapparat zerstrte. Nur waren von Neuwerk aus noch vier schwere
Panzer gemeldet worden, mit merkwrdig hohen Aufbauten, also Schiffe,
die nicht zu der charakteristischen niedrigen Form englischer
Linienschiffe paten. Demnach befand sich bereits eine franzsische
Panzerdivision bei der englischen Flotte. Sie umfate, wie sich spter
herausstellte, die franzsischen Linienschiffe Charlemagne, Gaulois,
St. Louis und Bouvet.

Whrend das Fort Kugelbaake weniger zu leiden hatte, fiel die erste auf
Fort Grimmerhrn gerichtete feindliche Granate mitten in die Batterie,
und mit mathematischer Genauigkeit gezielt, folgten mehr als ein Dutzend
weiterer Geschosse. Reihenweise sanken die Kanoniere dahin, und zwischen
den nur durch Erdtraversen, aber durch keine Panzerung geschtzten
Kanonen rumten die feindlichen Granatsplitter in grauenvoller Weise
auf. Immer neue Mannschaften ersetzten die Gefallenen, die zu blutigen
Fleischklumpen zerhackt, ein entsetzliches Ende gefunden hatten. Die
Podeste hinter den Geschtzen waren von Blut und Fleischfetzen
schlpfrig, auf ihnen handhabten die dem Verderben schutzlos
preisgegebenen Artilleristen maschinenmig mit sehnigen Armen die
Ladevorrichtungen und schoben ein Gescho nach dem anderen in die heien
Rohre. Schu um Schu erschtterte die Luft und in dem Hllenspektakel
des eigenen und des fremden Feuers konnte man sich nur pantomimisch
verstndigen.

Um 2 Uhr war die Hlfte der Geschtze in Grimmerhrn auer Gefecht
gesetzt. Bei zwei Rohren waren die Liderungen durch hineinspritzenden
Sand und Steinstcke undicht geworden. Ein anderes Geschtz war durch
einen seitlichen Volltreffer auf die Lafette aus seiner Stellung
geworfen worden, und hatte einige Artilleristen mit seiner schweren
Masse unter sich zerquetscht. Das Innere der Batterie bot ein
scheuliches Bild der Verwstung. Blutige Fleischmassen in verbrannte
und zerrissene Uniformfetzen gehllt und rauchende Blutlachen da, wo
eben noch lebende Menschen gestanden. Eine Sanittsabteilung schleppte
unter dem feindlichen Feuer von Granatsplittern umsaust, einige
Schwerverwundete in die bombensicher eingedeckten Rume. Aber ohne
Zaudern traten neue Ersatzmannschaften aus dem Innern des Forts auf die
Ladepodeste, unablssig brllten und donnerten die Geschtze zwischen
den Erdtraversen hervor, die allmhlich, von krepierenden Geschossen
zerwhlt, ihre regelmigen Formen verloren und zu grauen Erdhaufen
wurden.

Drauen auf der Reede schoben sich die dunklen Silhouetten der
englischen Panzer immer enger zusammen. Der Feind feuerte nur aus den
vorderen Trmen mit dem schwersten Kaliber und drngte langsam in einem
Halbrund immer nher gegen die Elbmndung vor, den deutschen
Verteidigern so seine bestgeschtzte Stirnseite zukehrend. Aus den
grauen Schiffskrpern, deren Signalmasten und hohen Schornsteine
(teilweise paarweise nebeneinander gestellt, daran die Majestic-Klasse
erkennen lassend) jetzt deutlich zu unterscheiden waren, zuckten und
sprhten unaufhrlich die gelben Blitze, Tod und Verderben in die
deutschen Kstenbatterien schleudernd. Mit dem Glase konnte man jetzt
auch aufspritzende Wassersulen erkennen, wenn deutsche Granaten
zwischen den feindlichen Schiffen einschlugen. Aber nicht alle
Projektile versanken so nutzlos in den Wogen der See. Man hatte auf dem
Vorderdeck mehrerer englischer Schiffe deutlich die Explosion deutscher
Geschosse feststellen knnen. An Bord eines der Schiffe der
Majestic-Klasse sah man eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, worauf
der vordere Signalmast seitwrts ber Bord strzte. Ein anderes Schiff
schor pltzlich nach Backbord aus, so den deutschen Kanonieren die ganze
Steuerbordseite zeigend, worauf ein anderer Englnder herandampfte, um
das inzwischen noch mehrmals in der Wasserlinie getroffene und schwer
berliegende Linienschiff aus der Gefechtslinie zu schleppen.

Alles dies zeichnete sich fr das bloe Auge nur silhouettenhaft am
Horizonte ab. Vom Leuchtturm in Cuxhaven konnte man jedoch mit guten
Fernglsern die Treffer genauer beobachten. Es war von dort
festzustellen, da mehrere englische Schiffe drehten und nunmehr mit den
hinteren Turmgeschtzen das Gefecht weiterfhrten.

Sehr viel mehr als die Englnder litten die Franzosen, die mit ihren
hohen, leicht verletzlichen und nur ganz schwach gepanzerten Aufbauten
den deutschen Kanonieren bessere Zielpunkte boten als die niedrig
gehaltenen englischen Panzer. Zwei der franzsischen Linienschiffe (eins
von ihnen war anscheinend in Brand geraten), muten schon, nachdem das
Gefecht zwei Stunden gedauert hatte, aus dem Kampfe ausscheiden und
dampften seewrts. Ein drittes franzsisches Schiff, der Bouvet, hatte
das Feuer eingestellt. Es trieb schwerfllig schlingernd auf den Wogen
hin und her.

Es hatte sich wie man spter erfuhr folgendes ereignet: Eine deutsche
Granate hatte, zwischen dem vorderen Geschtzturm und dem etwas
hher liegenden Kommandoturm durchschlagend, nicht nur viele
Telegraphensignalleitungen durchschlagen, sondern war, schrg den
vorderen Schornstein durchbohrend, zwischen beiden Schloten durch das
Panzerdeck gefahren und hatte, im Maschinenraum krepierend, die ganze
Backbordmaschine mit fast smtlichen Kesseln zerstrt. Da der englische
Admiral kein Linienschiff aus der Feuerlinie herausnehmen wollte, um den
Bouvet abzuschleppen, lie man ihn einfach liegen, in der Hoffnung,
das Rettungswerk beim Dunkelwerden ausfhren zu knnen. Gegen 5 Uhr
nachmittags war der Bouvet, von drei weiteren deutschen Granaten
getroffen, vollstndig manverierunfhig. Zwar nahmen die schweren
Turmgeschtze hin und wieder das Feuer wieder auf, doch wurde gegen 5
Uhr die Decke des vorderen Turmes von einer Granate durchschlagen, die,
im Innern des Turmes explodierend, die Geschtzbedienung einfach zu Brei
zerquetschte. Da gleichzeitig eine Menge bereitliegender Kartuschen in
die Luft flog, entstand eine Panik an Bord. Hierauf geriet der Bouvet,
nur noch mit seiner Steuerbordmaschine arbeitend, durch Versagen des
Rudermechanismus ins Treiben, lag etwa 10 Minuten quer zu der Richtung
der deutschen Geschtze, wurde noch mehrmals getroffen und strandete
dann auf einer Sandbank, nunmehr ein hilfloses Wrack.

Es mute auffallen, da der Feind, whrend er dem Fort Kugelbaake nur
wenig anhaben konnte und dort kein Geschtz dauernd auer Gefecht
setzte, bereits mit dem ersten Schu in die Batterie von Grimmerhrn
getroffen hatte. Das Rtsel lste sich leicht. An Bord der englischen
Flotte befanden sich als Lotsen fr die deutschen Gewsser und
insbesondere fr die Elbe- und Wesermndung englische Dampferkapitne
und Steuerleute, die auf ihren regelmigen Fahrten nach Hamburg und
Bremen die Fahrrinne so genau kennen gelernt hatten, da sie auch nach
Entfernung der Seezeichen hinreichend Bescheid wuten, um die englische
Flotte sicher zwischen den Snden und Untiefen der Wattenkste zu
geleiten. Diese englischen Kapitne kannten selbstverstndlich auch die
Lage der deutschen Kstenbatterien und fr ein einigermaen geschultes
Auge war es ohne weiteres klar, da der Kanonier, der sein Geschtz auf
Grimmerhrn richten wollte, nichts weiter zu tun brauchte, als den
spitzen Turm der dicht dahinter liegenden Garnisonskirche als Richtpunkt
zu nehmen. Bei dem berraschenden Ausbruch des Krieges hatte man diesen,
der deutschen Marine natrlich gut bekannten Umstand bersehen und hatte
es beim Herannahen der feindlichen Flotte versumt, hier die ntigen
Vorkehrungen zu treffen. Das wurde durch Sprengung des Turmes jetzt im
feindlichen Feuer nachgeholt. Gegen 2 Uhr mittags war der Kirchturm
pltzlich von einer Staubwolke umhllt, worauf er und die Mauern der
Kirche unter lautem Krachen in sich zusammen sanken. Dem Feind war
dadurch ein bequemer Zielpunkt geraubt, womit sich dann auch die Zahl
der Treffer in Fort Grimmerhrn sehr schnell verminderte. Leider hatte
kurz vorher noch ein feindliches Gescho die bombensichere Decke einer
Munitionskammer durchschlagen, worauf dieses Magazin mit seinem Inhalt
in die Luft flog. Die niederfallenden Geschotrmmer und der Steinschutt
richteten unter den Husern von Cuxhaven gewaltige Zerstrungen an.

Um 4 Uhr nachmittags brannte Cuxhaven an mehreren Stellen. Da die Stadt
von den Einwohnern gerumt war, hatte das wenig zu bedeuten. Man
beschrnkte, um nicht nutzlos Menschenleben aufzuopfern, die
Lscharbeiten auf das Notwendigste, und lie brennen, was brennen
wollte, in der richtigen Erkenntnis, da durch die Feuersbrunst die
Englnder vielleicht bertriebene Vorstellungen von der Wirkung des
Bombardements erhalten wrden. In derselben Erwgung lie man 6 Uhr
abends in den Forts langsam ein Geschtz nach dem anderen bis auf zwei
Rohre verstummen. Und es schien wirklich, da der Feind glaube, da er
nicht nur die Batterien niedergekmpft habe, sondern auch die
Kstenstadt mit ihren Hafenanlagen in einen Trmmerhaufen verwandelt
habe, zumal die Lagerhuser und das Depot der Hamburg-Amerika-Linie am
Hafen lichterloh brannten.

Pltzlich kam Bewegung in die feindlichen Linien, Signale wurden
gewechselt, aus allen Schloten quollen dicke Rauchwolken, nur der
havarierte Bouvet blieb regungslos liegen. Die feindlichen Geschwader
bewegten sich vorwrts, das Feuer aus den schweren Geschtzen
verringernd und es bald darauf ganz einstellend. Eine Pause entstand
auch in dem diesseitigen Feuer.

Mit rauchgeschwrzten Gesichtern standen die deutschen Kanoniere an
ihren Geschtzen. Die letzte Ladung sa im Rohre und mit atemloser
Spannung verfolgte man das Herannahen der feindlichen Flotte, des
Kommandowortes harrend, das den Riesengeschtzen von neuem den Mund
ffnen sollte. Schon mit bloem Auge konnte man am Bug der vorderen
feindlichen Schiffe den sprudelnden Schaum erkennen, der durch die
rasche Fahrt, mit der die sthlernen Kolosse durch Tausende von
Pferdekrften vorwrts getrieben wurden, aufgewirbelt wurde. Es war ein
majesttischer und zugleich herzbeklemmender Anblick, diese Reihe
feindlicher Panzer heranrauschen zu sehen.

Die pltzlich eintretende Stille wirkte so eigenartig; das Tosen des so
schnell verstummten Geschtzkampfes klang im Ohre noch so intensiv nach,
da jedes kleinste Gerusch sofort die Vorstellung von dem Wiederkehren
des eben verhallten Donnergebrlls erweckte. Es war charakteristisch,
da, als man in der ungewohnten Stille nun das Knattern und Prasseln der
Feuersbrunst in dem hinter den Batterien liegenden Stdtchen hrte, sich
viele Artilleristen umwandten, in dem bestimmten Gefhl, von rckwrts
Maschinengeschtzfeuer zu erhalten.

ber Cuxhaven lag eine qualmende Rauchwolke, von unten durch die
aufleckenden Feuerzungen brandrot gefrbt, oben von den Strahlen der
scheidenden Abendsonne mit gelben Lichtern umrandet. Leise schumten und
brandeten die Wogen am Strande empor. Noch war der Feind etwa eine
Seemeile von der ersten Minensperre entfernt. Die nchsten Minuten
muten bereits die unterseeischen Minen mit den ersten englischen
Schiffen in Berhrung bringen, da tnte der bellende Schrei einer
Dampfsirene vom englischen Admiralsschiffe und fast im selben Augenblick
erhob sich, whrend die Panzerschiffe ihre Fahrt verlangsamten, mitten
im Fahrwasser, einer Riesenfontne gleich, ein weier, schumender
Wasserberg, und neben ihm noch einer und noch einer, und zwischen diesen
aufschieenden Strudeln erschienen an der Oberflche zwei schwarze
Krper, wie treibende Wrackstcke hin und her geworfen zwischen den
wtend aufgepeitschten Wogen. Und immer neue Fontnen und weie
Gischtsulen stiegen empor. Die Zeugen dieses wunderbar schrecklichen
Schauspieles auf dem Wasser vermochten sich die Vorgnge in den ersten
Sekunden nicht zu erklren. Dann aber, als eine gewaltige Woge an den
Strand prallte, bis auf den steinernen Uferdamm Schaummassen spritzend
und dann wieder in unwiderstehlichem Sog zurcksinkend, und eine neue
schaumgepeitschte Welle einen jener schwarzen Gegenstnde hoch hinauf
auf den flachen Strand schleuderte, wo er wie ein umgekipptes Boot
liegen blieb, da ward es klar, da die Englnder mit ihren
_Unterseebooten_, die sie der Flotte vorangeschickt hatten, Kontreminen
ausgelegt hatten und diese in der Nhe der deutschen Minen zur Explosion
gebracht und so die uere Minensperre vernichtet hatten. Die Mannschaft
der vier englischen Unterseeboote war hierbei dem sicheren Untergang
geweiht. Keiner von der Besatzung entkam und was dort unter der
Wasserflche vorgegangen, blieb ein stummes Geheimnis.

In demselben Moment, als der erste Wasserberg aufschumte, verwandelten
sich die bleigrauen, schweigenden Panzerschiffe wieder in feuerspeiende
Vulkane. Aus allen Geschtzffnungen lohten die gelben Flammen. Aus
allen Winkeln und Ecken, aus allen Stockwerken der Decksaufbauten, aus
allen Turmffnungen und Geschtzpforten sprhte und zuckte der Tod. Wie
Schloenhagel fuhren die Geschosse aus allen feindlichen Kalibern heran,
warfen ganze Lagen von Sand und aufgewirbelten Steinen ber die
Batterien, berall zersprangen feindliche Granaten und die
dichten Salven aus den Schnellfeuergeschtzen zerfetzten die
Geschtzbedienungen. Lautlos oder grliche Schreie ausstoend, sanken
die deutschen Artilleristen dahin, durch keine Panzerwand gegen das
feindliche Feuer geschtzt. Das Donnern und Gebrll aller Geschtze
vereinigte sich zu einem Hllensabbat, als ffne sich die Erde und als
schssen aus ihr die lodernden Gluten hervor. Hier vor der brennenden
Stadt die feuerspeienden Sandhaufen der deutschen Forts, drben die
flammenumzuckten, sthlernen Berge auf der wogenden Meeresflut.

Jetzt wo der Feind so nahe, jetzt war der Moment gekommen, wo die
deutschen _Mrserbatterien_ mit ihrem Steilfeuer eingreifen konnten.
Gedeckt durch die dicken Stahlwnde der Panzerungen, begannen sie ihr
Feuer. Wohin man blickte, nichts als flammende Blitze, tanzende,
zuckende, sprhende Flammen.

Und drben schlug's jetzt ein. Noch waren die feindlichen Staffeln
wohlgeordnet, aber jetzt gerieten sie in Verwirrung. Auf dem
Linienschiffe Ocean scho pltzlich eine weie Dampfwolke zwischen den
Schloten empor, den einen von ihnen ber Bord werfend. Eine
Mrsergranate hatte das Panzerdeck durchschlagen und hatte, im
Maschinenraum berstend, verschiedene Kessel zur Explosion gebracht. Auf
dem Panzer Glory explodierte ein Gescho im hinteren Turm, die zwei
langen Geschtzrohre nach vorwrts ber das Deck werfend. Der Panzer
verlangsamte seine Fahrt, bog nach Steuerbord aus, stie mit dem ihm
seitwrts folgenden Albion zusammen und beide Schiffe wurden jetzt das
Zielobjekt fr die Kstenbatterien. Auf dem Admiralsschiffe strzte der
hintere Gefechtsmast zerschmettert ber Bord, mit seinen Drahtseilen
anscheinend die eine Schraube unklar machend, denn das Schiff stoppte
und beschrieb pltzlich einen Kreis. Es herrschte durch diese pltzliche
Wirkung des deutschen Steilfeuers, dem die englischen Panzerdecks nicht
gewachsen waren, Verwirrung in den Reihen des Feindes. In dem
verhltnismig schmalen Fahrwasser lie sich die ursprngliche
Formation nicht mehr innehalten, mehrere Schiffe berhrten sich
gegenseitig. Das Linienschiff Ocean war leck geschossen und durch eine
Maschinenhavarie gefechtsunfhig. Dicke Wasserstrahlen der Lenzpumpen
quollen nach der dem Leck abgekehrten Seite aus dem Schiffsrumpfe
hervor. Dann wurde der Panzer von einem Kameraden zurckgeschleppt, wo
er jedoch unweit der Stelle, wo der Bouvet gestrandet war, ebenfalls
auf den Sand geriet.

Das war der Augenblick fr die deutschen Linienschiffe, in den Kampf
einzugreifen. Vorsichtig die zweite Minensperre in Kiellinie passierend,
ging es jetzt mit Volldampf auf den Feind los. Aber schneller, als man
erwartet, hatte sich dieser wieder rangiert, Kehrt gemacht und ging
unter voller Maschinenkraft wieder seewrts. Als die deutschen Panzer
das Feuer der Kstenbatterien maskierten, brach dieses pltzlich ab, die
Verfolgung des mit seinem Angriff abgeschlagenen Feindes dem Geschwader
berlassend.

Das Gefecht auf der Reede, welches von unserer Seite gegen den mehrfach
berlegenen Feind nicht weiter fortgefhrt werden konnte, entzog sich in
dem Abenddunkel der Beobachtung vom Lande. Vermge seiner greren
Schnelligkeit vermochte sich der Feind mit seinen strkeren Kalibern die
sechs deutschen Linienschiffe sehr bald vom Leibe zu halten. Um 8 Uhr
kehrte das deutsche Geschwader wieder in die Elbmndung zurck, die
Sicherung gegen feindliche Angriffe einer Postenkette von schnellen
Kreuzern berlassend, deren Zahl durch die am Nachmittag von Brunsbttel
eingetroffenen Schiffe Lbeck, Berlin, Mnchen wesentlich vermehrt
worden war.

Die deutschen Panzerschiffe waren vom Kampfe hart mitgenommen.
Namentlich die hohen Decksaufbauten waren arg zusammengeschossen und
durch die Splitterwirkung waren die Mannschaftsverluste recht hoch. Doch
sahen die Beschdigungen fr das Laienauge schlimmer aus, als sie in
Wirklichkeit waren. Vitale Teile waren kaum verletzt und alle deutschen
Panzer waren gefechtsfhig geblieben. Der 21. Mrz hatte jedoch
das besttigt, was in den letzten Jahren von verschiedenen
Marineschriftstellern immer wieder hervorgehoben worden war, da nmlich
die berlegene, niedrigere Bauart der englischen Panzerschiffe
praktischer fr den Kampf sei, als die der deutschen mit ihren hohen,
zwar martialisch aussehenden, dem Feinde aber ein gutes Zielobjekt
liefernden Aufbauten ber Deck. Und nun erst die Franzosen, die
Geschtzstnde und Brckendecks etagenweise bereinander stapeln bis zur
Grenze der Seefhigkeit dieser wuchtigen, hoch aufragenden schwimmenden
Festen! Whrend die niedrigen englischen Linienschiffe schwer zu
treffende Ziele waren, hatten die Franzosen ihre Liebhaberei fr
groteske Schiffsformen mit groen Mannschaftsverlusten und furchtbaren
Zerfetzungen des Schiffskrpers ber Wasser zu ben. Das deutsche
Geschwader nahm wieder seinen Ankerplatz innerhalb der zweiten
Minensperre ein. Zwei weitere Torpedo-Divisionen rckten noch spt am
Abend in die uere Vorpostenlinie vor. Der Standpunkt der feindlichen
Flotte, die sich anscheinend mit ihrem Gros auf Helgoland zurckgezogen
hatte, war um 9 Uhr abends noch in dieser Richtung an den zwischen den
Schiffen gewechselten Scheinwerfersignalen erkennbar. Whrend der Nacht
liefen durch Funksprche Meldungen ein, denen zufolge die feindliche
Flotte sich durch eine mehrfache Postenkette von Kreuzern und
Hochseebooten gegen einen Torpedoangriff von deutscher Seite geschtzt
hatte.

Nach dem Rckzuge des Feindes begannen beim Scheine elektrischer
Bogenlampen Pionierabteilungen die Verwstungen in den Kstenforts mit
mglichster Beschleunigung auszubessern, damit am nchsten Tage der
Feind auch hier wieder alles gefechtsbereit fnde. Abends trafen noch
mit der Kstenbahn zwei Zge der Hamburger Feuerwehr in Cuxhaven ein,
die mit ihren Dampfspritzen und von Spritzendampfern untersttzt das
Lschen des Feuers in der Stadt energisch in Angriff nahmen, aber noch
bis in die frhe Morgenstunde lag eine brandrote Wolke ber der
unglcklichen Stadt, ein Feuermal ber dem Grabe von Hunderten deutscher
Mnner. Der erste Vorsto des Gegners war, allerdings unter schweren
Opfern, abgeschlagen worden. Whrend der ganzen Nacht wurden durch
Sanittstransporte die Schwerverwundeten aus den Kstenforts nach dem
Bahnhofe berfhrt, um von dort nach den Hamburger Lazaretten evakuiert
zu werden.




                            Die Blockade.


Nach dem Bombardement von Cuxhaven trat eine gewisse Stockung in den
feindlichen Operationen ein. Die Verluste, die das vereinigte
Angriffsgeschwader erlitten hatte, mahnten es zur Vorsicht. Die
zerschossenen und havarierten Schiffe schickte man in die heimatlichen
Hfen und fllte die Lcken mit inzwischen neu mobilisierten Schiffen
aus.

Auch die Ausrstung der deutschen Schiffe wurde mit allem Eifer
vollendet. Am 2. April war die Mobilisierung auf jedem in Frage
kommenden Schiffe abgeschlossen, nur das Mitte Mrz vor Kiel
aufgelaufene Linienschiff Schwaben lag auf der dortigen Werft, um die
erhaltene schwere Bodenbeschdigung zu reparieren. Auerdem lagen die
Kstenpanzer Siegfried und Hagen, die vor der Kanalmndung
zusammengerannt waren, im Dock. Die veralteten Schiffe der
Sachsen-Klasse blieben in Wilhelmshaven vorlufig in Reserve.

Mit fieberhafter Eile wurden in Cuxhaven die zerschossenen Batterien
wieder hergestellt, einzelne demolierte Geschtze ausgewechselt und
auerdem wurden mit den bei Krupp und Erhardt vorhandenen Bestnden an
schwerer Artillerie neue Batterien errichtet. Der Panzer Wittelsbach
wurde, um eine rasche Reparatur seiner Beschdigung zu ermglichen, in
die eine Schleusenkammer von Brunsbttel gelegt, dort flickte man in
drei Tagen seine Schulcher wieder aus. Die schwer beschdigte
Gazelle wurde in das Dock von Blohm & Vo gelegt, das nach Brunsbttel
geschleppt worden war und dort auch spter nach der Schlacht bei
Helgoland gute Dienste tat. Ebenso wurden smtliche anderen Hamburger
Schwimmdocks an die Elbmndung befrdert, wo sie havarierte Torpedoboote
und kleine Kreuzer immer sofort aufnahmen, wenn diese mit Beschdigungen
aus der Blockadelinie zurckkehrten. Die zerstrte Minensperre wurde
wieder hergestellt und durch eine neue Linie ergnzt, in der man zum
ersten Male eine aus Stahltrossen gefertigte netzartige Sperre als
Schutz gegen die Unterseeboote anwandte.

Als ein guter Erfolg konnte es angesehen werden, da es am 28. Mrz
gelang, auf der Insel Neuwerk eine Ballonstation zu errichten, die in
Verbindung mit dem Fesselballon, der stndig ber dem Fort Kugelbaake
schwebte, nicht nur zur Beobachtung der Blockadeflotte diente, sondern
auch bei Tage wenigstens einen gewissen Schutz gegen Angriffe durch
Unterseeboote darstellte, die sich namentlich zahlreich bei dem
franzsischen Geschwader befanden. Bekanntlich sind flache
Kstengewsser aus einer gewissen Hhe fr den von dort aus
Beobachtenden durchsichtig, und die dunklen Krper der Unterseeboote
zeichnen sich auf dem hellen Meeresgrunde scharf ab. Es gelang mehrere
Male, von dem Beobachtungsposten im Ballon das Geschwader in der
Elbmndung rechtzeitig vor herannahenden Unterseebooten zu warnen. In
Verbindung mit diesem Nachrichtendienst erwiesen sich mehrfach die
Beobachtungsminen, die auf ein Signal der Ballonstation entzndet wurden
und durch ihre Explosion feindliche Unterseeboote zerstrten, als ein
ziemlich wirksamer Schutz. Nebenher wurde ein scharfer Postendienst
unterhalten; auch von Kiel aus sicherte man durch vorgeschobene Kreuzer
und die inzwischen als Hilfskreuzer eingestellten Schnelldampfer unserer
groen Reedereien die dnischen Gewsser gegen eine feindliche
Annherung.

Die in der Ostsee erreichbaren englischen Schiffe waren von deutschen
Kreuzern gekapert worden. Die meisten englischen Kauffahrer hatten
jedoch rechtzeitig in neutralen Hfen einen Unterschlupf gefunden.
Besonders in Kopenhagen lagen Dutzende von englischen Dampfern in langen
Reihen an den Kais. Leider konnte man nicht verhindern, da ihre
Besatzung auf Umwegen in die Heimat zurckkehrte, wo sie an Bord der
englischen Flotte eingestellt wurde.


                            Auf Vorposten.

Fr den Feind begann jetzt, weil man vor der Komplettierung der eigenen
Streitkrfte keinen neuen Schlag versuchen wollte, der ungeheuer
anstrengende Blockadedienst. Da man mit den ziemlich intakten deutschen
Streitkrften Tag und Nacht rechnen mute, wirkte dieser Dienst auf die
feindlichen Seeleute sehr ermdend. Wollte man durch Scheinwerfer nicht
seinen eigenen Aufenthalt verraten, war man an Bord der Englnder und
Franzosen nachts allein auf Auge und Ohr angewiesen. Dazu wurden die
Schiffe durch die rauhe See und durch heftige Strme frchterlich hin
und her geworfen. Durch khne Vorste deutscher Torpedoboote verlor die
Blockadeflotte eine Reihe von kleineren Schiffen, auch ein franzsisches
Panzerschiff wurde durch eine Torpedoexplosion schwer leck. Unter Deck
benutzte man empfindliche Telephonapparate, da man bei ruhiger See auf
diese Weise das Gerusch der feindlichen Torpedoschrauben im Wasser auf
weite Strecken hren kann. Solcher Vorpostendienst erschpfte die
Besatzung derart, da man, um die Mannschaften frisch zu erhalten, die
Kreuzer hchstens eine Woche in der Postenlinie lie und sie dann
ablste und zurckzog. Die dienstfreien Schiffe lagen seewrts der
Blockadelinie, halbwegs zwischen der dnischen Kste und der Doggerbank.

Der Panzerkreuzer Friedrich Karl, der durch den Kanal nach Kiel
zurckgekehrt war, befand sich nrdlich von Skagen in der uersten
Postenlinie, die gegen ein Herannahen des Feindes durch die
skandinavischen Gewsser sicherte. Alle Lichter waren sorgfltig
abgeblendet, die See ging hoch und spritzte weie Schaumflocken an den
Bordwnden empor. Oben auf dem Kommandostand erhielt der wachthabende
Offizier die Meldung aus dem ersten Signalmast, es scheine so, als ob
sich wenige Striche ber Backbord mehrere Schiffe bewegten. Ein leises
Signal in die Maschine lie diese mit voller Kraft angehen. Die Posten
an den Scheinwerfern erhielten ein Achtungssignal, der Kreuzer whlte
sich mit 21 Knoten durch die schwarze See. Pltzlich eine Wand weien,
blendenden Lichtes, das in den Augen schmerzte; vorn ber Backbord
flammte dicht ber den Wellen der Lichtstrom eines Scheinwerfers auf,
der mit seinem breiten Kegel pltzlich die schumenden Wogen vor dem Bug
des Friedrich Karl in voller Deutlichkeit zeigte. Einen Moment, und
das Vorschiff des Kreuzers sank in diese Lichtflut ein, durch die die
aufgespritzten Schaumtropfen wie Schneeflocken herniederrieselten. Wie
ein Phantom erschien der graue Schiffsrumpf von blendenden Reflexen
umspielt. Wie an Bord eines Geisterschiffes tauchten die hinter ihren
Geschtzen wie eherne Statuen stehenden Artilleristen gleichsam aus dem
Nichts empor, dann wuchs der ragende Signalmast mit seinem zierlichen
Gerippe von Stahldrhten aus der Dunkelheit heraus.

Drben zuckten jetzt in der Nacht ein paar gelbe Feuerzungen auf und
heulend sausten mehrere Granaten durch das Takelwerk des Friedrich
Karl, aber schon war sein Vorderschiff wieder von der Dunkelheit
verschluckt, und der letzte Schein des weiglhenden Lichtes fegte nur
noch ber das Achterdeck, den sprudelnden Wasserwirbel am Heck und den
ber die Wellen nachgezogenen Schaumstreifen im silbernen Schimmer
aufleuchten lassend. Die wieder einfallende Dunkelheit betubte das
geblendete Auge, und nur die roten Flammen aus den feindlichen
Geschtzrohren und das Sausen und das klatschende Einschlagen der
ziellos verfeuerten Granaten auf der Wasserflche gemahnte daran, da
das soeben Geschaute nicht nur eine Vision gewesen.

Da, ein tausendfacher, gellender Schrei, das Vorschiff des Friedrich
Karl hob sich von einem gewaltigen Sto. Der Scheinwerfer oben auf dem
ersten Signalmast blitzte auf und sandte seine weie Lichtflut aus der
Hhe nach vorn, wo ein Krachen und Bersten von zerrissenem Metall und
strzende schwere Gewichte einen Hllenspektakel machten. Ein
grauenhaftes Schauspiel bot sich dem entsetzten Blick: Der scharfe Sporn
des Friedrich Karl hatte sich in die Breitseite eines groen
Ozeandampfers eingewhlt. Der Wind trieb aus dessen drei mchtigen
Schloten die braunen Rauchschwaden seewrts, wo sie wie ein flatternder
Schleier ber den Wogen hinkrochen. Auf dem fremden Schiffe, an dessen
Bug der Name Lucania deutlich zu lesen war, liefen schreiend und
kommandierend ein paar Leute hin und her.

In diesem kritischen Moment platzten auf dem Friedrich Karl zwei
feindliche Granaten dicht neben dem vorderen Turm, der sofort
automatisch drehte und mit seinem 21 cm-Geschtz in die Dunkelheit
hineinscho. Auch die Backbordartillerie nahm das Feuer langsam auf.
Jetzt blitzte der englische Scheinwerfer von neuem auf und die dunkle
Meeresflche erschien pltzlich belebt von einer langen Reihe
feindlicher Schiffe: Die auf Kiel herandampfende englische Flotte.

Durch die gewaltige Maschinenkraft des deutschen Kreuzers war sein
mchtiger Rumpf weit in das feindliche Transportschiff hineingetrieben.
Ein paar Sekunden nach dem Zusammenprall lie der Friedrich Karl die
Schrauben rckwrts schlagen und ging langsam Zoll um Zoll rckwrts.
Als sich sein grauer Stahlleib zurckschob, klaffte ber ihm ein
riesenhaftes Loch mit verbogenen und zerrissenen Rndern an der
Bordseite der Lucania, aus dessen schwarzen Tiefen weier Wasserdampf
hervorquoll, und in das die See rauschend und polternd hineinstrzte.
Kaum war der Friedrich Karl wieder frei, so legte sich die Lucania
nach Steuerbord ber, dem deutschen Schiffe sein schrges, von Hunderten
von schreienden Menschen belebtes Deck weisend.

Einige der englischen Soldaten waren im naiven Selbsterhaltungstrieb auf
den Friedrich Karl hinbergesprungen, andere suchten die Boote klar zu
machen, was aber nicht mehr an der Steuerbordseite gelang, wo die
Reeling mit dem Bootsdeck bereits ins Wasser tauchte. Durch mehrere
Scheinwerfer war die schwarze Wasserflche hell beleuchtet. In der
ersten berraschung konzentrierten alle englischen Schiffe ihre
Aufmerksamkeit auf die unglckliche Lucania. Von den an Bord
befindlichen 1500 Mann Infanterie wurde jedoch kaum der dritte Teil
gerettet. Fast tausend Mann nahm das Unglcksschiff, als es nach wenigen
Minuten infolge einer Kesselexplosion, die den Schiffsrumpf in zwei
Teile zerri, sank, mit in die Tiefe. Noch ehe man sich ber die Gre
des Unglcks klar geworden, war der Friedrich Karl wieder von der
Dunkelheit verschlungen.

Die geplante berraschung des Kieler Hafens war also miglckt. Bereits
um 5 Uhr morgens wurde dort das Herannahen der englischen Flotte
bekannt; sie erschien am Tage darauf, durch den groen Belt dampfend,
weit drauen vor der Kieler Fhrde, worauf die beobachtenden deutschen
Kreuzer sich zurckzogen und sich auf einen intensiven Postendienst
beschrnkten. Da die englische Flotte den in Kiel stationierten
Streitkrften weit berlegen war, konnte man zunchst einen Angriff von
deutscher Seite mit Aussicht auf Erfolg nicht versuchen und begngte
sich damit, dem Feinde seinen Blockadedienst durch stetige nchtliche
Vorste zu erschweren. Nach den Erfahrungen des Bombardements von
Cuxhaven, welches die schwere Artillerie an Bord der angreifenden
englischen Flotte auerordentlich strapaziert hatte, war man offenbar
auf feindlicher Seite entschlossen, die Lebensdauer der schweren
Geschtzrohre nicht durch zweckloses Schieen unntigerweise zu
verkrzen.

Die Vernichtung der Lucania wurde in der Presse bekanntlich lebhaft
errtert, da man sich wunderte, wie ein solcher Zusammensto
_unvermutet_ erfolgen konnte, da doch der feindliche Scheinwerfer dem
Friedrich Karl jenes Transportschiff gezeigt haben mte. Dabei wurde
vergessen, da der Lichtkegel eines Scheinwerfers undurchsichtig ist.
Der Lichtkegel des englischen Scheinwerfers hatte sich gewissermaen wie
eine trennende Wand zwischen den Friedrich Karl und die Lucania
gelegt, so da der Friedrich Karl, nachdem er die Lichtzone
durchfahren, tatschlich unerwartet mit der Lucania zusammenstie.




                              Am Feinde.


Der am 21. Mrz mittags in Aachen eintreffende deutsche Gesandte aus
Brssel brachte die Besttigung, da die Franzosen die belgische Grenze
berschritten hatten. Man hatte sich bis dahin auf deutscher Seite
darauf beschrnkt, den Tunneleingang der Aachen-Ltticher Linie
militrisch zu besetzen, um so eine Unterbrechung dieser wichtigen
Strecke zu verhindern. Jetzt, da die politische Lage klar, erging der
Befehl, in Belgien einzurcken. Die beiden Kavallerieregimenter mit
einer Maschinengewehrabteilung und die beiden Bataillone, die am Tage
vorher schon unweit des Aachener Bahnhofes Alarmquartiere bezogen
hatten, um sofort die bereitgehaltenen Zge besteigen zu knnen,
verlieen, von den lauten Hurrarufen der Volksmenge begleitet,
nachmittags um 4 Uhr den Bahnhof der alten Kaiserstadt. Der erste Zug,
auf dessen erstem Lowry, der sich noch vor der Lokomotive befand, aus
Schienen und Eisenbahnschwellen fr zwei Maschinengewehre kugelsichere
Deckungen hergerichtet waren, erhielt gegen 6 Uhr abends dreiviertel
Wegs nach Lttich aus einem Walde heftiges Gewehrfeuer. Die
Maschinengewehre brachten es schnell zum Schweigen, die Truppen
verlieen die Wagen und bezogen zu beiden Seiten der Bahn eine
ausgedehnte Vorpostenstellung. Es galt zunchst festzustellen, ob, wie
die Gerchte wissen wollten, bereits franzsische Truppen soweit gegen
die deutsche Grenze vorgeschoben seien. Einfach heute schon nach Lttich
hineinzufahren, verbot die Schwche dieser Vortruppen.

Kurz vor der Stelle, wo die Bahn den zu beiden Seiten sich hinziehenden
Wald verlt, um dann auf einer kleinen Brcke einen Bach zu passieren,
worauf sie jenseits bald wieder im dichten Walde verschwindet, hielt am
anderen Morgen eine Patrouille des rheinischen Husarenregimentes.

Meyer, sagte der Gefreite Busch, wir wollen einmal bis an die
Waldzunge vorgehen, mir ist so, als hrte ich ein leises Gerusch in den
Schienen; mglich, da ein Zug herankommt. Von dort werden wir ihn
jedenfalls besser beobachten knnen.

Vorsichtig die beiden Pferde am Zgel fhrend, folgte Meyer durch das
Unterholz dem Gefreiten. Nach etwa zehn Minuten standen sie am Rande des
Waldes und berblickten jetzt den Bahnkrper, die kleine Brcke und den
in der Morgensonne weilich glnzenden zweifachen Schienenstrang, der
sich weiterhin zwischen den schwarzen Stmmen des Waldes wieder verlor.
Vom Feinde war nichts zu sehen; tiefe Ruhe herrschte unter den hie und
da schon einen hellgrnen Schimmer zeigenden Baumwipfeln, in denen die
Vgel ihr lustiges Morgenliedchen pfiffen. Da wo sich der
gegenberliegende Wald zum Bahndamm herniedersenkte, stand auf den
Schienen eine Lokomotive, ganz ruhig, wie hingezaubert in diese
friedliche Stille.

Flsternd machten sich die beiden Husaren auf diese berraschende
Erscheinung aufmerksam. Wie vergessen stand die Maschine da, kein
Dampfwlkchen verriet, ob Bewegung in ihr wohnte. Kein Mensch war hinter
den ovalen Fenstern des Fhrerstandes zu erblicken, ringsum zwitscherten
die Vgel und rauschten leise im Morgenwinde die Zweige der Bume.

Meyer, wir mssen weiter vor, folgen Sie mir, wir wollen hier links
durch den Wald ber den Bach hinbergehen und dieses belgische
Verkehrsinstrument einmal untersuchen. Langsam sich hinter den
Baumstmmen deckend, ritten die beiden Husaren nach vorne. Jetzt muten
sie den schtzenden Wald verlassen und stiegen den sanften, nur von
wenigen Bumen bestandenen Abhang hinunter.

Klapp, sagte es pltzlich ber ihnen und noch einmal klapp, und ein
paar ste fielen vor ihnen herunter. Gleichzeitig weckten zwei Schsse
ein in den Waldschluchten lang hinrollendes Echo.

Also doch, sagte Busch, ich dachte es mir, dann also zurck. Da
ertnten mehrere lange und kurze Pfiffe der Lokomotive, ein weier
Dampfstrahl stieg ber ihrem blanken Kesseldom auf und langsam, wie von
unsichtbarer Gewalt geschoben, bewegte sich die Maschine rckwrts. Sie
geben ein Signal fr ihre Posten, sagte Busch, hren Sie: lang, kurz,
lang, kurz, kurz, lang; ganz nach dem Morsesystem. Nun Vorsicht. Die
Lokomotive, die lautlos auf den Schienen zurckgeglitten, machte wieder
Halt. Ich bleibe hier, sagte Busch, Meyer, reiten Sie zurck und
melden Sie dem nchsten Posten, was wir gesehen.

Zu Be..., mehr hrte Busch nicht, er sprte neben sich einen
klatschenden Schlag und fhlte eine widerlich warme Masse sich auf die
Wange spritzen. Meyer strzte seitwrts vom Pferde und blieb liegen.
Eine feindliche Kugel hatte ihn mitten in die Stirn getroffen. Der
erste, sagte Busch, zog Meyers Sbel heraus und stie ihn neben der
Leiche in den weichen Waldboden.

Und nun ging's vorwrts auf Lttich zu, langsam kroch die eherne
Schlange auf den Schienenstrngen vorwrts, whrend zu beiden Seiten des
Bahnkrpers die Kavallerie sicherte. Als die ersten deutschen Truppen in
die Vorstadt von Lttich am Mittage des 22. Mrz eindrangen, verlie der
letzte Zug mit einem franzsischen Infanteriebataillon den Bahnhof auf
der anderen Seite, und die franzsischen Chasseurs rumten vor der
einrckenden deutschen Kavallerie die Vorstadt Lttichs. Die belgischen
Truppen gingen teils in sdwestlicher Richtung auf die franzsische
Grenze mit ihren franzsischen Kameraden zurck, teils wichen sie
kampflos in der Richtung auf Antwerpen, wo bereits englische Truppen
einen Rckhalt fr sie bildeten. Vor Brssel beabsichtigte man keinen
weiteren Widerstand zu leisten. Da die Englnder zunchst auch im Verein
mit den Belgiern bei weitem nicht stark genug waren, um die Forts von
Antwerpen zu besetzen _und_ gleichzeitig ungefhr bei Lwen, wie
ursprnglich beabsichtigt, dem deutschen Vormarsch einen Riegel
vorzuschieben, war von dieser Seite, von wo aus man eventuell den
deutschen Vormarsch htte flankieren knnen, einstweilen nichts
Ernstliches zu befrchten.

Der schnelle Vorsto der deutschen ersten Armee richtete sich auf die
franzsische Grenze, die geringen belgischen Truppen und die hastig nach
Belgien hinbergeworfenen franzsischen Truppen vor sich aufrollend und
zusammentreibend. Bis nach Namur war die Bahnlinie seltsamerweise vllig
unversehrt. In Namur traf man auf die ersten gesprengten Brcken und
zerstrten Schienenstrnge. Da die Hauptlinie Lttich--Namur--Charleroi
schnell von den Deutschen besetzt wurde, fiel das gesamte rollende
Material auch auf den Zweiglinien der belgischen Bahn in deutsche Hnde.
Das war das erste Versumnis des Feindes. Die teilweise aufgerissenen
Schienen und die ziemlich ungeschickt gesprengten Brcken wurden in
wenigen Tagen wieder repariert, so da der Verkehr bis Charleroi sofort
funktionierte, ein erfreulicher Erfolg. Fr die Niederhaltung der
unruhigen belgischen Arbeiterbevlkerung, die von fanatischen Pfaffen
zwar aufgereizt wurde, sich aber passiv verhielt, sorgten in allen
Stdten verstreute starke Truppenabteilungen, denen teilweise auch noch
recht bedeutendes Kriegsmaterial in die Hnde fiel.


              Der sozialistische Aufstand in Charleroi.

Als sich der erste deutsche Truppentransport Charleroi nherte, brannte
der dortige Bahnhof lichterloh. Die seitwrts der Bahn gegen die Stadt
vorrckenden deutschen Truppen stieen zwischen den ersten Husern
bereits auf Widerstand. Fast smtliche Straen waren durch Barrikaden
gesperrt, die sich innerhalb der Stadt zu einem Kreise zusammenfgten,
der auch den Bahnhof mit einschlo. Ein von dem Brgermeister der Stadt
den Deutschen entgegengesandter Parlamentr klrte ber die Sachlage
auf. Die sozialistischen Arbeiterfhrer hatten, emprt ber das
Verhalten des Knigshauses, welches beim Einrcken der fremden Heere
sein Heil in der Flucht gesucht hatte und das unglckliche Land in der
furchtbaren Lage zurcklie, den Kampfplatz zwischen den beiden Gegnern
abgeben zu mssen, den stdtischen Magistrat abgesetzt und hatten dafr
die rote Republik erklrt. Mit den Bergarbeitern des Bezirkes von
Charleroi, die von allen Seiten in die Stadt hineinstrmten, verfgten
die Sozialisten ber nicht unbetrchtliche Streitkrfte, die zudem alle
militrisch geschult und gut bewaffnet waren. Man hatte in der Stadt die
ffentlichen Gebude angezndet, wste Plnderungsszenen hatten bereits
in den Brgerhusern stattgefunden und Mord und Brand und unerhrte
Grausamkeiten bezeichneten den Anfang des roten Schreckens.

Die deutsche Armeeleitung fhrte die Truppentransporte um die Stadt
herum und stellte hinter ihr die zerstrten Bahnlinien ziemlich schnell
wieder her, so da man nach vier Tagen an der franzsischen Grenze
stand. Hinter der deutschen Front fiel drei Regimentern mit starker
Artillerie die Aufgabe zu, den Widerstand der zum uersten
entschlossenen sozialistischen Terroristen zu brechen. Die deutschen
Truppen, die zunchst Charleroi zernierten, hatten sich das erste
Zusammentreffen mit dem Feinde etwas anders vorgestellt. Anstatt in
offener Feldschlacht dem Gegner entgegentreten zu knnen, hatte man sich
hier zwischen brennenden Straen mit allem mglichen Gesindel und einer
zum blinden Fanatismus aufgehetzten Zivilbevlkerung herumzuschlagen.
Langsam nur gelang es, eine Barrikade nach der anderen einzunehmen, sie
waren aus den Trmmern zerstrter Huser errichtet und gegen diese
meterdicken Steinwlle erwies sich die Artillerie ziemlich wirkungslos,
und fr die Hunderte, die unter dem deutschen Schrapnellfeuer
verendeten, traten immer neue Kmpfer in die Lcken. Die Hauptsache war,
da man den Bahnhof bald in die Hnde bekam, damit die doch recht
unzulngliche provisorische Bahn um die Stadt herum wieder ausgeschaltet
werden konnte. Aber gerade ber die Schienenstrnge vor dem Bahnhof
zogen sich die strksten Barrikaden hin. Sie waren teilweise
aus den meterhohen Papierrollen hergestellt, wie sie von
Zeitungsrotationspressen verwendet werden, und dieses zhe, elastische
Material war durch Granatfeuer kaum zu zerstren. Selbst gegen
Haubitzgranaten erwiesen sich diese Papierrollen als eine
auerordentlich widerstandsfhige Deckung, so da man im weiteren
Verlauf des Krieges auch auf deutscher Seite solche Zeitungspapierrollen
beim Bau von Schanzen und Blindagen sehr gern verwendete.

Erst nach mehreren Tagen, nachdem eine Pionierabteilung regelrechte
Minengnge an die Barrikaden herangefhrt hatte, wurden diese Stellungen
erobert. Aber auch dann noch erforderte die Einnahme der Stadt ungeheure
Opfer, da die Bergleute in allen Straen mit den ihnen in die Hnde
gefallenen Dynamit- und Pulvervorrten Flatterminen gelegt hatten, die,
unter den vorstrmenden deutschen Truppen explodierend, ganze
Abteilungen zerrissen. Als dann der Bahnhof in deutschen Hnden war,
wurde das Ende dieser Schreckensherrschaft dadurch beschleunigt, da
unter den sozialistischen Anfhrern selber Streitigkeiten ausbrachen. Am
letzten Tage des Kampfes kehrten sich die Waffen der Emprer gegen
einander, als die deutschen Regimenter bereits die Verteidigung der
vllig in Trmmer liegenden und an allen Orten brennenden Stadt auf
einen nur noch kleinen Kreis von Barrikaden beschrnkt hatten. Die
Blutorgie von Charleroi erlosch, als sich die Wut des Pbels in seinem
eigenen Blute khlte.

Diese Ereignisse blieben nicht ohne Eindruck auf die sozialistische
Partei in Deutschland, hatte man doch hier gesehen, welche Opfer auf die
Schlachtbank gefhrt werden, wenn man der Bestie den Kfig ffnet.

Die ersten Gefechte an der franzsischen Grenze hatten mit der
Zurckwerfung der drei franzsischen Armeen geendet. Die von Calais her
erhofften englischen Hilfstruppen waren noch immer ausgeblieben, und mit
der Besetzung von Calais durch deutsche Truppen war Antwerpen nach Sden
isoliert und von dort den Englndern der Weg in den Norden Frankreichs
abgeschnitten. Die englischen Transportdampfer fhrten Tag um Tag neue
Truppen nach Antwerpen, aber dieser Strom wurde sehr bald dnner,
nachdem die mobilen Truppen aus den englischen Hfen evakuiert waren und
bis zur Mobilisierung der Miliz eine groe Pause eintrat. Infolgedessen
entschlo man sich erst spt zu einem Vorsto auf die rechte deutsche
Flanke, die hier unmittelbar nur durch ein Beobachtungskorps gedeckt
war, das jedoch senkrecht auf der breiten Basis der deutschen
Etappenlinie stand. Die unaufhrlich hier in der Richtung nach Sdwest
vorberflutenden Truppenmassen brauchten gewissermaen nur rechtsum zu
machen und standen als eine riesenhafte Front Antwerpen gegenber.

Schon lagen die franzsischen Grenzfestungen im Rcken der siegreich
vordringenden deutschen Armeen, man begngte sich damit, sie durch
kleinere Detachements zu cernieren, die ausreichend waren, einen Ausfall
zu verhindern und berlie es der Zeit und dem Hunger der
eingeschlossenen Besatzung, sich selber den Tag der bergabe zu whlen.
Wenn diese Detachierung deutscher Beobachtungskorps immerhin auch die
Feldarmee um eine groe Anzahl von Streitern schwchte, so war dasselbe
doch auch beim Gegner der Fall und die verhngnisvolle Bedeutung
zwecklos gehaltener Festungen machte sich auf franzsischer Seite sehr
bald geltend. In den franzsischen Festungen lagen Linientruppen,
whrend man auf deutscher Seite diese vor den Festungen durch Landwehr
sehr schnell ersetzte und dadurch die Feldarmee von einer mhseligen,
zeitraubenden Aufgabe entlastete.

Der Krieg erzieht den Krieg. Die Erfahrungen, die man in den ersten
Gefechten machte, fhrten zu einer Reihe von nderungen an der Uniform
und der Ausrstung. So verschwanden schon nach wenigen Tagen die
Fhnchen an den Lanzen der Kavallerie. Die Metallbeschlge und die
Uniformknpfe durften nicht mehr geputzt werden. Die glnzenden
Sbelscheiden der Offiziere erhielten einen Farbanstrich und sehr bald
gewhnten sich die Offiziere daran, im Gefecht den ziemlich zwecklosen
Sbel zurckzulassen, und griffen in der Feuerlinie lieber zum
Karabiner, der dann berhaupt als Offizierswaffe eingefhrt wurde. Im
Gefechte wurden die Helmbezge allgemein getragen und da die blinkende
Helmspitze leicht den Platz liegender Schtzen verriet, wurde sie
abgeschraubt, wodurch freilich das Aussehen der Truppen dem von
Feuerwehrleuten hnelte. Aber mit kriegerischen Schmuckstcken gewinnt
man keine Schlachten. Wenn auch der grundlose Schmutz ausgefahrener
Landstraen, das Biwakieren in Wind und Wetter allen Uniformen
allmhlich das gleiche Kriegsgrau verlieh, so fertigte man doch in der
Heimat ein neues graues Militrtuch, dessen Farbenton ungefhr die Mitte
hielt zwischen der Uniform der Maschinengewehrabteilungen und dem
Feldgrau, welches bei einzelnen Truppenteilen 1905 versuchsweise
eingefhrt worden war, in groen Massen an, so da bald die Feldarmee
neu eingekleidet werden konnte. Es hatte sich nmlich herausgestellt,
da weniger die lebhaften Farben der Kavallerieuniform als vielmehr der
dunklere Ton des Waffenrockes der Infanterie den Mann im Gelnde auf
weite Entfernungen erkennen lie. Ebenso lie man allem Lederzeug die
Naturfarbe oder stellte sie nachtrglich wieder her, da man in den
ersten Gefechten besonders dem leuchtenden weien Riemenzeug viele
Verluste verdankte.

Die franzsischen Armeen hatten sich langsam rckwrts konzentriert. Die
auerordentlich blutige Schlacht westlich von Lille und das
gleichzeitige Gefecht bei Tournay hatten die franzsische Armee von der
Kste und von Calais und somit von einer englischen Untersttzung an
diesen Punkten abgeschnitten. ber 100000 Kmpfer deckten bereits das
Schlachtfeld als die franzsische Armee auf der Linie Arras, Bapaume,
St. Quentin, Laon und Chlons feste Stellungen einnahm, zwischen Laon
und Chlons dann in Rheims einen gewaltigen Sttzpunkt findend. Hier
sollte zunchst die Entscheidung fallen. Auf franzsischer Seite standen
hier etwa 600000 Mann, whrend die ihnen gegenberstehende erste und
zweite deutsche Armee etwa 400000 Mann zhlen mochte. ber die Erfolge
der dritten und vierten Armee, die bei Nancy und sdlich davon standen,
fehlten zur Zeit noch bestimmte Nachrichten, als der Kampf auf der
langen Front hier im Norden begann. Die ersten Gefechte hatten sich hier
in der Nhe der franzsischen Sperrforts entsponnen, von denen ein Teil
nach wenigen Tagen bereits unter dem Steilfeuer der deutschen
Belagerungsartillerie fiel und die somit ihren Ruf als eine absolut
sichere Verteidigungslinie gegen Deutschland nicht rechtfertigten.
Andere von diesen Sperrforts waren noch cerniert. Aus dem Sden, in der
Nhe von Belfort, wurden zunchst die ersten in Deutschland sehr
alarmierend wirkenden franzsischen Erfolge gemeldet, whrend auf dem
sdlichen Kriegsschauplatz die italienische und franzsische Armee sich
unweit der Grenze ziemlich das Gleichgewicht hielten, ohne da bisher
ein entscheidender Schlag erfolgt war.




                      Das Ultimatum in Italien.


Die Nachricht von dem Gefecht auf der Reede von Apia war, ebenso wie in
Berlin, am Nachmittag des 18. Mrz in Rom eingetroffen und hatte dort
groe Erregung hervorgerufen. Handelte es sich doch, wenn es zu dem
anscheinend unvermeidlichen Kriege zwischen England und Deutschland kam,
um die Frage, welche Stellung Italien zu seinem Dreibundsgenossen
einnehmen wrde. Der erste Eindruck war lediglich der einer gewaltigen
Bestrzung, und der Schrecken vor dem nahenden Unglck eines Krieges
bte einen lhmenden Druck aus. Dazu kam, da man dank des englischen
Kabelmonopoles ja nicht einmal die volle Wahrheit kannte, man mute also
nach den vorliegenden Nachrichten Deutschland fr den Staat halten, der
durch seine schroffe Haltung den Zwischenfall von Samoa provoziert
hatte. Daraus ergab sich auch, da irgendwelche Begeisterung nicht
aufkommen konnte; man fhlte sich wider seinen Willen von dem
Verbndeten im Norden in eine Krisis hineingezerrt, deren Ausgang nicht
abzusehen war.

Ebenso wie in Berlin, war die Nachricht aus Samoa whrend der Sitzung
des Parlaments bekannt geworden. Der Ministerprsident hatte schleunigst
die Sitzung verlassen und war ins Knigliche Palais gefahren. Als die
Sitzung vorzeitig schlo, verlieen die sozialdemokratischen
Abgeordneten den Saal unter Hochrufen auf Frankreich. Da keine
formulierten Abmachungen vorlagen ber Italiens Verhltnis zu England,
man sich aber an die Versprechungen, gelegentlich des Besuchs Eduards
VII. im Quirinal bezglich der Erwerbung von Tripolis erinnerte, so
waren die Sympathien fr beide in dem Drama von Samoa beteiligten Mchte
geteilt. Man wute, da, sobald das Bndnis wirksam wrde, das englische
Mittelmeergeschwader mit dem Angriff auf italienische Hfen keinen Tag
zgern wrde.

Auf den Straen wogten dichte Menschenmassen hin und her, und in den
Kaffeehusern wurde die politische Lage eifrig diskutiert. Erst spt
ward der Platz vor dem Quirinal leer. Der Ministerprsident, der abends
um 8 Uhr vom Knig zurckkehrte, wurde auf der Strae Gegenstand
lebhafter Ovationen, in die Hochrufe auf Deutschland mischten sich aber
auch solche auf England und das dem Volksempfinden doch immerhin nher
stehende Frankreich.

Auch der 19. Mrz verlief ohne eine Entscheidung zu bringen. Man erfuhr
nun allerdings aus Paris die ganze Wahrheit ber das Gefecht vor Apia
und ber den schlielichen Sieg der deutschen Schiffe. Auerdem trafen
Meldungen ein, die von einer Mobilisierung der englischen und
franzsischen Flotte wissen wollten. Whrend man in London alle
wichtigen Depeschen zurckhielt, hatte man eine wohl absichtlich
passieren lassen, nmlich die Meldung der Times, da guten
Informationen zufolge, die englische Regierung es nicht dulden werde,
da Deutschland auf Bndnisvertrge aus frherer Zeit zurckgreife, da
es vor Apia nicht der Angegriffene, sondern der Angreifer gewesen sei.
Das konnte nur als eine Warnung an sterreich und Italien aufgefat
werden.

So verging der 19. Mrz unter allgemeiner Unruhe. Der Ministerprsident
hatte erklrt, er sei vorlufig nicht in der Lage eine Interpellation in
der Kammer zu beantworten, bevor nicht die Regierung nhere Nachrichten
ber die Vorgeschichte der Krisis erhalten habe. Ein anscheinend
offizis inspirierter Artikel der Tribuna aber erklrte, da ein
Konflikt mit irgend einer Macht Italiens Heer und Flotte vollauf
gerstet finden wrde. Aus Spezzia und aus Neapel, wo das zweite
Geschwader der Manverflotte im Hafen lag, erfuhren die Zeitungen, da
dort alle Vorbereitungen getroffen wrden, um eine schleunige
Mobilisierung der Flotte vorzubereiten. Wo sich Truppenabteilungen auf
der Strae zeigten, wurden sie von der Menge mit begeisterten Ovationen
empfangen, und besonders die Marineoffiziere wurden in den Cafs als
politische Orakelspender eifrig umlagert und ausgeforscht.

                   *       *       *       *       *

Ein herrlicher Frhlingstag ging in Neapel zu Ende. Glutrot verschwand
die Sonne hinter dem Kimm des tiefblauen Meeres, mit ihrem Glanz alle
Vorgebirge und Bergspitzen vergoldend und das weie Husermeer der Stadt
mit ihren letzten Strahlen berschttend. Die leichte Rauchwolke ber
dem Vesuv begann sich bereits an der inneren Glut des Berges rtlich zu
frben. Wer dieses einzig schne Schauspiel oben von der Hhe des Castel
St. Elmo geno, dem ward es schwer, sich angesichts dieses Bildes
tiefsten Friedens in den Gedanken zu versetzen, da vielleicht innerhalb
weniger Tage die Fluten des Krieges wiederum gegen diese sonnigen
Gestade heranbranden knnten. Von unten her aus der Stadt drang das
Gerusch der Volksmenge, die auf den Straen hin und her zog. Ab und zu
verdichtete sich das leise Brausen zu explosiv wirkendem Geschrei, wenn
hier und da sich dichtere Gruppen um einen Redner zusammenschlossen, der
wie ein hpfender Punkt ber der dunklen Masse der Kpfe schwamm. Unten
am Hafen wo die vier schweren Panzer still auf der blauen Flut lagen,
und vor den Kasernen am Castel Nuovo sah man die Menschenmenge sich
stauen.

Whrend der Abend herabsank auf die bella Napoli wurden drben in der
Meerenge, wo Capri in einem blauen Meere von Dunst und Sonnengold
schwamm, einige Rauchwolken sichtbar und beim letzten Schimmer des Tages
sah man am Horizonte eine Reihe massiver Schiffskrper auftauchen.
Drunten in der Stadt konnte man sie nicht mehr bemerken, dort lag
bereits alles im Dunkel. Es fiel allerdings auf, da man am Hafen die
Ankunft des flligen Dampfers aus Messina vergebens erwartete. Dieser,
der Postdampfer Calabria, war nmlich von einem Teil des englischen
Mittelmeergeschwaders unterwegs angehalten worden, welches in der Stille
der Nacht langsam bis auf die halbe Entfernung zwischen Capri und Neapel
herandampfte.

Gegen 11 Uhr abends legte in Neapel am uersten Molo eine kleine
pustende Dampfpinasse des englischen Kreuzers Dido an. Ein Leutnant
stieg an Land, meldete im Auftrage seines Kommandanten auf dem Hafenamte
das Eintreffen des englischen Kreuzers auf der Reede und begab sich
hierauf von der Menge, die englische und italienische Marineuniformen
nicht unterscheidet, unbeachtet auf das Telegraphenamt. Hier gab er nach
Rom an die Adresse des englischen Botschaftssekretrs Hopkins folgende
Depesche auf:

   Bin um 5 Uhr 58 Neapel eingetroffen und hoffe morgen mittag 12
   Uhr Bescheid, wann meine Braut in Rom eintrifft.

Der Telegraphenbeamte befrderte diese Depesche unbeanstandet, ohne zu
wissen, da Admiral Beresford damit dem englischen Botschafter am
Quirinal mitteilte, da er mit dem Geschwader von fnf Panzern, fnf
Kreuzern und acht Zerstrern auf der Reede liege und bis zum 20. Mrz
mittags 12 Uhr Bescheid darber erwartete, ob er gegen die italienischen
Schiffe die Feindseligkeiten beginnen sollte. Noch bevor auf dem
Hafenamte eine Ordonnanz aus dem Marinekommando eingetroffen war um den
Fhrer der englischen Pinasse dorthin zu bitten, war diese bereits
wieder lautlos im Dunkel der Nacht verschwunden.

Trotzdem die Ankunft des englischen Kreuzers, wie sie ihm das Hafenamt
gemeldet hatte, den kommandierenden Admiral der zweiten Division des
Manvergeschwaders stutzig gemacht hatte, nahm er, im Vertrauen
darauf, da ein einzelnes Schiff, gegenber einer so starken
Verteidigungsflotte, dem Hafen keine Gefahr bringen konnte, an dem
Festmahl im Marinekasino teil, welches bis tief in die Nacht hinein
dauerte, weil die widerstreitenden Ansichten der Offiziere ber den
Ausgang der politischen Krisis dem Gesprch immer neue Nahrung gaben.

                   *       *       *       *       *

Whrend ein fahles Dmmerlicht den heranbrechenden Morgen in der
rmischen Hauptstadt ankndigte, fuhr ein schlichter Wagen vor dem
Ministerium des Auswrtigen in Rom vor. Der englische Botschafter lie
den italienischen Minister um eine dringende Unterredung im Auftrage
seiner Regierung ersuchen. Eine Viertelstunde spter standen sich beide
Mnner gegenber. Der Englnder griff kurz zurck auf die Vorgnge in
Samoa und erinnerte daran, da der deutsche Kreuzer die englischen
Schiffe angegriffen habe. Es ist uns bekannt, fuhr er fort, da
gewisse Bndnisvertrge aus frherer Zeit bestehen, die Italien
verpflichten knnten, Deutschland seinen militrischen Beistand zu
leihen. Soweit wir diese Vertrge kennen, kommt der Bndnisfall jetzt
nicht in Frage, da Deutschland der Angreifer gewesen ist. Da um diese
Stunde aber vielleicht (^I suppose^) die Feindseligkeiten in der Nordsee
schon ausgebrochen sind, ist es fr uns von Wert, zu wissen, welche
Haltung die italienische Regierung einzunehmen beliebt. Wir knnen
leider (^I regret sincerely^) nicht darauf warten, ob sich Italien auf
die eine oder die andere Seite schlagen, oder neutral bleiben wird. Wir
mssen daher darauf bestehen, eine klare Antwort zu erhalten und zwar
bis heute mittag um 12 Uhr, da bereits die nchsten Stunden schwere
Entscheidungen fr uns enthalten knnen. Ich bin daher beauftragt von
meiner Regierung, der Botschafter erhob sich und sttzte die rechte
Hand auf den Schreibtisch des Ministers, dem italienischen Ministerium
des Auswrtigen folgendes zu unterbreiten:

In der verflossenen Nacht hat unser Mittelmeergeschwader Aufstellung
genommen auf der Reede von Neapel und vor dem Kriegshafen von Tarent;
gleichzeitig wird ein Teil der mit uns verbndeten franzsischen Flotte
vor Spezzia erscheinen und ist beauftragt, Maddalena zu observieren. Wir
sind gezwungen, diese Maregeln zu ergreifen, um zu verhten, da die
italienische Regierung, von Berlin aus beeinflut, eine feindselige
Haltung gegen uns einnimmt. Ich bin beauftragt, folgende Forderungen zu
stellen: Die italienische Regierung erklrt, da sie in dem jetzt
ausgebrochenen Kriege vllig neutral bleiben will. Als Pfand fr diese
Versicherung fordern wir, da uns fr die Dauer des Krieges die
Benutzung des Kriegshafens von Venedig als einer eventuellen
Operationsbasis fr unsere Flotte gegen die sterreichischen Kriegshfen
von Pola und Triest eingerumt wird. Diese Benutzung hat nur soweit zu
gehen, als unseren Schiffen erlaubt wird, in Venedig Kohlen zu nehmen
und kleinere Reparaturen auszufhren. Ich bin beauftragt, die
zustimmende Antwort der italienischen Regierung bis 12 Uhr mittags
entgegenzunehmen, anderenfalls wrden wir gezwungen sein, unsererseits
mit dem Angriff auf Neapel und andere Kstenpunkte zu beginnen, whrend
gleichzeitig die franzsische Flotte gegen Spezzia und Maddalena
vorgeht. Ich bitte zu bedenken, da nach den Mitteilungen, die sich in
unserem Besitz befinden, die italienische Flotte dem gegen sie
detachierten Teil unserer Marine, sowie dem franzsischen Geschwader vor
Spezzia nicht gewachsen ist. Die Abweisung unserer Bedingungen wrde im
Laufe des heutigen Tages demzufolge _die Vernichtung der italienischen
Marine_ bedeuten und uns wahrscheinlich in Besitz der betreffenden
Kriegshfen setzen.

Tiefes Schweigen herrschte in dem dmmerigen Gemach. Auf den Zgen des
italienischen Ministers malte sich eine schlecht verhohlene Bestrzung.
Der Englnder stand, die rechte Hand auf der Lehne des Stuhles, wie eine
aus Erz gegossene Statue mitten im Zimmer. Der summende Schlag einer Uhr
teilte die lastende Stille in kleine Stcke, es war 7 Uhr. Drauen auf
der Strae hrte man den hallenden Schrei eines Ausrufers. Der Minister
erhob sich und verabschiedete sich von dem Englnder mit den Worten:
Ich werde Sr. Majestt dem Knig die Vorschlge Eurer Exzellenz
bermitteln und bedaure, da das englische Kabinett uns in die
Zwangslage versetzt, unsere Stellung in dem ausgebrochenen Konflikte so
schnell zu whlen.

Mit dem Bemerken: Die Ereignisse sind strker als wir, verabschiedete
sich der englische Botschafter.

Als Rom erwachte und seine Bewohner voll Erwartung nach den Zeitungen
griffen, um aus ihnen zu erfahren, welche Entscheidung die letzten
Stunden gebracht haben knnten, ahnte niemand, da diese nicht drauen
auf dem nordischen Meer, sondern im Kniglichen Palais, wo eine ernste
Beratung des Monarchen mit dem Gesamtministerium stattfand, bis um die
Mittagsstunde fallen mute. Erst um 10 Uhr wurde in Rom die Nachricht
durch Extrabltter bekannt, da auf der Reede von Neapel am Abend vorher
ein englischer Kreuzer eingetroffen sei, und eine Stunde spter erfuhr
man, da fnf groe englische Panzerschiffe und eine Anzahl kleinerer
Fahrzeuge auf der Reede Aufstellung genommen hatten.

                   *       *       *       *       *

Um 9 Uhr machte auf der Reede von Neapel der Schiffsleutnant Hamilton
dem Kommandanten des englischen Linienschiffes London die Meldung, da
soeben der italienische Panzer Lepanto an der Mole vor dem Arsenal
festgemacht habe und da ein Karrentransport aus dem Arsenale nach dem
Schiffe stattfnde, woraus zu schlieen sei, da man auf italienischer
Seite seine Munitionsbestnde ergnze. Aus den Schloten der Italiener
quollen schwarze Rauchwolken, man machte Dampf auf. Durch scharfe Glser
konnten die Englnder erkennen, wie die Schutzkappen von den Geschtzen
entfernt wurden und wie die Mannschaften die Rohre reinigten und
putzten. Es herrschte ein emsiges Leben an Bord der vier Panzer:
Lepanto, Italia, Dandolo und Duilio, sowie der beiden Kreuzer
Etruria und Lombardia. Ein schwarzes Torpedoboot verlie in
schneller Fahrt den Hafen, dicke Rauchschwaden ber den blauen, fast
unbewegten Meeresspiegel hinter sich herschleppend. Es nahm den Kurs ums
Kap Miseno in der Richtung nach Gaeta. Sonst herrschte eine tiefe,
friedliche Stille, und nichts verriet, welche Gefahr von drauen her
drohte, nur erschienen die Kstengewsser etwas verdet. Whrend sonst
die Reede von zahllosen Fischerbooten und kleineren Fahrzeugen belebt
war, und grere Dampfer und ferne Segler von der See her grten,
schien jetzt alles Leben auf der Wasserflche erstorben, nur die
wuchtigen, langgestreckten Kriegsmaschinen stieen schwere Packen Rauchs
aus, die die leichte Brise langsam in einen hellbraunen Rauchschleier
auflste.

An Bord der Englnder verfolgte man die Vorgnge am Hafen mit grter
Aufmerksamkeit. Whrend bis gegen 9 Uhr auf den Hafenkais und in den
anstoenden Straen dichte Menschenmassen beobachtet wurden, sah man sie
in der klaren, sichtigen Luft pltzlich von einer flimmernden Linie
umsumt, die sich aus den grauen Mauern des Castel Nuovo fadenartig
herauszog. Das blitzende Band umschlang die dunkle Masse, schwankte hin
und her, schob sich vorwrts und zurck und rckte langsam nach dem
Hintergrund des Platzes vor, hinter sich die hellen Flchen des
Straenpflasters leer lassend und allmhlich die dunkle Welle in die
Straeneingnge zurckschiebend: Militr mit aufgepflanztem Bajonett
rumte die Pltze und Straen am Hafen.

Gegen 11 Uhr kam von Norden her ein weier, schlanker Dampfer in Sicht;
er schien dem Hafen zuzusteuern und schwebte einsam wie eine weie Linie
ber der tiefblauen Meeresflche. Kurz darauf erschien hinter dem Kap
Miseno wieder das Torpedoboot, welches vorhin dort verschwunden war,
nderte sofort den Kurs und steuerte auf den weien Dampfer zu, an
dessen Deck man mit scharfen Glsern die _deutsche Flagge_ erkennen
konnte. Gleichzeitig lste sich aus der Masse des englischen Geschwaders
ein Torpedoboot los, welches mit voller Fahrt, weie Schaumberge mit
seinem Bug aufwhlend, ebenfalls auf das weie Schiff zufuhr. Es war ein
seltsam aufregendes Schauspiel, dieses Wettrennen der beiden flinken
schwarzen Boote um den weien Dampfer zu verfolgen. Gleichzeitig fast
erreichten sie ihn, und fast gleichzeitig blitzte an Bord beider
Torpedoboote an dem vorderen Geschtz ein Funke auf, worauf der Deutsche
die Maschine zu stoppen schien, denn er ward schwerfllig pendelnd von
den Wogen gewiegt. Man schien zu verhandeln. Dann umspielte den vorderen
niederen Schlot des englischen Torpedos eine leichte Dampfwolke und
sekundenlang spter drhnte der scharfe, bellende Ton einer Sirene zum
Lande hinber. Man sah, wie der Deutsche den Kurs nderte und gefolgt
von dem Torpedoboot auf das englische Geschwader zusteuerte, langsam die
blauen Wogen zerteilend. Das italienische Torpedoboot fiel allmhlich
nach hinten ab, folgte zunchst eine halbe Seemeile, machte mrrisch
Kehrt und nahm dann unter voller Maschinenkraft Kurs auf den Hafen, wo
es nach einer Viertelstunde lngsseits des Admiralschiffes Dandolo
festmachte, worauf ein Offizier, kenntlich an seinem Sbel, ber den er
beim Verlassen des Decks stolperte, das Fallreep zum Dandolo
hinaufstieg.

Erst spter erfuhr man, da jenes weie Schiff der Hamburger
Vergngungsdampfer _Meteor_ gewesen war, der von Genua kommend hier
vor dem Hafen von Neapel von den Englndern abgefangen wurde.

                   *       *       *       *       *

Um 11 Uhr wurde in Rom durch Maueranschlge und Extrabltter bekannt
gemacht, da der Knig in bereinstimmung mit dem Ministerium die
englischen Forderungen _abgelehnt_ habe. Sie wurden im Wortlaut
mitgeteilt, mit der angefgten Erklrung:

Aus der bermittlung des englischen Ultimatums habe sich klar ergeben,
da England entschlossen sei, die Neutralitt Italiens in _keinem_ Falle
zu achten. Fr den Verrat am Dreibund in der Stunde der Gefahr verlange
die englische Regierung obendrein noch die Einrumung des Kriegshafens
von Venedig, eine Forderung, die ein ehrliebendes Volk mit alten
ruhmreichen Traditionen niemals akzeptieren knne. Die knigliche
Regierung habe sich deshalb entschlossen, die englischen Forderungen
abzulehnen und an die Entscheidung der Waffen zu appellieren, zumal das
englische Geschwader vor Neapel bereits eine drohende Haltung angenommen
habe. Man habe eine Erklrung nach Berlin gesandt, da Italien auch ohne
Rcksicht auf sterreichs Haltung fest entschlossen sei, sein Geschick
mit dem des Deutschen Reiches zu verbinden. Der Knig glaube, aus dem
Herzen seines treuen Volkes zu sprechen, wenn er solche Entscheidung
getroffen habe, zumal es sich inzwischen, wie man aus Berlin authentisch
erfahren, herausgestellt habe, da der Zwischenfall von Samoa lediglich
durch das provokatorische Verhalten der Englnder herbeigefhrt sei. Es
handelt sich also in Samoa, wie jetzt in den europischen Gewssern,
ganz ohne Frage um einen hinterlistigen berfall auf Deutschland, den
England lngst geplant und bereits seit Wochen vorbereitet habe. Eine
Drohung, wie sie der englische Botschafter heute morgen dem Minister des
Auswrtigen bermittelt habe, mache es der italienischen Regierung
unmglich, weiter den Weg der Verhandlungen zu beschreiten. Man habe
daher die Flotte in Neapel und Spezzia, sowie den anderen Punkten, wo
ein Angriff drohe, angewiesen, diesen mit den Geschtzen zurckzuweisen.

Volksstimmungen sind Augenblicksstimmungen. Das auf der Schwche der
einige Jahre lang stark vernachlssigten italienischen Marine basierende
und die Empfindlichkeit eines fremden Volkes so wenig bercksichtigende
Vorgehen Englands hatte eine leidenschaftliche Erregung erzeugt, die das
Erscheinen der englischen Flotte vor Neapel als eine unertrgliche
Beleidigung des italienischen Ehrgefhls empfand.

Brausender Jubel erscholl in den menschengefllten Straen; nur ein
starkes Aufgebot der Munizipalgarde vermochte die tobende Menge daran zu
hindern, in der englischen Botschaft die Fenster zu demolieren.
Ausgelscht, wenigstens in der augenblicklichen Begeisterung, waren auch
die alten Sympathien fr den franzsischen Nachbar, seitdem man wute,
da er gemeinsame Sache mit dem brutalen Angreifer machte. Aber wenn
selbst das klerikale Element auf den Straen teils aus ehrlichem
Empfinden, teils in kluger Bercksichtigung der momentanen
Volksstimmung, sich an den patriotischen Kundgebungen beteiligte, drben
jenseits der Tiber, dort wo der Papst-Knig grollend ber den Trmmern
seiner weltlichen Herrschaft thronte, wo er auch die Leitung der Geister
langsam aus seinen Hnden gleiten sah, dort blieb alles stumm, dort
fate man diesen Waffengang auch nur als eine historische Episode in dem
Weltendrama auf, in dem die Streiter der rmischen Hierarchie mit den
Kindern der Welt um die letzte Entscheidung ringen.


                     Die Seeschlacht vor Neapel.

Wieder wie vor Jahrhunderten klopfte der Normanne mit eisernem Handschuh
an Italiens Pforte, hinter der der Moloch Capua schon so viele
Hekatomben blondhaariger Barbaren verschlungen hatte.

Gegen 12 Uhr sah man die kompakte Masse des englischen Geschwaders sich
in eine lange Dwarslinie auflsen und eine halbkreisfrmige Stellung auf
der Reede von Neapel einnehmen. Die schweren englischen Panzer wandten
der Stadt ihre Vorderseite mit den riesigen Turmgeschtzen zu, so die
denkbar geringste Zielflche bildend. Whrend die Torpedoboote bei den
Linienschiffen zurckblieben und sich hinter deren schweren Stahlleibern
deckten, vom Lande aus somit unsichtbar werdend, dampften die englischen
Kreuzer seewrts und zogen sich aus dem Feuerbereich zurck. Zwei
Panzerkreuzer an den drei Schornsteinen als Schiffe der Kent-Klasse
erkennbar (es waren Suffolk und Lancaster) gingen zwischen Ischia
und der Kste unter Volldampf nach Nordwesten offenbar um, begleitet von
vier kleineren Schiffen und einigen Hochseebooten, gegen etwa von
Spezzia heranrckende italienische Streitkrfte zu sichern. Gleichzeitig
verlie der italienische Kreuzer Etruria, der neben seinem
Schwesterschiffe Lombardia lag, seine Boje und fuhr auf das englische
Geschwader zu.

Die Etruria hatte den Auftrag dem englischen Geschwaderchef die
Aufforderung zu berbringen, mit seinen Schiffen die Reede von Neapel zu
verlassen, andernfalls werde man sein Bleiben als eine herausfordernde
Handlung ansehen und die ntigen Konsequenzen daraus ziehen. Whrend
aller Augen am Lande und auf dem Geschwader der Etruria folgten und in
banger Erwartung der Entscheidung harrten, die die kleine Dampfpinasse
des italienischen Kreuzers, die jetzt am Fallreep der London lag,
zurckbringen werde, wollten drei franzsische und vier englische
Dampfer diesen letzten Moment benutzen, um den Handelshafen zu
verlassen. Noch hatte jedoch das erste Schiff nicht die Mole passiert,
als ein Torpedoboot heransauste und die fremden Kapitne aufforderte,
sofort in den Hafen zurckzukehren, worauf der erste Dampfer, ein
franzsischer, alsbald stoppte, Contredampf gab und rckwrts wieder in
den Hafen hineinfuhr. Drauen hatte inzwischen die Etruria ihre
Pinasse wieder an Bord genommen und steuerte in fliegender Fahrt auf den
Kriegshafen zu. An ihrer Seite legte alsbald ein Marineboot an, nahm
einen Offizier an Bord und ging hinber zum Dandolo. Die nchsten
Minuten muten entweder den Rckzug der Englnder oder den Beginn des
Kampfes bringen. Drauen auf der Reede machte sich keine Bewegung
bemerkbar; die bleigrauen englischen Panzerschiffe blieben auf ihren
Pltzen liegen, von den Meereswogen sanft hin und her gewiegt.

An allen englischen Geschtzen standen die Artilleristen, die rmel an
den sehnigen Armen emporgestreift, bereit dem Feind die todbringende
Ladung aus allen Rohren hinberzusenden. 5 Minuten nach 1 Uhr ging am
vorderen Maste des Dandolo ein Signal hoch, welches sofort von den
anderen Schiffen beantwortet wurde; die Schornsteine warfen dicke Ballen
Rauch aus, den ganzen Hafen in einen braunen Dunst verhllend. Die
Schrauben gingen an und das italienische Geschwader nahm den Kurs
seewrts dem Feinde entgegen. Etruria und Lombardia blieben vor dem
Eingang des Kriegshafens zurck. Auf englischer Seite wurden diese
Manver mit grter Aufmerksamkeit verfolgt.

Admiral Lord Beresford hatte die Anweisung, das italienische Geschwader
auf die Reede hinauszulocken und dort den Kampf auszufechten, um, soweit
es die Rcksicht auf die eigenen Schiffe zulie, die Stadt Neapel zu
schonen. Zehn Minuten nachdem das italienische Geschwader seinen
Liegeplatz verlassen hatte, blitzte es aus allen vier Turmgeschtzen des
Dandolo auf. Heulend sausten die Geschosse heran, das erste ungefhr
400 m vor dem Admiralsschiff auf die Wasserflche schlagend, einen
Moment unter ihr verschwindend und dann dreimal rikoschettierend
zwischen der London und der ihr zunchst liegenden Formidable
durchfahrend. Eine zweite Granate, ein Zufallstreffer, nahm von der
englischen Venerable den ersten Mast und den vorderen Schornstein mit
ber Bord, auch noch den zweiten zerfetzend. In diesem Moment erging auf
allen englischen Schiffen der Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse
entsandten die englischen Turmgeschtze ihre Ladungen. Furchtbar war die
Wirkung am Lande, wo diese erste meist zu hoch gehende und ber die
italienischen Panzer hinwegfegende Lage einschlug. Zwei Granaten trafen
den dicken Turm der Kaserne des Castel Nuovo, mehrere platzten vor dem
Munizipalgebude, dessen Frontmauer zertrmmernd. Wenige Minuten darauf
brannte es im Hafenviertel an verschiedenen Stellen. Die vor dem
Hafeneingang liegende Etruria erhielt einen Treffer mittschiffs in der
ungeschtzten Wasserlinie, worauf der Kreuzer von einem heraneilenden
Torpedoboot langsam in den Hafen bugsiert wurde, wo er nach einer Stunde
sank.

Die einschlagenden Granaten erzeugten am Land eine furchtbare Panik.
Glcklicherweise waren die vom Hafen fhrenden Straen bereits vorher
durch Militr gerumt, so da der Verlust an Menschenleben nur gering
war. Auch das trotzige Castel dell'Ovo wurde von englischen Granaten
schwer heimgesucht. Die wuchtigen Mauern sanken im Rauche explodierender
Projektile in sich zusammen, ganze Steinlawinen strzten ins Meer. In
dem brennenden Hafenquartier und oben in der Stadt lrmten und bimmelten
die Feuerglocken.

Auf der Formidable waren beide Schornsteine und Masten ber
Bord gegangen, aber hinter den Panzerwnden arbeiteten die
Geschtzbedienungen unerschtterlich weiter, ungeachtet, da der Rumpf
des Schiffes fr das Laienauge nur noch einem Wrack glich, aus dessen
Mitte die Flammen der Feuerungen emporschlugen. Nur widerstrebend
entschlo man sich endlich dazu, die Formidable aus der Feuerlinie
schleppen zu lassen, denn Maschinen und Artillerie waren fast vllig
unversehrt, und aus der grauen Stahlmasse des Panzer lohten unaufhrlich
die Blitze der Kanonen. Die englischen Schiffe litten anfangs sehr unter
den panzerbrechenden Geschossen der Italiener, so erhielt der Bulwark
beim berholen des Schiffes im Seegange einen schweren Treffer in der
Wasserlinie, der ihn ntigte, durch Einnehmen von Wasserballast auf der
Backbordseite, die durch den Treffer verursachte Schlagseite nach
Steuerbord wieder auszugleichen. Sehr viel schlimmer sah es aber an Bord
der Italiener aus. Hier durchbrachen die englischen Granaten ohne
weiteren Widerstand die ungepanzerten Bordwnde, gingen teilweise glatt
hindurch. Und sobald bei der geringer werdenden Entfernung zwischen
beiden Flotten die englische Mittelartillerie, der die Italiener so gut
wie nichts entgegensetzen konnten, in den Kampf eingriff, wurden die
Verluste auf italienischer Seite so gro, da sie fast alle
Viertelstunden eine vllige Neubesetzung der Geschtze ntig machten. Es
erforderte starke Nerven fr die italienischen Kanoniere sich erst durch
frmliche Leichenhgel und die auseinander gerissenen Krper ihrer
Kameraden einen Weg an die Ladevorrichtungen bahnen zu mssen. In dem
engen Raume der ungedeckten Barbettetrme, wo die riesigen 43 cm-Kanonen
standen, watete man tatschlich in Blut, stand auf zermalmten Leichen
und fand in dem Brei menschlicher Gliedmaen oft nur mit Mhe noch einen
festen Standpunkt auf den Ladepodesten. Die Geschoaufzge waren durch
Blut und verspritzte Krperteile verschmiert, und oft fanden die rastlos
laufenden Ketten der Munitionsaufzge einen Widerstand an
Knochenstcken, die in sie hineingesprengt waren.

Dreiviertel Stunde hatte der Kampf gedauert. Auf allen italienischen
Panzern klafften breite Schulcher und die dunklen Bordseiten waren wie
gefleckt durch den gelben pulverartigen Belag, dem Rckstand der
englischen Lydittgranaten. Nur hier und da hatte ein italienischer
Panzer noch einen Schornstein oder zeigte Reste des Brckendecks, die
ein wstes Gewirr verbogener Stahlbalken, siebartig durchlcherter
Eisenwnde und wie Papier zusammengerollter Teile der Reeling
darstellten. Dazwischen zerfetzte und zerschmetterte menschliche Krper,
ein vom Leibe getrennter Kopf, der die noch intakten Mannschaften, die
mechanisch die Ladevorrichtungen handhabten und eine Granate um die
andere in den heien Schlund der Stahlrohre schoben, mit glsernen Augen
anstarrte. Der Panzer Lepanto hatte am Hinterschiffe mehrere schwere
Treffer unter der Wasserlinie erhalten; schon leckten die Wellen
zwischen den Lcken der Reeling hindurch auf die Decksplatten, sich in
dem geronnenen Blut, das an allen Eisenteilen klebte, rotfrbend. Das
Vorschiff ragte weit aus dem Wasser, den riesigen Rammsporn zeigend.
Auerdem waren die Maschinen auf mehreren Italienern teilweise
gebrauchsunfhig geworden.

Die Lepanto lag seit einer Viertelstunde vollkommen still, von den
Wellen hin und her getrieben und zwar so, da sie dem Feinde die
Breitseite zeigte. Da flog an dem einzigen Mast des britischen
Admiralsschiffes ein Signal hoch. Die ganze Linie der Englnder bewegte
sich vorwrts. In den Abstnden zwischen den Panzerschiffen erschienen
die Torpedoboote und strzten sich wie eine heulende Meute mit heiserem
Schrei ihrer Sirenen auf den todwunden Feind. Die Entscheidung nahte.
Zwar versuchten die Italiener in diesen frchterlichen Minuten, da die
dichte Linie des Feindes herandampfte, um dem grausigen Spiel ein Ende
zu machen, ihr Feuer zu verstrken, indem sie ihre letzten Reserven in
die Barbettetrme schickten, aber zu Dutzenden sah man sie in den
Rauchwolken platzender englischer Granaten dahinsinken. Und als die
britischen Linien auf Torpedoschuweite heran waren, war es still
geworden hinter den sthlernen Brustwehren an Bord der Italiener. Auf
dem Duilio, wo das eindringende Wasser bereits die Maschinen- und
Kesselrume fllte -- denn weie Dampfstrahlen fuhren aus den
Decksffnungen und ein paar dumpfe Detonationen lieen erkennen, da
mehrere Kessel explodiert waren -- erschien jetzt eine _weie Flagge_.
Das Schiff lag auf dem rechten Flgel und so konnte hier noch Hilfe
gebracht werden, indem man durch Sirenensignale die heranstrmenden
Torpedoboote zurckpfiff. Zwei Zerstrer legten sich lngsseit des
Duilio und ein englischer Offizier sprang an Bord, auf dem
Trmmerhaufen der zusammengeschossenen Kommandobrcke die englische
Flagge aufpflanzend. Von dort sah er, whrend seine Leute sich mit Eifer
an das Rettungswerk machten -- denn die Minuten, da das Schiff noch ber
Wasser aushalten konnte, schienen gezhlt -- an der Italia und am
Dandolo je zwei Torpedos explodieren. Hierauf verstummte auf beiden
Schiffen das Geschtzfeuer. Die Italia sank zwei Minuten darauf wie
ein Klotz mit dem Heck zuerst, im Momente des Sinkens das ganze
Vorschiff senkrecht ber Wasser in die Hhe richtend und dann in den
Wellen verschwindend. Dandolo zeigte kurz darauf die englische Flagge
ber der italienischen und nur Lepanto kmpfte noch mit einem
Geschtz. Da brauste das vom Vizeadmiral Lord Beresford selber gefhrte
englische Admiralsschiff heran und grub seinen sthlernen Sporn in die
Steuerbordseite des wehrlosen Feindes. Ein Moment, und London machte
sich wieder frei, indem sie mit voller Kraft rckwrts ging, dann
strzte eine riesige Wassermasse durch das von dem Rammsto gerissene
Loch, Lepanto holte nach Steuerbord ber und verschwand kenternd in
den Wogen. Kurz darauf sank auch der Duilio.

Das Wrack des Dandolo nahm der englische Panzer Duncan ins Schlepp,
whrend alle anderen englischen Schiffe ihre Boote, soweit sie nicht
zerschossen waren, zu Wasser lieen, um die auf den Wogen treibenden
italienischen Matrosen zu retten. Die meisten waren allerdings von den
sinkenden Schiffen mit in den beim Untergang entstandenen Strudel
hinabgerissen worden.

Das furchtbare Drama war zu Ende. Um 5 Uhr nachmittags fuhr der
Panzerkreuzer Juno in den Kriegshafen von Neapel ein, setzte, whrend
die englische Panzerflotte in einem Halbkreis gefechtsklar auf der Reede
Aufstellung nahm, eine Abteilung Mannschaften ans Land, die sofort in
dem Arsenal alles Material im Laufe von zwei Stunden zerstrten. Die
Torpedovorrte nahm der englische Panzerkreuzer an Bord. Das einzige im
Hafen zurckgebliebene intakte Schiff, der Kreuzer Lombardia strich
die Flagge und wurde unter dem Union Jack nach Malta gebracht, wo zwei
Tage spter auch das Wrack des Dandolo eintraf.

Da eine Landung nicht beabsichtigt war, wurde das englische Kommando mit
Einbruch der Nacht zurckgezogen; die Marineanlagen kamen nach diesem
Besuche fr eine weitere Verwendung whrend des Krieges nicht mehr in
Betracht. Auf der Reede blieben nur zwei englische Panzerkreuzer als
Beobachtungsposten liegen. Eine sehr wertvolle Kriegsbeute bildeten zwei
deutsche und 18 italienische Dampfer, die man nach Malta fhrte. Die im
Hafen liegenden Segelschiffe und Fischerboote lie man unbehelligt.

An demselben Tage fand bekanntlich auch der Kampf mit den drei in
_Tarent_ stationierten italienischen Panzerschiffen Ruggero di Lauria,
Andrea Doria und Francesco Morosini statt, das mit der Vernichtung
der beiden ersteren endigte, whrend der in Reparatur auf der Werft
liegende Morosini kampflos in die Hnde des Feindes fiel und dann der
englischen Flotte einverleibt wurde. Die vier englischen Linienschiffe
hatten nach kurzem Gefecht die Einfahrt in den Hafen forciert, nachdem
sie die gleich anfangs mit ihren Drehmechanismus in Unordnung geratenen
Panzertrme auf der Insel San Paolo niedergekmpft hatten. Da eine
Besetzung des Hafens von Tarent nicht beabsichtigt war, begngte man
sich auch hier damit, das Arsenal und die Docks in hnlich grndlicher
Weise wie in Neapel zu zerstren. Schlielich vernichteten die Englnder
auch noch die wenigen kleineren italienischen Schiffe auf der
Flottenstation von Maddalena nach einem kurzen Gefecht. Maddalena diente
hinfort der englisch-franzsischen Flotte als Sttzpunkt fr die
Blockade der italienischen Westkste.

Bekanntlich rief die Beschieung von Neapel eine ungeheuere Entrstung
hervor. Man warf den Englndern vor, eine offene Stadt bombardiert zu
haben, wobei man jedoch verga, da Neapel Kriegshafen war. Die
anfngliche Absicht der Englnder, den Kampf auf der Reede zu fhren, um
die Stadt nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, wurde, wie oben
geschildert, durch die Erffnung des Gefechtes von seiten des
italienischen Admirals durchkreuzt. Immerhin herrschte groe Aufregung
im englischen Parlament, als der irische Abgeordnete John Redmont den
englischen Premierminister deswegen interpellierte. Die Antwort, die
dieser gab, war echt bezeichnend fr die englische Auffassung. Der
Minister las zunchst die Instruktion fr Lord Beresford im Wortlaute
vor, woraus hervorging, da dem englischen Vizeadmiral von vornherein
grte Schonung der Stadt zur Pflicht gemacht worden war. Er schilderte
die bekannten Vorgnge zu Anfang des Gefechtes und sagte dann:

Ebenso, wie Lord Beresford selber, bedauere ich die notwendig gewordene
Beschieung des Hafenquartiers von Neapel. Wir beklagen es aufrichtig,
da wir gezwungen waren, einige Granaten in das Arsenal zu senden und
da mehrere zu hoch gehende Schsse in die benachbarten Straen trafen.
Hierbei ist aber zu bedenken, da die Verantwortung dafr auf den
italienischen Admiral fllt. Weiter mchte ich darauf aufmerksam machen,
da Neapel zwar mit seinen baugeschichtlichen Denkmlern eine groe
Anziehungskraft fr den Fremdenverkehr hat und da der Besuch besonders
englischer Reisender der Stadt eine groe Einnahme bringt. Wollen Sie
aber, meine Herren, bedenken, da der Reiz, den Neapel bietet durch die
exakte Schieleistung unserer Schiffsartilleristen in keiner Weise
verloren, sondern im Gegenteil gewonnen hat. Die Zerstrung einzelner
Bauwerke fgt vielmehr den zahlreichen Sehenswrdigkeiten Neapels einige
neue hinzu, denn ich bin sicher, da nach Beendigung dieses Krieges jene
Ruinen fr alle Reisenden und besonders fr englische Touristen eine
Hauptsehenswrdigkeit der Stadt bilden werden. Fr die Zerstrung
einiger zwar malerischer, aber nicht sehr wertvoller Gebude wird die
Stadt jedenfalls durch einen reichlicheren Besuch fremder Touristen
vollauf entschdigt werden. Und ich denke, da die efeuumsponnenen
Trmmer der zerstrten Gebude, verbunden mit der Erinnerung an den fr
England so glorreichen Tag von Neapel fr alle Fremden eine grere
Sehenswrdigkeit darstellen, als das zu der Zeit der Fall sein konnte,
da jene Gebude noch unverletzt waren. Ich glaube, da sich auch das
sehr ehrenwerte Mitglied dieses Hauses, welches im Namen einer etwas
bertriebenen Humanitt die Anfrage an mich richtete, mit meiner Antwort
zufrieden sein wird, und sich dabei beruhigen wird, da wir die
Baudenkmler fremder Lnder danach einschtzen, ein wie groes Interesse
sie fr die Mitglieder unseres glorreichen Volkes haben.

Wie gesagt, eine echt englische, aber nicht ganz zurckzuweisende
Auffassung, denn der kolossale Fremdenbesuch, den Neapel jetzt
aufzuweisen hat, zeigt ja deutlich, da die durch das englische
Bombardement zerstrten Gebude fr alle Touristen vorlufig fast so
interessant sind, wie die Trmmersttte von Pompeji. Die Einwohnerschaft
von Neapel, die den Fremden englische Granatensplitter (die brigens aus
England neuerdings selber ^en gros^ bezogen werden) verkauft, ist ein
Beispiel dafr, wie man ein nationales Unglck in Scheidemnze fr den
Touristenverkehr umwechselt.


                     Die Seeschlacht von Spezzia.

Der englisch-franzsische Plan war ursprnglich folgender gewesen: Zu
gleicher Zeit, da die englische Flotte vor Neapel und Tarent erschien,
um dem in Rom berreichten Ultimatum den ntigen Nachdruck zu verleihen,
sollte die franzsische Flotte mit imponierenden Streitkrften, d. h.
unter Aufbietung smtlicher in Toulon gefechtsbereiter Panzerschiffe,
auf der Hhe von Spezzia eintreffen. Jedoch hielten die Franzosen dieses
Programm nicht ein, da Havarien auf verschiedenen Schiffen die
Marschgeschwindigkeit ihres Geschwaders erheblich herabgesetzt hatte.
Dieses, bestehend aus den sieben Linienschiffen: Suffren, Jena,
Hoche, Neptune, Henri IV., Massena und Brennus, sowie den
Panzerkreuzern: Gambetta, Gloire, Montcalm und Chancy -- also
den wahrscheinlich in Spezzia zu erwartenden und voraussichtlich noch in
der Ausrstung begriffenen Schiffen berlegen -- hatte zwar am Mittag
des 19. Mrz die Reede von Toulon verlassen, unterwegs aber versagten
die Maschinen des Brennus und auf dem Neptune brach die
Steuerbord-Schraubenwelle. Unflle, die, wollte man das Geschwader nicht
um zwei wertvolle Einheiten schwchen, zu einem lngeren Halt auf hoher
See zwangen, bis der Schaden auf dem Neptune leidlich repariert war.
Die Maschinenhavarie auf dem Brennus stellte sich allerdings als so
erheblich heraus, -- acht Bellevillekessel leckten hoffnungslos -- da
der Panzer nach Toulon zurckkehren mute. Zu der Zeit, da die
Entscheidung ber Krieg und Frieden schon gefallen war, befand sich die
franzsische Flotte erst halbwegs zwischen Toulon und Spezzia; das aber
wurde verhngnisvoll.

Die italienische Regierung hatte hier im Norden schneller ihre Maregeln
getroffen, als vor Neapel. Der in Genua liegende Panzerkreuzer Carlo
Alberto ergnzte dort Kohlen und Munition und ging am 18. Mrz morgens
um 10 Uhr mit vier Torpedobooten in See, mit der Funkspruchsstation
Genua stndig in Verbindung bleibend und durch sie auch ber den
Ausbruch des Krieges unterrichtet. Nachmittags um 3 Uhr meldete der
franzsische Kreuzer Chancy, da er unverstndliche Funksprche
erhalte, was die Annahme nahelegte, da diese von italienischer Seite
stammten. Um diese Zeit setzte die franzsische Flotte nach dem oben
erwhnten Aufenthalt ihren Marsch auf Spezzia fort, whrend, wie gesagt,
der Panzer Brennus langsam nach Toulon zurckdampfte. Als er sich auf
der Hhe der Hyres-Inseln befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr
pltzlich, fast gleichzeitig an Steuerbord und Backbord, am
Hinterschiffe zwei furchtbare Detonationen, die das Hinterdeck des
Schiffes unter einem Wassersturz begruben: Ein berraschender Angriff
der von Genua ausgelaufenen italienischen Torpedoboote, der den Erfolg
hatte, da der Brennus nach kaum 20 Minuten sank.

Fast um dieselbe Zeit fand sdlich von Genua ein anderes Gefecht statt,
welches ein ebenso schnelles Ende nahm. Der nach Norden zu sichernde
franzsische Panzerkreuzer Chancy erhielt zwei schnell
aufeinanderfolgende Torpedoschsse, und wenn er auch das feindliche
Torpedoboot anscheinend in der Dunkelheit berrannt hatte, -- man hrte
nie wieder etwas von dem Fahrzeuge -- so war doch das Schiff nicht zu
retten. Die Torpedos hatten 20 m von einander mittschiffs auftreffend
fast ein Drittel der Schiffswand zerrissen. Das Wasser strzte in die
Maschinen, sofort die Feuer lschend, so da jede Rettungsarbeit
unmglich wurde. Der Chancy kenterte und sank so rasch, da kaum 40
Mann von seiner Besatzung sich in den Booten retteten, die zwei Tage
darauf vor Genua eintrafen. Das waren zwei empfindliche Verluste noch
vor Beginn des Kampfes.

Die franzsische Flotte traf um Mitternacht des 20. Mrz vor Spezzia
ein. Der alsbald unternommene Versuch von zehn Torpedobooten, in den
Hafen einzudringen, scheiterte an der Wachsamkeit der Italiener. In
Spezzia war man insofern in einer gnstigeren Lage, als man volle 24
Stunden Zeit hatte, die Ausrstung des im Hafen liegenden Geschwaders zu
vollenden, und als im Morgengrauen des 21. Mrz die franzsische Flotte
den Kampf mit den Kstenbatterien begann, fand sie einen wohlgersteten
Feind. Da von den Franzosen das Linienschiff Suffren allein einen
Oberdeckspanzer trug und somit gegen das Feuer aus den italienischen
Mrserbatterien leidlich geschtzt war, so legte es sich nher an die
Kste und nahm mit seinen schweren Geschtzen den Hafen und die Arsenale
unter ein gleich anfangs sehr wirksames Feuer, whrend die brigen
franzsischen Schiffe weiter auf der Reede zurckblieben.

Die leidige Jahrhunderte alte Gewohnheit der Franzosen, ihr
Schiffsmaterial zu ngstlich zu schonen, machte sich hier verhngnisvoll
geltend. Anstatt alle Krfte an den ersten Offensivsto zu setzen --
eine jede Stunde des Zgerns zhlte auf seiten der Italiener, da sie der
Ausrstung und Gefechtsklarmachung ihrer Schiffe zu gute kam -- lieen
sie zunchst fast allein den Suffren das Bombardement weiterfhren.

Etwa um 9 Uhr erhielt man von Sden her von einem englischen Kreuzer die
Funkspruchmeldung von dem Siege vor Neapel. Als dieser auf der
franzsischen Flotte bekannt wurde, erregte er groen Enthusiasmus und
der franzsische Admiral beschlo jetzt die Hafeneinfahrt von Spezzia zu
forcieren, indem er Unterseeboote voranschickte, um die Minensperre zu
zerstren. Whrend sich nun die franzsischen Linienschiffe formierten,
erfolgte durch das Versagen des Rudermechanismus auf dem Henri IV. ein
an sich belangloser Zusammensto zwischen diesem und der Jena. Jedoch
entstand eine momentane Unordnung in den franzsischen Reihen. In diesem
Augenblick erschien die italienische Flotte in der weiten Hafeneinfahrt
von Spezzia. Die sechs Linienschiffe Regina Margarita, Benedetto
Brin, Emmanuel Filiberto (sein Schwesterschiff Admiral di St. Bon
lag in Reparatur im Dock), Sardegna, Sicilia und Umberto gingen
unter Volldampf dem Feinde entgegen. Gleich in den ersten Minuten des
Kampfes erhielt der dem Feinde die verhngnisvolle Breitseite bietende
Henri IV. vier Treffer mittschiffs, die seine Mittelartillerie an
dieser Seite auer Gefecht setzte. Auerdem mute ein Treffer unter den
Kommandoturm dessen Signalleitungen zerstrt haben, denn das Schiff
verharrte ruhig in seiner gefhrlichen Lage. Da brauste unter voller
Maschinenkraft die Sardegna heran. Doch pltzlich hob sich deren Bug
mit dem Rammsporn hoch aus dem Wasser. Dann tauchte die Sardegna mit
dem Vorschiff tief in die Wellen ein und setzte hierauf, wie eine Ente
das bergekommene Sturzwasser abschttelnd, ihren Weg fort.[3]

Wenige Minuten spter grub sich der Sporn der Sardegna in die
Backbordseite des Henri IV. ein. Dieser legte sich unter der Wucht des
Stoes nach Steuerbord ber, und als die Sardegna sich wieder frei
gemacht hatte, schwankte er zurck, tauchte die Backbordreeling tief in
die Wellen, einen Moment stand das Deck senkrecht zu den Wogen, die
schweren Signalmasten klatschten auf das hoch aufspritzende Wasser; eine
dumpfe Detonation erfolgte. Der Henri IV. kenterte und lag kurze Zeit
kieloben, whrend die Schrauben das Wasser peitschten. Dann versank der
schwere Schiffskrper in den Wellen, die ganze Besatzung, auch die, die
sich in den letzten Minuten auf seinen Rumpf gerettet hatte, und auf der
rotgestrichenen Metallmasse des Unterschiffes wie hilflose Ameisen
herumkrochen, mit sich in die Tiefe reiend.

Die Schlacht dauerte kaum eine Stunde. ber ihren Verlauf wissen die
Augenzeugen die widersprechendsten Aussagen zu machen. Die Ereignisse
folgten sich so schnell, da menschliche Sinne der sich jagenden
entsetzlichen Eindrcke kaum Herr zu werden vermochten. Als am
Vordermast des franzsischen Admiralsschiffes das Signal erschien
Sammeln und nach Toulon zurckkehren, (das Signal wurde nicht mehr von
allen Schiffen verstanden, da der Signalmast wenige Sekunden darauf
seitwrts ber Bord strzte) waren nur drei franzsische Panzer noch
leidlich imstande den Befehl auszufhren. Henri IV. und Hoche waren
gesunken, Neptune, von mehreren Torpedoschssen getroffen, war, um die
Besatzung zu retten, auf die Kste losgefahren und war unweit des
Hafeneinganges langsam, das Vorschiff voran, untergegangen. In seinem
turmartigen Signalmast, in dem sich schreckliche Szenen der
Verzweifelung zwischen den nach oben enternden Mannschaften abgespielt
hatten, hatte sich ein Teil der Besatzung gerettet; andere wurden von
italienischen Zerstrern und Minenbooten aufgefischt.

[Funote 3: Die Besatzung der Sardegna erzhlte spter, man habe auf
den Henri IV. zusteuernd einen gewaltigen Sto gesprt, der alle an
Bord Befindlichen zu Boden warf. Man glaubte zunchst einen Torpedoschu
erhalten zu haben. Da aber nichts weiter erfolgte, alle wasserdichten
Abteilungen meldeten, da das Schiff intakt sei und nur das
Kollisionsschott etwas Wasser zog, so konnte man sich den Vorfall nicht
erklren. Erst viel spter stellte sich heraus, da die Sardegna auf
eines der franzsischen Unterseeboote gestoen sein mute.]

Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffren, Jena und
Massena deckten die jetzt in den Kampf eingreifenden Panzerkreuzer.
Doch wurde der Gambetta nach einer halben Stunde so zugerichtet, da
er, nach einem vergeblichen Versuch, nach Sden zu entkommen, nur noch
zwischen bergabe oder Vernichtung zu whlen hatte. Er hite die weie
Flagge. Die Gloire opferte sich vergebens gegenber den italienischen
Panzern auf.

Nur dadurch, da die italienischen Schiffe selber sehr stark gelitten
hatten und im Hinblick auf die mglicherweise von Sden zur Hilfe
eilende englische Flotte sich nicht zu weit von Spezzia entfernen
wollten, wurde es mglich, da die arg zusammengeschossene Jena und
der Suffren, der nur noch einem rauchenden Wrack glich, nach Toulon
entkamen, whrend der Massena in den Hnden des siegreichen Feindes
blieb.

Am 23. Mrz liefen die Trmmer der franzsischen Flotte, zwei fast
gefechtsunfhige Panzerschiffe, fnf intakte Torpedoboote und fast alle
kleinen Kreuzer, die sich an der Schlacht nicht beteiligt hatten, in
Toulon wieder ein. Der Eindruck dieser Niederlage war ungeheuer. Er
fhrte in Toulon zu einer Arbeiterrevolte. Dieselbe Stimmung teilte sich
auch der Bevlkerung von Marseille mit, deren sozialistischer Stadtrat
in einer phrasenreichen Entrstungskundgebung der Regierung, die sich
leichtsinnig in diesen Krieg gestrzt habe, die Verantwortung fr das
nationale Unglck aufbrdete. Die ersten Schsse, die franzsische
Truppen in dem Feldzuge an der Sdgrenze abgaben, waren auf die eigenen
Landsleute gerichtet, die das Arsenal von Toulon strmten und mehrere
Marineoffiziere im Straenkampf tteten. Zwar gelang es der
Regierungsgewalt die Ordnung wieder herzustellen, jedoch das Vertrauen
auf die Flotte und auch, bei der leicht umschlagenden Stimmung der
Sdlnder, auf das Heer, war geschwunden und nur widerwillig zogen die
unter diesem Eindruck stehenden franzsischen Truppen in den Krieg.

Frankreichs neueste Waffe, die so sehr protegierten Unterseeboote,
hatten nichts ausgerichtet. Unentbehrlich fr die Hafenverteidigung und
den Kstenkrieg, hatten diese Fahrzeuge in ihnen unbekannten Gewssern
beim _Angriff_ auf einen unbekannten Hafen vllig versagt. Mehrere Boote
waren brigens vor Spezzia gesunken, eines, wie erwhnt, von der
Sardegna berrannt. Der Verlauf des Seekampfes hatte auerdem den
Beweis erbracht, da man in der franzsischen Marine bei der Anhufung
schwerer Gewichte auf den Decks in den festungsartigen Signalmasten und
in den zu massigen Decksaufbauten zu wenig Rcksicht darauf genommen
hatte, da dadurch die Schiffe berlastig wurden und beim einseitigen
Einbruch von Wassermassen in die Schotten der Gefahr des Kenterns
ausgesetzt waren. Auch die italienische Flotte hatte schwer gelitten,
zwar war kein Schiff gesunken, doch schieden der Emmanuel Filiberto,
sowie der kaum noch schwimmfhige Umberto die nur mit Mhe noch ins
Dock gebracht wurden frs Erste aus der Flotte aus. Nach Beendigung der
notwendigsten Reparaturen konnte jedoch der italienische Admiral bei
einer Revue auf der Reede von Spezzia Mitte April konstatieren, da vier
Panzerschiffe und die vier Panzerkreuzer wieder vollauf gefechtsfhig
waren. Auerdem wurden die beiden im Bau befindlichen Linienschiffe
Vittoria Emanuela und Regina Elena bald in die Flotte eingestellt.

Die englische Flotte verhielt sich nach der Schlacht von Neapel zunchst
passiv, hatte auch genug mit dem Ausflicken ihrer Schiffe zu tun, und
begngte sich damit, zwischen Toulon, Maddalena und Neapel eine
sichernde Postenlinie zu unterhalten, und auerdem die Strae von
Brindisi, wo ein starkes Geschwader stationiert blieb, zu beobachten.
Man traute der kleinen sterreichischen Flotte zunchst keine Offensive
zu und hatte darin auch, wie sich zeigte, recht. Das sterreichische
Geschwader in Pola und Triest, zu dem drei kleine italienische Kreuzer
von Venedig stieen, wagte vorlufig keinen Vorsto, war es doch auch
ein gefhrliches Wagnis, ber Brindisi hinauszugehen, wo man
voraussichtlich mit einem zwei- bis dreifach berlegenen Gegner
zusammentreffen mute. Die Aufgabe der sterreichischen Flotte war es
frs Erste, nur auf dem Posten zu sein, um die Englnder und Franzosen
zu zwingen, ein greres Geschwader bei Brindisi und Tarent konzentriert
zu halten. So zog man wenigstens einen Teil der feindlichen Machtmittel
zur See von der deutschen Kste ab.

Das Nchste, was die franzsisch-englischen Kreuzer im Mittelmeer
unternahmen, war, berall die deutschen, sterreichischen und
italienischen Schiffe aufzubringen, soweit sie nicht in trkischen Hfen
lagen oder ins schwarze Meer geflchtet waren. Dann herrschte einige
Zeit fast vllige Ruhe. Es mag hier gleich erwhnt werden, da es dann
am 17. Juli auf der Hhe von Brindisi zu einer Seeschlacht kam, die
dadurch herbeigefhrt wurde, da der Unwille des sterreichischen Volkes
ber die Unttigkeit der Flotte die Regierung zwang, sie den Feind
angreifen zu lassen. Sie wurde dabei durch eine Diversion der Italiener
von Spezzia untersttzt, die Schlacht blieb unentschieden, sie kostete
den sterreichern die Hlfte ihrer Panzerschiffe und den Englndern ein
Linienschiff und zwei Panzerkreuzer. Das unweit Messina gleichzeitig
stattfindende Gefecht endete mit dem Untergang der Sardegna und der
Gefangennahme der fast sinkenden Sicilia durch die Englnder, die aber
hierbei ebenfalls ein Linienschiff einbten. Dann trat fr diesen
Kriegsschauplatz bis zum Herbst wieder vollstndige Ruhe ein. Die
Italiener blieben mit ihren letzten vier Linienschiffen in Spezzia (die
beiden am 21. Mrz havarierten waren wieder ausgebessert) und die
Verbndeten beschrnkten sich weiterhin auf einen ziemlich lockeren
Blockadedienst vor Brindisi und an der italienischen Westkste.
Verstrkt wurde das Blockadegeschwader im Laufe des Sommers durch die
inzwischen in Toulon endlich fertiggestellten franzsischen
Panzerschiffe, die aber nicht mehr zum Kampfe kamen.




                     Und die andern Mchte ....?


Ihre Stellung ergab sich gewissermaen von selbst. Wer die politischen
Vorgnge der letzten Zeit aufmerksam studiert hatte und wer durch den
Phrasenschleier der Presse hindurchzublicken vermochte, fr den gab es
keine Enttuschungen. Wohl aber berraschungen. Die erste war Italiens
Anschlu an Deutschland. Man hatte sich daran gewhnt, den Dreibund als
eine ^quantit ngligeable^ anzusehen. Und es waren ja auch nicht so
sehr geschriebene Paragraphen, die die Dreibundsmchte aufs neue
zusammenschweiten, es war bei Italien mehr das Ungeschick der
englischen Diplomatie, was die Regierung zwang zwischen einer Demtigung
vor England, zwischen der Gefahr der Unpopularitt und womglich
Abdankung und dem Kriege an der Seite Deutschlands zu whlen.

Auch die Geduld sterreichs hatte die Ungeniertheit Englands bei der
Entfachung des Nationalittenkampfes auf der Balkanhalbinsel bis zum
uersten erschpft. Die ganz offen mit englischem Gelde betriebene
Whlarbeit, die englischen Waffenlieferungen nach Saloniki trugen die
Kriegsgefahr bis an die Grenze Bosniens. Hier wurden sterreich
gefhrliche Fuangeln gelegt, um es bei der Abrechnung mit Deutschland
zu paralysieren. Zudem griff durch Englands provozierende Behandlung der
makedonischen Frage, wobei es sterreich, Italien und Ruland
gegeneinander auszuspielen versuchte, allmhlich eine auerordentliche
Gereiztheit beim Austausch endloser diplomatischer Aktenstcke Platz,
da hier Anfang Mrz bereits ein Konflikt entstand. Er wurde, da
englische Sovereigns in Bulgarien und Serbien krftig einheizten, auf
diesem alten Tummelplatz nationaler Interessenkonflikte vielleicht einen
Brand entzndet haben, htte der Zwischenfall von Samoa nicht der
Entwickelung vorgegriffen. Durch Rulands Auftreten in Sofia und
Belgrad, durch seine Drohung, nicht nur die heimlichen Schrer des
Aufstandes zur Verantwortung zu ziehen -- die russische Flotte lag zum
Auslaufen bereit in Sewastopol -- sondern gleichzeitig die alte
Potemkin-Rechnung in Bukarest zu prsentieren, flaute die Bewegung ab.
Die Rajahvlker zogen es vor, die englischen Pfunde in geruschvollen
Versammlungen in Slivovitz, Wodki und andere landesbliche Getrnke
anstatt in Patronen umzusetzen und ihre Haut fr die Herren der Londoner
City zu Markte zu tragen.

sterreich glaubte mit einem Federstrich seine alte Kabinettspolitik
ohne Rcksicht auf die Empfindungen seiner zahllosen Nationalitten
fortsetzen zu knnen, und verfgte am 22. Mrz die Mobilmachung der
Armee. Als sich bereits zwei Armeekorps auf dem Wege nach der
franzsischen Grenze befanden, brachen die bekannten Revolten des
tschechischen Pbels in Prag und andern Stdten aus. Lrmende
Volksversammlungen sandten Sympathieadressen nach Paris und auch aus
Ungarn wurden massenhafte Gehorsamsverweigerungen bei der Mobilisierung
bekannt. Die zum Garnisonsdienste einberufene Honvedarmee stellte im
Rcken des sterreichischen Heeres eine so bedeutende Gefahr dar, da
sie die Wiener Regierung zwang, die Hlfte der mobilen Armee im Lande zu
lassen. Nur langsam vollzog sich deshalb der Transport der
sterreichischen Truppen auf dem Weg durch Sddeutschland und die
Lombardei nach der franzsischen Grenze. Das hatte bekanntlich den
Vorsto der Franzosen auf Mlhausen zur Folge. Whrend im Norden Schlag
auf Schlag folgte, whrend die deutschen Heere in Frankreich
hineinfluteten, blieb die sterreichische Fhrung stets eine
schleppende. Die sterreichischen Korps gliederten sich im Sden der
deutschen Front an. Auf ihrem linken Flgel stand die italienische
Armee. Auch Italiens halbes Heer hielt das Gespenst einer englischen
Landung zur Verteidigung der langen Kstenlinien in der Heimat fest.
Wenn die italienischen und sterreichischen Armeen manche erfreulichen
Erfolge erreichten, so verdankten sie das dem Umstande, da ihnen nur
schwchere feindliche Streitkrfte und die spanischen und
portugiesischen Korps gegenber standen.

Zugleich mit dem englisch-franzsischen Angriff hatte Portugal, der
Vasall Grobritanniens, eine bombastische Kriegserklrung erlassen.
Eingeengt in diesem Schraubstock der Westmchte blieb Spanien kaum noch
eine Wahl. Zudem ward es von Paris aus kategorisch an die beim Besuche
Loubets in Madrid getroffenen damals so harmlos aussehenden Abmachungen
erinnert. Auch Spanien trat zu den Verbndeten ber, und zwar ohne eine
Kriegserklrung. Es war eine gewisse Hemdrmligkeit im diplomatischen
Verkehr eingerissen.

Und Amerika ....? Im Grunde genommen war es ein einfaches Exempel, das
restlos aufging. Beide angelschsischen Staaten, Amerika wie England,
empfanden die deutsche wirtschaftliche Konkurrenz auf dem Weltmarkte
seit Jahrzehnten gleich lstig. Von London wie von Washington aus hatte
man ja hufig genug versucht, den andern in einen Krieg mit Deutschland
hineinzutreiben. Keiner wollte derjenige sein der mit der grten
Militrmacht anband, damit der andere als ^tertius gaudens^ inzwischen
die Frchte des Krieges einheimse. Hatte England s. Zt. versucht, in dem
Konflikt mit Venezuela Deutschland und die Vereinigten Staaten
aneinander zuzubringen und sich dabei nicht nur whrend der Blockade,
sondern auch bei dem Intriguenspiel in Washington gefhrlich exponiert,
so zeigten die Vorgnge in Samoa ein Gegenstck dazu. Nur war der Erfolg
diesmal ein sehr realer. Wir kennen die Vorgeschichte des Zwischenfalls
von Apia nicht, und werden sie vielleicht nie kennen lernen; man wird
schon dafr sorgen, da keine Dokumente auf die Nachwelt kommen. Das
eine ist aber sonnenklar, da die Verteilung amerikanischer Gewehre an
die Eingeborenen, da die Whlarbeit der amerikanischen Missionare hier
einen Konflikt schaffen _sollte_, in dem man dann den angelschsischen
Bruder liebevoll vor dem Rest sitzen lie. Im letzten Augenblick als
schon die Geschtze schubereit waren, verlie, wie berichtet, der
amerikanische Kreuzer Wilmington die Reede von Apia. Die kleine
Kostenrechnung auf Samoa hat man von Washington aus spter unter
Ausdrcken lebhaften Bedauerns bar beglichen. Es war der Einsatz im
politischen Roulettespiel. Man setzte einen Dollar und gewann Millionen,
wo der Handel zweier Nationen ein Jahr lang still lag. Ein einziges Mal
hat England seine altbewhrte Politik, einen Zusammensto mit mchtigen
Vlkern zu vermeiden, verlassen. Es glaubte _mit_ Amerika zu gehen und
ward von ihm geschoben und mit einem freundschaftlichen Futritt in den
Abgrund gestoen. Was England hundertmal gewollt hat, worauf es seine
ganze Diplomatie konzentriert, gelang dem khl berechnenden Bruder
Jonathan, als britische Schlauheit auf einen Augenblick schlafen
gegangen war. Der Moment, da der Wilmington die Reede von Apia
verlie, entschied fr Amerika wie fr England ber Milliarden. Amerika
buchte sie unter: Haben.

Und Ruland ...? Rulands Haltung war von klugen Erwgungen geleitet,
die auch persnliche Neigungen am Zarenhofe zum Schweigen brachten.
Vielleicht am besten charakterisierte ein Artikel der Nowoje Wremja
die Lage, in dem es hie: Unserm Kriege mit Japan hat die ganze Welt
mit niemals verhehlter Schadenfreude zugesehen. Es war der englischen
Diplomatie gelungen, Japan auf es zu hetzen. Wir wissen, was wir England
verdanken, und werden das nie vergessen. Japan hat, indem es unsere
Flotte vernichtete, nur Englands Geschfte besorgt. Heute, da Europa in
Flammen steht, sind wir in der glcklichen Lage, uns an dem Feuer ruhig
die Hnde wrmen zu knnen. Jeder Sieg, jede Niederlage zhlt auf
unserer Seite. Je mehr tote Soldaten man auf franzsischer Erde
verscharrt, um so grer wird die russische Armee. Sollen wir
Deutschland in den Rcken fallen? Wir haben genug polnische Provinzen.
Was wir wollen, nehmen wir uns, wenn der Krieg an der Erschpfung beider
Gegner zu Ende geht. Dann steht _uns_ die Welt offen. Ebenso denkt man
in Japan, wo man das Bndnis mit England grinsend verlacht. Kein Gelber
marschiert wieder fr England. Sollen wir Frankreich beispringen?
Frankreich, das uns verraten, das unsere Schiffe aus Saigon verjagte?
Diesmal sitzen wir im Parkett ... Das Spiel hat begonnen.

Ruland blieb neutral, so neutral, da es selbst den englischen Kreuzer
Arrogant der im April mit Maschinenschaden Riga anlief, kategorisch
aufforderte, entweder den Hafen innerhalb 24 Stunden zu verlassen oder
die Flagge zu streichen. Ruland instruierte die trkische Regierung,
da es keinerlei Unruhen auf der Balkanhalbinsel dulden werde, schob
seine Grenzposten in Turkestan langsam vor, erklrte, da es Getreide
und Pferde _nicht_ als Kriegskontrebande betrachte, sorgte so fr die
Aufrechterhaltung seiner Getreideausfuhr ber die westliche Grenze und
wartete im brigen in aller Ruhe das Ende des Riesenkampfes ab.

Die skandinavischen Lnder versandten an alle Regierungen eine
Neutralittserklrung, konnten aber nicht verhindern, da englische
Kreuzer hufig norwegische Fjorde aufsuchten. Dnemark setzte seine
Armee auf den Kriegsfu, und versammelte 30000 Mann in Jtland, whrend
der Rest des Heeres in und um Kopenhagen konzentriert blieb. Es schien
zunchst so, als ob die englische Flotte Esbjerg als Operationsbasis
gegen die deutsche Nordseekste benutzen wolle. Auf eine kategorische
Erklrung von deutscher Seite, wenn die englischen Schiffe nicht sofort
zum Verlassen Esbjergs veranlat wrden, so werde Deutschland in Jtland
einrcken, erlie die dnische Regierung einen Protest nach London, der
auch den gewnschten Erfolg hatte. Nicht aus Rcksicht auf Dnemarks
kleines Heer und seine wenigen Kstenpanzer, sondern weil eine
Verletzung der dnischen Neutralitt Jtland auf jeden Fall sofort in
deutschen Besitz gebracht htte. Zwar htte Kopenhagen ein Sttzpunkt
der englischen Flotte werden knnen. Doch lag der Nachdruck ja nicht auf
einer Landung an der deutschen Kste. Und fuhr man schlielich nicht
ebenso gut mit einer wohlwollenden Neutralitt Dnemarks, nach dem alten
Erfahrungssatze: Neutralitt ist, wenn man nicht erwischt wird?

                   *       *       *       *       *

Es sei hier gleich der einzigen Gelegenheit gedacht, da die
sozialdemokratische Phrase sich in die Tat umzusetzen versuchte. Nach
der Drohung Bebels im Reichstage hatte man an so etwas wie die
Proklamierung eines Massenstreiks in den Gewerben gedacht, die mittelbar
mit der Mobilmachung zusammenhingen. Nichts davon geschah; der gesunde
Sinn des deutschen Arbeiters war berall stark genug, um den Einflu
verhetzender Vereinsrednerei zu berwinden. Und als einige gar zu laute
Schreier festgesetzt wurden, brachte man dieser Maregel volles
Verstndnis entgegen. In der Volksseele klangen ernstere Empfindungen
und Stimmungen wider, als da sie sich ber das Schicksal einzelner
Agitatoren htte aufregen knnen.

Bekanntlich erfolgte in den ersten Tagen des Krieges ein Vorsto zweier
franzsischer Korps ins untere Elsa, der dort eine ungeheure Panik
erzeugte. Beim Herannahen des Feindes glaubte nun der sozialistische
Magistrat einer Stadt, deren Namen verschwiegen bleiben mag, seine
international-sozialdemokratische Gesinnung dokumentieren zu sollen. Als
eine Abteilung afrikanischer Chasseurs sich der Stadt nherte, zogen
ihnen die Herren vom Magistrat mit roten Fahnen und Schrpen und sonst
allerhand Rotem entgegen, um die Befreier willkommen zu heien. Der
franzsische Oberst lie ein halbes Dutzend Ansprachen und die
Arbeitermarseillaise geduldig ber sich ergehen und befrderte dann die
ganze Gesellschaft hinter die Front, wo man die aus allen Wolken
fallenden Internationalen zunchst um ihre Unterschrift unter die
Anweisung einer sechsstelligen Summe als Kontribution ersuchte. Und als
sie sich weigerten, steckte man die entgeisterten Volkstribunen einfach
ein und kassierte selber das Geld. Es blieb dies erfreulicherweise der
einzige Fall, in dem unentwegte Genossen ihre Phrasen von
Vlkerverbrderung praktisch zu verwerten suchten. In dem Riesenkampfe,
in dem die Nationen sich eisenklirrend gegenberstanden, ward die
kmmerliche Treibhauspflanze der Internationalitt schnell zu Boden
getreten.


                     Auf ferner, fremder Aue ....

Jetzt standen sie drauen alle die jugendfrischen Shne eines fleiigen
Volkes, die ein kurzer Befehl von ihrer Arbeit abgerufen hatte.
Losgelst von allen Bequemlichkeiten der Kultur standen sie jetzt im
Felde. Leute, die vor zwei Wochen noch das Bewutsein, einen nicht ganz
tadellosen Kragen zu tragen oder ein Fleck auf dem Vorhemde aus dem
moralischen Gleichgewicht gebracht htte, verwhnte Einwohner der
Grostadt, denen bis dahin ein Mittagessen ohne weies Tischtuch ein
unvollziehbarer Gedanke deuchte, die daheim gewohnt waren nasse Stiefeln
sofort zu wechseln, waren jetzt froh, wenn sie berhaupt einmal dazu
kamen, den durchschwitzten Rock ausziehen, oder ihr Hemd selber in meist
sehr zweifelhaften Gewssern waschen zu knnen. Nach kurzer Zeit lag
diesem Volksheere die ganze Kulturwelt wie eine blasse Erinnerung, von
der man durch Jahre getrennt war, dahinten. Manche gefielen sich ganz
besonders in der Pose des rauhen ungewaschenen Kriegers. Wenn nur die
furchtbaren Regengsse nicht gewesen wren. Da man jedoch dem Tode
tglich ins Auge sah, verloren alle kleinen Leiden ihre Bedeutung. Nur
trockene Strmpfe und etwas festes im Magen und im Brotsack, dann lie
sich die Sache schon ansehen.

Und dies herzzerpressende, die Kehle zuschnrende Angstgefhl, wenn es
zum ersten Mal ins Gefecht ging, wenn man zum ersten Mal auf Menschen
schieen sollte, die einen doch schlielich nichts angingen, die einem
doch nichts getan hatten. Aber solche Empfindungen verstummen, sobald
der Soldat merkt, da dies doch etwas anderes sei als daheim ein
Manver, wenn das pfeifende Sausen wie von einer schwippenden Gerte,
wenn die durch einschlagende Kugeln verursachten Sandspritzer den Mann
schleunigst sich decken hieen. Dann fielen die Ersten, und der Anblick
der toten und verwundeten Kameraden entfachte in den andern eine
ingrimmige Wut, eine wilde Gier nach Rache bis dann der Blutgeruch die
Sinne umnebelt und alles andere Empfinden erstickt, nur das Eine: nur an
ihn, nieder mit ihm, der dort drben immer schiet .....

Bei dem Vormarsch der deutschen Heere durch Belgien blieb die rechte
Flanke nach Norden stets durch starke Truppenmassen gedeckt, die bei
einem zu erwartenden feindlichen Vorsto von Antwerpen aus, sofort von
rckwrts Verstrkungen heranziehen konnten. Da die Aufgaben der
deutschen Heeresleitung im nordstlichen Frankreich lagen, verzichtete
man einstweilen auf einen Angriff auf Antwerpen und wartete, bis der
Feind seinerseits vorgehen werde. Der lie freilich lange auf sich
warten. Es bedurfte erst ernsthafter Vorstellungen von franzsischer
Seite, bis sich die englische Heeresleitung entschlo, durch eine
Diversion direkt auf die deutsche Etappenlinie den franzsischen
Verbndeten zu entlasten. Die Schlacht, die Mitte April nrdlich von
Lwen an der Dyle stattfand, endete nach anfnglichen englischen
Erfolgen schlielich mit der Zurckwerfung der englisch-belgischen Armee
auf Antwerpen, worauf mit der Belagerung der Festung begonnen wurde. Der
Verlauf der Schlacht wird recht anschaulich geschildert in folgendem
Briefe eines deutschen Reiteroffiziers, der zu Beginn des Kampfes
verwundet wurde. Der Brief lautet:

Lazarett IV, Lwen, am 30. April 1906.

Mein lieber Vater!

Die beiden Telegramme, die Oberstabsarzt Gebhard Dir geschickt hat,
werden Dich einstweilen ber mein Schicksal beruhigt haben. Soweit es
einem zum Krppel geschossenen Offizier berhaupt gut gehen kann, darf
ich mit meiner Lage hier zufrieden sein. Was spter aus mir und Euch
werden wird, ist eine Frage an eine Zukunft, ber die ich kaum
nachzudenken wage. Wir alle sind durch Familientraditionen gewohnt, dem
Schicksal klar und scharf ins Auge zu sehen und insbesondere ist unser
beiderseitiges Verhltnis ein derartiges, da wir die blichen
konventionellen Geheimnisse nicht vor einander haben, und nicht zu haben
brauchen. Deshalb hier endlich ein klares, unretouchiertes und durch
keine Schnfrberei entstelltes Bild dessen, was mir die beiden letzten
Wochen gebracht haben.

Zwischen dem Augenblick, als ich auf dem Sattel meines Pferdes Dir die
letzte Feldpostkarte am Morgen des 18. April mit Bleistift hinkritzelte,
whrend um mich herum die Trompeten zum Aufsitzen bliesen, und dem
Augenblick, da ich in der Fliederlaube des Lazarettgartens von Lwen
wiederum zur Feder greife, wo um mich der Frhling blht und duftet,
liegt eine Welt.

La mich kurz chronologisch erzhlen. Am 18. April morgens rckten wir
und ein Dragoner-Regiment zusammen auf der von Lwen nach Norden
fhrenden Strae vor. Schweigend ritten wir in den strahlenden
Frhlingsmorgen hinein. Von fern her schallte dumpfer Kanonendonner
herber. Auf dem Hhenzuge, den die Strae, kurz bevor sie in das Tal
der Dyle hinabsteigt, berschreitet, stand unsere Artillerie. Als wir
gegen 6 Uhr in der kleinen Talsenkung hinter dem Hhenzug in eine
Reservestellung einrckten, hatte der Geschtzkampf bereits Stunden
gewhrt, ohne da wir oder der Gegner irgend welche nennenswerte Erfolge
erreicht htten. Man sagte, da die kleine Stadt dort unten im Tale der
Dyle fast schon in unserm Hnden gewesen war, als General French mit
vier neuen Infanterieregimentern unsere Pioniere und die zwei
Bataillone, die sich in den ersten Husern eingenistet und
verbarrikadiert hatten, wieder hinaus warf. Seitdem, sagte man, stnde
das Gefecht. Unser Oberst lie unser Regiment neben der Strae Halt
machen und die Leute absitzen. Auf der anderen Seite stand ein
Infanterieregiment, ebenfalls als Reserve. Die Leute saen im
Straengraben. Whrend wir nach dem rasenden Lrm vor und ber uns
hinhorchten, wollte kein rechtes Plaudern in Gang kommen. Es ist die
gedrckte Stimmung, die eine Truppe stets befllt, wenn sie den Feind
nicht sehen kann und nur dem Schall der Mordarbeit zu folgen vermag.
Dazu wirkte der Anblick der Verwundetentransporte wie stets
niederdrckend, so da nicht einmal die berufsmigen Witzemacher in der
Kolonne Anklang fanden.

Ich erhielt Befehl, mich oben bei der Artillerie ber den Stand der
Schlacht zu orientieren, und ritt von einem Dragoner begleitet die sanft
ansteigende Strae hinan. Es ist eine unvergeliche Erinnerung fr mich,
das wundergewaltige Panorama einmal in meinem Leben gesehen zu haben,
welches der Massenkampf der Vlker in ihrem Zusammenprall entrollt. Ich
hielt oben dicht hinter der Kulminationslinie des Hgels zwischen beiden
Artillerieregimentern, die nur durch die Chaussee in ihrer Aufstellung
getrennt wurden. Eine einzige Linie springender gelber Blitze, schwarzer
Rohre, aus denen der Tod dem Feinde entgegen brllte. Der Boden
aufgewhlt und gepflgt von platzenden Granaten, oben in der Luft die
weien Dampfballen zerspringender Schrapnells. Gedeckt zwischen den
Chausseebumen konnte ich das Tal der Dyle berblicken, grne Fluren, in
denen schwarze Linien die Stellungen unserer Infanterie markierten. Die
Strae senkte sich vor mir bis zu dem Stdtchen, um das in frher
Morgenstunde bereits so hei gestritten war. Jetzt brannte es zur
Hlfte. Die englische Artillerie stand, wie die unsere, gedeckt hinter
den Kuppen der jenseitigen Hgel, war also von hier aus unsichtbar. ber
den langen Schtzenlinien, die sich wie Ackerfurchen ber das wellige
Terrain zogen, stand ein feiner blauer Dunst; wie leichter Frhnebel
aufsteigt, wenn die Morgensonne die Erde grt. ber einem an der
Chaussee hinter unserer Artilleriestellung liegenden Bauernhof flatterte
eine Fahne mit dem roten Genfer Kreuz.

Ich konnte mit meinem Grzglas deutlich verfolgen, wie drben auf der
Bahnlinie, auerhalb des Bereiches unserer Artillerie von Antwerpen her
Zug um Zug heranrollte, eine lange Wagenreihe hinter der anderen
herkriechend, um einige Kilometer nrdlich der Stadt Halt zu machen,
worauf aus ihnen eine wimmelnde Ameisenschar herausquoll. Der Feind
fhrte anscheinend von seiner Operationsbasis gerade hier nach seinem
linken Flgel hin die grten Truppenmassen. Ich sah die englischen
Bataillone sich formieren, sich in Schtzenlinien auflsen und so eine
Ackerfurche neben und hinter der anderen entstehen. In den vorderen
Furchen stiegen graugelbe Rauchwolken auf, und die Ameisen, die von
ihnen zur Seite geschleudert wurden, sie blieben regungslos liegen. Das
klappernde Infanteriegefecht schien zuweilen ganz einschlafen zu wollen,
der Donner der Geschtze blieb das Grundmotiv. Offenbar hatte der Feind
ein greres Geschtzkaliber herangezogen, denn whrend seine
Granaten und Schrapnells bisher immer nur in und ber unseren
Infanteriestellungen explodiert waren, flogen sie jetzt in flachem Bogen
ber den Hhenkamm hinweg, diesseits berstend in die dichten Kolonnen
unserer Reserven versinkend. Es entstand ein Schwanken, eine
wellenfrmige Bewegung nach links und rechts, dann fluteten die dunklen
Abteilungen zurck, man zog die Reserven aus der Feuerlinie, um sie
nicht zwecklos abschlachten zu lassen.

Ich konnte mich von dem seltsam fesselnden Bilde nicht losreien, und
hatte, mit dem Glase den Bewegungen der feindlichen Schtzenlinien
folgend nicht darauf geachtet, da in der Batterie links neben mir das
Feuer nachzulassen begann. Zwei Rohre waren unbrauchbar geworden und an
den anderen vier Geschtzen lagen die Bedienungsmannschaften fast alle
in einem wsten Knuel um die Lafetten. Schrapnell auf Schrapnell
platzte ber der dezimierten Batterie und eine Granate um die andere
whlte den Boden zwischen den Kanonen auf. Die Leitung des feindlichen
Feuers wurde offenbar vom Ballon aus, von dem man unsere Stellungen
einsehen konnte, dirigiert. Gerade als ich den Fesselballon mit dem
Glase ins Auge fate, fhlte ich den Boden unter mit erzittern.
Unmittelbar neben mir stieg eine gelbe Dampfwolke auf, mein Pferd ward
nach links hinber geschleudert. Der Krach des explodierenden Geschosses
machte mich fast taub. Ich lag hilflos unter dem Pferd und griff mit der
rechten Hand in eine ekelhafte, schmierige, warme Masse. Ein Stck der
Granate hatte meinem Pferd den Bauch aufgerissen. Ich sah, wie der
Dragoner vom Pferd sprang, fhlte mich von seinen Armen emporgehoben und
nach dem Grabenrande hingeschleift. Ich blickte zurck auf den Krper
meines treuen Tieres, das mich ein paar Sekunden vorher noch getragen
und wie sich in solchen entsetzlichen Momenten das ganze Seelenleben auf
den Bruchteil einer Sekunde konzentriert, man im Augenblick Stunden
erlebt und scheinbar Gleichgltiges mit aller Schrfe beobachtet, sah
ich mitten auf der blutigen Masse einen Stiefel liegen. Ich packte den
Dragoner am Arm und deutete dorthin. Herr Leutnant, sagte er, der
Stiefel ntzt Ihnen nischt mehr. Ich verstand das nicht.

Einige Minuten -- es kann auch lnger gewesen sein -- mu ich bewutlos
geworden sein. Als ich die Augen wieder aufschlug, stand ein junger,
blonder Militrarzt mit einem Schmi ber der Backe neben mir. Mein
Dragoner bettete mich, so gut er's vermochte, in die Lcke einer Hecke,
am Grabenrande. Was ist's, fragte ich den Arzt. Herr Leutnant, die
Hauptsache ist, da wir die Blutung zum Stehen bekommen. Ich fhlte,
wie er mit einem scharfen Instrument in meinem rechten Bein herumbohrte,
ein rasender Schmerz durchzuckte mich. Bin ich schwer verwundet,
fragte ich. Der rechte Oberschenkel ist glatt durchschlagen. Jetzt
dmmerte es in mir auf, was es mit dem Stiefel auf sich hatte; ich war
ein Krppel. Was weiter in den nchsten Stunden geschehen ist, wei ich
nicht, nur der furchtbare Schmerz an meiner rechten Seite lie mich
zuweilen aus dem Dmmerzustand erwachen. Das Rasen und Drhnen der
Schlacht ging um mich weiter, einmal als ich erwachte, stand die Sonne
hoch am Himmel, Mittag also. Auf der Chaussee, an deren Rand ich
ziemlich versteckt in der Hecke lag, hrte ich das Schttern und Rasseln
von Fahrzeugen, das allmhlich schwcher wurde. Von unserer Artillerie
sah ich nichts mehr. Nur die weie Flagge mit dem roten Kreuz flatterte
noch ber dem Giebel des Bauernhauses. Aber was sie bewegte, war nicht
der Wind, es waren die Flammen, die aus dem Dache des Hauses
hervorzngelten. Die Ambulanz brannte. Gellendes Geschrei drang aus dem
Erdgescho des Hauses und aus dem raucherfllten Garten davor.

Zwei Ordonnanzen rasten an mir vorber und verschwanden in der Senkung
der Strae, die Hufe ihrer Pferde klapperten auf der Chaussee. Dann kam
eine Kompagnie im Laufschritt aus dem Tal der Dyle herauf, warf sich
dicht neben mir zu beiden Seiten der Strae nieder und das furchtbare,
rollende Prasseln des Kleingewehrfeuers benahm mir wieder die Sinne.
Halb bewutlos glaubte ich noch zu hren, wie grere Menschenmassen an
mit vorberwogten, ich hrte fluchen und schimpfen. Dann ward's wieder
stiller, und neben mir sagte eine Stimme: die Khakis kommen. Der Trieb
der Selbsterhaltung lie mich meine Schmerzen berwinden, ich fragte
nach der Richtung hin, wo ich die Stimme gehrt hatte: Werden wir
geschlagen? Ich erhielt keine Antwort.

Auf der Chaussee schleppte sich mhsam ein verwundeter Infanterist, sein
Gewehr als Stock benutzend, fort, nach der Richtung wo unsere
Schtzenlinie verschwunden war. Ich rief ihn an, er sagte: Wir sind
zurckgeschlagen, und setzte sich auf den Grabenrand neben mir. So
warteten wir beide in dumpfem Schweigen, whrend ein beklemmender
Schmerz vor dem Grauenvollen, was nun kommen wrde, meine Brust
zusammenprete, auf das Erscheinen des Feindes. Hinten prasselte und
knatterte das Feuer in den Dachsparren des Ambulanzhauses, davor hielt
ein Wagen mit der Genfer Flagge, in dem man einige Verwundete
fortzuschaffen suchte. Mitten auf der Strae stand ein graubrtiger
Stabsarzt, schwenkte in der Hand ein groes weies Tuch und beobachtete
durch ein Glas das Terrain vor ihm. Ich suchte ihn anzurufen, doch er
schttelte den Kopf, winkte weiter mit dem Tuch, und deutete mit seinem
Krimstecher nach vorn. Jetzt hrte ich ein englisches Kommando und sah
im Laufschritt ber die Felder lange Linien heranlaufender Menschen in
graugelber Uniform. Vor dem Kamm des Hgels warfen sie sich nieder, sich
zwischen Hecken und in den von den Granaten gerissenen Lchern
einnistend und die Tornister unserer gefallenen Mannschaften als Deckung
benutzend. Whrend das taktmige Klappern der Gewehrschlsser und der
scharfe Knall der Schsse anwuchs wie zu einem orkanartigen Hagelwetter,
wenn es auf ein Blechdach herniederschlgt, hrte ich auf der Chaussee
das Rasseln und Stoen einer heranfahrenden Batterie.

Rings um mich und in die Reihen der Khakis schlugen pfeifende Geschosse
ein und stubten Sand und Kiesel auf. Jetzt war sie heran, die erste
englische Batterie, das vorderste Geschtz nur noch mit vier Pferden
bespannt. In das Gespann des zweiten Geschtzes schlug eine Granate,
wirbelte die Pferdeleiber durcheinander, ri blutige Fetzen von den
Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee, das Geschtz in den
Straengraben dicht neben mir schleudernd. Ein Khakileutnant sprang vom
Pferd, brllte die Mannschaften an und zwang sie unter einer Flut von
Schimpfworten die Kanone hinter mir in den Acker zu schleppen. Dicht an
meinem Kopfe fhlte ich die in der weichen Erde whlenden schweren
Tritte der englischen Kanoniere. Dann ein schnappender Ton von Metall,
^fire^! tnte das Kommando, ein Feuerstrahl scho an mir vorbei durch
die Luft, die englische Artillerie hatte den Kampf aufgenommen.

Das beginnende Wundfieber mu whrend der nchsten Stunden meine Sinne
betubt haben. Als ich wieder erwachte, war es Abend. Wie ich spter
erfuhr, hatte die Schlacht folgende Wendung genommen: Vor der
bermchtigen englischen Artillerie, die ungefhr ber das Doppelte an
Geschtzen verfgte wie unsere Artillerie hier auf dem rechten Flgel,
hatten wir zunchst zurckweichen mssen. Nachmittags hatte nach
Heranziehung von Reserven unsere Vorwrtsbewegung dann von neuem
begonnen, und am Abend waren die verlassenen Positionen wieder in
unseren Hnden, der Feind trat den Rckzug ber die Dyle in der Richtung
auf Antwerpen an. Der Tag war unser, aber unter welchen Opfern. Es war,
wie gesagt, Abend, als ich erwachte. Rings um mich tiefe Stille, die
Schlacht hatte sich weit hinber ber die Dyle gezogen. Neben mir stand
noch das englische Geschtz, ber der Lafette lagen zwei tote Kanoniere,
den Kopf in der Todesstarre krampfhaft nach oben gebogen. Selbst meine
durch die Schrecknisse der letzten Wochen gesthlten Nerven vertrugen
diesen Anblick nicht. Wie vier feurige Kohlen glotzten mich die
gebrochenen Augen der Toten, in denen sich die brandrote Farbe des
Abendhimmels widerspiegelte, an. Um das nicht sehen zu mssen, kroch ich
unter frchterlichen Schmerzen ein paar Schritte fort. Mitten auf der
Chaussee stand ein zweites englisches Geschtz. Auch verlassen, auch von
einer stummen Totenwache umlagert; jener Leutnant, der am Mittag das
umgeworfene Geschtz ins Feuer gefhrt hatte, lehnte am Rade der
Lafette. Die rechte Hand hielt noch den Krimstecher, den Kopf hatte eine
Granate fortgerissen. Die Protze dahinter auf der Chaussee war in den
Graben geschleudert, ihre Deichsel starrte wie ein Galgen in die Luft,
den Kopf des einen Pferdes wie mit dem Strick eines Henkers in die Luft
zerrend. Das Dmmerlicht leuchtete gerade genug, um mit all dies
Grliche noch einmal zu zeigen; dann ward das Licht schwcher, die
Sonne sank. ber den leise verschwimmenden Konturen des Hgels schauten
nur die langen Schutzschilde zu beiden Seiten eines dritten
Geschtzrohres, welches mitten im Ackerfelde stand, starr empor. Ich
erkannte daran, da es Ehrhardtsche Geschtze, Geschtze deutscher
Herkunft aus der Zeit des Burenkrieges gewesen waren, mit denen der
Feind von hier aus in die Kolonnen unserer braven Truppen
hineingepfeffert hatte.

Und die Nacht senkte sich hernieder. Ganz von fern drhnte der
Geschtzkampf nach, langsam abflauend und dann wieder anschwellend.
Stunde um Stunde verrann. Zuweilen mu ich wieder in Fieberphantasien
verfallen sein. Ich wei noch, da ich trumte, ich wre auf einer
nchtlichen Wanderung, ich wanderte auf der Landstrae drunten in
Wrttemberg, mitten durch den schweigenden Wald, durch die Stille der
Nacht, die keine Stille ist, in der hundert Stimmen lebendig werden, die
uns das Gerusch des Tages berhren lt. Und ich wanderte und
wanderte, und wunderte mich darber, da mein rechtes Bein schmerzte und
ich trat hinaus aus dem Wald und sah hinber auf das Dorf unten im
Talgrund. Es lag eine Stimmung ber dem Ganzen wie in dem alten, frommen
Lied von Paul Gerhardt: Nun ruhen alle Wlder, und in diese Elegie
hinein platzte pltzlich eine Stimme von ganz fern her, ein Hund schlug
an bau--a, bau--a, bau--a, so klang es pltzlich ganz weit von fern
irgendwo her bau--a, bau--a, bau--a, und immer wieder nur der eine Hund
und er bellte unablssig und immer lauter. Er schrie und rasselte an der
Kette, da fingen noch andere Hunde an, das ganze Dorf war voller Hunde,
wtend bellten und klfften sie und die Stille der Nacht verschwand, und
es schrie irgend jemand nach Wasser und die Hunde bellten lauter und sie
wuchsen und wurden grer, wurden zu riesengroen Ungeheuern und sie
zerrten an ihren Ketten. Dazwischen immer wieder der eine Ruf Wasser.
Da erwachte ich. Von fern her drhnten die Geschtze noch immer, bau--a,
bau--a, bau--a bellten sie und schrien wie die Kriegshunde, mit denen
der Donnergott ber den Wald dahin fhrt, whrend die sturmgepeitschten
Wipfel unter ihm rauschend aneinander schlagen.

Wasser. Der Kamerad konnte nicht weit von mir liegen. Ein paar
Schritte nur, aber ich Krppel konnte ihn nicht erreichen. Ich griff
nach meiner Feldflasche, sie war bei meinem Sturze heil geblieben. Ich
trank gierig ein paar Zge, dann, meine ganze Willenskraft
zusammennehmend, schlo ich den Stpsel wieder. Kamerad, rief ich,
hier meine Flasche, ein kleiner Rest ist noch darin; und ich warf sie
nach der Richtung, von wo gerufen wurde. Ein leise gehauchter Dank wurde
verschlungen von dem Splittern des Gefes auf einem Chausseestein. Das
karge Labsal erreichte die drstende Zunge nicht. Meine Gedanken
wanderten wieder in die Ferne. Ich war zu Hause und sah eine schn
geschliffene Flasche mitten auf einem gedeckten Tisch stehen, Wasser so
viel man wollte, und hier die Besten des Volkes im Straengraben
verkommend, weil ein neidischer Zufall das letzte Labsal in den Sand
rinnen lt. Bau--a, bau--a, bau--a bellten die Geschtze weiter und die
Nacht wurde lebendig rings um mich her. Sie erwachten die Stimmen des
Schlachtfeldes, das Klagen und Sthnen der Verwundeten, der Jammerschrei
der Sterbenden. Flche und Verwnschungen, englische Worte, flehentliche
Bitten: Wasser, Wasser, und drben ber der Talmulde rotbrauner
Brandrauch ber der Stadt, da die Kriegsfurie friedliches Leben
mitleidslos zerstampft hatte. Das Herz erstarrte mir und krampfte sich
zusammen unter dem Gefhl eigner Hilflosigkeit so entsetzlichem Unglck
gegenber. An seinem Mitleiden ist Gott zu Grunde gegangen, so sagt wohl
jener Philosoph, jener Herrenmensch. Er hat nie verwundet unter
Todwunden auf einem Felde gelegen, wo der unerbittliche Schnitter Tod
die Garben gemht hat.

Es war eine furchtbare Nacht, einsam unter den Einsamen, allein unter
den Verlassenen. Hin und wieder blickte ein Mondstrahl zwischen den
Wolken hindurch, das schauerliche Bild des Todes mit seinem fahlen
Scheine bergieend. Dann ward es stiller. Rastlos jagten, lautlosen
Reitergeschwadern gleich, zerfetzte Wolken ber den Nachthimmel, es ward
klter, der Morgen nahte. Blasses Dmmerlicht lie die Umrisse des
Geschtzes vor mir auf der Chaussee wieder deutlicher hervortreten. Da
flatterte neben mir aus der Hecke etwas auf. Eine Amsel setzte sich auf
das Korn des Geschtzrohres, putzte sich die Flgel und begann ihr
schrilles Morgenliedchen zu pfeifen ....

Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem Saal voll
weier Betten; ich war im vierten Lazarett von Lwen. Was soll ich Dir
schreiben ber den Verlauf der Heilung, die mein Freund, der
Oberstabsarzt Gebhardt fr ein Wunder seiner Kunst erklrt. Ich bin ein
Krppel. Ich sitze hier in der Fliederlaube des Gartens, um mich
blhender Frhling; in vier Wochen darf ich meine Krcke nehmen und
heimkehren, heimkehren zu was? Bescheidene Gemter werden sagen, ich
darf mich beglckwnschen, da ich noch so davon gekommen bin, wo die
Blte unseres Volkes auf dem Schlachtfelde modert. Beglckwnschen dazu,
da das dankbare Vaterland soweit fr mich sorgen wird, da es mich in
den Stand setzt, eine Drehorgel zu kaufen, mit der ich als dekorierter
Kriegsinvalid hinfort auf der Strae mir mein Brot suchen darf?

                                                       Dein Sohn Otto.




                   Der Union Jack im Kieler Hafen.


Von dem Verbleiben der englischen Truppentransportdampfer hatte man
nichts wieder gehrt, seitdem der Friedrich Karl einen von ihnen
zerstrt hatte. Es hie -- so wurde wenigstens von der dnischen Kste
gemeldet -- die Mehrzahl der Schiffe liege irgendwo auf hoher See. Da
man nach dem Schicksal Hollands und Belgiens nicht sicher war, ob
England nicht etwa ber die Neutralitt Dnemarks ebenfalls einfach zur
Tagesordnung bergehen werde, blieb das 9. Armeekorps verstrkt durch
Teile des 10., einstweilen in Schleswig-Holstein stehen und bernahm
zusammen mit dem 2. Korps den Schutz der Ostseekste, whrend die
Strecke zwischen Cuxhaven und der Emsmndung durch die 19. Division
(Hannover) verteidigt wurde. berall an der Kstenlinie waren
Beobachtungsposten verteilt, die durch Telegraphenleitungen
untereinander in Verbindung standen; dazu trat der Dienst auf den
Funkspruchsstationen. So glaubte man sich gegen eine berraschung
gesichert, zumal auf allen Bahnhfen Vorbereitungen getroffen waren, um
die hinter der Seefront konzentrierten Truppen sofort nach einem
bedrohten Punkte in Bewegung setzen zu knnen.

Die englischen Kreuzer, die flinken Scouts und zahlreiche Hochseeboote
patrouillierten an den deutschen Ksten, muten demzufolge von den
vorhandenen Sicherheitsmaregeln unterrichtet sein, und so durfte man
sich in England kaum der Illusion hingeben, jetzt noch etwas durch eine
berraschung erreichen zu knnen. Die jtische Halbinsel war durch einen
starken Truppenriegel von deutscher Seite abgeschlossen und auerdem
verstndigte der russische Gesandte in Kopenhagen seinen englischen
Kollegen vertraulich davon, da Ruland eine Verletzung der Neutralitt
Dnemarks als eine unfreundliche Handlung ansehen werde. Nach dieser
Richtung hatte sich der Einflu der Zarin-Mutter geltend gemacht. Im
Hinblick auf die indische Grenze galt es also fr die Londoner
Regierung, hier politisch zu verfahren, um Ruland nicht an den Dreibund
heranzudrngen.

Der monotone Kstenwachtdienst wirkte bald ermdend auf die Truppen, die
vor Begierde brannten, sich mit dem Feinde zu messen, und hier nichts
weiter zu tun hatten, als Tag fr Tag mit dem Teleskop die leere See zu
beobachten und den Horizont nach Rauchwolken ferner Dampfer abzusuchen.
Man wirkte dieser gedrckten Stimmung dadurch entgegen, da man einen
strammen Garnisonsdienst unterhielt und durch Felddienstbungen und
scharfes Exerzieren den Leuten Beschftigung gab. Man lag also auf der
Lauer gegenber einem Feinde, den man kaum sah und von dessen
Anwesenheit nur die Silhouetten der vor Kiel kreuzenden englischen
Flotte und die hier und da auftauchenden englischen Kreuzer Zeugnis
gaben. Gelegentlich bei rauhem Wetter oder wenn Frhjahrsnebel die
Fernsicht hinderte, kamen die englischen Schiffe auch nher heran und
sandten einige Granaten nach den Beobachtungsstationen oder bten ihre
Artilleristen im Schieen nach diesem oder jenem Seebad.

Am Abend des 13. April, es war Karfreitag, schob der auf dem Bungsberge
nordstlich von Eutin stationierte Posten mimutig sein Fernrohr
zusammen und gab auf seinem Morseapparat die telegraphische Meldung nach
Kiel: Vom Feinde nichts sichtbar, die Fernsicht durch Dunst behindert.
Die Meldungen von den beiden Stationen auf Fehmarn lauten ebenso,
seitdem ein groer Kreuzer mit drei Schornsteinen, von Osten kommend,
nachmittags den Fehmarn-Belt in der Richtung auf Kiel passiert hat.

                   *       *       *       *       *

Als am Morgen des 14. April die Uhr auf dem Ltjenburger Kirchturme die
fnfte Stunde verkndete, raste auf der von Ltjenburg nach Kiel
fhrenden Chaussee ein blauer Husar im schrfsten Galopp dahin. Die Hufe
seines schweibedeckten Pferdes schlugen hart auf der Chaussee auf und
in Windeseile wollte der Reiter gerade eine Kurve des Weges nehmen, als
das Pferd sich pltzlich hoch aufbumte, sich dann berschlug, und den
Reiter in hohem Bogen in den Graben warf, wo er mit gebrochenem Genick
neben einem weien Kilometerstein regungslos liegen blieb. Das Pferd
kugelte ebenfalls in den Graben und zerhieb mit den zappelnden Beinen
das Buschwerk der Hecke. Rasch sprangen aus dem Knick zwei grau
gekleidete Gestalten, schleiften den toten Reiter durch das
Haselgestrpp ins Ackerfeld und warfen ihm seine Lanze nach, die
zitternd im weichen Erdreich stecken blieb. Der Husar war durch einen in
Manneshhe ber die Chaussee gespannten Draht zu Fall gebracht worden.

Wenige Minuten darauf trabte von fern her auf schwerflligem Ackergaul
ein zweiter Reiter heran, ein Bauernbursche. Kaum hatte er das Versteck
der beiden erreicht, so fielen sie ihm in die Zgel. Ein ihm auf die
Brust gesetztes Bajonett brachten den Mann zum Schweigen, er ward
gebunden, der Mund wurde ihm mit einem Tuch verstopft, und, ehe er sich
besann, war er von krftigen Armen hinter den Knick geschleppt und lag
nun hilflos neben den beiden Leuten, die auch sein Pferd rasch einfingen
und aufs Feld trieben, wo es ruhig zu fressen begann. Wieder war alles
ruhig. Leise unterhielten sich die beiden Grauen in englischer Sprache,
da sauste auf der Chaussee ein Automobil heran, blitzschnell passierte
es den Standpunkt der beiden Posten, die die acht Insassen der Maschine
mit leisem Pfiff begrten. Aus der Richtung von Kiel drhnte bald
darauf ein dumpfer Ton, andere folgten, und nach einer Pause brummte es
von drben her wie ferner Donner, der den Boden leise erzittern lie.
Die englische Flotte hatte das Bombardement der Kieler Hafenforts
erffnet.

Jetzt begann sich der dicke Dunst der Morgenfrhe in einen feinen
rieselnden Regen aufzulsen. Zu gleicher Zeit liefen in Kiel von der
Beobachtungsstation Hessenstein und Bungsberg die Meldungen ein:
Verbindung nach den Kstenstationen unterbrochen, Regenwetter.

Die Verbindungen nach der Kste waren in der Tat unterbrochen worden;
nicht durch einen Zufall, sondern durch feindliche Hnde. Die englischen
Transportdampfer hatten am Abend des 13. April noch auer Sicht der
deutschen Kste im Groen Belt gelegen und hatten sobald die Sonne
gesunken war, von dnischen Lotsen gefhrt, die Fahrt durch den
Langelandbelt zwischen Laaland und Langeland auf die Hohwachter Bucht
angetreten. Sie waren im nchtlichen Dunkel unbemerkt geblieben. Etwa um
11 Uhr abends waren am Strande unweit Hohwacht ungefhr ein Dutzend
Boote gelandet. Die Mannschaften hatten sich lautlos an die beiden hier
am Strand befindlichen kleinen Detachements herangeschlichen -- deren
Stellungen ein paar Tage zuvor ein englischer Zerstrer ausgemacht hatte
-- und hatten zunchst deren rckwrtige telegraphische Verbindung, die
etwa um Mitternacht aufgefunden wurde, zerschnitten und deren Enden an
ihre eigenen mitgefhrten Morseapparate angeschlossen. Zwei Patrouillen
am Strande und mehrere einzelne Posten wurden -- ohne da ein Schu fiel
-- berwltigt. Um 12 Uhr befanden sich etwa 300 Englnder am Lande,
umstellten die beiden schwachen deutschen Feldwachen und machten die
schlafenden Leute, die nicht mehr zu ihren Gewehren gelangen konnten mit
dem Bajonett nieder. Die Englnder hatten nun eine Strecke von rund 10
km am Strande frei zur Verfgung, wo sich kein deutscher Soldat mehr
befand.

Um durch die Dampfmaschinen an den Ladekrhnen auf den Transportschiffen
keinen Lrm zu verursachen, der in der stillen Nachtluft weit vernehmbar
werden mute, hatte man die Entladung der Transportdampfer weiter
drauen vollzogen, was bei dem schwachen Seegang keine Schwierigkeiten
machte. Hierbei kamen den Englndern die mchtigen Holzfle, die
Torpedoboote aus dem Groen Belt hierher geschleppt hatten -- sie
entstammten der Ladung mehrerer gekaperter Holzdampfer -- sehr zu
statten. Drauen auf der See wurden die Truppen auf diesen Flen
verladen und diese dann durch Torpedoboote in die Nhe der Kste
geschleppt, wo sie durch Ruderboote und durch lange Stangen dem Strande
nher geschoben wurden. Diese Fle durch die Pinassen der Kriegsschiffe
heranschleppen zu lassen vermied man, um die Landung nicht durch die
heftig ratternden Maschinen der kleinen Dampfboote zu verraten. Um 2 Uhr
nachts standen etwa 2000 Englnder am Strande, und als im Osten das
erste Dmmerlicht des 14. April sichtbar wurde, war ihre Zahl bereits
auf 5000 Mann angewachsen. Gleichzeitig entluden zwei Transportdampfer
ebenfalls auf Flen die Pferde der Kavallerie und, was das wichtigste
war, zwei Dutzend groer Automobile, die imstande waren je einen
leichten fr 30 Mann Raum bietenden Wagen zu ziehen.

Von den Pferden erwies sich allerdings die Mehrzahl, infolge des langen
Aufenthaltes auf hoher See, als wenig brauchbar. Immerhin konnte die
erste Kavalleriepatrouille von 20 Mann bereits um 1 Uhr abrcken, um
zunchst die nach Kiel fhrende Chaussee zu gewinnen. Vier Automobile
folgten ihnen und um die Zeit des Sonnenaufganges hatten die englischen
Aufklrungstruppen den halben Weg nach Kiel zurckgelegt.

Zwar war die Landung nicht vllig unbemerkt geblieben, in mehreren
Drfern hatten die Hunde angeschlagen. Jedoch maen die Dorfbewohner dem
Gebell keine Bedeutung bei, da man an Truppendurchzge gewhnt war. Auch
die auf der Chaussee auftauchenden Reiter waren fr die an die
Feldarbeit gehenden Bauern keine auffallende Erscheinung. Der wogende
Nebel verhinderte jede Fernsicht und entzog die Vorgnge am Lande den
Blicken der hher gelegenen Beobachtungsstationen auf dem Hessenstein
und auf dem Bungsberge. Zudem hatten die Englnder die Vorsicht benutzt,
den Bauernhfen und den Drfern gewissermaen zunchst die Windseite
abzugewinnen und durch Radfahrerposten zu sichern. Die sich immer weiter
auf Kiel zuschiebenden englischen Vortruppen zerstrten berall
sofort die Telegraphenverbindungen und unterbanden so jede
Nachrichtenbermittelung. Als dann die Automobile mit ihrer
Truppenbesatzung die Fahrt nach Kiel begannen, hatte man dort keine
Ahnung, was sich in der Nacht am Strande ereignet hatte.

                   *       *       *       *       *

Die zweite Abteilung des englischen Landungskorps hatte ihre Landung
etwas weiter nordwestlich bewerkstelligt. Hier hatte man auch drei
Batterien schwerer Haubitzen ausgeschifft. Diese trafen von den
neukonstruierten Automobilprotzen gezogen, gegen 5 Uhr vor der kleinen
Bahnstation Schnberg ein, wo sich rasch ein Gefecht zwischen der die
Besatzung des Dorfes bildenden Kompagnie und der englischen Infanterie
entsponnen hatte. Das waren die ersten Schsse, die berhaupt fielen.
Die Kompagnie verbarrikadierte sich in den Husern zu beiden Seiten der
Dorfstrae, ihre Streitkrfte um die Bahnstation konzentrierend. Wollten
die Englnder berhaupt etwas erreichen, so konnte das nur durch ein
berraschendes Auftreten geschehen; von dieser Erwgung geleitet lieen
sie Schnberg rechts liegen und verzichteten berhaupt auf die
ursprnglich geplante Benutzung der Eisenbahnlinie, da das geringe
vorhandene rollende Material auf dem Bahnhofe durch die tapfere kleine
deutsche Truppe verteidigt wurde.

Zwar wurde das Schieen in der Morgenfrhe von Fort Stosch aus gehrt.
Man fragte durch Funkspruch hinber, erhielt jedoch von der bereits in
englischen Hnden befindlichen Station in Schnberg keine Antwort und
meldete nun seine Beobachtungen nach Kiel, wo alsbald konstatiert werden
konnte, da auch die Telegraphenverbindung nach Schnberg zerstrt sei.
Der Morseapparat des Bahntelegraphen klapperte seltsame Zeichen
herunter, was man zunchst darauf zurckfhrte, da infolge des
Regenwetters irgend eine Nebenleitung auf der Linie entstanden sei. Jene
Antworten aus Schnberg kamen jedoch nicht aus dem Orte selber, sondern
von der durch britische Truppen bereits besetzten Station
Probsteierhagen, wo sich englische Telegraphisten des deutschen
Morsealphabets zu bedienen suchten. Als kurz darauf dann das
Bombardement der Kieler Hafenforts durch die englischen Schiffe
einsetzte, wandte sich die ganze Aufmerksamkeit diesem Kampfe zu.

Der Beginn des Kanonendonners von der See her, der die Fensterscheiben
in der Stadt erklirren lie, hatte die Bevlkerung Kiels aus dem Schlafe
aufgeschreckt. Gleichzeitig hrten die Bewohner der Kaiserstrae in
Gaarden, dem Stadtteil auf der stlichen Seite des Hafens, die
schmetternden Morgensignale aus der Kaserne der I. Werftdivision
herberschallen. Als sie an die Fenster eilten, konnten sie nur
konstatieren, da in der stillen Strae noch nichts zu sehen war, und
auer den Kommandos auf dem Kasernenhofe drben und dem fernen
Kanonendonner war auch nichts Auergewhnliches zu hren. Da bogen von
der Preetzer Chaussee her kommend zwei Automobile im raschen Tempo in
die Strae ein, zwischen den Husern mit ihrem rasselnden Mechanismus
ein hallendes Echo weckend. Auf den beiden Fahrzeugen und den ihnen
angehngten Transportwagen sah man Leute in grauer Uniform, mit Mtzen,
die, hnlich den fr die deutschen Automobilabteilungen
gebrauchten, vorn die Zahl 10 zeigten; es war also anscheinend eine
Automobilabteilung des 10. Korps. Unter den verschiedenartigen
Uniformen, die tagtglich auf den Straen der Stadt auftauchten, war es
fr den Zivilisten ohnehin schwer sich zurecht zu finden und auch die
Marinetruppen hatten oft Mhe, sich alle Farbennuancen der Landtruppen
zu merken.

Die beiden Automobile passierten die Marinekasernen, und der Offizier
auf dem ersten Fahrzeuge grte mit lssiger Handbewegung den
strammstehenden Posten vor dem Kasernentor. Etwas verwundert ber die
fremdartige Erscheinung auf der Strae verfolgte dieser den Weg der
Automobile, die jetzt in die Norddeutsche Strae einbogen und seinen
Blicken entschwanden. Auch der etwas verschlafene Posten am Eingang der
Werft salutierte und lie die Fahrzeuge passieren. Diese fuhren in den
Werftbezirk ein und machten seitwrts vor den vier groen Trockendocks
Halt; ihre Insassen sprangen herunter und schleppten einige
kofferhnliche Gegenstnde nach der Richtung der Docks, wo ihnen einige
Werftarbeiter ahnungslos Platz machten. Einzelne von den
Automobilfahrern gingen entlang der Kaimauer des Baubassins, wo der
Kreuzer Amazone in Reparatur lag und gingen langsam auf das Ende des
Uferdammes zu, wo sich der gewaltige, turmartige Eisentank zur
Aufbewahrung der Masutfeuerung erhebt.

Aus dem Tore der Marinekaserne trat inzwischen eine Abteilung
Marineinfanterie gerade auf die Strae, um nach dem Hafen zur
Landungsbrcke hinunter zu marschieren. Die regennasse Strae lag noch
im tiefsten Frieden, und auf dem blanken Pflaster hallten die Schritte
der Leute, als sie nach Verlassen des Tores Tritt faten, laut wider.
Die trbe Stimmung des Regenmorgens teilte sich auch den Mannschaften
mit, und verdrossen schoben sie sich vorwrts. Als sie gerade in die
Augustenstrae einbiegen wollten, klapperte von links her ein neues
Automobil mit seinem Anhngewagen heran und wollte vor der Abteilung
noch vorbersteuern. Der fhrende Leutnant der Marineinfanterie rief dem
Offizier auf dem Automobil zu: Herr Kamerad, lassen Sie uns erst
vorber, es geht nach Friedrichsort. In der Aufregung dieses kritischen
Momentes verga sich aber der Herr Kamerad und fiel aus der Rolle,
indem er den Maschinisten zurief: ^Go on^. Ein fragender Blick des
deutschen Offiziers. Wo wollen Sie hin? rief er dem Fremden zu. Es
erfolgte keine Antwort. Alles dies entschied sich mit Gedankenschnelle.

Das Automobil brauste heran und einzelne von den Mannschaften auf dem
Anhngewagen nahmen instinktiv die Gewehre hoch. Da ertnte auf
deutscher Seite der Ruf: Es sind Englnder. Die Ordnung der Kompagnie
lste sich auf, ein paar Schsse erklangen, deutsche und englische
Flche, ein rasches Handgemenge. Das Automobil lag mit zerschossenen
Radreifen seitwrts auf dem Pflaster, mit seinem schnaubenden und
klappernden Mechanismus einen frchterlichen Lrm machend. Der
Anhngewagen stand quer ber die Strae, die Englnder wurden
heruntergezerrt. Einige lagen blutend auf der Strae.

Von den wenigen berlebenden der Szene wurde dann berichtet: Pltzlich
sei vor ihnen eine weie Feuergarbe aus dem Straenpflaster
aufgeschlagen, und als sie wieder zur Besinnung gekommen, htten sie,
whrend der Knall der Explosion ihnen noch in den Ohren gellte, vor sich
einen schwarzen trichterfrmigen Krater gesehen, die Strae beset mit
Leichen und zerfetzten Krperteilen. Die nchsten Huser vllig
demoliert, kein Fenster mehr heil, soweit das Auge reichte. Die
Explosion war dadurch entstanden, da entweder absichtlich oder
unabsichtlich -- genaues lie sich nicht mehr feststellen -- die auf dem
Automobil mitgefhrte kolossale Ladung von Schiebaumwolle zur
Entzndung gebracht worden war.

Langsam rieselte der feine Aprilregen auf diese Szene der Verwstung
hernieder, das verspritzte Blut in breiten Bchen in den Straengossen
mit fortwaschend. Als die 2. Kompagnie im Laufschritt und ohne Ordnung
aus der Kaserne auf die Strae eilte, schlug es vom Uhrturm der
Kaiserlichen Werft gerade 6 Uhr und gleichzeitig tnten von der Werft
her mehrere rasch aufeinanderfolgende Detonationen und hinter ihrem
Gebudekomplex stiegen an mehreren Stellen schwarze Rauchwolken auf, in
denen dunkle Krper mit in die Luft gerissen wurden. Wstes Geschrei und
scharfe Kommandoworte folgten. Alles eilte nach der Werft. Dort standen
unweit des Einganges zwischen den langgestreckten Gebuden die beiden
englischen Automobile, zwischen den Schienengleisen vllig verlassen da.

Die Mannschaften der Automobile hatten die auf den Maschinen
mitgefhrten Sprengkrper an und zwischen den Toren zweier Trockendocks
zur Explosion gebracht. Zwischen der Kaimauer des Baubassins und dem
Kreuzer Amazone war eine weitere Mine explodiert. Die Amazone lag
mit ihren Masten und Schornsteinen schrg auf dem Dache des Schuppens am
Kai, und Zoll um Zoll sank der Schiffskrper, sich langsam von der
Ufermauer abdrngend, ins Wasser ein. Dieses war von einer braunen
opalisierenden Flssigkeit bedeckt, dem aus dem riesigen Tank ins Wasser
strmenden Masut. In den beiden beschdigten Trockendocks lagen die
Kstenpanzer Hagen und Siegfried. Beide Fahrzeuge wurden durch den
ins Dock einbrechenden Wasserschwall hin und her und gegen die
Docksmauern gestoen. Von allen Seiten strmten jetzt die Werftarbeiter
nach der Unglckssttte zusammen und standen in schwarzen Scharen auf
den Uferkais. Vergebens versuchten einige Werftpolizisten und
Marinebaumeister die Menge zurckzutreiben, ihre Warnung vor der
drohenden Gefahr war umsonst, da nur die ersten Reihen der Arbeiter sie
verstanden, diese aber von den von hinten nachdrngenden immer weiter
vorwrts geschoben wurden.

Wie es gekommen, blieb rtselhaft; pltzlich war die breite Wasserflche
des Baubassins und das daranstoende Ausrstungsbassin ein gelbes zum
Himmel aufwallendes Flammenmeer. Der ausgeflossene Masut war in Brand
geraten. Nur mit Mhe gelang es, einige im Ausrstungsbassin liegende
Schiffe in den Hafen hinauszubringen. Die Amazone, die beiden Kreuzer
Blitz und Pfeil, sowie zwei grere Torpedoboote lagen in dem
lodernden Feuermeer und waren fr jede Hilfe unerreichbar. Nur mit Mhe
bahnte sich an der Stelle, wo die vor Wut fast rasenden Arbeiter und
Soldaten die wenigen berlebenden Englnder buchstblich in Stcke
traten, die Werftfeuerwehr mit ihren Dampfspritzen den Weg zum Kai, um
unter grter Lebensgefahr die Schuppen und Ausrstungsgebude zu
retten. Das Masutbassin, aus dem der Feuerungsstoff durch das von der
Explosion gerissene Loch einem sprudelnden Lavabach gleich hervorquoll,
brannte knatternd und rauschend wie eine qualmende Riesenfackel am
Kopfende der Kaimauern.

In der Stadt Kiel hatte der Kanonendonner und die ungeheueren
Explosionen auf der Werft, die keine Fensterscheibe in Gaarden heil
lieen, alles auf die Straen gejagt. Von allen Seiten steuerten kleine
Fahrzeuge und Schleppdampfer ber den Hafen nach der Gaardener Seite
hinber. Der ganze Hafen hallte wider von dem gellenden Schreien der
Sirenen und dem dumpfen Heulen der Dampfpfeifen, whrend von der See her
der Kanonendonner wie ein fernes Gewitter grollte. Da es sich hier um
einen englischen Angriff handelte, war klar, nur der Feind war den Augen
noch verborgen. Eine fieberhafte Erregung und eine dumpfe Wut machte
sich berall geltend, und die durch den Erfolg des Feindes geschrften
Augen wachten mitrauisch ber jeder fremdartigen Erscheinung.

Der kleine weie Werftdampfer Schneewittchen, der von der Holtenauer
Kanalmndung in voller Fahrt schrg ber die Fhrde der brennenden Werft
zueilte, traf mitten im Fahrwasser gegenber von Bellevue auf einen
kleinen Kieler Vergngungsdampfer, der allein von allen Fahrzeugen auf
der Wasserflche in der Richtung nach dem westlichen Ufer fuhr.

An Bord sah man nur ein paar Leute in grauer Uniform, mit groen
breitrandigen Mtzen, hnlich der Uniform der deutschen
Automobiltruppen. Dem Fhrer des Schneewittchen fiel dies auf. Ohne
da er sich Rechenschaft ber die Richtung seiner Gedanken geben konnte,
nderte er den Kurs und steuerte direkt auf den verdchtigen Dampfer zu.
Auf etwa 50 m Entfernung rief er ihn an, erhielt keine Antwort, rief
nochmals hinber, wieder keine Antwort. Die finsteren Mienen der grauen
Mnner am Bord des Dampfers und ihre abweisende Haltung gegenber dem
Anruf muten Argwohn erwecken. Kurz entschlossen hielt der Fhrer des
Schneewittchen direkt auf das andere Fahrzeug zu. Lautlos aber setzte
dieses seinen Weg fort. Es konnte nicht anders sein, das war der Feind.

Da das Schneewittchen kein Geschtz an Bord hatte und ihr Fhrer nicht
ber ein einziges Gewehr verfgte, so blieb nur eine Mglichkeit: er
rannte das geheimnisvolle Fahrzeug einfach an. Weit bohrte sich der
scharfe Bug des Schneewittchen in den schwarzen Krper des kleinen
Hafendampfers, zwei Minuten und er war mit dem grten Teil seiner
Besatzung unter den Wellen verschwunden. Zwei Englnder wurden in den
Wellen aufgefischt und an Bord des Schneewittchen genommen, das jetzt
mit seinem zerdrckten Bug Not hatte, noch die Landungsbrcke von
Bellevue zu erreichen. Die Aussagen der Englnder rechtfertigten die
Vernichtung des verdchtigen Dampfers vollkommen.

Eine englische Automobilabteilung hatte nmlich Neumhlen erreicht und
den dort liegenden kleinen Hafendampfer, der bereits Dampf auf hatte, um
kurz nach 6 Uhr nach Kiel hinberzufahren, weggenommen. Sie hatte ihre
fr die Zerstrung der Holtenauer Kanalschleusen bestimmten Sprengminen
an Bord untergebracht und befand sich bereits auf dem Wege nach der
Kanalmndung, als das Schicksal sie ereilte. Nur durch das entschlossene
Vorgehen des Fhrers des Schneewittchen war eine Katastrophe
verhindert worden, eine Tat, die mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse
belohnt wurde.

Es dauerte mehrere Stunden bis die brennenden Gebude der Werft gelscht
waren -- der Materialschaden war, da der Ausrstungsbestand in den drei
verbrannten Schuppen nicht mehr sehr gro war, nur gering -- und der auf
der Wasserflche schwimmende Masut sich langsam verzehrt hatte.

Da nunmehr die Kieler Garnison alarmiert war und ein unablssiger Strom
von Truppen ber Neumhlen und um die Kieler Fhrde herum ber Gaarden
und ferner auf der Bahnlinie nach Rasdorf gefhrt wurde, war jedem
englischen Angriff nach dieser Richtung vorlufig ein Ziel gesetzt. Ein
solcher war auch gar nicht beabsichtigt gewesen. Der Zweck des
auerordentlich khnen und mit groem Geschick durchgefhrten
Handstreichs der englischen Landungstruppen war mit der Inbrandsetzung
der Werft leider nur zu gut erreicht worden. Die Absichten auf die
Holtenauer Kanalschleusen und auf die Germaniawerft waren durch das
schnelle Eingreifen des Schneewittchen und durch die vorzeitige
Explosion des Automobils vor der Marinekaserne glcklicherweise
vereitelt worden.

Aber die Lage war dennoch ernst. Whrend die englische Panzerflotte,
unter dem Schutz des Regenwetters, nher an die Kste herandampfend, die
Hafenforts mit ihren schweren Geschtzen bombardierte, wurde ihr
Vorgehen durch die Operation der Landungsarmee wirksam untersttzt.

Bei dem unsichtigen Wetter hatten die Forts Korgen und Heikendorf
bisher nicht in das Gefecht eingreifen knnen. Die englischen Schiffe
waren von ihnen aus nur verschwommen erkennbar und wollte man nicht
seine Munition aufs Geratewohl verschwenden, so war einstweilen eine
Zurckhaltung des Feuers geboten. Des Kommandos harrend, standen die
Kanoniere im Fort Korgen an ihren Geschtzen, nach dem grauen
Durcheinander am Eingang der Fhrde hinter dem Leuchtturm von
Friedrichsort scharf auslugend, wo das Aufflammen gelber Blitze die
ungefhre Lage des Angreifers erkennen lie. Die weien Kasernen von
Friedrichsort brannten seit 7 Uhr, mit ihrem schwlenden Rauch die ganze
Uferlinie verhllend. Auf der Fhrde lagen die fnf Panzer der
Braunschweig-Klasse, sowie die Deutschland, gegenwrtig des
Momentes, da ein Vorsto auf den Feind Erfolg versprach. Leise rieselte
der unablssig fallende Regen herab.

Da platzte pltzlich auf der Traverse zwischen zwei Geschtzen im Fort
Korgen ein feindliches Gescho, die Artilleristen mit Sand und
Grasstcken berschttend. Dann noch eins und noch mehrere, im inneren
Hofe des Forts. Da die feindlichen Granaten von der See her nicht bis
hierher reichten, muten diese Schsse von anderwrts kommen. Eine auf
dem Podest einer Lafette explodierende Granate warf das Geschtz aus ihr
heraus und gegen die Traverse. In die allgemeine Bestrzung ber solche
Feuerwirkung eines unsichtbaren Gegners wandten sich alle Blicke nach
rckwrts. Im gleichen Moment erscholl hinter dem Fort krftiges
Kleingewehrfeuer. In raschem Laufe kamen einige Artilleristen in das
Fort gerannt und riefen: Die Englnder! und schon wurden die ersten in
Khaki gekleideten Feinde sichtbar. Schnell entschlossen begegnete der
Kommandant des Forts dieser neuen Gefahr. Er lie die zur Sicherung nach
der Landseite aufgestellten wenigen Revolvergeschtze und
Maschinengewehre bemannen und in wenigen Minuten setzte deren Feuer ein.
Doch der Kampf war aussichtslos. Die geringe Besatzung des Forts sah
sich einem ungefhr zehnfach berlegenen Feinde gegenber, der auerdem
durch das Feuer seiner Haubitzbatterien und durch zahlreiche
Maschinengeschtze untersttzt wurde, whrend die deutsche
Festungsartillerie nach dieser Seite berhaupt nicht gebraucht werden
konnte. Nichtsdestoweniger fand der Feind energischen Widerstand.

Da man es auf englischer Seite mit einer Elitetruppe zu tun hatte,
zeigte sich, als der Feind von drei Seiten zum Sturme berging und im
Laufschritte das freie Terrain vor dem Fort, das von dem deutschen
Maschinenfeuer mit Geschossen berst wurde, passierte. Die Sturmkolonne
mochte an 3000 Mann zhlen und sie erzwang sich, nachdem mehr als die
Hlfte von ihr gefallen, tatschlich den Eingang in das Fort, in dem nur
wenige berlebende noch angetroffen wurden.

Die Englnder schafften sofort ihre Maschinengeschtze und ihre
Haubitzbatterien auf die Wlle und nahmen von hier aus auch die
Heikendorfer Batterie unter Steilfeuer. Es war wirklich der letzte
Moment, da die Englnder Fort Korgen nehmen konnten. Denn kaum hatten
sie sich darin eingerichtet, so wurden die deutschen Schtzenlinien
landwrts sichtbar, die die nach Sden vorgeschobenen englischen Truppen
vor sich hertrieben. Hier jedoch kam die deutsche Verfolgung zum Stehen,
da die in den Erdwllen des Forts eingegrabenen englischen
Schnellfeuergeschtze und Maschinengewehre, die ein rasendes Feuer
begannen, vorlufig Halt geboten. Von Schnberg her, wo die deutsche
Abteilung endlich in einem erbitterten Dorfgefecht berwltigt worden
war, rckten jetzt weitere englische Streitkrfte heran und verstrkten
von Fort Korgen die Stellung nach Osten hin unter Anlehnung an die
kleine Bahnlinie, so da der Ort Probsteierhagen allmhlich zum Zentrum
der englischen Front wurde. Da aber von Sden her immer mehr deutsche
Truppen in das Gefecht eingriffen, wurde der anfngliche
Zahlenunterschied auf beiden Seiten allmhlich ausgeglichen.

Es befand sich also der ganze Abschnitt zwischen Fort Korgen,
Probsteierhagen und Ltjenburg, mit Ausnahme des Forts Stosch und
anderer Kstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der Feind
gezwungen, nach einem Gefecht westlich des Selenter Sees und einem
zweiten um Ltjenburg, wohin mit der Bahn von Eutin mehrere Bataillone
geworfen worden waren, dort seine Streitkrfte zurckzunehmen und sich
nach Norden zu konzentrieren. Wenn jetzt das Bombardement der Englnder
einen Erfolg auch an anderer Stelle am Eingang des Kieler Hafens gehabt
htte, so war Kiel durch einen Vorsto der englischen Flotte zu nehmen.

Die von englischen Artilleristen bedienten Geschtze im Fort Korgen und
die dort installierten englischen Haubitzen begannen alsbald mit dem
Feuer auf die Hafenforts und die deutschen Linienschiffe, diese konnten
nur schwach erwidern, da man Gefahr lief, in die hinter Korgen
liegenden Schtzenlinien der deutschen Infanterie hineinzutreffen, was
auch mehrfach geschah. Nur mit dem Steilfeuer der Mrserbatterien war
unter diesen Umstnden Fort Korgen beizukommen. Und dieses wurde denn
auch wirksam erffnet. Gleichzeitig verlieen die fnf Schiffe der
Braunschweig-Klasse, gefhrt von der Deutschland, ihren Liegeplatz
und dampften, rechts an der Ruine des Friedrichsorter-Leuchtturms
vorbergehend, auf die Reede hinaus dem Feinde entgegen.

Die Artilleristen in den Hafenforts hatten mit Anspannung aller Krfte
bisher das feindliche Bombardement erwidert, man war sich jedoch darber
klar, da man infolge des unsichtigen Wetters dem Gegner nicht viel
Schaden zugefgt hatte. Selber hatte man freilich auch nicht sehr
gelitten. Noch einmal schwoll der Geschtzkampf zu voller Wut an, die
Erde erdrhnte unter dem Gebrll von Hunderten der schwersten Kaliber.
Seewrts hinter der grauen Regenwand lauerte der bermchtige Feind,
dessen Schiffe jeden Moment aus dem Dunstschleier hervortauchen konnten.
Rechts auf Korgen standen englische Schiffsartilleristen hinter
deutschen Geschtzen und die grnen Erdwlle der deutschen Trutzfeste,
ber der der Union Jack wie ein nasser Lappen in der feuchten Luft hing,
wurden von deutschen Granaten zerrissen. Eine furchtbare Krisis, die
Mnner von Stahl und Herzen von Eisen erforderte.

Jetzt lenkte die Deutschland, in den Toppen die Flagge des Reiches,
durch die Lcke in der ueren Minensperre und in Kiellinie folgten ihr
die fnf Schiffe der Braunschweig-Klasse, diesen wieder zwei
Kstenverteidiger. Es waren die einzigen Streitkrfte, ber die man in
Kiel verfgte. Denn die von Cuxhaven herbeigerufenen Linienschiffe der
Kaiser- und Wittelsbach-Klasse konnten erst nach Stunden durch den
Kanal eintreffen. Jetzt maskierte die Deutschland das Feuer der Forts
und langsam verstummte ein Geschtz nach dem anderen hinter den
deutschen Bastionen. Eine furchtbare Stille trat auf Minuten ein und nur
von rechts her klapperte taktmig das Infanteriefeuer weiter. Nun
drhnten die Geschtze der deutschen Schiffe und alles verschwand hinter
dem grauen Regenschleier des Aprilmorgens. Es war vom Lande aus
unmglich dem Gange des Gefechtes zu folgen, unablssig brllte der
Donner von der See her, und in den Lrm der schweren Geschtze mischte
sich das hellklingende, bellende Schnarren der Maschinengeschtze.

Die Ufer der Kieler Fhrde waren von den Einwohnern der Stadt in
schwarzen Massen umsumt. Aller Augen starrten nach der Seeseite, wo die
Entscheidung ber das Schicksal von Kiel fallen sollte. Langsam sanken
die Flammen der brennenden Werft in sich zusammen. Hier war die Gefahr
gedmpft, aber die aus den Drfern der Probstei von der Front im
Hauptquartier des IX. Armeekorps einlaufenden telegraphischen und
telephonischen Meldungen, wuten noch von keinen durchschlagenden
Erfolgen. Im Gegenteil, es schien, als ob der Kampf nach anfnglichen
Vorteilen auf deutscher Seite zum Stehen gekommen war, und als ob die
Strke der englischen Truppen von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs.
Um 11 Uhr lie der Regen nach, zuweilen brach die Sonne durch und nur
vor der Hafenmndung lagerte eine dicke Dunstwolke. Jetzt lste sich von
diesem grauen Hintergrund ein hellerer breiter Schiffskrper, an der
Mastspitze flatterte trge die Flagge mit dem schwarzen Kreuz. Also ein
deutsches Schiff, noch kein Englnder.

Es war der Kstenpanzer Odin, zu einem fast unkenntlichen Wrack
zerschossen, das aus den Stmpfen der ber Bord gegangenen Schornsteine
Rauch und Flammen spie. Beim Friedrichsorter Leuchtturm wurde der Odin
von einem Seeschlepper ins Tau genommen und durch die Lcke in der
Minensperre hineinbugsiert. Als es diese passierte erschien an dem
vorderen, den einzigen noch stehenden Mast ein Signal; schnell
entziffert, enthielt es die Meldung: Angriff des Feindes abgeschlagen.
Weiter nichts. Drauen auf der See erfolgten jetzt ein paar krachende
Explosionen, dann setzte wieder das regelmige Gebrll der schweren
Geschtze ein, das aber jetzt grere Pausen zu machen begann. Einhalb
12 Uhr kroch aus dem wallenden Nebelmassen drauen wiederum ein
zerschossenes Wrack hervor, ohne Masten und Schornstein, es war schwer,
in ihm das einst so stolze Flaggschiff Deutschland zu erkennen. Ihm
folgten, mit Schlagseite nach Backbord, der Panzer Elsa߫ und die
verhltnismig intakte Braunschweig, die drei anderen Lothringen,
Preuen und Hessen, sowie der Kstenpanzer Aegir waren vom Feinde
vernichtet worden. Man erwartete mit Bestimmtheit einen neuen Vorsto
der feindlichen Flotte, doch man wartete vergebens. Als gegen 1 Uhr der
Dunst sich verzog und die Luft wieder sichtig wurde, lag das britische
Geschwader weit drauen. Es hatte durch das deutsche Feuer so sehr
gelitten, da es darauf verzichtete, das Bombardement zu erneuern, da
auch inzwischen Fort Korgen von den Deutschen zurckerobert worden war.

Genaueres ber die englischen Verluste erfuhr man erst spter aus
dnischer Quelle. Zwei englische Panzerschiffe waren gesunken, ferner
war die schwer beschdigte Remarquable unweit des Blker Leuchtturms
auf den Strand gesetzt, um die berlebenden der Besatzung zu retten. Die
Beschdigungen an anderen Schiffen waren auerdem derart, da der
englische Admiral es nicht wagte, mit ihnen die Kieler Hafeneinfahrt zu
forzieren, zumal die Zerstrung der Kieler Werft leider zu gut gelungen
und weitere Aufgaben entscheidender Art fr die englische Flotte in Kiel
nicht vorhanden waren, die gelst werden konnten, bevor weitere deutsche
Verstrkungen durch den Kanal eintreffen muten.

Die englischen Kreuzer, die auf der Hhe der Colberger Heide die
englische Landung beschtzt hatten, erhielten nunmehr, nachdem Fort
Korgen wieder in deutschem Besitz war, und es ein Wahnsinn gewesen
wre, gegen die rapid anwachsenden deutschen Truppenmassen die schwachen
Landpositionen und die paar Drfer zu halten, die Anweisung, die
Wiedereinschiffung der Truppen zu decken. Doch auch das gelang nicht
vollstndig. Von den gelandeten 7000 Englndern lagen 1500 auf dem Felde
vor Fort Korgen. Weitere 2000 waren in den Gefechten am Selenter See,
bei Ltjenburg und in dem erbitterten Straenkampfe in Probsteierhagen
gefallen, so da -- da alle Verwundeten selbstverstndlich
zurckgelassen werden muten -- nur 3500 Englnder ihre Transportschiffe
wieder htten erreichen knnen. Doch machte ein Vorsto der deutschen
Truppen von Lab aus an der Kste entlang auch dieses Unternehmern
illusorisch. Mitten unter die englischen Boote und Transportfle
pfefferte pltzlich die deutsche Artillerie von den Strandhhen bei
Schnberg hinein, so da nur etwa 1000 Englnder an Bord ihrer
Transportschiffe, von denen zwei noch durch die Granaten einer deutschen
Haubitzbatterie zum Sinken gebracht wurden, gelangten. 1000 Briten
gerieten in deutsche Gefangenschaft.

Das war das Ergebnis, als am Abend des 4. April die Sonne sank, und sich
die hellgrauen Leiber der fnf Schiffe der Kaiser-Klasse, die am
Nachmittag durch den Kanal auf der Kieler Fhrde eingetroffen waren, bei
Friedrichsort in der grnen Meeresflut spiegelten.

Der Angriff auf Kiel war abgeschlagen und nur die Silhouetten von sechs
englischen Panzerkreuzern zeigten drauen weit auf der Reede, da der
Feind die Blockade aufrecht erhielt. Mit ungeheueren Opfern war der
Erfolg auf deutscher Seite erkauft worden. Die englische Landung und die
teilweise Zerstrung der Kieler Werftanlagen bewies aber schlagend, wie
recht diejenigen gehabt hatten, die immer eine Befestigung des Kieler
Hafens nach der Landseite fr eine unumgnglich notwendige Forderung
gehalten hatten. Unter der Hypnose, der Feind werde auch stets dort
angreifen, wo man zur Verteidigung gerstet sei, hatte man geglaubt, die
Kste sei durch Signalstationen und schwache Truppenabteilungen gengend
geschtzt. Die Konzentrierung grerer Streitkrfte, die man glaubte
schnell nach einem bedrohten Punkte hinwerfen zu knnen, erwies sich als
nicht ausreichend gegenber einem feindlichen Handstreich, wie er jetzt
erfolgt war. Die Durchfhrung dieser englischen Unternehmung verdiente
volle Anerkennung, wenn sie andererseits auch nur das bewiesen hatte,
da eine Landung und ein rckwrtiger Angriff auf die ungeschtzte
Landseite der Kieler Forts nur dann sein Ziel wirklich vollstndig
erreicht haben wrde, wenn man auf englischer Seite einen
ununterbrochenen Strom von Truppen in die gewonnenen Positionen htte
lenken knnen. Dazu reichte aber die Strke des englischen Landungskorps
nicht aus. Auch haperte es bald mit dem Munitionsersatz.

Nur die unerhrte Tapferkeit auf deutscher Seite und die
Entschlossenheit, selbst unter gnzlicher Aufopferung der eigenen Flotte
die Wucht des feindlichen Angriffes zu brechen, hatte die englische
Offensive rechtzeitig zum Stehen gebracht. Wie man spter erfuhr, war
die Offensive des deutschen Panzergeschwaders nur um eine Viertelstunde
einer allgemeinen Angriffsbewegung der Blockadeflotte zuvorgekommen.

Bekanntlich wurden nachher die Versumnisse in der Verteidigung des
Kieler Hafens sehr bald nachgeholt, und heute ist die gesamte Halbinsel
der Probstei mit in die Befestigung hineinbezogen worden. Die Hhen bei
Schnberg werden jetzt von den grnen Bastionen eines deutschen Forts
gekrnt, das zum Andenken an den braven Verteidiger des Ortes den Namen
Fort Gerstenhauer trgt.




                    Die Seeschlacht von Helgoland.


Seit dem Bombardement von Cuxhaven beschrnkte sich die Ttigkeit der
beiden Flotten in der Nordsee auf ein gegenseitiges Beobachten. Hin und
wieder kam es zu kleinen, ziemlich harmlosen Schieereien zwischen den
auf Vorposten befindlichen Kreuzern, aber etwas Ernstliches schien der
Feind nicht zu beabsichtigen, bis die Hauptmacht der franzsischen
Panzerflotte und der grte Teil ihrer Panzerkreuzer in der Nordsee sich
mit dem brigen Geschwader vereinigt hatte. Dieser Zeitpunkt wurde aber
immer weiter hinausgeschoben, da die Werften und Arsenale in Brest und
Cherbourg zu der Ausrstung der dort liegenden Schiffe sehr viel mehr
Zeit gebrauchten, als man ursprnglich in dem gemeinsamen Angriffsplan
vorgesehen hatte. So mute die Nordseeflotte darauf verzichten,
gleichzeitig mit dem Angriff auf den Kieler Hafen gegen die Elbmndung
und gegen Wilhelmshaven eine kraftvolle Offensive zu entwickeln, und
beschrnkte sich daher auf einen Scheinangriff, der von deutscher Seite
energisch abgewiesen wurde. Das nur zwei Stunden dauernde Feuergefecht
kostete den Franzosen einen greren Panzerkreuzer. Ein frher
unternommener nchtlicher Versuch, ^ la^ Port Arthur, die Elbmndung
durch Versenkung mehrerer mit Zement beladener alter ausrangierter
englischer Panzerschiffe zu sperren, scheiterte an der Wachsamkeit der
deutschen Kreuzer, die den schwerflligen Transport der Sperrschiffe in
flaches Wasser trieben, wo sie dann strandeten.

Da es auf der Hand lag, da die englische Flotte nur auf die Ankunft der
franzsischen Panzer des Nordseegeschwaders wartete, mute man auf
deutscher Seite diese Frist benutzen, um dem feindlichen Angriff
zuvorzukommen. Am 15. April abends bei Dunkelwerden verlie die
Kaiser-Klasse den Kieler Hafen und ging vom Feinde unbemerkt durch den
Kanal nach Brunsbttel. Das Fehlen dieser Panzer im Kieler Hafen blieb
am anderen Morgen dem Feinde verborgen. Von der Beobachtungsstation im
Fesselballon, der stndig ber der englischen Blockadeflotte schwebte,
konnte man keine Vernderung auf der Fhrde feststellen, da an der
Stelle, wo die fnf Schiffe der Kaiser-Klasse gelegen hatten, die
beiden beim Brande der Werft arg beschdigten Kstenpanzer Hagen und
Siegfried sowie drei Kreuzer der Gazelle-Klasse an den Bojen
festgemacht hatten. Auf so groe Entfernung war der Unterschied kaum
festzustellen.

In Wilhelmshaven, Bremerhaven, wo zwei Kstenpanzer Beowulf und
Fritjof, bei den Weserforts stationiert waren, und in Cuxhaven, wo am
16. frh die Kaiser-Klasse eintraf, war man ber die Absicht
instruiert, womglich am 16. April -- Ostermontag -- den Feind in ein
Vorpostengefecht vor Cuxhaven zu verwickeln, worauf dann ein
konzentrischer Angriff aus den anderen Hfen erfolgen sollte. Diese
Disposition beruhte auf den Beobachtungen der letzten Wochen. Jedesmal
wenn das in der Elbmndung liegende Panzergeschwader, die vier Schiffe
der Wittelsbach-Klasse und Kaiser Wilhelm II. (die Kaiser-Klasse
lag in Reserve bei Brunsbttel) ausgelaufen war, um in die Schieereien
zwischen den Vorpostenschiffen einzugreifen, waren die feindlichen
Kreuzer auf das Gros der Blockadeflotte zurckgefallen und sobald die
deutschen Granaten diese erreichten, wich der Feind elastisch zurck und
hielt die deutschen Schlachtschiffe auerhalb des Feuerbereichs seiner
schweren Artillerie. Wollte sich das deutsche Geschwader der feindlichen
bermacht nicht einfach ausliefern, so blieb ihm nichts weiter brig,
als stets unverrichteter Dinge in die Elbmndung wieder einzulaufen.
Dieses Spiel hatte sich mehrere Male erneuert, und auf deutscher Seite
machte sich bereits eine dumpfe Wut darber geltend, da man den Feind
nicht vor die Klinge bekommen konnte.

Am 16. April lagen zwei franzsische Panzerkreuzer Victor Hugo und
Amiral Aube als Wachtschiffe hinter der ueren Postenkette, halbwegs
zwischen Helgoland und Cuxhaven. Um 5 Uhr morgens lief von Cuxhaven
unser Kreuzer York aus, dem Feinde entgegen. Vor ihm wichen die
kleinen englischen Kreuzer und Zerstrer koulissenartig nach beiden
Seiten zurck. Dadurch kam man unbewut den Absichten des York
entgegen, der Befehl hatte, mit den beiden Panzerkreuzern anzubinden.
Die Granaten aus den deutschen 21 cm-Geschtzen schlugen bereits
zwischen den beiden Franzosen ein, und diese begannen unter mchtiger
Rauchentwicklung schon ihren Rckzug in der blichen Weise, als
pltzlich der Amiral Aube mittschiffs weie Dampfwolken ausstoend
seine Fahrt verlangsamte und dann unbeweglich liegen blieb, mit den
Heckgeschtzen das Feuer des York hastig aber ohne Erfolg erwidernd.

Es war ein sonniger Frhlingstag, ein frischer Nordwind strich ber die
blaugrnen Wellen der Nordsee hin und jagte weie Schaumstreifen ber
die breite Dnung. Endlos dehnte sich die weite wogende Seeflche, auf
der von der Elbmndung aus in der Richtung auf Helgoland nur die beiden
langgestreckten franzsischen Kreuzer sichtbar waren, mit ihren vier,
paarweise vorne und hinten an den Signalmasten zusammengedrngten
niedrigen Schloten. In der Ferne verrieten noch einige graubraun
gestrichene kleinere englische Kreuzer die Anwesenheit des Feindes in
diesen sonst vllig verdeten Kstengewssern. Ganz hinten an der
Horizontlinie waren die Silhouetten zahlreicher hoher Schiffskrper mit
ihren starren Masten zu erkennen. ber ihnen stiegen jetzt dicke
schwarze Rauchmassen auf; offenbar machte diese Flottenabteilung Dampf
auf. Auf etwa 6000 m hatte der York das Gefecht begonnen und von
Cuxhaven aus konnte man erkennen, wie mehrere deutsche Granaten auf den
langen Decks der Franzosen aufschlugen und dort krepierten.

Und schon ging die Kaiserin Augusta, mit ihrem scharfen Bug breite
rauschende Schaumkmme aufwhlend, seewrts, um zusammen mit der ihr
vorauseilenden Vineta sich auf den Feind zu strzen, der offenbar
durch eine Maschinenhavarie hilflos und unbeweglich geworden war. Jetzt
zogen sich auch die vor dem York nord- und sdwrts zurckgewichenen
englischen Kreuzer wieder heran und eilten dem bedrngten Kameraden zur
Hilfe. Ebenso verlangsamte der bereits 2000 m vom Am. Aube entfernte
Victor Hugo seine Fahrt, wendete und brachte seine zwlf vorderen
Geschtze ins Feuer. Nunmehr waren smtliche groen Kreuzer im
gegenseitigen Feuerbereich; die Vineta litt schwer darunter, da ihre
hohen Aufbauten dem Feinde eine bequeme Zielflche boten. Ein
Schornstein sah aus wie eine zerfetzte Papierrolle, von der groe Lappen
herabhingen. Man hatte jedoch den Feind zum Stehen gebracht. Wollte er
den havarierten Am. Aube nicht im Stich lassen, so mute er das
Vorpostengefecht weiterfhren und sich strker engagieren, als man es
bisher gewohnt war. Gegen 7 Uhr waren beide Parteien sich auf ungefhr
3000 m nahe. Es war wie bei Wrth; aus einem kleinen Vorpostengefecht
entwickelte sich gleichsam mechanisch eine Schlacht, indem von beiden
Seiten immer mehr Streitkrfte ins Feuer gefhrt wurden. Um 7 Uhr gingen
die fnf Schiffe der Wittelsbach-Klasse in Kiellinie hintereinander
dampfend aus der Elbmndung heraus und griffen 8 Uhr mit ihren schweren
Geschtzen in den Kampf ein, was gleich anfangs den Erfolg hatte, da
eine explodierende Granate das Heck des Victor Hugo wegri und seinen
Rudermechanismus unklar machte. Somit befand sich auch der Victor Hugo
in derselben hilflosen Lage, wie sein bereits jmmerlich zerfetzter
Kamerad Am. Aube, der nur noch einen Schornstein und einen Signalmast
hatte und jedenfalls auch in der Wasserlinie beschdigt war. Er drehte,
jetzt quer zur Fahrtrichtung des York, steckte die Steuerbordsreeling
tief ins Wasser und verschwand dann langsam in den Wogen. Auch ein
anderer kleiner Kreuzer, der von Norden herandampfte, ging etwa 1000 m
vom Am. Aube unter. Die beiden franzsischen Panzerkreuzer hatten
schleunigst um Hilfe signalisiert, wie sich das aus den Strungen auf
der Funkspruchsstation Neuwerk und auf dem deutschen Geschwader kurz
nach Beginn des Feuergefechtes ergab. Das Gros der Blockadeflotte, die
Linienschiffe, dampften heran und um 8 Uhr war vom Lande aus gesehen,
der ganze Horizont von zahllosen starren Masten und schmutzigen
Rauchwolken umsumt.

Es war kein Zweifel mehr, die Absicht der deutschen Flottenleitung war
erreicht; die feindlichen Geschwader kamen endlich einmal auf Schuweite
heran. Der Wittelsbach-Klasse waren die fnf Panzer der
Kaiser-Klasse, gefhrt von dem Flottenflaggschiff Kaiser Wilhelm II.
bereits gefolgt. Mit anderen Worten: alles was an wirklich modernen
Linienschiffen von der deutschen Flotte noch auf dem Wasser schwamm,
ging jetzt in der Richtung auf Helgoland aus der Elbe heraus.

                   *       *       *       *       *

Von Viertelstunde zu Viertelstunde hatten die Funkspruchsstationen
entlang der Kste die Meldungen ber den Fortgang des Vorpostengefechtes
bei Neuwerk nach Bremerhaven, Wilhelmshaven und Emden gemeldet. Es galt
von deutscher Seite jetzt alle Krfte ins Gefecht zu fhren, um die
Entscheidung nach der Richtung zu beeinflussen, da in dem Riesenkampfe
um die Seeherrschaft auf dem deutschen Meere mglichst viel feindliche
Schiffe zum Sinken gebracht wurden. An einen wirklichen Sieg konnte man
nicht denken, es galt nur die Verluste des Feindes so zu gestalten, da
seine Krfte nach der Schlacht nicht mehr imstande sein konnten, die
deutschen Flumndungen zu forzieren. Dann hatte die deutsche Flotte
ihre Aufgabe gelst.

Whrend die zehn deutschen Panzer aus der Elbmndung der englischen
Flotte entgegendampften um sie zum Kampfe zu stellen, der dann in dem
Dreieck zwischen Helgoland, Scharhrn und Wangeroog stattfand, verlieen
in Wilhelmshaven die vier Schiffe der Brandenburg-Klasse um 8 Uhr die
Mole, gefolgt von den vier Veteranen der Sachsen-Klasse und der
Oldenburg. Gleichzeitig gingen die beiden Kstenpanzer Beowulf und
Fritjof von Bremerhaven aus in See, um zusammen mit den Divisionen von
Wilhelmshaven die feindliche rechte Flanke, die von den franzsischen
Panzerschiffen gebildet wurde, anzugreifen. Alles, was auf deutscher
Seite noch irgendwie als Schlachtschiffen in Betracht kommen konnte, war
hier aufgeboten, selbst die Sachsen-Klasse glaubte man noch einsetzen
zu drfen. Nur die kleinen Kreuzer in Cuxhaven und Wilhelmshaven blieben
dort, mit den vllig veralteten und kaum noch fr die Hafenverteidigung
in Betracht kommenden Panzerkanonenbooten zurck. Da man es mit einer
zweifachen bermacht zu tun hatte, stand der Ausgang von vornherein
nicht in Frage.


                           Im Torpedoraum.

Um 7 Uhr wurde in Wilhelmshaven Klarschiff geschlagen. Alle Mann
standen an ihren Posten, gewrtig des Signals, das des Reiches sthlerne
Schutzwehren dem Feinde entgegenwerfen sollte. An den Geschoaufzgen,
in den Trmen und in den Kasematten standen die Posten die Hand an der
Radwelle des Paternosterwerkes, das aus schwarzer Tiefe heraus, aus den
Granat- und Munitionskammern die gewichtigen Projektile nach oben
befrdern sollte. Jeder Mechanismus glnzte blank geputzt und war zu der
todbringenden Arbeit gerstet. Aus dem Maschinenraum drhnte dumpfes
Stampfen und Zischen herauf, und die gewaltigen Schiffsleiber zerrten
und rttelten an ihren Stahltrossen, wenn die Schrauben versuchsweise
einige Umdrehungen machten.

Jetzt ein Druck auf den Hebel, dort oben im Kommandoturm, der den Fhrer
mit einem sthlernen Wall gegen feindliches Feuer schtzt. Die Trossen
werden losgeworfen, ein schrillender Glockenschlag in der Maschine, das
stille Wasser des Hafenbeckens wirbelt mit schmutzigem Schaum am Heck in
wallenden Strudeln empor. Vorn am Bug erhebt sich eine schwache Welle,
sie teilt sich, rauscht an beiden Seiten zurck in breiten Streifen, und
hinaus lenkt das Panzerschiff aus dem Hafenbecken. Whrend die Blicke
der am Ufer Zurckbleibenden an der Flagge des Reiches, die stolz von
allen Masten flattert, hngen, und tausend Hnde den treuen Mnnern
einen letzten Gru zuwinken, tnte vom Lande noch einmal die
begeisternde Weise des Flaggenliedes und donnernde Hurras erschttern
die Luft. Hinaus geht's mit wehenden Flaggen, hinaus auf die freie
deutsche See, deren grne Wasser und weies Schaumgeriesel an den
hellgrauen Panzerwnden der Schiffe klatschend emporlecken.

Ja, wer von dort oben an den Geschtzen dem Feinde ins Auge blicken, wer
sich als Herrscher fhlen konnte ber die weite See. Das war ein ander
Los, auch fr den, der mit seinem letzten Blick noch des Himmels Blau
und den krftigen Salzhauch der See in sich trinken konnte; hier starb's
sich anders, als dort unten im Dunkel, eingepfercht zwischen Stahlmauern
und unablssig sich drehenden und stampfenden Stahlblcken, dort unten,
wo man nichts von dem sah, was drauen vorging, wo, wenn das Schiff
sank, alles im Wasserstrudel erstickt wurde.

Der Leutnant Andersen kommandierte in der Steuerbordstorpedokammer des
Panzers Wrth. Schweigend standen die krftigen halbnackten Mnner in
dem niedrigen, dunstigen nur von zwei elektrischen Lampen erhellten
Raume. Nur flsternd unterhielten sich die Leute miteinander und
achteten sorgsam auf jedes Gerusch, gegenwrtig des Augenblickes, der
ihnen das Telegraphenkommando bermittelte, das dem blanken Torpedo in
der Ladekammer den Lauf in die Meeresflut freigeben sollte. Von hinten
aus der Tiefe des Schiffsraumes her tnte das wuchtige Arbeiten und
Hmmern der Maschinen, die mit voller Kraft der Dampfspannung das Schiff
durch die Wogen trieben. In dem Lrm der rhythmisch auf- und
niederarbeitenden Kolbenstangen, des taktmig sich hebenden und
senkenden sthlernen Gestnges, des zischenden Blasens an den Ventilen
ging die Menschenstimme fast unter.

ffnete sich die schmale eiserne Tr zum Heizraum, so sah man dort wie
in einen Krater, in dem die nackten vom Kohlenstaub geschwrzten Arme
der Heizer mit scharrenden Schaufeln groe Kohlenblcke in die weie
Glut der Feuerung hineinwarfen. Es war ein seltsam schauriges Bild,
diese von dem Feuerschein grell beleuchteten Gestalten zwischen den
roten Schlnden der Feuerungen und den schwarzen glnzenden Kohlenhaufen
unermdlich schaffen zu sehen. In den Ventilatoren rauschte und brauste
der frische Luftstrom, der nach unten gefhrt, wenigstens einen Zug
Lebensluft in diese Gluthlle hineintrieb.

Noch war man in dem ruhigeren Fahrwasser der Jade, aber jetzt ging's
hinaus. Leutnant Andersen zog seine Uhr: Wenn wir mit 15 Seemeilen
laufen, so mssen wir jetzt ungefhr am Roten Sand-Leuchtturm sein. Und
wie eine Antwort auf seine Bemerkung klang jetzt der durchdringende Ton
des Maschinentelegraphen. Also Volldampf flsterte der Leutnant und
wieder standen die schweigenden Mnner in dem dumpfen, niedrigen Raum
und horchten auf jeden Ton, der von auen durch die dicken Stahlplatten
zu ihnen hereindrang. Schwerfllig begann das Schiff zu stampfen, man
war auf freier See. Die Wogen warfen ihre Wassermassen rauschend und
polternd gegen die Schiffswand.

Mit den Schiffsbewegungen begann jetzt alles, was lose war, langsam hin
und her zu pendeln, und unwillkrlich machte jeder diese wiegenden
schwebenden Schwingungen mit, auf und nieder. Unter dem Druck dieser
dumpfen Stimmung, von den Schwankungen in gedankenloses Hindmmern
gewiegt, bildete man sinnlose Worte nach dem scharfen Taktschlag der
Maschinen und wiederholte sie immer wieder von neuem nach dem Rhythmus
der Kolbenschlge. Aller Augen hingen schlielich wie an einem
Rettungsanker an einem von der Decke herniederbammelnden Stckchen Tau,
welches mit den Schiffsbewegungen langsam hin und her schwebte. Da
erschtterte ein furchtbarer Krach den ganzen Bau des Schiffes, das
schwingende Tau machte auf halbem Wege Halt und wute anscheinend nicht
mehr, welchem Rhythmus es sich nun wieder anpassen sollte. Gott sei
Dank, sagte Leutnant Andersen, wir haben das Feuer erffnet. Martens
nehmen Sie doch das Tau herunter, das macht einen ja ganz nervs.

Jetzt dachte jeder daran, wie wohl das Tau dahin gekommen sein mochte.
Ein paar Sekunden wieder nur das dumpfe taktmige Stampfen der
Maschinen, und dann brach es oben los wie ein Gewitter, der
Geschtzkampf hatte begonnen. Einer der Leute, der zunchst an der
Auenwand des Torpedoraumes stand, prallte pltzlich von ihr zurck,
seinen Nebenmann fast umreiend. Ein krachender Donnerschlag gellte in
den Ohren, die Erschtterung lie die elektrischen Lampen aufzucken.
Jeder suchte sofort an der weigestrichenen Wandflche, ob nicht
irgendwo ein Wasserstrudel hereinbrauste, sie alle wie Muse in der
Falle ersufend.

Nichts erfolgte, oben raste nur der tosende Orkan weiter, und die Wogen
polterten gegen die Schiffswand.

Herr Leutnant, sagte einer der Mannschaften, dort kommt Wasser. Und
richtig, durch einen fast unmerklichen Ri oben in der Auenwand perlte
und quoll tropfenweise ein schwaches Gerinnsel in den Torpedoraum
hinein. Eine feindliche Brisanzgranate war vor der Wrth ins Wasser
schlagend krepiert. Der Druck der Explosion hatte ein Stck der
sthlernen Auenhaut unterhalb des Panzergrtels zwischen einzelnen
Spanten weggedrckt und hatte auch den Doppelboden an einigen Stellen
eingerissen. Das war die Detonation von vorhin gewesen.

Unaufhrlich erbebten die Stahlmassen des Panzers unter den Sten des
Geschtzfeuers und wurden dazwischen von krachend einschlagenden
feindlichen Geschossen erschttert. Whrend bisher die Bewegungen des
Schiffes nur ein regelmiges Stampfen auf den Wogen gewesen waren, ward
der Schiffskrper jetzt im Gefechte regellos hin und her geworfen und
schleuderte in der Maschine und in dem Torpedoraum die Mannschaften oft
heftig gegen einander. Dann wieder fhlte man sich wie in einem Wirbel
um sich selber gedreht, wenn das Schiff nach links oder rechts eine
rasche Wendung machte.

Stumm standen die Mannschaften im Torpedoraume an dem mattglnzenden
Rohre. Da erschien in Flammenschrift vor ihnen an der Auenwand das
Kommando: Achtung. Ein Seufzer der Erleichterung ringsum. Endlich also.
Die Hand am Hebel, den zweiten Torpedo bereit, da er sofort dem ersten
in das Lanzierrohr nachgeschoben werden konnte; so vergingen die
Sekunden tropfenweise. Man mute dicht am Feind sein. Los! lautlos
erschien in glhenden Lettern der Befehl auf der Glasscheibe des
Signalapparates. Den Hebel herumgerissen; ein leises metallenes Klappen
und Schnappen im Rohre, ein Gurgeln und Schluchzen von Wasser, das in
die leere Kammerschleuse des Lanzierrohres hineinflutete. Das Gescho
war fort .... Traf es? ... Krftige Arme ergriffen den zweiten Torpedo,
er glitt in die dunkle ffnung des Rohres, und nach ein paar Sekunden
sah alles aus wie vorher. Hatte der Schu getroffen? Hier nach unten
drang kein Ton, nur oben raste das Donnergetse weiter und von hinten
her drhnte das Sthnen und Stampfen der rastlos arbeitenden Maschinen,
von auen krachten wuchtige Schlge gegen die Schiffswand.

Da lie ein schmetterndes Krachen alle Pulse stocken, ein
markerschtternder Schrei aus der Maschine, ein nervenbetubendes
Gepolter zerreienden Metalls, als ob ungeheuere Eisenblcke
gegeneinander geschleudert wrden; doch das taktmige Stampfen und
Schlagen der Maschinen dauert fort.

Martens, schlieen Sie die Tr! schrie der Leutnant, und knallend fiel
die Tr in ihren sthlernen Rahmen. Auf dem Gange drauen verklang das
Wimmern und Schreien sterbender Menschen.

Eine feindliche Granate war in den Kesselraum der Wrth gefahren und
hatte zwei Kessel zerschlagen. Der ausstrmende Dampf verbrhte die in
der Nhe befindlichen Heizer sofort und drang auch in andere
Schiffsrume, deren Schotttren nicht geschlossen waren, auch hier noch
mehrere Leute ttend. Die vom Torpedoraum nach dem Gange fhrende
Eisentr, die eben noch rechtzeitig geschlossen wurde, war in einem
Moment darauf ebenso wie die ganze Wand glhend hei. Als Martens die
Tr zuwarf, blieben an ihrem Griff bereits Hautfetzen von ihm kleben.
Herr Leutnant, sagte er, seine Rechte hinhaltend, das war hohe Zeit.
Ohne Aufhren drhnte das Gebrll der Schlacht.

Da erloschen pltzlich die Lichter im Torpedoraum, das elektrische Kabel
mute irgendwo verletzt sein, und nur die beiden llampen erhellten den
schwlen, dunstigen Raum mit ihrem rtlichen Lichte. Noch einmal kam das
Kommando, noch ein Torpedo verlie das Rohr, dann warf ein Sto die
Mannschaft in einem wilden Knuel durcheinander. In sinnlosem Entsetzen
glaubte jeder jetzt das Wasser hereinbrechen zu sehen, denn das konnte
nur ein Rammsto gewesen sein. Empfing man ihn, oder rammte man selber?
Die Schwankungen des Schiffes lieen nach ... Keine Schlagseite ... Die
Wrth schien unverletzt. Dann wieder eine kreiselnde Bewegung. Wir
gehen zurck, sagte der Leutnant, indem er seinen kleinen Taschenkompa
beobachtete, natrlich, wir gehen zurck. Voigt, gehen Sie nach oben
und bringen Sie sofort Bescheid, wie die Schlacht steht. Nur mit Mhe
konnte der Mann die Tr des Torpedoraumes aufstoen, er mute mit ihr
einen schweren Krper beiseite schieben, erkannte in dem schwachen
Lichte auf dem Wallgang einen seiner Kameraden, der von dem siedenden
Dampfe verbrht im letzten Moment noch gehofft hatte, sich in die
Torpedokammer retten zu knnen. Jetzt lag er, eine Masse gequollenen
Fleisches, drauen an der Tr, die Hand noch an deren Griff. Als Voigt
die Tr wieder schlo, lste sich der Arm des Toten vom Krper. Fnf
Minuten spter, stand Voigt wieder vor seinem Leutnant und meldete,
whrend dicke Trnen ber die Wangen des braven Burschen rollten: Herr
Leutnant, S. M. S. >Wrth< geht auf Wilhelmshaven zurck. Herr
Kapitnleutnant Wehrmann lt Herrn Leutnant sagen, wir wren vom
Geschwader das letzte Schiff, welches noch auf der Sdfront kmpft. Das
Geschwader auf der Elbe ist anscheinend vollkommen vernichtet. Wir
werden vom Feinde hart verfolgt.

Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. In das Gefhl, doch noch
heil davon zukommen, mischte sich der qulende Schmerz ber diesen
Ausgang und eine sinnverwirrende die Kehle drrende Wut, dem Feinde
ohnmchtig gegenber zu stehen.

Doch kein Raum zu solchen Gedanken. Eine Ordonnanz erschien: Alle Mann
aus den Torpedorumen an die Geschtze. Leutnant Andersen fhrte seine
Leute durch Gnge, auf deren Boden sthnende Verwundete lagen, ber
zerschmetterte Treppen, ber blutbeschmierte Planken hinauf in den
hinteren Geschtzturm. Sowie die Mannschaften an die frische Luft kamen,
taumelten sie, von einer pltzlichen Schwche erfat, die furchtbaren
Stunden dort unten in dem stickigen Dunst hatten die Nerven auch dieser
frischen Naturmenschen bis zur Erschpfung gebracht. Aber keine Zeit zur
Schwche; der Leutnant bernahm das Kommando im hinteren Turm an dem
einzigen noch intakten Geschtz und rasch packten die sehnigen Arme der
Torpedomannschaften die auf der Ladeschale liegende Granate, schoben sie
ins Rohr und entnahmen den Armen eines toten Kanoniers die Kartusche.

S. M. S. Wrth nahm mit seinem letzten Heckgeschtz das Feuer gegen
das ihn verfolgende englische Linienschiff Eduard VII. wieder auf, mit
einem famosen Treffer in die eine Geschtzpforte von dessen vorderen
Turm diesen auer Gefecht setzend. Der Englnder blieb zurck, da er an
der Ruine des Roten Sand-Leuchtturms nicht mehr wagte, in das
gefhrliche Fahrwasser der Jade einzulenken. Die Wrth traf, mit ihren
Maschinen immer noch zwlf Seemeilen machend, um 6 Uhr wieder an der
Mole von Wilhelmshaven ein, das letzte Schiff des Geschwaders, das am
Morgen Wilhelmshaven verlassen hatte. Die anderen drei Schiffe der
Brandenburg-Klasse waren drauen whrend des Kampfes gesunken. Die in
Brand geratene Oldenburg lag in den Watten von Wangeroog. Der
Kstenpanzer Hildebrand war von seinem Fhrer ebenfalls dort auf den
Strand gesetzt und, nachdem er ihn mit den wenigen berlebenden der
Mannschaft verlassen, gesprengt worden. Das war alles, was von der
deutschen Flotte, die von Sden angegriffen, noch ber Wasser zu sehen
war. Die vier Schiffe der Sachsen-Klasse hatte die See verschlungen.

Von den zehn Linienschiffen der Wittelsbach- und der Kaiser-Klasse,
die von der Elbmndung aus angegriffen hatten, war der grte Teil
gesunken. Nur Schwaben und Zhringen waren noch imstande, Cuxhaven
wieder zu erreichen. Kaiser Wilhelm II. sa drauen auf dem
Scharnhrn-Sande. Wettin war dadurch zugrunde gegangen, da ihm ein
feindlicher Torpedoschu den Boden aufri. Dadurch wurde der
Masutbehlter beschdigt, sein Inhalt lief in die Feuerungen und aus
allen Decksffnungen schlugen die Flammen. Kurz darauf erfolgte eine
Explosion, die das Schiff buchstblich in Stcke ri.

Aber teuer hatte der Feind die Zerstrung der deutschen Flotte erkaufen
mssen: drei franzsische und fnf englische Panzerschiffe waren
ebenfalls gesunken. Geschtze, Torpedo und Ramme waren auf deutscher
Seite gut bedient und geleitet gewesen. Vier englische und zwei
franzsische Panzer muten ferner zur Reparatur die heimischen Hfen
aufsuchen.

Die Zerstrung einiger havarierter feindlicher Schiffe, verdankte man
brigens der mittags whrend der Schlacht von Emden ausgelaufenen
deutschen Torpedoflotte, die, 16 Boote stark, sich auf die hinter die
Schlachtlinie geschleppten auer Gefecht gesetzten feindlichen Schiffe
strzte und von ihnen mehrere nachtrglich noch zum Sinken brachte,
wobei sie allerdings sechs ihrer Boote opferte.

Um 4 Uhr war die Schlacht zu Ende, durch ein Signal verstndigte man
sich mit dem Feinde. Es wurde eine Waffenruhe bis zum anderen Morgen
festgesetzt, die beiderseits dazu benutzt werden durfte, die auf hoher
See noch treibenden Mannschaften zu retten. Die als Hospitalschiff
ausgerstete kaiserliche Yacht Hohenzollern und ein Seeschlepper der
Hamburg-Amerika-Linie, von Bremen aus zwei Dampfer des Norddeutschen
Lloyd sowie einige Torpedoboote gingen zu diesem Zwecke in See. Als der
Seeschlepper Hamburg mit dem ersten Transport von Verwundeten, die von
dem gestrandeten Kaiser Wilhelm II. geborgen waren, abends gegen 8 Uhr
im Hamburger Hafen eintraf und an den St. Pauli-Landungsbrcken fest
machte, luteten die Glocken von allen Trmen Hamburgs und alle Flaggen
sanken auf Halbmast.

                   *       *       *       *       *

Der Tag von Helgoland hatte denen eine furchtbare Lehre gegeben, die
sich einer Vermehrung der deutschen Flotte gegenber ablehnend verhalten
hatten und die nichts Besseres zu tun wuten, als bis zum berdru auf
dem Gott wei von wem in einem Momente politischen Schwachsinns
konstruierten Satz herumzureiten: Eine kleine, aber gut bemannte und gut
gefhrte Flotte ist unter Umstnden wohl imstande einer greren
Seemacht gegenber den Sieg zu erringen. Dieses Dogma politischer
Kaffeeschwestern war vor der Macht der Tatsachen wie ein Rauch im Winde
verflogen. Die Toren, sie hatten aus den verschiedenen Zeitungsmeldungen
ber Unflle auf der britischen Marine frischweg gefolgert: Ja, ja, auf
der englischen Flotte ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Diese
Marinedilettanten vergaen einfach die Zahl den Unflle zu der Zahl der
Schiffe in Beziehung zu setzen, wobei dann die englische Flotte nicht
schlechter abgeschnitten htte als die deutsche. Aus solchen
Trugschlssen entstand in der Einbildung dieser Siebengescheiten
schlielich das Bild einer vllig verlotterten britischen Marine, mit
der die deutsche kleine, aber gut gefhrte Flotte gegebenenfalls wohl
fertig werden knnte. Der Stammtischlwe, der solche Weisheit von sich
gegeben, ging dann heim und zog die Zipfelmtze ber seine sehr
betrchtlichen Ohren. Andere legten den Finger nachdenklich an ihre
hochgeehrten Nasen und dozierten: der Burenkrieg hat erwiesen, wie
schlecht die englische Armee ist, da liegt denn doch die Annahme nahe,
da auf der Marine ... O, wie oft haben wir verzweifelnd solches
Geschwtz hren mssen. Unntig hinzuzufgen, da diese
Bierbankpolitiker natrlich nie ein englisches Kriegsschiff oder einen
englischen Soldaten gesehen hatten.

Diese falsche Selbstzufriedenheit fhrte uns vor hundert Jahren nach
Jena, sie hat uns jetzt ber die Ablehnung der Flottenvorlage nach
Helgoland gefhrt. Helgoland, Kiel und Cuxhaven waren andere Tage als
die von Santiago, Port Arthur und Tsuschima. Hier standen sich die
besten Artilleristen und Schiffsfhrer auf dem besten Schiffsmaterial
gegenber. Hier entschied demzufolge die Zahl und die Gre der Schiffe.
Da unsere Linienschiffe zu klein waren, da 11 bis 13000 Tonnen nicht
den 15 und 16000 der Feinde gewachsen sind, da die 24 cm-Geschtze
nicht so weit schieen wie die 30,5 cm, ist hundertmal vorher gesagt
worden. Den Beweis durfte leider erst Helgoland erbringen. Die
unwiderstehliche Tapferkeit auf deutscher Seite, die rcksichtslose
Aufopferung in einem von vornherein aussichtslosen Kampfe, die
leuchtende Pflichttreue unserer Marine vom hchsten Kommandofhrer bis
zum letzten Heizer, der schweigend seine Kohlen schaufelte, bis das
einbrechende Wasser diese stummen Helden erstickte, sie haben mit dem
Verluste fast der ganzen deutschen Flotte Eins erreicht: _der Feind
wagte solchen Artilleristen und Matrosen gegenber keinen weiteren
Angriff_. Nicht da der moralische Eindruck des deutschen Angriffs so
lange vorgehalten htte -- auch moralische Eindrcke sind keine
Pkelware. Nein, aber die Niederkmpfung der deutschen Flotte hatte die
schweren Kaliber, die 30,5 cm-Turmgeschtze an Bord der Englnder so
sehr strapaziert, da nach der Schlacht von Helgoland _alle_ diese
Drahtgeschtze, so weit sie nicht durch deutsche Granaten und eigne
Rohrkrepierer -- deren sehr hohe Zahl wird man wohl nie erfahren --
unbrauchbar geworden waren, die Grenze ihrer auf nur ca. hundert Schu
berechnete Leistungsfhigkeit so weit erreicht hatten, da die Englnder
es nicht wagen durften, noch einmal ernsthaft mit den Kstenforts
anzubinden. Denn bis die britischen Panzer neue Rohre erhalten konnten,
vergingen lange Monate, da die Anfertigung dieser Riesengeschtze
mindestens ein halbes Jahr beansprucht. Das, die Auergefechtsetzung der
gesamten feindlichen schweren Artillerie, war der Erfolg den die
versinkende deutsche Flotte erreicht hatte.

Er ward bald bemerkbar, da die Blockadeflotte stets auf hoher See blieb.
Dazu kam, da die Englnder im Sommer erfuhren, da vor Kiel und in der
Elbemndung die sechs von der Germaniawerft gebauten _deutschen
Unterseeboote_ in Dienst gestellt seien. Diese Tatsache an sich hielt
den Feind in grerer Entfernung von der Kste. Htte man doch diese
Fahrzeuge eher gehabt! Der englische Angriff auf Cuxhaven und der
scharfe Blockadedienst wren durch sie leicht vereitelt worden. Die
Unterseeboote sind unentbehrlich fr die Verteidigung an Flu- und
Hafeneingngen, diese Lehre hat jetzt auch der Bldeste begriffen. Da
Unterseeboote auf hoher See eine fragwrdige Offensivwaffe zumal in
unbekannten Gewssern sind, erwies der Mierfolg der Franzosen vor
Spezzia. Wie htten endlich Unterseeboote in Dar-es-Salam, Swakopmund,
Tsingtau usw. dem kolonialen Kriege eine ganz andere Wendung geben
knnen!

Zum Schlu noch eins: Die Erfahrungen bei Cuxhaven und im ganzen
Blockadedienst haben gezeigt, wie vorteilhaft es ist, wenn Panzerschiffe
und Kreuzer dasselbe Aussehen haben, so da der Feind mglichst lange im
Unklaren bleibt, welche Schiffsklasse er vor sich hat. Die gleichmige
Bauart der englischen Kreuzer und Panzer hat bekanntlich oft zu
Verwechslungen Anla gegeben. Infolgedessen haben wir uns noch whrend
des Krieges daran machen mssen, den schn geschweiften Bug unserer
groen Kreuzer zu beseitigen, da dieser sie schon von weitem als Kreuzer
verrt.

Mit den Batterien von Helgoland scho sich die Blockadeflotte nur selten
herum. Man frchtete das Steilfeuer der Mrserbatterien und verzichtete
deshalb auf das Vergngen, die Insel den Deutschen entzweizuschieen und
dadurch die Batterien ins Wasser zu werfen. Der Einsatz an Munition und
Abnutzung der Geschtze war zu gro im Verhltnis zu dem mglichen
Erfolge. Infolgedessen blieben die englisch-franzsischen Schiffe immer
auer Schuweite der helgolnder Geschtze.




                         Jenseits des Meeres.


Wie erwhnt (vergl. S. 30), hatte Frst Blow am 19. Mrz smtlichen
diplomatischen Vertretern des Reiches im Auslande eine letzte Mitteilung
zugehen lassen und sie darin auf ihre am Tage vorher in einem
chiffrierten Telegramm erhaltenen Instruktion verwiesen. Diese, die
alsbald ihre Wirkung uerte, bedeutete eine notwendige
Verteidigungsmaregel Deutschlands.

Ohne auslndische Flottensttzpunkte und Kohlenstationen, an Kabeln nur
ber die sehr fragwrdige Verbindung ber Vigo-Azoren nach New York
verfgend, war man auf dem Weltmeer einfach den feindlichen Seemchten
ausgeliefert. Um diesen wenigstens eine sehr wertvolle Waffe zu
entwinden, hatte jene chiffrierte Depesche den deutschen Gesandten und
Konsuln im Auslande (soweit diese letzteren deutsche Staatsangehrige
waren) den Befehl bermittelt, die Fhrer der in den neutralen Hfen
liegenden deutschen Schiffe anzuweisen, diese abzursten und die
Mannschaften mit der schnellsten Gelegenheit in die Heimat zu entsenden
und zwar auf Kosten der Regierung, die in der Auszahlung der Reisegelder
den Konsulen freie Hand lie. Andererseits erhielten mehrere groe
Handels- und Passagierdampfer in den Hafenpltzen der franzsischen und
englischen Kolonien noch rechtzeitig die Ordre, sofort auszulaufen und,
wo ihnen ein Unterseekabel erreichbar, es aufzunehmen und zu
zerschneiden. Infolgedessen machte sich in dem berseeischen
Nachrichtendienste, als man sich in London im Besitze eines absoluten
Kabelmonopoles glaubte, die sehr verblffende Erscheinung bemerkbar, da
eine groe Anzahl englischer Kabel pltzlich nicht mehr funktionierte.

So waren im indischen Ozean die Verbindungen nach Australien pltzlich
gestrt, ebenso die Leitungen nach Kapstadt (in Swakopmund und
Dar-es-Salam abgeschnitten) und groe Bestrzung herrschte in London als
am 24. Mrz smtliche von Valencia nach der neuen Welt hinbergehenden
Seekabeln unbrauchbar waren. Das war ein Verdienst des deutschen
Panzerkreuzers Roon der am 20. Mrz mit den beiden kleinen Kreuzern
Leipzig und Medusa und zwei Schnelldampfern des Norddeutschen Lloyd
von Wilhelmshaven auslaufend, nrdlich um Schottland herumgefahren war.
In London glaubte man die gesamte deutsche Flotte in den Nordseehfen
blockiert und dachte auf der Rckseite des Kriegsschauplatzes an keine
Gefahr. So wurden die beiden zum Schutze des Kabels bei Valencia
stationierten englischen Kreuzer vom Auftauchen des Roon am Abend des
24. vllig berrascht. Ein Gefecht von etwa 20 Minuten entschied ber
ihr Schicksal. Die Zerstrung der Kabel durch Grundminen wurde dann vom
Roon so grndlich besorgt, da die meisten whrend der Dauer des
Krieges nicht wieder hergestellt werden konnten. Der Feind war auf die
sdenglischen und die franzsischen Leitungen und die Kabel ber die
Azoren angewiesen. Aber auch hier hatte unser Kreuzer Bremen
vorbergehend das deutsche Kabel unbrauchbar gemacht. Nachdem so dem
Feinde der Nachrichtendienst erschwert war, suchte unser kleines
fliegendes Geschwader den Atlantic nach fremden Schiffen ab, und
versenkte zahlreiche groe englische und franzsische Dampfer, aus denen
es vorher stets seine Kohlen ergnzte. Riesige Transporte von
Lebensmitteln und Kriegsmaterial (^made in America^) wurden so
vernichtet, und panischer Schrecken herrschte an der franzsischen
Kste, als die geheimnisvollen deutschen Kaperschiffe Ende April
pltzlich vor St. Nazaire auftauchten und einige Granaten in die Stadt
warfen. Hierauf wurde in Brest ein englisch-franzsisches
Kreuzergeschwader gebildet, welches auf die deutsche Flottille Jagd
machte. Doch erst Ende Mai wurden diese an der amerikanischen Kste von
groer feindlicher bermacht gestellt. Das abendliche Gefecht auf der
Hhe von Kap Hatteras endete mit dem Untergange der Medusa und der
beiden Lloyddampfer -- der Feind verlor zwei groe Kreuzer -- wogegen es
dem Roon und der Leipzig noch gelang, im Dunkel der Nacht nach Fort
Monroe zu entkommen. Beide Kreuzer muten auf Verlangen der
amerikanischen Regierung im Hafen von Baltimore abrsten, wo sie von der
Bevlkerung mit ungeheurem Jubel empfangen wurden, von denselben Leuten,
die an den Lieferungen fr englisch-franzsische Rechnung und an den
Versicherungsprmien, wenn die Schiffe durch deutsche Granaten versenkt
wurden, Unsummen verdienten. Der Kriegsgott hat eben zwei Gesichter.

Auch Singapore befand sich pltzlich auer Verbindung mit den
chinesischen Hfen. Die Leitung Aden-Bombay war unterbrochen und das
englische Kabelnetz hrte wenige Tage nach Ausbruch der Feindseligkeiten
an vielen Stellen auf zu arbeiten. Das verhinderte freilich nicht, da
englische Kreuzer massenweis deutsche Schiffe aufbrachten. Fast ein
Drittel des schwimmenden Nationalvermgens des deutschen Volkes befand
sich Mitte April als Kriegsbeute im Besitz des Feindes. Die deutschen
Reedereien bezifferten den Wert dieses Verlustes an groen Dampfern mit
ihrer Ladung auf etwa eine halbe Milliarde Mark. Dem gegenber war es
deutschen Kreuzern nur gelungen, etwa 180 grere englische Schiffe --
meist im Atlantic -- zu kapern und sie, da man sie in keinen Heimathafen
oder neutralen Hafen fhren konnte, zu versenken, was an der Londoner
Brse mit einem Minus von 9 Millionen Pfund notiert wurde.


                  Die deutschen Schiffe im Auslande.

Leichte Arbeit hatte der Feind mit den im Auslande stationierten
deutschen Kreuzern. Die nach den westindischen Gewssern
zusammengezogenen drei Schiffe Bremen, Falke und Panther lieferten
auf der Hhe von St. Thomas der britischen Isis und dem franzsischen
Kreuzer Jurien de la Gravire ein Gefecht. Nach einer Stunde sank die
Bremen als letztes deutsches Schiff mit wehenden Flaggen. Der kleine
Stationskreuzer Sperber und das Vermessungsfahrzeug Wolf wurden vor
Bimbia an der Mndung des Kamerunflusses von drei franzsischen Kreuzern
zusammengeschossen, worauf eine Abteilung franzsischer Senegalschtzen
von den Kameruner Gouverneurgebuden Besitz nahmen, nachdem die deutsche
Schutztruppe am Lande fast bis auf den letzten Mann vernichtet war.
Kamerun und wenige Tage darauf auch Togo waren franzsisch.

Der kleine Seeadler scho zwar vor Sansibar ein englisches Kanonenboot
in den Grund, doch war Ostafrika nicht zu halten, als von Aden vier
grere englische Kreuzer herannahten. Aus einer Entfernung, in der die
deutschen 10 cm an Bord der Stationre lngst nicht mehr trafen,
zerstrten die englischen Granaten binnen kurzem Seeadler und
Bussard und bombardierten sodann Dar-es-Salam, Bagamojo und Tanga.
Hierauf wurden die von der Somalikste auf vier Transportdampfern der P.
& O.-Linie herangefhrten indischen Sikks in der Strke von 2500 Mann in
Tanga an Land gesetzt, vor denen sich die Reste der deutschen
Schutztruppe langsam ins Innere zurckziehen muten. Am Tanganjika und
am Viktoriasee fanden einige kleine Gefechte in den Hafenpltzen statt
und Ende Juni wehte ber fast allen Stationen in Deutsch-Ostafrika der
Union Jack.

Nach dem erfolgreichen Kampfe der deutschen Schiffe vor Apia, der den
Krieg eingeleitet hatte, nahte auch hier Ende April das Verhngnis. Die
englischen und franzsischen Schiffe auf der australischen Station
suchten nacheinander smtliche deutsch-australischen Inseln ab, hiten
berall die Flaggen der Verbndeten. Gegenber vier englischen Kreuzern,
darunter der groe Kreuzer Powerful, waren Thetis und Cormoran vor
Apia machtlos. Ein Gefecht von kurzer Dauer entschied ber das Schicksal
Deutsch-Samoas. Eine bittere Krnkung bedeutete es allerdings fr Herrn
Dr. Solf, Apias heldenmtigen Verteidiger, da er an Bord des Kreuzers
Prometheus als Gefangener nach London gebracht wurde, wo er unter dem
Geheul des Pbels in einem offenen Wagen durch die Straen gefahren,
mehrfach insultiert und durch einen Steinwurf schwer verletzt wurde. Die
kindische Wut der durch die Jingo-Presse aufgereizten Menge wandte sich
in einer nachher auch von englischer Seite scharf getadelten, hlichen
Weise gegen den vermeintlichen Urheber des Krieges. Aber erst nachdem
man der heulenden Bestie dieses Vergngen gemacht, wies man Herrn Dr.
Solf auf der Insel Wight ein Domizil an.


                      Von Windhuk nach Mafeking.

In Sdwest gebot die noch immer 12000 Mann starke deutsche Truppenmacht
Vorsicht. Die Manahmen des Feindes beschrnkten sich zunchst darauf,
da der von Kapstadt kommende Kreuzer Crescent Tag fr Tag einige
Granaten nach Swakopmund hineinscho. Da diese aber nur einige alte
Hererodamen gettet, ein paar Wellblechdcher zerschlagen, sonst aber
auer groen Staubwolken keinen Schaden angerichtet hatten, so
verschwand die Crescent wieder und blieb eine Zeitlang vor der
Walfischbai vor Anker liegen. Auf eine Landung der Marinetruppen und
einen Vormarsch auf Swakopmund verzichtete man aus guten Grnden.
England benutzte ein ihm altvertrautes Mittel und bewaffnete unter
Verleugnung des natrlichen Solidarittsgefhls der weien Rasse
wiederum die Hottentotten und Hereros gegen die Deutschen. Schon
Wochenlang vor Ausbruch des Krieges -- auch ein Beweis, da England ihn
gewollt und vorbereitet hatte -- gingen englische Agenten und reichliche
Waffensendungen ber die deutsche Grenze. Und als am 24. Mrz die
Crescent die ersten Schsse auf die weien Huser von Swakopmund
abgab, sahen sich die Deutschen bereits von der doppelten Gefahr eines
englischen Einmarsches und eines neuen Eingeborenenaufstandes bedroht.
Die Nachrichten aus dem Sden lauteten trostlos und in den einzelnen
Orten wie Keetmanshoop vermochten sich die deutschen Garnisonen kaum des
Andranges der Hottentotten zu erwehren. Wurden deren Banden nun noch
durch kaplndische Truppen und durch Artillerie verstrkt, so war das
Schicksal der Stationen besiegelt. Wollte man nicht die einzelnen
deutschen Abteilungen zwecklos nach einander aufopfern, so galt es
rasche Entschlsse zu fassen.

Da die Kolonie, die sich kaum von der furchtbaren Erschtterung durch
den zweijhrigen Eingeborenenkrieg zu erholen begann, bei weitem auer
stande war, die Lebensmittel fr die verhltnismig starke Truppenmacht
zu liefern, und die englische Blockade nicht eine Konservenbchse ins
Land lie, so war an der Menge der auf den Etappenstationen und in
Windhuk, Swakopmund usw. lagernden Proviantvorrten die Dauer des
Widerstandes fast bis auf den Tag genau zu berechnen. Der Hunger und das
sicher bevorstehende Herannahen einer feindlichen bermacht, waren die
zwei Gewichte an der Uhr, deren Pendelschlag die Schicksalstunde
Deutsch-Sdwestafrikas ausma. Da galt es, wie gesagt, schnelle
Entschlsse zu fassen. Und gerade rechtzeitig noch zog der Gouverneur
smtliche Militrposten und smtliche deutsche Farmer von Sden nach
Norden zurck. Auf den schwerflligen Ochsenwagen konnten die
bedauernswerten Ansiedler, die nach zwei Jahren erzwungener Mue kaum
erst wieder den Wirtschaftsbetrieb begonnen hatten, noch eben ihren
Hausrat bergen; dann ging's, gedeckt durch Reiterpatrouillen, mit den
Viehherden nach Norden in der Richtung auf Windhuk. Verlassene
Weideflchen, verschttete Brunnen und verbrannte Farmen bezeichneten
den Rckweg der deutschen Bewohner des Schutzgebietes. So ward ein
breiter Grtel wsten Landes, das dem Feinde nichts mehr liefern konnte,
zwischen den Sammelplatz der Deutschen, den Windhuker Bezirk und die
englische Grenze gelegt, eine Maregel, die denn auch das Vorrcken des
Feindes so erschwerte, da es hier zu eigentlichen Kmpfen gar nicht
kam.

Die Abschneidung der Lebensmittelzufuhr von der See her und der Aufstand
der Eingeborenen im Sden konnten folgerichtig nur auf einen Weg weisen.
Was man an der Kste nicht mehr erhalten konnte, mute man sich auf der
Landseite holen. Und so beschlo der deutsche Gouverneur selber einen
Vorsto in Feindesland in der Richtung auf Mafeking zu unternehmen. In
Swakopmund und entlang der Bahnlinie bis Windhuk wurden berall kleine
Garnisonen zurckgelassen. Dann begann der Bau der Feldbahn von Windhuk
nach der englischen Grenze, wozu das vorhandene Material der Otavibahn
und das erst vor Wochen fr die Strecke Windhuk-Rehoboth eingetroffene
verwendet wurde. An der Vormarschlinie wurden berall Etappenposten
verteilt und an den Stationen feste Blockhuser errichtet.

Die Kunde von dem deutschen Vormarsch traf erst Anfang Mai in Kapstadt
ein, worauf sofort die englischen Truppen, die bereits Keetmanshoop
erreicht hatten, zurckgerufen wurden. Man konzentrierte nmlich nunmehr
alle verfgbaren Streitkrfte im Norden, in der Transvaalkolonie, schon
um eine mgliche Burenerhebung im Keime ersticken zu knnen. Ein
Aufstand im Betschuana- und West-Griqualande ntigte jedoch zur
Detachierung mehrerer Regimenter, und die unruhige Haltung der Buren
machte in den kleineren Garnisonen den britischen Besatzungen das Leben
recht sauer, zumal man es schon nicht mehr wagte, jeder Unbotmigkeit
mit voller Strenge zu begegnen. Es kamen tglich Raufereien mit
englischen Soldaten auf den Straen vor, auch hie es, einzelne
Militrposten seien von aufstndischen Buren berwltigt worden. Der
Nachrichtendienst und die Beweglichkeit der englischen Abteilung litt
sehr unter der hufigen Zerstrung der Telegraphenlinien. Die Aufregung
stieg ins Ungemessene, als Mitte Juni gemeldet wurde, die Deutschen
seien in der Strke von 7000 Mann im Anmarsch auf Mafeking. Unter
unsglichen Anstrengungen und Entbehrungen hatten diese den mhseligen
Marsch durch die Wste erzwungen. Bei einem Gefecht unweit Mafeking
wurde am 20. Juni ein englisches Bataillon vllig vernichtet.

Da nunmehr die Burenbevlkerung den Englndern smtliche Lieferungen an
Lebensmitteln usw. verweigerte, und zu offenen Feindseligkeiten
berging, so war es das Klgste, was der englische Hchstkommandierende
tat, nmlich seine Truppen nach Sden zurckzuziehen, so lange er noch
die Eisenbahnen in der Hand hatte. In einzelnen Stdten hielten sich die
englischen Garnisonen. Die Deutschen besetzten bei ihrem Vormarsch nach
Sden zunchst Bloemfontein und machten dies zur Basis der weiteren
Operationen. Es galt zunchst die Streitkrfte der ehemaligen
Burenrepubliken zu organisieren, und es trat deshalb eine Pause in der
Vorwrtsbewegung ein. Da sich verschiedene Mihelligkeiten zwischen den
Burengenerlen und der deutschen Heeresleitung ergaben, wurde der
Einmarsch in die Kapkolonie immer wieder verzgert, bis man sich im
Herbst von anderen Ereignissen berrascht sah.


                             Kiautschou.

Unsere in den chinesischen Gewssern stationierten Kriegsschiffe hatten
im vollsten Mae ihre Schuldigkeit getan. Dutzende von Schiffswracks an
der chinesisch-japanischen Kste zeugten von der Ttigkeit unserer
Kreuzer. Den Ausbruch des Krieges hatte unser Geschwader durch den
sibirischen Telegraphen erfahren und gleichzeitig den Befehl erhalten,
dem feindlichen Handel soviel Schaden wie irgend mglich zuzufgen und
so die Zeit auszuntzen bis zu dem Erscheinen feindlicher Streitkrfte
vor Tsingtau. Alle deutschen Handelsschiffe wurden durch die Konsuln
angewiesen neutrale Hfen aufzusuchen. Einige auf hoher See befindliche
Passagierdampfer konnten durch Funkspruch der Kriegsschiffe vor Beginn
der Feindseligkeiten benachrichtigt werden, andere wurden durch diesen
oder jenen Kreuzer in neutrale Hfen geleitet.

Gleichzeitig strzten sich unsere Kreuzer, immer ihre Operationsbasis
Kiautschou im Auge behaltend, auf die englischen und franzsischen
Handelsschiffe. Traf man solche in der Nhe der Kste, so lie man die
Mannschaft ihre Boote besteigen, womit sie ziemlich sicher den nchsten
Hafen erreichen konnten, und brachte an Bord des fremden Dampfers eine
Mine am Schiffsboden an, die bei der Explosion diesen aufri, so da das
Fahrzeug auf der Stelle sank. Lange konnte dieses Zerstrungswerk von
deutscher Seite natrlich nicht betrieben werden.

Nachdem sich die englischen und franzsischen Geschwaderchefs ber einen
gemeinsamen Plan verstndigt hatten, fand ein konzentrisches Vorgehen
mit berlegenen Streitkrften auf Kiautschou statt. Am 9. April
erschienen drei feindliche Panzerkreuzer (die englischen Hogue und
Sutley und der franzsische Gueydon) mit sechs kleineren Kreuzern,
auf der Reede von Tsingtau. Trotzdem gleich anfangs der Sutley auf
eine deutsche Mine lief, die ihn augenblicklich zerri, und zwei kleine
Franzosen vernichtet wurden, erlag das schwache deutsche Geschwader doch
nach einstndigem Gefecht der feindlichen bermacht. Ja wenn wir
_Unterseeboote_ zur Verteidigung gehabt htten! Die Batterien in
Tsingtau und auf den die Stadt umgebenden Hgeln konnten whrend des
Gefechtes nur wenig ausrichten, da die feindlichen Schiffe fr ihre
Granaten meist unerreichbar waren. Nach der Vernichtung der deutschen
Schiffe gengte dann ein Bombardement von etwa zwei Stunden, um die
deutsche Artillerie zum Schweigen zu bringen. Fast die gesamte Besatzung
der Batterien fand dabei ihren Tod. Der Rest der Garnison von Tsingtau,
kaum 200 gefechtsfhige Mannschaften, ging nach der Besetzung der Stadt
durch den Feind in die Gefangenschaft. Zu spt bedauerte man, Tsingtau
nicht rechtzeitig d. h. gleich nach der Besetzung und _vor_ dem
russisch-japanischen Kriege zu einem Waffenplatz umgeschaffen zu haben,
dessen Befestigungen eine lngere Verteidigung ermglichten.

Von allen diesen Ereignissen, mit Ausnahme der Einnahme von Tsingtau,
die durch den sibirischen Telegraphen ber Tokio, Wladiwostok nach der
Heimat gemeldet wurde, erfuhr man zu Hause nichts. ber das Schicksal
der afrikanischen Kolonien war man bis in den Sommer vllig im
Ungewissen, erst dann sickerten langsam die Nachrichten, die man in
London nach Mglichkeit geheim hielt, durch und berichteten in
Deutschland von Kmpfen, in denen ein unerhrter Heldenmut an eine
aussichtslose Aufgabe verschwendet wurde. In stummer Pflichterfllung
waren die Shne des Vaterlandes, die auf den fernen Auenposten treue
Fahnenwacht gehalten, in den Tod gegangen, ein glnzendes Beispiel
deutscher Tapferkeit.




                        Die Millionenschlacht.


Vier Tage lag das dritte Bataillon bereits auf diesem Acker eingegraben.
In vier Tagen war die lange, dnne Schtzenlinie nur um 400 m
vorgerckt. Ein Bataillon, ein Steinchen nur in der riesigen Frontmauer
von beinahe einer halben Million Menschen, die bis jetzt vergebens
versuchten, dem fast um die Hlfte strkeren Feinde Schritt fr Schritt
Boden abzugewinnen. Den etwa 400000 Streitern der ersten und zweiten
deutschen Armee standen in den Stellungen, die sich von Arras bis
Chlons hinzogen, ber 600000 Franzosen gegenber. Vier Tage hatte der
Kampf gedauert, der mit dem Donnergebrll seiner Geschtze Himmel und
Erde erschtterte. Auf beiden Seiten machte sich allmhlich ein
strender Munitionsmangel fhlbar. Besonders auf franzsischer Seite, wo
man zumal am ersten Tage der Schlacht die Geschosse in geradezu
unsinniger Weise vergeudet hatte, so da alle Fahrzeuge, die man
irgendwie nur auftreiben konnte, herangezogen werden muten, um aus den
Riesendepots von Reims und Laon die schwindenden Bestnde in der Front
zu ergnzen.

Von den Beobachtungsballons auf deutscher Seite konnte man diese
Munitionstransporte genau verfolgen und daraus erkennen, wo in der
feindlichen Linie schwache Punkte entstanden waren, die einem
gewaltsamen Offensivvorsto Aussicht auf Gelingen bieten konnten. Und
doch hielt man noch zurck, um den von Sden her stndlich erwarteten
Flankenangriff auf den rechten franzsischen Flgel erst mit voller
Kraft wirken zu lassen.

Das dritte Bataillon hatte sich am ersten Tage am Waldrande im
Ackerfelde eingenistet. Es hatte, da hier im Zentrum der deutschen
Stellung nordstlich von Rethel zunchst nur ein hinhaltendes
Feuergefecht beabsichtigt war, die Infanteriepositionen des Feindes auf
dem jenseitigen Hgelgelnde unter Feuer gehalten, und zwar wie der
Fesselballon meldete, mit gutem Erfolge. Da der Feind die Stellung des
Bataillons offenbar gut erkundet hatte, lenkte er am ersten Tage ein
sehr heftiges Schrapnellfeuer auf die dunkle Waldlinie hinter den
Schtzengrben, welches so viele Opfer forderte, da der
Bataillonsfhrer alsbald die Schtzenlinie nach vorn abbauen und unter
Verzicht auf die sonst gewohnten Sprnge 300 m vorrcken lie, dadurch
wurden die Verluste wesentlich vermindert.

Dann war die Nacht gekommen. Die Mannschaften schliefen in den
Schtzengrben, und als der Morgen dmmerte, ward das Feuergefecht mit
ausgeruhten Krften wieder aufgenommen. Und wieder prasselte der
Bleihagel der Schrapnells hernieder, und die einschlagenden
Infanteriegeschosse erzeugten auf dem Erdboden beim Einschlagen kleine
puffende Staubwlkchen. So verging auch dieser Tag, ein glhend heier
Sommertag. Die Feldflaschen waren geleert und nur der Brotbeutel wies
noch seine eisernen Gefechtsrationen fr drei Tage auf. In braunrotem
Dunst versank die Sonne hinter den Hgeln im Westen. Tagsber machte die
Feuerzone der feindlichen Artillerie eine rckwrtige Verbindung
unmglich. Erst der Einbruch der Dunkelheit, als die Treffsicherheit des
auch whrend der Nacht fortdauernden Schrapnellfeuers allmhlich
nachlie, brachte Erleichterung. Aus dem Wald hervor tauchten die
Mannschaften der Proviantkolonnen, die die ledernen Wasserscke bis in
die Schtzenlinien schleppten, wo die Feldflaschen rasch gefllt wurden.
Die Infanterie war ohne Tornister, nur mit dem Brotbeutel, der den
Proviant und Patronen in ausreichender Zahl barg, ausgerstet ins
Gefecht gegangen.

Und zum zweiten Male ging die Sonne auf und noch lag man auf demselben
Acker. Unablssig waren die Hgelzge, ber die sich die franzsische
Artilleriestellung unabsehbar von Sdost nach Nordwest hinzog, wieder
von einer fast lckenlosen Linie gelber, runder Feuerblitze umsumt. Bis
jetzt hatte das Bataillon etwa 100 Mann verloren. Von den annhernd 60
Verwundeten waren die meisten whrend der letzten Nacht hinter die
Feuerlinie befrdert worden. Nur die Toten mute man liegen lassen,
hatte aber dafr gesorgt, da die Leichen sofort eingegraben wurden. Und
wie richtig man dabei gehandelt, zeigte sich, als die stechende Sonne
des schwlen Sommertages glhend auf den Ackerboden niederbrannte, und
trotzdem machte sich der entsetzliche Verwesungsgeruch schon bemerkbar.

Mittags 11 Uhr fiel der Major Brandstetter und Hauptmann von Unruh
bernahm die Fhrung des Bataillons. Gegen 2 Uhr steigerte sich die
furchtbare Hitze zur Unertrglichkeit. Matt wie die Fliegen lagen die
Leute in den Schtzengrben, ein sparsames Feuer auf die jenseitigen
Stellungen weiter fhrend. Die Luft war von braunen Staubmassen erfllt,
in die sich der blaugraue Rauch ber den Artilleriestellungen mischte.
Alles lechzte nach Khlung, aber man htte unntz Menschenleben
verschwendet, wollte man von den Wasserpltzen hinter der Front die
Truppen neu versorgen. Gegen 3 Uhr zuckte der erste Blitzstrahl zur Erde
und ein furchtbares Gewitter ging hernieder. Eine graue Regenwand hllte
die riesenhafte Front ein, so da beide Gegner sich aus den Augen
verloren. Whrend die Blitze unablssig herunterknatterten und das
Gebrll des Donners auch den Schlachtenlrm bertnte, wurde dieser
gnstige Moment von der deutschen Heeresleitung geschickt ausgentzt. In
rasendem Galopp ging die Artillerie vor und nahm die Stellungen, die man
eigentlich erst in der darauffolgenden Nacht zu besetzen gehofft hatte.
Als eine halbe Stunde darauf der Regen langsamer zu fallen begann, der
Himmel sich aufklrte und nur dumpfe Donnerschlge sich noch in das
Getse der Vlkerschlacht mischten, waren die deutschen
Infanteriestellungen teilweise bis zu 1500 m weiter vorgeschoben. So
verging auch dieser Tag. Der Verwesungsgeruch wurde infolge der nach dem
Gewitter wieder einsetzenden Schwle jetzt so furchtbar, da jedes
Bataillon froh war, wenn es Befehl erhielt die alten Positionen zu
verlassen und vorwrts neue Schtzengrben aufzuwerfen.


                              Im Ballon.

Die Leere des Schlachtfeldes, diese charakteristische Erscheinung
moderner Massenkmpfe, verlor sich, sobald man die beiderseitigen
Stellungen vom Ballon aus beobachtete. Leutnant Wegemann befand sich im
Fesselballon des 8. Korps. Die Gondel war vollgepfropft mit
Instrumenten. Die Drhte zweier Telephonleitungen lagen in dem
Drahtseil, welches den Ballon mit der Erde verband. Es war ein
eigenartiges Gefhl mit dem Auge der geschwungenen Kurve der Stahltrosse
zu folgen, die bereits in einer Entfernung von hundert Meter nur noch
die Dicke eines Fadens zu haben schien und schlielich mitten in ein
Fahrzeug endete, das sich von hier oben fast wie ein Gertewagen von der
Feuerwehr ausnahm. Man konnte die Stellungen des Feindes und die eigenen
an den dunklen Schtzenlinien, den dampfenden Erdwllen der Batterien
und den kompakteren Massen der Reserven wie auf der Landkarte ablesen.
Wie auf der Karte des Kriegsspieles daheim im Kasino schoben sich die
Bataillone und Batterien hin und her, und whrend unten das Ohr betubt
wurde von dem wsten, gellenden Gebrll der Feldschlacht, klang hier der
Donner der Kanonen nur wie ein grollendes Gewitter. Drben zwischen den
Geschtzen einer franzsischen Batterie flammten jetzt gelbe Blitze auf,
schwarze Erdschollen sausten in die Luft, und am Rande der Rauchwolken
explodierender Granaten sah man die dunklen Gestalten der Kanoniere sich
platt auf den Boden legen. Eingeschlagen, murmelte Leutnant Wegemann,
und dann zu der Ordonnanz neben ihm: Mller, geben Sie hinunter:
Mehrere Volltreffer der Feldhaubitzabteilung des 23. Regiments, in
franzsische Batterien rechts der Chaussee nach Suippes. Die
rechtsanschlieenden Batterien durch indirektes Feuer mit derselben
Elevation erreichbar. Die Ordonnanz wiederholte es mit hier in der
dnneren Luft seltsam hart klingender Stimme in die Schallffnung des
Telephons hinein. Man sah, wie unten neben dem breiten, schweren
Ballonfahrzeug ein winziger Offizier die Meldung aufschrieb und ein
Radfahrer auf der Chaussee sie bis zur Batterie hintrug. Wenige Minuten
darnach verschwanden die beiden durch die Ballonmeldung bezeichneten
franzsischen Batterien in einer durch die massenweis einschlagenden
deutschen Granaten erzeugten Rauchwolke, in die dann im rasenden Galopp
mehrere Protzen mit ihren Gespannen hineinsausten. Dann ein wster
Knuel, und als sich der Qualm verzog, war der Boden bedeckt von dunklen
Krpern und zappelnden Pferdeleibern zwischen den zerschossenen
Geschtzen. Nur zwei Gespanne jagten in wilder Eile zurck ber das Feld
mit den beiden geretteten Kanonen.

Vergeblich sphte der Leutnant im Ballon mit seinem scharfen
Trieder-Binocle nach Sdosten aus. Von dort mute ja die Entscheidung
kommen, noch lie sie auf sich warten, aber sie kam.


                         Die Gefechtsleitung.

Anders wie im 70er Feldzuge sah es an der Stelle aus, von wo die
unsehbaren Heeresmassen gegen einander dirigiert wurden. Nicht hoch zu
Ro auf einem Hgel hielt der Heerfhrer, mit scharfem Auge die Front
absphend und mit seinen Befehlen die Ordonnanzen in die Feuerlinie
hetzend. Diese Szene, so malerisch auf Schlachtenbildern, war anders
geworden im Laufe von 36 Jahren. An der Chaussee, die nrdlich von
Rethel gerade auf ein kleines Dorf weit hinter der Feuerlinie fhrte,
lag ein groer Gutshof, ber dessen schloartigen Hauptgebude die Fahne
des Armeekommandos flatterte. ber den grauen Dchern der meisten Huser
wiegte sich in der ruhigen Luft der kleine Fesselballon der
Funkentelegraphie, dessen elektrische Drhte einmndeten in einen
Schuppen, vor dem die gewichtigen Fahrzeuge der Funkspruchabteilung
standen. Unablssig zischte und knatterte der Apparat, eine Meldung nach
der anderen aus den Lften empfangend. Fortwhrend wanderten die weien
Zettel mit den Meldungen hinber in den groen Gartensaal des
Herrenhauses, in dem eine Reihe Tische zusammengeschoben und mit einer
Karte im groen Mastbe belegt worden war. Auf ihr waren die
beiderseitigen Stellungen durch Fhnchen und kleine Kltze markiert. Ein
genaues Abbild dessen, was man vom Fesselballon aus sehen konnte. Hier
verfolgte der Kommandierende, in tiefem Nachdenken vor den Tischen auf-
und abgehend und die ihm zugestellten Meldungen mit einander
vergleichend, den Gang der Schlacht.

Neben dem Gartensaal hatte sich die Feldtelegraphie eingerichtet, die
berallhin ihre Drhte abgerollt und teilweise unter Benutzung der
franzsischen Telegraphen an der Landstrae sie nach allen
Truppenabteilungen, bis in die Schtzenlinien hinein, verzweigt hatte.
Dazu Telephonapparate in unendlicher Menge; ganze Drahtbndel zogen sich
nach dem Gutshof hin. An ihnen lenkte, wie an den Drhten eines
Marionettentheaters, der Hchstkommandierende die Bewegungen jedes
einzelnen Bataillons. Hier waren die Entscheidungen zusammengedrngt auf
den Raum eines Zimmers, und diese ungeheure Verantwortung machte sich
geltend in einer ernsten Stimmung, die alle erfllte, die sich ihrer
Wichtigkeit bei der Steuerung der Heeresmaschine bewut waren.

Auf dem Hofe standen mehrere Automobile und Fahrrder, jeden Augenblick
bereit, die Ordonnanzen bis in die Feuerlinie zu fhren. Daneben wieder
die Rosse der Meldereiter, die querfeldein im Galopp herangejagt waren
und nun die neuen Befehle fr die Truppenkrper erwarteten. Jetzt
sprengte ein Gefreiter der Jger zu Pferde, den Chausseegraben in
elegantem Sprunge nehmend, mit seinem Pferd auf den Hof, warf die Zgel
einem Trainsoldaten zu und bergab einem Stabsoffizier eine Meldung. Ein
freudiges Aufleuchten zuckte ber das Gesicht des Hchstkommandierenden,
als er den Meldezettel berflog: Also endlich!, sagte er, ging an die
Karte und markierte im Sdosten der deutschen Front eine neue
Verschiebung im Gelnde. Und nun rasselten die Klingeln der Apparate,
knatterte und sauste der Mechanismus der Funkentelegraphie und neue
Befehle flatterten nach allen Seiten. Die Automobile keuchten und
tuteten auf der Landstrae und mit einem Schlag kam ein frischer Zug in
das Ganze.

Da nahte von einer Husarenabteilung eskortiert eine Equipage und machte
vor dem Gutshofe Halt. Mit strammen Gru machten die Soldaten und
Offiziere einem jugendfrischen Manne in Generalsuniform Platz, der rasch
das Gedrnge durchschritt und jetzt mit leichtem Gru beim
Hchstkommandierenden eintrat. Der empfing ihn mit freudigem Zuruf:
Majestt, die Entscheidung ist da, soeben erhalten wir den Funkspruch,
da die Umgehung des Feindes von Sden her durch die drei Korps ber
Vitry auf Chlons wirksam begonnen hat. Nach zwei Stunden darf unser
entscheidender Gewaltsto einsetzen, und wenn die Sonne sinkt, hoffe
ich, da unsere Kapellen den Choral von Leuthen spielen drfen.


                          Die Entscheidung.

Unablssig rollte das Kleingewehrfeuer, ohne Aufhren lrmte der Donner
der Geschtze, und noch war kein Wanken, keine Bewegung nach vorwrts
oder rckwrts in den eisernen Fronten beider Heere zu bemerken. Die
Erde war von Geschossen durchwhlt und Zehntausende lagen mit
zerschmetterten Gliedern auf den so hei umstrittenen Kampfplatze. Man
fhlte berall instinktiv: jetzt nahte der gewaltige Augenblick, da die
Hunderttausende der Volksheere pltzlich herauswuchsen aus den Hhlen
und Grben der Erde, da sie gegen einander prallen wrden, um mit
blanker Waffe die Siegespalme zu heischen. Ein Funkspruch vom
Fesselballon des IV. Korps hatte gemeldet, da Teile der sprlichen
feindlichen Reserven nach Sdwest abmarschiert waren, um auf der
Innenlinie den rechten Flgel bei Chlons zu verstrken. Der Feind mute
die Gefahr erkannt haben, wenn er eine solche Truppenverschiebung
angesichts der deutschen Ballonposten unternahm und dadurch noch die
Front schwchte. Zu gleicher Zeit meldeten mehrere Funksprche, da
groe Munitionskolonnen zwischen den Forts von Reims in rascher Fahrt
auf die franzsischen Artilleriestellungen dirigiert wrden, woraus zu
schlieen, da dort Munitionsmangel herrschte. Und nach dem hitzigen
Schnellfeuer whrend des ganzen Tages war das nicht zu verwundern.

Tatschlich muten sich groe Truppenteile fast verschossen haben, denn
der Geschtzkampf wurde um 4 Uhr nur noch schleppend weitergefhrt. Die
Ungeduld der deutschen Bataillone war kaum noch zu zgeln. Und jetzt
begann man kompagnieweise die Schtzenlinien langsam nach vorwrts
abzubauen. An einigen Stellen gingen unsere Soldaten in groen Sprngen
bis zu 200 m vor, und zwar ohne groe Verluste zu leiden. Denn das
erwartete Schnellfeuer blieb aus. Nur vereinzelt pfiffen den
vorstrmenden Truppen die feindlichen Kugeln um die Ohren. Jetzt galt
es.

Die Meldungen aus den deutschen Fesselballons berichteten, da mehrfach
drben ein Stocken in den Munitionstransporten eintrat. Man sah hinter
den feindlichen Batterien Ordonnanzen hastig nach rckwrts reiten, den
Munitionskolonnen entgegen. Zwar wurde der Artilleriekampf
weitergefhrt, aber mit geringem Erfolge. Gerade die dem IV. Korps
gegenberstehenden Batterien fgten den Schtzenlinien kaum noch
Verluste zu. Mehrere Telephonleitungen meldeten gleichzeitig:
Feindliche Artillerie schiet nur noch mit Kartuschen. Eine nach
Nordosten fhrende Chaussee durchschnitt, der Talsenkung eines kleines
Baches folgend, ein welliges Hgelgelnde; der Straenkrper war in der
Tiefe den Blicken des Freundes und des Feindes auf eine Strecke von
annhernd zwei Kilometern entzogen. Jenseits auf der flachen Hgelkette
lagen nur noch einige deutsche Kompagnien in einer kleinen Bodenwelle
eingegraben, dazwischen groe Lcken freien Feldes.

Da erscholl von fern das klappernde Gerusch tausender von Pferdehufen,
die hart auf den Chausseekrper aufschlugen und hineinschwenkte in den
breiten Hohlweg ein Kavallerieregiment nach dem anderen. Der Anmarsch
der Reiter wurde den Blicken des Feindes -- den gegenberstehenden
Fesselballon hatte ein Schrapnell kurz vorher heruntergeholt -- durch
ein Gehlz entzogen und unablssig ergo sich der Strom der glnzenden
Reitergeschwader in das Tal. Acht Kavallerieregimenter hielten hier
gedeckt, in abwartender Stellung.


                        Auf Ansbach-Bayreuth!

   Auf Ansbach-Bayreuth!
   Auf Ansbach-Bayreuth!
   Schnall um deinen Degen und rste dich zum Streit!
   Prinz Heinrich ist erschienen auf Striegaus sonn'gen Hhn,
   Die preuischen Truppen in Parade zu sehn.
   Schon tnt von den Hhen ein Morgengru,
   Der jeden Preuen begeistern mu,
   Drum Brder seid mutig, seid schnell und bereit,
   Wenn's Vorwrts heit!
   Auf Ansbach-Bayreuth!

      (Alter Text des Hohenfriedbergers.)

Noch einmal wtete der Geschtzdonner los. Die Erde zitterte unter den
Erschtterungen und die Luft war erfllt von todbringenden Geschossen.
Dazwischen das Klappern und Knattern des Infanteriefeuers und der helle
Klang der Maschinengewehre. Es war, als sei die Hlle losgelassen. Da
schmetterten scharf und schneidend Trompetensignale in den Gewittersturm
der Vlkerschlacht. Durch Hunderttausend zuckte es. Und whrend nun die
acht Regimentskapellen gewaltig einsetzten und die machtvoll
begeisternde Weise des Hohenfriedbergers ber das weite dampfende
Schlachtgefilde dahinbrauste, schlug die dunkle Woge von Menschen- und
Pferdeleibern an dem Abhang des Hohlweges empor. Im Nu war der grne
Hang erklommen und jetzt jagten die blinkenden, rasselnden
Reitergeschwader dahin ber die sanft nach vorn abfallende Ebene, im
breiten Strome alles mit sich fortschwemmend. Ein herrlicher,
herzerfrischender Anblick fr das Soldatenherz, nachdem man fnf Tage in
Erdlchern versteckt, wie ein Maulwurf geduckt hinter den Rand des
Schtzengrabens rastlos nur immer auf die rauchenden Hgel und die
schieenden Ackerfurchen drben abgedrckt hatte.

Die Schtzenlinien des Feindes stutzten. War dies ein Phantom, eine
Tuschung der erregten Sinne? Es galt, die wenigen Minuten auszukaufen,
bis die dichte Wand von flatternden Pferdemhnen, von blitzenden
Reitersbeln, das schreckliche Gatter von wirbelnden Lanzen, diese
donnernde Staublawine, unter der die Erde von tausendfltigem Hufschlag
erdrhnte, heran war. Man hatte auf deutscher Seite gut beobachtet, die
franzsische Infanterie hatte sich bis auf wenige Patronen verschossen
und die deutschen Geschtze hatten durch ein aus allen Kalibern ohne
Pause fortgefhrtes Schnellfeuer die feindlichen Munitionskolonnen, in
denen Dutzende von Wagen aufflogen, von der Feuerlinie ferngehalten.
Hinter den Positionen der Artillerie und den Schtzenlinien hatten die
deutschen Granaten, hatten die Schrapnells mit ihrem Bleiregen eine
Feuerzone geschaffen, die kein lebendes Wesen passieren konnte.

Zwar rissen die letzten Granaten der franzsischen Batterien groe
Lcken in die deutschen Schwadronen, wohl sank Mann und Ro dahin im
wsten Knuel der Vernichtung, aber der Gedanke an die leeren
Patronentaschen erzeugte drben angesichts der Reiterattacke einen
lhmenden Schrecken. Und dieses Gefhl der Hilflosigkeit lie in den
Reihen der franzsischen Regimenter die durch die fnftgige Schlacht
entnervt und in ihrer Widerstandskraft erschttert waren, jetzt eine
Panik entstehen. Ja, wenn die Artillerie jetzt Karttschen gehabt htte,
ein einziger Munitionswagen konnte dem Verhngnis wehren! Bei der
schnell sich verringernden Distanz hatte das planlose Schieen der
franzsischen Schtzenlinien nur geringe Wirkung. Jede Feuerleitung
fehlte. Von der Angst vor dem herannahenden Furchtbaren jeder klaren
berlegung beraubt, verpulverte man die wenigen letzten Patronen
sinnlos, zwecklos; die Befehle der laut schimpfenden, erregten Offiziere
widersprachen sich fortwhrend. Im instinktiven Selbsterhaltungstrieb
ballten sich die Kompagnien zu einzelnen Massen zusammen, um bei dem
Bajonett die Rettung zu suchen. Die verhngnisvolle Gefahr des
Kleinkalibers, die Munitionsverschwendung, hatte sich hier schrecklich
geltend gemacht.

Jetzt war die lange Linie der deutschen Kavallerie heran und brach in
die feindlichen Reihen ein. Blinkende Sbel, wuchtige Hiebe, zertretene
Menschen, hochaufsteigende Pferde, ein kurzer, aussichtsloser Kampf und
schon waren die deutschen Reiter zwischen den franzsischen Batterien,
alles vor sich niederwerfend. Lhmendes Entsetzen trug dieser
durchschlagende Erfolg eines Kavallerieangriffes auch in die Reihen der
franzsischen Reserven, die jetzt einfach ausrissen. Der schlecht
geleitete und zaghaft durchgefhrte Gegensto zweier franzsischer
Bataillone versagte vllig. Im Nu waren die deutschen Reiter zwischen
den flchtenden Franzosen. Einzelne Carrs, die sich zusammenzuballen
suchten, wurden niedergeritten. Schwere Pferdeleiber im Ansprunge die
Bajonette niederdrckend und im Todeskampfe mit den Hufen die
Infanteristen zerschlagend, rissen groe Breschen in die Fronten, durch
die die langsam dnner werdenden Linien der deutschen Regimenter immer
weiter vorwrtsstrmten. Der Rest der Schwadronen jagte jetzt nach links
und rechts abschwenkend, davon.

Die Riesenaufgabe der tapferen Reiter war gelst. Als sich die Coulissen
der Kavallerieregimenter nach beiden Seiten auseinanderschoben, strmten
hinter ihnen im unwiderstehlichen Anlauf die deutschen Schtzenlinien
heran. Von allen Seiten klang das Angriffssignal: Kartoffelsupp,
Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp ber das Feld, weckte den
teutonischen Kampfeszorn und trug den Sturmlauf der deutschen Regimenter
mitten in die durch den Kavallerieangriff gebrochene Lcke. Vier
franzsische Schtzengrben bis an den Rand mit zerstampften
Menschenleibern gefllt, vier zerschossene Batterien zwischen deren
Geschtzruinen sich kein Leben mehr regte, lagen bereits hinter der
deutschen Angriffsfront, und immer mehr Bataillone fluteten hinein in
diese nach beiden Seiten rasch weiter reiende Bresche mit der das
franzsische Zentrum an einer schwachen Stelle durchbrochen war. Aber
schon schob der Feind von beiden Seiten Truppen vor, um das Loch wieder
zu stopfen. Doch umsonst. Die deutsche Artillerie war schon heran,
nistete sich hinter einem Eisenbahndamme ein und bng ... bng ... bng
... knatterte das Feuer der Maschinengeschtze in die Reihen der
franzsischen Kavallerieregimenter, sie in wenigen Minuten mit einem
Sprhregen von Geschossen niedermhend. Es war eben ein Unterschied, ob
eine Reiterattacke auf einen aus gedeckter Stellung feuernden,
siegreichen Feind oder auf erschtterte Infanterie ansetzt die nur noch
die letzte Patrone im Laufe hat. Auf dem Manverfelde sieht beides fr
das Laienauge gleich aus und die Biertischstrategen, die sich ber die
sinnlosen Kavallerieattacken so sehr emprten, sie hatten immer nur
das eine vergessen, da niedergekmpfte Infanterie nicht mehr schiet.

Hinter dem Eisenbahndamm stand die rasch vorrckende deutsche Artillerie
sehr bald in Strke von zwei Regimentern, die nun mit Schrapnells unter
den flchtenden franzsischen Bataillonen frchterlich aufrumte. Und
nun begann die regellose Flucht. Von Sdosten her war der rechte
franzsische Flgel umfat und aufgerollt worden. Das Zentrum war
gegenber Rethel durchstoen und berall vor der franzsischen Front
wuchsen jetzt aus der Erde die Massen der deutschen Bataillone empor. Es
gab kein Halten mehr und vor allem fehlte jede Disposition des Rckzuges
auf feindlicher Seite. Die franzsischen Korpsfhrer verloren die
Leitung ber ihre Truppen. Vergebens, da sich die Offiziere mit dem
Revolver in der Hand den Fliehenden in den Weg warfen; vergebens, da
sie diesen oder jenen niederschossen, die zurckflutende Woge ri auch
sie mit sich fort, und wollten sie nicht unter den Stiefeln ihrer Leute
enden, so muten sie mit dem Strome schwimmen. hnlich war es auf dem
linken Flgel, wo sich die englischen Bataillone lnger hielten und
durch die siegreichen Vorste der Deutschen isoliert, teilweise bis auf
den letzten Mann ihre Positionen verteidigten. Die deutsche Artillerie,
deren Geschosse zuweilen selbst in die eigenen Sturmkolonnen
einschlugen, hielt jeden Versuch einer Gegenoffensive nieder. Die
Schlacht war entschieden.

Auf dem Rckzuge der einzelnen franzsischen Korps fehlte jede
einheitliche Fhrung. Nur einige gewannen die Strae nach Paris und nach
Sdosten, die meisten Regimenter trieb wahnsinnige Angst und die volle
Deroute zwischen die Forts von Reims und Laon, wo sich die
Hunderttausende nunmehr stauten, whrend die deutschen Granaten
unablssig in die Scharen der Flchtenden einschlugen. Es gab kein
Halten mehr auf dieser Flucht. Die deutsche Kavallerie, deren ganze
Kraft rcksichtslos eingesetzt wurde und bei der aus Mann und Ro der
letzte Atemzug herausgeholt wurde, lste auf der Verfolgung jeden
Truppenverband des Feindes auf und was sich nicht um Reims
konzentrierte, -- die Feldbefestigungen vor Laon fielen noch am Abend
den Deutschen in die Hnde, worauf die mit Menschen gefllte Stadt, die
unablssig bombardiert wurde, um Mitternacht kapitulierte -- war keine
Armee mehr, nur noch ein wstes Gemenge erschpfter, um ihr armes Leben
sorgender Menschen, die keinen Widerstand mehr zu leisten im stande
waren.

Die englische Armee, die auf dem linken Flgel gestanden hatte, war
ebenfalls zersprengt, und zog sich in vlliger Auflsung nach Sdwesten
zurck. Der grte Teil ihrer Artillerie und ihr schwerflliger Tro
fiel den Deutschen in die Hnde.


                              Die Nacht.

Die Flucht der franzsischen Regimenter erfolgte konzentrisch auf Reims.
Die Batterien, die eine Stellung nach der andern aufgeben muten, fuhren
rcksichtslos querfeldein, Verwundete mit den Hufen der Pferde
zerstampfend und mit den Rdern der Protzen und Geschtze zermalmend,
fliehende Truppenkrper zerreiend und durchbrechend, dafr von den
eigenen Leuten in wilder Entrstung zuweilen mit Gewehrschssen bedacht.
So lste sich alle Ordnung auf. Die beiden von Nordosten und Sdwesten
sich langsam vorschiebenden Frontlinien des deutschen Heeres nahmen die
fliehenden Hunderttausende gewissermaen in eine Zange, deren Flgel
sich immer enger zusammenschlossen. Wo auf deutscher Seite noch Reserven
vorhanden waren, schob man diese jetzt in die Front und lie die vllig
erschpften, bei den entscheidenden Sturmangriffen furchtbar dezimierten
Regimenter auf dem Schlachtfelde an Ort und Stelle biwakieren. Von
Biwakieren war freilich nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken,
bis auf das uerste ermdet, in ihren letzten Kampfpositionen einfach
um, und die Ermattung war so stark, da kaum jemand an Abkochen und
Proviantfassen dachte. Nicht einmal zum Feuermachen reichte die Energie
mehr aus. Nur schlafen, bis ins Unendliche schlafen, war der einzige
Gedanke, der noch in diesen automatischen Maschinen lebte. Und so lagen
sie bataillonsweise, kompagnieweise hingemht und versanken in einen
traumlosen, bleiernen Schlaf, whrend nur ein paar Posten Wache hielten,
um den vorbeipassierenden Truppenteilen den Weg zwischen dem schlafenden
Heere nach vorn zu weisen. Und unablssig ging es vorwrts in dem
blutroten, grausigen Dmmerschein der Sommernacht, die durch den
lodernden Brand der Stdte und Drfer erhellt wurde, als stnde eine
Welt in Flammen. Von fernher klangen ber das Schlachtfeld die alle
Lebensgeister weckenden Weisen unserer Armeemrsche und bertubten das
Gewimmer der Verwundeten und den Verzweiflungsschrei der Sterbenden.
Neben den erschpften Helden der Fnftageschlacht schliefen die anderen
Zehntausende den ewigen Schlummer.

Die schwarzen Schlangen marschierender Bataillone schoben sich auf die
Stelle zu, wo aus dem Festungsgebiet von Reims wster Waffenlrm
herberdrang, wo der Feuerschein der brennenden Lager aufstob zum
Himmel. Ohne Aufhren ging es vorwrts und neben und zwischen den
Truppen die langen Wagenreihen der Ambulanzen, die kaum im stande waren,
auch nur die notdrftigste Hilfe in dieser schrecklichen Nacht zu
bringen. Einer solchen Zahl von Opfern gegenber erlahmte die hilfreiche
Hand des Arztes.

Als die Tete eines der letzten Reserveregimenter, -- eben aus der Heimat
eingetroffen -- den Eingang des Dorfes Grandcourt passierte, waren die
Sanittssoldaten gerade am Werke, die niedrigen Huser der langen
Dorfstrae in Lazarette umzuwandeln und mit den verwundeten Kriegern zu
belegen, die eine Sanittskolonne herangefhrt hatte. Da auf der linken
Seite der Strae ein von den Franzosen bei ihrem Rckzuge
stehengelassener Wagenzug mit Lagermaterialien und einige zwanzig mit
Heu und Stroh hochbeladene Bauernwagen die Passage sperrte und auf der
rechten Seite die Fahrzeuge der Sanittskolonne vor den Haustren
hielten, war die nicht sehr breite Dorfstrae fast vllig verstopft. Die
ersten Kompagnien des Regimentes rckten daher nur bis in die Mitte des
Dorfes vor und machten dann Halt, damit vorne erst Platz geschaffen
wrde. So standen die Kompagnien eingeteilt zwischen den beiden langen
Wagenzgen und warteten eine Viertelstunde nach der anderen.

Um den Eindruck abzuschwchen, der erfahrungsgem uerst deprimierend
auf jeden Soldaten wirkt, wenn er noch vor dem Kampfe die jmmerlich
sthnenden Opfer der Schlacht und ihre blutenden Glieder vor Augen
bekommt, lie der Regimentskommandeur die Musik einige Mrsche spielen,
die ihre alte Zauberkraft, den schlummernden Kampfesmut zu wecken, auch
hier wieder wirksam erwiesen. Schmetternd klang der Torgauer durch die
von den Schrecken des Krieges erfllte lange Dorfstrae, zwischen den
Husern mannigfaltiges Echo weckend und die Schmerzensschreie der
Verwundeten bertnend. Rings war der Himmel vom Brandschein gertet.
Leise strich der Nachtwind ber die Reihen derer, die dem Kampfe
entgegengingen und die armen Opfer der Feldschlacht, die mit
zerschossenen Gliedern zurckgebracht wurden. Die Huser auf der rechten
Seite der Dorfstrae waren bereits mit Verwundeten gefllt, jetzt begann
man auch die auf der linken Seite zu belegen, wobei die Sanittsleute
mit ihrer schrecklichen Last die Reihen der Kompagnien passieren muten.

Eben trug man einen Obersten hinber, der einen Schu durch die Lunge
erhalten hatte, und wollte ein weiteres Haus ffnen. Es war
verschlossen; ohne weiteres wurde die Tr eingestoen und mit ihr
zugleich strzten zwei Soldaten in die dunkle Hausflur. Als hier der
Besitzer mit einer Laterne in der Hand erschien und einem Feldwebel, der
ihm entgegentrat den Eingang verwehren wollte, wobei er in verzweifelter
Erregung einen unverstndlichen Wortschwall hervorsprudelte, schob man
den Mann einfach beiseite, und die Tragbahre, auf welcher der Oberst
lag, wurde gerade in den Hauseingang hineingetragen, als dieser
pltzlich erhellt wurde. Ein altes Weib, dem die grauen Haare wild um
den Kopf flatterten, strmte, einen brennenden Holzscheit schwingend
heraus, schlug mit diesem dem verblfften Feldwebel ins Gesicht, stie
ihn zur Seite, da er auf der Hausflur hinkrachte, und drngte sich an
den Sanittssoldaten vorbei. Die rasende Megre stand pltzlich auf der
Strae, wilde Verwnschungen kreischend. Ein Leutnant der ersten
Kompagnie, dem angesichts der grlichen Gefahr der Herzschlag stockte,
entri einem Soldaten das Gewehr. Einen Moment, und er hatte sich
zwischen den beiden nchsten Heuwagen durchgewunden und holte zu dem
vernichtenden Schlage aus; wie vom Blitze gefllt lag das Weib mit
zerschmettertem Schdel im Straenkote.

Um einen Atemzug zu spt, denn schon war das Furchtbare geschehen: im
letzten Moment hatte die Hexe ihr teuflisches Vorhaben noch ausgefhrt.
Im hohen Bogen hatte sie die brennende Latte oben auf den nchsten
Heuwagen geschleudert. Fauchend und rauschend fuhr der Nachtwind hinein
in das Heu, und im Nu stand der Wagen in lichten Flammen, die dem
Windzuge folgend mit Gedankenschnelle den nchsten ergriffen, und bevor
man sich noch von der Erstarrung erholt hatte, war die Dorfstrae ein
blendendes sausendes Flammenmeer. Das Heu brannte, das Stroh brannte,
die rote Glut spritzte nach allen Seiten; die Huser brannten. Wohin man
sah, gelbe und rote Flammen, schwlender Rauch, der in den Augen bi.
Strzende Wagen, die Glutlawinen ber die Strae schtteten, knatternde
Sparren, ein feuriger Regen von zerstiebenden, brennenden Schindeln und
dazwischen wimmernde, ratlos hin und her laufende, rettende und sich
gegenseitig anrennende Menschen. Im roten Feuerschein erstrahlten die
Gewehrlufe, die Bajonette, mit denen man die Glut auseinander zu reien
suchte; vergebens, in diesem feurigen Graben war keine Hilfe mglich. In
der flackernden Brandung, die brausend auch die Sanittswagen ergriff,
erschien pltzlich ber dem ersten, wie hingezaubert gegen den
brandroten Hintergrund, die in dem scharfen Luftzuge heftig flatternde
weie Fahne mit dem Genfer Kreuz.

Ein einziger, furchtbarer Verzweiflungsschrei durchgellte diese Szene
der Vernichtung. Kaum geborgen unter dem schtzenden Dach sahen die
hilflosen Verwundeten sich rettungslos dem Flammentode preisgegeben.
Wildes Geschrei, laute Kommandos, ein Durcheinander von hin und her
hastenden Menschen. Die Kompagnien waren von der Dorfstrae
verschwunden. In die Haustren eindringend, griffen sie rasch zu, um
ihre verwundeten Kameraden aus dieser brodelnden Hlle nach rckwrts
durch die Hfe der Huser ins Freie zu retten. Aber nicht mehr berall
gelang es, und nach entsetzlichen Szenen verzweifelter Rettungsversuche
mute man acht Huser -- und es waren gerade die am dichtesten mit
Verwundeten belegten -- ihrem schaurigen Schicksal berlassen. Whrend
aus jenen Unglckshusern, mitten aus der Flammenglut der
herzzerreiende Todesschrei hilfloser Menschen in die Finsternis
hinausdrang, whrend das Dorf langsam wie eine lodernde Fackel
niederbrannte, tnten drauen von allen Seiten des Schlachtfeldes
herber die Militrkapellen der vorrckenden Truppen, den zwischen
brennenden, strzenden Bretterwnden dem Tode rettungslos Geweihten die
Siegeskunde zutragend, der Choral von Leuthen: Nun danket alle Gott.

Als das fahle Morgenlicht heraufdmmerte, sumten nur noch rauchende,
schwarze Brandruinen die lange Dorfstrae. Ein Germpel von eisernen
Radreifen und Deichselbeschlgen zwischen der dampfenden Holzasche lie
noch die Trmmer des Sanittszuges und auf der anderen Seite die der
franzsischen Wagen erkennen. Dazwischen verkohlte menschliche Krper.
Vor den zusammengestrzten Lehmmauern eines Hauses sa, in zerrissener
verbrannter Uniform, der Oberst jenes Regiments, auf einem Prellstein.
In seinem Schoe hielt er das Haupt eines junges Offiziers, dessen
schauerlich verwundeter und verstmmelter Krper kaum noch menschliche
Formen hatte. Stumpfsinnig nickte er vor sich hin, das einzige lebende
Wesen auf dieser Sttte grlicher Vernichtung. Eine im scharfen Trabe
heranrollende Batterie bahnte sich soeben ihren Weg durch den
Brandschutt auf der Dorfstrae. Nur im Schritt vermochte sie hier
vorzurcken, damit sich die Pferde nicht in den Wagentrmmern verfingen.
Unter den schweren Kanonenrdern knirschte und knackte das verbrannte
Holzwerk. Jetzt war das erste Geschtz bei der Gruppe auf dem Prellstein
angekommen. Der Batteriechef stieg vom Pferde und trat an den Obersten
heran, grte und fragte: Kann ich helfen, Herr Oberst. Der aber
stierte ihn blde an: Wir wollen nach Hause gehen, Ludwig, Mutter
wartet. Der Oberst war in jener Schreckensnacht, als er vergebens
versucht hatte, seinen schwer verwundeten Sohn aus dem brennenden Hause
zu bergen, irrsinnig geworden. Aufs Tiefste erschttert stieg der
Batteriechef wieder zu Pferde und langsam mit den Rdern in dem schweren
Schutt knirschend und ber verkohlte Leichen hinwegrollend, setzte die
lange Reihe der Geschtze ihren Weg fort. Staub zum Staube, Erde zur
Erde.

Nach einer Woche kapitulierte die Lagerfestung Rheims. Wste Szenen
ohnmchtiger Erbitterung hatten sich in dem weiten Rayon zwischen den
Forts abgespielt. Der Proviant ging zu Ende und das unablssig von
deutscher Seite fortgefhrte Bombardement demoralisierte die
eingeschlossene Armee so vollstndig, da das Oberkommando auf
franzsischer Seite, zumal sich ernstliche Reibungen zwischen den
einzelnen Korpsfhrern geltend machten, auf einen Ausfall aus der
Festung und auf weiteren Widerstand verzichtete.


                               Daheim.

Es war leer geworden in der Heimat seitdem das Volksheer drauen stand.
Die wirtschaftlichen Betriebe stockten und soweit die Fabriken ihre
Ttigkeit nicht vollstndig eingestellt hatten, arbeiteten sie mit einem
Viertel ihrer frheren Kraft. Da der Handel gnzlich lahm gelegt war und
auch die Hnde fehlten, die Waren des Ausfuhrhandels herzustellen, lie
man die Kessel abblasen und die schnurrenden Rder stillstehen. Wozu
auch noch arbeiten, da die englische Blockade die Hfen schlo? Nur die
Betriebe, die fr die unmittelbarsten Lebensbedrfnisse des Volkes und
fr die Versorgung der Armee arbeiteten, wurden vollstndig aufrecht
erhalten.

Auch bei der Ernte fehlten die Arbeiter, und hier griff man zu dem
einfachen Mittel, das zunchst etwas verblffend wirkte, dann aber
allerseits als berechtigt anerkannt wurde, den nationalen Wehrdienst in
nationale Arbeit umzuwandeln. Wie man in Friedenszeiten militrische
Krfte herlieh, um die Erntearbeiten zu vollenden, so berief man jetzt
die Landsturmpflichtigen zweiten Aufgebotes ein, die aus Leuten
bestehen, die entweder wegen geringer, krperlicher Fehler vom
Wehrdienst befreit, oder nach abgeleisteter Wehrpflicht zu alt waren, um
ins Feld zu rcken. Als die Zeit der Ernte herannahte, sah man drauen
auf den Feldern im Schweie ihres Angesichtes behbige Landsturmleute an
hochbeladenen Bauernwagen stehen, sah man sie die Ernte bergen und die
Garben schichten. Professoren und reiche Kaufleute, junge und alte
Mnner jeden Berufes, alle wurden sie herangezogen, um die Hnde zu
ersetzen, die hier in der Heimat fehlten, weil des Volkes Shne drauen
jenseits der Grenze im harten Kampfe des Reiches Schicksal zum Siege
wandten. Unter Murren zwar anfangs, bald aber in voller Wrdigung der
Lage, unterzogen sich alle mit erfreulichem Eifer den Pflichten, die das
Vaterland auch auf diesem Gebiete von seinen Brgern forderte.

Es war still und einsam geworden daheim und so rechte Andacht zur Arbeit
hatte man nirgends. Immer wieder drang der Ruf der Extrablattverkufer
hinein in die Werksttten, in die Schreibstuben und Kontore. Und wieder
stand man an den Straenecken und vor den Zeitungsredaktionen in dichten
Haufen. Immer wieder dasselbe Bild, Monat fr Monat. Wenn die weien,
siegverkndenden Bltter hinausflatterten auf die Strae, dann brach der
Jubel los: Noch ein Sieg -- zu Lande. Zu lodernder Begeisterung erhoben
sich die Herzen, wenn der Telegraph die Kunde brachte, da unsere braven
Truppen wieder den Feind geschlagen in schier endlosem Kampfe.

Aber dann Tage darauf, wenn die anderen Meldungen kamen, die langen, eng
bedruckten Seiten mit den Listen der Gefallenen und Verwundeten, dann
ward es still unter den dichtgedrngten Scharen, die diese nchternen
Reihen von Namen und Zahlen mit eiligem Blick durchflogen, nach einem
geliebten Namen forschend und erleichtert aufatmend, wenn er nicht
darunter war. Es war ein wunderbar ergreifender Anblick jedesmal, wenn
die Verlustlisten herauskamen, wenn sie an die Plakatsulen angeheftet
wurden und Hunderte diese riesigen Bltter umlagerten. Wenn dann einer
der Zunchststehenden die Namen langsam buchstabierte und mit der
ungeschickten Betonung des einfachen Mannes laut vorlas, horchten alle
mit gespannten Sinnen und in stummer Teilnahme machte man Platz, wenn
dieser oder jener pltzlich zusammenzuckte, wenn ihm die Trnen ber die
Wangen rollten und er sich leise davonschlich. Und weiter ging die
endlose Reihe der Namen, immer neue, es war der letzte Appell fr die,
welche drauen ihr Leben gelassen. Und dann geschah es, da mitten unter
der Menge ein junges Weib aufschrie und im dumpfen Schmerz heimwrts
wankte, ihr Kindchen an der Hand fhrend, nunmehr eine vaterlose Waise.
Dann streichelte der Kleine die Hand der weinenden Mutter und fragte:
Kommt Vater nicht wieder zurck? Nimmermehr, nie wieder! O, welch ein
Schicksal liegt in diesem Worte: nie wieder! Wie viel blhendes Leben
zertrat dieser grausame blutige Krieg!

Wenn sie dann heimkehrten die langen Wagenzge, wenn auf den Bahnhfen
die Transportwagen der Krankenhuser und Lazarette hielten, um die
zerschossenen, die wunden und kranken Opfer aufzunehmen und dorthin zu
bringen, wo menschliche Kunst sich oft vergebens abmhte, Leben zu
erhalten und zerschmetterte Glieder zu heilen. Wie der Krieg die
wildesten Leidenschaften entfacht, wie er die tierischen Instinkte
aufpeitscht, wenn der Soldat die Waffe auf einen Gegner richtet, der ihm
persnlich nichts zuleide getan, der ihm unbekannt und gleichgltig,
auch ein Mensch, um dessen Leben daheim Weib und Kinder zittern, um den
sich die Eltern sorgen, um ihn, der nun zum Manne erwachsen die Sttze
ihres Alters sein sollte. Mensch zu Mensch, nur verschieden nach dem
Volksempfinden und nach den Farben der Uniform. Ja die Kugel ist eine
Trin, dieses kleine Stckchen Metall, es wei nicht, von wannen es
kommt und wohin es fhrt, und welche Trnensaat dem Boden entspriet,
auf dem sein Opfer verblutet.

Der Krieg, der die niedrigsten und hchsten Instinkte der Menschheit
entfesselt, sie zur Sonnenhhe emporhebt und in Nacht und Grauen
finsterer Leidenschaften hinabstt, er weckt auch die hchste Blte des
Mannestums, die _Kameradschaft_. Und mit Staunen sahen die Shne des
Volksheeres, die, sich dem Diensteid zufolge und der Soldatenpflicht
gehorchend, dem Befehl der jungen Offiziere beugten, daheim auf dem
Kasernenhofe und jetzt im Schlachtendonner, wie diese Jnglinge in
wenigen Wochen zu Mnnern erwuchsen, die sich eins fhlten mit dem Volke
in Waffen, ber das sie nur das Kommandowort erhob. Lcherlichen Dnkel
und kleinliche berhebung drckte die Gewalt des Krieges bald zu Boden.
Jetzt, wo _ein_ Schicksal ber alle entschied, verwischten sich auch die
von Menschenwitz ausgeklgelten Standesunterschiede. Mensch zu Mensch.
Die Soldaten hingen mit kameradschaftlicher Bewunderung und Liebe an
ihren Fhrern, von denen sie wuten, da sie sich keine Ruhe gnnten
bevor der letzte Mann nicht versorgt war. Gewi, es gab Ausnahmen, aber
sie blieben Ausnahmen. Trotz der strengen Disziplin wurden auch Flle
hlicher Ausschreitungen bekannt, die eine harte Strafjustiz
erforderlich machten. Aber das war sicher, wer drauen durch eine Kugel
auf dem Sandhaufen endete, und die, welche ohne die militrischen
Ehrenzeichen heimgeschickt wurden, die wren auch daheim dem Spruche des
Staatsanwaltes verfallen. Es blieben Ausnahmen, hliche Ausnahmen,
gegenber der Masse von herrlichen Beispielen deutscher Soldatentreue,
von Kameradschaftlichkeit und schonender Milde gegenber dem besiegten
Feinde.

Immer neue Schlachten, neue Siege und neue Verlustlisten. Wie lange
sollte dieses furchtbare Ringen noch dauern, das die Lnder entvlkerte
und die jugendfrische Blte der Nationen unter dem grnen Rasen bettete?
Daheim lagen tglich Millionen auf den Knien und flehten zum Himmel, da
er dem mrderischen Schlachten, den Blutopfern des Volkes ein Ende
machen mge. Und immer neue Schlachten, neue Gefechte, neue
Verlustlisten. Immer mehr Menschen erschienen daheim in schwarzer
Kleidung, lebten mit verweinten Augen ihr Alltagsleben stumm und
teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede Zukunftshoffnung fehlte, ein
Leben, vor dem sich erdrckende Sorgen trmten, und immer neue
Schlachten. Es war etwas anderes, drauen im Feindeslande dem Gegner
frei und offen ins Auge zu sehen, die Waffe in der Hand, die die
Entscheidung barg; anders daheim, wo man den Klang der Siegestrommeten
nicht hrte, wo man nur die langen Zge der Verwundeten sah und nur die
Opfer zhlte, die dieser Riesenkampf tagtglich erforderte.




                         Als der Herbst kam.


Antwerpen wurde belagert, Cherbourg und Le Havre wurden belagert, Brest
wurde durch grere Streitkrfte von der Landseite aus beobachtet. Auf
eine eigentliche Belagerung von Paris hatte man verzichtet und sich
damit begngt, die groen Zufahrtsstraen nach der Hauptstadt durch
starke Beobachtungskorps besetzt zu halten und einen weiten Ring um den
riesigen Fortsgrtel zu legen. Die dadurch halb und halb eingeschlossene
und lahmgelegte Besatzung von Paris, bestand aus 200000 Linientruppen
und 100000 Mobilgardisten, die aber, wie die ersten Ausfallsgefechte
bewiesen, wenig kriegstchtig waren. Durch eine sinnreiche Staffelung
der deutschen Beobachtungskorps, verbunden mit einem komplizierten
Signal- und Nachrichtendienst, der mit allen Mitteln der modernen
Technik, mit Fesselballons, Funksprchen, Heliographen, Automobilen u.
s. w. arbeitete, war es bisher gelungen, bei jedem Ausfall den die
Pariser unternahmen, die Massierung der franzsischen Truppen zwischen
der Stadt und den Forts rechtzeitig vom Ballon aus zu erkennen und ehe
der Kampf begann, auf dem Schlachtfelde jedesmal strker zu sein, als
der angreifende Feind. Die meisten franzsischen Anlufe endeten schon
vor den deutschen Drahthindernissen. Durch Anlegung breiter Minenfelder
^ cheval^ der Straen, auf denen der Anmarsch des Feindes
erfahrungsgem erfolgte, wurde ein weiteres Sperrmittel geschaffen, das
mit seiner furchtbaren Explosivkraft auch eine moralische Einwirkung auf
die Angriffslust ausbte. Eine Truppe, die stets darauf gefat sein
mute, -- und wo waren keine deutschen Minen! -- da die Erde
kilometerweit unter ihr aufri und da der Stein- und Eisenhagel der
Dynamiteruption Hunderte vernichtete, war an sich schon unsicher im
Anmarsch und ging schlecht ins Gefecht. Smtliche Versuche, den Ring der
deutschen Beobachtungskorps zu durchbrechen, waren bisher gescheitert,
und trotz der in Paris angehuften riesigen Vorrte begann sich in der
Millionenstadt bereits ein Mangel an Nahrungsmitteln geltend zu machen,
wenn er auch noch nicht in irgendwie drckender Form fhlbar wurde.

Mehr als die Hlfte Frankreichs war im Besitz der verbndeten Heere. In
einem groen Bogen von der Loiremndung ber Orleans bis Lyon standen
die deutschen Armeen von dort bis sdlich Lyon die sterreicher, die
jedoch in den Gebirgen von Lyonnais gegenber den mit dem Terrain
vertrauten franzsischen Truppen sehr wenig wirkliche Erfolge
aufzuweisen hatten. Das untere Rhne-Tal und die sdfranzsische Kste
war mit Ausnahme des von der Landseite belagerten Hafens von Toulon und
Marseilles, dessen geschickt angelegten Feldbefestigungen noch
standhielten, in den Hnden der italienischen Armee; ihr Hauptquartier
befand sich zur Zeit in Nmes.

Die franzsische Regierung hatte sich von Paris nach Bordeaux geflchtet
und hatte in den ihr noch zur Verfgung stehenden Landesteilen die
^leve en masse^, wie 1871 organisiert, allerdings bei der Krze der
Zeit ohne den erhofften Erfolg. Die englischen Truppen bildeten von der
Loire-Mndung bis etwa Bourges den linken Flgel der langgestreckten
Stellung, die die franzsischen Korps in einem Halbrund sich anlehnend
an die Gebirgsketten Mittelfrankreichs einnahmen. Der rechte Flgel, wo
sich auch die spanischen und portugiesischen Truppen befanden, stand mit
der Front fast direkt nach Osten gerichtet bis zur Meereskste hinunter
den Italienern gegenber. In Brest und Cherbourg befanden sich starke
englische Streitkrfte, sie stellten auch neben den belgischen Truppen
das Hauptkontingent der Verteidiger Antwerpens. Diesen letzten vom
Feinde gehaltenen Pltzen in Nordfrankreich fhrte die englische Flotte
fortgesetzt neues Material an Geschtzen, Munition, Proviant und Truppen
zu. Jede von den deutschen Geschtzen zerschossene Position wurde bald
wieder ausgebessert und hinter den zerstrten Auenwerken erhoben sich
immer neue Reihen von Schanzen, gegen die nur ein langsames Vorrcken
mglich war. Andererseits war von deutscher Seite ein ernsthaftes
Vorgehen nicht einmal beabsichtigt, da man mit den englischen Zufuhren
rechnend, sich darauf beschrnkte, zu verhindern, da die drei
Seefestungen zu Einfallstoren fr neue Armeen wurden.

Gegen Ende des Sommers war der Krieg nach den ungeheuer verlustreichen
Feldschlachten eine Zeit lang zum Stehen gekommen; man war auf beiden
Seiten bestrebt, die riesigen Einbuen an Mannschaften zu ersetzen und
wollte dann von deutscher Seite im Oktober mit dem konzentrischen
Angriff von Norden und Osten her beginnen, war aber durch die geringen
Erfolge der sterreicher und Italiener gezwungen, die Entscheidung noch
hinauszuzgern.

Zur See war die deutsche Flagge verschwunden, ebenso die italienische
und die sterreichische. Die Reste der deutschen und italienischen
Flotte wurden durch das feindliche Geschwader in den Hfen blockiert.
Das Weltmeer war einsamer geworden und die gewohnten Straen des
internationalen Dampferverkehrs waren verdet, da auch die meisten
englischen Handelsdampfer zu Transporten zwischen den heimischen Hfen
und den belagerten franzsischen Kstenpltzen, sowie zur
Verproviantierung der englischen Blockadeflotte in der Nord- und Ostsee
und im Mittelmeer herangezogen waren. Vielen deutschen Ozeandampfern war
es gelungen, sich in nord- und sdamerikanische Hfen zu flchten; teils
lagen sie dort still am Hafenkai, oder sie waren durch Scheinkufe in
amerikanische und in die Hnde von Reedern der sdamerikanischen
Republiken bergegangen.

Wo aber die deutsche Flagge im berseeischen Handelsverkehr verschwunden
war, war sie berall durch das Sternenbanner ersetzt worden. Die Union
machte sich in allen Erdenwinkeln die gnstige Situation, da sich ihre
beiden Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt in erbittertem Kampfe
gegenseitig zerfleischten, zu nutze, und trat mit ihren Handelsagenten
berall in die entstandenen Lcken ein, eine Position nach der anderen
mit ihren Schiffen und ihren Preiscourants erobernd. Nicht geringe
Energie entwickelten auch besonders im Indischen und im Groen Ozean die
_japanischen_ Kaufleute, die nach jeder Gelegenheit aussphten, an
verwaister Sttte festen Fu zu fassen. ber die Phrasen von der offenen
Tr und andere Talmiwerte europischer Diplomatie war man in dem wilden
Wettlauf um die Handelsherrschaft jenseits des Meeres lchelnd
hinweggeschritten.

Auch die Theorien der Neutralittspflichten hatten nur noch
Makulaturwert. Nur der eigene Vorteil war noch die Richtschnur alles
Handelns, seitdem das gewohnte Spannungsverhltnis zwischen den
europischen Mchten durch den Krieg gelst war und kein internationales
Gericht, durch das Gleichgewicht der Mchte erzwungen, mehr ber dem
internationalen Ehrenkodex der Neutralittsgesetze wachte.

Ohne Bedenken lieferten die Vereinigten Staaten Munition, Waffen,
Proviant und Schiffe nicht nur nach England, sondern auch in die
belagerten franzsischen Seepltze, und in der Garonne-Mndung war die
amerikanische sowie auch die japanische Flagge zahlreich neben der
englischen vertreten. War man doch auf der Schattenseite des
Kriegsschauplatzes bei dem englisch-franzsischen Nachrichtenmonopol
sicher, da Deutschland von solchen Freundschaftsdiensten einstweilen
nichts erfuhr und in England, Frankreich und Spanien lie man von diesen
Lieferungen selbstverstndlich nichts verlauten. Man nutzte nach Krften
die Lage aus, unbemerkt alle Geschfte besorgen zu knnen, die der
rollende Dollar verlockend erscheinen lie. Lissabon, Vigo, Bordeaux und
Barcelona waren die groen Umschlagspltze des eintrglichen
Einfuhrgeschftes, welches aus amerikanischen und anderen Hfen unter
neutralen Flaggen besorgt wurde. Nur darauf sah man, da diese
Liebesdienste stets in klingender Mnze beglichen wurden. Das zum
Zwangskurse ausgegebene Papiergeld berlie man den Landeskindern der
kriegfhrenden Mchte, die sich mit ihm begngen muten, whrend das
gute Gold in die Taschen der Zwischenhndler flo, die bei den
Kriegslieferungen Riesensummen verdienten.


              Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern.

   Hrt ihr's dumpf im Osten klingen?
   Er mcht' euch gar zu gern verschlingen,
   Der Geier, der nach Beute kreist:
   Hrt im Westen ihr die Schlange?
   Sie mchte mit Sirenensange
   Vergiften euch den frommen Geist.
   Schon naht des Geiers Flug,
   Schon birgt die Schlange klug
   Sich zum Sprunge,
   Drum haltet Wacht
   Um Mitternacht
   Und wetzt die Schwerter fr die Schlacht.

      E. Geibel.

Der Jahrhundertstag der Schlacht von Jena am 14. Oktober war durch einen
neuen Zusammenprall der Volksheere auf dem historischen Schlachtfelde
nrdlich von Poitiers gefeiert worden. Der Vorsto der Englnder und der
auf dem rechten Flgel dieser Gefechtsfront stehenden vier franzsischen
Korps war durch die Wachsamkeit der auf einen solchen historischen
Schlachttag wohl vorbereiteten Deutschen zurckgeschlagen worden. Die
Verfolgung des Feindes hatte so lange gedauert, als aus den deutschen
Kavallerieregimentern aus Mann und Ro noch ein Atemzug und ein
Klingenschlag herauszuholen gewesen war. Eine allgemeine Erschpfung auf
beiden Seiten war eingetreten, und nur langsam schoben sich die
deutschen Reservekolonnen in die eroberten Stellungen hinein.

Es war ein klarer, stiller Oktobernachmittag, morgens war ein
Regenschauer hernieder gegangen. Jetzt konnte man in der durchsichtigen,
feuchtfrischen Luft weit, weit nach Sden sehen, bis zu den blauen
Gebirgszgen ganz in der Ferne, wo die Massen des feindlichen Heeres
neue Verteidigungsstellungen suchten. Abseits vom Wege, neben einem
kleinen Wldchen, von dessen Bumen langsam die braunroten Bltter
herabrieselten auf die nasse Erde, hielt eine Gruppe von Reitern, die um
einen einzelnen Mann einen Kreis bildete. Er hielt in der Linken ein
groes Kartenblatt und sprach, mit der Rechten Linien und Punkte auf dem
Papier markierend, zu einem Adjutanten. Dann klappte er die Karte
zusammen, schob sie in die Satteltasche und ritt, gefolgt von den
Generlen, nach der Chaussee zurck. In diesem Moment erklangen die
flotten Weisen eines Marsches an der Waldecke, wo die Chaussee sich ins
Tal hinabsenkt, eine Regimentsmusik erschien und im strammen Schritt
tauchte die Kolonne aus dem Walde hervor. Ein scharfes Kommando, die
Musik brach pltzlich ab, um dann mit den Klngen des Prsentiermarsches
wieder einzusetzen. Der Oberst fhrte sein Regiment an Kaiser Wilhelm
vorber, der hart an der Chaussee zwischen den hohen Pappelbumen
haltend, seine Truppen passieren lie: Das Regiment, welches zwei Tage
vorher bei Poitiers mit dem letzten entscheidenden Angriff das englische
Zentrum zum Weichen gebracht hatte. Im strammen Schritt, den deutschen
Heerknig mit begeisterten Jubelrufen begrend, zog das Regiment
vorber, langsam wie eine schwarze Schlange der Senkung der Chaussee
folgend und allmhlich im Tal versinkend.

Als die Letzten vorber und auch der letzte Gepckwagen rumpelnd und
polternd hinter der Hhe des Hgels verschwunden war, ward's wieder
still dort oben auf der Hhe ... In tiefes Sinnen versunken hielt der
Kaiser mitten auf der Chaussee, die schwermtige Pracht des klaren
Herbstabends und die ruhige Schnheit der Fernsicht auf die blauen Berge
Frankreichs in sich aufnehmend. Und diese andchtige Stimmung teilte
sich seiner Umgebung mit, kaum wurde ein Laut gehrt in dem Kreise der
deutschen Heerfhrer; das leise Knarren des Lederzeuges der Sttel und
das Scharren der Pferdehufe brachte das Schweigen nur noch deutlicher
zum Bewutsein. Leise rieselten die welken, braunen Bltter von den
hohen Bumen herab auf die Landstrae. Von irgendwo drben her, hinten
vom Walde, wo mehrere Regimenter im Biwak lagen, klangen die
sehnsuchtsvoll klagenden Tne einer Musikkapelle herber, die mit der
schmelzenden Weise von La Paloma der Stimmung des Abends einen seltsam
ergreifenden Ausdruck verliehen. Und die Tne verschwammen und fanden
sich in der Luft und quollen immer mit neuer Macht hervor, weit hinter
dem Walde.

Und noch immer hielt der Kaiser, von seiner Umgebung durch die Breite
der Chaussee getrennt, zwischen den Pappeln. Da mischte sich in diese
Elegie des Herbstabends ein rauher, schnaufender, polternder Lrm, ein
Automobil klapperte heran, machte kurz vor dem Standpunkte des Kaisers
Halt; ihm entstieg der Reichskanzler. Frst Blow trug ein weies Blatt
in der Hand und berreichte es dem Kaiser, whrend dessen Umgebung nur
die Worte verstand: Majestt, soeben trifft aus Rom diese chiffrierte
Depesche ein, in der uns unser Botschafter eine Mitteilung macht, die
offenbar ....., das Weitere war nicht vernehmbar, da sich der Kaiser
ber den Hals seines Pferdes gebeugt, zum Kanzler herniederneigte und
jetzt vom Pferde stieg, das von einem Reitknechte beiseite gefhrt
wurde. Die Generle zogen sich, ein paar Schritte dem Walde zureitend,
diskret zurck, und der Kaiser und der Kanzler blieben mitten auf der
Chaussee allein, sich eifrig unterhaltend, wobei der Kaiser stets von
neuem in die Depesche hineinblickte.

Drben vom Walde her schollen noch immer die wehmtigen Akkorde von La
Paloma herber, doch der Zauber des Herbstabends war gestrt. Irgend
etwas Entscheidendes mute vorgefallen sein, denn nachdem sich der
Kaiser von seiner Umgebung mit kurzem Gru verabschiedet, bestieg er mit
dem Frsten Blow das Automobil, welches ihn schnell zum Hauptquartier
zurckfhrte.

Noch an demselben Abend erfuhr man in der engeren Umgebung des Kaisers
den Inhalt jener Depesche: Der deutsche Botschafter in Rom hatte dem
Reichskanzler mitgeteilt, da nach einer Meldung aus Barcelona die
letzten Nachrichten ber eine Bewegung unter den mohammedanischen
Stmmen an der Nordkste Afrikas doch eine grere Bedeutung haben
mten, als man zunchst annehmen konnte. Die Ermordung mehrerer
Franzosen und Italiener in Tripolis mute offenbar mit der Revolte in
Tunis im Zusammenhange stehen, die die europischen Einwohner veranlat
hatte, in Besorgnis um ihr Leben und Eigentum die Stadt auf
franzsischen und englischen Schiffen zu verlassen. Dazu kamen Gerchte,
die ebenfalls aus Barcelona bermittelt wurden, da sich in Marokko eine
tiefgehende europerfeindliche Bewegung bemerkbar mache. Ja man wollte
sogar wissen, da alle Europer in Mogador und Casablanca ermordet
worden seien. Eine aus dem Lager vor Marseille bermittelte Meldung
besagte schlielich, da die europische Kolonie in Tanger die
Entsendung eines franzsischen Kriegsschiffes dorthin erbeten habe, da
die Kabylen die Stadt bedrohten.

Das Wichtigste aber, was Frst Blow dem Kaiser zu melden hatte, war
eine Mitteilung des deutschen Botschafters in Petersburg, der eine ber
Sibirien eingetroffene Meldung weitergab, wonach in Kanton und Hankau
ein chinesischer Aufstand ausgebrochen sei, dem smtliche europische
Kaufleute in beiden Stdten zum Opfer gefallen seien. Auch wollte man an
der russisch-chinesischen Grenze von einer Bewegung unter den Chinesen
gehrt haben. Ja ein Gercht wollte wissen, da ein neuer Aufstand in
Peking das dortige Gesandtschaftsviertel bedrohe, so da sich die
Gesandten entschlossen htten, die in Tientsin stationierten
europischen Truppen an Peking heranzuziehen.

Nur in der engeren Umgebung des Kaisers erfuhr man von diesen
Nachrichten. Im Hauptquartier wurden sie lebhaft besprochen. Zur See
vllig machtlos sah sich Deutschland auer stande seinen bedrohten
Landeskindern jenseits des Meeres irgendwelche Hilfe zu leisten und
auerdem war man dank des englisch-franzsischen Kabelmonopols nicht
einmal im Besitz von sicheren Nachrichten ber das Schicksal der
Deutschen in Marokko und im fernen China.

Das dumpfe Gefhl der Hilflosigkeit gegenber solchen Ereignissen lie
einen auergewhnlichen Entschlu reifen. Am anderen Morgen um 6 Uhr
verlie ein Stabsoffizier im Automobil das deutsche Hauptquartier und
war bald darauf an der uersten Vorpostenlinie angelangt. Hier bestieg
Oberst von Gersdorf das Pferd eines Ulanenoffiziers und ritt, begleitet
von seinem Trompeter und einer Ordonnanz, die eine mchtige weie Fahne
trug, auf der Chaussee, die auf die franzsischen Vorposten zufhrte, in
raschem Trabe vorwrts. Um 9 Uhr wurden die drei Reiter von den
franzsischen Posten angerufen. Der Oberst bat in franzsischer Sprache
zu dem nchsten Kommandofhrenden gebracht zu werden. Es wurden ihm die
Augen verbunden, um 12 Uhr stand er vor General Turner und befand sich
eine Stunde darauf in einem Bahnzuge, der ihn nach Bordeaux fhrte.

Kaiser Wilhelm hatte sich entschlossen, an die Ritterlichkeit der
feindlichen Heerfhrer zu appellieren, und hatte die franzsische
Regierung durch den Parlamentr ersuchen lassen, ihm, wenn mglich,
genaue Auskunft zu geben ber die gemeldeten europerfeindlichen
Bewegungen in Marokko und China. Die Sorge um das Schicksal deutscher
Landeskinder, die vielleicht einem erbarmungslosen Feind ausgeliefert,
des Schutzes des Reiches entbehren muten, rechtfertigte diesen Schritt
vollauf, denn gegenber einem solchen Gegner waren doch europische
Interessen trotz des Krieges solidarisch.

Keiner von denen, die in der Nacht die stille Dorfstrae, an der das
deutsche Hauptquartier lag, passierte, wute, welche neuen Sorgen den
siegreichen Heerknig des deutschen Volkes bedrckten. Wer aber
hinaufschaute zu den erleuchteten Fenstern des einfachen
Dorfwirtshauses, die des Reiches Herrscher in dem kleinen franzsischen
Orte bewohnte, dessen Name seit vier Tagen der Weltgeschichte angehrte,
der sah bis in die frhe Morgenstunde an den Fenstervorhngen unablssig
einen gleitenden Schatten, der an dem einen Fenster auftauchte und
verschwand, am nchsten erschien, wieder verschwand und dann wieder
rckwrts denselben Weg durchma. Rastlos, unaufhrlich, bis des Morgens
Dmmerschein die Schatten verblassen lie und unten das Leben erwachte
und Rosseschnauben den frischen Morgenwind grte. Dort oben hielt des
Reiches Kaiser mit seinem Kanzler ernsten Rat ber die nchste Zukunft.


                        Der Sturm bricht los.

Die Nachrichten, die Oberst von Gersdorf drei Tage darauf aus Bordeaux
zurckbrachte, lieen die schlimmsten Befrchtungen weit hinter sich
zurck. Die Ereignisse an der afrikanischen Kste hatten sich sehr viel
schneller entwickelt, als man im deutschen Hauptquartier ahnte. Die
arabische Gefahr war nicht nur eine drohende, sondern war bereits
vorhanden.

An der Kste zwischen Alexandrien und Tunis lebte kein Europer mehr.
Die auf den Ruinen von Karthago errichtete franzsische Kathedrale war
in Flammen aufgegangen. Mehrere Tausend Europer hatten sich in Tunis
noch an Bord englischer und franzsischer Schiffe retten knnen. In
Algier hatte man smtliche Auenposten nach der Wste zu zurcknehmen
mssen. Was sich nicht rechtzeitig gerettet hatte, war von den
aufstndischen Arabern niedergemacht worden. Nur mit Mhe widerstanden
die kleinen spanischen Presidios an der marokkanischen Kste dem Ansturm
der Kabylen.

Tanger wurde noch gehalten durch ein franzsisches Marinekommando. Was
aus den Europern an der atlantischen Kste des Sultanates geworden,
darber fehlten alle Nachrichten. Die Masse der marokkanischen
Heerscharen, die in den Vorstdten von Tanger bereits tglich der
schwachen franzsischen Besatzungstruppe Gefechte lieferte, wurde nach
Zehntausenden geschtzt; ganz Marokko befand sich im Aufstande. Der
schwache Sultan war in Fez auf dem Marktplatze hingerichtet und der
siegreiche Prtendent kmpfte an der Spitze seiner fanatischen Krieger
in den Vorstdten von Tanger.

Dazu trafen Nachrichten aus gypten ein, die bereits wissen wollten, da
die gyptisch-englischen Truppenteile sdlich von Chartum geschlagen
seien, und die bis ins ungemessen Phantastische wachsenden Gerchte
erzhlten, da ganz Zentral-Afrika sich unter dem Mullah der mit
unendlichen Heeresmassen nilabwrts vordrang, erhoben habe. Die
Meldungen, die von der Ermordung von Europern im gyptischen Sudan und
einer gefhrlichen Bewegung selbst in der Umgegend von Kairo
berichteten, nahmen tglich an Zahl zu, soda es kaum noch einem Zweifel
unterliegen konnte, das sich tatschlich die gesamte Welt des Islam in
einer gewaltigen Aufstandsbewegung befand.

Dieses Auflodern eines unerwarteten Fanatismus war gekommen, wie der
Dieb ber Nacht. Von Tanger bis nach der ostafrikanischen Kste hin
mute alles nach einem gemeinsamen Plan organisiert worden sein,
andernfalls wre das gleichzeitige Losbrechen des Aufstandes auf dem
ganzen afrikanischen Kontinent unerklrlich gewesen, und, wie man spter
erfuhr, war das in der Tat der Fall. Das Hauptquartier der Propaganda
des Islam, gewissermaen der mohammedanische Jesuitenorden, die Sekte
der Senussi, sdlich und stlich von Tripolis, hielt die Fden dieser
wie ein Steppenbrand sich ausbreitenden Bewegung in der Hand. Der Mahdi,
der Kalif, der Mullah und Bu Hamara sind stets nur Werkzeuge des Fhrers
der Senussi gewesen. Von dort aus waren auch jetzt die Befehle an alle
Koranglubigen versandt worden und an einem Tage, gegen Mitte Oktober,
ward berall die grne Fahne des Propheten entrollt. Der Dschechad, der
Glaubenskrieg, hatte begonnen.

Auch in Konstantinopel rhrte es sich, mute es sich rhren, wollte der
Padischah das Erbe der Kalifen nicht widerstandslos aus der Hand geben.
Wer die Bekenner des Islam als Vlker in Schlafrock und Pantoffeln
verspottet hatte, wer die stumpfe Ergebenheit der Muslim in ihr
Schicksal, von den Drohnen an der Staatskrippe ausgewuchert zu werden,
als ihr wahres Gesicht genommen hatte, sah sich jetzt bitter getuscht.
Der Fanatismus der Muslim konnte wohl schlummern, konnte Jahrzehnte,
Jahrhunderte schlummern, erstorben war er nicht. Jetzt da die Waffen der
Giaur sich gegen einander kehrten, jetzt war die Stunde, da die Energie
aller Vlker, die ihre Gebetsteppiche nach Osten, nach Mekka zuwandten,
zu ungeahntem, furchtbaren Leben wieder erwachte.

Die uns Europern in ihrem Wesen ewig verschlossene und rtselhafte Welt
des Orients, sie wallte auf, wie in einem scheinbar erloschenen Vulkane
wieder neue Lavaquellen aufbrechen.

Wie Heuschreckenschwrme ergossen sich die ungezhlten Massen
fanatischer Glaubenskmpfer ber die von Europern einer Halbkultur
geffneten Lnder Afrikas, aus ihrem dunklen Schoe im Innern immer neue
Krfte gebrend und gewaltige Menschenwogen nach den Kstenlndern
zutreibend. Vergebens mhten die englischen Maschinengeschtze in einer
Schlacht bei Chartum Tausende von Derwischen nieder. Die Zahl der Feinde
minderte sich zwar, ergnzte sich aber stets, und mit der letzten
Patrone, die man in die glutheien Rohre schob, war auch der letzte
Widerstand der kleinen Scharen von Europern gebrochen, die nach dem
Abfall der eingeborenen Elemente, statt aus Regimentern nur noch aus
derem Skelett, nur noch aus Offizieren und wenigen weien Freiwilligen
bestanden, denen man die geretteten Gewehre in die Hand gedrckt hatte.
Keiner von den Kmpfern bei Chartum konnte von dem Ausgang der Schlacht
berichten, lngst war ihnen der Rckweg abgeschnitten, die Nildampfer
waren in die Hnde der Fellachin gefallen, die als Heizer und
Maschinisten auf ihnen ein scheinbar harmloses Dasein fhrten, bis der
Ruf des neuen Kalifen auch sie erreichte und ihre Hnde gegen ihre
weien Herren waffnete.

In wilder Hast und wahnsinniger Verzweiflung retteten sich die
englischen Beamten und die englischen Touristen aus Kairo nach Suez und
Alexandrien. Die Schreckensszenen dieser Flucht aus gypten berichteten
von unerhrten Grausamkeiten eines bis zur vollen Raserei
aufgestachelten Fanatismus, da sie das Blut derer, die sie mit
erlebten, erstatten machten. Alexandrien wurde von der englischen
Garnison so lange gehalten, bis der letzte Europer an Bord der Schiffe
im Hafen gebracht war. Nur mit Mhe konnte ein Bombardement der Stadt
den Rckzug und die Einschiffung der englischen Garnison decken. Auch
Suez und die Kanalstrecke bis Port Said wurde noch von englischen
Marine-Mannschaften gehalten, die sich bei Ismailia in schnell
befestigten Feldbefestigungen gegen die fortgesetzten Angriffe der einst
von englischen Offizieren gedrillten gyptischen Armee verteidigten, der
die gesamten Munitions- und Waffenvorrte in die Hnde gefallen waren.


                         La illaha ill allah!

Der allgewaltige Schech ul Islam war von der Oase Siwah, der alten
Heimsttte des Jupiter Ammon, kommend, an einem Oktobernachmittage ber
die groe Nilbrcke in Kairo eingezogen. Sein Weg glich einem
Triumphzuge; berall warfen sich ihm begeisterte Fellachin in den Weg,
um von den Hufen seines Pferdes berhrt zu werden und dadurch
unverwundbar zu werden in dem heiligen Kriege. Im vizekniglichen
Palais, wo der Schech Wohnung genommen hatte, war er vom Khediven mit
allem Pomp des Orients empfangen worden. Auf dem Dache des Schlosses
wehte das alte Sturmpanier des Islam, der Sandschak-Scherif, die grne
Fahne des Propheten. Ganz Kairo befand sich auf den Beinen; von allen
Seiten aus Obergypten und aus den Kstenprovinzen, aus Syrien und
Arabien strmten ungezhlte Scharen von Glaubenskmpfern unablssig in
die Stadt, die das Hauptquartier und die Operationsbasis fr den Feldzug
gegen die Giaurs war.

Als die sinkende Sonne mit ihren Strahlen die Felsabhnge des Mokattam
in rtliches Licht tauchte und die Umrisse der Zitadelle in Kairo und
der dahinterliegende stille Windmhlenhgel in der Abendbeleuchtung
seltsam scharf und nahe erschienen, traten auf allen Minarets der Stadt,
hoch oben ber der alle Straen durchwogenden Volksmenge, die Mueddins
heraus, um die Glubigen mit nselnder Stimme zum Gebet zu rufen. Ein
Wille, ein Gedanke, ein Gott beseelte diese wimmelnden Massen, die die
Wste geboren und die in endlosen Zgen jetzt herbeieilten, um der
Stimme des neuen Propheten zu folgen und ihre Leiber in
leidenschaftlichem Fanatismus den Maschinengeschtzen und dem
Kleinkaliber der Unglubigen entgegenzuwerfen.

Der weite Platz vor dem vizekniglichen Palais und alle dorthin
einmndenden Straen glichen einem wirbelnden Meere bunter Farben. Als
sich die abendliche Dmmerung verdichtete, flammten berall an den
Kandelabern die Gaslichter und die elektrischen Monde auf, und auf den
hohen schlanken Minarets erschienen Laternen und qualmende Pechfackeln.
In das Rauschen und Brausen der durcheinander flutenden Menschenmenge
mischte sich das dumpfe Schlagen riesengroer Trommeln und von fern her
klangen die wilden Musikweisen aus der Kaserne an der anderen Seite des
Abdin-Platzes. Neue Bewegung kam in die sich hin und her schiebenden
Massen, als von den Minarets der Gebetsruf der Mueddins ertnte und die
alte Kampfparole des Islam: La illaha ill allah (Es gibt keinen Gott
auer Gott) drunten ein tausendfaches Echo weckte.

Mitten auf dem Abdin-Platze bildete sich jetzt ein Ring um einen groen
Mann im grnen Turban und eine Stille entstand, die ihre Wellen
allmhlich bis an die Mauern des Schlosses, bis an die Kaserne und die
den Platz umgrenzenden Huser vortrieb. Ein dumpfes Schweigen brtete in
der heien, stauberfllten, schwlen Luft, die in den Strahlen der
scheidenden Sonne wie ein blutiger Nebel erschien. Aller Blicke hafteten
am Balkon des vizekniglichen Palastes, auf dem eine hohe, weie Gestalt
erschien: der Schech ul Islam. Ein tausendstimmiger Schrei erschtterte
die Luft und erstarb dann auf einen Wink des Schechs hin allmhlich
wieder in den Gassen und Straen, in den Hfen und Winkeln der hohen
Steinpalste langsam nachdonnernd. El Futa! klang es scharf und
gebieterisch oben vom Balkon herab, und von neuem erbrauste die Brandung
in tosendem, rhythmischem Tonfall, als die Tausende die erste Sure des
Korans dem Schech nachsprachen.

Im Namen des Allbarmherzigen! Lob und Preis Gott, dem Herrn der Welt,
dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gebets. Dir wollen wir
dienen und zu Dir wollen wir flehen, auf da Du uns fhrest den rechten
Weg: Den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
derer, ber welche Du zrnest und nicht den der Irrenden.

Es war die Riesenorgel des Meeres, das alle Dmme zersprengte, das die
Arbeit eines Jahrhunderts, das mhsame Werk einer fremden Kultur
niederri, es war der Erlsungsruf eines Volkes, das sich aus einem
Zeitalter trostloser Knechtung aufzuraffen versuchte, das die Hand
wieder ausstreckte nach der Herrschaft ber den Orient. Dieses Volk, das
sich aus dem Dmmerzustande eines mhseligen Dahinvegetierens erhob, war
begeistert von dem trgerischen Glauben an einen neuen goldenen Tag, und
als die Worte des Koran erklangen, als neben den Schech ul Islam der
Khedive oben auf den Balkon trat, eine Schattengestalt neben dem
kraftvollen Bannertrger des Fanatismus, brach es mit elementarer Gewalt
wieder hervor: La illaha ill allah, -- es ist kein Gott auer Gott.

Unter steten Unruhen verflo die Nacht des Tages, an dem der Schech ul
Islam die grne Fahne entrollt und in der Stadt der Kalifen mit
kraftvoller Hand die Zgel der Regierung ergriffen hatte. Einsam
schwebte oben von dem kleinen Fort auf der Hhe des Mokattam das gelbe
Licht einer Laterne. Ein Hoffnungsstern fr alle diese bunten Vlker,
die ein begeisterndes Wort aufgeschreckt hatte aus ihrem tatenlosen
Traumleben.

Als dann die Morgensonne die Spitzen der Pyramiden von Gizeh grte,
diese riesigen Denksteine einer versunkenen Zeit, die jetzt einsam im
Wstensande ruhten, nicht mehr beschmutzt von dem wimmelnden
Ameisenschwarm europischer Touristen, zog der Schech ul Islam an der
Spitze der gyptischen Regimenter und der unbersehbaren Reiterscharen
der Beduinen der Wste nach Osten aus, gen Ismailia, dem letzten
Bollwerk, das noch die Shne der Hunde mit ihren Maschinengeschtzen
hielten. Zwei Tage darauf waren die englischen Verteidiger Port Saids
und Ismailias von der Brandungswelle, die der Schech ul Islam
heranfhrte, hinweggeschwemmt. Lesseps' Kanal war an zwei Stellen durch
Dynamitsprengungen verschttet und die in ihm abgeschnittenen beiden
englischen Kreuzer wurden, nachdem sie ihre Munition gnzlich
verschossen, von ihren Kommandanten mit den wenigen berlebenden der
Besatzung in die Luft gesprengt. Dann ging der Siegeszug des Schechs
weiter nach Norden durch die Wste, in der einst die Kinder Israels 40
Jahre geschmachtet. In Jerusalem und den anderen Stdten Palstinas
gaben furchtbare Judenmassakres Zeugnis von der Wut des alten
Glaubenshasses. Anfang November ffneten Damaskus und Beirut ihre Tore
dem gyptischen Heere, welches dann Mitte des Monats in den
Gebirgspssen Kleinasiens zunchst Halt machte, aus den Bauerndrfern
berall reichlichen Zuzug erhaltend. Die Truppen des Vilajet Konia
traten alsbald zum Schech ul Islam ber; die von Tag zu Tag erwartete
trkische Armee blieb jedoch aus.

Bereits im Oktober, kurz nachdem die ersten Nachrichten von der Erhebung
gyptens und Nordafrikas nach Europa gedrungen waren, machte sich eine
hnliche Bewegung in der europischen Trkei bemerkbar. Die Ermordung
der europischen Konsuln in Saloniki und Adrianopel erhellte wie ein
Fanal auch hier pltzlich die Szene. Es war kein Zweifel, da der Sultan
der afrikanischen Aufstandsbewegung gegenber eine freundliche, nur
durch die Rcksicht auf Ruland, welches die Garantie fr die Ruhe in
der Trkei bernommen hatte, gemilderte Haltung einnahm. Das Erscheinen
der russischen Schwarzenmeer-Flotte vor Konstantinopel wirkte zunchst
als ein Dmpfer. Aber die Lage war so drohend und barg fr die Zukunft
solche Gefahren, da die europischen Kaufleute in der Trkei es
vorzogen, sich und die Ihrigen schleunigst zu Wasser und zu Land in
Sicherheit zu bringen. Der Beginn der Kmpfe an der russisch-trkischen
Grenze, in Armenien, lie denn auch erkennen, da hier kein Halten war,
wenn man nicht durch einen kraftvollen Feldzug dem Siegeszuge des Schech
ul Islam entgegentrat.

Die ersten Erfolge in Nordafrika setzten sofort den ganzen Kontinent in
Brand. Mit einer Schnelligkeit, die den elektrischen Telegraphen fast
berholte, durch ein geheimnisvolles, uns Europern ewig
unverstndliches System der Nachrichtenbermittelung war die Emprung
gyptens in wenigen Tagen bis hinunter nach Lorenzo-Marques und bis nach
der Senegalmndung bekannt, jedenfalls viel eher, als da es noch
mglich gewesen wre, den europischen Besatzungen in den einzelnen
Kolonien eine Warnung zukommen zu lassen. Die arabische
Aufstandsbewegung, der sich auch die heidnische, nicht dem Islam
angehrige Negerbevlkerung instinktiv anschlo, wallte allerorten so
pltzlich auf, da in den englischen, franzsischen und portugiesischen
Besitzungen und im Kongostaate die kleinen Garnisonen, soweit sie nicht
berhaupt von der Kriegsfurie im ersten Ansturm hinweggefegt wurden, nur
mit Mhe sich der Belagerer erwehren konnten. An der ganzen Guineakste
hielten sich Ende Oktober auer Dakar und St. Louis in Senegambien nur
noch ein paar englische Kstenpltze. Die ganze Westkste des
Kontinentes war bis auf Loanda, Swakopmund und Lderitzbucht, wo die
deutschen Besatzungen die ziemlich zaghaften Angriffe der Hereros und
Hottentotten siegreich abschlugen, in den Hnden der Eingeborenen, die
alle Europer erschlugen oder unter grlichen Martern zu Tode qulten.
Eine eigenartige Illustration zu dem frher viel verspotteten Worte: In
Afrika wird immer nur der Neger herrschen. Da man die Neger
militrisch ausgebildet und auch die Unteroffiziersstellen mit Farbigen
besetzt hatte, rchte sich hier in verhngnisvoller Weise. Die
europischen Kolonialmchte wurden berall mit ihren eigenen Mitteln und
was noch schlimmer war, mit ihren eigenen Waffen, die sie den
Eingeborenen in die Hnde gegeben hatten, bekmpft. An der
ostafrikanischen Kste hielt sich auer Sansibar nur noch das britische
Mombas. Die englischen Garnisonen, die die deutschen Kolonien besetzt
hatten, verbluteten in Kamerun und Dar-es-Salam und Tanga bald unter den
tglich wiederholten Sturmangriffen der Schwarzen. Taten eines
schweigenden Heldentums, wie sie auf diesen verlorenen Auenposten
europischer Kultur nutzlos vollbracht wurden, blieben in Europa
monatelang unbekannt; erst jetzt erfahren wir nheres aus den
Erzhlungen der Eingeborenen, die sich an jenen Kmpfen beteiligt
hatten. Auch die Besatzungen in Britisch-Nigeria, in Dakar, St. Louis
und Mombas lagen in den entfesselten Fluten dieses Vlkeraufruhrs wie
einsame Felsblcke, an denen die Wogen unablssig nagten und brckelten.


                    An den Hngen der Basutoberge.

Bei ihrem Rckzug nach Sden ins Kapland hatten die englischen Truppen
die Eisenbahnen hinter sich zerstrt, und der Bahnkrper war durch
Dynamitsprengungen berall so zerrissen, da seine Wiederherstellung mit
den geringen Bestnden an Schienenmaterial Wochen und Monate in Anspruch
nahm. Und auch dann konnte man nur die Linie, die von Bloemfontein ber
Colesberg nach Sden fhrte, allein wieder notdrftig in stand setzen,
so da sie fr Truppentransporte gengte. Mitte Oktober sollte die
allgemeine Vorwrtsbewegung nach Sden beginnen, doch sollte es dazu
nicht mehr kommen.

Man hatte bekanntlich zu Anfang des Krieges mit einem allgemeinen
Kaffernaufstand gerechnet. Es hatten damals auch mehrere
Volksversammlungen stattgefunden, die von den Fhrern der thiopischen
Kirche geleitet wurden. Da es aber nach einigen Plnderungen von Farmen
und vereinzelten Mordtaten bald wieder berall ruhig wurde, hatte man
sich der Hoffnung hingegeben, da man die Offensivkraft der thiopischen
Propaganda doch berschtzt habe, und da es auf der Seite der
Eingeborenen noch an der ntigen Organisation fehle. Diese Auffassung
behauptete sich whrend des Sommers und es schien in der Tat so, als ob
das Prestige der europischen Waffen doch noch so gro sei, da die
Kaffern sich nicht zu einem wirklichen Aufstand entschlieen konnten.
Allerdings blieben Gehorsamsverweigerungen der schwarzen Arbeiter auf
den Farmen an der Tagesordnung und auch die mongolischen Minenarbeiter
zeigten sich so aufsssig, da man gentigt war, sie in einem
Stadtviertel von Johannesburg zu internieren und dieses militrisch
bewachen zu lassen.

Wenn sich in der Erdrinde vulkanische Eruptionen und
Erdbebenkatastrophen vorbereiten, so kndigen sie sich dadurch vorher
an, da die Quellen ausbleiben, und in alten Geschichten ist zu lesen,
wie jhes Entsetzen die Menschheit erfat, wenn das Quellwasser versiegt
und die Lebensadern der Erde pltzlich in blutroter Farbe wieder
erscheinen.

Anfang Oktober wurde aus dem gesamten Gebiete, welches die deutschen
Truppen und die Burenmiliz besetzt hielten, gemeldet, da im Zeitraume
einer Woche fast smtliche Kaffern nicht nur aus den Farmen verschwunden
seien, sondern da auch die Viehtreiber und die im Transportdienst
beschftigten Eingeborenen pltzlich davon gelaufen seien. Es war nur in
den seltensten Fllen mglich gewesen der Flchtlinge wieder habhaft zu
werden. Es war, als habe der Erdboden die schwarzen Kerle aufgesogen.
Der Offensivsto ins Kapland wurde dadurch vereitelt, da man sich
nunmehr ganz anders einrichten und von der Feldarmee grere Kommandos
an den Transportdienst abgeben mute. Nur ungern entschlo man sich auch
einige Hundert von den chinesischen Minenarbeitern einzustellen, aber
die harte Notwendigkeit und der absolute Mangel an Arbeitskrften zwang
zu dieser Manahme. Dann trafen die ersten Nachrichten von greren
Raubzgen bewaffneter Kaffernbanden im Osten der Oranjeriver-Kolonie
ein, Geschichten von der scheulichen Abschlachtung einzelner Farmen und
ganzer Drfer gingen von Mund zu Mund, und verbreiteten einen jhen
Schrecken. Diese neue Gefahr bestimmte die deutsche Armeeleitung ein
Bataillon, dem sich zwei grere Burenkommandos unter General Delarey
anschlossen, stlich der Bahnlinie Bloemfontein-Colesberg zu detachieren
und nach Maseru, am Fue der Basutoberge, vorzuschieben.

Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Major Findeisen zusammen mit General
Delarey die Vorpostenlinie abritt. In der Nacht hatte sich unter dem
Schutze der Dunkelheit eine Kaffernbande an die uersten Posten
herangeschlichen, und es bedurfte bei Tagesgrauen eines energischen
Vorstoes, um den zwischen den Termitenhgeln und dem niedrigen
Buschwerk der Steppe versteckten Feind zurckzuwerfen. Auf dem
Schauplatze dieses nchtlichen Kampfes hielt Major Findeisen neben
Delarey, und beide blickten nach dem im Morgenlichte daliegenden dunklen
Hhen des Basutolandes hinber. Mit seinem Glase suchte der Major die
Felsabhnge der Berge ab, da drngte er mit einem Ruck sein Pferd zu
Delarey hinber und reichte ihm das Glas, welches dieser jedoch
zurckwies. Delareys scharfe Augen hafteten auch bereits an dem
Felsplateau in halber Hhe der Berge, das von einer unermelichen Menge
Kaffern wimmelte; auch die dahinterliegende Schutthalde war schwarz von
Menschen. In der klaren Luft konnte man bemerken, da den Mittelpunkt
dieser Tausende von Kaffern ein einzelner Mann auf einem Felsblock
bildete, der anscheinend eine Ansprache hielt. Die ganze Versammlung
schien in wilder Bewegung zu sein. Man konnte an dem matten Blinken von
Metall erkennen, wie die dunklen Gestalten ihre Gewehre ber den Kpfen
schwangen.


                           Petrus Mapanda.

Alle Hnge, die breite Flche des Bergplateaus, alle Klippen und
Felstrmmer waren berflutet von einer unendlichen Menge von Kaffern,
zwischen denen die hohen Gestalten der Basutoneger um Haupteslnge
hervorragten. Alle horchten den Worten des Mannes dort auf dem breiten
Felsblock, dem einzigen ruhenden Punkt in dem Gewimmel wolliger
Negerschdel. Petrus Mapanda predigte den Vernichtungskrieg gegen den
weien Mann. In seinen Hnden hielt der Fhrer dieses Kaffernaufstandes
ein hollndisches Bibelbuch und mit weithin schallender Stimme kndete
er seinen Hrern die uralte Geschichte, da Jehovah sein Volk
hinausfhren wolle aus der Knechtschaft. Wie er allen, die seinen Namen
bekennen und seine Gebote halten, das gelobte Land untertan machen
wolle, das Land, aus dem ein ruberischer Feind, der auf seinen Schiffen
ber das Weltmeer gekommen, sie einst vertrieben. Petrus Mapanda
erzhlte, wie er in der Stille der Bergwste auf den Gipfeln der
Basutoberge einsame Zwiesprache gehalten habe mit Jehovah, der ihm das
Schwert in die Hand gedrckt habe. Und der Messias der schwarzen Rasse,
vor dem sich alle willig beugten, der gestern noch ein namenloser
Kaffer, heute das Haupt der thiopischen Kirche war, ergriff das
Bibelbuch und las:

Also zogen sie aus von Succoth und lagerten sich in Etham, vorn an der
Wste. Und der Herr zog vor ihnen her, des Tages in einer Wolkensule,
da er sie den rechten Weg fhrete, und des Nachts in einer Feuersule,
da er ihnen leuchtete zu reisen Tag und Nacht.

Wie ein neuer Moses stand Petrus Mapanda auf dem Felsblock, inmitten der
lautlos horchenden schwarzen Menge, die jetzt, als das Bibelwort
verklungen, mit lautem Geheul ihre Gewehre in die Luft schwang und dem
Propheten, der sie in das gelobte Land hinabzufhren versprach, in
wilder Begeisterung zujauchzte. Weit sah man von dem hohen Bergplateau
hinab in das flache Steppenland. Die in der klaren Luft deutlich
erkennbaren kleinen deutschen Abteilungen, die nach Maseru
hineinmarschierten, erschienen von hier oben wie Bleisoldaten aus der
Spielschachtel. Vor der Postenkette hielten zwei Reiter, einer in der
grau-gelben deutschen Uniform, der andere in dunklerer Kleidung. Man
sah, wie mehrere Patrouillen jetzt in der Richtung auf die Berge
vorgingen. Auge in Auge stand man sich vor der entscheidenden Stunde
gegenber. Wenn jetzt der schwarze Bergstrom hinunterdonnerte ins Tal,
wenn unablssig von oben neue Massen nachfolgten, so mute ein solcher
Wasserschwall die kleine Schar des Feindes erdrcken und ersufen, mute
das Land berschwemmen und die dunkle Woge weit hinaustragen, mute
alles Leben vor sich vernichten, mute die Stdte niederbrechen und
zerstren, was der Flei eines Jahrhunderts gebaut. Und Petrus Mapanda
begann von neuem, er erzhlte, wie der gelbe Mann im fernen Osten ein
Riesenreich zu Boden geworfen, wie der Japaner den Russen geschlagen,
weil Jehovah von diesem, der seine Gesetze miachtet und in den Staub
getreten, alle Kraft genommen hatte. Jetzt habe Jehovah den Sinn der
Feinde der schwarzen Rasse verwirrt, da sie ihre Waffen im Kriege
gegeneinander kehrten. Die Weien haben ihr Herz verhrtet gegen die
Leiden des schwarzen Mannes, sie haben Gottes Gebote vergessen, haben
Gottes Ebenbilder in die Kette der Sklaverei geschmiedet. Wie eine
Feuersule wird der Herr vor uns herziehen whrend der Nacht und wie
eine Wolkensule whrend des Tages. Der sich an seinen eigenen Worten
berauschende Prophet deutete jetzt mit erhobenen Hnden hinauf zu dem
Gipfel des Berges, den eine Nebelwolke verhllt hatte. Seht ihr, dort
ist Jehovah, dort ist unser Hort und unsere Hilfe! Seht, er sandte uns
ein Zeichen, die Wolkensule wird vor uns hergehen, wenn wir heute
hinabsteigen in die Gefilde, da er die letzten Streitkrfte der Weien
vor uns niederwerfen wird wie Gras, welches in der Sonne verwelkt. Und
die ragende Gebirgswelt hallte wider von dem begeisterten Schrei der
Tausende und Abertausende die Petrus Mapanda jetzt hinabfhrte nach
Etham-Maseru, am Rande der Wste.


                       Der schwarze Schrecken.

Die Heeressulen von mehr als hunderttausend Kaffern und Basutos, die
ber Nacht herabstiegen von den Basutobergen, stieen mit furchtbarem
Aufprall auf das Huflein der Weien. Mitten im Kaffernheere schritt,
eine schwarze Fahne mit goldenem Kreuz in der Rechten tragend, Petrus
Mapanda, der gefeit schien gegen alle ihn umsausenden Kugeln. Der Tag
von Maseru endete mit der Vernichtung des deutschen Bataillons und der
Burentruppen und schnell drangen die schwarzen Fluten bis nach
Bloemfontein vor. Dorthin zog der deutsche Hchstkommandierende alle
Truppen zusammen. Schnell wurden die kleinen Forts vor der Stadt mit den
Geschtzen der Feldartillerie armiert und die bereits nach Sden
vorgeschobenen Truppen kehrten auf der Bahn zurck. Bloemfonteins
schwchste Seite blieb die Verpflegungsfrage, da ein Teil der von Norden
herandampfenden Proviantzge dem Feinde in die Hnde fiel. Am 10.
November war die Stadt, deren Verteidiger, die Zivilbevlkerung
eingerechnet, kaum 22000 Mann zhlte, von annhernd 150000 Kaffern
eingeschlossen, zu denen sich dann auch die chinesischen Minenarbeiter
aus Johannesburg gesellten. Die Lage war beraus ernst. Die letzten
Nachrichten, die der Telegraph noch bermittelte, berichteten, da
Pretoria und viele andere Stdte der ehemaligen Burenrepubliken in den
Hnden des Feindes waren. Nur in einzelnen Orten verteidigten sich noch
Buren und Deutsche in hoffnungslosem Widerstand. Die schwarze Woge hatte
das gesamte flache Land berschwemmt, war weit hinein in das Gebiet des
Kaplandes hinbergeflutet berall mordend und brennend. Furchtbar waren
die Leiden der armen Gefangenen. Hilflose Frauen fielen unter der Hand
blutgieriger Neger, mit dem Gewehre ihres Gatten ihre Kinder und die
eigene Ehre verteidigend.

Ein Blutgeruch von Brand und Mord lagerte ber dem ganzen Lande. In
Bloemfontein erschpften sich die deutschen Truppen unablssig in
Ausfllen und Offensivsten ber der Linie der Forts und
Feldbefestigungen hinaus. Kam nicht bald Entsatz, so war auch dieses
letzte Bollwerk verloren. Man war sich in der Stadt der ganzen Gre der
Gefahr bewut. Als die letzten deutschen Truppen, die von Colesberg
schleunigst zurckbeordert waren, diesen Ort verlieen, hatte sich auf
der Bahnlinie eine Lokomotive unter der Parlamentrsflagge dem deutschen
Posten genhert. Ein englischer Offizier berbrachte eine Mitteilung der
Kapregierung. Aus ihr ergab sich, da die Rebellion unter den
chinesischen Minenarbeitern in Johannesburg nicht nur parallel ging mit
der von Petrus Mapanda geleiteten thiopischen Bewegung. Vielmehr sei
sie von Ostasien her entfacht worden, wo eine neue fremdenfeindliche
Bewegung sich rasch ausbreite. Der englische Offizier hatte den Auftrag,
der deutschen Heeresleitung mitzuteilen, da in Bordeaux bereits ber
eine Einstellung der Feindseligkeiten auf dem europischen
Kriegsschauplatze verhandelt werde, damit die europischen Staaten
nunmehr gemeinsam die in Afrika und Asien pltzlich entstandene Gefahr
bekmpfen knnten.

Durch den englischen Offizier hrte man auch zuerst von dem
Araberaufstande an der nordafrikanischen Kste und von der Vertreibung
der Englnder aus gypten, Nachrichten, die im Kaffernheere lngst
bekannt waren und dessen Offensivkraft zu wilder Wut aufstachelten. Der
englische Offizier sollte auf Grund dieser Mitteilung um eine Waffenruhe
von zunchst vier Wochen ansuchen. Ein Kafferneinfall ins Kapland habe
bereits ganz Natal ergriffen und lege die Notwendigkeit nahe, den Kampf
zwischen den europischen Mchten einstweilen zu vertagen, um gemeinsam
mit der Niederwerfung des Kaffernaufstandes zu beginnen. Alle diese
Mitteilungen hatten praktisch nur noch einen historischen Wert,
Bloemfontein war eingeschlossen und war am Tage darauf von jeder
Verbindung nach auen abgeschnitten.

Ende November war die Lage die folgende: Das englische Hauptquartier
befand sich in Kapstadt und grere Detachements lagen in den
Kstenstdten. In den Stdten hatten die Einwohner, durch die vom Lande
geflchteten Farmer verstrkt, berall eine lokale Verteidigung
organisiert, hatten Feldschanzen aufgeworfen und die Straen
verbarrikadiert, so da die Kaffern sich nicht heranwagten, zumal sie
ber keine Artillerie verfgten -- abgesehen von den wenigen Geschtzen,
die ihnen in Pretoria und Johannesburg in den Depots in die Hnde
gefallen waren, mit denen sie aber nicht viel anzufangen wuten. In
allen vom Feinde belagerten und hin und wieder besonders nachts
angegriffenen Stdten des Kaplandes begann die Frage der
Verproviantierung allmhlich schon brennend zu werden, da es nur selten
gelungen war, die Viehherden aus den Farmen in die Stdte zu retten. Es
galt aber auszuhalten bis auf den letzten Mann und die letzten Patronen
fr sich und fr Weib und Kind aufzubewahren, damit niemand lebend in
die Hnde eines zu bestialischer Mordlust aufgestachelten Feindes fiel.
Denn welches Los der Weien dann harrte, zeigte das grliche Schicksal
der Verteidiger von Graafreinet. Dort hatten sich nach der Einnahme der
Stadt Szenen abgespielt, wie sie sich nur eine wste Phantasie htte
ersinnen knnen. Die erbarmungslose Abschlachtung aller gefangenen
Weien und blutige Szenen von der Schndung von Frauen und Kindern, die
mit Entsetzen von Mund zu Mund weiter erzhlt wurden, und die Zukunft in
einem dsteren, hoffnungslosen Lichte erscheinen lieen, sthlten die
Widerstandskraft der treuen Mnner auf den Schanzen bis auf das
uerste. Die Not war eine unerbittliche Lehrmeisterin. Diese
halbverhungerten Europer, die, das Gewehr im Arme, Tag und Nacht in den
Schtzengrben Wache hielten, waren im Laufe weniger Wochen zu Meistern
des Buschkrieges geworden und leisteten in der sinnreichen Anlage von
Schanzen und Barrikaden geradezu erstaunliches. Jedes Leben, jede
Patrone war kostbar und es galt damit zu sparen, da vorlufig kein
Ersatz mglich war und man vergebens nach einem Ton horchte, der von
drauen eine Kunde herbertrug. Man lebte abgeschnitten von aller Welt,
wie auf einer einsamen Insel im weiten Weltmeer. Nur auf dem dort oben,
der die Geschicke der Vlker lenkt, nur auf den wenigen Patronenrahmen
fr das treue Gewehr und auf dem mageren Inhalt des Proviantbeutels
beruhte die letzte Hoffnung, die diese eisernen Helden von einem
grauenvollen, blutigen Schauspiele der Vernichtung trennte. Wollten die
Mchte Europas Sdafrika nicht hoffnungslos den Kaffernhorden
ausliefern, in deren Kriegfhrung der Einschlag religiser Begeisterung
sehr bald verschwunden war und die nur blutrnstige Mord- und Raubgier
beseelte, so war es jetzt allerhchste Zeit einzugreifen.




                    Waffenstillstand und Frieden.


Die Entwicklung der Ereignisse in Afrika bestimmte England die deutschen
Bedingungen fr Bewilligung einer Waffenruhe anzunehmen; und wollte
Frankreich sich nicht der Gefahr aussetzen, unter einer konzentrischen
Offensivbewegung, deren Ring sich vom Mittelmeer bis zum Ozean um das
letzte Drittel franzsischen Bodens immer enger zusammenschlo, zermalmt
zu werden, so blieb ihm ebenfalls keine andere Wahl. Die Verhandlungen
in Bordeaux nahmen daher einen raschen Fortgang. Zwar waren die
deutschen Bedingungen hart und schlugen der gallischen Eitelkeit tiefe
Wunden. Doch der Verlauf des Krieges, die steten Niederlagen hatten
Frankreich zu der Einsicht gefhrt, da es als Schauplatz dieses
Riesenkampfes unter seinen Folgen bei weitem am meisten zu leiden gehabt
hatte. Die Franzosen waren kriegsmde und die Erbitterung gegen eine
Regierung, die das Land an den Abgrund der vlligen Auflsung gefhrt
hatte, lie die Kabinettskrisis zu einer dauernden Erscheinung werden.
Glcklicherweise war der se Pbel der Hauptstadt, der immer noch auf
die Unbezwingbarkeit der Riesenfestung Paris pochte, durch die deutsche
Zernierung der Millionenstadt isoliert und von jedem Einflu auf die
Verhandlungen in Bordeaux abgeschnitten. Er demonstrierte zwar gegen den
Abschlu des Waffenstillstandes durch Straenexzesse, fand sich aber
schlielich mit der vollzogenen Tatsache ab. Die Magenfrage siegte ber
alle Regungen nationaler Eitelkeit. Spanien und Portugal waren
finanziell ruiniert und sagten willenlos zu allem Ja und Amen. So folgte
der Waffenruhe von 14 Tagen der Waffenstillstand, der im Vertrage von
Bordeaux unter folgenden Bedingungen abgeschlossen wurde.

England tritt an Deutschland ab: die Walfischbai und Sansibar.

Deutschland erhlt ferner die portugiesischen Besitzungen Angola und
Benguela und das zentralafrikanische Gebiet nrdlich der bisherigen
Grenze von Deutsch-Sdwestafrika und des Laufes des Sambesi, der fortan
die Grenze zwischen dem deutschen und englischen Besitz bildet.
Demzufolge fllt Portugiesisch-Ostafrika sdlich des Sambesi an England.
Auerdem erhlt Deutschland das westliche Drittel und Frankreich das
stliche Drittel Marokkos als Interessensphre. In Mogador oder einem
andern Hafen der Westkste darf Deutschland eine befestigte
Kohlenstation errichten.

Italien erhlt Tripolis bis zur gyptischen Grenze und als Entschdigung
fr seine Ansprche auf Albanien die Insel Kreta.

Frankreich tritt Nizza an Italien ab.

Der Kongostaat wird unter Deutschland, England und Frankreich zu
gleichen Teilen aufgeteilt.

Die portugiesischen Besitzungen in der Sundasee fallen an England,
Deutschland erhlt dafr ganz Neuguinea.

Mit dem Knigreich der Niederlande wird der nrdliche Teil des
ehemaligen Belgiens nach Magabe der Sprachgrenze vereinigt. Der
sdliche Teil fllt an Frankreich. Luxemburg wird deutsch. Die
Niederlande treten in ein nheres staatsrechtliches Verhltnis zum
deutschen Reiche.

Die portugiesischen Besitzungen in Vorderindien fallen an England.

Fr den Verlust Ungarns wird sterreich durch Macedonien entschdigt.
Die Struma bildet die Grenze gegen den Rest des trkischen Gebietes.
Saloniki wird somit sterreichisch.

Die Befestigungen der Dardanellen und des Bosporus werden geschleift.
Das Schwarze Meer ist fremden Kriegsschiffen verschlossen. Russische
Kriegsschiffe drfen die Meerenge passieren. Die Trkei rumt Palstina.
Das Land wird unter sterreichischen Schutz gestellt.

Alle genaueren Bestimmungen bleiben dem Berliner Kongre vorbehalten.

Alle gekaperten Schiffe werden -- so weit sie nicht zerstrt sind -- den
Eigentmern zurckgegeben. Die Bestimmungen ber Kaperei und Seerecht
werden auf dem Berliner Kongre neu geregelt.

England und Frankreich zahlen eine Kriegsentschdigung von je 5
Milliarden Mark. England garantiert die Zahlung der auf Frankreich
entfallenden Raten. Nach den eingehenden Raten rumen die Truppen der
verbndeten Mchte den franzsischen Boden, ebenso werden die
Kriegsgefangenen ausgewechselt.

Am 7. November 1906, an demselben Tage, da vor hundert Jahren General
Blcher in dem kleinen Pfarrhaus von Ratekau die Kapitulation seines
Heeres mit den Worten unterschrieb: Ich kapituliere, weil ich kein
Geld, keine Munition und keine Patronen mehr habe, wurde die
Ratifizierung des Waffenstillstandes auf beiden Seiten ausgetauscht und
die Waffen ruhten.

Durch den Waffenstillstand, der den Frieden bereits in sich schlo, war
die englische Mittelmeerflotte in den Stand gesetzt, sofort mit ihren
Operationen vor Alexandrien und Port Said zu beginnen. Das Bombardement
von Alexandrien am 16. November und die gleichzeitige Beschieung von
Port Said vertrieb die gyptischen Heeresabteilungen und mit der Landung
dreier Regimenter, die von Malta herangezogen wurden, fate England
wieder festen Fu auf afrikanischem Boden. Nun begann der unendlich
mhselige und opferreiche Feldzug, in dem das englische Heer langsam das
Niltal aufwrts rckte.

Am 7. November drhnten vor Wilhelmshaven, vor Cuxhaven und vor der
Kieler Fhrde von neuem die Geschtze der englischen Flotte und weckten
ein Echo in den deutschen Kstenbatterien. Aber den Schssen folgten
nicht wieder die gewohnten hochaufspritzenden Wassersulen drauen auf
der weiten Meeresflche und die schwarzen Rauchwolken vor den Schanzen
am Strande. Der Kanonendonner grte einen seltenen Gast, der auf
deutscher Erde fast fremd geworden war, er grte den Frieden.

Von allen Trmen luteten die Glocken und man besann sich wieder darauf,
da der Mensch noch zu anderer Arbeit geschaffen war, als automatisch an
den Zerstrungswerkzeugen des Krieges zu schaffen, da das Ohr noch
andere Tne in sich aufzunehmen im stande war, als den Donnerhall der
Geschtze, dem man angstvoll dreiviertel Jahr lang gelauscht. Man fhlte
sich wieder frei wie der Gefangene, der seine Ketten zerrissen vor sich
am Boden sieht.

Am 7. November fiel der erste Schnee des Jahres, dicht und unablssig
vom Morgen bis zum Abend. Auf den Straen warfen sich spielende Kinder
mit Schneebllen, ein allgemeines Freuen zog wieder ein in die Herzen,
und selbst ernste Mnner, die im hastigen Geschftsschritt ber das
Pflaster eilten, sah man sich bcken und lustig einen Schneeballwurf
erwidern. Es war ja Friede, und man konnte es sich schon einmal
erlauben, in frhlicher Lust am kindlichen Spiele teilzunehmen. Es war
ja Friede! Unablssig rieselten die weien Flocken herab und eine weie
Decke verhllte alles Land, als wollte sie allen Jammer und alle Not der
letzten Monate mitleidig dem Auge verhllen. Nur die schwarzen
Trauerkleider, die in allen Familien -- es war ja keine verschont
geblieben -- das Alltagskleid geworden, mahnten noch an die Zeit des
Schreckens und der unsglichen Verluste.

Frohen Herzens begrte man in Cuxhaven das Herannahen eines groen
Dampfers der Amerika-Linie, der am Kai des Hafens anlegte. Man glaubte
es ja kaum, da hier noch einmal ein friedlicher Handelsdampfer seine
Trossen festmachen wrde, und fast ungewohnt schien ein paar Arbeitern
dieses Tun. Und doch war die Patricia noch nicht zu friedlichem Werke
erschienen. Sie sollte als erster deutscher Transportdampfer deutsche
Truppen nach Sdafrika bringen. Denn jetzt galt es schnell dafr zu
sorgen, da den in Bloemfontein eingeschlossenen Helden Entsatz gebracht
wurde, und hinter der Patricia lag -- ein seltsames Zusammentreffen
der Namen -- die Pretoria. Sie lud Eisenbahnmaterial zur
Wiederherstellung der zerstrten Bahnlinien.

Die englische Flotte vor Cuxhaven hatte am 8. November, nachdem sie den
Abschiedssalut mit dem Fort Kugelbake getauscht, Dampf aufgemacht und
war am Horizont verschwunden. Die See war frei, aber die See war leer.
Die sthlernen Geschwader, die einst sich im blutigen Kampfe mit dem
Feinde gemessen, die stolzen Panzergeschwader Kaiser Wilhelms, sie lagen
fast alle am Grunde des Meeres. Die See war leer, denn von ihr war durch
den Feind die deutsche Flagge getilgt und Tausende ruhten unter den
Wogen nach treuer Pflichterfllung im ewigen Schlafe. Am 8. November
ging der Lotsendampfer Kapitn Karpfanger wieder hinaus und legte die
Tonnen und Seezeichen, und ein Torpedoboot schleppte die Feuerschiffe
wieder hinaus, die wie vergessene Dekorationsstcke bis dahin in einem
Hafenwinkel gelegen, nun aber dem friedlichen Handelsverkehr seine Wege
wieder weisen sollten. Langsam passierten die vier rotgestrichenen
Schiffskrper, mit frohen Zurufen von der Alten Liebe begrt,
Cuxhaven und langsam entschwanden sie in der dicken Schneeluft dem Auge,
westlich der Stelle, wo das riesenhohe Wrack des franzsischen
Linienschiffes Bouvet und weiter hinaus das des englischen Panzers
Ocean die drohenden Sandbnke verriet. Dicht und unablssig versanken
die weien Schneeflocken in der grauen Meerflut. Gegen Abend tnte von
drauen her der brummende, langgezogene Ton einer Dampfpfeife; das erste
Handelsschiff erschien und gegen 6 Uhr passierte der ber die Toppen
beflaggte norwegische Dampfer Sigurd Jarl die Alte Liebe.


                             Hilfe naht.

Drauen auf weitem Meere durchfurchten jetzt die Kiele der
Transportschiffe, geleitet von den Kreuzern Englands und Deutschlands,
die Wogen des Ozeans. Durch Sprengungen war es den Englndern gelungen,
acht Tage nach der Einnahme von Port Said die Wracks im Suezkanal zu
beseitigen, und den Kanal wieder passierbar zu machen. Mehrere Dampfer
des sterreichischen Lloyds und die beiden Schiffe der Ostafrika-Linie
Kaiser und Kanzler, die in Triest beim Ausbruch des Krieges auf der
Rckfahrt von Afrika Zuflucht gesucht und dort jetzt die ersten
deutschen Truppentransporte fr Ostafrika und Kapstadt an Bord genommen
hatten, verlieen Ende November Suez. Jetzt ging die Fahrt entlang der
ostafrikanischen Kste. Schweigend lag die italienische Somalikste im
Morgenglanze der aufgehenden Sonne. Das Meer war ruhig, unablssig
arbeiteten die Maschinen und trieben die mit Truppen gefllten Dampfer
eine Seemeile um die andere ihrem sehnschtig erwarteten Bestimmungsorte
entgegen. Jetzt war man in Sicht von Mombas, wo noch die englischen
Verteidiger gegenber dem Ansturm der arabischen Horden stand hielten.
Der begleitende Kreuzer, die italienische Liguria hite, als man sich
der Kste nherte, zum Gru den Union Jack im Vortopp und donnerte
seinen Salut nach Mombas hinber. Mit scharfen Glsern hielt man
Ausschau nach der Stadt. Als die englische Flagge ber einem Gebude
entdeckt wurde und weie Rauchwolken auf einem kleinen Erdwall unweit
der Kste aufstiegen und der Wind den Schall einiger Kanonenschsse
herbertrug, brach auf den Transportschiffen, an deren Steuerbordreeling
sich Kopf an Kopf drngte, ein ungeheurer Jubel los und man grte die
wackeren Verteidiger von Mombas mit donnerndem Hurra. Die Liguria
setzte ihre Boote aus und lie sie durch ihre Pinasse mit einer
Besatzung von 300 Mann von den Transportdampfern an Land schleppen,
denen im Laufe des Tages noch groe Sendungen von Munition und Proviant
folgten. So war Mombas gesichert und weiter gings nach Sden zu.

Am anderen Morgen tauchte die deutsch-ostafrikanische Kste auf. Dort wo
die brandenden Wellen einen zerstrten Schiffskrper umsplten, dort wo
weie Huserruinen am Strande erkennbar waren, dort mute Tanga liegen.
Die Transportdampfer blieben weiter seewrts, nur die Liguria ging
nher an die Kste heran, hite das Kriegsbanner des Deutschen Reiches
und sandte aus ihren Buggeschtzen ihren Salut hinber. Doch kein Ton
antwortete vom Lande, alles Leben war erstorben. Zwischen den weien
Mauern der Huser von Tanga lagen die letzten deutschen Verteidiger
lngst erschlagen von der Wut eines unerbittlichen Feindes. Die
Liguria ging wieder seewrts und langsam lieen die Transportschiffe
ihre Maschinen wieder angehen. Tiefe Niedergeschlagenheit herrschte an
Bord, dumpf rollte der Donner des Trauersalutes ber die blauen Wogen
des Ozeans, whrend die Flaggen auf Halbmast sanken, ein letzter Gru
den treuen deutschen Mnnern, die dort in Tanga ihr Leben geopfert.

Und weiter ging die Fahrt nach Sden. Vor Dar-es-Salam warfen die
Transportschiffe Anker, die Liguria dampfte wieder dem Lande zu, vor
der Stadt gefechtsklar machend. Die Pinasse des Kreuzers wurde aber vom
Ufer aus mit einigen Schssen empfangen. Nun erffnete die Liguria ein
viertelstndiges Bombardement auf Dar-es-Salam, worauf die Araber einige
Huser, u. a. das Gouvernementsgebude, in Brand steckten und sich
landeinwrts zogen, so da die Landung der italienischen Marinesoldaten
ungehindert von statten gehen konnte. Am Nachmittage befanden sich
500 deutsche Soldaten wieder im Besitze des Ortes. Zwei
Truppentransportdampfer blieben vor dem Hafen liegen, den die deutsche
Besatzung in der Strke von 2000 Mann zunchst in verteidigungsfhigen
Zustand setzte. Am anderen Tage trafen zwei englische Kanonenboote von
Sansibar vor dem Hafen ein und blieben dort stationiert als Rckhalt fr
die deutschen Truppen. Und so ging es weiter. berall, wo noch
Kstenpltze gehalten wurden, sorgte man fr die Verstrkung und
Neuverproviantierung ihrer Verteidiger. Alle anderen Streitkrfte wurden
nach Kapstadt dirigiert, wo Ende Dezember eine stattliche Streitmacht
versammelt war, die nunmehr auf der Bahnlinie, an deren
Wiederherstellung unablssig gearbeitet wurde, einen Vorsto nach Norden
zum Entsatz von Bloemfontein unternehmen konnte. Alle Weien, vor allem
die Verteidiger der von den Kaffern bedrngten rasch nacheinander
entsetzten Stdte des Kaplandes schlossen sich der Armee an. Ende Januar
war der grte Teil des Kaplandes wieder im Besitze der
deutsch-englischen Armee und es ist bekannt, da am 27. Januar die
ersten Abteilungen der Entsatztruppen fr Bloemfontein die Stadt
erreichten, deren Verteidiger inzwischen auf knapp 10000 Mann
halbverhungerter Mnner zusammengeschmolzen waren. Dieser Erfolg brach
die Widerstandskraft der Kaffernarmee, gegen die nunmehr ein
konzentrischer Angriff in der Oranjeflu-Kolonie und in Transvaal
begann, der immerhin noch viele Opfer forderte, dessen Ausgang aber
nicht mehr zweifelhaft sein konnte.

Eine fieberhafte Spannung herrschte an Bord der Kaiserin Augusta als
man die flache Kstenlinie bei Swakopmund in Sicht bekam. Mehrere
Schsse aus den 15 cm-Geschtzen sollten den Verteidigern des Ortes das
Nahen der Hilfe schon von weitem verknden. Und strmischer Jubel machte
sich in lauten Hurrarufen Luft, als man in grauem Dunste den Leuchtturm
erkennen konnte und ber ihm des Reiches Flagge noch wehen sah. Auch
hier war es hohe Zeit, da Hilfe kam. Die Hereros hatten Swakopmund
unablssig bedrngt und einige Erdschanzen vor der Stadt waren ihnen
bereits in die Hnde gefallen. Jetzt hatte die Not ein Ende, und das
Erscheinen eines Landungskommandos, das sofort die ausgemergelten
Verteidiger ablste, gengte, um die Hereros zum Zurckgehen zu
veranlassen. Dann wurde die Wiederherstellung der Eisenbahn mit dem
mitgebrachten Schienenmaterial in Angriff genommen und um Weihnachten
konnten unsere Ablsungsmannschaften in Windhuk bereits das Christfest
feiern. Ein Vorsto in der Richtung auf Mafeking, an der militrischen
Feldbahn entlang, der zum Entsatz von Bloemfontein auch von dieser Seite
unternommen wurde, kam allerdings zu spt; Bloemfontein war entsetzt,
als zwei deutsche Regimenter am 1. Februar die Bahnlinie
Bloemfontein-Johannesburg erreichten.


                           Im fernen Osten.

Der Europermord in den chinesischen Hafenpltzen, in den Stdten am
Jangtse und auf den Missionsstationen im Innern des Reiches forderte
ungezhlte Opfer. In den meisten Fllen verbarrikadierten sich die
weien Kaufleute und ihre Angestellten -- alle nationalen Gegenstze
wurden von der ueren Gefahr selbstverstndlich sofort zum Schweigen
gebracht -- in ihren Husern und verteidigten sich bis zur letzten
Patrone. Die in den schier unermelichen Scharen der Gelben durch das
Kleinkaliber gerissenen Lcken wurden stets sofort wieder ausgefllt,
durch neue Bedrnger, die wie ein jher gelber Schlammstrom aus allen
Straen und Winkeln zwischen den Husern hervorquollen. Fielen die
Ersten, so wurden ihre Leichen zur Brustwehr fr die dahinterstehenden
Reihen. Wo es den fanatisierten chinesischen Horden gelang, Europer
lebend zu fangen -- meist drauen auf den einsamen Missionsstationen, wo
die mutigen Verknder des Evangeliums von der Gefahr pltzlich
berrascht wurden -- endeten sie unter den Hnden der chinesischen
Henkersknechte, unter bestialischen Martern und Qualen, wie sie nur eine
berreizte Phantasie erdenken konnte. Solche Ereignisse straften den
frommen Glauben derer Lgen, die gemeint hatten, die Religion der Liebe
sei im stande, die wilden Instinkte der mongolischen Rasse zu mildern.
Es erwies sich, da die Bekehrungsarbeit unter den Chinesen immer nur
ein uerlicher Akt geblieben war und da das Taufwasser an dem durch
Jahrtausende gezchteten Rassencharakter von heute auf morgen nichts zu
ndern vermocht hatte. Der dnne Kulturlack sprang sofort ab, und der
Chinese blieb, was er stets innerlich gewesen war, ein blutgieriger,
raffiniert grausamer Bursche, ohne jede Regung von Mitgefhl fr seine
Opfer, mochte er nun zu Buddha beten oder vor dem fremden Christengott
die Knie beugen. Nach wenigen Wochen war das Schicksal smtlicher
kleinerer europischen Handelsniederlassungen besiegelt und nur in den
greren Hafenstdten vermochte man sich in den Settlements noch mit
Aufbietung aller Krfte zu verteidigen.

Die diplomatischen Verhandlungen zwischen Berlin, London und der
franzsischen Regierung fhrten dazu, da man sich mit der russischen
Regierung verstndigte. Da das englisch-franzsische Geschwader in
Ostasien durch die Entsendung mehrerer Schiffe nach Europa erheblich
reduziert worden war, reichten dessen Streitkrfte bei weitem nicht aus,
um die europischen Quartiere in den Kstenstdten zu schtzen. Man
landete jedoch in Schanghai, in Canton und in anderen Stdten einige
Marinemannschaften und so war es mglich, diese Pltze wenigstens
vorlufig zu halten. Die noch in Tientsin stehenden internationalen
Streitkrfte wurden ebenfalls vom Geschwader aus verstrkt. Deutsche,
franzsische, englische und russische Soldaten standen als treue
Kameraden neben einander auf den Schanzen, und zwar ohne da erst ein
entsprechender Befehl aus der Heimat abgewartet wurde. Als Basis fr
diese Streitkrfte im Norden dienten die Taku-Forts. Die zweifelhafte
Haltung der chinesischen Regierung machte es notwendig, das befestigte
Gesandtschaftsviertel in Peking zu rumen und das ganze diplomatische
Korps nach Taku zurckzuholen, was nur nach schweren Kmpfen und unter
Aufbietung aller verfgbaren Streitkrfte gelang.

Auf das gemeinsame Ersuchen der europischen Mchte erklrte sich
Ruland bereit, sein in Wladiwostok liegendes Geschwader zum Schutze der
Europer in China zur Verfgung zu stellen. Es dampfte nach Sden ab und
stationierte einige Schiffe auf der Reede von Taku, whrend zwei groe
Kreuzer Gromoboi und Diana im Hafen von Schanghai eintrafen. Ihnen
folgten zwei Transportschiffe von Wladiwostok, die eine grere
Truppenabteilung an Land setzten. Auerdem gestattete Ruland, da ein
internationales Korps die sibirische Bahn bis Wladiwostok benutzte, da
der Transport auf dem Seewege zu lange gedauert htte. Diese
internationalen Truppen langten im Dezember in Wladiwostok an und wurden
von dort auf groen Handelsdampfern nach Schanghai befrdert. Von
russischen und englischen Flukanonenbooten geleitet, fuhren die
Transportschiffe zunchst den Jangtse aufwrts, um die paar Pltze, in
denen sich die Europer noch hielten, zu entsetzen. Und es war hchste
Zeit, da hier Hilfe gebracht wurde. Als ein russisches Kanonenboot
Hankau erreichte, wehte ber dem zusammengeschossenen Fremdenviertel
noch die deutsche und englische Flagge, und am Ufer lagen die beiden
kleinen deutschen Flukanonenboote Tsingtau und Vaterland.

Diese beiden Schiffe waren einst durch den Ausbruch des Krieges auf dem
Jangtse halbwegs zwischen Schanghai und Hankau berrascht worden. Die
chinesische Regierung, der es groes Vergngen machte, hier ungestraft
einmal die fremden Teufel chikanieren zu knnen, forderte die beiden
Schiffe durch den Kreuzer Pao-Min auf, entweder den Jangtse zu
verlassen und von Schanghai aus seewrts zu gehen, dem englischen
Geschwader entgegen, oder in Schanghai auf die Dauer des Krieges
abzursten. Die deutschen Schiffsfhrer hatten zwischen der zwecklosen
Aufopferung von Schiff und Mannschaft und der Abrstung zu whlen und
entschieden sich fr das letztere. Zhneknirschend gab man die
Maschinenventile, die Verschlsse der kleinen Schnellfeuerkanonen und
die Gewehre an einen feisten grinsenden chinesischen General ab und ging
dann unter die Bewachung der Mongolen, die sich immer mehr zu einer
Gefangenschaft herausbildete.

Als nun der Wettersturm losbrach, ffneten die deutschen Matrosen ohne
weiteres das chinesische Arsenal, wo sich ihre Waffen befanden, holten
sie heraus und setzten die Schiffe wieder in stand. Dann bemchtigten
sie sich einer ausreichenden Menge von Lebensmitteln und legten Beschlag
auf einen chinesischen Kohlendampfer, aus dem die Kanonenboote ihre
Bunker fllten. Unter dem Hurra der am Bund versammelten europischen
Einwohner von Schanghai ging es dann den Jangtse aufwrts an Nanking,
das whrend der Nacht passiert wurde, vorber nach Hankau zu, ber
dessen Schicksal man seit Abschneidung der telegraphischen Verbindung in
das Innere nichts mehr gehrt hatte. Die letzte Depesche enthielt eine
dringende Bitte um militrischen Schutz gegen die revoltierende
Bevlkerung des Ortes.

Die europischen Bewohner Hankaus hatten sich in einem groen
langgestreckten Yamen am Uferkai verbarrikadiert und leisteten bereits
zwei Wochen lang einen fast hoffnungslosen Widerstand. Die Lehmmauern
des Yamens lagen schon in Trmmern und die Gewehrkugeln der mongolischen
Angreifer hatten das Huflein der Englnder furchtbar dezimiert. Keiner
von ihnen war mehr unverwundet. Bei einem nchtlichen Vorsto war die
Hlfte des Yamens in die Hnde der Mongolen gefallen, und als der Morgen
nach der Schreckensnacht anbrach, bot sich den Blicken der letzten
Verteidiger ein entsetzliches Schauspiel. Zwischen den Ruinen der
niedergebrannten Huser einer Strae in Sichtweite des europischen
Yamens machten sich die entmenschten Barbaren daran, ihre etwa zwanzig
Gefangenen, darunter die Hlfte Frauen und Kinder, mit den raffinierten
Foltern mongolischer Grausamkeit zu Tode zu qulen. Unter groen, mit l
gefllten Kesseln wurden riesige Feuer entfacht, und wer mit den
Einzelheiten chinesischer Justiz vertraut war, wute wozu diese Kessel
bestimmt waren. Um die Qual der armen Gefangenen abzukrzen, feuerte man
aus dem Europer-Yamen fortwhrend unter die Gruppe der Gefangenen, ohne
Rcksicht darauf, da hierdurch der Vorrat an Patronen verhngnisvoll
zusammenschmolz. Es war eine teuflische List der Gelben, auf diese Weise
mit den Gefhlen der belagerten Englnder rechnend, sie zu einer
Munitionsverschwendung zu verfhren.

Da strmte durch eine Bresche in der Mauer des Yamen ein englischer
Grokaufmann und rannte, das Gewehr in der Rechten, gerade auf den Feind
zu, gefolgt von acht Landsleuten, die auf diese Weise durch einen
Gewaltvorsto hofften, ihre Frauen und Kinder aus den Hnden der
blutgierigen Kanaillen befreien zu knnen. Ein Hagel von Gewehrkugeln
schlug um die kleine Gruppe der Vorstrmenden ein; ihr Schicksal
gegenber von Tausenden Chinesen, die in stoischer Ruhe die paar Leute
herankommen lieen, konnte nicht ungewi sein. Es war Wahnsinn, aber
drben lagen ihre Frauen gefesselt unter der gelben Horde.

In diesem Moment drhnte vom Strom her ein Kanonenschu. Die
angreifenden Englnder waren ebenso erstaunt wie ihre Feinde, als die
Lehmmauer eines Hauses unter dem Pulverblitz einer berstenden Granate in
sich zusammensank und alsbald mehrere schwere Geschosse durch die
dichten Reihen der Mongolen blutige Furchen zogen. Gleichzeitig lie der
dumpfe Ton zweier Dampfpfeifen auf dem Flusse die fast verzweifelte
Besatzung des Yamens erkennen, da hier Hilfe herankam. Mitten auf der
breiten Flche des Jangtse dampften die beiden deutschen Kanonenboote
heran, und nahmen mit ihren Schnellfeuergeschtzen und Maschinengewehren
die Chinesenstadt unter ein sehr wirksames Feuer. Unter dem Eindruck der
nahenden Hilfe machten jetzt alle Europer aus dem Yamen einen Ausfall
und es gelang ihnen, da die Chinesen in wilder Flucht davonjagten, die
Gefangenen zu befreien. Ergreifende Szenen spielten sich dann am Uferkai
ab, als eine kleine Abteilung deutscher Matrosen an Land stieg und in
das Yamen einrckte. Um die berlebenden Europer an Bord zu nehmen und
nach Schanghai zurckzubringen, dazu fehlte es leider den Kanonenbooten
an dem ntigen Raum und vor allem an den erforderlichen Kohlen und so
entschlo man sich, einstweilen hier zu bleiben, bis von Schanghai aus
neuer Entsatz heranrcken konnte.

Die den Jangtse aufwrts dampfenden russischen Kanonenboote und
Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere
Jangtsepltze mit ausreichenden Garnisonen, so da man der weiteren
Entwicklung der Dinge jetzt ruhiger entgegensehen konnte. Die deutschen
Marinetruppen hatten zwei Wochen lang in Hankau, wo die Chinesen leider
nur zu gut dafr gesorgt hatten, da keine Lebensmittel mehr in
erreichbarer Nhe waren, noch einen harten Dienst gehabt. Als dann der
in Manila zu Beginn des Krieges aufgelegte havarierte Kreuzer Condor
von dort in Schanghai eintraf, wurde die Besatzung von Tsingtau und
Vaterland abgelst, worauf sie mit einem englischen Dampfer in die
Heimat geschickt wurde. Ihr schneidiges Vorgehen hatte in England so
lauten Enthusiasmus erregt, da die englische Regierung in Berlin das
Ansuchen stellte, die Besatzung der beiden Kanonenboote mchte, wenn sie
auf der Heimfahrt in Portsmouth eintrfe, einige Tage lang Gast der
Londoner Bevlkerung sein, eine Bitte, der man in Berlin
selbstverstndlich bereitwilligst entsprach.


                                Japan.

Eine groe Enttuschung bereitete Japans Haltung whrend des Krieges
allen denen, die da geglaubt hatten, die politische Entwicklung werde
allein durch Bndnisvertrge und papierne Urkunden bestimmt. Die
englische Regierung hatte sich durch das Bndnis mit Japan auf der gegen
Ruland gerichteten Front eine gewisse Rckendeckung geschaffen. Da
dieses Bndnis sich nur auf Ostasien bezog, war es klar, da seine
Paragraphen fr den europischen Krieg zunchst nicht in Betracht kamen.
Immerhin hatte man gehofft, da Japan sich nach englischem Muster
wohlwollend neutral verhalten wrde. Ausschlielich in dem
Gedankengang europischer Politik sich bewegend, hatte man den
japanischen Egoismus und den Rasseninstinkt der Vormacht der
mongolischen Vlker zu niedrig eingeschtzt. Stellte man diesen in
Rechnung, so bot Japans Verhalten allerdings keinen Grund, irgendwie
erstaunt zu sein. Einzelne deutsche Schiffe hatten japanische Hfen
aufgesucht und diesen wurde von der japanischen Regierung verboten,
whrend der Dauer des Krieges die betreffenden Hfen wieder zu
verlassen. Ob sie hier lagen oder drauen von englischen Kreuzern
vernichtet oder abgefangen wurden, blieb sich in seiner Wirkung
vollkommen gleich, es waren kaltgestellte Figuren auf dem Schachbrett
des Welthandels.

Ein japanisches Geschwader kreuzte whrend der ersten Wochen des Krieges
an der chinesischen Kste und der japanische Kreuzer Naniwa
beobachtete auf der Reede von Tsingtau die Vernichtung des kleinen
deutschen Geschwaders, um dann nach Sasebo heimzukehren und dem Tenno
schadenfroh zu melden, da Kiautschou aufgehrt habe eine deutsche
Pachtung zu sein und da ein unbequemer Konkurrent in Ostasien von der
Bildflche verschwunden sei. Dann kamen die ersten Nachrichten ber die
Ttigkeit japanischer Agenten in Indien, dem franzsischen Hinterindien,
in Singapore und an der ganzen chinesischen Kste. Die Bewegung unter
den Eingeborenen und vor allem ein Aufstand in Franzsisch-Indochina
zwang die kriegfhrenden Mchte ihre Seestreitkrfte, soweit sie nicht
nach der Heimat zurckbeordert wurden, in den kolonialen Hfen
stationiert zu halten. Auf franzsischer Seite erinnerte man sich jetzt
zu spt, da man einst die Gefahr unterschtzt hatte, als whrend des
russisch-japanischen Krieges japanische Agenten ganz Indochina bereisten
und dort Millionen von Flugschriften und Bilderbogen verteilt hatten,
auf denen in phantastischer Form dargestellt war, da wie jetzt die
Japaner die Moskowiter geschlagen, so in Zukunft die Heere des Tenno
auch mit allen europischen Eindringlingen aufrumen wrden. Diese
damals ausgestreute Saat stand jetzt in den Halmen. Das
englisch-japanische Bndnis war wie ein Klang aus lngst verschollenen
Zeiten.

Durch die Festhaltung der europischen Seestreitkrfte in den Kolonien
war man auerstande, die Ttigkeit japanischer Emissre auf dem
Kontinent verhindern zu knnen. Wohl kamen aus Schanghai, aus Tientsin,
Peking und anderen Stdten Meldungen, die die Schuld an der immer
strker anschwellenden Bewegung unter den Chinesen fast ausschlielich
der japanischen Whlarbeit zuwiesen, doch hatte man keine direkten
Beweise in Hnden, und in London htete man sich, unbequeme Anfragen
nach Tokio zu richten. Man beobachtete nur und schwieg. Wohl aber
dmmerte in England die Erkenntnis auf, da das englisch-japanische
Bndnis ein Verrat an der Zukunft der weien Rasse gewesen sei. Als dann
die von europischen und japanischen Offizieren gedrillten chinesischen
Regimenter, mit europischen Waffen ausgerstet, heranrckten und die
ersten Gefechte auf chinesischem Boden stattfanden, wurden unter den
Toten auf der Walstatt Dutzende von japanischen Offizieren aufgelesen.

Dann erst wurde der englische Gesandte in Tokio beauftragt, der
japanischen Regierung ernste Vorstellungen zu machen. Drohen konnte man
nach den Verlusten der Flotte vor Helgoland nicht mehr, wollte man sich
von den Gelben nicht auslachen lassen. Es war natrlich kein Zweifel,
da die Erhebung der mongolischen Rasse das Werk der Japaner war, die
sich jedoch vorsichtig im Hintergrund hielten. Die Antwort in Tokio
zeugte davon, da man sich dort in die europische Diplomatie gut
eingelebt hatte, sie lautete: Gewi, es befnden sich wohl einzelne
japanische Offiziere im chinesischen Heere, doch seien sie aus der
japanischen Armee vorher ausgeschieden. Fr jedes japanische
Offizierspatent, welches bei einem gefallenen Japaner auf chinesischem
Boden gefunden werde, mache sich die japanische Regierung anheischig
eine Million Pfund als Entschdigung zu zahlen. -- Es wurde
selbstverstndlich nie ein solches Offizierspatent gefunden, was bei der
mongolischen Schlauheit kein Wunder war. Weiter hie es in der
japanischen Erklrung: Die Regierung sei auerstande, Leute, die nicht
mehr dem japanischen Heere angehrten, und aus Sympathie fr ein
befreundetes und stammverwandtes Volk sich an einigen Kmpfen
beteiligten, zur Rechenschaft zu ziehen. Oder habe England etwa
Deutschland den Krieg erklrt, als es auf den sdafrikanischen
Schlachtfeldern deutsche Offiziere gefangen genommen htte. Man hatte
viel gelernt in Tokio.

Noch stehen unsere Truppen in China, noch sucht eine groe
internationale Armee von den Kstenstdten aus, langsam ins Innere ihre
Posten vorschiebend, den verlorenen Boden wieder zu gewinnen und das an
europischer Kulturarbeit wieder aufzurichten, was die Schuttlawine des
chinesischen Aufstandes erdrckt und vernichtet hat.




                       Im englischen Parlament.


Es fielen zwei groe Tage fr die Londoner Bevlkerung zusammen. Am
Morgen war die heldenmtige Besatzung der beiden deutschen Kanonenboote
Tsingtau und Vaterland an Bord des englischen Dampfers Colombo in
Portsmouth eingetroffen; mittags rstete sich die englische Hauptstadt
zum Empfang der deutschen Gste. Und an demselben Tage hatte im
englischen Unterhause der Hauptredner der Opposition eine Interpellation
der Regierung, wegen der Besetzung des Hafens von Bender-Abbas an der
persischen Kste durch die russische Flotte angekndigt. Die Nachricht
von der russischen Flaggenhissung war zwei Tage zuvor in London
eingetroffen und hatte dort groe Erregung hervorgerufen.

Der Sitzungssaal des Unterhauses war bis auf den letzten Platz besetzt.
Selbst hinter den Sitzreihen standen noch Abgeordnete, andere sumten
die Galerien. Lautes Stimmengewirr durchschwirrte den hohen Raum, das
noch mehr anschwoll, als der Staatssekretr des auswrtigen Amtes, der
sich zur Beantwortung der Interpellation bereit erklrt hatte, seinen
gewohnten Platz einnahm und vor sich auf den Tisch des Hauses eine
Aktenmappe niederlegte. Es lag etwas wie Krisenstimmung in der Luft. Der
Lrm verstummte, als sich nunmehr der Redner des Tages erhob.

Er gab zunchst einen kurzen berblick ber die Kriegsereignisse des
letzten Jahres. Noch einmal entrollte sich das gewaltige Drama des
Riesenkampfes vor seinen Zuhrern, dann zog er, unter Beifallsrufen
seiner Parteigenossen, in kurzen, knappen Stzen die Bilanz dieser
Ereignisse: Die Regierung hat dies Land, sagte er, mit allzugroer
Leichtherzigkeit in einen Krieg hineingefhrt, dessen Folgen sie nicht
bersah, die sie aber bei vorsichtiger Einschtzung der politischen Lage
und der Krfte unserer Gegner htte voraussehen mssen. Doch an der
Vergangenheit ist nichts mehr zu ndern. Fassen wir das Ergebnis des
Krieges zusammen, so ist es das folgende: Die Vernichtung des grten
Teiles der deutschen Flotte hat unserer Marine schwerere Verluste
gekostet, als wir bei Beginn der Feindseligkeiten erwarten durften. Wir
sind stolz auf unsere Erfolge zur See. Aber die Marine Kaiser Wilhelms
hat mehr geleistet als wir glaubten. Ein Drittel unserer Schlachtflotte
liegt am Grunde des Meeres, ein Drittel unserer Panzerschiffe befindet
sich im Dock zur Reparatur, und die schwere Artillerie der noch
gefechtsfhigen Schiffe ist so sehr durch den Kampf mitgenommen, da sie
kein Seegefecht mehr riskieren kann. (Lebhafte Unruhe im Hause.) Ich
verrate keine Geheimnisse. Es ist allgemein bekannt, da die Lebensdauer
der schweren Geschtze auf unseren Linienschiffen sich nur auf eine
beschrnkte Anzahl von Schssen erstreckt, und diese ist berall fast
erreicht. Sehen wir ab von den Neubauten, die auf unsern Werften ihrer
Vollendung entgegengehen, so ist unsere Schlachtflotte, die aus dem
Kriege zurckgekehrt ist, _wehrlos_, sie kommt fr einen Kampf zur See
nicht mehr in Betracht, bis sie neue Geschtze erhalten hat.

Also ist es das Ergebnis des Krieges, da dieses Land die Seeherrschaft
auf dem Ozean verloren hat auf krzere oder lngere Zeit. (Unruhe im
ganzen Hause.) Wir mssen ehrlich sein gegen uns selber und das nicht
bersehen, was andere auch sehen. Da die franzsische Flotte noch mehr
gelitten hat als unsere, ist kein Trost fr uns, und auch die
Vernichtung der deutschen Marine kann uns fr den Verlust der britischen
Seeherrschaft nicht entschdigen. _Es gibt heute nur noch eine groe
Flotte auf dem Ozean_, das ist die _Flotte der Vereinigten Staaten_.
(Der Redner wird mehrfach unterbrochen und macht eine lngere Pause.)
Was dieser Erfolg des Krieges fr England bedeutet, will ich nicht
weiter errtern, es gengt, die Tatsache festzustellen.

Deutschland befindet sich in hnlicher Lage wie wir. Ehemals die grte
Militrmacht in Europa, hat es diesen Rang fr eine Zeit wenigstens an
Ruland abtreten mssen. Diese beiden Tatsachen bedeuten nichts mehr und
nichts weniger, als _da die Entscheidung ber die Geschicke der Welt
nicht mehr in der Hand der beiden Seemchte der germanischen Vlker
liegt, nicht mehr bei England und Deutschland steht_, sondern zu Lande
Ruland zugefallen ist und zur See von der amerikanischen Union abhngt.
Petersburg und Washington sind an die Stelle von Berlin und London
getreten. _Darum_ haben wir dreiviertel Jahr gekmpft. _Darum_ haben wir
Hunderttausend Soldaten auf franzsischer Erde begraben, _darum_ sind
unsere Flotten in den Wogen der See versunken. Ich klage die Regierung
nicht an; ich folge dem alten Wahlspruch unseres Volkes ^Right or wrong,
my country!^ (Vereinzelte Cheers.) Dieser Krieg hat der Vormacht des
Slaventums und der anspruchsvollen uns nicht freundlich gesinnten
Regierung der Vereinigten Staaten, ohne da sie einen Finger zu rhren
brauchten, zu einer Weltmachtstellung verholfen, die wir zurckerobern
mssen (laute Cheers), in der Zukunft zurckerobern mssen, denn heute
ist unsere Flotte zu schwach.

Was kann uns die Vermehrung und Konzentrierung unseres afrikanischen
Kolonialbesitzes fr solche Verluste entschdigen? Wir mssen unsere
Kolonien in Afrika von neuem erobern. Ebenso Deutschland und Frankreich.
Ich spreche nicht von Riesenverlusten unseres Handels, von den
finanziellen Einbuen durch die Belastung unseres Budgets mit den
unerhrten Ausgaben fr diesen Krieg. Und sind wir unseres Besitzes
sicher? Ich erinnere das Haus an das, was sich in Sdafrika, in Canada,
in der ^Commonwealth^ von Australien vorbereitet. Ich erinnere daran,
da Kolonien nicht dankbar sondern anspruchsvoll sind. Was soll daraus
werden? (Lebhafte Bewegung im ganzen Hause.)

Das Gespenst der Sorge um Indien ist der Hausgeist der englischen
Politik. Verlieren wir Indien, so wankt uns der Boden unter den Fen.
Jetzt weht die russische Flagge ber den Strandbatterien von
Bender-Abbas. Unsere indische Bastion wird durch die russische Erwerbung
flankiert. Sollen wir das dulden? Vertrgt das die Ehre dieses Landes?
(Rufe: Nein, nein!) _Wir drfen nicht mehr Nein sagen._ Wir mssen Ja
sagen (Lebhafter Widerspruch). Wir mssen Ja sagen, weil wir dieses Land
nicht um einen persischen Hafen in einen neuen Krieg strzen drfen, in
dem wir ohne Verbndete dastehen. Oder ist das Bndnis mit Japan mehr
als ein wertloses Stck Papier. Wir mssen uns abfinden mit der
Tatsache, da Bender-Abbas Ruland gehrt, da Persien eine russische
Interessensphre ist. Wir drfen nicht in denselben Fehler verfallen wie
im Winter vorigen Jahres, als wir glaubten, die Welt sei zu klein, als
da groe Vlker nebeneinander existieren knnten. Fr Deutschland war
neben England Raum genug, jetzt hat Amerika uns _beiden_ den Platz
eingeengt. Fr Ruland ist auch neben England Raum genug in Asien. Wir
erwarten, da die Regierung in Petersburg die Verhandlungen in diesem
Sinne fhrt. Wir drfen dann hoffen, da Bender-Abbas ein Ventil fr das
russische Expansionsbedrfnis wird, da hier das Streben Rulands nach
dem Meere ein Endziel findet und da dadurch die afghanisch-indische
Grenze von einem unertrglichen Druck entlastet wird. Wenn Englands Ehre
angetastet wird, steht die Bevlkerung dieses Landes zusammen wie ein
Mann, wir sind gewohnt fr die Macht und Herrlichkeit des Vaterlandes
das Letzte zu opfern. Hier handelt es sich aber nicht um unsere Ehre,
sondern um unseren Ehrgeiz, um den Verzicht auf ein Phantom, um den
Verzicht auf einen Besitz, der uns nie gehrt hat. Und wir sind heute
nicht mehr reich und mchtig genug, um einen Krieg zu fhren, der nur
unsere nationale Eitelkeit befriedigen kann.

Donnernder Beifall folgte diesen Worten auf _beiden_ Seiten des Hauses.
Die Abgeordneten drngten sich an den Redner heran, schttelten ihm die
Hnde und sprachen eifrig auf ihn ein. Es war kein Zweifel, er hatte
allen aus dem Herzen gesprochen, die bitteren Wahrheiten, die man in so
klaren Stzen eben gehrt, hatten ihren Eindruck nicht verfehlt. Von dem
lauten Stimmengewirr wurde die Ankndigung des Sprechers des Hauses, da
der Staatssekretr des ueren nach fnf Minuten die Interpellation
beantworten werde, vllig bertubt. berall standen Gruppen der
Abgeordneten in lebhaftem Gesprch zusammen. Durch die hohen Fenster des
Sitzungssaales tnte von drauen her das dumpfe Brausen des
Straenverkehrs herein, wie der ewig gleiche Tonfall der Meeresbrandung.
Jetzt schwoll diese einfrmige Melodie auf dem Resonanzboden der
Riesenstadt zu grerer Strke an, laute Cheers erschollen drauen und
dann setzten in der Ferne die schmetternden Klnge einer Militrkapelle
ein. Geleitet von den strmischen Willkommengru der Londoner
Bevlkerung zogen die deutschen Marinesoldaten in London ein. Noch
lauschte man im Sitzungssaale diesen ungewohnten Tnen, da erhob sich
der Staatssekretr des ueren von seinem Platze:

Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat die Meinung seiner
politischen Freunde in einer Weise zum Ausdruck gebracht, die sich, wenn
auch in weniger schroffer Form, mit den Anschauungen des Ministeriums,
welches ich zu vertreten die Ehre habe, deckt. Die Regierung dieses
Landes wei die bedauerlichen Folgen des Krieges vollauf zu wrdigen,
sie gibt sich ber den Zustand unserer Seemacht keinen Tuschungen hin
und ist ebenfalls der Ansicht, da es gefhrlich wre, sich auf
irgendwelche politische Experimente einzulassen, die das Land in neue
unabsehbare Verwicklungen strzen knnten. Die Besetzung von
Bender-Abbas durch das russische Geschwader bedeutet an sich keine
Bedrohung unserer indischen Machtstellung. Wenn die Richtung der
russischen Expansionspolitik durch die Einnahme von Bender-Abbas eine
andere wird, so wird England keinen Einspruch dagegen erheben, unter der
Voraussetzung, da Englands Interessen in Persien -- die keine
politischen sind und es nie gewesen sind -- nicht beeintrchtigt werden.
Unser Botschafter in Petersburg ist in diesem Sinne beauftragt, eine
Erklrung der russischen Regierung zu fordern. Sobald diese erfolgt,
werde ich dem Hause weitere Mitteilungen machen. Vorlufig bitte ich,
diesen Gegenstand verlassen zu drfen.

Der Staatssekretr machte eine Pause und suchte zwischen den
Papierblttern in seiner Mappe. Drauen erklangen jetzt die vollen
krftigen Akkorde der deutschen Militrmusik. Der Staatssekretr begann
von neuem.

Das sehr ehrenwerte Mitglied des Hauses hat erwhnt, da nach den
bedauerlichen Verlusten des Krieges die amerikanische Flotte gegenwrtig
die strkste Seemacht der Welt darstellt. Ich bitte das hohe Haus, sich
dieses Umstandes zu erinnern, wenn ich jetzt zu meinem Bedauern eine
sehr ernste Mitteilung zu machen habe. (Der Staatssekretr rusperte
sich und rckte an seinem Halskragen, als sei ihm dieser pltzlich zu
eng geworden.) Unser Botschafter in Washington teilt uns soeben mit, da
ihm die Regierung der Vereinigten Staaten eine diplomatische Note
zugestellt habe des Inhalts: _Die Regierung der Vereinigten Staaten
fordert die Regierung Grobritanniens auf, aus ihren kolonialen
Besitzungen in Westindien, aus Jamaica, den Bahama-Inseln,
Britisch-Honduras und Britisch-Guyana die englischen Garnisonen
zurckzuziehen._

Das gleiche Ersuchen werde in Paris, in Kopenhagen und im Haag
berreicht. Der Bau des Panamakanales lege der Regierung der Vereinigten
Staaten die Notwendigkeit nahe dafr zu sorgen, da diese wichtige
Schiffahrtsstrae nicht durch irgendwelche Macht im Kriege gesperrt
werden knne, und Amerika knne es nicht mehr dulden, da der
Schiffahrtsweg an den Bastionen europischer Festungswerke vorberfhre.
Da die europischen Kolonien in Westindien nur noch geringe
wirtschaftliche Bedeutung htten, sie aber als Militrstationen aufhren
mten zu bestehen, verlange die amerikanische Regierung die Rumung
dieser Besitzungen, die nunmehr unter amerikanischen Schutze selbstndig
werden sollten. Zum Schlusse der Note heit es: die Regierung in
Washington habe diesen Zeitpunkt fr ihre Manahme gewhlt, da er die
grte Garantie biete fr eine friedliche Erledigung der Angelegenheit.
Nach den groen Verlusten im Kriege und bei dem gegenwrtigen Zustande
der europischen Flotten sei selbst eine europische Koalition nicht
imstande, mit Aussicht auf Erfolg der amerikanischen Flotte
entgegenzutreten. Die Vereinigten Staaten und _Japan_ seien zur Zeit die
einzigen wirklichen Seemchte. Die europischen Regierungen mten daher
jetzt endlich auch praktisch der Monroedoktrin die Stellung zubilligen,
die Deutschland wenigstens theoretisch bereits freiwillig anerkannt
habe.

Da ward es totenstill im Hause. Alle fhlten es: Es fuhr ein Schlag
hernieder, den man nicht mehr parieren konnte. Durch die hohen Fenster
strich die laue Frhlingsluft. In der Ferne verklang der Pariser
Einzugsmarsch.




     Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Theodor Weicher, Leipzig


                        Otto Julius Bierbaums

                           Goethe-Kalender
                          auf das Jahr 1906

   herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, mit Buchschmuck von E.
   R. Wei, einem Dreifarbendruck nach einem Gemlde M. A.
   Stremels sowie mehreren Holzschnitten, tzungen nach alten
   Vorlagen.

                             Volksausgabe
                       im Stile der Goethezeit.
                               2. Aufl.
                            Preis 1 Mark.

   Der Grundgedanke dieser Verffentlichung ist: Einfhrung d.
   Nationalschatzes an Lebensweisheit, Lebensschnheit,
   Lebenskunst, der dem deutschen Volke aus dem Leben und
   Schaffen Goethes geworden ist, in das tgliche Leben jedes
   einzelnen. Daher die Kalenderform.

                         Lichtenbergs Briefe.

       Herausgegeben von Albert Leitzmann und Carl Schddekopf.
    Drei Bnde m. zahlr. Abbildg. nach Handzeichnungen. (Die drei
                  Bnde sind auch einzeln kuflich.)
             Broschiert 30 Mark, gebunden 37 Mark 50 Pf.

   Otto Julius Bierbaum sagt ber Lichtenbergs Briefe: Diese drei Bnde
   gehren zu den Bchern, die sich der Erfahrene in seiner
   Schlafstube aufstellt, damit sie ihn abends leicht hinberleiten
   in diese wunderliche, dunkle Lebenszeit, wo zuweilen das Unbewute
   wach wird, whrend das Bewutsein schlft, und damit sie ihn beim
   Erwachen mit als erste wieder begren, wenn es gilt, sich fr
   das helle Gebrause eines neuen Tages zu rsten, der wer wei was
   fr Schnheiten oder Scheulichkeiten auf uns loszulassen bereit
   ist. Sie sind nicht soviel wert wie das freundliche Lcheln einer
   freundlichen Frau, die mit diesem Lcheln sagt: Was kommen mag,
   ich bin bei dir. So viel kann kein Buch. Aber Bcher wie dieses
   und hnliche Bcher, die nicht Kunst, sondern das Leben selber sind,
   und zwar das Leben von Menschen der schenkenden Tugend, will
   sagen von Menschen, die so voll von Geist und Gemtskraft sind,
   da jede, auch die unbedeutendste uerung voll ist vom Hauche
   innersten Lebens, der sich mitteilt wie der Duft von Blumen --
   solche Bcher sagen einem, wo immer man sie aufschlagen mag, auch
   einen wirklich schnen Guten Morgen!

                  Druck von G. Kreysing in Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t oder kursiv sind, wurden
mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die in Antiqua
gesetzt waren, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 4]:
   ... Vortop des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der
       weiten ...
   ... Vortopp des weien Kreuzers drauen auf der Reede ber der
       weiten ...

   [S. 14]:
   ... dem Wasser, am Grotop weht noch wei und stolz die Flagge
       des ...
   ... dem Wasser, am Grotopp weht noch wei und stolz die Flagge
       des ...

   [S. 25]:
   ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhafte
       gestikulierende ...
   ... bevor aus der pantomimischen Vorstellung, die der lebhaft
       gestikulierende ...

   [S. 50]:
   ... Elbmndung herein. Unter dem dicken braunen Rauchfahnen, die
       ihren ...
   ... Elbmndung herein. Unter den dicken braunen Rauchfahnen, die
       ihren ...

   [S. 56]:
   ... Uferdamm Schaummassen spritzend und dann wieder in
       unwiderstehlichen ...
   ... Uferdamm Schaummassen spritzend und dann wieder in
       unwiderstehlichem ...

   [S. 69]:
   ... hin. Sie waren teilweise aus dem meterhohen Papierrollen
       hergestellt, ...
   ... hin. Sie waren teilweise aus den meterhohen Papierrollen
       hergestellt, ...

   [S. 82]:
   ... Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse entsanden die
       englischen ...
   ... Befehl zum Feuern, und mit Donnergetse entsandten die
       englischen ...

   [S. 88]:
   ... befand, erfolgte abends gegen 10 Uhr pltzlich, fast
       gleichzeitig ...
   ... befand, erfolgten abends gegen 10 Uhr pltzlich, fast
       gleichzeitig ...

   [S. 91]:
   ... Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffrien, ...
   ... Den Rckzug der schwer havarierten drei Panzer Suffren, ...

   [S. 95]:
   ... und portugisischen Korps gegenber standen. ...
   ... und portugiesischen Korps gegenber standen. ...

   [S. 96]:
   ... und die Vereinigten Staaten aneinander zubringen und sich
       dabei ...
   ... und die Vereinigten Staaten aneinander zuzubringen und sich
       dabei ...

   [S. 105]:
   ... von den Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee,
       des Geschtz ...
   ... von den Reitern und warf die Protze quer ber die Chaussee,
       das Geschtz ...

   [S. 120]:
   ... anderer Kstenbatterien in englischen Besitz. Doch war der
       Feind ...
   ... anderer Kstenbatterien in englischem Besitz. Doch war der
       Feind ...

   [S. 123]:
   ... von sechs englischen Panzerkreuzer zeigten drauen weit auf
       der Reede, ...
   ... von sechs englischen Panzerkreuzern zeigten drauen weit auf
       der Reede, ...

   [S. 129]:
   ... Posten die Hand der Radwelle des Paternosterwerkes, das aus
       schwarzer ...
   ... Posten die Hand an der Radwelle des Paternosterwerkes, das
       aus schwarzer ...

   [S. 137]:
   ... die Grenze ihre auf nur ca. hundert Schu berechnete
       Leistungsfhigkeit ...
   ... die Grenze ihrer auf nur ca. hundert Schu berechnete
       Leistungsfhigkeit ...

   [S. 137]:
   ... in Dar-es-Salaam, Swakopmund, Tsingtau usw. dem kolonialen
       Kriege ...
   ... in Dar-es-Salam, Swakopmund, Tsingtau usw. dem kolonialen
       Kriege ...

   [S. 151]:
   ... Luft der kleine Fesselballon der Funkentelegraphie, dessen
       elektrischen ...
   ... Luft der kleine Fesselballon der Funkentelegraphie, dessen
       elektrische ...

   [S. 157]:
   ... nicht viel die Rede, die Manschaften sanken, bis auf das
       uerste ermdet, ...
   ... nicht viel die Rede, die Mannschaften sanken, bis auf das
       uerste ermdet, ...

   [S. 158]:
   ... Brand der Stdte und Drfer erhell wurde, als stnde eine
       Welt in ...
   ... Brand der Stdte und Drfer erhellt wurde, als stnde eine
       Welt in ...

   [S. 164]:
   ... stumm und teilnahmlos dahin, ein Leben, dem jede
       Zukunftshoffnung ...
   ... stumm und teilnahmslos dahin, ein Leben, dem jede
       Zukunftshoffnung ...

   [S. 167]:
   ... an verwaister Sttte festen Fu zu fassen. Uber die Phrasen
       von ...
   ... an verwaister Sttte festen Fu zu fassen. ber die Phrasen
       von ...

   [S. 170]:
   ... Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor
       Marsaille ...
   ... Casablanca ermordet worden seien. Eine aus dem Lager vor
       Marseille ...

   [S. 177]:
   ... Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November ffnete
       Damaskus ...
   ... Wut des alten Glaubenshasses. Anfang November ffneten
       Damaskus ...

   [S. 184]:
   ... hoffungslos den Kaffernhorden ausliefern, in deren
       Kriegfhrung der ...
   ... hoffnungslos den Kaffernhorden ausliefern, in deren
       Kriegfhrung der ...

   [S. 195]:
   ... Transportschiffe versahen Hankau, Nauking und einige andere
       Jangtsepltze ...
   ... Transportschiffe versahen Hankau, Nanking und einige andere
       Jangtsepltze ...

   [S. 200]:
   ... in einen ueuen Krieg strzen drfen, in dem wir ohne
       Verbndete ...
   ... in einen neuen Krieg strzen drfen, in dem wir ohne
       Verbndete ...






End of the Project Gutenberg EBook of 1906. Der Zusammenbruch der alten
Welt, by Ferdinand Grautoff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK 1906. DER ZUSAMMENBRUCH ***

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