Project Gutenberg's Erinnerungen einer berflssigen, by Lena Christ

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Title: Erinnerungen einer berflssigen

Author: Lena Christ

Release Date: September 6, 2018 [EBook #57853]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN EINER BERFLSSIGEN ***




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                    Erinnerungen einer berflssigen


                              Lena Christ




                    Erinnerungen einer berflssigen



                         Albert Langen, Mnchen


                Copyright 1912 by Albert Langen, Munich






Oft habe ich versucht, mir meine frheste Kindheit ins Gedchtnis
zurckzurufen, doch reicht meine Erinnerung nur bis zu meinem fnften
Lebensjahr und ist auch da schon teilweise ausgelscht. Mit voller
Klarheit aber steht noch ein Sonntagvormittag im Winter desselben Jahres
vor mir, als ich, an Scharlach erkrankt, auf dem Kanapee in der
Wohnstube lag; es war dies der einzige Raum, der geheizt wurde.

Der Grovater war in seinem geblumten Samtgilet, dem braunen Rock mit
den silbernen Knpfen und dem blauen, faltigen Tuchmantel in die Kirche
vorausgegangen, whrend die Gromutter in dem schnen Kleide, das bald
blulich, bald rtlich schillerte, noch vor mir stand und mich ansah,
wobei sie immer wieder das schwarze seidene Kopftuch zurechtrckte.
Neben der Tr aber stand in Hemdsrmeln der alte Hausl und wollte eben
den Sonntagsrock vom Nagel nehmen, als sich die Gromutter umdrehte und
zu ihm sagte: Geh, Hausl, bleib du heunt dahoam und gib aufs Kind
Obacht und tus Haus hten; i mcht aa amal wieda in d' Kirch geh'.

Darauf lie der Hausl seinen Rock hngen und zog wieder seinen blauen,
gestrickten Janker an, und die Gromutter ging zu dem Wandschrnklein,
das in die Mauer eingelassen war, nahm daraus das Weihbrunnkrgl und
wollte gehen. In der Tr aber wandte sie sich noch einmal um und sagte
zu mir: Also, da d' sch liegn bleibst, Dirnei; i bet scho fr di, da
d' wieda g'sund wirst.

Als sie fort war, ging der alte Hausl in seine Kammer, sich zu rasieren.
Da fiel mir ein, ich knnte wieder einmal zu unserer Nachbarin, der
alten Sailergromutter, gehen. Geschwind stand ich auf und lief hinaus
in den Schnee und vor ihr Haus. Ich fand aber die Tr zugesperrt und
niemanden daheim; denn sie waren alle in der Kirche. Und da ich nun
lange im Hemd und dem roten Flanellunterrckl barfu im Schnee gestanden
war und vergebens gewartet hatte, schlich ich wieder heim; denn es war
bitter kalt. Als der Hausl mich kommen sah, machte er ein ganz
entsetztes Gesicht und kopfschttelnd nahm er mich auf den Arm und legte
mich wieder nieder. Alsbald fiel ich in ein heftiges Fieber und soll
darauf viele Wochen krank gelegen sein, und man hat geglaubt, da ich
sterben mte. Aber der Grovater hat mich gepflegt, und so bin ich
wieder gesund geworden.

Der Grovater nmlich verstand sich auf alles, und wo man im Dorf eine
Hilfe brauchte, da wurde er geholt. Er war Schreiner, Maurer, Maler,
Zimmermann und Kuhdoktor, und manchmal hat er auch dem Totengrber
ausgeholfen. Und weil er so berall zur Hand war, hie man ihn den
Handschuster, und der Name wurde der Hausname und ich war die
Handschusterleni.

Der Grovater war bartlos und gro und gerade gewachsen und hatte trotz
der mannigfachen schweren Arbeit schlanke schne Hnde. Die hab ich in
spterer Zeit oft betrachtet, wenn er am Abend auf der Hausbank sa und
ber irgend etwas nachdachte.

Er war berhaupt anders als die Leute im Dorfe; denn er sprach wenig,
ging nicht ins Wirtshaus und war bei keiner Wahl, wie er auch sonst
allem ffentlichen Wesen fern blieb. Statt dessen erzhlte man, da er
oft im Verborgenen geholfen habe; und wo einem Armen das Haus abgebrannt
war, da habe er beim Aufbau mit zugegriffen, ohne lang nach dem Lohn zu
fragen.

Damals, im Frhjahr nach meiner Krankheit, war es nun mein grtes
Vergngen, mit ihm auf dem Wagen, vor den unser Ochs gespannt war, aufs
Feld hinauszufahren. Von den ckern, die auf den Hhen rings um das Dorf
lagen, konnte man die fernen Berge sehen, und der Grovater sagte mir
von dem hchsten, da es der Wendelstein sei.

Whrend er nun pflgte oder sete, brockte ich Blumen und betrachtete
sie und die Welt dahinter durch bunte Scherben, die ich vor dem Hause
des Glasers aufgelesen hatte; oder ich lief mit dem Sturm ber die
Wiesen und suchte ihn zu berschreien.

Abends auf dem Rckweg setzte mich dann der Grovater rittlings auf den
Ochsen, und so sah ich schon von weitem die blulichen Rauchwlklein
ber unserem Dache, die uns anzeigten, da die Abendsuppe schon auf dem
Feuer stand.

Waren wir daheim angekommen, so sprang ich rasch in die Kche, steckte,
wenn die Gromutter in der Speis war, die Nase in alle Hafen und Tiegel,
zu sehen, was es Gutes gbe, und lief dann hinter dem Grovater drein,
der vom Hausflz durch den Stall in die Scheune ging, dort die
Ackergerte verwahrte und hierauf in dem Schuppen Holz fr den Herd
herrichtete. Ich tummelte mich derweilen in der Tenne, die wie der Stall
und Schuppen an das kleine, freundlich mit blulicher Farbe getnchte
Wohnhaus angebaut war und mit ihm unter einem Dache stand, das sauber
mit Holzschindeln eingedeckt und mit Felsblcken beschwert war. Rings um
das Huschen zog sich ein saftiger Grasgrund, und von den Fenstern der
Wohnstube, an denen reichblhende Geranien und Menschenleben standen,
sah man im Sommer ein zierliches Gemsegrtlein, dessen Beete mit
feurigen Nelken, Dahlien, fliegenden Herzlein und buschigen
Rosenstruchern eingefat waren. Am Eingang des Grtleins stand ein
groer Rosmarinstrauch, den der Grovater bei seiner Heirat selbst
gepflanzt hatte.

Von der Tenne nun schlpfte ich des ftern in den Hhnerstall und
durchsuchte ihn nach Eiern. Besonders als Ostern nicht mehr fern war,
trieb es mich immer wieder dahin; denn um diese Zeit gab es unter uns
ein groes Vergngen, das Oarscheiben. Da zogen alle Kinder des Dorfes
zu den groen Bauernhfen, und dort wurden wir bewirtet und bekamen
G'selchts, Osterbrot und bunte Eier. Diese aber wurden nicht gegessen,
sondern zum Oarscheiben aufgehoben. Dabei teilten wir uns in zwei
Parteien, und die einen standen hben, die anderen drben; dazwischen
aber waren in schrger Lage zwei Rechen aneinander gelegt, und auf
dieser Bahn lieen wir unsere Eier hinunterrollen. Die Partei nun, auf
deren Seite das Ei fiel, hatte es gewonnen, und wo am Schlu die meisten
Eier lagen, war der Sieg. Freilich begann dann oft erst der eigentliche
Kampf, und die Eier, die zuvor gerollt waren, flogen jetzt.

Whrend aber die andern sich noch rauften, sammelte ich, ohne mich
besonders sichtbar zu machen, mit flinker Hand die also zu Waffen
gebrauchten Eier und lief alsdann mit meinem vollen Schrzlein heim, wo
ich dem Grovater die Beute vor die Fe kugeln lie.

Da gab's dann andern Tags ein gutes Gericht, den Oarslot, zu dessen
Bereitung ich schon am frhen Morgen mit der Gromutter den
wildwachsenden Feldsalat von einer nahen Anhhe brocken mute, whrend
der Grovater derweil daheim die Eier fein zerhackt und zerrhrt hatte,
was er alle Ostern selber tat, da keins ihm dies Geschft recht machen
konnte.

Auch sonst war er oft in der Kche drauen und half der Gromutter Rben
schlen oder Semmeln schneiden fr die Alltagskost, die Kndel; denn
diese durften keinen Tag fehlen. Auch am Sonntag kamen sie, freilich
viel grer und schwrzer, als Leberkndel auf den Tisch.

Das Wasser, in dem die Kndel, die neben ihrer Schmackhaftigkeit auch
noch den Vorzug der Billigkeit hatten, gesotten wurden, wurde bei uns
nie weggeschttet, sondern in einer groen bemalten Schssel
aufgetragen. Dazu stellte die Gromutter ein Pfnnlein mit heiem
Schmalz und braunen Zwiebeln und im Sommer auch ein Schsselchen voll
Schnittlauch. Der Grovater langte dann den von der Mutter
selbstgebackenen Brotlaib, der mittels unseres groen Hausschlssels
ringsum mit einem Kranz von ringfrmigen Eindrcken verziert war, aus
dem Wandschrnklein und begann langsam und bedchtig Schnittlein um
Schnittlein in die Brh zu schneiden. Danach go er die Schmelz darber,
wrzte gut mit Salz und Pfeffer und rhrte mit seinem Lffel etliche
Male um. Alsdann sagte er: So Muatta, jatz ko'st betn.

Fleisch kam bei uns nur zu ganz besonderen Gelegenheiten auf den Tisch,
und selbst am Sonntag gengten meinen Groeltern die Leberkndel mit dem
Tauch, einem Gemse von Dotschen, Rben oder Kohlraben. Nur der
Grovater erhielt als Feiertagsmahl ein Stck gesottenes Rindsfett, das
er gesalzen und gepfeffert nur mit einem Stcklein Brote a.

An Ostern aber lieen sich's die Groeltern nicht nehmen, ein
ordentliches Stck Geselchtes und dazu noch einen Tiegel voll von unserm
selbstgemachten Kraut aufzustellen, nebst einem Krblein Eier, die samt
dem mit viel Zyperben und Weinbeerln gebackenen Osterbrot schon in der
Frh des Ostertags vom Grovater zur Weih' getragen wurden.

Auch sonst gab's allerlei Vergngungen und Kurzweil fr die Groen und
die Kleinen, und es war auch um die Osterzeit, da die Kinder, die
ungefhr in meinem Alter waren, anfingen, etwas Heimliches untereinander
zu treiben. Der Schlosserflorian und die Ropferzenzi hatten im Stall bei
der Wagnerin die Zicklein angeschaut, und hierbei hatte der Florian der
Zenzi, die vor ihm hockte, unter den Rock gesehen und hatte ihr darauf
auch etwas gewiesen. Dabei berraschte sie die Wagnerin, und alsbald
wute es das ganze Dorf. Die Kinder aber, die fnf- und sechsjhrigen,
hatten nichts anderes zu tun, als dies sofort nachzuahmen, und alsbald
saen auf den Heubden oder hinter der Planke vom Huberwirt die Prlein
im Gras und betrachteten einander.

Diese Vorflle wurden nun von einem alten, frommen Frulein dem Herrn
Pfarrer hinterbracht, der dann am darauffolgenden Sonntag von der Kanzel
herab wetterte ber die Zuchtlosigkeit der Eltern, die nicht acht gehabt
htten auf das Heiligste der Kinder, auf ihre Unschuld. Viele von den
Eltern hatten es aber in der Sorge um das Ihre bersehen, manche wohl
auch bersehen wollen.

Mit dem beginnenden Sommer fingen wir an, zu fischen. Da suchte man sich
einen Stecken; daran wurde eine alte Gabel gebunden und mit ihr nach den
Dollen oder Mhlkoppen, die sich im Bach unter Steinen, Scherben oder
alten Hfen verborgen hielten, gestochen. Mit dem Stecken wurde der
Stein zur Seite geschoben, und wenn der Fisch hervorscho, wurde er
angespiet. Ich war nun so geschickt, da ich sie auch mit der Hand
fangen konnte. Da nahm ich den Rock auf, stieg in den Bach hinein,
bckte mich, tauchte vorsichtig den rechten Arm ins Wasser und nherte
mich mit der Hand dem Fisch, bis er zwischen meinen Fingern stand; dann
griff ich rasch zu. Gegen Abend trugen wir dann in einem alten Hafen den
ganzen Fang heim. War die Gromutter im Stall, so schlug ich in der
Kche die Fische mit einem Stein auf den Kopf, nahm heimlich Schmalz aus
der Speisekammer und warf die Fische, nachdem ich noch schnell Salz,
Mehl und ein paar Eier darangetan, in eine Pfanne. Die gebratenen Dollen
brachte ich dann hinaus vors Haus, wo die anderen Kinder im Gras saen
und warteten. Unter dem Essen wurde nun erst die Schwimmblase und was
sonst noch im Innern des Fisches war, mit dem Finger herausgeholt.

Einmal freilich wre ich beim Fischen beinah ertrunken, und das kam so:
Da hat die Gromutter mit unserer Nachbarin, der alten Sailerin, die
sehr schwerhrig war, Wasch g'schwoabt, d. i. Wsche im Bach gesplt.
Als sie beide mit dem schweren Zuber davongingen, rief mir die
Gromutter zu: Lenei, da d' fei du dahoam bleibst und ja net abi gehst
am Bach, net da d' eini fallst und dasaufst.

Ich aber nahm, dem Verbot zum Trotz, meinen Stecken mit der Gabel und
einen groen Hafen und schlich leise hinterdrein.

Die Gromutter und die Sailerin hatten sich auf die groe Waschbank, die
in den Bach hineingebaut war, gekniet und wuschen und hrten bei dem
Rauschen des Wassers nicht, wie ich mich hinter ihrem Rcken auf die
Waschbank legte. Kaum hatte ich mit meinem Stecken einen Stein zur Seite
gerckt, als schon ein groer Dollen herausfuhr. Ich ziele und steche
mit der Gabel zu; aber die war nicht festgebunden und rutscht ab.
Inzwischen war der Fisch zur Seite geschnellt und blieb nahe dem Ufer
ber dem Sand stehen. Mir schien die Stelle seicht genug, um ihn jetzt
mit der Hand fangen zu knnen. Ich stlpe also meinen rmel auf, strecke
den Arm aus und will den Fisch fassen, versinke aber mit der Hand tief
in den weichen Ufersand; dabei verliere ich das Gleichgewicht und strze
in den Bach, jedoch so, da die Fe noch auf der Waschbank blieben. Den
Kopf unter Wasser zerre und zapple ich so lange, bis ich die Fe
nachziehen konnte. Derweilen hatte mir aber das Wasser schon alle Kraft
genommen, und trieb mich nun unter der Waschbrcke hindurch grad unter
die Hnde meiner Gromutter.

Jess', Mariand Josef, insa Lenei! schrie sie und lie das Wschestck
fahren, packte die alte Sailerin am Arm, schttelte sie heftig und
schrie ihr ins Ohr: He, Soalerin, hilf, insa Lenei datrinkt!

Darauf zogen sie mich heraus und fhrten mich heim.

Als der Grovater mich sah, meinte er: Aba Lenei, gel, jetz hast es;
wie leicht kunntst dasuffa sei!

Der Hausl aber, der auf dem Kanapee sa, spottete: Gel, bist in Bach
einig'falln, du Schliffi!

Der Hausl, Balthasar Hauser, wie er eigentlich hie, war im brigen mein
guter Freund. Im Dorf war er freilich wenig beliebt, weil er recht
barsch war und ein groer Geizhals. Ging er umher, so streckte er die
Arme weit hinter sich hinaus; denn er war schon ganz krumm und alt. Er
lebte bei den Groeltern im Austrag und bewohnte die an unsere Wohnstube
anstoende Kammer. Darin hatte er aus der Mauer ein paar Ziegelsteine
herausgebrochen, das Loch ausgemauert und vor die ffnung als Tr ein
dickes Brettlein gemacht, das in Scharnieren hing und an das der
Schlosser ein Schlo hatte anbringen mssen. In diesen Behlter tat er
sein Geld und seine Kostbarkeiten, schmierte das Trlein mit Kalk zu und
machte mit einem Farbstift einen winzigen Punkt an die Stelle, wo sich
das Schlsselloch befand. So glaubte er seine Habe erst sicher vor den
Menschen, denn auer mir wute niemand um diesen geheimen Ort. Wenn er
nun einige Pfennige brauchte, wie an den Sonntagen zum Bier, so ging er
in seine Kammer, zog die Vorhnge zu, kratzte mit einem Messer den Kalk
vom Schlsselloch, und sobald er das Wenige, das er jeweils brauchte,
herausgenommen hatte, strich er alles wieder zu und machte einen neuen
Punkt. Das Hflein mit dem Kalk bewahrte er unter dem Bett auf, das
Nachtgeschirr darbergestrzt. Damit nun nicht etwa jemand diese Dinge
fnde, putzte er selbst seine Kammer und machte sein Bett. Auch wusch er
selber seine Wsche; denn er frchtete, der Gromutter etwas zahlen zu
mssen; und zwar wusch er immer nur ein Stck, hngte es darauf in die
Sonne und setzte sich dazu, damit es ihm nicht etwa gestohlen wurde. Kam
ich an solchen Tagen und sagte: Hausl, geh mit mir furt!, so zeigte er
auf sein Sacktchl und sagte: Wart a bil, bis mei Schneuztchl trucka
is.

Auer ihm waren bei meinen Groeltern noch Kostkinder im Hause, die die
Gromutter aufzog.

Sie war eigentlich nicht meine rechte Gromutter, sondern nur die
Schwester derselben. Meine leibliche Gromutter habe ich nicht gekannt;
sie war schon lange tot. Von ihr hat mir die Gromutter im Winter, wenn
sie mit der alten Sailerin und der Huberwirtsmarie am Spinnrad sa, viel
erzhlt. Sie sei eine sehr bse Frau gewesen, im ganzen Ort gefrchtet,
und alle Leute seien froh gewesen, als sie endlich mit achtunddreiig
Jahren gestorben sei. Sie hatte lange an Magen- und Leberkrebs gelitten;
darum hatte ihre Schwester schon bei ihren Lebzeiten das Hauswesen beim
Grovater gefhrt und die Kinder erzogen. Eigentlich aber war sie eine
Nhterin.

Als nun der Grovater Witwer war, wollte er die Schwgerin heiraten; da
sie aber in ihrer Jugend Mitglied und spter Prfektin des weltlichen
dritten Ordens des heiligen Franziskus geworden war, mute er deswegen
sich an den Papst wenden, der ihr unter der Bedingung Dispens erteilte,
da sie mit ihrem Manne eine sogenannte Josephsehe fhre, das heit, die
gelobte Keuschheit bewahre. Daher kam es wohl auch, da der Grovater
sie immer mit groer Achtung behandelte und ihr niemals ein bses Wort
gab. Nur einmal war eine Geschichte:

Von unsern Khen gab eine, das Brundl, zu wenig Milch. Da nahm sich der
Grovater vor, sie nach Holzkirchen auf den Markt zu fhren und gegen
eine bessere umzutauschen. Obwohl nun die Gromutter dagegen war, hat er
sie doch fortgetrieben und dafr eine wunderschne, schwarzfleckige Kuh
heimgebracht.

Als sie nun das erstemal von der Gromutter gemolken wurde, gab auch sie
nur ein paar Liter Milch. Da meinte man, es komme von der Anstrengung;
aber es wurde nicht besser. Als sie nach ungefhr einer Woche nicht mehr
als fnf Liter Milch gab, whrend wir sonst von unsern Khen zehn bis
zwlf Liter hatten, ward die Gromutter sehr rgerlich und fing an, mit
dem Grovater zu streiten und sagte: Da httst aa nix Bessers toa
knna, als wie ds Viech daher bringa; httst halt's Brundl g'haltn.
Bringst da so an Ranka daher, der oan's Fuada wegfrit und fr nix guat
is.

Da wurde der Grovater zornig: Sei stad! Was vastehst denn du, du
Rindviech! Ds ko i da Kuah net o'sehgn, da koa Milli gibt bei so an
Trumm Euter. Na weis i's halt wieder furt in Gott'snam', da d' an Ruah
gibst, alt's Rindviech.

Darauf erwiderte die Gromutter nichts, sondern ging in die Kuchl
hinaus.

Als sie aber beim Nachtessen das Tischgebet sprach, fing sie pltzlich
beim Vaterunser an ganz laut zu schluchzen und lief hinaus. Da sprach
ich das Gebet zu Ende und sagte darauf zum Grovater: Gel, jetz hast
es, weilst so grob bist. Warum greinst denn a so, wo's es net braucht!
Mei Gromuatta is brav, und balst es no amal schimpfst, nacha mag i di
nimma!

Darauf sagte der Hausl, der auch mit uns a: Woat, Handschuasta, ds
sell mua i selm sagn; da hast an schlechtn Tausch g'macht. Da hat d'
Handschuasterin scho recht, und i moan, dsmal warst du's Rindviech
g'wen.

Diese Rede freute mich, und ich lie das Essen stehen, lief zur
Gromutter in die Kche, setzte mich auf ihren Scho und sagte:
Gromuatterl, sei stad und woan nimma. Der Grovata is dir scho wieda
guat und der Hausl sagt's aa, da der Grovata 's Rindviech is. Jatz
weist er d' Kuah wieder furt und kaaft dir a andere. Und i hab's eahm
scho g'sagt, er darf di nimma ausgreina.

Da nahm sie mich um den Hals und sagte: Du bist halt mei Brave, gel
Lenei.

Darauf a ich mit ihr drauen in der Kche zur Nacht, zog sie danach
wieder in die Stube und rief: So Grovata, jatz is dir d' Gromuatta
wieda guat und woant nimma; jatz muat aba versprecha, da d' es wieda
magst und nimma greinst.

Da lachte er: No, in Gottsnam, Hex, na mag i 's halt wieda.

In der Nacht hab ich zwischen ihnen beiden geschlafen und hab ein jedes
bei der Hand genommen und ihnen die Hnde gedrckt und sie festgehalten.

Auf einmal fngt die Gromutter aufs neue zu schluchzen an: Naa, i ko's
net vergessn, was d' g'sagt hast, wo i dir g'wi a bravs, rieglsams Wei'
g'wen bin.

Stad bist ma! erwiderte der Grovater. Bevor i harb wer'. Ds ko an
jedn passiern; geh nur und kaaf du ei!

Jetzt wurde ich wild, stie den Grovater mit Fen, schopfte ihn bei
den Haaren und schrie: Jatz werd's ma z' dumm! Jatz la d' mei
Gromuatta steh, sunst steh i auf und laaf furt und geh zu der Mnkara
Muatta; da is scheena, da werd net g'strittn und g'greint!

Darauf mute sich die Gromutter in die Mitte legen und ich legte mich
hinaus. Der Grovater aber lachte: Geh, schlaf, du Nachtei!

Am andern Tag in der Frh fragte ich gleich die Gromutter: Is er dir
wieda guat, der Vata?

Ja, erwiderte sie, mir san scho guat.

Aber beim Beten weinte sie wieder wie den Tag zuvor, und so ging es noch
drei oder vier Tage fort.

Die Kuh aber hat der Grovater an den Huberwirt verkauft und dafr vom
Schneider zu Balkham eine wunderschne, trchtige heimgebracht.

Damit war der Streit geschlichtet und ich brauchte nicht mehr zu der
Mnkara Muatta, das heit zu meiner Mutter in Mnchen, zu gehen, die ich
brigens noch nie gesehen hatte und von der ich nur hatte reden hren.
Zu dieser Zeit aber kam ein Brief an meine Gromutter, darin die Mutter
schrieb, da sie bald kommen wrde, uns zu besuchen.

Da sagte mein Grovater zu mir: Dirnei, jatz muat brav sei, d' Mnkara
Muatta kimmt; d bringt dir ebbas Scheens mit. Bal' s' kimmt, na derfst
es von der Bahn abholn.

Ich glaubte natrlich, meine Mnkara Muatta kme schon am selben Tag, an
dem der Brief gekommen war; schlich mich also barfu und ohne Hut oder
Tchl gegen die Sonnenhitze, es war im Sptsommer, fort und lief, so
schnell ich konnte, ber die Brcke den Berg hinauf durch Felder und
Wiesen ber Schlo Zinneberg und Westerndorf nach der Waldstrae, die
gen Grafing fhrt. Dies war am Nachmittag nach der Vesperzeit. Ich lief
durch den Wald, der anfangs ganz licht ist, bald aber dicht, finster und
unheimlich wird, bis an eine Stelle, wo ein Feldkreuz mit einem Bild des
Fegfeuers und daneben ein Marterl steht als Wahrzeichen, da hier ein
Bauer erschlagen aufgefunden wurde. Da frchtete ich mich so sehr, da
ich kaum mehr zu atmen, noch mich vom Fleck zu rhren vermochte.

Derweilen kamen zwei Radfahrer, die mich nach dem krzesten Weg nach
Grafing fragten. Da lste sich meine Angst und indem ich rief: Oes
derfts grad dera Stran nachfahrn! strmte ich schon an den Herren, die
von ihren Rdern abgestiegen waren, vorbei und lief, so rasch mich meine
Fe trugen, bis nach Moosach, dem nchsten greren Dorfe. Dort bat ich
eine Buerin um einen Trunk Wasser. Freundlich gab sie mir einen
Weidling voll Milch und eine Schmalznudel dazu und fragte mich: Wo
kimmst denn her, Dirndei, und wo gehst denn hin?

I geh auf Grafing und geh meiner Mnkara Muatta z'gegn.

Sie mahnte noch: Gel, tua di fei net volaafa, Kind! und begleitete
mich bis unter die Haustr. Mit einem lauten: Gelt's Gott! und Pfat
Gott, Buerin! lief ich wieder weiter, die Strae ber Waldbach,
Baumhau, den groen Untersumpf entlang nach Grafing.

Schweitriefend und keuchend kam ich ungefhr um sieben Uhr abends dort
am Bahnhof an und fragte einen Bediensteten: Bitt schn, wit's s net,
wenn da der Zug vo' Mnka kimmt?

Der aber meinte, vor acht Uhr kme keiner mehr; denn der letzte sei um
fnf Uhr schon gekommen.

Ich glaubte es ihm nicht und fragte einen andern: Habt's s mei Mnkara
Muatta net kemma sehgn?

Da fing der Mann an zu schelten und ich stand traurig da und wute
nicht, was anfangen. In diesem Augenblick kam ein Zug. Ich strmte ber
den Bahnsteig und lief sofort auf eine vornehm gekleidete Frau zu, die
grad ausgestiegen war und fragte sie: Bist du mei Mnkara Muatta?

Sie aber gab mir keine Antwort. Inzwischen hrte ich rufen: Personenzug
ber Kirchseeon, Haar, Trudering nach Mnchen! Da wurde es mir klar,
da es der Zug von Rosenheim war. Ich setzte mich also auf eine Bank und
wartete, bis der Achtuhrzug aus Mnchen kam. Da stiegen aber nur einige
Mnner aus und ich mute mich wieder auf den Heimweg machen, da es schon
ziemlich dunkel geworden war.

Ich fing nun wieder an zu laufen, zurck durch den Wald und den Sumpf.

Inzwischen war es fast Nacht geworden und ich sah pltzlich, da ich
mich verirrt hatte.

Nach einem langen Umweg kam ich ber Bruck nach Wildenholzen. Es ist das
ein kleines, wundernettes rtlein am Fu eines schnen, bewaldeten
Bergabhanges.

Ganz erschpft bat ich in dem Wirtshaus, das am Berge stand, ob ich
nicht rasten drfe und wie weit ich wohl noch htte bis zu meinem
Grovater.

Ja mei, Dirndei, da kimmst heunt nimma hin! Da is gescheita, wennst bei
ins da bleibst; morgen fruah fahrst na mit an Bauern hoam. Aba jatz kimm
eina, na kriagst was z'essn.

Ich konnte vor Mdigkeit und Seitenstechen kaum etwas essen und auch nur
schlecht schlafen. Schreckliche Trume verfolgten mich und ich meinte in
den Sumpf geraten zu sein und versinken zu mssen.

Am Morgen gab die Frau Wirtin mir noch einen Kaffee und dann setzte mich
der Bauer, der nach unserm Dorf fuhr, auf den Wagen.

In Westerndorf stieg ich ab, bedankte mich und ging zu meiner Nanni.
Dies war die Schwester meiner Mutter, eine wohlhabende Buerin, die auch
einen groen Obstgarten hatte. Man nannte sie die Maurerin von
Westerndorf, weil der Schwiegervater ein Maurer gewesen war und die
Hausnamen fast immer vom Handwerk des Besitzers hergeleitet werden.

Die Nanni fhrte mich dann auf meine Bitten hin zu meinen Groeltern.
Diese hatten mich die ganze Nacht in ngsten gesucht und beweinten mich
schon als tot. Aber kein Wort des Vorwurfs kam aus ihrem Munde.

Weilst nur grad da bist, Lenei, arms Nachtei, dumms!

Ohne einen Laut fiel ich dem Grovater in die Arme. Da sah man erst, da
ich ganz hei und voll Fieber war. Ich bekam Lungenentzndung, von der
ich noch nicht genesen war, als etliche Wochen spter meine Mutter
wirklich kam.

Da trat eine groe Frau in die niedere Stube in einem schwarz und wei
karierten Kleide ber einem ungeheuern Cul de Paris. Auf dem Kopf trug
sie einen weien Strohhut mit schwarzen Schleifen und einem hohen Strau
von Margeriten. Sie stand da, sah mich kaum an, gab mir auch keine Hand
und sagte nur: Bist auch da!

Als sie am nchsten Tag wieder fortgefahren war, fragte mich der
Grovater: No, Dirnei, magst nachha eini zu der Mnkara Muatta in d'
Stadt?

Da umhalste ich ihn, schttelte den Kopf und sagte schnell: Naa, naa!

So durfte ich denn noch beim Grovater bleiben und wie zuvor mit ihm
gehen, wenn er irgendwo zu arbeiten hatte.

In diesem Herbst war es nun, da wir einmal zum Ausweien gingen. Und
als der Grovater bei der Arbeit war, schickte er mich wieder heim. Mein
Weg fhrte mich am Obstgarten des Herrn Pfarrers vorbei, darinnen ich
schon auf dem Hinweg einen groen Apfel hatte liegen sehen. Als ich
jetzt wieder vorberkam, suchte ich nach einer Zaunlcke, schlupfte
hindurch und kroch auf allen Vieren durchs Gras und holte mir den Apfel.
Da ich noch einen zweiten liegen sah, a ich diesen sogleich und nahm
den schneren mit heim, um meiner Gromutter eine Freude zu machen.

Gromuatterl, da schaug her, rief ich, i hab dir was mitbracht; an
schn'n Apfel vom Herrn Pfarrer!

Da hatte die Gromutter eine rechte Freude; denn sie meinte, der Herr
Pfarrer habe ihn mir geschenkt.

Bist halt mei bravs Lenei; vergunnst deiner Gromuatta aa ebbas.

Unter diesen Worten schlte sie den Apfel und schabte ihn; denn sie
hatte fast keinen Zahn mehr im Munde.

Ah, der is aba guat! Httst'n net liaba selba gessn, Dirnei?

A naa, Gromuatta, i hab ja scho oan g'habt.

Ein paar Stunden spter sah ich den Herrn Pfarrer daherkommen. Da rhrte
sich mein schlechtes Gewissen, und ich hab mich hinter die Stiege
verschloffen. Inzwischen war meine Gromutter in den Hausgang oder Flz
hinausgegangen, und jetzt seh ich, wie der Herr Pfarrer richtig zu ihr
hereingeht und sagt: Liebe Handschusterin, leider hab ich sehen mssen,
da Ihr Enkelkind, das Lenei, ein paar pfel in meinem Garten aufhob und
damit davonlief. Hrt, Handschusterin: es ist mir nicht um die paar
pfel; aber die Begierde htte das Kind bezhmen sollen. Htte das Lenei
mich gebeten, ich htt' ihr mit Freuden etliche geschenkt.

Nach diesen Worten trat der Herr Pfarrer ins Zimmer und unterhielt sich
noch lngere Zeit mit der Gromutter. Ich aber lief, was ich laufen
konnte, nach Westerndorf zu meiner Nanni. Ich wollte auch zur Nacht
nicht mehr heim, weil ich Strafe frchtete; doch hat mich die Nanni
schlielich berredet und heimgebracht. Ich htte aber nicht so viel
Angst zu haben brauchen; denn der Grovater hat mich verstanden. Und als
die Gromutter anfangen wollte zu schimpfen, fiel er ihr ins Wort: Stad
bist ma! Nix sagst ma bers Kind; hat's dir 'n vielleicht net bracht? I
sags allweil, 's Lenei hat a guats Herz!

Da mute die Mutter still sein. Spter einmal traf mich der Herr Pfarrer
und sagte: Liebes Kind, ich htte dir ganz gerne einen Apfel geschenkt,
wenn du mich darum gebeten httest. Aber selbst aufheben durftest du dir
keinen; denn das nennt man Stehlen.

Neben der Arbeit im Haus, Garten und Stall hat die Gromutter Mieder
genht und war weit und breit wegen ihrer Geschicklichkeit darin berhmt
und gesucht.

Nun kam da zwei- oder dreimal im Jahr ein Mann aus Schwaben, der zog von
Dorf zu Dorf mit seiner Kirm auf dem Rcken und gab fr Haderlumpen den
Leuten Nhnadeln, Steckklufen, Fingerhte, Mabandln und den Kindern
Fingerringe. Meiner Gromutter aber gab er fr die alten Flicken und die
Abflle von den Miedern neue Miederhaken und Schlingen, die er Moidala
und Schloipfala nannte. Einmal waren ihm nun die Miederhaken
ausgegangen, und als ihn die Gromutter fragte: Hast heunt gar koani
Miadein? sprach er: Noi, gar koine Moidala geits mehr; lauta
Schloipfala kannscht mehr haba. Damit wollte er zugleich sagen, da es
jetzt gar keine braven Mdeln mehr in den Drfern gebe und die meisten
sogenannte Schloapfen, das will sagen leichtfertige Wesen seien, die auf
jedem Tanzboden herumschleifen und die jeder leicht haben kann.

Zu all dieser Arbeit zog die Gromutter, wie ich schon sagte, Kostkinder
auf, welche die Gemeinde ihr wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und
Sauberkeit bergab. Es waren dies Kinder von Bauerndirnen, von ledigen
Gemeindeangehrigen, die wer wei wo weilten und ihre Kinder der
Gemeinde aufbrdeten; aber auch Kinder von Gauklern, die diese einfach
den Leuten vor die Tr legten.

So war es auch einmal um die Weihnachtszeit. Drauen lag tiefer Schnee,
und wir saen in der Wohnstube beisammen und jedes hatte seine
Beschftigung: der Grovater band einen Besen, die Gromutter spann und
der Hausl baute mir ein Haus aus groen Holzscheiten. Da klopft es mit
einem Male ans Fenster. Erschreckt schreit die Gromutter auf; der
Grovater aber geht hinaus, zu sehen, wer so spt noch Einla begehrt.
Er sperrt auf und tritt vor die Tr; im gleichen Augenblick aber hren
wir ihn rufen: Heiliges Kreuz! a Kind!, und herein bringt er ein
kleines Bndel und legt's auf den Tisch. Die Gromutter springt auf und
wickelt es aus. Da liegen zwei kleinwinzige Wesen vor ihr, und wie sie
das eine nehmen will, kann sie es nicht heben, weil das andere auch mit
in die Hhe geht. Als sie dann die Windeln aufmachte, sahen wir erst,
da die Kinder zusammengewachsen waren. Auen am Bndel war ein Papier
befestigt; darin lagen die Taufscheine der Zwillinge und ein Brief des
Inhalts, da eine Seiltnzerin die Kinder geboren und bei der Geburt
gestorben sei. Man habe von der Handschusterin gehrt und bitte nun um
Gottes willen um Aufnahme fr die Kinder; die Gemeinde wrde schon
zahlen. Da sagte die Gromutter: Um Gottes willen is aa was; auf die
Mautschein geht's aa nimmer z'samm!

Und so behielt sie die armen Waislein. Als sie aber grer wurden und
sitzen lernen sollten, fand man, da die gewhnlichen Sthlchen zu
klein, eine Bank aber nicht fr sie geeignet war; denn das Ges, mit
dem sie seitlich zusammengewachsen waren, war nicht breiter als das
eines Kindes; von den Hften aufwrts aber nahmen sie den Raum von
zweien ein. Also verfertigte ihnen der Grovater ein eigenes Sthlchen,
sowie ein Bnklein mit einer runden Lehne, in das er zwei Lcher
schnitt, das Bnklein polsterte und die Lcher mit Deckeln versah.
Darunter stellte dann die Gromutter bei Bedarf zwei Nachthflein. Auch
alle Kleidungs- und Wschestcke mute sie eigens machen und das
Spplein gab sie ihnen nicht aus der gebruchlichen Saugflasche, sondern
nahm ein groes Glas und lie einen zinnernen Deckel mit zwei Lchlein
machen, durch die sie zwei lange Gummischluchlein zog. Daran befestigte
sie dann die Sauger.

Als die Mdchen zwei Jahr alt waren, erkrankte eines von ihnen an
Diphtherie, whrend das andere seltsamerweise ganz gesund blieb.

Sieben Jahre hatten meine Groeltern diese Zwillinge bei sich, bis sie
von der Gemeinde an den Besitzer einer Schaubude abgegeben wurden, der
sie auf vielen Jahrmrkten herumzeigte.

Doch nicht immer waren es Kinder solch armer oder heimatloser Leute;
mitunter wurde auch eins von besserem Stand uns vor die Tr gelegt.

So war eine reiche Dame in Rosenheim, die lange Zeit glcklich mit ihrem
Manne, einem Doktor, gelebt hatte. Da ward sein Geist umnachtet und er
vertat in kurzer Zeit all sein Gut. Zuletzt sperrte man ihn in ein
Irrenhaus und wies die unglckliche Frau, die ihrer schweren Stunde
entgegensah, von Haus und Hof. Dies brachte die rmste gleichfalls um
den Verstand, und sie lief eines Nachts von Rosenheim fort und kam bis
nach Ebersberg. Dort brachte sie in einem Schuppen das Kind, ein
Mdchen, zur Welt. Sie hatte nichts, worein sie es wickeln konnte, und
so zog sie ihren Rock aus, bettete das Wrmlein hinein und band es mit
ihren Strmpfen zusammen. In der Nacht machte sie sich wieder auf den
Weg und lief, nun barfu und nur halb bekleidet, bei bitterer Klte,
denn es war im Januar, fort bis in unser Dorf. Vor dem Haus des
Brgermeisters brach sie tot zusammen, und man brachte das Kindlein
meiner Gromutter, die das erstarrte, halbtote Wesen wieder zum Leben
brachte und aufzog.

Auch das Kind eines katholischen Priesters hatten wir einmal in der
Kost. Es war von einem schnen Mdchen, einer Mllerstochter, die von
dem Unhold betrt und in groes Elend versetzt worden war. Sie ertrnkte
sich, whrend der Geistliche seine Pfarrei verlassen und mehrere Jahre
lang einen Strafposten bekleiden mute. Zum Glck starb das Bblein
bald; es hatte den ganzen Kopf voll groer Blutgeschwre gehabt.

Von den zwlf Kostkindern, die die Gromutter um diese Zeit aufzog,
wuchsen zusammen mit mir die Urschl, der Balthasar, genannt Hausei, der
Bapistei und die Zwillinge auf. Sie schliefen alle mit mir bei den
Groeltern in der gemeinsamen groen Schlafkammer, die vier Fenster
hatte. Mein Bett war auf der Seite, wo der Grovater schlief, whrend
bei der Gromutter drben das der Zwillinge stand. Nahe an ihrem Bett
hatte die Gromutter die alte, buntbemalte Bauernwiege stehen. Daran war
ein Ring und an diesem hing ein langes Band, das die Gromutter beim
Schlafengehen um die Hand wickelte. An dem Bande zog sie nun leise, wenn
das Kind unruhig war, und oft hrte ich, wenn ich nicht schlafen konnte,
die ganze Nacht hindurch das leichte Knarren der Dielen. In die Wiege
kam das Kleinste, auer es war ein anderes krank, das dann
hineingebettet wurde. Darum lag die meiste Zeit der Bapistei darin; denn
er war ein recht schwchliches, streitiges Kind. Mitunter nahm der
Grovater der Gromutter das Bandl aus der Hand: Geh, Muatta, la mi
hutschen; tua jetz a bil schlafa!

Aber er konnte es nicht so leise, wie sie, und da schrie denn der
Bapistei so lang, bis die Gromutter wieder das Bandl nahm.

Das Kostgeld fr jedes Kind war von der Gemeinde auf monatlich vier bis
fnf Mark festgesetzt; trotzdem sorgte die alte Frau fr sie wie fr
eigene. Sie war auch in der Krankenpflege sehr erfahren und hatte viele
Hausmittel und wute Krankheiten zu beschwren, was beim Landvolk unter
dem Namen Abbeten bekannt ist.

Als unser Bapistei durch das viele Schreien einen Nabelbruch bekommen
hatte, heilte ihn die Gromutter auf folgende Weise: Sie suchte beim
wachsenden Mond drei kleine Kieselsteine unter der Dachrinne und drckte
jeden Abend beim Mondaufgang einen davon dem Kinde auf den Nabel, drehte
ihn mit dem Daumen und sprach dazu:

   Bruch, ich drucke dich zu,
   Geh du mit der Sonne zur Ruh;
   Im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit,
   Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Dann band sie das Steinlein mit einer Binde fest und gab dem Kinde einen
heilkrftigen Tee. Nach einigen Tagen wurde der Bapistei wirklich
gesund.

Eine meiner schnsten Erinnerungen aus dieser Zeit sind die
Sonntagnachmittage im Winter. Da hat die Gromutter mir vorgelesen aus
uralten, heiligen Bchern und mir erzhlt von gottseligen Leuten und
deren wunderbarem Tod; hat mir Beispiele von der Hilfe unserer lieben
Frau von Frauenbrndl und Birkenstein erzhlt und wundersame Gebete mir
vorgebetet und mich gelehrt. Wenn sie dann beim Lesen eingenickt war und
ich zu ihren Fen auf dem Schemel sa, geschah es manchmal, da ihr die
alte Hornbrille von der Nase und in den Scho fiel. Beim Erwachen wollte
sie weiterlesen; da sie aber ohne Glas nichts sehen konnte, rckte sie
das Buch immer nher an die Augen und griff endlich nach der Stelle, wo
die Brille gesessen, um sie zurechtzurcken. Da merkte sie erst, da sie
ihr entfallen war.

Oft geschah es auch, da sie in der Eile die Brille auf die Stirn schob,
wenn sie mit jemandem sprach. Wollte sie dann spter etwas lesen, so
suchte sie berall: Habt's es denn nindascht g'sehgn? Woa neam'd, wo i
s' hing'legt hab? I find s' scho wieda net!

Ja, was suachst denn, Muatta; was findst denn scho wieda net? fragte
dann der Grovater.

Ah, was wer i denn suacha! 's Augnglas!

Jessas, Jessas! Hast es ja a so drobn am Hirn; bist da du dumm,
Muatta!

Mit diesen Worten schob er ihr die Brille wieder auf die Nase.

Ich hatte sie lngst bemerkt; doch freute es mich, die Gromutter so
ratlos zu sehen, und ich lief berall mit ihr herum und suchte.
Kopfschttelnd ging dann der Grovater in den Stall oder gegen Abend
wohl auch auf den Heuboden, um fr die Khe das Gsott zu schneiden.

Ich aber schlich mich in die Knikammer oder Knigskammer, die zu
betreten mir verboten war. Es war das die beste Stube des Hauses,
angefllt mit den Schtzen, die von den Ureltern auf uns gekommen waren;
auch die Mbel darin stammten aus alter Zeit. Da standen zwei Truhen, an
denen gar seltsame Figuren und Zierate zu sehen waren und darinnen der
Brautschatz der Urgromutter lag. Es war dies ein bald blulich, bald
wie Silber schimmerndes Seidenkleid, ein kstliches, bunt und
goldgesticktes Mieder, dazu eine goldbrokatene Schrze, in die leuchtend
rote Rslein gewirkt und die mit alten Blonden besetzt war. Dabei lag
eine hohe Pelzhaube, wie sie vor hundert Jahren die Brute als Kopfputz
trugen, und zwei Riegelhauben, eine goldene und eine schwarze, mit
Perlen besetzt. Daneben stand ein Kstlein aus schwarzem Holz und mit
Perlmutter eingelegt; darin lag das schwere, silberne Geschnr mit
uralten Talern und einer kostbaren silbernen, neunreihigen Halskette und
Ohrgehnge und silberne Nadeln. Ganz versteckt in der untersten Ecke
aber lag, sorglich in ein zerschlissenes, seidenes Tuch gewickelt, das
Brautkrnlein der Ururgromutter. Es war das ein zierliches Krnzlein,
dessen Blumen und Bltter aus Rauschgold und Edelsteinen gearbeitet und
mit Perlen und Filigran eingefat waren. Nach Art der Riegelhauben aber
war es steif gefttert, und ber der verblichenen Seide lag noch ein
matter, rtlicher Schimmer.

Die andere Truhe war voll des feinsten, selbstgesponnenen Flachses und
schner, gestrickter Spitzen. In einem groen, buntbemalten Schrank lag
handgewirktes Bauernleinen, darunter ein groes Tischtuch, in welches
das heilige Abendmahl gewebt war.

Zwischen den beiden Fenstern, deren dichte Vorhnge keinen Sonnenstrahl
hereinlieen, stand das Kostbarste, ein Glaskasten, dessen Rckwand mit
Spiegeln belegt war. Darin spiegelten sich zierliche Meiener Figuren,
Teller und Tassen und bunte glserne Krge. Im Vordergrund auf einem
Ehrenplatz aber stand die alte Hausapotheke. Sie war voller Geheimnisse
und sah aus wie ein Bild, das die heilige Familie vor dem Hause zu
Nazareth darstellte; nur waren die Figuren rund und in Silber getrieben.
Rechts im Vordergrunde stand der heilige Joseph mit einer Axt und
zimmerte an einem Balken, whrend ihm gegenber Maria mit einer Spindel
sa und spann. In der Mitte aber war das Jesuskindlein und hielt in der
einen Hand eine Axt und in der andern ein Kreuzlein, das es selbst
gezimmert hatte. Die Figuren konnte man abschrauben und fand dann im
Innern ein Flschlein mit Medikamenten. Schraubte man das Jesuskind ab,
so lag darinnen ein kleiner Schlssel; der sperrte das Schlsselloch im
Hintergrunde und ffnete das Haus von Nazareth. Da fanden sich im Innern
Lanzetten, Scheren und silberne Bchslein fr Pflaster und Salben.
Umgeben war das Ganze von einem alten, silbernen Rahmen.

In der Kommode lag mein Taufzeug und das der Kinder, die die Gromutter
in der Kost gehabt hatte, dazu eine Menge seidener Tcher fr Hals und
Mieder. Eine andere Schublade war voll von Bchern, deren Druck so alt
war, da ich kaum ein Wort zu lesen vermochte. Auf dem alten Sesselofen
stand eine groe Schssel, darin die Eier unserer Hennen fr den Verkauf
gesammelt wurden; ferner ein groer Blechbehlter mit Schmalz, etliche
Krge voll Honig und in der Bratrhre das feine Eingekochte. Unter der
Bettstatt, deren Bett kaum zu ersteigen war vor Hhe und Flle des
Flaums, stand eine groe Holzschachtel, in der die Krnze und der
Grabschmuck aufbewahrt wurden. An den Wnden hingen alte Bilder mit
sonderbaren Gestalten und Gesichtern und ein groes Kruzifix, dessen
Christusfigur so erschreckend zerfleischt aussah, da ich sie immer mit
geheimem Grauen betrachtete.

Gewhnlich aber blickte ich nicht lange nach den Wnden, sondern hockte
mich vor eine Truhe oder Lade, whlte darin herum, zog alles heraus und
besah dies oder probierte das. Dazwischen schaute ich des ftern in die
Bratrhre, wo das Eingekochte stand. Diese Glser voll Kirschen,
Zwetschgen oder Himbeeren waren alle mit einem pergamentenen Deckel
verschlossen -- und meine Gromutter verwunderte sich hufig darber,
da das Pergament schon wieder geplatzt war: I woa net, Vata, was ds
is; bei d Zweschbn is's Papier scho wieda hi'!

Der Grovater aber meinte mit einem Seitenblick auf mich: D wer'n halt
austriebn ham, Muatta; d man bald gessn wer'n.

berhaupt lie mir der Grovater zu jeder Zeit gern etwas Gutes oder
Besonderes zukommen und brachte von jedem Holzkirchner Viehmarkt auch
fr mich etwas mit: ein lebzeltenes Herz, einen Rosenkranz von sem
Biskuit, ein Schchtelchen voll Zwiefizeltl und dergleichen. Auch war er
stets besorgt, da ich nichts Unrechtes e. Als einmal bei uns
Jahrmarkt war und ich mit einem Fnferl, dem Geschenk unseres Hausl,
tanzend und singend dahineilte, mir etwas darum zu kaufen, ging mir der
Grovater besorgt nach und erwischte mich gerade noch, als ich mir eben
vor dem Stand eines Fleischhndlers, dessen Schild als Zierde rechts und
links einen Pferdekopf trug, eine groe schwarzrote Wurst schlte, die
ich nach langem Hin- und Hersuchen endlich als das wohlfeilste und
meiste fr die Mnze erstanden hatte:

Ja mei, Nachtei, dumms, mchst net gar a Rowurscht essn! Da kunntst
sch krank wer'n!

Und eiligst nahm er mir dieselbe und gab sie einem Hund; darauf fhrte
er mich, nachdem er mir ein anderes Fnferl gegeben hatte, in die Post,
wo schon Kopf an Kopf mnniglich beieinander sa und a und trank. Hier
kaufte er mir eine lange Bratwurst und dazu ein Kipferl. Danach durfte
ich mir bei einem alten, wunderlichen Mann eins von den bunten Pcklein,
die zu einem groen Haufen aufgeschichtet vor seinen Fen lagen,
kaufen. Es war eine berraschung, wie der Alte sie nannte und mit groem
Eifer anpries.

Gewichtig trug ich, gefhrt vom Grovater, das in hochrotes Glanzpapier
gerollte Pcklein heim und ffnete es, nachdem ich alle im Haus um mich
versammelt hatte. Da lag ein Kettlein aus blauen Glasperlen, ein
Bildchen und etliche se Kgelchen vor mir, und ich pries froh die
Umsicht des Grovaters: Vaterl, du bist g'scheit! Du hast a glckhafts
Geld, wo ma was g'winnt damit! Und jubelnd hing ich mich an seinen
Hals.

Noch war mir eine andere Art von Dankbarkeit fremd und ich mute noch
nicht zum Dank fr erhaltenes Gute besonders brav und folgsam sein; doch
habe ich immer ohne jeden Antrieb besser gefolgt, wenn mein Grovater
mir auf solche und hnliche Weise seine Zrtlichkeit bewies. Da konnte
ich stundenlang, ohne mich besonders bemerkbar zu machen, im Haus
bleiben und fr mich spielen. Und fehlten auch alsdann meine
Spielkameraden, so ging mir doch niemand ab; denn ich schuf mir selber
einen Ersatz, indem ich etliche Sacktcher des Grovaters mit Lumpen
fllte, einen Kopf daraus formte und unter die herabhngenden Zipfel ein
Scheitlein Holz steckte. Diese Flecklpuppen hatten alle mglichen Namen
und Wesen; bald waren sie meine Kostkinder, bald eine Familie fr sich.
Oft muten sie aber auch unsere Khe und Hhner vorstellen, und da ward
dann der Stiefelzieher zum Grovater, der Fuschemel aber zum Heuwagen,
auf dem die Hhner nach Holzkirchen, das bei mir hinter dem Ofen lag, zu
Markt gefahren wurden.

                   *       *       *       *       *

Mit dem Beginn des Frhjahrs mute ich zur Schule gehen, wovon die
Gromutter nicht viel hielt, da sie nie in der Volksschule gewesen und
Schreiben und Lesen nur nebenbei in der Frauenarbeitsschule gelernt
hatte. Kam ich heim, so hatte sie immer etwas fr mich gemacht; sei es
einen Gugelhopf, Rohrnudeln oder einen fetten Schmarrn mit einem
Zwetschgentauch und meinte: Arms Lenei; so vui Hunga hast kriagt. Wenn
nur d verflixte Schul glei der Teifi holn tat. Was braucht insa Dirndei
a Schul; mir ham aa koane braucht und san aa gro wordn und taugn unta
d' Leut.

Sie mochte dabei wohl auch an den Grovater denken; denn als ich einmal
auf der Hausbank sitzend mich an dem kleinen a versuchte und trotz aller
Kraft auf meiner Tafel nichts zuwege brachte, schob ich sie dem
Grovater hin und bat ihn: Geh, Vata, mach ma du ds kloane a!

Ja mei, Dirndei, da muat scho zu der Gromuatta geh; i ko net lesn und
net schreibn; ds ham mir net g'lernt!

Am Sonntag zum Gottesdienst gingen wir im Feiertagsgewand, aber barfu
in die Kirche, weil wir sonst mit den genagelten Schuhen dem Herrn
Pfarrer zu viel Lrm gemacht htten; denn der Herr Pfarrer, obwohl er
schon ein alter Mann mit schneeweiem Haar war, konnte noch immer recht
zornig werden und hat bei der Predigt oft mit gar scharfen Worten die
Verfehlungen seiner Pfarrkinder gergt; so das Kegelscheiben am Sonntag
whrend des Gottesdienstes, den Wirtshausbesuch, das Fluchen und vor
allem das Kammerfensterln. Hatte ein Bursch oder ein Mdel gebeichtet,
da sie beieinander gewesen waren, so wurde das am darauffolgenden
Sonntag vor der ganzen Gemeinde von der Kanzel herab gegeielt, und
leicht konnte man erraten, wer gemeint war. Lebhaft erinnere ich mich
noch an die Schluworte einer Predigt, die er am Christi
Himmelfahrtstage hielt, und wie er, nachdem er die Freuden im Himmel und
die Glorie der Seligen geschildert hatte, mit lauter Stimme rief: Heute
ist der Tag, an welchem Christus, der Herr, hinaufgefahren ist in jene
lichten Hhen, in denen die ewige Seligkeit wohnt, die wir euch erlangen
sollen. Aber pfeifen tun wir euch was, ihr gescherten Bauernlmmel! Seit
Jahren erhalten wir von euch keine Eier, Butter, Schmalz, oder was sonst
euere Dankbarkeit bezeuge. Aufgefahren ist er zum Himmel, von wo er
kommen wird, euch zu richten und in die ewige Verdammnis zu bringen.
Amen!

An den Sonntagnachmittagen muten die Burschen und Mdchen unter
sechzehn Jahren die Christenlehre besuchen; dabei hatten auch wir Kinder
und die Erwachsenen Zutritt. Beim Beginn wurden alle mit Namen
aufgerufen und jedes mute sich mit einem lauten Hier melden. Fehlte
eines und war nicht gengend entschuldigt, dann mute es, ob Bursch oder
Mdel, am darauffolgenden Feiertag hinausknien zum warnenden Beispiel
fr die andern. Konnte eines die Fragen des Katechismus nicht
beantworten, so schrie der Herr Pfarrer: Was der Katechismus dich
fragt, das weit du nicht; aber was der Bursch dich beim Fensterln
g'fragt hat, das weit du noch!

Darauf wetterte und schimpfte er whrend der ganzen Christenlehre.

Wurde jemand aus der Gemeinde begraben, der nur selten den Gottesdienst
besucht und dem Pfarrer die schuldigen Abgaben in Naturalien nicht
geleistet hatte, so war die ganze Grabrede eine Lsterrede auf den armen
Verstorbenen und seine Angehrigen, und man sah ihn schon leibhaftig in
der Hlle und der ewigen Verdammnis.

Kirchliche Handlungen machten damals einen groen Eindruck auf mich und
vor allem bewegte mich das sonntgliche Memento und Requiem auf dem
Friedhof. Dabei ging der Pfarrer nach der Predigt und den gemeinsamen
christlichen Gebeten in Prozession mit den Glubigen aus der Kirche auf
den Gottesacker hinaus und hielt einen Umgang, whrenddem der Herr
Lehrer das Requiem sang und die Leute die Grber ihrer Angehrigen mit
Weihwasser besprengten, wofr ein jedes sein Weihbrunnkrgl mitgebracht
hatte. Danach wurde am Grab gebetet, bis es zum Hochamt lutete. Whrend
der feierlichen Handlung stand ich zwischen den Groeltern und frchtete
mich vor dem Tod.

Das tat ich aber nur an den Sonntagen; denn unter der Woche ging ich
ohne Furcht auf den Gottesacker und richtete die Grber der armen Leute
wieder her, indem ich die Blumen von den Grbern der Reichen nahm. Nach
dieser Arbeit ging ich in die Kirche und wusch mir in dem groen
Weihbrunnzuber, der im hintersten Winkel stand, meine Hnde. Darauf
machte ich in den Bnken Ordnung, trug die liegengebliebenen Gebetbcher
auf einen Haufen zusammen und betrachtete eins nach dem andern. Die
Heiligenbildl, die ich dabei fand, verteilte ich am andern Tage unter
die Schulkinder; bisweilen aber habe ich sie auch gegen einen
Schmalznudel eingetauscht. Ein andermal schmckte ich die ganze
Wallfahrtskapelle zu Frauenbrndl mit Feuerlilien, die ich heimlich aus
dem Garten eines unbewohnten Hauses genommen hatte; denn ich wute
damals nur, da der Zweck die Mittel heilige.

Einmal freilich war es doch anders; als nmlich die Kirschen reif waren.
Da rief eines Tages ein Bub aus Adling, einem benachbarten Dorf, der zu
uns in die Schule ging, vor Beginn des Unterrichts: D' Kersch san zeiti
bei der Schmiedin z' Olling; wer geht mit zum Stehln?

I, schrie ich sofort und suchte mir gleich noch mehr Genossen: Wer
tuat mit? zum Kerschnstehln werd ganga!

Da meldeten sich noch fnf oder sechs, und nach der Schule um zwei Uhr
zogen wir ab. Als wir nach Adling kamen, fuhren sie bei der Schmiedin
grad mit dem Wagen fort, um Heu einzufhren. Wir meinten, jetzt wrden
sie recht lang ausbleiben; darum stieg ich und einer der Buben auf den
Baum, whrend die andern drunten Hte und Schrzen aufhielten und
unaufhrlich schrien: Schmeit's amal oa oba! Schmeit's halt oa oba!
denn wir zwei saen droben und aen, und erst als uns der Bauch weh tat,
warfen wir auch den andern etwas hinunter. Auf einmal schreit einer der
Buben: Steigt's oba, d' Schmiedin kimmt und der Knecht mit an Fuada
Heu! und damit nahmen die andern Reiaus. Zum Hinuntersteigen war es
aber schon zu spt; denn der Knecht kam schon daher und rief: Ja
natrli, d' Handschuastalena halt! Schaugt's, da 's aba kemmt's, s
Sakramenta!

Bal ma mgn scho! Geh auffa, na kriagst aa Kersch!

Damit ri ich ein paar Kirschen ab und warf sie ihm ins Gesicht. Da
mute er lachen und lie uns ohne Strafe fort. Derweilen hatte uns die
Schmiedin erblickt und schrie: Ja, was is denn ds! Jetz stehln ma d
gar meine Kersch! Glei tuast es hera! Denn ich hatte noch meinen ganzen
Schurz voll.

I mog net, schrie ich, und damit liefen wir davon.

Spter, als die Kriechen, kleine Pflaumen, zeitig waren, haben wir ihr
noch einmal einen Besuch gemacht; denn ich war inzwischen das schlimmste
Lausdirndl vom Dorf geworden, das mit allen Buben raufte und berall
dabei war, wo es etwas anzurichten gab.

Ja, als wir am Feste Christi Himmelfahrt nach uraltem Brauch Blten und
Kruter sammelten, zu groen Struen banden und damit zur Kirche
wanderten, um sie weihen zu lassen zum Segen unserer Fluren und cker
und als heilsame Arznei fr erkranktes Vieh, da schlug ich dem um
etliche Jahre lteren Bachmaurer Franzl, der sich unterstanden hatte, in
der Kirche vor mich hinzustehen und mit seinem Kruterbuschen mich an
den Augen zu kitzeln, mit meinem Strau so heftig ins Gesicht, da er
seine Blten fortwarf und aus der Kirche lief, worauf ich lachend auch
seinen Buschen nahm und fr uns weihen lie.

War im Ort eine Hochzeit angesagt, so erfuhr ich dieses sogleich durch
die alte Sailerin; und da lief ich denn berall herum bei Buben und
Mdchen, ihnen die Neuigkeit zu berichten und sie zum Mittun anzufeuern;
denn da gab es fr uns einen hbschen Spa: wir holten uns lange Stricke
oder Bnder und stellten uns, wenn die Hochzeitsleute zur Kirche fuhren,
an den etwas engeren Gassen auf, spannten das Band ber den Weg und
schrieen und wnschten Glck zur Brautfahrt. Die also angehaltenen
Brautleute aber hatten, dem alten Brauch und Herkommen nach, sich mit
einem nicht zu kleinen Scklein neuer Kupfermnzen wohl versorgt und
warfen nun etliche Hnde voll unter uns, sich loszukaufen. Whrend
jedoch die einen sich darum balgten, strmten wir in fliegender Eile
weiter und wiederholten die List, bis wir sahen, da der Sckel fast
leer war. Den erhielten sodann wir, die das Band gehalten, und teilten
ihn ehrlich, wenn auch nicht ohne Streit und Prgel.

Nur eins gab es, wovor ich mich frchtete, die Zigeuner mit ihren Affen
und die Dudelsackpfeifer; doch auch meine Gromutter teilte diese Scheu.
Kamen solche vagierende Leute in den Ort und in die Nhe unseres Hauses,
so lief ich, was ich konnte, heim und schrie: Gromuatta, da Dudlsack
kimmt!

Eilends lief sie dann an alle Tren und verriegelte und versperrte das
ganze Haus, zog die Vorhnge der unteren Stube zu und versteckte sich
mit mir unter dem kleinen Fensterchen des Hausflzes.

Meist waren die Musikanten zu dreien, und der dritte hatte, whrend die
andern aufbliesen, sich um den Sold und etwaige nicht sicher genug
verwahrte Habe, die des Findens wert war, umzuschauen. Da schlich er
denn ums Haus, versuchte alle Tren, lugte an den Fenstern herum und gab
endlich in seiner verworrenen Sprache den mimutigen Bescheid, da
niemand zu Hause sei. Fluchend machten sie alsdann, da sie weiter
kamen, whrend die Gromutter ngstlich und Gebete murmelnd auf den
Dachboden ging und nach den Entschwindenden Ausschau hielt, ehe sie es
wagte, wieder zu ffnen.






Whrend ich also sorglos dahinlebte, geliebt von den Groeltern,
getadelt von Lehrer und Pfarrer, gefrchtet von jenen Kameraden, die
mich einmal in meiner Wildheit versprt hatten, gesucht von denen, die
meine Streiche verstanden und dazu halfen, kam eines Tages die
Nachricht, da die Mutter in Mnchen geheiratet hatte. Ich war nmlich
nur ein lediges Kind, und mein Vater war, als ich kaum zwei Jahr alt,
auf der Reise nach Amerika mit dem Dampfer Cimbria untergegangen.

Bald nach der Hochzeit meiner Mutter kam an einem Sonntagvormittag ein
Brief. Die Groeltern saen gerade mit der Nanni bei der Vesper, whrend
ich hinter dem Rcken der Gromutter einen Ri in meinem Sonntagsgewand
mit ein paar Klufen zusammensteckte.

Auf einmal schlgt der Grovater mit der Faust auf den Tisch und springt
auf: Ja, hast jatz so was scho derlebt!

Erschreckt fragt die Gromutter: Was hast denn, Vata? Is leicht gar
ebbas passiert bei der Lena z' Mnka drin?

Naa, aber 's Lenei sollt i eahna eini bringa; sie verlangt's!

Was! schrie ich und sprang auf. I in d'Stadt! Naa, naa, ds tua i
net!

Stad bist, du hast gar nix z' redn! fuhr mich da die Nanni an. Froh
sollst sein, da d' eini derfst in d' Stadt, wo's d' was Feins werdn
kunntst!

Ja mei, meinte die Gromutter, gar so leicht is net. D' Leut han
oamal z' schlecht in der Stadt und a Kind is glei verdorbn.

Whrend nun die Gromutter und die Nanni noch lange hin und her
berieten, hatte sich der Grovater nachdenklich auf das Kanapee gesetzt
und stand jetzt mit den Worten auf: In Gott's Nam', ma' ma's halt
hergebn.

Dabei blieb es auch, und mir half weder Toben noch Bitten noch
Schmeicheln etwas.

Also kam die Nhterin auf die Str und ich wurde mit Stoffen behngt und
mit Nadeln besteckt und mute den ganzen Tag stillstehen.

Und als der Morgen der Abreise gekommen war, badete mich die Gromutter
und zog mir, nachdem der Grovater mit zufriedenem Schmunzeln meinen
Rcken und das rundliche Buchlein befhlt und beklopft hatte, ein neues
Hemd und die ersten Unterhosen an. Als ich in den Spiegel sah, rgerte
mich der hintere Hemdzipfel, der nicht in der Hose bleiben wollte,
sondern wie ein Hennenschwanz starr und steif herausstand. Doch
verschwand er bald unter einem roten Flanellrcklein, worber ein grnes
Bareschkleid kam, das mir bis auf die Fersen ging, und dessen Spenzer
mit bunten Glasknpfen besetzt war. Am Ende band mir die Gromutter noch
ein himmelblaues Frta und eine gestickte Halsbarbe um und steckte in
das in zwei Zpfen aufgemachte Haar einen silbernen Pfeil. Darauf
wickelte sie mir den Gesundheitskuchen, den sie noch gebacken hatte, in
ein buntes Tuch; der Grovater aber brachte einen Kletzenweck vom Bcker
und legte ihn in das Krblein zu den Schmalznudeln und Zwiefipfeln, die
die Nanni geschickt hatte.

Als mir der groe, schwarze Strohhut mit den roten Blumen und den
karierten Bndern aufgesetzt worden war, nahm ich Abschied, wobei die
Gromutter recht weinte. Auf dem Weg zum Postwagen sagte ich noch dem
ganzen Dorf Pfat Gott.

Unterwegs whrend der Fahrt gab mir der Grovater noch viele Ratschlge
und sagte: Dirnei, jatz muat a recht a g'scheits und recht a richtigs
Madl werdn und muat dein neu'n Vatan recht mgn und der Mnkara Muatta
recht sch folgn. Muat aa recht g'schickt sei und berall zuawi
springa, wo's was z' arbatn gibt. Jatz derf ma nimma Kuchei sagn, jatz
hoats Kch, und statt der Stubn sagt ma Zimmer und statt'n Flz sagt ma
Hausgang. Und Kihrwisch sagt ma aa nimma, sondern Kehrbesen.

Da versprach ich ihm, recht Obacht zu geben und brav zu bleiben.

Am Ostbahnhof stand schon meine Mutter und empfing uns mit groer
Freude. Ich reichte ihr die Hand und sagte, der eben erhaltenen Lehren
eingedenk, mglichst nach der Schrift: Gr Gott, Mutter!

Schau, schau, wie gebildet die Leni schon wordn ist! Da wird aber der
Vater viel Freud habn, wenn er so ein g'scheits und vornehmes Tchterl
kriegt. Mit diesen Worten zog sie mich rasch an sich und fhrte mich an
der Hand, whrend der Grovater sich hinter uns immer mit seinem
Schneuztchl zu schaffen machte.

Wir stiegen in eine Pferdebahn, und whrend sich die Mutter mit dem
Grovater unterhielt, sah ich unverwandt durchs Fenster und starrte die
hohen Huser und Kirchen an und staunte ber die kurzen Rcke und Hosen
der Kinder, die gerade aus einer Schule kamen. Am Marienplatz, wo wir
aussteigen muten, denn damals fhrte noch keine Pferdebahn nach
Schwabing, verga ich beim Anblick des Fischbrunnens pltzlich meine
ganze gerhmte Bildung und schrie, indem ich eilig darauf zulief:
Grovatta, do schaug hera, wia d Fisch 's Mu aufrein!

Entsetzt wandte meine Mutter sich ab, whrend mein Grovater mich am
rmel ergriff und mir zuflsterte: Bscht, sei stad, Dirnei! Mu derf ma
ja jatz nimma sagn, Mund hoat's do jatz!

Und damit nahm er mich bei der Hand und zog mich weiter. Doch vor der
Residenz gab es einen neuen Zwischenfall. Dort zog eben die Wache auf,
und ich rief beim Anblick der im Paradeschritt aufmarschierenden
Soldaten: Ah, Muatta, Vata, d schaugts o! D gengan ja grad wia meine
hlzern' Mandln, d wo ...

Um Gottes willen, Leni, fiel mir die Mutter ins Wort, sei doch still!
Das is ja Majeschttsbeleidigung!

Whrend ich noch ber dies letzte Wort nachdachte, zogen sie mich schon
durch die Ludwigsstrae, und stillschweigend trottete ich nun nebenher,
bis wir nahe dem Siegestor in eine Seitenstrae einbogen.

Vor einem hohen Hause, auf dessen rtlicher Fassade mit groen
Buchstaben das Wort Restaurant geschrieben stand, machten wir halt.
Unter dem Tore stand schon mein neuer Vater und empfing uns mit
herzlichen und guten Worten. Wir traten durch den Hausgang in einen
kleinen Garten, von dem aus eine Tr in die Kche fhrte. Nachdem uns
die Mutter dort an einen kleinen Tisch gesetzt hatte, lief sie schnell
in die Wohnung und zog sich um; denn es war Mittag und die Kchin begann
schon zu jammern, weil sie bei der groen Zahl der Gste mit dem
Anrichten allein nicht fertig zu werden vermochte. Die Gastwirtschaft,
die der Vater schon vor der Hochzeit bernommen hatte, war nmlich
damals wegen der guten Kche von den Studenten sehr besucht. Mit offenem
Munde sah ich nun dem Trubel im Gastzimmer und in der Kche zu und
getraute mir mit dem Grovater kaum ein Wort zu reden vor Angst, die
Mutter in ihrer aufgeregten Geschftigkeit zu stren. Als es etwas
ruhiger geworden war und die meisten Gste fort waren, bekamen auch wir
zu essen und gingen danach in die Gaststube zum Vater, der den Grovater
nach vielem fragte: was die Gromutter mache, wie es mit dem Vieh gehe,
wie es mit der Arbeit daheim sei und auch, was ich bisher getrieben. Da
gab ihm der Grovater ber alles Auskunft.

Am Abend gingen wir zeitig ins Bett, und man fhrte mich in ein kleines
Kammerl, in dem nur ein Bett und ein Stuhl stand; denn meine Eltern
besaen damals nur das Allerntigste. Mein Grovater teilte das Bett mit
mir und gab mir noch viele Ermahnungen, bis ich endlich in seinem Arm
einschlief.

Andern Tags reiste er wieder heim, und ich mute nun alles lndliche
Wesen ablegen. Zuerst bekam ich ebenfalls kurze, stdtische Kleider, und
dann wurden mir meine schnen, langen Haare abgeschnitten, weil ich
Lus' htte, wie die Mutter sagte. Auch lernte ich jetzt arbeiten. In
der Wirtschaft mute ich kleine Dienste tun: Brot und Semmeln fr die
Gste in kleine Krbchen zhlen, den Schanktisch in Ordnung halten,
Sachen einholen und manchmal auch den Kegelbuben ersetzen.

Meine Mutter war damals eine sehr schne Frau und sprach immer sehr
gewhlt; denn sie war jahrelang Kchin in adligen Husern gewesen. Darum
schalt sie nun tglich ber meine buerische Sprache, wodurch sie mich
so einschchterte, da ich oft den ganzen Tag kein Wort zu sagen wagte.
Auch in der Schule spotteten mich die Kinder aus und nannten mich nur
den Dotschen oder die Gscherte. So dachte ich oft des Nachts, wenn ich
allein in meiner Kammer war, denn bei Tag hatte ich nicht viel Zeit zum
Nachdenken, mit Sehnsucht zurck an das Leben bei meinen Groeltern und
erzhlte unserer groen Katze, die ich mit ins Bett nahm, mein Unglck.

                   *       *       *       *       *

Im Sommer des darauffolgenden Jahres kam der Grovater das erste Mal auf
Besuch. Hiefr hatte die Mutter mich ein Trutzliedlein gelehrt; und als
er nun bei uns in der Kche sa und mich auf dem Scho hielt, drngte
ich ungeduldig: Grovata, Grovata, i kann was; du, Vata, hr doch! I
kann was!

Glei derfst es sagn, Dirnei, glei, entgegnete er; denn er sprach noch
mit der Mutter.

Und als ich es endlich sagen durfte, da sang ich: Was braucht denn a
Bauer, a Bauer an Huat; Fr an so an gschertn Spitzbuam is a Zipflhaubn
guat!

Da sah ich statt des erwarteten Beifalls Trnen, die dem Grovater ber
die Wangen liefen, und nun merkte ich erst, was ich angestellt hatte.

Grovata, i kann fei nix dafr! rief ich. D' Mutter hat mir's
g'lernt.

Er antwortete nichts darauf und strich mir nur wie zur Beruhigung bers
Haar.

Nachts dann im Bett, ich schlief bei ihm, klagte ich ihm mein Leid und
bat ihn, mich doch wieder mitzunehmen.

Und als er am Abend des darauffolgenden Tages vom Ostbahnhof fortfuhr,
hngte ich mich an ihn, und als er eingestiegen war, sprang ich auf das
Trittbrett und klammerte mich fest, so da es der Mutter nur mit groer
Mhe gelang, mich von dem fahrenden Zuge herunterzureien. Danach bekam
ich meine Prgel, die wohl berechtigt, aber nicht das rechte Mittel
waren, um die Dinge besser zu machen.

                   *       *       *       *       *

Nachdem mein Stiefvater das Geschft einundeinhalb Jahr gefhrt hatte,
konnte er das Anwesen mit gutem Nutzen wieder verkaufen; denn er war ein
tchtiger Metzger und Schenkkellner und hatte die Wirtschaft in kurzer
Zeit in die Hhe gebracht. Daraufhin beschlossen die Eltern, einige Zeit
zu privatisieren und nachtrglich ihre Hochzeitsreise zu machen.

Whrend ihrer Abwesenheit blieb ich bei der Tante Babett, einer
Schwester meines Stiefvaters, die den Haushalt bei uns fhrte. Sie war
fast den ganzen Tag in der Kirche und hat mich recht geqult und
geschunden; denn sie wollte mich auch zu einer so heiligen Person
machen, wie sie war. Ich wurde allen Pfarrern vorgestellt, und denen
klagte sie, wie mrrisch und ungut ich sei, worauf mich die geistlichen
Herren ermahnten, ich solle mich bessern.

Als die Eltern von der Hochzeitsreise, die sie zu Verwandten in die
Schlierseer Berge gemacht hatten, nach zwei Monaten zurckkamen, begann
die Mutter zu krnkeln, stand oft nicht auf, mute sich hufig erbrechen
und wurde doch von Tag zu Tag dicker. Die Tante aber sa hinter
verschlossenen Tren und nhte an Hemdlein, an Tchlein und Windeln.

Inzwischen hatte der Vater die Wohnung gekndigt und ein Haus mit einer
Altmetzgerei in der Corneliusstrae gekauft. Mit dem Umzug dahin begann
fr mich ein ganz anderes Leben; denn die Tante Babett bernahm jetzt
die Fhrung des Haushalts bei einem geistlichen Herrn, und da meinte die
Mutter, ich sei nun gro genug, ihre Stelle zu versehen. Ich war damals
neun Jahre alt.

In aller Frhe mute ich zuerst das Fleisch austragen, dann Feuer
machen, Stiefel putzen, Stiegen wischen und der Mutter die Sachen
einholen, die sie zum Kochen brauchte. Sie blieb jetzt immer am Morgen
liegen, und so ging ich gewhnlich nchtern in die Schule.

In einer Februarnacht aber kam das Kind, und damit begann fr mich eine
harte Zeit. Nun hie es um fnf Uhr aufstehen und zu den brigen
Arbeiten noch das Bad, Wsche und Windeln fr den kleinen Hansl
herrichten. Kam ich mittags aus der Schule, wurde ich meistens mit
Schlgen empfangen; denn ich hatte nachsitzen mssen, weil ich in der
Frh zu spt gekommen war. Vor dem Essen mute ich noch den Laden und
das Schlachthaus putzen und das Ntige einkaufen. Bei Tisch hatte ich
dann laut das Tischgebet zu beten. Als ich einmal beim Vaterunser statt
auf das Kruzifix zum Fenster hinaussah, schlug mich die Mutter ins
Gesicht, da mir das Blut zu Mund und Nase herauslief; auch bekam ich
nichts zu essen und mute whrend der Mahlzeit am Boden knien. Nach
Tisch hatte ich das Geschirr zu splen, die Kindswsche zu waschen und
den Buben einzuschlfern. Ganz abgehetzt kam ich dann des Nachmittags in
die Schule und konnte whrend der Handarbeitsstunden nur mhsam den
Schlaf bekmpfen. Deshalb lernte ich nur schlecht handarbeiten und bekam
in diesem Fach meist die Note Ungengend. Zudem strengte mich
besonders das Stricken an und verursachte mir stets heftiges Kopfweh.
Das wute die Mutter. Hatte ich nun bei der Hausarbeit etwas nicht recht
gemacht, so gab sie mir mit einem spanischen Rohr sechs und manchmal
zehn Hiebe auf die Arme und die Innenflche der Hnde, da das Blut
hervorquoll. Hierauf mute ich mir die Hnde waschen und an einem
Strumpf in einer gewissen Zeit einen groen Absatz stricken. Vermochte
ich vor Schmerzen bis zu der bestimmten Minute nicht fertig zu werden,
so wurde die Zchtigung wiederholt.

Im brigen machte ich in der Schule gute Fortschritte und war bald die
Erste. Meine Lehrerinnen nahmen sich meiner sehr an, und als ich einmal
in der Frh barfu in die Schule kam, schickte mich mein Frulein mit
einem Brieflein nachhause, worin sie der Mutter Vorwrfe machte. Doch
hatte dies nur eine erneute Zchtigung mit einem Spazierstock meines
Vaters zur Folge, einem sogenannten Totschlger oder Ochsenfiesel, in
den ringsherum kleine Bleikugeln eingegossen waren.

Geliebt hat mich meine Mutter nie; denn sie hat mich weder je gekt,
noch mir irgend eine Zrtlichkeit erwiesen; jetzt aber, seit der Geburt
ihres ersten ehelichen Kindes, behandelte sie mich mit offenbarem Ha.
Jede, auch die geringste Verfehlung wurde mit Prgeln und Hungerkuren
bestraft, und es gab Tage, wo ich vor Schmerzen mich kaum rhren konnte.

Der Hunger, den ich zu leiden hatte, und der Umstand, da ich in der
Frh selten ein Frhstck bekam, veranlaten mich, Trinkgelder, die ich
von den Leuten fr das Fleischbringen erhielt, oder auch etliche
Pfennige von dem Betrag fr das gelieferte Fleisch zu nehmen und mir
Brot dafr zu kaufen. Als die Mutter durch Zufall dies entdeckte,
mihandelte sie mich so, da ich mehrere Tage nicht ausgehen konnte. Da
ich ein Kleid mit kurzen rmeln trug, sah die Lehrerin, als ich wieder
in die Schule kam, an meinen Armen, sowie auch an Hals und Gesicht die
blauen und blutrnstigen Flecken, und ich mute, trotzdem ich neue
Strafen zu befrchten hatte, dem Oberlehrer, der herbeigerufen worden,
alles der Wahrheit gem berichten. Ein Brief an meine Mutter hatte nur
den Erfolg, da ich den ganzen Tag nichts zu essen bekam und die Nacht
auf dem Gang unserer Wohnung, auf einem Scheit Holz kniend, zubringen
mute.

Zu dieser Zeit war es auch, da mir einmal beim Austragen des Fleisches
das ganze Geld gestohlen wurde. Mittwoch und Samstag nachmittags mute
ich nmlich immer in die Briennerstrae zu einem Kommerzienrat das
Fleisch bringen, bei dem die Mutter frher Kchin gewesen war. Meistens
waren es ganz groe Stcke: ein ganzes Filet, ganze Lenden, Kalbschlegel
oder Rcken. Bei der Ablieferung wurde mir das Geld und ein Bchlein
bergeben, in welches die Bestellung fr das nchstemal geschrieben
wurde. An einem Samstag trug ich nun auch wieder ein groes Stck
Fleisch dahin und bekam ungefhr zwanzig Mark und das Buch, das ich samt
dem Geld in ein Scklein tat und in den Korb legte. Auf dem Heimweg
hielt ich mich lngere Zeit vor der Feldherrnhalle bei den Tauben auf,
die von den Kindern gefttert wurden. Da schlug es vier Uhr und dabei
fiel mir die Mahnung der Mutter ein, die beim Fortgehen gesagt hatte:
Da d' um viere lngstens z'haus bist und da d'ma Obacht gibst aufs
Geld!

Also fing ich an zu laufen, so schnell ich nur konnte, und machte erst
am Viktualienmarkt halt, um ein wenig zu verschnaufen. Da schau ich in
meinen Korb und sehe das Scklein mit dem Geld nicht mehr. Ich
durchsuche ihn genau, durchwhle fieberhaft meine Taschen; aber es war
nicht mehr da. Voll Verzweiflung rannte ich den ganzen Weg zurck bis in
die Briennerstrae und fragte dort, ob ich es vielleicht mitzunehmen
vergessen htte. Doch die Kchin meinte, sie wisse gewi, da ich das
Scklein in den Korb gelegt htte. Mitleidig fragte sie noch:

Moanst, du kriegst Schlg, Lenerl?

I glaab scho! antwortete ich, und damit war ich schon wieder ber die
Stiegen hinunter. Nun lief ich wieder zur Feldherrnhalle und fragte dort
die Leute: Sie, bitt schn, ham Sie nt da a Sackerl liegn sehgn mit an
Bacherl drinn und zwanzig Mark Geld? Da lachten die einen, die andern
bedauerten mich; aber gewut hat keiner was. Nun packte mich die Angst
und ich fing an zu weinen und traute mich nicht mehr heimzugehen. Ich
lief durch die Maximilianstrae ber die Brcke und immer weiter, bis
ich zum Ostbahnhof kam.

Pltzlich fiel mir mein Grovater ein, und als es in diesem Augenblick
fnf Uhr schlug, dachte ich: Jatz derfst nimma hoam kommen, jatz is
fnfe; Geld hast aa koans mehr, jatz laafst zum Grovater, der hilft dir
schon.

Ich lief also durch die Bahnhofshalle, und da ich noch wute, auf
welchem Gleis er damals abgefahren war, sprang ich zwischen die Schienen
und rannte davon, so schnell ich konnte, immer auf dem Bahndamm dahin,
an den Bahnwrterhuschen vorbei, bis ich nach Trudering kam.

Als ich dort an dem Bahnhof vorbeilaufen wollte, schrie mich einer an:
He, du, wo laafst denn hin mit dein Krbl?

Furt! rief ich und damit sauste ich weiter.

Indem hrte ich einen Zug hinter mir herkommen und zur Seite springend
dachte ich: Wennst jatz no a Geld httst, na kunntst mitfahrn!

Als der Zug vorbei war, lief ich hinterdrein; doch der war schneller als
ich. Bald darauf kam auf dem andern Gleis ein Zug, der nach Mnchen
fuhr. Da schauten die Leute aus den Fenstern mir verwundert nach, wie
ich so mit meinem Korb zwischen den Schienen dahinsprang.

Schon wurde es dunkel, als ich ganz erschpft nach Zorneding kam. Ich
schleppte mich vom Bahnhof in das Dorf; denn ich konnte nicht mehr
weiter vor Seitenstechen und Herzklopfen. Neben dem ersten Hause war ein
Brunnen, und als ich trinken wollte, lief eine Frau auf mich zu und
rief: Ja, mein Gott, Kind, trink doch net! Dir rinnt ja der Schwei
bers Gsicht; ds kunnt ja dei Tod sein, wannst jatz trinka tatst. Und
erst, als sie mir Gesicht und Hnde mit Wasser gekhlt hatte, lie sie
mich trinken.

Inzwischen war es Nacht geworden. Mein Seitenstechen, das immer heftiger
wurde, zwang mich, im Dorf zu bleiben, und als ich vor einem kleinen
Hause eine Bank fand, legte ich mich darauf und nahm den Korb zu einem
Kopfkissen; aber ich schlief nur schlecht und trumte schwer.

Als es Tag wurde, wollte ich weiter; aber ich war so elend, da ich mich
nicht rhren konnte. Whrend ich noch so dalag, trat eine Frau aus dem
Haus, und als sie mich sah, rief sie erschrocken: Jessas, wo kimmst
denn du her, Kind, und wo mchst denn hin?

Zu mein Grovater! entgegnete ich leise; denn ich war heiser, der
mua ma helfa; wissn S', i hab's Geld verlorn beim Fleischaustragen und
da hab i ma nimma hoam traut; denn mei Muatta wenn mi findt, d bringt
mi um.

No, no, so g'fhrli werd's net sei; dei Muatta werd aa koa Ungeheuer
sei! Geh nur wieder sch hoam! So redete sie mir zu und trstete mich
und nahm mich mit in die Stube, gab mir einen Kaffee, rief ihrem Mann
und erzhlte ihm, was ich ihr gesagt hatte. Der brachte mich dann am
Vormittag wieder mit der Bahn nach Mnchen zurck zu meinen Eltern und
bat sie, mich nicht zu strafen; denn ich sei anscheinend recht krank.

An dem Tag hat meine Mutter mich nicht geschlagen, doch redete sie mich
mit keinem Worte an und tat, als sei ich gar nicht da. Am Abend aber
mute der Vater einen Arzt holen, weil ich heftiges Fieber hatte.
Whrend der schweren Lungenentzndung, an der ich nun lange krank lag,
hat der Vater mich fast allein gepflegt; denn die Mutter sprach nur das
Ntigste und kmmerte sich im brigen nicht um mich. Das verlorene Geld
hatte die Frau Kommerzienrat ihr inzwischen ersetzt.

Etliche Wochen spter kam mein Grovater, und als ich mit ihm allein
war, begann ich ihm weinend mein Leid zu erzhlen. Da wurde er recht
aufgebracht und sagte, er wolle gleich mit der Mutter reden; aber ich
bat ihn, dies nicht zu tun; denn was wre die Folge gewesen! Auf meine
Bitten versprach er mir, ich drfe, wenn die Mutter mich noch lnger so
behandle, wieder zu ihm. Das geschah denn auch bald auf die folgende
Begebenheit hin.

Ich hatte zwei Freundinnen, die bei uns im Hause wohnten, und die ich an
den Sonntagen nachmittags manchmal besuchen durfte, wenn die Eltern
fortgingen. Da sprachen wir denn ber verborgene Dinge und trieben
mancherlei Heimliches, was wohl die meisten Kinder in diesem Alter, ich
war damals elf Jahre alt, tun. Auf Verschiedenes, was ich nicht wute,
war ich freilich erst durch meinen Beichtvater und Religionslehrer
aufmerksam gemacht und durch seine Fragen dazu verfhrt worden.

Hast du dich unkeuschen Gedanken hingegeben? pflegte er bei der Beicht
zu fragen. Wie oft, wann, wo, ber was hast du nachgedacht? -- Hast du
da an unzchtige Bilder oder an Unreines am Menschen oder an Tieren, an
gewisse Krperteile gedacht und wie lange hast du dich dabei
aufgehalten? -- Hast du unzchtige Lieder gesungen, schamlose Reden
gefhrt mit andern Kindern? -- Hast du dich unkeuschen Begierden
hingegeben? -- Ist dir niemals die Lust angekommen, einen unreinen
Krperteil an dir zu berhren? -- Hast du dieser Begierde nachgegeben?
-- Wann, wo, wie oft, wie lange hast du dich bei dieser Snde
aufgehalten? -- Hast du das mit dem Finger, mit der Hand oder mit einem
fremden Gegenstand getan? -- Hast du mit andern Kindern Unkeuschheit
getrieben? -- Wie habt ihr das gemacht? -- Hast du Tieren zugesehen,
wenn sie Unreines taten? -- Hast du Knaben angesehen oder berhrt an
einem Krperteil?

Als der Herr Kooperator das erstemal so fragte, erschrak ich heftig;
denn, wie gesagt, wute ich von manchem dieser Dinge noch gar nichts und
schmte mich sehr. Mit jeder neuen Beichte aber verlor sich diese Scham
mehr und mehr; besonders, seit er mich in der Religionsstunde des
fteren aufforderte, ihn zu besuchen, unter dem Vorwand, ihm etwas zu
bringen, wobei er dann in seiner Wohnung mich unter Hinweis auf die
letzte Beichte wieder bis ins einzelne ber diese Dinge ausfragte.

Davon sprachen wir Mdchen nun auch auf dem Schulweg oder wenn wir in
der Pause beisammen waren, und die eine erzhlte der anderen ihre
kleinen Snden.

Da wurde ich eines Tages zu dem Herrn Oberlehrer gerufen, und als ich
vor ihm stand, begann er in strengem Ton: Ich habe durch eine deiner
Mitschlerinnen vernehmen mssen, da du in Gemeinschaft mit andern
Mdchen unsittliche Handlungen vollfhrt hast. Ich mu dich deshalb
ebenso wie die andern, die dir wohl bekannt sind, mit Karzer bestrafen.
Deinen Eltern wird es mitgeteilt werden. Hast du darauf etwas zu
erwidern?

Ich hatte nichts zu erwidern und machte mich, nachdem ich um sechs Uhr
aus dem Karzer entlassen war, zitternd auf den Heimweg; denn ich wute,
wie es mir ergehen wrde. Geraden Weges heimzugehen vermochte ich nicht,
sondern ich kam auf einem Umweg in die Isaranlagen, wo ich mich auf eine
Bank setzte und berlegte, ob ich nicht lieber ins Wasser springen
sollte. Am End aber siegte doch die Schneid und ich stand auf und ging
nachhaus.

Ganz langsam schlich ich mich dort ber die Stiegen hinauf, stand lange
vor der Wohnungstr und betete: Vater unser, der du bist im Himmel! La
mi net umbracht werdn! Heilige Maria, Mutter Gottes, la mi net
derschlagn werdn! Heiliger Schutzengel, hilf mir do! I will's g'wi
nimma toa!

Endlich lutete ich.

Hinter der Tr aber lehnte schon der Totschlger; und als ich eintrat,
empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie
mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: Nur
runter mit'n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!

Darauf mute ich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit
Fen wider die Brust und den Krperteil, mit dem ich gesndigt hatte.
Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte
und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund,
und keuchend schrie sie mich whrend der Zchtigung an: Hin muat sein!
Verrecka muat ma! Wart, dir hilf i!

Als sie erschpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus
gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und
mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und
gingen fort.

Durch meine Hilferufe war die Frau Baumeister Mller, die ber uns
wohnte, aufmerksam geworden; und als sie mich in meiner Kammer noch
lange Zeit laut weinen hrte, rief sie mir von ihrem Balkon aus zu:
Warum hat s' di denn wieder so g'prgelt? Komm, mach auf, dann komm i
zu dir nunter!

Ich sagte ihr, da ich eingesperrt sei. Da rief sie unserm Nachbarn, dem
Schlosser. Der mute aufsperren; und als sie hereinkam und mich sah,
erschrak sie sehr; denn mir lief das Blut ber die Arme und den Rcken
herunter und Brust und Leib waren ganz blau und verschwollen. Sie war so
erregt ber die mir widerfahrene Behandlung, da sie meiner Bitte, mich
zu meinem Grovater zu bringen, sofort nachgab. Sie zog mich sauber an
und wir fuhren noch mit dem Abendzug heim.

                   *       *       *       *       *

Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen, und ich mute lange unter dem
Fenster rufen, bis mich die Groeltern hrten. Der Grovater ffnete das
Haus und fragte, indem er uns in die Stube fhrte, erschreckt: Insa
liabe Zeit! Lenei, wo kimmst denn du no so spat her? Was is denn nur
grad passiert und wer is denn ds Wei da?

Da berichtete ihm Frau Mller kurz das Geschehene, worauf er sagte:
Naa, Dirnei, da kimmst ma nimma eini! Jatz bleibst bei mir da; so viel
ham ma, da 's g'langt!

Nachdem die Frau Baumeister die Einladung des Grovaters, bei uns zu
bernachten, ausgeschlagen und sich nach einem Gasthof begeben hatte,
wollte die Gromutter mich ausziehen; aber sie mute mich erst in ein
Schaff mit Wasser setzen, bevor sie die an den Wunden klebenden
Wschestcke vom Krper lsen konnte. Als ich endlich nackt vor ihnen
stand, geriet der Grovater vor Zorn ganz auer sich und schrie, da
alles zitterte: Ds mua ma ban, ds Weibsbild, ds verfluachte!
Oonagln tua i's! Aufhnga tua i's! Umbringa tua i's!

Nach dem Bad wurde ich mit sauberen Linnen abgetrocknet und die
Gromutter holte den Salbtiegel und begann meinen Wehdam
einzuschmierbn. Der Grovater aber nahm die Kinderstup und stubte,
finster vor sich hingrollend, mit dem Pudermehl meinen Rcken, die Arme
und Beine ein, whrend der Hausl mit weit hinter sich hinausgespreizten
Armen in der Stube auf und ab schritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf
schttelte oder ausspuckte.

Andern Tags in der Frh holte der Grovater den Bader, der mir berall,
wo es vonnten war, ein Pflasterl auflegte und dafr sorgte, da
mglichst Viele die Begebenheit inne wurden. Die Gromutter aber mute
des Vaters Feiertagsgewand herrichten; denn er wollte noch am Vormittag
in die Stadt fahren. Ehe er fortging, sagte ich ihm noch den Grund,
warum die Mutter mich so gestraft; doch erwiderte er aufs neue erzrnt
nur: Ds is gleich! So was redn alle Kinder amal; ds tuat a jeds Kind
amal. Ds is ds G'fahrlicha no lang net!

Als er von Mnchen zurckkam, sprach er, wie das so seine Art war, mit
keinem Wort mehr von der Sache; aber ich durfte wieder ein ganzes Jahr
bei den Groeltern bleiben.

Im September dieses Jahres war im Dorf das groe Haberfeldtreiben; kurz
vorher starb unser Hausl ganz pltzlich und ohne irgend eine
Vorbereitung.

Es war ein recht schwler Augusttag gewesen und der Hausl hatte schon
seit dem Morgen ber die Hitze und seinen groen Durst gejammert; doch
reute ihn immer wieder das Geld zu einem Trunk Bier. Am End aber konnte
es die Gromutter nicht mehr mit ansehen und sagte: Geh, Hausl, la dir
halt vo da Lena a Bier holn! Wenn di's Geld gar a so reut, na zahl's
halt i!

Da fhlte er sich doch in seinem Stolz gekrnkt und sagte: In Gott's
Nam', Handschuasterin, lat halt a Halbe holn!

Mit diesen Worten schlrfte er in seine Kammer, riegelte hinter sich zu
und brachte nach einer geraumen Weile die paar Kreuzer heraus.

Da legte die Gromutter noch ein Zehnerl darauf und sagte zu mir:
Lenei, holst glei a Ma, na derfa ma aa amal trinka.

Als ich dann den vollen Krug vor ihn hinstellte, brummte er rgerlich:
Warum habt's denn enka Bier net in an andern G'schirr g'holt! Woa ma
net, was oan zuaghrt und was net!

Damit nahm er den Krug, setzte sich auf das Kanapee und trank; die
Gromutter und ich aber saen am Tisch, wartend, da er sage: Da, ds
g'hrt enk.

Doch er sagte nichts, so da ich bei mir dachte: Der trinkt ja ds unsa
aa no aus!

Auf einmal lt er die Hand mit dem Krug sinken und neigt den Kopf
tiefer und tiefer. Da schreit auch schon die Gromutter: Jess Mariand
Josef, Hausl, der Kruag fallt oicha! und springt hinzu und will ihn
auffangen.

Aber die knchernen Finger umklammern fest den leeren Krug und sind
eiskalt. Gott steh ma bei! Was is denn ds? kreischt sie auf; denn der
Hausl war tot.

Als er eingegraben wurde, kamen seine Verwandten und fielen ber seine
Sachen her. Dabei stritten sie heftig, und als sie endlich eins waren
und wieder fortgingen, sagten sie zum Grovater: So, Handschuasta, was
jatz no da is vo eahm, ds g'hrt enk.

Da war aber nichts mehr da wie sein alter, gestrickter Janker. Den nahm
ich vom Nagel, und whrend ich ihn betrachte und betaste, greif ich
unwillkrlich auch in die Taschen und finde darin einen Schlssel. Da
fllt mir sein Wandschrnklein ein. Ohne ein Wort lauf ich in die Kammer
und sperre zu, suche nach dem Pnktlein, kratze den Kalk von der Wand
und bringe am End nach vieler Mh das Trlein auf. Da lagen in dem
Kstlein weit ber hundert Mark Geld, ein Haufen Silberknpfe und alte
Mnzen, seine silberne Uhr mit der Kette und den groen Talern daran und
etliche schne, silberbeschlagene Bestecke und silberne Lffel; daneben
sein Rasierzeug und ein kleines, hlzernes Spieglein.

Voller Freude ri ich die Kammertr auf und rief: Grovata, da geh rei!
I hab was g'fundn vom Hausl und ds g'hrt alles uns!

Als der Grovater meinen Fund sah, war er zuerst sprachlos vor
Verwunderung; dann aber sagte er: Dirnei, ds g'hrt alls dei. Du bist
eahm d Liaba g'wen und dir htt er's do vermacht.

Der Gromutter war das auch recht, und so haben sie mir die Sachen immer
aufgehoben. Als aber nachher der Grovater starb, sind die Verwandten
darber gekommen und mir ist nichts geblieben als das Spieglein und das
Besteck. Das nahm dann meine Mutter in Verwahrung, und so hatte ich
nichts mehr.

Die Rede, welche der Herr Pfarrer am Grabe unsers Hausl gehalten hatte,
war wieder eine Verdammungsrede gewesen; eine noch schlimmere aber hielt
er kurze Zeit danach dem Schmittbauern, dem reichsten der Gemeinde, den
auch der Schlag getroffen. Dieser Mann war in der ganzen Umgegend wegen
seiner Gutherzigkeit und Rechtlichkeit angesehen und beliebt; nur beim
Pfarrer stand er schlecht angeschrieben. Einen besonderen Groll auf ihn
hatte auch der Posthalter, der sich gern durch den Bau einer Strae
berhmt gemacht htte, daran aber durch einen Acker des Schmittbauern
gehindert wurde, den dieser um keinen Preis hergeben wollte. Ein
jahrelanger Proze war zugunsten des letzteren entschieden worden.

Nach der Beerdigung begaben sich nun damals die Leidtragenden, die in
groer Zahl von nah und fern gekommen waren, zum Leichenschmaus beim
Huberwirt. Nur einige waren noch am Gottesacker zurckgeblieben und
hrten dort, wie der Posthalter mit Bezug auf die Rede des Pfarrers zum
Lehrer sagte: Recht hat er g'habt, der Herr Hochwrden! Dem g'hrt 's
net anderscht. Mit dene werdn ma aa no ferti; mir zoagn 's eahna scho!

Diese Worte hinterbrachten die Bauern, die sie gehrt hatten, sofort den
beim Leichentrunk Versammelten, und nun kannte die Erbitterung keine
Grenzen. Zur Stund ward beschlossen, den Schmittbauern zu rchen.

Am Samstag vor dem Fest Mari Geburt erschienen bei anbrechender Nacht
pltzlich etliche hundert Mnner mit geschwrzten Gesichtern im Ort,
zogen, mit Sensen, Dreschflegeln, Heugabeln und xten bewaffnet, durch
das Dorf und sangen Trutzlieder auf die Geistlichkeit und besonders auf
unsern Pfarrer. Dazu vollfhrten sie mit Johlen, Pfeifen und
Zusammenschlagen der xte und Sensen einen hllischen Lrm. Vor dem
Pfarrhof angelangt, schlugen sie dort die Fenster ein, beschmierten die
Tren mit Schmutz, hieben die Obstbume um oder rissen sie aus; sogar
den Heustadel wollten sie in Brand setzen, doch zndete es nicht.

Danach zogen sie zum Posthalter und besudelten dem alle Fensterscheiben
und Lden mit Menschenkot, den sie in einem groen Kbel mitfhrten, und
schrieben an das groe Tor der Einfahrt mit einem langen Pinsel, der mit
demselben Schmutz getrnkt war, diesen Vers:

   Auf'n Pfarrer is g'schissn
   Auf'n Posthalter damit,
   Warum hant s' so verbissn
   Am Sebastian Schmitt.

Noch am andern Tag konnte jedermann diese Worte lesen.

Von den Gendarmen hatte keiner gewagt, sich den Haberern in den Weg zu
stellen, und eine Untersuchung, die man spter einleitete, hatte nicht
den geringsten Erfolg; denn keiner verriet den andern, weil man noch von
Hausham her wute, da das Haberfeldtreiben sehr streng bestraft wurde.

Geraume Zeit ging noch die Rede von diesem Treiben, und an den langen
Winterabenden, wenn die Gromutter mit der Huberwirtsmarie und der alten
Sailerin, einer achtundneunzigjhrigen Greisin, in der Stube sa und
spann, whrend der Grovater auf der Ofenbank lange, kunstvolle Spne
schnitt, fiel noch manches Wort ber diese Geschichte.

Aber auch andere abenteuerliche und seltsame Dinge wurden da erzhlt.
Besonders die Sailerin, im Dorf nur die alt' Soalagro' genannt, die
wegen ihrer bsen Zunge sehr verrufen und von manchen als Hexe
gefrchtet war, wute aus lngst vergangener Zeit die wunderlichsten
Begebenheiten zu berichten: von Leuten des Dorfes, die durch ihren
sndhaften Lebenswandel den Teufel selber zu Gaste geladen und mit ihm
wirkliche Vertrge abgeschlossen hatten. Sie war selber Zeuge gewesen,
wie ein Bauer in jungen Jahren verliebt war in das Weib eines Nachbarn;
wie er diesen eines Mordes an einem armen Handwerksburschen zieh und,
nachdem der Unglckliche peinlich verhrt und am Ende unschuldig zum
Tode verurteilt worden, die Wittib heiratete. Da kam eines Tages der
Teufel in Gestalt eines frnehm gekleideten Herren zu ihm und wollte
eine Kuh kaufen. Als ihn der Bauer in den Stall fhrte, fing alles Vieh
zu brllen an und zeigte groe Unruhe. Der Fremde suchte eine schwarze
Kuh aus und zhlte darauf den hohen Preis in lauter Goldmnzen auf den
Tisch; und als der Bauer dieselben einstreichen wollte, verbrannte er
sich die Hnde, so hei waren sie. Erschrocken sah er sich nach dem
Fremden um; der aber war verschwunden und statt seiner stand eine
erschreckliche Gestalt an der Tr und rief: Wart nur! I kriag di scho
no! Damit verschwand sie; die Kuh aber, die nicht geholt wurde, gab von
Stund an blutige Milch. Etliche Wochen spter wurde der Bauer tot und
ganz schwarz auf dem Felde gefunden.

Oft nach dem Abendluten sprachen sie auch von den verstorbenen
Angehrigen, und da erzhlte die Sailerin von den armen Seelen im
Fegfeuer und wie sie denen helfen, die fleiig fr sie beten. So sei
einmal ihre Mutter am Herd gestanden und habe die Abendsuppe gekocht.
Indem lutete es zum Angelus, und whrend sie halblaut den englischen
Gru betete und, wie gewohnt, noch ein Vaterunser fr ihre verstorbene
Mutter hinzufgte, tat sich die Haustr auf und herein lief eine alte
Frau, die der Verstorbenen aufs Haar glich. Diese zog sie hastig mit
sich ber die Stiege hinauf, ri die Tr zum Heuboden auf, wies mit der
Hand hinein und verschwand. Ihrer Mutter aber sei fast das Herz
stillgestanden vor Schreck: ganz oben unter dem Dach hing ihre Lisl mit
dem zerrissenen Rock an einem Nagel des Geblks und konnte jeden
Augenblick hinunter auf den Dreschboden strzen. Das Kind, das die Katze
bis dorthin verfolgt hatte, konnte nur mit vieler Mhe gerettet werden.

Auch wute sie viel von alten Sitten und Gebruchen: so legten in der
Thomasnacht die jungen Mdchen die gekochten Beinlein eines in der Nacht
zum Andreastage getteten Marders, einige Hollunderzweige, die am St.
Barbaratag abgeschnitten worden, und einen Zettel, darauf ein
geheimnisvolles Gebet geschrieben stand, auf die Schwelle ihrer
Kammertr. In der Mitternachtsstunde erblickten sie dann, wenn sie in
den Spiegel sahen, ihren Hochzeiter. Auch eine ihrer Schwestern habe
einmal, nachdem sie alles recht gemacht, dies getan; aber mit einem
lauten Aufschrei sei sie davongestrzt; denn statt eines jungen Mannes
habe der Tod aus dem Spiegel geschaut. Nach langem Siechtum sei sie dann
auch wirklich unverheiratet gestorben.

Atemlos lauschte ich stets diesen Erzhlungen und bekam nach und nach
eine groe Hochachtung vor der alten Sailerin; und da sie immer recht
freundlich mit mir war und auch bei den Groeltern viel galt, hielt ich
mich hufig bei ihr auf. Da konnte ich denn, als das warme Frhjahr
wiedergekommen, oft stundenlang bei ihr auf der Hausbank sitzen, wo sie
den ganzen Tag ber die Vorbergehenden prfend betrachtete und mit sich
selber lange Gesprche fhrte, whrend ihre Hnde unablssig an einem
ungeheuern Strumpfe strickten. Dies Stricken und Mitsichselberreden war
ihr schon so zur zweiten Natur geworden, da sie berall, wo sie ging
und stand, die Lippen und die Zunge bewegte und in den gefalteten Hnden
die Daumen umeinanderdrehte.

                   *       *       *       *       *

Whrend dieses Jahres gebar die Mutter in Mnchen ihr zweites Kind, den
Maxl. Kurz zuvor hatte der Vater sein ganzes Geld, bei dreiigtausend
Mark, auf dem Anwesen, das er gekauft hatte, durch einen Bauschwindler
verloren, so da er sich an eine Brauerei um Hilfe wenden mute. Diese
gab ihm, nachdem sie ihn eine Zeitlang in ihrer Flaschenfllerei
beschftigt hatte, eine Kantine im Lechfeld. Den Hansl nahm die Mutter
mit, und der Maxl kam zur Gromutter in die Kost.

Nach einem Jahr schrieb die Mutter, man solle uns wieder nach Mnchen
schicken, und sie versprach, mich jetzt besser zu behandeln; es gehe
ihnen gut und sie htten im Lechfeld so viel Gewinn gehabt, da der
Vater in Mnchen wieder eine Wirtschaft pachten knne.

So brachte mich denn der Grovater wieder in die Stadt, nicht ohne
Kummer und Besorgnis. Doch behandelte mich meine Mutter jetzt wirklich
besser und sparte nicht an Lob und Belohnung, wenn ich etwas zu ihrer
Zufriedenheit gemacht hatte. Zu Weihnachten schenkte sie mir eine Puppe,
die so gro wie ein zweijhriges Kind war und einen wunderschnen,
wchsernen Kopf mit echtem Haar hatte. Doch die Freude whrte nicht
lange; bald nach Ostern nahm sie mir die Puppe weg, weil ich zu viel
Zeit mit dem Spiel vertrdelte, und schenkte sie spter der Gromutter
fr die Kostkinder. Die Gromutter aber hob sie noch lange Jahre fr
mich auf und gab ihr einen Ehrenplatz in der Knikammer. Der Tag meiner
Firmung brachte dann eine weitere Enttuschung, wohl die bitterste, die
ein Mdchen in diesem Alter erleben kann; denn noch an dem gleichen Tage
verkaufte die Mutter mein weies Firmkleid an den Vetter Bastian, einen
Fuhrknecht, der es fr seine Tochter brauchte und ich mute mich in
meinem alten Sonntagskleid von der Nanni, meiner Firmpatin, in den
Methgarten an der Schwanthalerstrae fhren lassen, wo die andern
Firmlinge in ihren weien Kleidern und mit der offiziellen Firmuhr
prangten und mich verchtlich von der Seite ansahen und von mir
wegrckten. Das Firmgeschenk, das mich sehr freute, bestand in dem
silbernen Geschnr, der Halskette und Riegelhaube der Nanni; es wurde
aber bald danach alles von der Mutter verkauft mit dem Versprechen, ich
bekme etwas Praktischeres dafr.

Die Tante Babett hatte inzwischen ihre Stellung wieder aufgegeben und
war als Kinderfrau in dem Hause meiner Eltern angenommen worden. Unter
ihrem Einflu wurde auch die Mutter fromm und ging von nun an jede Woche
zur Beichte und zum Tisch des Herrn, fast jeden Tag in die Messe, hrte
jede Predigt, wurde Mitglied aller Erzbruderschaften und des dritten
Ordens und machte Wallfahrten. Zu Hause aber schimpfte und fluchte sie
mit bsen Worten, und die Dienstboten und ich waren in ihren Augen keine
Menschen.

Weil ich nun von dieser Frmmigkeit, die vor allem den Pfarrern zu
gefallen suchte, nichts wissen wollte, mute ich gar viele Mihandlungen
und Schmhungen von der Tante Babett ertragen, der jede Gelegenheit
willkommen war, ber mich bei der Mutter zu klagen und ihr meine Zukunft
und mein Seelenheil als hoffnungslos vorzustellen. Ich wurde darum jetzt
gezwungen, jeden Morgen um sechs Uhr die heilige Messe zu besuchen und
alle vierzehn Tage zu beichten. Da ward es mir oft seltsam zumut, wenn
ich, kaum von der Kommunionbank weg, hren mute, wie die Mutter wegen
jeder Kleinigkeit die grlichsten Flche ausstie und doch ihre
Frmmigkeit fr eine echte und heilige hielt.

Zu dieser Zeit kam von Niederbayern eine zweite Schwester meines
Stiefvaters zu uns. Es waren daheim noch mehrere; denn der Vater meines
Stiefvaters hatte vierzehn Frauen gehabt, mit denen er neununddreiig
Kinder zeugte. Als er mit dreiundzwanzig Jahren das erstemal heiratete,
kurz, nachdem sein Vater, der reichste Bauer vom ganzen Rottal, unter
Hinterlassung von mehr denn einer Million Gulden gestorben war, brachte
ihm die Frau noch ber hunderttausend Gulden Heiratsgut mit, und als
nach einem Jahr ihr das Wochenbett zum Todbett ward, erbte er noch ihr
ganzes briges Besitztum; denn sie war eine Waise. Kurz danach nahm er
die zweite Frau, eine Magd, mit der er sechs Jahre lebte und vier Kinder
hatte. Als sie an der Wassersucht gestorben war, heiratete er noch im
selben Jahr eine Kellnerin, die er aber nach wenigen Monaten davonjagte,
als er eines Tags den Oberknecht bei ihr im Ehebett fand. Die vierte
Frau, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers, holte er sich aus dem
bayerischen Wald, verlor sie aber schon nach zwei Jahren, nachdem sie
ihm ein Kind geboren hatte. Die Leute erzhlten, er habe sie durch sein
wstes, ausschweifendes Leben zugrunde gerichtet. Bald nach ihrem Tode
nahm er mit dreiunddreiig Jahren die fnfte Frau, die ihm vier Kinder
mit in die Ehe brachte, von denen bse Zungen behaupteten, da sie von
ihm gewesen; denn diese Frau hatte er zuvor als Oberdirn auf seinem Hof
gehabt. Whrend einer fnfjhrigen Ehe gebar sie ihm zweimal Zwillinge
und einen Buben, an dem sie starb. Man sagte aber auch, sie sei aus
Kummer krank geworden; denn um diese Zeit hatte er begonnen, offen ein
wstes Leben zu fhren. Als Viehhndler trieb er oft zwanzig bis dreiig
Stck Rinder oder auch Pferde zu Markte und hielt danach mit andern
Genossen groe Zechgelage. Hierbei wurde gewrfelt, und da er sehr hoch
spielte, verlor er oft seine ganze Barschaft samt dem Erls und mute
nicht selten noch Boten heimschicken um Geld.

Inzwischen war die Frau, von der er sich hatte scheiden lassen, an der
Schwindsucht gestorben, so da er nun, als er mit neununddreiig Jahren
das sechstemal heiratete, wieder kirchlich getraut wurde; doch, noch ehe
ein Jahr um war, starb die Frau im Kindbett. Nun holte er sich ein Weib
aus sterreich, eine junge, sehr schne Linzerin. Von ihr berichtet man,
da er einmal, als er den ganzen Erls fr das verkaufte Vieh und all
sein bares Geld verloren hatte, sie auf einen Wurf setzte und an einen
reichen Gutsbesitzer um tausend Mark fr eine Nacht verspielte. Whrend
dieser Nacht soll sich die Frau gar sehr gewehrt und den Gutsherrn so
schwer an der Scham verletzt haben, da er bald darauf sterben mute.
Mit dieser Frau lebte er acht Jahre sehr unglcklich, und nachdem sie
ihm zehn Kinder geboren hatte, starb sie an dem letzten. Kurz darauf
heiratete er mit fnfzig Jahren zum achtenmal und hatte whrend einer
sechsjhrigen Ehe sechs Kinder. Auch diese Frau hatte keine guten Tage
bei ihm; denn ihr eingebrachtes Vermgen war gleich dem der anderen
Frauen bald verspielt, und nun mihandelte er sie oder verfolgte sie im
Rausch mit seinen Zrtlichkeiten, was das gleiche war; denn er war
herkulisch gebaut und massig wie seine Stiere. Auch hatte er noch zu
ihren Lebzeiten eine heimliche Liebschaft mit einer anderen, die nach
ihrem Tode seine neunte Frau wurde, aber schon nach vierjhriger Ehe mit
sechsundzwanzig Jahren an ihrem vierten Kinde starb.

Obwohl nun im Orte heimlich die Rede ging, da er seine Frauen auch im
Kindbett besuche, davon ihnen das Blut gehend worden wr und daran sie
gestorben seien, willigte doch eine Nhterin aus der Pfarre in des
Vierundsechzigjhrigen Heiratsantrag; denn sie hatte schon zwei
erwachsene Kinder von ihm. Doch auch ihr wurde das gleiche Schicksal und
sie starb nach zwei Jahren zugleich mit dem Kinde im Wochenbett. Mit
siebenundsechzig Jahren heiratete er zum elftenmal, und als die Frau
schon nach zwei Monaten gestorben war, ging er mit neunundsechzig Jahren
die zwlfte Ehe ein. Mit dieser Frau lebte er vier Jahre und nahm nach
ihrem Tode mit vierundsiebzig Jahren die dreizehnte. Diese letzten Ehen
waren alle unglcklich; denn daheim prgelte er die Frauen und in den
Wirtshusern verspielte er alles, was er besa. Beim Tode der
dreizehnten Frau hatte er nichts mehr, und als er jetzt mit
neunundsiebzig Jahren in das Armenhaus kam, fand er da eine
Armenhuslerin, die seine vierzehnte Frau wurde. Mit ihr lebte er noch
sieben Monate und starb danach als Bettler; sie hat ihn dann noch kurze
Zeit berlebt.

Die zweite Schwester meines Vaters, die vierzehnjhrige Zenzi, kam
damals grad aus dem Kuhstall zu uns und sollte jetzt die Haus- und
Kchenarbeit lernen. Gleich nach ihrer Ankunft lie auch ihr die Mutter
die Haare abschneiden, und ich mute ihr alle Tage das Ungeziefer vom
Kopf suchen. Dann mute ich sie beten lehren; denn sie konnte nicht
einmal das Vaterunser, worber die Mutter sehr aufgebracht war. So wenig
angenehm diese Auftrge fr mich waren, so belustigend war es
anderseits, ihr bei der Hausarbeit zuzusehen, besonders wenn sie mit dem
Schrubber putzte. Da hob sie, wenn sie zu wischen begann, das Bein in
die Hhe, wie man es auf dem Felde tut, um die Gabel in den Mist zu
treten, und sang dazu. Gewhnlich war es das Lied von der unglcklichen
Fahrt ber den Inn, bei der fnf Burschen und drei Mdchen ertranken,
und das ein Bauernbursche aus dem Rottal gedichtet hatte. Sie sang es
ohne Stimme und Gehr, und das Lied lautete:

   Leut, seid's a weng ruhig
   Und mirkt's a weng auf,
   Und den trauringa Fall
   Leg enk ich wieda auf.

   Und den heuringa Jahrgang,
   Den ma achtadachtzg schreibt,
   Den hamand d altn Leut
   Scho lang prophezeit.

   So viel Wolkenbrch und Hagelschlag
   Wia heuer san g'west;
   A Schauer geht oan ber,
   Wenn ma d'Zeitunga lest.

   Will koa Mensch nimma betn,
   Halt neamd nix fr a Snd;
   Wen tat's'n da wundern,
   Wenn ber uns nixn kimmt.

   Und gehn ma von dem wega
   Und drah' ma uns anderscht wo ei,
   Und den oasa'zwanzigstn Mai
   Mua der Pfingstmontag sei.

   Da hat's in Pocking in Bayern
   Zwoa Pferderennats gebn;
   Die Witterung war gnstig
   Und hbsch lustig is aa g'wen.

   Es kimmt a Menge Menschen z'samm,
   Ja ds Ding, ds is leicht;
   Aba net grad vom Haus Bayern,
   Sondern auch vom Haus sterreich.

   Das Renn' ging glcklich vorber,
   So hrt man allgemein lobn,
   Aber die Heimkehr auf streich
   War traurig genung.

   Fnf bluatjunge Burschen
   Von oana Pfarr z'haus,
   D gehnd in Tod hinber
   Kimmt koana mehr raus.

   Sie glaubn, sie gehnd ber Schrding,
   Aber, weils Wasser zu hoch
   Und der Umweg zu weit,
   Wann ma's wirklich betracht.

   Da sagt der Brahwassermathias:
   Ds war ma scho z'dumm!
   Mir fahrn den pfeilgradn Weg
   Vorber in Hunt!

   Sie sitzn si eini
   Und haltn si musstad,
   Aba mitn Hong ham sie si vostocha,
   Jatz hot's as halt draht.

   Jesus, Maria und Josef!
   War das Jammergeschrei;
   Drei hand auskemma,
   Aba mit acht is vorbei.

   Fnf hand vo sterreich
   Drei hand vo Boarn
   Und oana davo
   War bal ganz vergessn wordn.

   Und am oasa'zwanzigstn Mai
   Werdn die Gottsdeansta g'haltn,
   Aber der Schmerz vo d Eltern
   Is net zum aushaltn.

   Jatz pfat enk Gott, Eltern!
   Die Grber hand zua,
   Teat's fei fr uns betn
   Um d ewige Ruah!

Sang sie nicht, so war das ein Zeichen ihrer schlechten Laune, und da
konnte sie dann auch bsartig sein und einem alles zum Trotz tun. Schalt
ich sie, so lief sie zu ihrer Schwester, der Tante Babett, diese lief
zur Mutter und die Mutter kam ber mich; und hatte ich zuvor nur eine
wider mich gehabt, so waren es jetzt drei.

Da berwarf sich die Tante Babett mit meinem Vater und verlie ganz
pltzlich das Haus. Es war nmlich aufgekommen, da sie jeden Morgen auf
einem Umweg in die Kirche gegangen war. Auf diesem Weg aber wohnte ein
Brubursch. Der hat sie jedoch nicht geheiratet, weil sie, wie er sagte,
ihm zu fromm sei und es mit den Pfarrern hielte. Nach ihrem Weggang
wurde die Zenzi in der Kche und dem Hauswesen verwendet und ich mute
wieder die Kindsmagd machen.

Da geschah es oft des Abends, da die Kinder nicht einschlafen wollten;
ich mute mich aber schicken, um wieder hinunter in die Wirtschaft zur
Arbeit zu kommen. Da das Zureden nichts ntzte, half ich mir schlielich
auf folgende Weise: Aus einem Bettuch machte ich mir ein weies Gewand,
aus gelben Bierplakaten zwei Flgel und aus einem Lampenreif die Krone.
So ging ich zu ihnen ins Schlafzimmer, wo nur ein rotes Nachtlicht
brannte, trat an das Bett des zweijhrigen Maxl und fing leise an zu
singen. Ganz andchtig mit geschlossenen Augen hrte er mir zu, whrend
der vierjhrige Hansl mich beobachtete, ohne mich zu erkennen. Am andern
Tag erzhlte der jngere es dem lteren und sagte: Du, Hansl, heut auf
d'Nacht is mei Schutzengel da g'wen mit goldene Flgeln und an weien
Kleid; der hat schn gsunga!

Darauf sprach der Hansl: I hab's scho g'sehgn, aba i hab mi nix z'sagn
traut, sonst htt i'hn verjagt.

Ich verbot ihnen, irgend jemandem etwas davon zu sagen und machte nun
jeden Abend den Schutzengel.

Wie ich nun wieder einmal vor dem Bett stehe, geht die Tr auf und die
Mutter kommt herein. Der Hansl ruft ihr noch zu: Sei stad, Mama, da
Schutzengel is da! als sie schon schreit: Du Herrgottsakermentsg'ripp,
du zaundrrs! Dir werd i's austreibn, an Engl z'macha! Und damit reit
sie mir die Flgel herunter und jagt mich unter Pffen aus der Stube.
Die Kinder begannen zu schreien und zu weinen und die Mutter beruhigte
sie, indem sie sie ber den Frevel, wie sie sagte, aufklrte und ihnen
Schokolade gab.

Von der Stunde an betrachteten mich die Brder mit kindlicher Verachtung
und wollten mir lange nicht mehr folgen.

Dann kam eine Zeit, wo die Mutter mich wieder besonders qulte; sie war
aber auch gegen andere Leute recht barsch, vor allem gegen den Vater.
Dabei wurde sie immer strker, und nun wute ich, da wieder ein Kind
kam. Da dem so war, das hatte ich eines Tages nach der Turnstunde
erfahren, als ich mit mehreren Mdchen meiner Klasse, ich war damals
dreizehn Jahr alt, nach Hause ging. Da begegnete uns eine Frau, die in
andern Umstnden war, und auf die Frage der Babett: Warum is denn d
unten so dick und obn so mager? entgegnete ich: Ja, weils halt ihr
Korsett verkehrt anhat.

Du irrst! sagte darauf die Else, eine Lehrerstochter. Die Frau trgt
berhaupt kein Korsett, sondern die bekommt ein Kind.

Ja, die Else hat recht, mischte sich eine vierte, die Anna, ins
Gesprch, mei Mutter war auch so dick, dann ham ma zwoa Bubn kriegt;
dann is s' im Bett g'legn, und wie s' wieder aufg'standn is, war s'
wieder ganz mager. Jetzt mcht i nur wissn, wie d rauskomma san.

Das kann ich dir schon sagen, erwiderte die Else. Mein Papa hat zu
Hause ein Buch, darin hab ich's gelesen: Wenn ein Mann mit einer Frau
ins Bett geht und mit ihr was Schlimmes treibt, legt er ihr ein Ei in
ihren Krper; dann tut er wieder was Bses mit ihr, dadurch kommt das Ei
in den Magen der Frau, und die brtet es aus und aus dem Nabel kommt das
Kind mittels der Nabelschnur.

Du spinnst ja! rief jetzt die Theres. Da hast halt aa net recht
g'lesn! I woa von meiner Schwester, die von dem Doktor ds Kind hat:
ds Ei liegt net im Magn, sondern im Bieserl. Da tut der Mann mit der
Frau was Bses und dann kommt's in Bauch und nach einem halben Jahr
kommt 's Kind unten raus. Und da braucht ma die Hebamm zum Aufschneidn
und Zunhn.

Mit Gruseln hrten wir zu und daheim untersuchte ich, als ich allein
war, sogleich mit einem Spiegel, ob das mit dem Kind wirklich mglich
sei; da hab ich gefunden, da es unmglich sei.

Aber die Mutter bekam bald danach doch den Ludwigl, und da ich in
Ermangelung einer Wochenbettpflegerin alle bei einer Niederkunft
notwendigen Arbeiten tun mute, so konnte ich ziemlich den ganzen
Verlauf der Geburt beobachten.

Als ich dann die Mutter laut jammern und klagen hrte, hatte ich viel
Mitleid mit ihr und nahm mir zugleich fest vor, niemals mit einem Mann
was Bses zu tun. Im brigen hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken;
denn den ganzen Tag bis spt in die Nacht ging es treppauf, treppab und
hie es arbeiten, damit die Mutter zufrieden war.






Von dem Besuch hherer Schulen hielt meine Mutter damals noch nicht
viel, und so mute ich, als ich aus der Werktagsschule entlassen war, in
die Mittwochschule gehen, die meist von Dienstmdchen und den Tchtern
der Armen besucht wurde. Bei den geringen Anforderungen, die hier an die
wenig wibegierigen Mdchen gestellt wurden, war ich bald das verrufene
und doch zur rechten Zeit vielbegehrte G'scheiterl und brachte am
Schlu des ersten Jahres die beste Note nach Hause. Zum Lohn dafr
durfte ich mit einem jungen Mdchen aus dem Nachbarhause, das ebenso
bleichschtig wie ich war, in den Ferien zu den Groeltern aufs Land.

Da nun mein Grovater damals schon ziemlich schwer erkrankt war, schien
es der Gromutter um der Ruhe willen, deren der Kranke bedurfte,
ratsamer, uns zur Nanni zu schicken. Diese hatte in einem
unverstndlichen Anfall von Besorgnis, da das Anwesen in Westerndorf
ihr zum Ruin werde, dasselbe verkauft und erst nach einem halben Jahr
gemerkt, welch schlechten Tausch sie gemacht hatte, indem sie dafr eine
ganz alte, morsche Htte ohne Obstgarten in Haslach genommen, lediglich
um der cker willen, die zwar bedeutend grer waren, aber jedes Jahr
von schweren Hagelwettern heimgesucht wurden. Sie war also froh, etwas
an uns zwei bleichen Hopfenstangen, wie sie uns nannte, zu verdienen.
Freilich wre ich gern bestndig um meinen Grovater gewesen; aber die
Gromutter litt meine Anwesenheit nie lange und schien frmlich
eiferschtig darauf zu sein, ihn allein zu pflegen. So streiften wir
zwei Mdchen durch Wald und Wiesen, fingen Fische und Krebse und hingen
mit einer Zrtlichkeit aneinander, da wir nachts zumeist in einem Bett
beisammen schliefen; ja, als wir nach Vakanzschlu wieder heimwrts
fuhren, gelobten wir uns noch im Bahncoup ewige Treue und Freundschaft.

Einige Monate spter, es war an einem Dezembertag, rief meine Lehrerin
mich kurz nach Beginn des Unterrichts hinaus und reichte mir ein
Telegramm. Da ich schon seit einigen Tagen die Sorge um meinen kranken
Grovater nicht los werden konnte und besonders in der letzten Nacht
durch einen schweren Traum gengstigt ward, so war mein erster Gedanke:
Er ist tot. Als ich die Worte: Lenei, komm, Vater stirbt! gelesen
hatte, rannte ich, ohne mich zu entschuldigen, oder meine Kleider und
Schulzeug zu nehmen, halb besinnungslos nach Hause. Aber die Mutter lie
mich nicht fort, und so lief ich in Groll und Verzweiflung umher, weinte
und schlug meine Fuste gegen den Kopf und fand doch keinen Ausweg. Und
als am andern Tag ein weiteres Telegramm kam des Inhalts: Vater tot,
wird Samstag frh eingegraben, war ich ganz gebrochen; denn es schien
mir, als wre mit dem Toten alle Hilfe und Sttze dahin. Jammernd und
wehklagend lief ich durchs Haus und die Mutter erreichte weder mit guten
noch bsen Worten etwas. Und als sie mir auf meinen Vorwurf: Warum
habt's mi nimma zu ihm lassn! Strafe androhte, strmte ich von der
Wirtskche die vier Stiegen hinauf und wollte mich in den Hof
hinunterstrzen. Doch in diesem Augenblick ri mich jemand vom Fenster
herab, worauf ich ohnmchtig zusammenbrach.

Von dem darauffolgenden Tage ist mir keine Erinnerung geblieben; am
bernchsten Morgen aber war ich schon frh um fnf Uhr mit der Mutter
auf dem Wege zur Bahn, beladen mit Krnzen und von Schmerz und dumpfer
Trauer ganz betubt. Ich weinte keine Trne mehr im Zug, wo wir mit den
Verwandten der Mutter und den Kostkindern zusammentrafen. Stumm blickte
ich aus dem Coupfenster in die verschneite Landschaft und sah berall
das gtige Antlitz des Toten.

Als wir daheim in die Stube traten, wo der Verstorbene aufgebahrt lag,
strzte ich der Gromutter, die auf dem Kanapee sa, an den Hals und wir
vergaen ganz, da so viele mit ihr reden wollten. Als mich endlich die
Mutter wegzog und sagte: Komm, Mutter, red mit den Kindern! sah ich
beim Aufstehen erst, da die Frau ganz schneewei und fast erblindet war
vor Gram und Kummer.

Indem traten die vier Mnner, welche nach der Aussegnung den Sarg zum
Friedhof zu tragen hatten, in die Stube. Flehentlich bat ich sie, ihn
nochmals zu ffnen, damit ich den Grovater noch einmal she. Und als
sie endlich meinen Bitten nachgaben, schrie ich laut auf vor Schreck und
Weh: der Tote hatte Augen und Mund weit offen und war furchtbar
entstellt, teils von dem entsetzlichen Leiden der letzten Tage, teils
von der vorgeschrittenen Verwesung.

Da ertnte lautes Beten, und herein in die Stube trat der alte Pfarrer
mit den Ministranten und dem Lehrer, die Leiche auszusegnen, gefolgt von
einer teilnehmenden und neugierigen Menge.

Unter dem wimmernden Gelute des Totenglckleins setzte sich der Zug in
Bewegung. Ich fhrte die Gromutter, und wir waren beide ganz still
geworden; meine Mutter aber hatte schon, whrend die Geistlichkeit ihre
Psalmen und Gebete sang, laut zu schreien begonnen, und auf dem ganzen
Wege durchs Dorf bis zum Gottesacker hrten wir ihr Schluchzen und
Jammern.

Schier endlos war der Zug der Leidtragenden, und erst jetzt merkte man,
wie geehrt und beliebt der Handschuster in der Gegend gewesen war; ja,
lange nach seinem Tode konnte man noch gelegentlich hren: Ja, der
Handschuasta, ds is a kreuzbrava, rechtla Mo g'wen; da derfs lang geh,
bis a sllana wieda amal z'findn is; mir hat er aa selbigsmal bei dem
Brand mein Buam aus'n Feuer g'holt und hernach 's ganze neue Haus
umasinst ausg'weit.

Nachdem nun der Sarg niedergestellt und eingesegnet war, schickten die
Mnner sich an, ihn ins Grab hinabzulassen. Da verga ich alles um mich
her und ganz in dem Gedanken, da bei dem Toten auch fr mich Ruhe sei,
strzte ich auf das offene Grab zu und fiel besinnungslos fast hinein.
Man bemhte sich um mich, und als ich wieder zu mir kam, hrte ich eine
alte Buerin neben mir sagen: Ds is a schlechts Zoacha g'wen, i moan
allweil, da Handschuasta holt si's Lenei bal; schaugt a so aus wia d
teuer Zeit, ds Dirndl! Da hoffte ich im stillen, dieses Zeichen wrde
bald wahr werden, und wurde wieder ruhig, so da man mich abermals ans
Grab fhren konnte.

Der Herr Pfarrer hielt eben die Grabrede und sprach gerade von dem
felsenfesten Glauben, den der Verstorbene in all seinem Tun gezeigt
habe: Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen;
aber auf dein Wort hin will ich das Netz nochmals auswerfen! Diese Worte
des heiligen Petrus hat der Handschuster sich in allen Lebenslagen zur
Richtschnur gesetzt. Es war ihm gleich, ob bei einer Arbeit, einer
Dienstleistung oder einem guten Werk etwas herausschaue und zu
profitieren sei, oder ob er dies Werk umsonst verrichten msse. Ihm
gengte es, da seinem Nachbar damit geholfen war. Dieser seiner
berzeugung verdanken auch die hier versammelten Leidtragenden und
Kostkinder des Handschusters ihre wohlbegrndete Existenz, ja teilweise
ihren Wohlstand, und haben sie ja selbst, wie sie durch ihr Hiersein
beweisen, gegen den teueren Verstorbenen und dessen selbstlose Liebe und
Frsorge einer Pflicht der Dankbarkeit gengen wollen. Dieser groe
Glaube, der nicht fragt und nicht zweifelt, nicht zgert und nichts
verbessern will, dieser Glaube berzeugt auch mich davon, da unser
lieber Herr, gleich wie zu Petrus, auch zu ihm sagt: >Selig bist du,
weil du geglaubt hast!< Weinet nicht, die ihr hier am offenen Grabe
steht; er wird auferstehen. Weine nicht, treue Mutter, die du ihn
gepflegt hast Tag und Nacht und mit ihm getragen hast Freud und Leid,
Sorg und Arbeit in stiller Entsagung dessen, was andern die Ehe bietet!
Viele sind berufen, wenig auserwhlt, und wer es fassen kann, der fasse
es. Drum weine nicht, Mutter der Gemeinde, Mutter unserer Verlassenen
und Verwaisten; weinet nicht, ihr Kinder; denn er will nicht euere
Trnen, sondern euer Gebet. Darum wollen wir uns vereinigen zu einem
andchtigen Vaterunser und Ave-Maria.

Nach dem Trauergottesdienst in der Kirche, der dem Begrbnis folgte,
begaben sich meine Mutter, die Nanni mit ihren Angehrigen, der Bastian
und die Kostkinder zum Huberwirt, um den Leichenschmaus zu halten. Die
Gromutter wollte nicht mitgehen; doch lie sie sich am End berreden,
wenigstens in der Wirtskche ein paar Worte mit einigen Bekannten und
dem Huberwirt zu sprechen. Ich war mit in die Gaststube getreten und
stand nun in einer stumpfen Teilnahmslosigkeit am Ofen, whrend die
Verwandten, noch ehe sie die Wintermntel abgelegt hatten, in lebhaften
Streit geraten waren wegen der Habseligkeiten des Grovaters, die noch
nicht verteilt worden. Jedes wollte das schnste und meiste haben, und
des Hausls Schatz, den der Grovater sorgsam fr mich aufbewahrt hatte,
wurde mir auch genommen. Nach den letzten Bestimmungen des Verstorbenen,
der kein Testament gemacht hatte, mute das Haus noch vor seinem Tode
verkauft werden und der Erls wurde gleichmig unter die Kinder
verteilt, nachdem fr die Gromutter tausend Mark beiseite gelegt waren.
Diese tausend Mark nahm dann die Nanni an sich und behielt dafr die
Gromutter bis zu deren Tod.

Whrend meine Mutter und die andern sich noch stritten, kam der
Huberwirt in die Gaststube herein, fhrte die Gromutter am Arm und
sagte, zu meiner Mutter gewendet: Ds is der Handschuasterin scho ds
Irgst, da 's Lenei nimma kemma hat derfa, bevor der Handschuasta
g'storbn is; er htt no so viel z'redn g'habt mit ihr und hat in oan
Trumm g'sagt: >Kimmt's Lenei no net? Geh, Muatta, schaug, ob's jatzat
kimmt!<

Verlegen entgegnete meine Mutter: Lieber Gott, 's Telegramm ist eben zu
spt g'schickt wordn.

Da strzte ich voller Zorn aus meinem Winkel hervor, trat vor die Mutter
hin und schrie sie an: Net wahr is! Sag's nur, da d' mi net raus hast
lassen! O mein Gott, und er hat so viel nach mir verlangt! I hab's ja
g'sprt und hab koan Ruh g'habt Tag und Nacht. Ds vergi i dir net,
Muatter, da d' so hart und ohne Herz g'wen bist! Damit nahm ich die
Gromutter am Rock und zog sie zur Tr hinaus. Sie folgte mir ohne
Widerstreben, whrend die andern alle ganz still geworden waren und die
Mutter sich umstndlich schneuzte.

Auf der Strae sagte die Gromutter pltzlich: O mei, mir kinnan ja
nimma hoam! und begann laut zu schluchzen. Da meinte ich: Komm,
Muatter, gehn ma zum Vater 'nauf! Und so gingen wir wieder zum
Friedhof, und am Grabe redete sie mit dem Toten, wie wenn er noch lebte
und mit ihr auf der Hausbank se: Woat, Vata, z'lang sollst mi nimma
da lassn; i mag s' nimma, d Welt, jatz wo i di nimma hab. Tua mi net
vergessn, Vata, gel, und denk aa aufs Dirndl, da net z'Grund geht bei
dem schlechtn Wei.

Weinend hockten wir uns auf den frisch geschaufelten Hgel, unbekmmert
um die Blumen und unsere schwarzen Gewnder, und nun erzhlte mir die
Gromutter von den letzten Tagen des Toten: So viel leidn hat er mssn,
der Arme; zwoa Strohsck hat er durchg'fu't, weil er's Wasser nimmer
haltn hat kinna und der ganz Leib und d'Fa oa Fleisch und Wehdam warn,
da ma 'n kaam mehr o'rhrn hat derfa. Aber er is so geduldi g'wen dabei
und nur seltn hat ma 'n jammern hrn. Nur grad nach dir hat er allweil
g'fragt und hat si recht kmmert, wia's dir geh werd, wenn er g'storbn
is. Nach einer Weile fuhr sie fort: Wenn i nur grad in insan Haus
bleibn kunnt und net's Gnadnbrot beim Sepp und bei der Nanni essn mat;
da werd's ma net gar z'guat geh bei dene.

Nach diesen Worten versank sie in Nachdenken, und ich lehnte mich ganz
an sie, weil mich fror; denn ich hatte Tuch und Mantel beim Huberwirt
gelassen. Ich war eben ein wenig eingeschlafen, als ich durch die Stimme
des Herrn Pfarrers aufgeschreckt wurde: Ja, meine liebe Handschusterin,
wir sind halt alle Fremdlinge in dieser Welt! Es wird Euch wohl recht
schwer, von Ort und Haus zu scheiden? Wollt Ihr nicht ins Gemeindehaus
ziehen? Da ging's Euch ja auch nicht schlecht!

Vergelts Gott, Herr Hochwrden, aba d' G'meinde is ma allweil no g'wi;
i hab ja no Kinder, d wo si um mei Geld rein! meinte die Gromutter
mit einem schwachen Lcheln und grte den sich zum Gehen Wendenden noch
mit einem leisen: Gelobt sei Jesus Christus!

Danach gingen wir doch noch einmal heim ins Haus. Aber da waren schon
die neuen Besitzer eingezogen und alle mglichen Gegenstnde lagen bunt
durcheinander in den Rumen und vor dem Haustor. Unter der Stiege stand
eine alte Truhe, in die sonst die Kleie fr das Vieh kam; wir setzten
uns darauf und konnten nichts reden. Aus dem Stall tnte das kurze
Brllen der Khe, denen die gewohnte Hand abging. Da kam aus der
Wohnstube die neue Hausfrau, sah uns ganz erstaunt an und fragte fast
unfreundlich: Was mcht's denn no, Handschuasterin? Habt's leicht ebbs
vergessn?

Naa, i han nix vergessn; geh, Lenei, gehn ma wieder! erwiderte die
Gromutter und ging mit mir aus dem Haus. Nun muten wir doch zum
Huberwirt; denn die Verwandten hatten schon herumgefragt, wo wir wren.
Als wir in die Gaststube getreten waren, brachte der Huberwirt ein Glas
Rotwein mit Zucker und stellte es vor die Gromutter hin, indem er
sagte: Handschuasterin, balst es net trinkst, kriagt da Vata d ewi'
Ruah net!

Da tauchte sie eine Semmel darein, sprach aber nichts, und als dann die
Nanni mit ihrem Mann sich zum heimgehen bereit machten und sie einluden,
gleich mitzukommen, da nickte sie nur ein paarmal mit dem Kopfe und
stand auf. Der Huberwirt aber lie seinen groen Schlitten, auf dem
sonst das Bier oder Getreide gefahren wurde, herrichten und einspannen:
Oes werd's ja a so glei all' z'samm auf Hasla' fahrn, net? I han enk
mein Schli'n eing'spannt, da d'Handschuasterin net z'geh braucht. A
paar Deckn han scho drobn zum Einwickeln!

Wir fuhren also alle zusammen zur Nanni; diese kochte Kaffee, und in der
gemtlichen Wohnstube wurde auch die Gromutter wieder etwas gefater;
ja, sie fing sogar an, einiges ber den Grovater zu erzhlen. Man hatte
ihr eine nette Kammer zu ebener Erde angewiesen und diese auch geheizt.
Spt am Nachmittag, als es Zeit wurde, auf die Bahn zu gehen, denn wir
muten abends wieder zu Hause sein, fhrte die Nanni uns noch in diese
Kammer, um uns zu zeigen, da die Gromutter bei ihr gut aufgehoben sei.
Auch mich beruhigte diese Frsorge und ich sagte noch beim Abschied zu
ihr: Gromuatterl, du brauchst koa Angst z'habn wegn der Nanni; d mag
di scho! Ich blieb noch bei ihr in der Kammer und half ihr ihre
Habseligkeiten ein wenig ordnen. Dann legte sie sich ins Bett und
schlief bald ein. Ich hatte ihr noch leise Lebewohl gesagt, die andern
aber lie ich nicht mehr zu ihr.

Gegen Abend fuhren wir wieder in dem Schlitten zur Bahn und hierauf
heim.

In Mnchen erst sprach ich einiges mit den Verwandten; denn whrend der
Fahrt war ich still und teilnahmslos in der Ecke gesessen, whrend es um
mich summte und schwirrte von der lebhaften Unterhaltung.

Nach der Ankunft ging die ganze Verwandtschaft noch in unsere
Wirtschaft, wo sie von meinem Vater mit Freibier und einem guten Mahl
bewirtet wurden.

                   *       *       *       *       *

Kaum ein halbes Jahr nach dem Tode meines Grovaters kam eines Tages
meine Gromutter und beklagte sich bitter ber die rohe Behandlung, die
ihr bei der Nanni und deren Mann widerfahre. Laut weinend wnschte sie
sich den Tod und wollte nicht mehr zurck, sondern zu dem neuen Besitzer
ihres Hauses, um bei ihm im Austrag zu bleiben. Meine Mutter suchte ihr
dies wieder auszureden und wollte sie bei sich behalten; denn, meinte
sie, um die tausend Mark, die der Nanni fr die Verpflegung der
Gromutter zugekommen waren, knnte die alte Frau gerade so gut bei ihr
sein, und es ginge ihr gewi gut. Auch der Bruder meiner Mutter lauerte
auf die tausend Mark, und es entspann sich bald ein heftiger Streit
unter ihnen, wer die Gromutter bekme. Doch erkannte diese gar bald die
wahre Ursache jener pltzlichen Bereitwilligkeit und fuhr wieder zur
Nanni. Diese hatte gehofft, da die Gromutter den Vater hchstens
etliche Monate berleben wrde und war voll Verdru, als sie sah, da
die Frau nach einem und nach zwei Jahren immer noch lebte. So behandelte
sie sie nicht zum besten und mignnte ihr sogar das wenige, womit sie
ihr Leben fristete. Oft schlich dann die alte Frau, wenn sie vom Grabe
ihres Mannes kam, in ihre ehemalige Heimstatt und klagte der neuen
Besitzerin ihre Not. Diese, eine mit vielen Kindern gesegnete,
krnkliche Frau hatte viel Mitleid mit ihr und behielt sie oft tagelang
bei sich. Da mag sie wohl manchmal mit Bitterkeit diese seltsame Fgung
bedacht haben, da sie, die auch den rmsten Heimat bot um Gottes
willen, nun selbst heimatlos und der Willkr ihrer Kinder preisgegeben
war.

Als sie dann nach langem Leiden durch einen Schlaganfall gelhmt worden
und ganz auf die Handreichungen ihrer Stieftochter angewiesen war, kamen
harte Tage fr sie. Hilflos lag sie in ihrem Bett, so erzhlt man, und
niemand kmmerte sich um sie; man lie sie hungernd und starrend vor
Schmutz im eigenen Kot liegen. Und als um diese Zeit ihr Schwiegersohn
sein Haus verkaufte und ein neues Anwesen bernahm, wurde die kranke
Frau, obwohl es Winter war, mit ihrem Bett zu oberst auf den mit Mbeln
beladenen Leiterwagen gebunden und so den weiten Weg auf der holprigen
Landstrae nach dem neuen Wohnort gefahren. Bald nach dieser Reise starb
sie, und als sie tot war, wollte niemand das Begrbnis zahlen. Die
Kinder, die damals sich um die Pflege der Lebenden gestritten hatten,
fanden alle erdenklichen Ausreden, um der Toten ledig zu bleiben, und
endlich mute die Gemeinde sie auf ihre Kosten begraben lassen. Doch kam
meine Mutter zum Begrbnis und brachte groe Krnze mit. Danach aber gab
es heftigen Streit um die letzte Habe der Verstorbenen; denn die Nanni
hatte alles schon beiseite geschafft.






Mit der Geburt des Ludwigl, meines dritten Stiefbruders, hatten auch die
letzten an die Kindheit erinnernden Spiele und Freuden ein Ende, und ich
mute nun von frh bis spt arbeiten, um alles recht zu machen. Trotzdem
gab es manchen strmischen Tag mit der Mutter, die in einemfort haderte
und schalt und es an Zchtigungen nicht fehlen lie. Zu all dem wurde
ich seit dem Tode meines Grovaters von einer groen Schwermut und
Traurigkeit befallen, so da ich mir nicht mehr viel aus meinem Leben
machte. Doch fand ich in dieser schweren Zeit einen Trost in meiner
Stimme. Unser Pfarrer veranlate meine Aufnahme in den Kirchenchor,
nachdem ich schon etliche Jahre in der Zentralsingschule ausgebildet
worden war. Bald durfte ich bei den Gottesdiensten Solo singen, und das
Bewutsein, einmal ffentlich anerkannt zu sein, bereitete mir so hohe
Freude, da ich darber selbst den Neid meiner Kolleginnen verga.

So sang ich auch einmal aushilfsweise bei einer groen Vereinsfeier, an
der auch der wrdige Prlat und Pfarrer Huhn von der Heiliggeistkirche
teilnahm. Als dieser meine Stimme gehrt hatte, lie er mich zu sich
kommen und fragte mich, ob ich nicht Lust htte, ein braves
Pilgermdchen bei der Mnchner Wallfahrerbruderschaft zu werden und an
den heiligen Sttten zu Andechs, Alttting und Grafrath Gottes und Mari
Lob zu singen. Ich sagte hocherfreut zu und holte mir sogleich von
meiner Mutter die Erlaubnis, die sie mir in Anbetracht ihrer frommen
Gesinnung nicht verweigerte. Also durfte ich noch im selben Jahr an den
groen, volkstmlichen Wallfahrten als Pilgermdchen teilnehmen.

Die schnste und auch am feierlichsten begangene war die nach dem
uralten, weltberhmten Gnadenorte Alttting. Da ich immer schon eine
groe Liebe zur Mutter Gottes getragen, konnte ich den Tag der Fahrt
kaum erwarten. Schon wochenlang vorher mute ich mit den anderen
Sngerinnen zahlreiche Marienlieder einstudieren, und wir betrachteten
die Generalprobe schon als ein kleines Fest; denn da kam die ganze
Geistlichkeit, an ihrer Spitze der hochwrdige Herr Prlat Huhn, der
selbst ein eifriger Pfleger und Frderer des Gesanges war, sowie der
ehrwrdige Prses des Wallfahrervereins, Benefiziat Stein, ein Mann, so
recht, wie man sagt, nach dem Herzen Gottes: so schlicht und
uneigenntzig, so ganz aufgehend in seinem Beruf. Wir Pilgermdchen
hingen daher mit groer Liebe an ihm und fhlten uns immer hochbeglckt,
wenn er einige von uns aus dem Haufen hervorholte, am Ohrlppchen zupfte
und fragte: San d'Stimmbandln alle guat g'schmiert, Kinder? Sonst ma
ma s' halt no schmiern z'vor! Und damit brachte er eine riesige Tte
voll Malzzucker aus seiner hinteren Rocktasche, die durch die vielen
Nschereien, welche er uns immer zu schenken pflegte, schon so
mitgenommen und ausgeweitet war, da sie samt dem Rockfutter weit unter
den Schen des abgetragenen Gehrocks hervorlugte. Im brigen war er von
einer angenehmen Natrlichkeit, wenn er bei der Neuaufnahme eines
Pilgermdchens auf die Unschuld zu sprechen kam. Man konnte ihm ohne das
lstige Gefhl einer falschen Scham, die durch das aufdringliche Fragen
mancher Seelsorger einem so leicht den Mund verschliet, alle begangenen
Torheiten erzhlen. Ich wei nicht, wie er schwerere sittliche
Verfehlungen behandelte; was meine Jugendsnden anlangt, so meinte er
darauf nur: So, ds is brav, da d's Kleidl no net z'rissn hast, Kind;
a bisl staubig is scho, ds is wahr, aber ds putzt ma halt mit an
frommen, reuigen Seufzer wieder weg, gelt! Und jetzt gibt ma sch
Obacht, da oan nix mehr passiert als Marienkind.

Am Vorabend des fr die Wallfahrt ausersehenen Julisonntags hatte die
Mutter zur allgemeinen und besonderen Reinigung schon ein Bad bereitet,
whrend ich meine Seele durch eine sehr gewissenhafte Beichte von allem
anhaftenden Staub zu befreien suchte. Am Abend durfte ich schon frh zu
Bett gehen, um andern Tages zeitig munter zu sein. Schon um halb vier
Uhr war ich aus den Federn und lief ans Fenster, zu sehen, ob das Wetter
schn sei. Doch grau und neblig war der ganze Himmel, und ich begann,
whrend ich die Uniform unserer lieben Frau anzog, immer dieselben
Worte vor mich hinzusagen: Liebste Mutter Gottes mein, la doch heut
gut Wetter sein! Derweilen war auch die Mutter aufgestanden und half
mir nun beim Ankleiden. ber das weie Kleid kam ein himmelblaues
Schulterkrglein und vor die Brust ein groes silbernes Herz, das an
einem blauen Bande hing, und nachdem die Mutter mir das weiblaue
Krnzlein ins Haar gedrckt, nahm ich den langen Pilgerstab mit dem
silbernen Kreuz und eilte nach einem raschen Pfat Gott, alle
mitanand! aus dem Haus, der Kirche zu, verwundert angeglotzt oder auch
derb angerufen von heimkehrenden Nachtlichtln oder verschlafenen
Bckerjungen. Besonders am Marienplatz wre ich beinah von einer Rotte
frecher Burschen, die mit ihren Dirnen aus dem Ewigen Licht
herausstritten, mihandelt worden; doch kamen mir etliche Leute, die wie
ich an der Wallfahrt teilnehmen wollten, zu Hilfe.

Mchtig brauste schon die Orgel, als wir in das Gotteshaus traten, und
rasch begab ich mich auf den Chor, wo schon die meisten Sngerinnen
versammelt waren. Nach einem herrlichen Hochamt feierte die ganze
Pilgerschar, wohl mehr als fnftausend, die Generalkommunion. Der
Eindruck war fr mich ein so berwltigender, da ich nur mit grter
Mhe das ergreifende Marienlied, dessen Soli mir bertragen waren, zu
Ende brachte. Und als dann endlich wir Pilgermdchen, ungefhr
zweihundert an der Zahl, uns gemessen und in tiefer Andacht dem Tisch
des Herrn nahten, whrend ein bestellter Knabenchor uns ablste, ging
eine groe Bewegung durch das Gotteshaus, und manche Trne unseres
greisen Pfarrers fiel in den Kelch, aus dem er uns das Brot des Lebens
reichte. Der heilige Vater Leo und unser geliebter Erzbischof Antonius
von Thoma hatten uns noch ihren Segen bermitteln lassen, und nach
diesem feierlichen Akt traten wir unter dem Gelute smtlicher Glocken
unsere Wallfahrt an.

Voran schritten wir Pilgermdchen, und die krftigsten von uns trugen
unsere Fahnen und die Statuen unserer Patrone, der Mutter Gottes, des
Erzengels Raphael mit dem Tobias und des heiligen Aloysius. Unter
Liedern und Gebeten ging es durch die Straen der Stadt zum Ostbahnhof,
von wo aus uns ein Sonderzug rasch nach Mhldorf brachte. Im Zuge
erzhlte uns unser Prses mit groer Einfachheit von Gnadenbezeigungen
Mariens, besonders von jenen gegen Kinder und Jungfrauen.

Von Mhldorf aus gingen wir nach einem einfachen Frhstck zu Fu nach
dem Gnadenort, den wir gegen Mittag erreichten. Empfangen von dem
Gelute smtlicher Glocken, dem Jubel der Bewohner, der Geistlichkeit,
des ansssigen Ordens und einer Musikkapelle, betraten wir den geweihten
Ort und begrten die Gnadenvolle, ein jeder nach Drang des Herzens oder
Gre des Kummers, den er hier am Gnadenaltar niederlegen wollte. Meiner
hatte sich eine fast berirdische Stimmung bemchtigt und ich fhlte
mich so frei und aller Sorge ledig, da ich nur ganz verklrt das alte,
mit unsglich vielen und kstlichen Kleinodien aller Zeiten geschmckte
Gnadenbild anschauen konnte, whrend meine Lippen mechanisch murmelten:
O Maria, hilf doch mir; es fleht dein armes Kind zu dir. Im Leben und
im Sterben la meine Seele nicht verderben. Nach langer Zeit erst fiel
mir eins nach dem andern ein, was ich gern von der Mutter Gottes erlangt
htte.

Inzwischen hatten die Pilger sich in Gruppen geteilt, die einen weilten
im Kloster, die andern in den verschiedenen Kirchen des Ortes. Drauen
vor der Gnadenkapelle aber hatten jene, die besonders viel von der
Gnadenreichen erlangen oder fr irgend eine geheime Schuld Shne tun
wollten, eins der zahlreich daliegenden Holzkreuze auf die Schulter
geladen und schleppten dieses nun, bald aufrecht gehend, bald auf den
Knien rutschend, laut betend und weinend um den sogenannten Kreuzgang.
Ich wei nicht, wie es kam und was ich wollte: kurz, ich befand mich
pltzlich unter den Kreuztragenden; da das massive Eichenkreuz aber
meiner Schulter ziemlich weh tat, lie ich es bei dem dreimaligen Umgang
bewenden und bergab mein Kreuz einer dicken Frau, deren bse Zunge weit
und breit gefrchtet war. Mit einigen Freundinnen besah ich mir dann den
ganzen Ort, die Kirchen, das Kapuzinerkloster und den Markt fr
Wallfahrtsandenken und verwunderte ich mich ber den ppigen Handel und
die Gewinnsucht an dieser frommen Sttte. Dazwischen sorgten wir auch
fr des Leibes Notdurft; denn es war alles schon vorausbestellt worden
von unserm vorsorglichen Prses. Den Tag beschlo noch eine schne Feier
mit Illumination der Kapelle, und nach einem einfachen Nachtmahl begaben
wir uns in unsere Schlafkammern. Die Vermgenderen hatten sich ein Bett
fr sich allein gesichert; die rmeren aber muten je zwei in einem Bett
schlafen. Da mir meine Mutter die Ausgabe fr ein eigenes Bett nicht
bewilligt hatte, so mute ich es mit einer Mitschwester teilen. Ich
fragte daher meine liebste Freundin, ob sie mich als Strenfried wolle.
Sie war gern bereit, und so verbrachten wir die Nacht unter Flstern,
Kichern, Scherzen und Kosen.

Der neue Tag brachte wieder viel des Erbaulichen und Ernsten, doch wurde
ich zuletzt mde von allem und war froh, als am Dienstag in der Frh das
Schluamt mit Generalkommunion am Gnadenaltar gefeiert wurde. Als aber
hierbei am Chor pltzlich die kindlichen Stimmen von etwa zwanzig Knaben
an mein Ohr tnten und sie das uralte Abschiedslied von der schwarzen
Mutter Gottes sangen, ward es mir schwer ums Herz und ich konnte mich
kaum losreien von dem Gnadenbilde. Ganz traurig schlo ich mich den
andern an und brachte beim Singen kaum mehr einen Ton heraus.

So kam es, da ich recht niedergeschlagen daheim ankam und ernste
Vorwrfe von meiner Mutter wegen meiner scheinbaren Undankbarkeit zu
hren bekam.

                   *       *       *       *       *

War ich schon vorher nicht gerne in der Gastwirtschaft ttig gewesen, so
hatte ich jetzt, seit ich Pilgermdchen war, die ganze Freude an dem
ffentlichen und lauten Leben verloren; doch wurde ich von meiner
Mutter, trotzdem sie so religis schien, fest angehalten, berall, wo es
vonnten war, einzuspringen. Bald war ich in der Kche das Splmdchen
oder die Kchin, bald in der Gaststube die Kellnerin; denn da die Mutter
oft recht grob mit dem Dienstvolk war, lief bald die eine oder andere
wieder weg. Am meisten zuwider war mir der Aufenthalt in der Gaststube;
denn war ich bei den Gsten ernst und schweigsam, so schalt die Mutter,
da ich ihr die Leute vertreibe; war ich aber freundlich und heiter, so
ntzten das viele rohe und wste Kerle aus und belstigten mich nicht
nur mit allerhand Zoten und zweideutigen Fragen, sondern qulten mich
manchmal in der unsaubersten Weise, indem sie mich an den Beinen faten,
Ksse verlangten oder sonstige aufdringliche Zrtlichkeiten versuchten.

Kam ich dann also gehetzt zur Mutter und klagte ihr solche Dinge, so
wurde sie sehr erbost und schalt mich heftig, da ich mich nicht zu
benehmen wisse: Was muat di denn hi'stelln dafr? Scham di; bist
fufzehn Jahr alt und no so dumm! Da sagt ma halt, i hab jatz koa Zeit
und geht freundli weg!

Oft dachte ich ber diese Worte nach und versuchte mich danach zu
richten; doch waren alle meine Bemhungen, die Zudringlichkeiten solcher
Burschen mit Liebenswrdigkeit abzuwehren, erfolglos, und ich frchtete
stndig, meine Unschuld zu verlieren. Da fate ich am Ende den
Entschlu, meinem Beichtvater diese Vorflle mitzuteilen, ich hatte aber
nicht den Mut, dem alten Kooperator, der immer noch mit Vorliebe nach
den Heimlichkeiten seiner Beichtkinder fragte, davon zu erzhlen.

Da kam ein neuer Geistlicher an unsere Pfarrei, der noch sehr jung war
und erst vor kurzem seine Primiz gefeiert hatte. Diesem beichtete ich
nun ausfhrlich und er sprach mir gut und freundlich zu, fragte mich nur
wenig und gab mir am Schlu noch viele Ratschlge. Ich war sehr beruhigt
nach dieser Beichte und ging nun regelmig zu ihm. Bald wurden wir auch
wegen des Singens nher bekannt, und ich besuchte ihn des fteren in
seiner Wohnung. Dabei entwickelte sich zwischen uns bald eine Art
Freundschaftsverhltnis und ich fand bei ihm Trost und Zuspruch, wenn
ich ihm erzhlte, wie es mir daheim erging. Als er nach kurzer Zeit in
eine andere Pfarrei versetzt wurde, wurde ich durch seine Vermittlung an
dieser Kirche erste Sopranistin und Solosngerin. Als auch hier die
Besuche ihren Fortgang nahmen, wute ich bald, da ich ihn liebte, und
ich mute mich oft mit aller Gewalt zusammennehmen, um ihm das nicht zu
sagen; denn ich sah wohl, da auch auf seiner Seite eine Neigung war.
Doch immer wute er sich zu beherrschen und verstand auch meine Gefhle
im Zaum zu halten. Wie oft stand ich zitternd vor ihm und sah ihn mit
den verliebtesten Augen an oder kte strmisch seine Hand. Dann blickte
auch er mich freundlich an, streichelte mir die Wange und sagte: Ja,
ja, Kind, du bist halt mei Singvogel! ... Was schaust denn no? ... Ja
so, a Bildl magst no, gel! worauf ich hochrot, mit leiser Stimme
entgegnete: Ja, bitt schn, Herr Hochwrden!

So Kind, such dir eins aus. Magst na an Kaffee aa?

In meiner Verwirrung vermochte ich ihm keine rechte Antwort zu geben.

Da rief er der halbtauben Wrterin: Lies, mein' Kaffee! und zu mir
gewendet fuhr er fort: Woat, Kind, i hab aber blo oa Ta. Trinkst
halt du z'erst den dein', gel! und damit fhrte er mich zum Kanapee,
setzte sich zu mir und plauderte von erbaulichen Dingen. Ich aber hrte
kaum zu, sondern betrachtete unausgesetzt seine Hnde und Knie und
dachte nur den einen Gedanken: Wann i dich nur blo ein einzigs Mal so
viel lieb haben drft!

Da brachte er mich mit den Worten: Hast aber aa g'nug Zucker drin?
wieder zu mir selber, worauf er den Kaffee versuchte, mir noch ein
Stcklein hineintat und mich trinken hie.

Als ich getrunken hatte, meinte er: So, Kind, jetzt hast von mir an
Kaffee kriegt und a Bildl. Was kriag jetzt i?

Da dachte ich voller ngsten, er wrde sagen: Ein Bul, aber er fuhr
fort: Gel, jetzt kriag i dafr a recht a schns Lied; aba koa heiligs,
denn di hr i so allweil!

Da sang ich das Lied von dem Dirndl, das um Holz in den Wald geht, ganz
zeiti in der Fruah und dem sich nachischleicht a saubrer Jagasbua.

Als ich die erste Strophe gesungen hatte, wobei er mich am Harmonium
begleitete, meinte er: Ah, ds war aber sch; aber recht arg verliabt.
No, es macht nix; von den Wirtstchtern woa ma's scho, da was solches
aa lernen. Kannst no mehr von dem Liedl?

Blo noch eine Stroph', Herr Hochwrden! Aber die is no verliabter.

Ds macht nix, Kind Gottes, sing nur weiter!

Da sang ich:

   Drauf sagt der Jaga zu der Dirn,
   Geh, la dei Asterlklaubn;
   I mcht so gern mit dir dischkriern
   Und dir in d'ugerln schaugn.
   Das Dirndl sagt: Ds ko net sei,
   Da du mir guckst in d'Augn,
   Denn d'Jaga derfan, wia i woa,
   Ja nur ins Greane schaugn.

Da lutete es. Er sah nach, und eine alte Betschwester stand an der Tr;
da hie er sie warten und verabschiedete mich mit den Worten: Jetzt
muat geh, liabs Kind, jetzt haben d'Mauern Ohren kriagt. Damit schob
er mich durch sein Schlafzimmer an die Tr, und whrend ich heraustrat,
sah ich ihn schon die alte Frau empfangen.

Doch nicht lange mehr dauerten diese Besuche; denn er wurde abermals
befrdert und kam als Benefiziat in ein geistliches Institut.

Als ich dann von ihm Abschied nahm und ihn zum letztenmal um seinen
Segen bat, stand er ergriffen auf und trat zum Weihbrunnkessel, whrend
ich vor ihm niederkniete. Pltzlich aber umfate ich seine Knie und
prete mein Gesicht daran, indem ich laut weinend rief: O mein lieber,
lieber Hochwrden!

Da machte er ganz ruhig seine Knie frei, zog mich in die Hhe und sagte,
indem er meinen Kopf zwischen seine Hnde nahm: Kind, geh jetzt, es
wird Zeit, du mut hoam, und dabei rannen ihm ein paar Trnen ber die
Wangen. Da ergriff ich nochmals seine Hand, kte sie drei-, viermal
heftig und lief dann davon.

Auf der Strae schaute ich noch einmal um. Da stand er am Fenster und
winkte mir freundlich zu.

Einmal noch sah ich ihn, ohne aber mit ihm reden zu knnen; denn es war,
als wir uns eben in feierlicher Prozession zur Wallfahrt nach Grafrath
auf den Weg machten. Er stand mit einer alten, ehrwrdigen Dame, die
wohl seine Mutter sein mochte, an einer Straenecke, und ich mute hart
an ihm vorbei. Als er mich erblickte, huschte es wie groe Freude ber
sein Gesicht, und lchelnd nickte er mir einige Male grend zu und
wandte sich danach schnell zur Seite. Ich war ber dieses Wiedersehen,
so flchtig es war, sehr beglckt und dachte whrend der Wallfahrt viel
an ihn und empfahl ihn an der dem heiligen Rasso geweihten Sttte
inbrnstig der Frbitte dieses Heiligen.

                   *       *       *       *       *

Frhlich kehrte ich von dieser Pilgerfahrt zurck und nahm mir vor, den
Freund an einem der nchsten Tage aufzusuchen. Doch ich kam nicht dazu;
denn daheim fand ich meine Brder an Diphtherie erkrankt.

Indem ich sie noch pflegte, wurde ich selbst davon ergriffen und konnte
erst nach Wochen das Bett verlassen.

Als ich aufgestanden war, versuchte ich sofort wie zuvor mich wieder um
das Hauswesen zu kmmern.

Da dies die Mutter sah, hielt sie mich schon fr gesund und trug mir
daher mehr auf, als ich leisten konnte. So kam es, da ich wieder
tglich krnker wurde und endlich vor Mattigkeit mich alle Augenblicke
niedersetzen oder anlehnen mute. Das nahm man aber fr Faulheit, und
besonders die Mutter beklagte sich darber: Nur sch langsam! Heut a
Trumm, morgen a Trumm! Bis i an Steckn nimm und zoag dir, wie ma arbat!

Ich nahm mich nun recht zusammen; doch whrend ich das Schlafzimmer
meiner Eltern aufrumen wollte, befiel mich wieder eine solche
Mdigkeit, da ich mich aufs Sofa setzen mute, um zu rasten. Ich
schlief ein und erwachte erst, als meine Mutter mir einige Schlge auf
den Kopf gab; denn es war inzwischen Mittag geworden und sie kam,
frische Servietten fr die Stammgste zu holen. Voll Zorn schrie sie
mich an: Da hrt si do scho alles auf! Mittn am Tag legt si ds faule
Luder hin und schlaft, anstatt z'arbatn! Aber wart, i hilf dir!
Augenblickli wichst ma jetzt den Schlafzimmerboden; und sauber wann net
alles is, dann Gnade Gott! Jatz is elfe; um zwoa komm i rauf, da will i
alles ferti sehgn!

Mir war ganz dumm im Kopf, aber ich begann trotzdem wieder zu arbeiten.
Als ich etwa ein Drittel des Zimmers mit Stahlspnen abgerieben hatte,
drehte sich pltzlich alles vor meinen Augen und ich wute nichts mehr.

Lange mu ich so dagelegen sein; denn kaum hatte ich wieder zu arbeiten
begonnen, schlug es zwei Uhr. Ich war vor Schrecken ganz ratlos, denn
ich hrte die Mutter kommen. Als sie sah, wie wenig ich gearbeitet
hatte, schrie sie: Was, du bist no net ferti! Ja, da is ja no net amal
richti o'g'fangt! Du willst mi, scheint's, zum Narren haltn, du
Kanallje! Dabei trat sie mich mit Fen und ri mich an den Haaren in
die Hhe.

Mhsam fing ich wieder an zu arbeiten, whrend die Mutter an den
Waschtisch gegangen war und sah, da ich das Wasser noch nicht
ausgeleert hatte. Da schrie sie: Ja, was is denn ds! Net amal
d'Waschschssel hat s' ausg'leert und a frisch Wasser reitragen!

Ja mei, i hab ma's ja net z'tragen traut, die teure Schssel, weil mi
alle Augenblick der Schwindel anpackt.

Was Schwindel! Dir treib i dein' Schwindel aus. Sofort leerst die
Schssel aus! I mcht wissen, fr was ma dir z'fressn gibt, du
langhaxats G'stell! rief sie und stie mich an den Waschtisch.

ngstlich fate ich die schne Schssel, die von zarter, himmelblauer
Farbe war, mit einem goldenen Rand, und eine Muschel darstellte. Im
Innern war ein Bild, das zwei Mdchen in fremder Tracht zeigte, die am
Meeresstrand standen und einen in einem Segelboot sitzenden Burschen aus
flachen Schalen mit Wasser bespritzten. Den Krug schmckte eine hnliche
Szene; das Geschirr war alt und kostbar und der Name des Knstlers stand
darauf geschrieben.

Schwankend trug ich also die Schssel durch das Zimmer, als ich
pltzlich einen Sto versprte, worauf ich zu Boden strzte. Die Mutter
hatte es getan; denn ich war ihr zu langsam gegangen.

Starr blickte ich erst auf die Wasserlake, dann auf die Scherben und
verga, aufzustehen, bis mich die Mutter mit dem Ochsenfiesel des Vaters
daran erinnerte.

Eine halbe Stunde spter, als ich, die blutigen Striemen an meinem
Krper betrachtend und vor Schmerzen an Brust und Rcken sthnend,
bemht war, das Unheil wieder gut zu machen, ging die Mutter fort mit
der Drohung: Dawerfa tua i di, wenn i net die gleiche Schssel kriag!

Ich hielt das letztere fr ausgeschlossen bei der Kostbarkeit derselben
und zog deshalb meinen Regenmantel an und schlich mich, nachdem ich aus
meiner Sparbchse noch etwas Geld zu mir gesteckt hatte, davon.

Planlos und ohne an etwas zu denken, lief ich durch die Nymphenburger
Strae hinaus ber Laim und befand mich endlich auf der Strae, die nach
Grohadern fhrt. Die Sonne war schon im Untergehen und ber den Feldern
stand ein leichter Nebel; denn es war schon im Sptsommer.

Ich blieb stehen und sah mich um. Da durchfuhr mich ein kalter Schauer,
und als ich weiter gehen wollte, wurde mir schon nach wenigen Schritten
so bel, da ich mich erbrechen mute und danach ohnmchtig auf der
Landstrae hinfiel.

Spt abends fand mich ein Bauer, der Milch nach der Stadt gefahren hatte
und jetzt auf dem Heimweg war. Der hob mich auf und brachte mich mit
seinem Fuhrwerk nach Grohadern und lud mich bei einem groen Wirtshaus
ab. Die Wirtin brachte mich freundlich zu Bett und befahl einer alten
Frau, da sie die Nacht ber bei mir bleibe. Sie selbst kam am andern
Tag und fragte mich mitleidig, wo ich in diesem Zustand denn herkomme
oder hinwolle. Da erzhlte ich ihr mein ganzes Unglck und bat sie, sie
solle mich doch bei sich behalten, ich sei eine Wirtstochter und knne
ihr viel helfen.

Ja, mei liabs Kind, meinte die gute Frau, deine Leut wer'n halt recht
Sorg um di habn und di wieder z'rckverlanga; denn ds kann do net sei,
da a Muatter so schlecht is.

Weinend wiederholte ich meine Bitte und beruhigte mich erst, als sie mir
versprach, mich in ihren Dienst zu nehmen: Aba z'erscht muat wieder
g'sund wer'n. Drum bleibst heut lieber no liegn. Vielleicht kann ma
morgn mehra sagn.

Gegen Abend hielt ich es nicht mehr im Bett aus und ging zu der Wirtin
in die Kche und fragte sie, ob ich ihr was helfen knnte.

Ja mei, Kind, in dem Zuastand! Sitz di liaber ins Nebenzimmer und i
was G'scheits. Du schaust ja aus wie inser liaber Herr am Kreuz! Damit
nahm sie mich bei der Hand und fhrte mich ins Nebenzimmer, wo an einem
Tisch fnf oder sechs Herren beisammen saen und mich verwundert
ansahen.

Wen bringen S' denn da, Frau Obermeier? Ds is g'wi a Basl, fragte
einer, whrend ein anderer hinzufgte: Jess Maria, is ds Madl kasi! Is
'leicht krank?

Ja mei, Herr Oberfrster, sagte die Wirtin, ds is a g'spaige
G'schicht! und sie erzhlte die Sache den Herren, von denen einer der
Brgermeister, ein anderer der Arzt und ein dritter der Herr Benefiziat
war.

Nachdem die Wirtin meine Geschichte erzhlt hatte, bestrmten sie mich
mit allen mglichen Fragen; doch der Arzt sagte: Lat's dem armen Kind
sei Ruh, meine Herrn! Ma sieht's ja auf den ersten Blick, da 's
schwerkrank is ... Geh amal her, Frulein, und la dir in'n Hals
neischaun! ... Ach, herrjesses, schrie er da, wie schaut's da drin
aus, und so ham s' di rumlaufa und arbat'n lassen. A so a Bagasch g'hrt
do scho glei o'zoagt!

Und sie mcht zu mir in Dienst gehn! rief die Wirtin dazwischen.

Sonst nix mehr, schrie der Brgermeister, ins Krankenhaus g'hrst!
Net wahr, Herr Doktor?

Allerdings wr's das beste, denn es ist nicht ausgeschlossen, da das
Mdel a starke Lungenentzndung kriagt auf d Strapazen.

Da sagte der Herr Benefiziat: Wie heit du denn eigentlich und woher
bist du?

Als ich es ihm gesagt, fragte er weiter: Moanst wirkli, da di dei
Muatter totschlagt?

Ja, i glaab scho; denn halbert umbracht hat s' mi a so scho.

Da lachten sie alle, bis der Herr Benefiziat wieder ganz ernst fortfuhr:
Es ist doch a Snd und a Schand, wie heutzutag mit den armen, ledigen
Kindern umgegangen wird. Z'erscht setzt ma's her, dann gehn s' oan im
Weg um. So ein Weibsbild g'hrat doch schon an die Zehen aufg'hngt und
mit Brennesseln g'haut!

Ganz recht, Herr Benefiziat, frher hat ma aufgramt mit solchene Leut,
aber heutzutag baun s' eahna ja extrige Huser, da sie s' leichter auf
d'Welt bringa eahnane armen G'schpferln! rief der Tierarzt, und der
Brgermeister sagte: Jetzt ham's mir da! Was tean jetzt mir damit? Uns
geht's eigentlich nix o, schiabt's es nur der Mnchner G'meinde zua!

Ganz recht, Herr Brgermeister, sagte der Oberfrster, fr ds arme
Deanderl is am besten, wenn's z'Mnka ins Krankenhaus geht, bis g'sund
is. D'G'meinde soll's nur zahln. Die ham mehra wie mir.

Ich hatte heftig zu weinen begonnen, so da die Wirtin rief: Aber meine
Herren, ds is scho net recht, da d's ma dem arma Deanderl an solchen
Schrecken einjagt's. Lat 's es do wenigstens mit Ruah essen! Damit
fhrte sie mich an den Tisch und gab mir den Lffel in die Hand, und ich
mute von dem Kalbslngerl, das die Kellnerin hingestellt hatte, essen.
Ich brachte aber vor Weinen und Halsweh nichts hinunter. Die Wirtin
kehrte wieder in ihre Kche zurck, whrend die Herren sich lebhaft ber
mich unterhielten.

Nach einer Weile stand der Herr Benefiziat auf, setzte sich zu mir und
gab mir folgenden Rat: Liabs Kind, i moan, 's wr's G'scheitste, du
ttst morgen frh von Pasing nach der Stadt fahren, dort auf die Polizei
gehen, die ganze G'schicht anzeigen und dich in ein Krankenhaus schaffen
lassen. Nachher bist gut aufg'hoben und deiner Mutter schiab'n s'
hoffentlich an Riegel vor ihre Brutalitten.

Ich gab ihm keine Antwort und weinte nur. Die Wirtin aber brachte mich
darauf wieder ins Bett und erwiderte mir auf meine Frage, was ich
schuldig sei: An Vergelt's Gott und an B'suach, wann's dir amal guat
geht.

Am andern Morgen stand ich sehr frh auf und ein Milchfuhrwerk nahm mich
wieder mit nach Pasing. Von da fuhr ich mit der Bahn nach Mnchen.

Als ich ratlos vor dem Sterngarten am Bahnhofplatz stand und nicht
wute, wohin ich mich wenden sollte, begegnete mir der Sohn einer im
Haus meiner Eltern wohnenden Familie und sagte mir: Geh fei net hoam,
Leni! Dei Muatter is in der grten Wut. Die ganze Nachbarschaft hetzt
s' ber di auf und sagt dir alles Schlechte nach. Durch d'Gendarmerie
lat s' di scho berall suacha.

Da begann ich zu weinen und fragte ihn um Rat; denn wir hatten uns sehr
gern. Er meinte auch, ins Krankenhaus gehen, wre das Gescheiteste; doch
zuvor solle ich auf die Polizei, da man nicht weiter nach mir suche. Er
begleitete mich dann auch dorthin und ging darauf in sein Geschft. Ich
aber trat in die Einfahrt des Polizeigebudes und fragte den Gendarm,
der dort auf Posten stand: Sie, entschuldigen S', bitt schn, wo is
denn da ds Zimmer, wo verlorengangane Personen o'g'meldt wer'n?

Er lachte herzlich und gab mir zur Antwort: San vielleicht Sie verloren
ganga, schn's Frulein? Dann melden S' Eahna parterre, ganz hinten auf
Zimmer Nummro sieben.

Dort fragte man mich nach meinem Begehr.

Entschuldigen S', is bei Ihnen ein junges Mdchen angemeldet, ds wo
verlorenganga is, oder vielmehr, ds wo davog'laafa is? Wissen S', i bin
davo von dahoam, weil mi mei Muatter sunst derworfa htt, weil i
d'Waschschssel derschlagn hab und Diphtherie hab.

Lchelnd fhrte mich der Beamte in das Zimmer des Polizeiarztes, und als
ich dem meine ganze Geschichte erzhlt hatte, untersuchte er mich und
sagte darauf: Herr Rat, ich bitte Sie, lassen Sie die rmste nach dem
Krankenhaus schaffen. Benachrichtigen Sie jedoch die Angehrigen nicht
davon. Recherchieren Sie vielmehr, ob solche Sachen bei dieser Frau
fter vorkommen; denn so etwas gehrt exemplarisch bestraft.

Hierauf mute ich mich ausziehen und ihnen die Beulen und Striemen an
meinem Krper zeigen. Als der Arzt einen groen grnlichen Fleck an
meiner linken Brust bemerkte, rief er: Unverantwortlich! Ein weibliches
Wesen so zu mihandeln! Die Megre denkt gar nicht, welche Folgen das
haben kann!

Danach wurde ich in das Krankenhaus an der Nubaumstrae geschafft, wo
ich alsbald in ein heftiges Fieber verfiel und an einer schweren
Lungenentzndung erkrankte.

Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hren; denn durch
den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein
aufklrendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner
Entrstung ganz laut im Saal geschrien: Die Bestie! Das Schandweib! Und
so was nennt sich Mutter!

Nach drei Wochen aber meinte er: Jetzt mssen wir es doch der Mutter
schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nmlich um die Zahlung, ob das
Ihre Mutter bernimmt oder die Gemeinde.

Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: Sie
mssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafr bin ich auch
noch da.

Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen
Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tr. Sie
blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich
aber bemerkt hatte, schrie sie, da es alle hrten: So, da bist! Was du
deinen armen Eltern angetan hast, bersteigt alle Grenzen. Da herauen
mu ma di finden und htt'st es so schn g'habt dahoam. Htt dir koa
Mensch was tan! Dabei brach sie in Trnen aus, ging durch den Saal an
das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: So ein
ungeratenes Kind! Oan so vui Verdru z'macha!

Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wuten, begannen bei
diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem
Ernst vor sich hin: Tja, tja, solchtene Kinder! worauf im ganzen Saal
lautes Gelchter erscholl.

Da mute auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wtend mit den
Worten: Da d' di z'ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!

Am Abend machte der Herr Doktor wie gewhnlich die Runde, und es wurde
ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte
lachend: Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.
Als er aber erfuhr, da ich am andern Tag wieder nach Haus msse, rief
er: Unter keinen Umstnden! Sie sind noch nicht gesund, und jede
Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen! Ich werde niemals meine
Einwilligung dazu geben.

Er mute sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen
Trnen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hren, noch viel
weniger eine Mihandlung erdulden.

Nachdem ich ziemlich bedrckt von den Krankenschwestern und den brigen
Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den
Heimweg an.

Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark fr
meine Verpflegung zu bezahlen, doch lie sie mich den rger darber
nicht merken.

Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim,
sondern eine Stellung als Dienstmdchen annehmen. Sie schien anfangs
entsetzt darber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo
bessere Stellen fr Dienstboten vermittelt wurden.

Whrend sie mit der Oberin verhandelte, mute ich auf dem Korridor
warten. Nach lngerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spttisch
lchelnd: So, geh nur nei! Frau Oberin woa allerhand fr di.

Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter.
Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.

Weit du, begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem,
erzrntem Gesicht vor mich hintrat, was einem Kind gebhrt, das seine
Eltern mit Fen tritt und das Elternhaus miachtet und nicht mehr dahin
zurckkehren will? ... Einem solchen Kind gehrt nichts anderes, als da
man es an einen Haken anhnge und mit einem Stock oder Strick so lang
schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schtzen und Vater und Mutter
zu lieben!

Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte
nach der Tr, ri sie auf und lief davon, heim zum Vater.

Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen
hatte, erzhlte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir
recht, und als die Mutter heimkam und ber mich klagte, sagte er: Ds
is aa koa G'redats an a krank's Madl hin. Da kann 's freili koa Liab und
koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit'n Madl, wie es si
g'hrt, na werd si bei ihr aa ninx fehln!

Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an
gut und freundlich.

                   *       *       *       *       *

Inzwischen nahte der Hochzeitstag meiner Eltern wieder heran. Es war der
zehnte, seit sie geheiratet hatten, und auf den gleichen Tag fiel auch
mein Geburtsfest. Ich wurde damals siebzehn Jahre alt.

Da die Eltern es gern sahen, da ich ihnen zu den blichen
Familienfesten meine Glckwnsche darbrachte und auch die Brder
irgendein Gedichtlein lernen lie, so beschlo ich, ihnen zu ihrem
zehnten Hochzeitstage eine rechte Freude zu machen. Ich schmckte also
das Nebenzimmer mit Papiergirlanden, stellte ein selbstverfertigtes
Transparent auf und dazu ein Brett, in das ich zehn Ngel schlug und
darauf zehn Wachskerzen befestigte. Auf einen weigedeckten Tisch legte
ich die Festesgaben, zu denen ich einen eigenen Vers gedichtet hatte. Es
waren ein Paar zierliche Samtpantoffeln fr die Mutter und ein
gesticktes Kpplein fr den Vater, nebst zwei Blumenstcken und einem
Kuchen. Auch den Stammgsten teilte ich meine Absicht mit, und sie waren
gern bereit, die Feier noch durch Musik zu verschnern.

Als nun am Vorabend des Hochzeitstages meine Eltern plaudernd am
dichtbesetzten Stammtisch saen, ertnte pltzlich im Nebenzimmer Musik
und man brachte ihnen ein Stndchen. Erschrocken sprang die Mutter auf
und lief hinber. Da erglnzte der also geschmckte Raum im Licht der
Kerzen und des Transparents. Doch, o Wunder! es stand noch ein Brett auf
dem Tisch, an dem siebzehn kleine Lichtlein brannten. Meine Brder
hatten mich damit berrascht.

Whrend die Mutter immer noch starr an der Tr lehnte, war auch der
Vater hinzugetreten, und nun brachte ich meinen Prolog vor, worauf die
Gste ein dreimaliges Hoch brllten.

Dann stand einer von den Stammgsten auf und brachte in umstndlicher,
stotternder Rede die Wnsche der Gste zum Ausdruck und rief zum Schlu:
Unser wertes Hochzeitspaar und unser liebes Geburtstagskind mgen noch
lange Jahre froh und glcklich sein! Sie leben hoch, hoch, hoch!

Da rief die Mutter, der whrend des Ganzen eine dunkle Rte bis zu den
Schlfen ber das Gesicht lief, aus: Ja, seid's denn alle verrckt
wordn! Was red's denn allweil von zehn Jahr? Mir san do scho zwanz'g
verheirat'!

Ich verwunderte mich ber diese Rede sehr; denn ich wute doch bestimmt,
da der Vater jetzt fnfunddreiig, die Mutter aber achtunddreiig
zhlte, und wenn sie nun vor zwanzig Jahren schon geheiratet htten, so
... Ich schickte mich also an, ihnen dies zu erklren. Da erhielt ich
einen heftigen Sto von der Mutter, und sie rief halblaut: Marsch, ins
Bett! Und freun kannst di!

Andern Tags aber gab es heftige Prgel dafr, da ich die Eltern so
blamiert hatte; denn sie wollten es niemand wissen lassen, da die
Mutter mich schon ledig gehabt.






Jetzt war meine gute Zeit wieder vorbei, und die Mutter qulte mich
wieder rger denn je. Dabei empfand ich es am bittersten, da sie mich
oft, besonders zu gewissen Zeiten des Monats, wegen irgend einer
Kleinigkeit, die ich mir hatte zu Schulden kommen lassen, dadurch
strafte, da sie mir befahl, nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer zu
erscheinen. Dort mute ich mich dann jedesmal nackt ausziehen und
niederknien, und nun schlug sie unter lauten Schmhungen mit dem
Ochsenfiesel so lange auf mich ein, bis sie vollkommen erschpft war und
mir das Blut ber Arme und Rcken herunterrann. Bei diesen Zchtigungen
waren die Schlge, an die ich mich schlielich auch gewhnte, nicht so
schmerzhaft als der Umstand, da die Mutter oft viele Stunden zwischen
meiner Verfehlung und der Strafe verstreichen lie, whrend derer ich
das Kommende jeden Augenblick vor mir sah und doch meine Arbeit tun
mute.

Dadurch wurde mir das Leben im Hause immer mehr zur Qual und ich
beschlo, auf irgend eine Weise dasselbe zu verlassen.

Da besuchte uns ein junges Mdchen, welches sich vor seinem Eintritt ins
Kloster noch von einer meiner Basen, die bei uns in Dienst war,
verabschieden wollte. Diese schilderte mir den Beruf und das Leben der
Nonnen so schn, da ich voller Begeisterung beschlo, ebenfalls ins
Kloster zu gehen. Ich uerte diesen Wunsch meiner Mutter gegenber und
sie war ganz wider mein Erwarten einverstanden. Doch wohin? Man
versuchte es im Institut der Englischen Frulein; doch wies man mich
dort ab, weil ich ein lediges Kind war. Da erfuhren wir durch eine Magd,
deren Schwester schon lange Klosterfrau war, da der alte Pater Guardian
des Kapuzinerordens in Mnchen uns gewi raten knne; der htte auch
ihre Schwester ins Kloster gebracht.

Meine Mutter ging also mit mir dahin und stellte mich dem Pater vor, und
nachdem ich ihm meinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, vorgetragen hatte,
meinte er: Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwhlt! Wenn du
wirklich den festen Willen hast, Nonne zu werden, so will ich dir gerne
dazu helfen! Darauf nannte er mir als die geeignetste Sttte, Gott in
gnzlicher Abgeschiedenheit von der Welt zu dienen, das Kloster
Brenberg in Schwaben, und nachdem er noch meine Schulzeugnisse geprft
und mich auch in religisen Dingen nicht unwissend befunden hatte,
empfahl er mir, dorthin zu schreiben; denn daselbst knne ich Lehrerin,
oder was ich wolle, werden.

Auf meine Anfrage bei den frommen Frauen dieses Klosters, das dem
heiligen Josef geweiht war, erhielt ich denn auch wirklich den Bescheid,
da man, obwohl ich schon siebzehn Jahre alt sei und man gewhnlich nur
jngere Bewerberinnen zulasse, dennoch gewillt sei, mich als Kandidatin
aufzunehmen; zugleich war dem Schreiben ein Zettel beigelegt, der alles
enthielt, was mir zu wissen vonnten war und auch was ich an Garderobe,
Wsche und dergleichen brauchte.

Als Tag meines Eintrittes war der fnfte Dezember, der Todestag meines
Grovaters, ausersehen und ich erwartete ihn sehnschtig und mit groer
Aufregung.

Die letzte Nacht vor meinem Scheiden aus dem elterlichen Hause schlief
ich nur wenig, und als mich am frhen Morgen die Mutter aus den Federn
holte, war ich in ganz seltsamer Stimmung. Verflogen war alle Lust und
Freude, und ich wre viel lieber im Bett geblieben, statt mich fr die
Reise bereit zu machen. Da ich nun aber einmal daran glauben mute,
kleidete ich mich rasch an. Bald trat auch schon die Mutter reisefertig
in die Stube, und nachdem ich meinem Vater und den Geschwistern Lebewohl
gesagt, machten wir uns auf den Weg. Oftmals blickte ich noch zurck auf
unser Haus, und als wir durch die menschenleeren Straen dem Bahnhof
zueilten, nahm ich noch Abschied von den alten Frauentrmen, die
freundlich aus dem Frhnebel grten.

In der Eisenbahn gab mir die Mutter noch allerhand Ratschlge und meinte
zum Schlu: Kost's, was's mag, wannst nur recht a brave Klosterfrau
wirst! Schickn tean ma dir alles, was d'magst, brauchst blo z'schreibn.
Aber aushaltn mut und drinn bleibn! Net, da d'auf amal nimma magst und
kommst ma daher; da tt's spuckn!

Nach dieser Rede verstummte sie, und auch ich lehnte mich schweigend in
meine Ecke.

Verschneite Wiesen, Wlder und Ortschaften glitten drauen vorber,
Stationen wurden gerufen, Leute stiegen aus und ein, deren Redeweise
immer mehr das Schwabenland verriet, und bald waren wir in der
Hauptstadt, in Augsburg. Den mehrstndigen Aufenthalt bentzten wir
dazu, uns die Stadt ein wenig anzusehen. Mich aber interessierten nur
etliche Klosterfrauen, die eben ber den Marktplatz in eine Kirche
gingen; doch gefiel mir ihre Kleidung gar nicht und ich frchtete, es
mchten die Frauen des heiligen Josef ebensolche unschne Gewandung
tragen. Whrend ich ihnen noch nachblickte, strmte pltzlich keuchend
ein Hund an mir vorber, der einen andern, der laut heulte, hinter sich
herschleifte. Entsetzt sprangen die Nonnen zur Seite, whrend sich im Nu
ein groer Menschenhauf ansammelte, aus dem die Rufe: A Schffla Wass'r
her! A Tpfla Wass'r drufgiea! erschollen. Ich aber war hchst
erstaunt vor diesem scheinbaren Naturwunder stehen geblieben und starrte
mit offenem Munde den Hunden nach. Da ri mich meine Mutter mit den
Worten: Marsch, weiter, ds is nix fr di! mit sich fort und fhrte
mich auf dem krzesten Wege wieder zum Bahnhof.

Whrend der weiteren Fahrt war die Mutter recht einsilbig, und als wir
jetzt an der Endstation Kamhausen anlangten, sagte sie nur: So, jetz
m ma schaun, da ma no an Platz im Stellwagn kriegn! welchen Worten
ich nicht zu widersprechen wagte, obgleich ich viel lieber zu Fu
gegangen wre.

Whrend nun die Mutter wegen der Fahrscheine drinnen am Postschalter
verhandelte, besah ich mir die Gegend: da erblickte ich grad vor mir,
kaum eine halbe Stunde entfernt, angelehnt an einen bewaldeten Hgel,
ein imposantes Gebude und rings um dasselbe eine Menge kleinerer, die
den Eindruck einer kleinen Stadt machten. Etwas abseits lagen wieder
eine Anzahl Huser, die mehr lndlichen Charakter hatten und von Bumen
umgeben waren. Um das groe Gebude und den Berg zog sich eine Mauer und
von dem Dach grten ein paar groe, mit hohen Schneehauben berzogene
Storchennester. Dazwischen ragten mehrere kleine Trmlein in die klare
Luft und von einem greren klang einladend das Mittagluten zu mir
herber. Da schreckte mich jemand aus meinem Betrachten auf: He, Mdla!
Was luagscht denn allweil nach Braberg rba? Magscht ebba au e
Kloschtafrau wera?

Ja. Ds hoat, naa, naa; i woa's net!

Nach diesen ungeschickten Worten lief ich wieder auf die andere Seite
des Bahnhofs, wo die Mutter mich schon berall suchte. Ich sagte ihr,
da ich Brenberg schon gesehen htte; doch schien sie es nicht zu hren
und trieb mich zur Eile, da der Stellwagen gleich abfahren wollte.

Mit uns hatten noch einige Frauen und ein junger Mann Platz genommen,
und der letztere veranlate mich durch sein sonderbares Betragen und
sein vogelartiges Gesicht, immer wieder nach ihm zu schauen. Er spielte
unablssig mit seinen Fingern, schnitt Grimassen und lallte
unverstndliche Worte vor sich hin. Ich erfate aus der lebhaften
Unterhaltung der Frauen, die bei ihm saen, da der junge Mensch bld
und epileptisch krank sei und nun in der Kretinenabteilung Brenbergs
untergebracht werde. In der Ecke sa ein altes Weiblein mit einem kaum
zwanzigjhrigen Mdchen, und es fiel mir auf, da die beiden garnichts
miteinander redeten. Auch die andern Frauen interessierten sich
anscheinend fr das Paar; denn die eine fragte pltzlich die Alte:
Fahrat Se au uf Braberg?

Ja freili, antwortete diese, mei Dirndl is toret und a Stummerl is 's
aa. Jatz han i mi beim Burgamoasta vrstelli g'macht und der hat ins a
G'schreibats gebn, da s' auf G'moakstn in d Anstalt z'Brnberg kimmt.
D ham ja lauta sllane Dalkn!

Du lieb's Herrgottl! Isch dies abr schad! 's isch ganz e frtzig's,
herztausig's Mdla! Moi Jakala mu au hin, weil er irr ischt und's
Hiefallat hat.

Nun war mit einem Mal meine ganze Schneid fort und ich hatte nicht
geringe Angst vor dem Kloster und allem, was dazu gehrte. Und als sich
die redseligen Frauen nun auch an uns wandten, mu ich wohl ganz den
Eindruck einer verschchterten Irren gemacht haben; denn die eine sagte
zu meiner Mutter: So, so, Sie fahrat au mit uns! Sie wollet g'wi au
Aufnahm fr dies Mdla; ischt's ebba au e Deppala?

Da sagte meine Mutter, da ich Klosterfrau werden wolle.

Schau, schau! sagte die Alte darauf, so a schwera und aaschtrengada
Beruf mcht's Mdla und ischt so bla und mag'r! Lasset Sie's do wied'r
hoifahra, Fraule! Die ischt 'it passad fr e Kloschterfrau!

Doch meine Mutter entgegnete nur kurz: Es wr mir gleich, was s' tt;
aber sie will selber ins Kloster. Damit war die Unterhaltung zu Ende.

Inzwischen waren wir an dem Hgel angelangt und muten nun ganz um ihn
herumfahren. Da sah man erst, da er den eigentlichen Ort ganz verdeckt
hatte, und ich war berrascht von der Schnheit des alten Stdtleins.

Vor dem groen Gebude machte der Postillon halt und wir standen wartend
an der verschlossenen Pforte. Aus dem kleinen Fensterchen daneben sah
eine schwarze Katze, und als die Tr sich endlich ffnete, stand eine
kleine, alte Nonne vor uns, liebenswrdig und demtig nach unserm Begehr
fragend.

Nachdem sie die Wnsche eines jeden gehrt, fhrte sie uns in ein kahles
Zimmerchen, aus dem erst die Taubstumme, dann die Frauen mit dem Kranken
geholt wurden. Zuletzt kam eine blasse, junge Schwester, die uns nach
den Gemchern des Superiors fhrte.

Vor der Tr des Sprechzimmers standen etwa sieben bis acht Nonnen und
warteten auf Einla. Sie standen da, gesenkten Hauptes, die Arme vor der
Brust gekreuzt und beteten leise vor sich hin, whrend mitunter ein halb
scheuer, halb neugieriger Blick uns streifte.

Inzwischen hatte die Schwester uns angemeldet und wies uns nun in ein
mit dem Sprechzimmer verbundenes Gemach.

Da trat nach einer kleinen Weile, whrend der mir fast die Brust
zersprang vor Erregung, aus der Tr des Sprechzimmers ein ernster Mann
von ehrfurchtgebietender Gre und Haltung und lud uns ein, nher zu
treten. Er fhrte uns in sein Zimmer, das fast wie der Laden eines Buch-
und Schreibwarenhndlers aussah. berall lagen Ste von Bchern,
Heften, Zeitschriften, Akten und Briefen umher und dazwischen groe
Pakete, ganze Bndel Wachskerzen, Rosenkrnze und Sterbkreuze. ber
einem Stuhl hingen eine Menge violettgelber Ordensgrtel und an einem
Schrank lehnten etliche Krcken.

Nachdem der Superior in einem Armstuhl Platz genommen, wies er meiner
Mutter auf dem Sofa und mir auf einem Rohrhockerl Sitze an, hierauf
begann er: Hast du dir auch wohl berlegt, mein liebes Kind, was du tun
willst, indem du eine Klosterfrau zu werden gedenkst?

Meine Mutter antwortete statt meiner: Hochwrdiger Herr, wir haben ihr
lang genug davon abgeraten; und pltzlich in ihre gewohnte Redeweise
verfallend, fuhr sie fort: Aber a jeds Wort is umasonst g'wen.

Das haben halt schon viele im Sinn gehabt und nach einiger Zeit sind
sie doch wieder in die Welt zurck. Und gar bei uns gehrt viel dazu, um
den Anforderungen, die wir an die Schwestern stellen, gerecht zu werden.
Doch soll es uns groe Freude bereiten, wenn das liebe Kind eine recht
fromme, brave und tchtige Schwester in unserm Orden wird. Wir haben ja
so viele ntig, sowohl fr die Arbeit, als auch fr den Unterricht; denn
unsere Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut,
einer Heimsttte fr alte, schwchliche Personen und einer Pflegeanstalt
fr Kretinen, Epileptische, Irre, Tobschtige und durch Ausschweifung
Zerrttete, sogenannte Besessene. Auch finden bei uns arme, kranke und
migestaltete, sowie blde, krppelhafte und miratene Kinder eine
Sttte zur allseitigen Pflege und Bildung, soweit dies mglich ist.

Unser Orden hat jetzt etwa fnfhundert Profeschwestern, von denen
etliche schon seit Bestehen desselben das Kleid unseres Schutzpatrons
tragen, und ungefhr zweihundert Novizinnen, die ihren weien Schleier
erst in ein bis zwei Jahren bei Ablegung der Profe mit dem schwarzen
zum Zeichen gnzlicher Entsagung der Welt vertauschen. Diese sind noch
nicht durch die ewigen Gelbde gebunden und knnen den Orden noch
verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der
himmlische Brutigam diesen Verrat bestraft: die betreffende Novizin
wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer
Irrenabteilung. Auer den Genannten haben wir noch etwa dreihundert
Jungfrauen, die am Tag des heiligen Josef Lehr-, Pfleg- und
Arbeitsschwestern werden wollen, sowie einhundertzwanzig
Lehramtskandidatinnen, zehn Handarbeits- und sechs Musikkandidatinnen
und etwa fnfzehn fr die Hausarbeit und Kche. Wie ich sehe, hat das
Kind sehr gute Schulzeugnisse; eine kurze Prfung wird uns zeigen, wozu
sich das Mdchen eignet. Sollte es dir, mein Kind, nicht gefallen, so
kannst du innerhalb fnf Jahren diese Sttte noch verlassen. Nun sage
mir einmal, willst du bei uns bleiben?

Er war bei den letzten Worten aufgestanden und hatte mir das Kinn
gefat, indem er mich fest anblickte.

Da sagte ich leise: Ja, ich will dableiben.

Meine Mutter hatte dies Ja berhrt und rief: Na, kannst net antwortn,
wennst g'fragt wirst!

Doch der Priester entgegnete ihr: Ereifern Sie sich nicht, Frau Mutter,
das gute Kind hat mir sein Jawort schon gegeben.

Darauf gab er uns seinen Segen und lie uns durch eine Nonne nach der
Kandidatur fhren. Dort mute mich meine Mutter allein lassen; doch
durfte ich, nachdem ich den Kandidatinnen vorgestellt und genugsam
angestaunt worden war, mit ihr in der Brauerei zu Mittag essen und hatte
mein neues Leben erst am Nachmittag zu beginnen.

Wir begaben uns also in das Brustberl, einen behaglichen Raum mit
rohen, blankgescheuerten Mbeln und Blumenstcken an den Fenstern, deren
saubere Vorhnge fest zugezogen waren. An den Wnden hingen bunte
Heiligenbilder und in einer Ecke war ein kleiner Hausaltar aufgerichtet,
dessen zierliche Ampel ihr mattes Licht auf die aus Gips verfertigte
Statue des heiligen Josef warf.

Als ich sah, da auch hier nur Klosterfrauen ttig waren, verwunderte
ich mich sehr und wagte an die Schwester, die uns bediente, die Frage,
ob hier die Nonnen auch das Bier selber brauten. Da erzhlte sie uns,
da alles, was nur immer zu tun sei, von ihnen selbst gemacht werde;
auch die konomie und Metzgerei, sowie alle Handwerke, deren das Kloster
bedrfe. Zur Hilfe wrden allerdings die Pfleglinge, welche sich dazu
eigneten, verwendet. Dies setzte mich in groes Erstaunen, und ich sah
meinem Leben in diesem Kloster mit viel Neugier entgegen. Meine Mutter
aber hatte mit wachsendem Entsetzen zugehrt und konnte dies auch kaum
vor mir verbergen, und als sie um drei Uhr wieder in den Stellwagen
stieg, sagte sie ganz unvermittelt: Also, wann's dir gar z'schwer wird,
kannst d' es ja schreibn; bet viel und sei recht fleiig und aufmerksam
und la dir nix z'Schulden kommen.

Ich gab ihr noch Gre auf an alle, die mir lieb waren; dann schlang ich
pltzlich meinen Arm um ihre Knie, drckte laut aufweinend meinen Kopf
in ihre Kleider und lief danach, so rasch ich konnte, an die Pforte und
lutete fest, ohne noch einmal umzuschauen.

Man wies mich wieder in das kleine Zimmer, und dann fhrte mich die
blasse Schwester ins Refektorium, wo die Kandidatinnen bei der Vesper
saen. Liebenswrdig nahmen sich sofort einige von ihnen meiner an und
erklrten mir alles, was ich wissen mute oder wollte. Ich war ihnen
dankbar dafr; denn ich hielt es fr natrliche, herzliche
Kameradschaft. Spter freilich erkannte ich meinen Irrtum: es war alles
nur Drill und von wahrer Gte wenig zu finden: Bigotterie paarte sich
mit Stolz, Selbstsucht mit dem Ehrgeiz, vor den Oberen schn dazustehen
und als angehende Heilige bewundert zu werden.

Besonders unter den lteren Mdchen hatte dies Streben nach
Vollkommenheit einen wahren Wettlauf um die Tugend hervorgerufen, und
die Prfektin der Kandidatur, die solches mit groer Befriedigung
wahrnahm, bergab nun jede Neuangekommene der Obhut einer dieser
Wrdigen, welche zugleich mit diesem ehrenvollen Amt den Namen
Schutzengel erhielt.

Also ward auch mir gleich am ersten Abend ein solcher Schutzengel
zugeteilt und waltete mit Eifer seines Amtes. Bald machte er mich auf
das Weltliche meiner Heiterkeit aufmerksam, obschon ich mir recht
traurig vorkam. Und als ich spter meinen Arm in den meiner Beschtzerin
legen wollte, wies sie mich mit den Worten zurecht: Pfui! Das schickt
sich doch nicht! Das gefhrdet doch die heilige Reinheit! Es ist uns
verboten, uns bei den Hnden zu fassen oder einzuhngen. Das Betasten
des Krpers nhrt die Sinnlichkeit, und zum Krper gehren auch die
Hnde.

Da die Abendandacht stets in der Kapelle verrichtet wurde, fhrte meine
Hterin mich daselbst an den mir zugeteilten Platz, von dem aus ich
weder den Altar noch sonst etwas von der Kirche sehen konnte; denn wir
befanden uns auf einer Art Galerie, die mit einem dichten Gitter
abgeschlossen war. Rings um uns vernahm ich lautes Beten und sah mich
neugierig um, zu sehen, woher es kme. Da flsterte mein Schutzengel mit
strenger Miene: Sieh fr dich, arme Seele, Gott ist hier!

Nach dem Abendgebet gingen wir paarweise in den groen Schlafsaal, und
meine Fhrerin steckte mir auf dem Weg dahin einen Zettel zwischen die
Finger, auf dem geschrieben stand: Von neun Uhr abends bis sieben Uhr
morgens strengstes Stillschweigen!

Im Schlafsaal angelangt, wies sie mir mein Lager an, und ich wollte nun
beginnen, mich auszuziehen. Da ich noch stdtische Kleidung trug und
auch kein Nachthemd bei mir hatte, brachte sie mir eine wei- und
rotkarierte Bettjacke. Ich hatte bereits meine Bluse aufgeknpft und
entblte eben meine Schultern, als mein Schutzgeist ganz entsetzt
herzusprang und mir die Bluse rasch wieder ber die Achseln schob.
Hierauf warf sie mir die Bettjacke ber die rechte Schulter, und indem
ich sie am Hals festhalten mute, entblte sie unter dieser schtzenden
Hlle meinen rechten Arm und schob ihn rasch in den rmel des
Nachtgewandes. Ebenso verfuhr sie auf der linken Seite und dann knpfte
sie mir den Kittel bis an den Hals zu.

Die andern Kandidatinnen hatten sich inzwischen unter lautem Beten auf
die gleiche Art entkleidet, und ich sah nun eine nach der andern ins
Bett steigen; doch behielten alle ihren Unterrock und die Strmpfe an.
Ich machte meine Hterin durch Zeichen auf dies aufmerksam; da zog sie
einen Bleistift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb darauf:
Ein sittsames Kind entblt die Fe erst im Bett und auch den
Unterrock darf man nicht vorher abstreifen.

Also legte ich mich zu Bett und entledigte mich, nachdem sie mir die
Decke ber den Kopf gezogen, meiner brigen Kleidung, worauf eine
Nachtschwester von Bett zu Bett ging und einer jeden die Zudecke glatt
strich. Und nachdem man sich noch der Frbitte des heiligen Joseph und
der heiligen Barbara durch besondere Gebete versichert und den Psalm
Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr samt den dazugehrigen
Paternostern gebetet hatte, legte man die Arme auf der Bettdecke
kreuzweise ber die Brust und schlief dann ein.

Traumlos schlief ich die ganze Nacht; denn ich war den Tag ber mde
geworden, und als am frhen Morgen pltzlich ein lautes Gelobt sei
Jesus Christus ertnte, dem die Kandidatinnen sich aufsetzend in
Ewigkeit, Amen, antworteten, blickte ich verwirrt um mich und konnte
mich erst, als von der Pfarrkirche das Fnfuhrluten erscholl, besinnen,
wo ich war. Rasch sprang ich aus dem Bett; in diesem Moment aber sah ich
ringsum aller Augen entsetzt auf mich gerichtet, und nun merkte ich
erst, da ich im Hemd und ohne Strmpfe war. Schnell schlpfte ich
wieder ins Bett und zog mit vieler Mhe unter der Decke meine
Unterkleider an.

Derweilen waren die anderen Mdchen schon an den langen Waschtisch
getreten, wo eine Waschschssel neben der anderen stand, und wuschen
sich, als mein Schutzengel kam und auch mich dahin fhrte. Whrend des
Ankleidens wurde wie am Abend laut gebetet; man empfahl sich zu allen
Stunden in Mariens Herzen und Jesu Wunden.

Nachdem wir unsern Schlafsaal geordnet und zuletzt die leichten
Filzschuhe mit Stiefeln vertauscht hatten, begaben wir uns paarweise
nach der Kandidatur. Diese befand sich in dem sogenannten Mutterhaus,
einem alten Bau, der noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte und
damals den Prmonstratensermnchen gehrt hatte, die spter daraus
vertrieben wurden, worauf das Kloster erst als Kaserne und dann als
Speicher diente. In diesem Zustand erwarb es unser Orden und richtete es
wieder wohnlich her; doch wurde das Haus bald zu klein und man fgte
einen Anbau um den andern an. So kam es, da wir unsern Schlafsaal in
einem dieser neuen Gebude hatten.

Wir schritten also ber den verschneiten Platz vor dem Kloster; denn
einen geschlossenen Verbindungsgang nach dem Mutterhaus hatte man gerade
erst zu bauen begonnen. Da lutete es in der Pfarrkirche zur heiligen
Wandlung. Sofort warfen sich alle auf die Knie in den Schnee und beteten
den menschgewordenen Gott an.

Als wir im groen Lehrsaal der Kandidatur angekommen waren, knieten alle
vor einer reich mit Blumen geschmckten Statue des heiligsten Herzen
Jesu nieder, vor der die Prfektin bereits in andchtigem Gebete lag.
Sie schlug jetzt ein Andachtsbuch auf und las daraus die Legende einer
Heiligen, worauf eine lange Betrachtung ihrer Tugenden und Leiden
folgte. Zum Schlu wurde vieles auf uns angewandt und etliche
Kandidatinnen, die sich Verfehlungen gegen eine der Tugenden dieser
Heiligen hatten zu Schulden kommen lassen, bekamen nun eine
eindringliche Strafpredigt und es wurden ihnen schwere Bubungen, wie
Rosenkrnze, viel hundert Paternoster und Ave-Maria, stundenlanges Knien
vor dem Altar und dergleichen auferlegt.

Starr vor Erstaunen hrte ich dem Ganzen zu und bereute es schon bitter,
jemals den Vorsatz gefat zu haben, Nonne zu werden.

Nach dieser geistlichen Lesung und Betrachtung gingen wir in den
Speisesaal zum Frhstck, das in einer Tasse dnnen Kaffees und einem
Brtchen bestand. Meine Hterin legte wieder einen Zettel vor mich hin,
des Inhalts, da es Jesus recht wohlgefllig sei, wenn man freiwillig
auf das Brot verzichte, weshalb ich nur die Hlfte davon a.

Nun hatten wir der Frhmesse in der Klosterkapelle beizuwohnen und
danach versammelten wir uns wieder im Saal der Kandidatur, und jedes
holte sich ein Buch, um zu lernen.

Inzwischen schlug es acht Uhr, und herein traten drei Schwestern, die
Lehrerinnen der Kandidatur, gefolgt von der Prfektin, die mich, nachdem
wir beim Glockenschlag um eine gute Sterbstunde gefleht, setzen hie und
nun begann, mich in allem zu prfen, was ich als Lehramtsschlerin
wissen oder lernen mute. Sie gesellte mich danach dem zweiten Kurs zu
und wies mir meinen Platz an, worauf der Unterricht begann. Der erste
Kurs schrieb an einem Aufsatz, wir rechneten schriftlich, und der dritte
Kurs hatte Unterricht in Grammatik. Die hheren Klassen hatten ihre
eigenen kleinen Studierzimmer und diese waren nur durch Glastren von
unserm Saal getrennt.

Um neun Uhr versammelten sich von neuem alle vor dem Altar, knieten
nieder und beteten laut ein Stundengebet. Kaum hatten wir uns wieder
erhoben, als abermals von der Pfarrkirche die Glocke zur Wandlung
lutete und wir uns wiederum auf die Knie warfen und anbeteten.

Nach einer kurzen Weile rief man uns zur Vesper, und jede bekam ein
Krglein Bier und ein Stck schwarzes Brot, wobei ich sah, da wieder
viele die Hlfte des Brotes zurck in den Korb wandern lieen; doch wei
ich nicht, ob dies zur Abttung oder aus Abneigung gegen das rauhe
Gebck geschah.

Bald, nachdem der Unterricht wieder begonnen hatte, kam die Prfektin
und befahl meinem Schutzengel, mich ins Bad zu fhren.

Durch lange Gnge, vorber an Mnner- und Frauenabteilen, aus denen
wster Lrm drang, hinab ber alte, morsche Stiegen ging es, dann traten
wir in einen moderigen Kellerraum, wo etwa zehn Mnner Krbe flochten.
Wir eilten an ihnen vorber und kamen durch die mit ekelhaftem Gestank
erfllte Waschkche, in der etliche Kretinen aus einer belriechenden
Lauge graue Wschestcke zogen, endlich in ein dsteres Kmmerlein, das
man Bad nannte, und in dem zwei alte Badewannen, durch einen Vorhang
getrennt, an der Wand standen.

Wir muten uns erst das heie Wasser aus der Waschkche holen, und
nachdem wir unsere Wannen gefllt und unsere Tcher und Wsche auf einen
neben der Wanne stehenden Stuhl gelegt hatten, begann mein Schutzgeist
mir zu zeigen, wie man sich baden msse, ohne die Unschuld zu verletzen.

Ich durfte mich nicht ganz entkleiden, sondern mute in Hemd und
Strmpfen in die Wanne steigen. Hier konnte ich mich meiner Strmpfe
entledigen, whrend das Hemd meiner Ble als Bedeckung blieb und
tchtig eingeseift wurde. Darauf strich man einige Male mit den Hnden
darber hin; denn unter dem Hemd durfte der Leib nicht berhrt werden.
Nur Gesicht und Hals wurde grndlich gewaschen.

Whrenddem beteten wir laut den schmerzhaften Rosenkranz, auf da der,
der fr uns Blut geschwitzt hat und fr uns gegeielt ist worden, unser
Herz vor jedem sinnlichen Gedanken bewahre.

Auf dem Rckweg erzhlte mir meine Beschtzerin, da man whrend des
Sommers in einer Htte zu Sankt Jakob bade, einer Einsiedelei, nahe dem
Kloster in einem kleinen Tal gelegen. Und sie erklrte mir genau, wie
man es dabei zu machen habe, damit die Seele nicht Schaden leide. Als
ich dann spter im Sommer wirklich dieses Badehttlein besuchte, mute
ich ber mein Hemd einen Anzug mit langen rmeln anziehen, so da ich am
Ende nicht das Gefhl der Erfrischung hatte, sondern es mir war, als sei
ich durch ein Unglck ins Wasser geraten. Zum Glck durfte ich whrend
meines eineinhalbjhrigen Aufenthalts im Kloster nur dreimal baden.

Nach dem Bade fhrte meine Hterin mich in die Garderobe, wo ich meine
klsterliche Uniform erhielt. Danach gingen wir zu Tisch, und jetzt war
ich eigentlich erst als Kandidatin anerkannt. Ich trug ein
blaugestreiftes Kattunkleid, eine schwarze Schrze, ein schwarzes
Schulterkrglein und um den Hals eine gestrkte Batistschleife.

Vor dem Essen befahlen wir unsere Sinne dem gttlichen Meister, indem
wir beteten: Barmherzigster Herr Jesu Christe, gestatte, da ich jetzt
diese Mahlzeit einnehme, aus Gehorsam, um meine Gesundheit zu strken
und mir neue Krfte zu sammeln. Bewahre mich vor aller Sinnlichkeit und
gib mir die Gnade, da ich nicht ohne berwindung von dieser Mahlzeit
aufstehe.

Doch htte es eigentlich dieses Gebetes kaum bedurft, da der
Speisezettel nicht danach angetan war, den Gaumen zu reizen, so da es
schon groer berwindung bedurfte, gehorsam zu sein und zu essen. Die
lteren Kandidatinnen freilich fgten dieser berwindung noch andere
hinzu, indem sie kein Salz nahmen, kein Wasser tranken, kein Brot aen
und anderes mehr.

Ich selbst konnte mich nur sehr schwer an die Kost gewhnen; denn
erstlich wurden alle Gerichte mit Dampf gekocht, und dann kamen wir in
bezug auf die Qualitt erst an dritter oder vierter Stelle: das Fleisch
und frische Gemse erhielten die Schwestern, was davon brig blieb, die
Jungfrauen; wir bekamen das Fett mit Kraut, Kartoffelbrei oder Salat.
Was wir brig lieen, wurde dann den Pfleglingen mit einer Brennsuppe
verabreicht. Zwar gab es in der Kche auch Geflgel und Fische; doch das
war fr die Oberen, die Geistlichkeit und bessere Gste bestimmt. Am
belsten aber bekamen mir die sogenannten Ksspatzen, eine zhe
Wasserteigmasse, in der eine Menge Zwiebeln staken. Doch ging es allen
Neulingen so, so da sich nicht selten die eine oder andere erbrechen
mute, was hingegen kein Grund war, mit dem Essen aufzuhren.

Whrend der Mahlzeit hielt stets eine ltere Kandidatin eine erbauliche
Tischlesung, meist Legenden aus dem Leben heiliger Personen, die durch
Fasten und Abtten eine hohe Stufe der Heiligkeit erklommen hatten.

Nach Tisch ordnete man sich in Paaren und begab sich in die Kapelle,
damit, nachdem der Leib seine Nahrung erhalten, auch die Seele ihr Teil
bekme durch den Akt der geistlichen Kommunion.

Ich war nach dieser Andachtsbung, die mit dem Abbeten des Rosenkranzes
mit ausgebreiteten Armen beschlossen wurde, so mde, da ich beinahe im
Gehen einschlief.

Da traten wir pltzlich in einen groen Saal. Darinnen sa eine junge
Nonne mit gewinnendem, freundlichem Blick in den kindlichen Zgen am
Flgel, whrend neben ihr ein junges Mdchen einen Sto Liederbchlein
im Arm hielt und am Tisch verstreut mehrere Oratorien und Messen lagen.

Die Nonne stand auf, und nachdem ein kurzes Stundengebet verrichtet
worden, begann die Gesangstunde, wobei ich sah, da hier die Musik sehr
gepflegt wurde; denn die Stimmen waren gut geschult und das Spiel der
Schwester meisterlich. Sie prludierte erst ein wenig und spielte dann
etliche Variationen des zu behandelnden Liedes. Endlich gab sie das
Zeichen zum Einsatz, und nun hallte der Saal wieder von den Tnen einer
herrlichen altitalienischen Messe.

Als die Sngerinnen eine lngere Pause machten, bat ich die Schwester,
sie mge mich mitsingen lassen, was sie ziemlich verwundert gestattete.
Nun war mit einem Male meine ganze Mdigkeit dahin, und ich sang so zu
ihrer Zufriedenheit, da sie mich erstaunt fragte, wo ich Unterricht
gehabt htte. Ich antwortete ihr, da ich am Kirchenchor gesungen htte
und auch schon lngere Zeit im Klavierspiel unterwiesen worden sei.
Hocherfreut rief sie, als sie dies vernommen: Liebs Jesusle, hab Dank!
Jetzt bekomm ich eine Musikkandidatin! Und sofort eilte sie zum
Superior, ihn zu bitten, da er mich ihr berweise.

Dies geschah noch am nmlichen Tage, und nun begann fr mich eine
glckliche Zeit. Ich machte rasch Fortschritte im Klavierspiel, und als
ich dann auch im Violinspiel ber die ersten Anfnge hinaus war, taten
sich vor mir immer wieder neue Wunder auf, und ich schien mir in eine
andere Welt versetzt. Meine Freude ber diese gute Wendung der Dinge
zeigte ich meiner Lehrerin durch groen Eifer und mglichste Genauigkeit
im Arbeiten.

Hatte ich schon vorher unter den Lehramtsjngerinnen einige heftige
Widersacherinnen gefunden, so mehrte sich jetzt ihre Zahl; um so mehr,
als Schwester Ccilia mich sehr lieb gewann und wir bald gute Freunde
wurden.

So kam es, da ich in kurzer Zeit einer der sogenannten Sndenbcke der
Kandidatur war; denn je fter meine Lehrerin mir sagte, da ich
brauchbar und ihr fast unentbehrlich sei, desto fter suchte man mich
auf der anderen Seite durch Wort und Tat zu berzeugen, da ich ein
eingebildetes, dummes Mdel sei, das leicht zu ersetzen wre.

Es dauerte nicht lange und die Obern des Klosters erfuhren diese Dinge.

Also ward ich von der Prfektin der Kandidatur, Schwester Archangela,
einer alten, strengen Nonne mit harten Zgen, tiefliegenden grauen Augen
und einer groen Hakennase, auf der eine goldene Brille sa, zu der
Oberin gefhrt, damit man mir zeige, was einem so eitlen, schlimmen
Mdchen gebhre.

Als ich vor der vornehmen, gtigen Frau, die einem alten, franzsischen
Adelsgeschlecht entstammte, stand, fragte sie mich, was ich verbrochen
habe; denn man hielt viel auf ein freimtiges Bekenntnis seiner
Vergehen.

Ich antwortete: Wrdigste Mutter, man beschuldigt mich, da ich mich in
bezug auf meine Leistungen berhebe und gegen meine Vorgesetzten und
Mitschwestern unhflich und herausfordernd sei; doch fhle ich mich
nicht schuldig und bitte Sie, wrdigste Mutter, meine Lehrerin und
Mitschwestern darber vernehmen zu wollen.

Ohne ein Wort der Erwiderung, nur einige Male mit dem Kopf nickend,
fate mich die Oberin an der Schulter und fhrte mich in das Vorzimmer
des Herrn Superiors, wo ich warten mute, bis sie mit ihm die Sache
besprochen hatte.

Als sie wieder heraustrat, blickte ich ihr fest und mit groen Augen ins
Gesicht; doch konnte ich aus ihren Zgen nicht entnehmen, ob man mir
Glauben geschenkt hatte. Sie sagte nur ernst zu mir: Sprich ehrlich mit
unserm Vater, Magdalena; er will nur dein Bestes!

Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: Was hast du
vorzubringen? trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn
der Oberin geschildert hatte.

Da lie er meine Lehrerin, Schwester Ccilia, zu sich kommen, und sie
mute nun ber mich berichten.

Als der Superior nur Gutes hrte, meinte er: Seltsam, hchst seltsam!
Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib's, wenn nicht, so werd's!

Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester
wieder auf den dunklen Gang hinaus.

Auf dem Weg zum Musiksaal fate ich ganz pltzlich in einer Aufwallung
warmen Dankgefhls ihre Hand und kte sie wiederholt. Lchelnd entzog
sie mir dieselbe, indem sie sagte: La doch die dumme Hand! Sie gehrt
ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!

Da meinte ich: Aber der Mund g'hrt schon noch Ihnen, gelt, Schwester?

Ja, zum Beten und Singen und ...

Und da ich schnell ein andchtigs Busserl draufgib, Schwester! rief
ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie gekt.

Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem
Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich
befrchtet.

Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier ber dem
rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr,
und da rief sie mit komischem Entsetzen: Was sagst, die Welt guckt
raus? Ob ihr gleich z'rck wollt, ihr fuchsigen Locken! Und eiligst
strich sie sie einige Male unter dem Hubchen zurck.

Seit diesem Tag waren wir die besten Freunde, und sie sagte mir im
Vertrauen, da eben unser herzliches Verhltnis zu einander den
eigentlichen Anla zu dem Zwist gegeben htte, da sie mich aber,
solange es den Obern recht sei, sehr lieb haben wolle. Ich solle nur mit
allen freundlich und besonders gegen eine alte, von der Prfektin wegen
ihres Reichtums, den sie dem Kloster geschenkt hatte, sehr begnstigte
Musikkandidatin recht hflich und zuvorkommend sein.

Erst war ich ber diesen Rat sehr verwundert; bald aber erkannte ich
selbst, da meines Bleibens in diesem Hause nur dann sein knne, wenn
ich, wie man sagt, mit den Wlfen heulte, obschon mir jede Art von
Scheinheiligkeit zuwider war.

Schwester Ccilia mochte wohl auch erst nach langem Kampf zu dieser
Anschauung gekommen sein; denn sie war im brigen so freimtig und
offen, da sie einen absoluten Gegensatz zu den andern Nonnen bildete.

Dieser offene Charakter war brigens auch ihren Familienangehrigen
eigen. Ihr Vater, der Schullehrer in dem Ort war und im Kloster den
Kandidatinnen und Lehrschwestern Unterricht im Geigen- und Cellospiel
gab, darin er selbst ein Meister war, hatte wegen seiner geraden Art
viele Feinde. Er hielt sehr auf ein furchtloses, freies Wesen und hate
die kriechende Unterwrfigkeit, die sich unter den Nonnen so gern breit
macht und meistens der Deckmantel fr Rnke und Heimtcke wird. Kam er
zu uns, so begrte er erst seine Tochter mit den Worten: Guta Tag,
Cilli! Magscht's Tagblttla lesa? Und damit zog er das Blatt aus der
Tasche, obwohl es eigentlich verboten war, Zeitungen zu lesen. Dann
sagte er, zu uns gewendet: So, meine Damen, ka' i afanga? Ischt's
g'fllig?

Whrend des Unterrichts trieb er viel Kurzweil mit uns, so da es mir
oft schien, als sei ich nicht in einem Kloster, sondern bei einem alten
Bekannten zu Besuch.

So war denn mein Leben ein ganz angenehmes geworden, und ich ertrug die
Bosheiten der Mignstigen um so leichter, als ich nicht die einzige
Gehate und Verfolgte war. Es waren vielmehr eine Reihe jngerer Mdchen
von den Gnstlingen der Prfektin dieser als bsartige, rnkeschtige
Personen geschildert worden, weshalb es tglich bei der morgendlichen
Betrachtung Strafen und Buen regnete.

So schttete die Prfektin eines Morgens ihren heiligen Zorn ber einige
unglckselige Mdchen aus, die ihre Waschtoilette nicht rein gehalten
und die Schuhe im Schlafsaal nicht aufgerumt hatten. Sie wurden damit
bestraft, da die eine die Schuhe an einer Schnur ber die Schulter
gehngt bekam, whrend der andern ein Zettel an die Brust geheftet
wurde, des Inhalts: So wird die Schlamperei bestraft.

Einem andern Mdchen, das eine Notlge gebraucht hatte, wurde ein roter
Flanellappen in Form einer Zunge an den Rcken gesteckt, und eine
dritte, die mit einem Pflegling gesprochen hatte, wurde, da dies streng
verboten war, in Acht und Bann erklrt, das heit, es wurde ihr das
schwarze Schulterkrglein, das Abzeichen der Kandidatur, auf die Dauer
eines Monats entzogen und allen brigen aufs strengste verboten, mit der
Unglcklichen whrend dieser Zeit zu sprechen.

Solchen Befehlen wurde von allen blindlings Folge geleistet; denn die
Prfektin stand im Geruche groer Heiligkeit, und man erzhlte sich im
geheimen, da sie sich oft des Nachts geile und kasteie: man habe
manchmal, wenn man zur nchtlichen Betstunde in die Kapelle ging,
deutlich aus ihrer Zelle das Klatschen der Geielhiebe und inbrnstiges
Seufzen und Rufen vernommen. Auch sei sie wiederholt mit der Erscheinung
ihres himmlischen Brutigams beglckt worden.

An manchen Tagen schien sie auch wirklich zu leuchten und rief whrend
der geistlichen Lesung wiederholt aus: Kinder, lernet Jesum lieben! Wie
s ist die Liebe zu ihm!

Zugleich mit dem Amte einer Prfektin war ihr auch das einer
Novizenmeisterin zuteil geworden, und so lernten die jungen Nonnen gar
bald diese Liebesbezeigungen gegen ihren gttlichen Meister und bten
solche mit heroischem Eifer. Stundenlang konnte man oft Novizinnen vor
dem Tabernakel knien sehen, die Arme ausgebreitet und die Augen
unverwandt auf das Altarbild geheftet, das Christum in ganzer Figur
darstellte.

Doch nicht blo am Tage wurde der Heiland von seinen Bruten aufgesucht,
nein, auch whrend der Nacht waren Betstunden festgesetzt, auf da der
Herrgott auch zu der Zeit, in der die Kreaturen ruhen und schlafen,
gebhrend verherrlicht werde durch die ewige Anbetung.

In der Kandidatur setzte man nun auch seinen Stolz darein, an diesen
Stunden teilzunehmen, und das traf immer je vier fr die Kapelle des
Mutterhauses, je vier fr die Pfarrkirche und vier fr die Kapelle des
Neubaues.

So war auch ich einmal nachts um die zweite Stunde mit drei anderen
Beterinnen in der Kapelle des Neubaues und unterdrckte krampfhaft und
ghnend den Schlaf. Da ffnete sich pltzlich die Tr und herein lief
eine nur mit dem Nachthemd bekleidete Nonne, warf sich vor dem Altar auf
die Knie und begann mit dem Ruf: Jesus, brennende Liebe! sich
furchtbar zu geieln.

Wir waren starr vor Schreck und Staunen, und mich packte Grauen und
Entsetzen. Die lteste von uns vieren aber meldete den Vorfall andern
Tags der Prfektin, die uns strengstes Schweigen gegen jedermann gebot.

Solche und hnliche Vorgnge flten mir einen groen Abscheu gegen das
Ordensleben ein, und ich uerte dies auch des ftern gegen Schwester
Ccilia, sie fragend, ob sie sich auch so mihandle. Da meinte sie
lchelnd: Ich komme nicht dazu; denn ich mu mich den ganzen Tag mit
euren Stimmen rgern und plagen und brauche deshalb die Nacht zum
Schlafen. Ich kann kaum meine Tagzeiten beten vor Arbeit.

Da erbot ich mich, diese Pflicht mit ihr zu teilen, und bentzte von nun
an jede freie Stunde dazu, ihr einige Dutzend Psalmen und Paternoster
abzunehmen oder die Vesper, Sext und Non gemeinsam mit ihr zu beten,
wofr sie mir viel Dank wute und mich nicht selten vor Strafe bewahrte,
wo ich sie verdient hatte.

Inzwischen war die Fastnacht mit ihrem bunten Treiben gekommen, und auch
die Nonnen vergaen fr kurze Zeit, sich zu kasteien, und schlossen sich
lieber dem Hofstaat des nrrischen Prinzen an und versammelten sich
mitsamt den Obern und Geistlichen im groen Refektoriumssaal, der in ein
Theater umgewandelt war, um sich an den heiteren Singspielen zu
ergtzen, die ihnen Kandidatinnen und Jungfrauen auffhrten.

Auch den rmsten von allen den Pfleglingen der verschiedenen Abteilungen
wurden mannigfache Belustigungen geboten und sogar etliche dem drftigen
oder zerrtteten Geist angepate Schwnke aufgefhrt, bei denen die
dafr geeigneten Leidenden selbst mitwirken durften.

Damit aber diese Lustbarkeit nicht etwa in den Herzen der gottgeweihten
Frauen und Jungfrauen ein Verlangen nach den Freuden der Welt zeitige,
beschlo man den Fasching mit einem frommen Theaterstck, in welchem die
Glorie irgendeiner heiligen Nonne oder Jungfrau ins hellste Licht
gerckt und sie als Muster und Vorbild verherrlicht wurde.

Zu dieser Zeit hatte ich viel Arbeit; denn bei den Fastnachtsspielen
waren mir die ersten Rollen zugeteilt worden, und nun stand der Tag des
heiligen Josef, an dem der Bischof die Einkleidung und Profeabnahme im
Kloster vornahm, vor der Tr. Es war dies der festlichste Tag im ganzen
Jahr, und alles rstete sich schon lange vorher, ihn wrdig zu begehen.

Ich erwartete das Fest mit groer Erregung, da meiner sowohl in der
Kirche als auch im Festsaal und beim Mahle schwere Aufgaben harrten.
Doch war Schwester Ccilia nach der letzten Probe sehr zufrieden mit mir
und meinte: Mdl, wenn du morgen so gut singst, hebst die ganze
Pfarrkirche in den Himmel; ich bin recht zufrieden.

Als dann der Morgen des Festes gekommen war, regte sich's im Kloster wie
in einem Bienenkorbe: geschftige Nonnen huschten durch die Gnge, den
Arm voll Myrtenkrnzlein, weier Nonnenschleier oder Skapuliere, und
eilten in die Zellen, um die jungen Gottesbrute zu schmcken und zu
kleiden. Groe Girlanden wurden aufgehangen und die Kapellen geziert,
und die lteren Klosterfrauen liefen mit kritischem Blick herum, hier
zupfend, dort stubend, berall noch die letzte Hand an die Dekorationen
legend und den Kandidatinnen die ihnen zukommenden Handreichungen und
Arbeiten anweisend und erklrend.

Wir hatten uns nach dem Frhstck im Musiksaal versammelt, um unsere
Aufgabe noch einmal flchtig durchzugehen. Da krachten zahlreiche
Bllerschsse von Kamhausen herber, zum Zeichen, da der Bischof dort
angelangt und, empfangen vom Klerus und den Obern des Klosters, sich auf
dem Wege zu uns befinde.

Rasch ordneten wir uns in der Einfahrtshalle und begrten den
Ankommenden mit einer Jubelhymne, whrend drauen alle Glocken gelutet
wurden.

Inzwischen schritten die brutlich wei angetanen Jungfrauen und
Novizinnen zur groen Pfarrkirche, in der schon ihre Angehrigen
zahlreich versammelt waren. Danach kamen die lteren Schwestern, und um
acht Uhr begann die Feier.

Brausend tnte die Orgel durch das Gotteshaus, und nach einer Ansprache
des Bischofs traten die Brutlein alle vor den Hochaltar, fielen auf ihr
Angesicht nieder und beteten laut das Confiteor. Danach empfingen sie
aus der Hand des Bischofs den Leib dessen, dem sie sich nun auf ewig
antrauen wollten.

Mit ausgebreiteten Armen verharrten sie whrend des Hochamts in Gebet
und Verzckung und schienen nun ganz und gar losgelst von der Welt.

Bis dahin war ich meiner Aufgabe ganz gerecht geworden; als sich aber
nach dem Hochamt die Novizinnen auf die Erde warfen und mit einem
schwarzen Bahrtuch berdeckt wurden, zum Zeichen, da sie nun auf ewig
fr die Welt gestorben seien, und der Bischof ihnen die ewigen Gelbde
der freiwilligen Armut, der steten Keuschheit und des blinden Gehorsams
abnahm und einer Jungfrau nach der andern das Haar abschnitt und sie mit
dem Ordenshabit der Novizinnen bekleidete, da packte mich ein Grauen und
in mir schrie es: Nie, niemals werd ich Nonne! Niemals! und ich
begriff nicht, da andere Mdchen so glckselig ausschauen konnten. Mein
Entsetzen war so gro, da ich den Einsatz verpate und erst nach
lngerer Zeit merkte, da, htte nicht Schwester Ccilia mich beobachtet
und im rechten Augenblick fr mich eingesetzt, sicher ein Unglck
geschehen wre.

Ich konnte kaum das Ende der kirchlichen Feier erwarten und rief nachher
im Musiksaal meiner Lehrerin zu: Schwester, das wei ich g'wi: ich
werd keine Klosterfrau! Ich sollt meine schnen Haar hergeben? Nein,
niemals!

Doch hatte ich den brigen Tag keine Zeit mehr, viel an das Vergangene
zu denken; denn auf die Tafelgesnge folgte die Nachmittagsandacht und
am Abend wurde noch ein Theaterstck, die heilige Agnes, aufgefhrt. Ich
kam endlich todmde ins Bett und schlief rasch ein; doch qulten mich
wirre Trume, und es war mir, als lge ich auf einem Altar und man habe
ein Leichentuch ber mich geworfen, whrend mir meine Zpfe
abgeschnitten und in einen Sarg gelegt wurden. Aber ich sah nirgends
einen Priester, noch den Bischof und lauter fremde Nonnen waren um mich.

Das Fest whrte drei Tage, und auch die Pfleglinge und Kranken durften
daran teilnehmen. Es ward ihnen an diesen Tagen auch manches
nachgesehen, was man sonst unnachsichtlich bestraft htte; denn es waren
unter ihnen viel bsartige und heimtckische Geschpfe, zu deren
Bndigung es oft strenger Mittel bedurfte, wie Zwangsjacken,
Hungerkuren, finsterer oder vermauerter Zellen und dergleichen.

Freilich geschah es mitunter auch, da der eine oder die andere in einer
solchen Zelle vergessen wurde. Da die Kerker sich alle unter dem Dach
befanden, konnte man oft zwei, drei Tage lang ein entsetzliches Heulen
und Wimmern hren; doch wuten nur wenige, woher es kam, und diese
hteten sich wohl, es uns Neulingen zu sagen.

Dafr ging im Kloster seit langem das Gercht, auf dem Dachboden seien
Gespenster; man erzhlte von sndhaften Mnchen, die fr ihre geheimen
Missetaten also gestraft worden seien, da sie in Ewigkeit keine Ruhe
fnden, sondern ihre Geister im Kloster umgehen mten zum warnenden
Beispiel fr alle, die darin lebten.

So geschah es auch einmal, als ich mit einer andern Kandidatin auf den
Speicher gegangen war, um dort unsere Garderobeschrnke in Ordnung zu
bringen, da wir pltzlich ganz in unserer Nhe ein dumpfes Schlagen
hrten, whrend vom Bretterboden dichter Staub aufwirbelte. Unter lautem
Schreien liefen wir zitternd zur Schwester Ccilia und berichteten ihr
den Vorfall. Nachdenklich ging sie mit uns nochmals hinauf und wir
suchten den ganzen Speicher ab. Da fanden wir, da eine tobschtige
Frau, von uns die Putzmarie genannt, weil sie den ganzen Tag mit einem
Schaff Wasser und einer Putzbrste herumlief und scheuerte, seit vier
Tagen hier eingeschlossen war und bestndig auf den losen Bretterboden
sprang, um gehrt zu werden; denn sie war schon dem Verschmachten nahe.

Schwester Ccilia veranlate sofort ihre Befreiung, und die Alte war ihr
so dankbar dafr, da sie alle Tage den Musiksaal putzen wollte. Als ihr
das aber nicht gestattet wurde, schttete sie laut schimpfend ihr
Schfflein Wasser auf den Gang und begann nun hier zu fegen und zu
wischen. Man lie sie gewhren; denn ihre Pflegeschwester hatte
derweilen die Hnde voll Arbeit mit anderen Kranken. Es waren dies
geistesschwache Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren, die jetzt mit
dem beginnenden Frhjahr in den sogenannten Kreuzgarten getragen wurden,
der in Wahrheit nur ein armseliges Wieslein zwischen vier hohen
Klostermauern war. Hier hockten und lagen sie nun in den seltsamsten
Stellungen, viele in einer Zwangsjacke, deren lange rmel auf dem Rcken
zusammengeknpft waren, so da es ihnen unmglich war, die Hnde zu
gebrauchen; denn die meisten von ihnen fraen das Gras, Steine, Erde
oder gar den eigenen Unrat. Zwei Schwestern eilten bestndig von einem
zum andern, um sie vor Schaden zu bewahren. Doch diese armen Wesen, die
in ihren Bedrfnissen so anspruchslos waren, machten viel weniger Mhe
als jene, von denen behauptet wurde, sie seien besessen.

Unter diesen bedauernswerten Geschpfen war besonders eines, das mich
lebhaft anzog, ein ungefhr zwlfjhriges Mdchen, welches, da es aus
sehr vornehmer Familie stammte, bei uns Kandidatinnen Aufnahme fand,
obschon es eigentlich auch in die Abteilung jener Armen gehrte, fr die
niemand zahlte. Das Kind war klein und von zierlichem Wuchs; sein
zartes, milchweies Gesichtlein, aus dem ein paar groe braune Augen
erschreckt in die Welt sahen, war von reichem, kastanienbraunen Haar
umrahmt, das man ihr fest und glatt zurckgekmmt hatte. Obwohl nun die
Schwestern das Wasser und auch Pomaden beim Kmmen nicht sparten,
erschienen doch, allen Bemhungen zum Trotz, jeden Vormittag aufs neue
an ihren Schlfen zuerst kleinere, wirre Lckchen, bis dann nach wenig
Stunden sich Locke an Locke um ihre Stirn ringelte, was dem Gesicht
etwas ungemein Liebliches gab. Sie hie Margaret und war sehr klug, in
manchen Dingen sogar erfinderisch; auch lernte sie leicht und erfate
rasch und mit feiner Beobachtung. Legte man ihr aber den Katechismus
oder sonst ein religises Buch vor, so weigerte sie sich hartnckig,
daraus zu lesen oder zu lernen und war durch die strengsten Strafen und
Zchtigungen nicht dazu zu bewegen. Man lie sie tagelang hungern, die
ekelerregendsten Dinge verrichten; man gab ihr nachts ein hartes Lager
und wies ihr schwere Arbeiten an; sie lie alles mit sich geschehen,
ohne zu klagen. Man schlug sie grausam mit einem Stock und verbot uns
aufs strengste, mit ihr zu reden; umsonst, sie blieb auf alle religisen
Fragen stumm, whrend sie in allen brigen Lehrfchern gute Antworten zu
geben wute. Sie tat mir herzlich leid, und ich bertrat manchmal im
geheimen das Verbot und sprach mit ihr. Da fand ich, da sie sehr munter
plauderte und ein beraus liebenswrdiges und geselliges Mgdlein
gewesen wre. Aber sie begann gar bald zu krnkeln und kurz vor meinem
Austritt starb sie an galoppierender Schwindsucht.

Dieser Krankheit erlagen brigens auch gar viele Nonnen und Jungfrauen,
und auch zahlreiche Pfleglinge wurden davon ergriffen. Die meisten Opfer
standen im Alter von zwanzig bis dreiig Jahren; manche waren noch
jnger. Es wurde ein eigener, groer Fleck Landes von dem Superior
angekauft und in einen Friedhof verwandelt, in dem die Kreuzlein bald so
dicht standen, wie die Nonnen Sonntags in den Kirchensthlen saen.

Da schien es mir nicht verwunderlich, da jede Nonne angesichts des
groen Sterbens beizeiten schon des Himmels gewi sein wollte und darum
eifrigst auf ihr Seelenheil bedacht war, welches Bestreben durch die
Klostergeistlichen treulich gefrdert und untersttzt wurde.

Unter ihnen war auch ein Kurat, welcher sowohl in seinem uern als auch
in bezug auf seine groe Strenge in Dingen der Sitte und Reinheit ganz
dem heiligen Aloysius glich. Er ward daher von jedermann nur Pater Sankt
Aloysius genannt und als Muster reiner Sitten gepriesen. Von mancher
Nonne ward er sogar als Heiliger verehrt, bis sich eines Tages diese
Verehrung in groen Zorn und Abscheu verwandelte, als man nmlich
erfuhr, da dieser tugendsame Priester eine Lehramtskandidatin, ein
wohlgebautes, etwa zwanzigjhriges Mdchen, das schon fnf Jahre dort
weilte, des fteren abends mit sich ins Stblein nahm und erst nach
mehreren Stunden daraus entlie. Kandidatinnen, die zur nchtlichen
Betstunde gingen, hatten sie aus seinem Zimmer schleichen sehen und dann
bemerkt, wie eine alte Nonne wtend aus einer Nische hervorsprang, die
Erschrockene aus dem Halbdunkel ans Licht zerrte und laut beschimpfte.
Also hub ein groes Geschrei an, und sowohl die Snderin, als auch der
Priester muten das Kloster verlassen.

Der Geistliche, welcher dem Pater Sankt Aloysius im Amt folgte, war
schon ein alter Herr und besa die ble Gewohnheit, whrend der Beicht
immer einzuschlafen, wodurch die Nonnen ihr Seelenheil gefhrdet
glaubten und nicht eher ruhten, bis wieder ein junger, strenger
Benefiziat an seine Stelle kam.

Mit wahrem Feuereifer waltete dieser seines Amtes und war unermdlich
darauf bedacht, alle Seelen ringsum vollkommen und makellos zu machen.
Besonders Verfehlungen gegen die Kardinaltugend des Ordens, den heiligen
Gehorsam, ahndete er mit unnachsichtlicher Strenge und gab denen, die
sich in der Beicht eines derartigen Vergehens anklagten, die schwersten
Buen auf.

Trotzdem wurde mir die Ausbung dieser Tugend nicht leicht. Es war kurz
vor dem Weihnachtsfest, dem zweiten, das ich im Kloster verlebte, da
ich mich schwer gegen dieselbe versndigte.

Um diese Zeit war ein groes Paket von meiner Mutter angekommen, das
meine Weihnachtsgeschenke enthielt. Darunter war auch eine schwarze
Kleiderschrze mit langen rmeln, wie ich sie mir schon seit langem
gewnscht hatte. Doch ich hatte sie noch nicht anprobiert, als schon ein
Befehl unserer Prfektin kam, ich solle diese Schrze sofort in das
Nhzimmer geben, damit man mir zwei kleine daraus mache; denn so sei
dieselbe ganz gegen die heilige Armut und ich drfe so etwas nicht
tragen. Da sie mir sehr wohl gefiel, konnte ich mich nun lange nicht von
ihr trennen und legte das schne Stck einstweilen auf den Speicher, wo
ich sie alle Tage ans Licht zog und wehmtig mit der Hand darberstrich,
sie an mich hinhielt, wieder zusammenlegte und sorgfltig versteckte.

Eines Tages aber ward die Versuchung, die Schrze einmal anzuziehen, in
mir so mchtig, da ich nicht mehr widerstehen konnte. Ich schlich mich
also in die Garderobe, zog sie aus dem Koffer und schlpfte rasch
hinein, dann trat ich ans Speicherfenster und besah mich in der blinden
Scheibe; denn Spiegel gab es nicht, und auch der meine war aus meiner
Nhschatulle entfernt und ein Heiligenbild an seine Stelle geleimt
worden. Da hrte ich pltzlich meinen Namen rufen, und herauf strmte
eine Kandidatin: Magdalena! Magdalena! Geschwind komm zu Schwester
Archangela! Es ist Probe fr das Weihnachtsfestspiel!

Ratlos sah ich mich um und zgerte mit dem Gehen, vergeblich an der
Unglcksschrze nestelnd und zerrend, um die Knpfe am Rcken
aufzumachen; doch schon rief mir meine Kollegin zu: Wenn du nicht
gleich kommst, melde ich deinen Ungehorsam! und schickte sich zum
Gehen, worauf ich ihr folgte, immer noch bemht, die Knpfe aufzureien.
Auf dem Gang kam mir die Prfektin schon entgegen. Vergeblich suchte ich
mich hinter der andern Kandidatin zu verstecken; sie hatte mich schon
erblickt und sah nun starr auf die verbotene Schrze, whrend ich
fhlte, wie mir abwechselnd Rte und Blsse ber die Wangen lief. Auch
auf ihrem Gesicht erschienen ein paar hochrote Flecken, und mit den
Worten: Da, dies fr deinen Ungehorsam, Rotzmdel! gab sie mir ein
paar heftige Schlge ins Gesicht. Darauf fhrte sie mich zum Superior
und erzhlte ihm meine Snde.

Der greise Priester kndigte mir, nachdem er also schwere Anklagen gegen
mich vernommen hatte, meine Entlassung an, indem er sprach: Mache dich
bereit, in drei Tagen bist du des Gehorsams ledig!

Zwei Tage spter kam ein Brief meiner Mutter, in dem sie ihren Besuch
fr Weihnachten ankndigte. Ich wollte mich trotzdem zur Heimreise
ankleiden und stand trotzig am Speicher und verschlo eben meinen
Koffer, als man mir meldete: Du kannst noch bleiben, bis deine Mutter
kommt!

Ich erwartete also mit nicht geringer Aufregung ihren Besuch, obschon
meine Lehrerin, Schwester Ccilia, mir immer wieder Mut machen wollte:
Hab doch keine solche Angst, Magdalena! Ich mach schon alles wieder
gut!

Inzwischen hatte eine andere in dem Weihnachtsspiele meine Rolle
bernehmen drfen; es war schon ein lteres Mdchen und hatte keine
Stimme, weshalb die Prfektin zu mir sagte: Das soll deine Strafe sein,
da du deine Partie zwar singen, aber nicht spielen wirst! Du hast dich
hinter ein Gebsch zu knien und zu singen, und niemand wird deinen
Gesang bewundern, dafr werde ich sorgen!

Und sie sorgte dafr; denn als meine Mutter, die man ebenfalls zu dem
Festspiel Nacht und Licht geladen hatte, nach Beendigung desselben mit
mir zusammen war, sagte sie: Was war denn jetz ds, Leni? I hab doch
deutli dei Stimm g'hrt, hab di aber nirgends g'sehgn. Oder hat am End
die Kloane, die's Licht g'macht hat, die gleiche Stimm wie du?

Da erzhlte ich ihr weinend die Geschichte von der Schrze und erwartete
mit Angst groen Tadel. Doch wider Erwarten gab sie mir nicht nur recht,
sondern ward sehr zornig und emprte sich ber die Willkr, mit der man
ihr Vorschriften machen wolle, wie sie ihr Geld auszugeben habe: Was?
Pat hat's eahna net, da i dir den Kleiderschurz g'schickt hab? I moan,
da i um mei guats Geld kaafa ko, was i mag, und brauch koane von dene
Fluggen z'fragn, ob's arm g'nua is oder net!

Als dann die Besuchsstunde bei den Obern gekommen war und meine Mutter
gebeten wurde, im Sprechzimmer zu erscheinen, ging sie mit groen
Schritten hinein und sagte nur ganz kurz: Guten Tag. Da hrte sie nun
nichts als Klagen ber mein weltliches Betragen und besonders ber den
frevelhaften Ungehorsam, den man mir mit den schrfsten Strafmitteln
vergeblich auszutreiben versucht htte.

Schweigend und finster blickend hatte sie zugehrt und sagte jetzt blo:
Herr Superior, lassen Sie's ihr Sach z'sammpacken, i nimm's mit hoam!

Dies wurde ihr jedoch widerraten und man versprach ihr, es noch einmal
mit mir versuchen zu wollen, worein die Mutter nach einigem Struben
unter der Bedingung willigte, da man mir meinen Fehler nicht weiter
nachtrage, sondern gut zu mir sei.

Also reiste sie am andern Tag wieder ab, ohne mich mitzunehmen. Beim
Abschied aber sagte sie noch: Wenn wieder was is, na schreibst mir's;
halt di nur brav und folg jetzt!

Ich hatte aber alle Freude am Klosterleben verloren und ging nun wie ein
Schatten herum, hatte nicht Lust noch Leid, a nicht mehr und fing an zu
krnkeln. Und nach einigen Monaten schrieb ich meiner Mutter, da ich
keinen Beruf zur Klosterfrau in mir verspre; falls es ihr aber
unangenehm wre, wenn ich wieder nach Hause kme, bliebe ich ganz gerne
als weltliche Lehrerin in der Anstalt.

Unsere Briefe wurden nun stets von der Prfektin kontrolliert, und so
blieb ihr meine Absicht nicht lange verborgen. Eines Morgens sagte sie
daher zu mir: Was mute ich sehen, Magdalena! Du willst dem Herrn das
Opfer deines Lebens also nicht bringen? Wie kannst du es dann wagen, den
andern armen Kindern, die bereitwilliger sind als du, das Brot
wegzuessen! Willst du nicht als Nonne hier sein, so brauchen wir auch
deine Kenntnisse nicht. Doch besinne dich, noch ist es Zeit; bedenke die
Vorteile, die Jesus seinen Bruten bietet, und kehre nicht zurck in die
Welt!

Trotz dieser Ermahnungen machte ich mich am Aschermittwoch, nachdem mir
meine Mutter geantwortet hatte, ich solle ruhig nach Hause kommen, der
Vater sei krank und man knne mich notwendig brauchen, zur Reise fertig
und nahm Abschied von den Obern. Sie lieen mich zwar ungern ziehen,
doch konnten sie mich nicht mehr halten. Die Prfektin aber rief:
Magdalena, Magdalena, du bist verloren, du gehst zugrunde! Schon sehe
ich den Abgrund der Weltlichkeit, in den du fallen wirst. Doch geh in
Frieden, mein Kind, falls die Welt noch einen fr dich hat!

Gaffend umstanden mich die Kandidatinnen, als Schwester Archangela dies
gesagt, und als ich nun auch ihnen Lebewohl sagen wollte, da kehrten sie
sich verchtlich von mir ab und eilten in den groen Lehrsaal, um fr
mich arme Verlorene zu beten.

Traurig ging ich nun zur Schwester Ccilia. Sie brach in Trnen aus und
nahm mich in ihre Arme: Nun bin ich wieder allein! O, warum gehen alle
wieder weg, kaum da sie begonnen!

Auch ich begann zu weinen, und sie tat mir von Herzen leid; denn whrend
meines eineinhalbjhrigen Aufenthalts im Kloster waren vierzehn
Musikkandidatinnen eingetreten und nach kurzer Zeit wieder
davongelaufen. Nachdem sie mir noch alles Glck fr kommende Zeiten
gewnscht hatte, entlie sie mich, und ich trat erleichtert in das
kleine Zimmerchen, das mich bei meinem Eintritt empfangen hatte. Whrend
ich dort auf mein Gepck wartete, dachte ich noch ber die Vorwrfe
nach, die man mir wegen meines Wegganges gemacht. Doch sie trafen mich
nicht schwer, da mir angesichts der ernsten Krankheit meines Vaters das
Verlassen des Klosters nicht als eine Schuld, sondern als eine
Kindespflicht erschien.

Eine Schwester, die mir mein Gepck bergab und mir meldete, da der
Stellwagen schon drauen sei, ri mich aus meinen Gedanken, und ich
stieg rasch ein. Oben hinter den Fenstern standen die Kandidatinnen und
blickten mir verstohlen nach. Ich sah noch einmal zurck, dann zogen die
Pferde an -- und dahin ging's.

Als ich nun so allein in dem Wagen sa, war es mir, als schwnde in dem
Mae, in dem ich mich vom Kloster entfernte, auch alles Trbe, und
pltzlich kam eine so sonnige Heiterkeit ber mich, da mich die Welt
mit einem Male viel schner dnkte, obschon drauen noch alles trotz des
beginnenden Mrzes an den Winter gemahnte, und nur vereinzelte, unter
schmutzigem Schneewasser stehende Wiesen und die groen Pftzen auf den
Wegen den kommenden Frhling ahnen lieen.

Rasch trat ich in Kamhausen an den Schalter und lste meine Fahrkarte,
da der Zug schon bereitstand.

Whrend der Bahnfahrt hatte ich fast keine Zeit mehr, ber das
Vergangene nachzugrbeln; denn die zahlreichen Passagiere aus den
verschiedensten Gegenden erregten meine ganze Aufmerksamkeit. War mir
doch im Kloster die ganze Welt samt ihren Wesen so fremd geworden, da
ich mich nur ganz langsam, wie im Dunkeln tappend, wieder unter den
Menschen zurechtfand. Mit Ausnahme der Priester und Nonnen hatten sie
jetzt alle etwas Bengstigendes fr mich; denn erstlich wurden im
Kloster alle auer den Geistlichen als Verlorene betrachtet, anderseits
aber in den eindringlichsten Worten vor ihnen als vor lauter Wlfen in
Schafskleidern gewarnt.

Ich besah mir also jeden einzelnen ganz genau, ob nicht irgend etwas
Aufflliges in seinem Wesen oder uern auf die verborgene Wolfsnatur
hinweise, und dabei drckte ich mich scheu in meine Ecke und hielt die
Augen halb gesenkt, wie ich es bei den frommen Frauen gelernt hatte;
doch ging mir trotzdem nichts von all dem verloren, was um mich her
geschah.

Mir gerade gegenber saen zwei elegant gekleidete Herren, aus deren
lebhafter Unterhaltung ich entnahm, da sie Geschftsreisende waren und
der eine in Augsburg, der andere in Mnchen zu tun hatte. Der erstere,
ein etwa Mitte der Dreiig stehender Mann von ausgesprochen jdischem
uern, erzhlte eben dem etwas jngeren Reisegefhrten, der mir von
gleichem Stamme zu sein schien, wie er die letzte Nacht in Ulm verbracht
htte: da er nicht nur die Tochter und das Stubenmdchen seines
Gasthofs, sondern auch noch die Frau Wirtin selbst erobert htte.
Lachend fragte der andere halblaut, ob das Tchterl auch so bescheiden
und sittsam hergesehen habe, wie die junge Klostermamsell da drben; und
zugleich fingen beide an, sich ber meine Schchternheit, sowie ber
meinen halb klsterlichen, halb weltlichen Anzug lustig zu machen. Ich
wute vor Verlegenheit kaum mehr aus noch ein und starrte mit hochrotem
Gesicht bald aus dem Fenster, bald vor mich hin.

Da erblickte ich weiter vorn einen alten Bauern, der auf einem
schmierigen Blatt seine Einnahmen vom Viehverkauf nachrechnete, wobei er
sich abwechselnd hinter den Ohren kraute oder heftig fluchte.

Am andern Ende des Wagens unterhielten sich lrmend etliche Soldaten,
die wohl auf Urlaub gehen mochten. In ihrer Nhe sa ein junges Mdchen
in lndlicher Kleidung und suchte sich vergeblich der Zudringlichkeiten
eines der Burschen zu erwehren. Dieser hatte die sich Strubende fest um
die Hfte gefat, und als sie sich endlich heftig von ihm losri, fiel
sie einem andern auf die Knie, was ein brllendes Gelchter zur Folge
hatte.

Ich war whrend dieser Szene immer erregter geworden und wollte schon
dem also gehetzten Mdchen zu Hilfe eilen, als der Zug mit lautem Getse
in Augsburg einfuhr, wo ich umsteigen mute.

Whrend der Stunden, die ich dort Aufenthalt hatte, ging ich in den Dom
und erbat mir von Gott Schutz auf meiner weiteren Fahrt; insonderheit
aber betete ich fr die Bekehrung jener Soldaten.

Auf dem Weg zum Bahnhof kaufte ich mir noch Wurst und Brot. Beim Essen
aber fiel mir pltzlich ein, da ja am Aschermittwoch strenger Fasttag
sei und man im Kloster heute gewi dem blichen Fasten auch noch groe
freiwillige Abstinenz hinzufge. Doch siegte am Ende mein Hunger ber
die Gewissensbisse und ich a mit groem Behagen.

Als ich dann unschlssig vor dem Zuge stand und ein Schaffner meine
ngstliche Miene sah, wies er mir freundlich ein Frauenabteil an, und
ich kam ohne weiteren Zwischenfall nach Mnchen.

In dem lebhaften Gewhl des Hauptbahnhofs befiel mich mit einem Male
wieder groe Angst vor den Menschen, und ich fhlte deutlich, wie ich
immer armseliger und kleiner wurde, whrend ich ganz nahe an den Wagen
und der Lokomotive vorbei dem Ausgang zuschlich.

Da fhlte ich mich pltzlich am Arm ergriffen, und als ich erschreckt
umblickte, stand lachend mein ltester Bruder vor mir und begrte mich:
Ja, Leni, gr di Gott! Bist du aber gro und stark wordn; i htt di
bald net g'funden, so hast di verndert.

Ich dankte ihm frohen Herzens, da er mich erwartet hatte, und seine
Worte, ich sei so gro geworden, entrissen mich wieder etwas dem Gefhl
meiner Unbedeutendheit und Nichtigkeit und ich wurde ziemlich gesprchig
auf dem Heimweg.

Je nher wir unserem Hause kamen, desto mehr Bekannte trafen wir, und
immer wieder wurden wir von irgend einem neugierigen Weiblein aus der
Nachbarschaft aufgehalten; denn meine Eltern waren in dem Stadtteil sehr
beliebt und hatten weitaus die beste Gastwirtschaft des Viertels.

Vor dem Hause angelangt, traten wir gleich durch die Tr der Gaststube
ein. Kaum hatten mich unsere Stammgste erblickt, sprangen sie auf und
riefen durcheinander: Jessas, unser Lenerl is wieder da! Juhe!
Servus, Fruln Leni! Gr di Gott, Klosterfrau! Marie, 'n Humpen
her! Unser Lenerl soll leben!

Whrend nun die Gste meine Rckkehr durch einen krftigen Rundtrunk
feierten, trat ich in die Schenke zu meinem Vater, ihn zu begren. Er
sah recht leidend aus und meinte: Hchste Zeit hast g'habt, Leni, da
d'kommen bist, sonst htt'st mir bald mit der Leich geh knna. Hierauf
gab er mir einen Ku und besah mich prfend, ob ich auch mehr geworden
sei.

Inzwischen hatten mich meine andern Brder und die Dienstboten umringt
und konnten nicht fertig werden, mein gutes und feines Aussehen zu
bewundern. Ich drngte mich lachend hindurch und trat in die Kche, wo
die Mutter geruschvoll hantierte und das Mittagessen fr die Gste
fertig machte. Ich ging rasch auf sie zu, wollte ihr die Hand geben und
sagte: Gr dich Gott, Mutter!

Ohne den Kochlffel aus der Hand zu lassen, mit dem sie eben ein
Teiglein fr das Blaukraut rhrte, antwortete sie: Ah, bist scho da,
gr Gott! La nur, is scho recht; i hab fette Hnd! Tu nur glei dein'n
Hut und ds Klosterkragerl weg und ziag an Schurz oo, na kannst glei
d'Supp'n und 'n Salat fr d'Leut hergebn!






Also begann ich wieder die Wirtsleni zu sein; und obschon mir anfangs
gar nicht wohl war in dem weltlichen Getriebe eines Gasthauses, so fand
ich mich doch bald wieder darin zurecht und stimmte im stillen oft der
Mutter bei, wenn sie den Leuten auf die vielen Fragen, warum ich nicht
im Kloster geblieben sei, antwortete: Weil's a Schand wr, wenn ds
Mordsmadl im Kloster rumfaulenzen tt und d' Muatta dahoam fremde Leut
zahln mt fr d'Arbeit!

Und an Arbeit fehlte es in unserm Hause niemals. Schon frh am Morgen
hie es aus den Federn; um halb sieben Uhr stand ich in der Wirtskche
und schrte den groen Herd, kochte Kaffee und bereitete die Speisen zum
Frhstck der Gste. Dann holte ich aus dem Schlachthaus, wo der Vater
schon seit fnf Uhr mit dem Zerteilen von Kalb und Schwein, sowie mit
dem Wurstmachen beschftigt war, eine groe Mulde mit Wei- und
Bratwrsten und ordnete sie auf groe Platten.

Zugleich mit mir mute auch die Kchenmagd an ihre Arbeit: das
Gastlokal, die Kche und Schenke, und was dazu gehrte, aufwaschen und
kehren; doch freute es mich jetzt nicht mehr, dabeizustehen und zu
horchen wie frher; denn die Zenzi vom Rottal war schon lngst nicht
mehr da, und die gefhlvollen Lieder, welche die jetzige Kchenmagd bei
ihrer Arbeit sang, kannte ich schon alle.

Whrend ich nun gewhnlich noch mit dem Anrichten der Wrste beschftigt
war, fuhr drauen der Wastl, der Bierfhrer, vor und rollte zehn bis
zwlf Banzen in die Schenke, von wo sie durch den Aufzug in den
Eiskeller befrdert wurden.

Da der Wastl als Geizhals bekannt war, machte ich mir alle Tage das
Vergngen, ihm den Teller mit den Wei- oder Bratwrsten unter die Nase
zu halten, indem ich rief: Wastl, heut san d'Weiwrst guat! Derf i dir
a paar auf d'Seitn legn? worauf er mich immer grimmig anschrie: La mi
aus damit! dabei aber dem entschwindenden Teller doch einen
sehnschtigen Blick nachsandte.

War der Wastl fort, so kam das Flaschenbier, und da gab es immer eine
groe Hetz, wenn der Dannervater, ein nicht mehr gar junger Bierfhrer,
der eine Frau mit neun Kindern frhlich ernhrte, die Hausmagd in die
Hften kniff oder durch die Gaststube jagte und sie zu kssen versuchte.
Dann ertnte pltzlich aus dem Schlachthaus, das unterhalb der Schenke
gelegen war, ein lauter, strenger Pfiff des Vaters, und lautlos machte
sich der alte Sponsierer davon.

Whrenddessen hatte ich in der Kche einen schweren Stand mit drei
Bckerburschen, die alle leidenschaftlich in mich verliebt waren. Der
eine brachte uns tglich vier Markwecken und mir ein Blumenstrulein;
der zweite hatte Bretzen und Salzstangeln in seinem Korb und unter
seiner aufgerollten Bckerschrze einen extra fr mich gebackenen Zopf
oder eine riesige Zuckerbretzl. Der dritte aber, der uns die Semmeln und
das brige Weibrot brachte, schrieb mir jeden Abend eine Ansichtskarte
und wartete am Morgen bei mir in der Kche stets so lange, bis der
Postbote mit der Karte kam. Mit beredten Worten schilderte er mir
whrenddessen die Schnheit derselben: Freiln Leni, heut werdn S'
schaugn! Heut kriagn S' a Prachtstck von a ra Knstlerkartn! Sehgn S',
fr Eahna tu i alles; da reut mi koa Geld! D heutige Kartn kost fufzehn
Pfenning; aba wenn s' a Zwanzgerl kost htt, htt i s' aa kaaft!

Je, eahm schaugt's o! rief da der Bursche, welcher die Markwecken
brachte. Ds kannt aa no was sei! Meine Veigerl ham a Zwanzgerl kost
und d Rosen, wo i da Freiln Leni gestern verehrt hab, fnfazwanzg
Pfenning!

So und i nacha, bin i da Garneamand? schrie jetzt der Bretzlbeck.
Denk i net vielleicht sogar bei der Nacht ans Freiln Lenerl, indem i
ihr die feinsten Bretzn bach?

Zu dene wo'st an Toag z'erscht stehln muat! riefen da die andern, und
im Nu entspann sich ein heier Kampf um den Vorrang bei mir, der sich
bis auf die Strae fortsetzte. Ich aber sah ihnen lachend zu und
verzehrte gemchlich die Bretzl zu meinem Kaffee, steckte das Veigerl an
die Brust und legte die Knstlerkarte in eine alte Zigarrenkiste zu den
andern. Doch versumte ich nicht, meine Erfolge dem Milchmdchen, das
uns tglich den Kaffeerahm und die Kndlmilch brachte, zu weisen: Da
schaug her, Rosl, die Prsenter, die i heut scho wieder kriagt hab von
d Becka! worauf sie ingrimmig und bissig erwiderte: Ds is koa
Kunststckl, wenn ma si so herrichtn ko wie du! I mu mit meine
Millikbel rumlaafa und du stehst im Spitznschrzerl vor dein Herd!

Und tiefgekrnkt ging sie; denn nicht mit Unrecht hatte sie ber mich zu
klagen: whrend der Zeit, die ich im Kloster zugebracht, hatte sie fest
ber die drei Bckerherzen regiert, und nun, da ich wieder daheim war,
wollte keiner mehr von ihr was wissen, obgleich sie ein sehr hbsches,
dunkelhaariges Mdchen von einnehmender Figur und recht munter war.

Mittlerweile war es fast acht Uhr geworden, und ich richtete nun die
Schenke, zhlte die Bierzeichen fr die Kellnerin und zapfte an.
Whrenddessen kam die Mutter aus der Wohnung und der Vater aus dem
Schlachthaus und bald fllte sich das Lokal mit Gsten. Es waren fast
lauter Arbeiter: Maurer, Steinmetzen, Schlosser, Schreiner, Drechsler
und zuweilen auch Pflasterer oder Kanalarbeiter. In der Kche aber
standen die, welche fr die in der Nhe liegenden Fabriken die Brotzeit
holten; denn zu unserer Kundschaft gehrte auch eine Bleistift-, eine
Mbel-, eine Sarg-, eine Bettfedern- und eine Schuhfabrik. Nun hie es
flink die Lungen- und Voressenhaferln fllen, Kreuzerwrstl abzhlen,
Weiwrste brhen und Hausbrot schneiden; zuweilen auch die
Schenkkellnerin machen, indes der Vater im Schlachthaus noch Milzwrste
oder, wie man sie bei uns nannte, umgekehrte Bauernschwnze, sowie
Leber- und Blutwrste, Leberks und Schwartenmagen machte. Hie und da
kam es auch vor, da wir ohne Kellnerin waren; wenn nmlich die Mutter
gar zu heftig und eindringlich auf Pflichterfllung gedrungen hatte,
worauf dann das Mdchen davonlief. Da mute ich denn wieder wie frher
die Gste bedienen und auch die brigen Arbeiten der Kellnerin
verrichten.

Gewhnlich aber blieb ich am Vormittag in der Kche, whrend die Mutter
sich im Lokal mit den Gsten unterhielt, ihre drei bis vier Weiwrste
a und etliche Krgl Bier trank; denn der Vater war hufig vormittags am
Schlacht- und Viehhof oder in der Stadt. Von Zeit zu Zeit kam dann die
Mutter zu mir in die Kche und kostete die Speisen, befahl dies oder
tadelte jenes und gab mir auch manche Ohrfeige, wenn ich etwas versumt
oder nicht recht gemacht hatte. So kam sie auch einmal dazu, als ich
eben den Teig zu den Leberkndeln, deren wir jeden Mittwoch an die
zweihundert bereiteten, fertig hatte und nun daraus die Kndel formte
und auf ein langes Brett reihte.

Halt, la mi z'erscht schaugn, ob er recht is, der Toag! rief die
Mutter und tippte mit dem Finger in die Teigmulde. Was hast denn jatz
da fr a Zeug z'sammgmacht! Sigst net, da der Toag no net fest gnua is,
du Hackstock, du damischer!

Und kaum hatte sie dies gesagt, flogen mir auch schon ein paar von den
Leberkndeln an den Kopf, da mir der Teig im Gesicht und an den Haaren
klebte.

So, vielleicht lernst es jatz eher, du G'stell, du saudumms!

Darauf ging sie wieder, laut schimpfend, in die Stube und erzhlte den
Gsten von meiner Unbrauchbarkeit: Hintreschlagn kannt'st es, ds
himmellange Frauenzimmer! Zu nix kannst es brauchn wie zum Fressn!

Solche Auftritte verleideten mir freilich bald die Freude am Kchenwesen
und ich war froh, wenn der Vater einmal daheim blieb. Da kochte dann die
Mutter selbst und ich mute in die Schenke und zu den Gsten, sie zu
unterhalten.

So ungern ich mich anfnglich wieder unter den Leuten bewegt hatte, denn
im Kloster war ich ganz leutscheu geworden, so gewhnte ich mich doch
bald wieder an sie, und es whrte nicht lange, da war ich das lustigste
Mdel, machte jeden anstndigen Scherz mit und unterhielt ganze Tische
voll Gste.

Die besseren unter ihnen hatten sich, ebenso wie die Stammgste, zu
Tischgesellschaften vereinigt; die eine hie Eichenlaub, die andere die
Arbeitsscheuen. Zur Gesellschaft Eichenlaub hatten sich die Postler und
Eisenbahner zusammengetan und erkoren mich zur Vereinsjungfrau; die
Arbeitsscheuen aber, deren Mitglieder lauter gute Brger und
Geschftsleute waren, wollten nicht hinter ihnen zurckbleiben, und so
ernannten sie mich zu ihrer Ehrendame, und ich empfing das Ehrenzeichen
des Vereins. Es war dies ein wappenartig geschnitztes Holztfelchen,
darauf ein Bursch gemalt war mit dem Verslein darunter: Auweh, mei
Fua, wenn i arbatn mua! Bei der berreichung desselben hielt der
Vorstand, ein Flecklschuhfabrikant, eine Rede, worin er viel von der
Ehre sprach und von einer schnen Vertreterin des zarten Geschlechts und
da man sich glcklich schtze.

Whrend dieser Rede hatten die Arbeitsscheuen einen Kreis um mich
gebildet, und nun wurde ich von etlichen samt meinem Stuhl, auf dem ich
sa, emporgehoben und unter lautem Hoch und Juhu und dem Klang der
Zither und Gitarre durchs Zimmer getragen. Danach begann ein groes
Saufen, und die fidelen Zecher vergaen darber ihre Hausfrauen samt dem
Mittagessen, bis einer nach dem andern von der gestrengen Ehehlfte
geholt wurde. Da war mit einemmal die ganze Lustbarkeit und aller Scherz
vorbei und geknickt und ngstlich schlich ein jeder heim, gefolgt von
der erzrnten Gattin, die hinterdrein keifte: Lump miserabliger, ko'st
net hoamgeh, wenn's Zeit is! D ganzn Griasnockerl san z'sammgsessn!
Guate Lust hab i, i schmei dir s' alle an Kopf, du bsuffas Wagscheitl!

Doch am nchsten Tag war wieder alles vergessen und gemtlich sa die
Gesellschaft am Stammtisch und unterhielt sich aufs beste, bis von der
nahen Kirche das Mittagluten ertnte. Da gedachte ein jeder seines
Eheweibs und ging heim.

Auch ich mute wieder in die Kche und Teller und Schsseln fr die
Gste zurichten. Dann kam die Kellnerin und fragte: Was gibt's heut
z'essn fr d'Leut? worauf die Mutter mit ihrer metallenen Stimme
erwiderte: An Nierenbra'n, Brustbra'n, Schlegl in da Rahmso, an
Schweinsbra'n und a unterwachsens Ochsenfleisch mit Koirabi (Kohlrabi),
an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft d'Andivisuppn!
Als die Kellnerin sich schon zum Gehen anschickte, rief die Mutter noch
rasch: A Biflamott (boeuf a la mode) mit Kndl ham mar aa!

Um dreiviertel zwlf Uhr kamen die Gste, und nun begann ein Bestellen
vom Zimmer aus, ein Schreien, Geschirrklappern und ein Geklopfe mit dem
Fleischschlegel, da einem die Ohren surrten.

Frau Zirngibi, zwoa Schweinsbratn san no aus! schallte es aus der
Gaststube und im Nu echoten drei Stimmen in der Kche: Zwoa
Schweinsbra'n kriagt s' no!

D werds dawartn knna! Darenna wer' i mi net z'braucha!

Kathi, Koirabi san gar! rief das Kchenmdchen jetzt in die Stube.

Kriag i d zu dem Fleisch aa nimma?

Sakrament, wenns amal hoat, gar sans, na sans gar! schrie da die
Mutter und fuhr in einem Atem, jedoch in ganz anderem Ton fort: Geh,
Kathi, schaugn S', da S' a Biflamott weiterbringan; ds verkocht ma
sonst zu lauter So!

War dann das grte Geschft vorbei, dann wischte sich die Mutter mit
der Leinenschrze den Schwei von der Stirn und sagte: Ds war dir a
Rumpel gwen! Leni, hol ma nur glei a Halbe Bier! Und schnell trank sie
wieder ein paar Krgl.

Nun mute ich dem Vater in der Schenke helfen. Der hatte inzwischen
einen Hektoliter Bier ausgeschenkt und, damit er schneller fertig wrde,
mit der Kreide Strichlein an die Rckwand des groen Schenkbfetts
gemacht, statt Zeichen zu nehmen. Nun mute ich diese Strichlein
zusammenzhlen und dann die Bierzeichen ordnen. Danach rechnete ich mit
der Kellnerin ab, half ihr das Geschirr von den Tischen rumen und
brachte dann dem Vater und den Stiefbrdern, die jetzt in die
Lateinschule gingen, das Essen, nachdem ich den sogenannten Ofentisch
gedeckt hatte. Nun kam auch die Mutter in die Stube, und es machte mir
tglich aufs neue Eindruck, wenn die groe, massige Frau unter die Gste
trat, die schmutzige Leinenschrze zurckschlagend und mit leichtem,
fast automatenhaftem Kopfnicken grend: 's Got! 'n Tag! Hab die Ehre,
meine Herrn!

Dann setzte sie sich zum Vater und unterhielt sich mit ihm, wenn sie gut
gelaunt war. Einmal aber kam sie nicht in die Stube. Da hatte der Vater
auf dem Markt ein Schwein gekauft, dessen Fleisch fischig schmeckte, und
verschiedene Gste hatten das Essen zurckgeschickt. An diesem Tage rief
die Mutter nur dem Vater in die Schenke: Josef, da geh rrau!

Als der Vater in der Kche war, begann sie laut zu schreien und zu
schimpfen: Bist du aa r a Wirt! A Schand is, so a Fleisch herz'gebn!
Fri's nur selber die ganze Sau, du Depp!

Da hrte ich zum erstenmal, seit ich den Vater kannte, ihn zornig mit
der Mutter streiten, und dumpf grollend erscholl seine Rede: Red ma net
so saudumm daher, du narrischs Weibsbild! Ds ko passiern, da ma r a
fischige Sau derwischt. Du brauchst es ja net z'essn, also haltst dei
Maul, sonst ...

Das letzte brummte er fr sich und trat darauf wieder in das Gastzimmer
und tat, als sei nichts geschehen. Am Nachmittag aber ging er fort und
kam erst abends mit einem groen Weinrausch nach Haus; doch die Mutter
sagte kein Wort mehr zu ihm.

Sonst gingen die Eltern nachmittags entweder beide ins Kaffeehaus oder
legten sich schlafen. Da mute ich dann ganz allein das Geschft und die
Schenke versorgen, was mir stets eine groe Freude bereitete, da ich
sehr ehrgeizig war. Ich setzte mich in die Ofenecke und hielt nun erst
meine Mittagsmahlzeit; denn zuvor hatte ich nicht Lust noch Zeit gehabt
zum Essen und schenkte es, wenn die Mutter wirklich schon etwas fr mich
hergerichtet hatte, immer einem armen Burschen, der sich nichts kaufen
konnte, dem Schusterhans.

Da sa ich denn bei meinem Bierkrglein und a dazu meine fnf bis sechs
Kaisersemmeln und eine kalte Wurst und las die Zeitungen; denn zwischen
zwei und drei Uhr war das Geschft ganz ruhig und auch das Zimmer von
Gsten leer. Hchstens kamen etliche, die Waren brachten und dabei rasch
eine Halbe tranken. Um drei Uhr zur Brotzeit aber war es wieder so
lebhaft wie am Morgen, doch ich wurde leicht fertig und konnte mich bald
wieder zu den Gsten setzen. Nun wurde Karten gespielt oder gesungen und
es war recht fidel. Um vier Uhr aber war wieder alles still im Lokal;
nur einige fremde Gste kehrten im Vorbeigehen ein.

Doch gab es fr mich noch mancherlei zu tun bis um fnf Uhr, wo der
Vater wiederkam. Ich schnitt Kndlbrot oder Voressen und Lunge, rieb
Semmelbrsel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit
gewhnlich der Hute- und Fellhndler, ein alter, schmieriger Jude, der
einen frchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mute ich in
das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen.
Diese wog er, und ich mute genau acht haben, da er nicht schwindelte;
auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafr bezahlte, hatte ich recht
aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte
mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld
nachgezhlt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben;
und obwohl ich gewi wute, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch
auf seinem Recht. Als die Mutter dies hrte, glaubte sie mir nicht, da
ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: Ds hast
hchstens auf d'Seitn g'rumt und denkst, der Vater bt's scho; aber da
brennst di! Ds kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!
Und ich mute wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei
fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.

Brachte jemand Wein oder Most, so mute ich auch mitgehen in den
Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlssel
dazu nicht an, weil ein sehr groer Wert in den Weinvorrten steckte. So
brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fnfzig
Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller
war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zhlte,
lschte der Unhold mir pltzlich das Licht, packte mich rcklings, ri
mir den Rock in die Hhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines
Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingerngeln
ber das Gesicht, ergriff die nchstbeste volle Flasche und schlug sie
ihm so um den Kopf, da sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem
Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat
ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: So, jetz machst, da
d'verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d'Schandarm
g'holt hab; na konnst schaugn, wie's dir geht, du Haderlump, du
elendiger! Und jetz druckst di und lat di ja nimma blicka! Dei Herr
werd sei Geld scho kriagn!

Ich hatte zwar schon Angst, er knnte mich in der Wut noch einmal
anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Strae seinen
Karren und fuhr mit dem bel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe
ich ihn nie mehr.

berhaupt hatte ich manchmal meine Fuste ntig; teils, mich der eigenen
Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.

Im Frhjahr hatte ein Grundbesitzer in der allernchsten Nachbarschaft
angefangen zu bauen, und es sollten zwei groe Huser links von unserer
Ecke und eins rechts davon erstehen. Da die Maurer und die brigen
Arbeiter meist ohne Geld sind, wenn sie zu arbeiten beginnen, so mu der
Palier fr einen Vorschu sorgen, der dann am Samstag vom Lohn abgezogen
wird. Der Palier wendet sich nun an einen Wirt, der erstlich Geld und
dann auch gutes Bier und vorzgliche Kche hat. Da war nun meines Vaters
Wirtschaft als Einkehr fr smtliche am Bau Beschftigte vorgeschlagen
und angenommen worden. Die Leute holten sich am Montag ihren Schu߫ und
aen und tranken die Woche ber ohne Bezahlung. Da gab es denn am
Samstag immer groe Abrechnung mit ihnen, und hie und da kam es dann
wohl auch vor, da der eine oder andere glaubte, er sei betrogen worden
bei der Abrechnung, oder da einer selbst betrgen wollte. Freilich ging
es dabei nicht immer ruhig her. Ganz pltzlich brach dann an einem Tisch
ein Streit aus und im Nu bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine
fr den Wirt, die andere aber fr den Schuldner stritt.

Doch nicht lange whrte die Reiberei; der Vater rief mir aus der
Schenke: Leni, biet eahna ab, i hab koa Zeit! und augenblicklich stand
ich unter den Streitenden und versuchte erst in Gte, die erhitzten
Kpfe zu beruhigen. Wenn mir aber dies nicht gelang, konnte ich recht
wild werden. Da fate ich den einen am Genick und drckte ihn auf seinen
Stuhl nieder; den andern ri ich zurck vom Tisch, wo er eben ein
Salzgef ergreifen wollte, um es ins feindliche Lager zu schleudern.
Dann schlug ich mit der Faust wohl auch auf den Tisch und rief: Ob jatz
glei Fried werd unter euch, s Hallodri! Sofort hol i d'Schandarmerie,
wenn koa Ruah is! Dann ergriff ich den Rdelsfhrer, hie ihn
austrinken und schob ihn aus dem Lokal.

Freilich, immer wurde es mir nicht leicht, der Aufrhrer Herr zu werden.
Da mute mir dann mein Hund, eine riesige, blaugestromte Dogge, die auf
den Mann dressiert war, helfen. Dieser Hund war von einem Apotheker aus
England mitgebracht worden, mute aber, da sein Herr verarmt war,
verkauft werden. Durch ein Inserat wurde der Vater aufmerksam, und da
sie ihm wohl gefiel, kaufte er die Dogge fr hundert Mark. Ich war
hocherfreut, als der Vater mit dem Hund kam. Er hie Schleicher und war
auerordentlich klug. Sein Herr war mitgekommen und ftterte ihn noch
mit Schinkenbroten; danach sagte er: Schleicher, du mut jetzt schn
dableiben, bis ich wieder komm! Dabei rannen ihm die Trnen in den
Bart, und ich empfand solches Mitleid mit dem Manne, da ich hinging und
ihm versprach, den Hund recht gut zu halten.

Bald war auch das Tier so gut Freund mit mir, da ein Wink von mir
gengte, ihn an meine Seite zu locken. Er begleitete mich auf allen
Gngen und lief mit mir auch in den Keller und Speicher; und oft, wenn
ich mit ihm redete, legte er seinen schlanken Kopf auf meinen Scho und
sah mich mit seinen klugen, braunen Augen ganz verstndig an. Sagte ich
ihm: Schleicher, du mut schn aufs Frauerl Obacht gebn! so wich er
keinen Schritt von meiner Seite und htte den, der mich anrhren wollte,
sicher in Stcke gerissen.

So war einmal ein als Wstling bel angeschriebener, alter Schleifer zu
uns gekommen, als ich eben allein in der Schenke stand. Er trat zu mir
und fragte, ob ich nichts zu schleifen habe, und trotzdem ich ihm kurz
und mrrisch erwiderte: Nix is da! ging er nicht, sondern wollte mich
an der Brust fassen, indem er mit heiserem Lachen flsterte: Nix hat zu
sleife? Nix kloane Gaffeemiehle zu sleife, he?

In diesem Augenblick sprang der Hund auch schon an ihm empor, ri ihn zu
Boden und stellte sich mit gefletschten Zhnen und dumpf knurrend ber
ihn; und als der Italiener sich wehren wollte, packte das wtende Tier
seinen Arm. Erschreckt schrie ich: Weg, Schleicher! und ri ihn am
Halsband zurck, worauf er zwar von dem an allen Gliedern Zitternden
ablie, aber immer noch heftig knurrte, so lange, bis der Alte gegangen
war.

So war auch einmal eine Christbaumfeier der Arbeitsscheuen in unserm
Lokal. Die Gste saen vergngt beieinander, lauschten aufmerksam den
Vortrgen, kauften Lose und waren alle eins, bis der Gipfel des Baumes
zur Versteigerung kam. An diesem Gipfel hing ein Hering, eine
Kindertrompete, ein Bndelchen Zigarren, eine Glaskugel, ein
Lebkuchenherz, ein Wachsengel und ein einzelner roter Plschpantoffel.
Den andern hatte schon ein Bckermeister gewonnen, da er an dem Zweige
hing, dessen Nummer sein Los trug.

Alles steigerte mit leidenschaftlichem Eifer, und es whrte nicht lange,
da waren schon dreiig Mark fr den Gipfel geboten. Nun ging's etwas
langsamer; doch steigerte noch alles lebhaft mit, bis ein Metzgermeister
rasch vierzig Mark bot und ihn ohne Einspruch zugeschlagen erhielt. Er
zahlte und schenkte dann den Gipfel der Gesellschaft zur nochmaligen
Versteigerung. Diesmal fiel er fr einundzwanzig Mark einem Weinhndler
zu. Auch der schenkte ihn wieder her, und nun kam der Hering samt
Kindertrompete und Plschpantoffel fr die Summe von dreizehn Mark in
die Hnde meines Vaters, der gleichfalls zugunsten der Tischgesellschaft
alles noch einmal versteigern lie.

Jetzt fiel dem Bckermeister pltzlich ein, da zu dem einen
Plschpantoffel auch ein zweiter gehre, und er steigerte nun eifrig
mit. Aber da war ein junger Ehemann, ein Brubursch, dem seine Gattin
vor einer Woche den ersten Buben geschenkt hatte; der wollte die
Trompete fr seinen Stammhalter haben. Und nun begann ein hitziges
Bieten: Drei Mark fuchzg! schrie der Bcker.

Vier Mark! der andere.

Sechs Mark! scholl es wieder herben, aber schon schrie der Ehemann:
Acht Mark! I werd dirs zoagn, du arme Bckerseel!

Was hast g'sagt, du windiger Bruknecht! Acht Mark fuchzg!

Neun Mark! erscholl da pltzlich aus dem Hintergrund die Stimme des
Kobelbauer Hias, eines Obermlzers, und rasch schrie der junge Ehemann:
Zehn Markl!

Der Bckermeister wischte sich den Schwei von der Stirn, und seine
Stimme klang heiser, als er schrie: Zehn Mark fuchzg! Jatz ko mi der
Hanswurscht scho bald ...

Aber er kam nicht zum Ausreden; denn: Elf Mark fuchzg! tnte es schon
wieder aus dem Hintergrund und gleich darauf: Zwlf Mark! von dem
Liebhaber der Trompete.

Nun verga der Bcker vor Wut weiterzubieten, und sprang auf, strzte
auf den Bruburschen zu und packte ihn an der Gurgel: Willst stad sei,
du Bruhengst, du verflixter! Jatz biat i und kriagn mua i 'hn aa, den
Gipfl, sunst is g'feit, ds mirkst dir!

Aber er war schon zu spt daran; denn whrend er sich mit dem andern
stritt, freute sich der dritt': der Kobelbauer Hias ersteigerte den
Gipfel um dreizehn Mark und machte sich damit davon.

Der Brubursch aber hatte den Bcker mit solcher Macht zurckgeworfen,
da dieser rcklings in einen runden Tisch fiel und alle Krge und
Glser umwarf. Die Frau des Laternanznders Tiburtius Kiermeier hatte
eben ein Kalbsgulasch vor sich stehen und wollte zu essen beginnen; da
kam der Bcker geflogen, und durch den groen Sturz geriet die Platte
mit der Sauce ins Rutschen, und ehe die Frau Laternanznder sich's
versah, hatte sie das Gulasch samt der Brh und den Kartoffeln im Scho:
Jess' Maria! Mei guater Tuachrock! kreischte sie laut auf und stie
gleich darauf ihren Mann heftig in die Seite; denn der hatte so eifrig
mit einem am andern Tisch sitzenden Schuhmacher, genannt der
Revolutionsschuster, ber Anarchismus und Sozialdemokratie debattiert,
da er von dem Streit und auch von dem Unglck seiner Gattin nichts
bemerkt hatte. Nun aber sprang er auf, und als ihm diese kreischend und
unter Trnen den Vorfall geschildert hatte, erhob er seinen Stuhl und
schrie: Nieder mit dem schwarzen Bckerhund! Hauts'n nieder, den
Zentrumshund! D'Sozialdemokratie soll lebn!

In diesem Augenblick aber fielen ihm etliche in den Arm, drckten ihn
wieder auf seinen Sitz und riefen: Sei do g'scheit, Tiburtl! doch der
war nun schon in der Hitze und schrie und schimpfte weiter.

Die Streitenden aber waren inzwischen abermals aneinander geraten, und
bald setzte es da und dort Hiebe ab. Nun sprangen etliche Rauflustige
hinzu, und ehe man sich dessen versah, artete der Streit zu einer
regelrechten Prgelei aus.

Zu allem Unglck lschte ein Boshafter das Licht aus, indem er den
Gasometer abstellte.

Der Vater rief: Kathi, schnell reibn S' s Gas auf! Die Mutter schrie
aus der Kche: Kreuzsakerament! a Liacht brauch i! Ich aber fate
meinen Hund am Halsband, er trug den Maulkorb, und strmte mitten in den
Knuel: Auseinander! Schleicher, fa an! Sakrament, auseinander, sag i!
Wer si net niederhockt, is hi!

In diesem Moment flammte wieder ein Licht auf, und whrend der Vater
totenbla an einem Tisch lehnte, da er noch immer krnkelte und sich
nicht aufregen durfte, teilte ich krftige Pffe aus. Der Hund aber
hatte die zwei Hauptschreier zu Boden geworfen und sein zorniges Knurren
verriet, da er keinen Spa trieb. Die beiden lagen blutend und voll
Beulen da, der eine hielt noch einen Makrughenkel, der Bcker aber sein
Stilet in Hnden.

Die brigen Raufbolde waren beim Dreinfahren des Hundes erschreckt
zurckgewichen, und nachdem ich den Bcker und den andern in die Hhe
gezogen und beide zahlen geheien, wies ich ihnen die Tr mit den
Worten: Marsch, schaugts, da hoamkommt's, s Wildling!

Bald war wieder Ruhe im Lokal; die Scherben wurden aufgerumt, die
Tische und Sthle gesubert und der Frau Kiermeier vom Vorstand der
Tischgesellschaft ein neues Kleid versprochen. Und als um vier Uhr
morgens die letzten Gste schwankend das Lokal verlieen, versicherten
sie einmtig mit stillvergngtem Lcheln: Sch war's, wundersch!

                   *       *       *       *       *

Am andern Tag mochte aber wohl mancher einen schweren Kopf gehabt haben,
und auch wir waren alle bernchtig und trachtete ein jedes, den
versumten Schlaf so geschwind wie mglich nachzuholen. Der Vater und
die Mutter legten sich gleich nach dem Mittagessen nieder; die
Kchenmagd machte ganz glserne Augen und verschwand pltzlich, noch ehe
sie ihre Arbeit getan; die Kellnerin mute sich niedersetzen zum
Besteckputzen, und dabei sank ihr der Kopf immer tiefer, bis sie mit der
Nase auf das Putzbrett stie. Ich selber nahm mir einen Stuhl und setzte
mich in die Schenke, rief den Schleicher zu mir und machte auch ein
Schlfchen, das zu meiner Freude nicht gar zu oft durch das schrille
Klingeln der Schenkglocke gestrt wurde. Um fnf Uhr aber war jedes
wieder munter, und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, meinte die
Mutter: So, jatz konn's glei wieder ogeh 's G'schft und dauern bis um
zwoa! Doch bekam sie bald Kopfweh in der heien Kche und ging in die
Stube und ich kochte allein.

Da hie es erst einen groen Hafen voll Lunge oder Voressen bereiten fr
die Arbeitsleute, die jeden Abend um sieben Uhr an der Kchentr mit
ihren Haferln standen und fragten: Habts heut a Lungl?

Dann schrieb ich die Speisenkarte.

Bald danach kamen die Kunden aus der Nachbarschaft, meist alte Weiber,
und begehrten zu wissen, was sie zum Abend haben knnten: Freiln Leni,
ham S' heut a Gansjung?

Ja, was fallt denn Eahna ei! rief ich da. Jatz, wo s' so teuer san am
Markt! Wos moanan S', was jatz a Gansjung kostn tt? A Mark ganz gwi!
Mgn S' vielleicht sonst a Schmankerl? A sauere Leber oder a bachene;
oder a bra'ne Haxn, a halbete? A schns Schweinszngl is aa da und guate
G'schwollne, selbergmachte!

Ds mag mei Mann alles net! sagte die eine oder andere dann, und ich
mute ihnen weitere Spezialitten hernennen: Ja mei, da werds schlecht
ausschaugn, wenn der Herr Gemahl ds net mag! Sagn S' halt, a Hirn, a
Herz, a Kottlett, a Schnitzl und a Gulasch ham ma r aa; oder vielleicht
mag er an Ochsenmaulsalat!

Nachdem ich dies alles aufgezhlt hatte, kam es freilich auch manchmal
vor, da eine, nachdem sie alles mgliche auszusetzen gehabt und ihr die
Leber zu sauer, das Gulasch zu scharf, an der Haxn z'weni dro und das
Zngerl z'fett gewesen war, zgernd fragte: Habn S' a Lungl aa? und um
a Zehnerl davon holte, was mich immer sehr zornig machte, so da ich,
wenn sie drauen war, voll Wut zur Kchenmagd sagte: Schaugts nur grad
a so a Bchslmadam o! Wenn s' a Kottlett um a Zwanzgerl kriagt htt,
wars ihr scho recht gwen, dera Flugga!

Aber trotz allen rgers war ich doch recht gern Herr in der Kche, und
als einmal im Sommer die Mutter eingeladen wurde, an der Wallfahrt nach
Alttting teilzunehmen, gab ich nicht eher Ruhe, bis sie ja sagte.

Freilich mute ich nun tchtig mit anfassen die drei Tage, welche die
Mutter nicht da war; doch wurde ich ganz gut fertig und konnte sogar dem
Vater noch helfen am Abend, wenn der Hauptandrang an der Gassenschenke
war.

Da wurden innerhalb einer Stunde ber zwei Hektoliter Bier ausgeschenkt,
und die Leute standen mit ihren Krgen an, wie zu Ostern in der Kirche
beim Beichten. Der Vater schenkte ein und ich kassierte. Da ging's:
Frau Bergbauer, a Ma, a Halbe und a Quartl, macht vierazwanzg,
sechsadreig, zwoaravierzg; so -- und acht san fufzg und fufzg is a
Mark. Dank sch, adie Frau Bergbauer, wieder komma! D'Frau Graf hat
dreimal drei; ds macht vierafufzg und sechs is sechzg. Dank sch, adie!
Der Kloane kriagt a Halbe; tuas fei net ausschttn! Herr Nachbar, drei
Quartl? Vater, drei! Und a Zigarrn! Derf i s' glei ozndn? Jatz ham ma
achzehn und sechs is vierazwanzg und von gestern zwoa Ma, ds macht
nacha zwoarasiebazg. Stimmt ak'rat wie zhlt. Adie, Herr Nachbar, dank
sch! Und so ging's fort, bis ich wieder in die Kche mute.

Am nchsten Tag schickte die Mutter aus Alttting eine Karte mit dem
Bild der Mutter Gottes und schrieb: Liebster Josef! Ich bin ganz weck
vor lauter schn. Vielle Gre sendet euch eure treue Mutter Magdalena
Zirngibl.

Ich freute mich sehr, da es der Mutter so wohl gefiel; hoffte ich doch,
es mchte diese Wallfahrt gnstig auf ihr Gemt wirken, da sie ein
wenig vertrglicher wrde; denn sie war immer noch trotz aller
Frmmigkeit recht bs und qulte mich oft entsetzlich. Bei dem
geringsten Anla gab sie mir trotz meiner neunzehn Jahre noch Schlge
ins Gesicht und hinter die Ohren, oder ri mich an den Haaren herum; ja,
nicht selten nahm sie noch wie frher den Stock und prgelte mich
elendiglich. Deshalb suchte ich, so gut es mir gelingen wollte, Anlsse
zu solchen Szenen zu vermeiden; doch glckte es mir nicht immer, und ich
wurde nun wieder trbsinnig und verlor alle Lust zum Schaffen und
schlielich auch zum Leben.

Da geschah es, da wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte
sich mit einem unserer Gste, dem Brieftrger Schwertschlager,
verheiratet. Das neue Mdchen hie Babett und war recht fleiig und von
einnehmendem Wesen; daher schlo ich mich rasch an sie an, weihte sie in
manche von den hlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein
und vertraute ihr auch an, da ich des Lebens im Hause ganz berdrssig
sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbchse anlegen und
alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal
gar zu schlecht ginge, knnte ich davonlaufen und htte doch Geld. Ich
folgte ihr und legte tglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine
irdene Sparbchse, die ich in der Schublade des Bfetts, die der
Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.

Es mute schon ein schnes Smmchen beisammen sein, denn etliche Wochen
trieb ich diese Heimlichkeit.

Da kam der Namenstag der Mutter.

Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen
Spitze hkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe fr die
Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster
gelehrt hatte, hkelte ich noch ein gutes Stck selber dazu. Ich
bezahlte ihr fr die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie drfe der
Mutter ja nicht verraten, da auch sie daran gehkelt habe; denn die
Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte.
Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster
herbekommen habe.

Ich antwortete: Von der Babett.

Darauf meinte sie: Die hast ja du gar net g'hkelt, die hat ja d'Babett
g'macht!

Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum
hrbar die Worte heraus: Wer sagt denn ds?

D'Babett hat mir's selber g'sagt! erwiderte die Mutter scharf.

Da brach ich in Trnen aus: Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s' mir's so
heilig versprocha, da s' nix sagt ...

So, hab i di jatz g'fangt, du Luder, du verlogns! triumphierte jetzt
die Mutter mit bsem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins
Herdfeuer. Heut konnst di aber g'freun! Heut treib i dir's Lgn aus fr
allweil!

Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube
und wollte die Sparbchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand
ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in
das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Kche.
Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf:
Heut bringt s' di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fnf
oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu.
Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da
rief sie dem Vater in die Schenke: Josef, heut bleibst in der Schenk,
die is heut net da! wobei sie mir wieder einen solch bsen Blick
zuwarf, da mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem
sie den groen, eisernen Schrhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen
schickte: Richst 's Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher
gehst 'nauf!

Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Kche und machte ihr
Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.

Da sagte sie: I hab koa Wort verraten und vom Geld woa i nix!
berhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is
g'fehlt um Eahna! Damit ging sie aus der Kche.

Ich hatte kaum die letzten Worte gehrt, so wurde mir hei und kalt, und
pltzlich ergriff ich das groe Tranchiermesser, legte erst die eine und
dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen
die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlsselbrett, nahm die
Kellerschlssel, rannte die Stiege hinab, schlo mich in den Weinkeller
ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den
Tod.

Wie lange ich so gelegen bin, wei ich nicht. Bekannte erzhlten mir
spter, da mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Kche
geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe.
Doch wute niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die
Kellerschlssel vermite. Da nahm der Vater den Schleicher, lie vom
Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst
unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich pltzlich vor die Tr zum
Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser
auch diese Tr, und nun fanden sie mich ohnmchtig in meinem Blute
liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nchsten Bader, der mir
einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren lie. Dort
wurden die Wunden genht, wobei es der Doktor nicht an anzglichen Reden
fehlen lie, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund
und Ursach geforscht wird.

Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich
sofort mit den Worten: Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net
hin?

Da dachte ich, es knnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn
vielleicht bekme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum
Krppel machte; da wre ich doch lieber tot.

                   *       *       *       *       *

Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter
in einem alten, kleinen Huschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller
Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glckliche Wochen bei ihr. Auch
sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und
dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren,
eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Kchin in der
Floriansmhle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem
Ehemann der Nanni, zu schreiben, da er mir seine Erlaubnis zum Dienen
gebe; denn ich war noch nicht mndig. Der antwortete in seinem
Schreiben: Mir ist's ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran,
wenn sie heirat. Josef Eder.

Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch.
Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fnf Mark, und
brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmhle begab.

Ich ging die Isar entlang durch den Englischen Garten, am Aumeister
vorbei und stand mit einem Male vor einem kleinen Drflein.

Zu meiner Rechten flo ein von alten Bumen und schon herbstlich buntem
Strauchwerk eingefater Kanal, der das ausgedehnte, rings von saftigen
Wiesen und schattigen Baumgrten umgebene Besitztum, auf dem ich meinen
Dienst antreten sollte, von dem eigentlichen Ort trennte.

Ich schritt den Bach aufwrts und stand bald vor dem groen Hoftor des
Gutes, das drei Brdern zu eigen gehrte und dessen Gastwirtschaft von
jeher als eine beliebte Einkehr der Mnchner galt.

Als ich in den Hof trat, stand vor der niedern Tr des schmucken, mit
seinen grnen Fensterlden und den sauber an Spalieren gezogenen
Weinreben recht heimisch aussehenden Wohnhauses ein junges Mdchen und
ftterte aus einer weiten, irdenen Schssel Enten, Hhner und Tauben mit
feingehackten Maiskrnern. Droben auf dem Dach aber, das von einem
Glockentrmlein gekrnt war, sa ein groer Pfau und schrie mit
kreischender Stimme sein klgliches: Pau, pau in die stille Luft.

Weiter drben vor dem Stall stand ein langer, grobknochiger Knecht und
schirrte zwei schwere Grauschimmel an und spannte sie vor einen hoch mit
Mehlscken beladenen Wagen, whrend aus der mit Tannengirlanden
geschmckten Tre eines kleinen Tanzsaales, dessen Fensterlden fest
geschlossen waren, soeben ein lterer Mann trat und angestrengt nach der
von uralten Pappeln eingesumten Landstrae sah.

In diesem Augenblick fuhr von der andern Seite ein leichtes Ponygefhrt
durchs Tor in den Hof, und ihm entstieg ein etwa zwanzigjhriger,
elegant gekleideter junger Mann, warf die Zgel dem dampfenden Pferd auf
den Rcken und hob danach ein liebliches, ganz in Wei gekleidetes, etwa
achtjhriges Mdchen aus dem Wagen. Mit lautem Jubel strmte die Kleine
an dem erschreckt auffahrenden jungen Mdchen vorber, wobei Hhner und
Enten laut schreiend und gackernd auseinanderstoben, und sprang lachend
an dem alten Herrn empor mit dem Ruf: Onkel Kilian, fein wars! Dieser
gab dem Mdchen erst einen schallenden Ku und wandte sich dann an den
jungen Mann: So, Maxl, hast dir jatz amal gnua kutschiert?

Ja, Onkel! Bis zum Flaucher san ma nauf; 's Lieserl htt bald nimmer
gnua kriagt! Dann rief er lachend der noch immer ber das Ungestm der
Kleinen erbosten jungen Dame zu: Servus, Fruln Schwester! Und als sie
nichts erwiderte, trat er rasch auf sie zu, fate sie um die Hften und
meinte: Na, Klrl, kommt's am End scho wieder zum Regnen?

Unwillig stie sie ihn weg und wollte etwas entgegnen, da fuhren rasch
hintereinander drei elegante Equipagen vor, und sofort strzten alle
hinzu und halfen den Herrschaften dienstbeflissen aus den Wagen.

Ich war lange Zeit unschlssig hinter dem vorderen Tor gestanden; jetzt
benutzte ich rasch den gnstigen Augenblick und trat schnell in die
Kche, die in peinlichster Sauberkeit glnzte.

Gegenber dem groen, in der Mitte stehenden Herd befanden sich hohe
Schrnke und Stellagen voll Porzellangeschirr und von den Wnden
blinkten reiche Kupfer- und Zinnmodel. Vor dem Herd stand gerade eine
groe, wohlbeleibte Kchin, die Kaffee kochte, und hinten in einer Ecke
war ein altes Weiblein mit dem Rupfen einer groen Schssel voll Enten
beschftigt. An dem mchtigen Schubfenster des Bfetts, von dem aus man
den groen, schattigen Wirtsgarten berblicken konnte, stand eben die
Frau des Hauses und gab der Kellnerin mehrere Platten mit Kuchen und
gebratenen Hhnern. Dann wandte sie sich um, und als ich gerade der
Kchin, die mich barsch nach meinem Begehr fragte, antworten wollte,
rief sie mit freundlicher Miene: Ah, jatz kommt mei neue Kchin! Sie
san aber no jung!

Ich erwiderte, nachdem ich sie begrt, ziemlich schchtern: I bin scho
neunzehn Jahr alt! worauf sie mich fragte, ob ich denn auch kochen
knne. Da bekam ich auf einmal Schneid und sagte frisch: Ds moan i! I
hab dahoam scho d ganze Wirtschaft g'fhrt und mir ham koa schlechts
G'schft! Blo mit d Mehlspeisn hats was; d gibt's bei uns 's ganz
Jahr net!

Lachend meinte die Frau: Ds kriagn ma scho no; blo a Schneid
braucht's und an guatn Willn.

Ich versprach ihr, da ich ihr keine Schande machen wolle, und fragte,
wann ich schon eintreten knne. Sie sagte: Glei morgn knnen S' kommen;
lassen S' ma Eahna Adre da, der Knecht fahrt morgen so in d'Stadt nauf
am Markt; der kann glei Eahnan Koffer mitnehmen.

Dann gab sie mir noch einen Taler als Drangeld, womit sie mich fest
zum Antritt meiner Stelle verpflichtete.

Gn Frau, sagte ich noch, ehe ich ging, kann i vielleicht glei was
b'sorgn, eh i morgn aus der Stadt geh? I kannt's leicht mitnehmen. Doch
sie verneinte und sagte: Ds g'fallt ma, da S' Eahna so onehma; aber
bei uns fahrt alle Tag oans nauf zum Einkaufn und B'stelln. Trinkn S'
jatz no g'schwind a Tass' Kaffee!

Nun bekam ich eine groe Tasse voll und einen Krapfen, wobei die Frau
meinte: Probiern S' unsere Krapfen, die mssen S' z'erscht ferti
bringa!

Ich fand alles recht gut und ging frohen Herzens heim zu meiner Base und
berichtete ihr alles, worauf sie mich ermahnte, ich solle mich recht gut
halten, da ich meiner Mutter zeigen knne, wie andere Leute mit mir
zufrieden wren.

Andern Tags am frhen Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich war guten
Muts und sang laut, als ich durch den Englischen Garten schritt; denn
ich hatte von der Endstation der Trambahn aus noch fast eine Stunde zu
gehen.

Als ich auf den Hof kam, schlug es neun Uhr, und der Obermller und die
Mhlknechte machten grad Brotzeit und holten sich ihr Bier.

Mit einem lauten: Gra Gott! Jatz bin i da! trat ich in die Kche, wo
es schon berall dampfte und brodelte. Die Frau war noch nicht auf, und
so wies mir die erste Kchin meine Kammer zum Schlafen an. Rasch nahm
ich mein Htlein ab, zog mein Mntelchen aus, tat eine schne weie
Schrze um und ging wieder hinunter.

Nun hie es sich rhren! Als die Frau um zehn Uhr in die Kche kam,
hatte ich schon einen groen Hafen voll Entenjung fr die Leute der
konomie zubereitet und war gerade dabei, ein Brett voll Kndel zu
machen.

So, san ma scho fest bei der Arbeit! sagte die freundliche Wirtin und
klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, worauf ich lachend erwiderte:
Bis jatz konn i's scho no damacha! doch htte ich dies am Nachmittag
wohl kaum mehr geantwortet; denn da ging's drunter und drber.

Da kamen Herrschaften in ihren Equipagen, die sich mit Brathhndln,
Eierspeisen, kalten Platten und dergleichen Leckerbissen aufwarten
lieen, ferner Radfahrer, die in groer Eile ihren Kaffee tranken, und
auch an Spaziergngern fehlte es nicht, die da ihren Ks mit Butter, ein
Ripperl oder Regensburger verzehrten.

Der Kaffee wurde in lauter kleinen Knnchen serviert, und eine alte
Splerin hatte den ganzen Mittag und Nachmittag vollauf zu tun, um all
die Geschirrlein zu subern und auf kleine Nickeltabletten zu ordnen. In
einem riesigen Waschkorb lagen an die hundert Krapfen, daneben standen
Teller und Platten mit feinem Kaffeekuchen, was alles im Haus gebacken
wurde.

In der Schenke ging es zur Mittagszeit noch ziemlich ruhig her; doch war
am Nachmittag auch hier ein groes Hinundher. Da wurde nicht nur Bier
ausgeschenkt, sondern auch alle mglichen Limonaden, Sauerbrunnen,
Schorlemorle, Radlermaen und auch gar manche Flasche Wein.

Die rote Kuni, wie man im Scherz die rothaarige Schenkkellnerin
nannte, wute sich bei dem Trubel kaum mehr zu helfen; denn sie war von
Haus aus schon schwerfllig und nun erwartete sie auch noch ein Kind,
das vierte, seit sie in der Floriansmhle im Dienste stand. Fr jedes
hatte sie einen andern Vater benannt, der ihr fr Ehr und Kind bezahlen
mute, was ein jeder auch ohne Widerrede tat.

Um die Zeit meines Eintritts war nun berall wegen der Herbstmanver
Einquartierung. Auch in die Mhle kam die Ordre, man solle Quartier
bereiten fr mindestens zwanzig Mann und etliche Offiziere der schweren
Reiter aus Landshut.

Es whrte nicht lange, da rasselten im Saal die Sbel und klirrten die
Sporen. Zwanzig Gemeine, vier Feldwebel und Wachtmeister, sowie sechs
Offiziere hatten wir bekommen.

Da gab es Arbeit in Menge; zwar war fr die Gemeinen das Mahl bald
bereitet, doch fr die Herren wurde gar fein aufgekocht. Am Abend gab es
dann regelmig ein kleines Tnzchen, zu dem ein Mhlknecht mit der
Ziehharmonika aufspielte.

Elf Tage blieben sie. Da geschah es am dritten Tage, da die rote Kuni
in der Frh nicht mehr erschien und in der Stille der folgenden Nacht
einem Knblein das Leben gab. Nun war niemand in der Schenke; da fragte
ich, ob ich nicht auf etliche Tage dies Amt versehen knne. Die
Herrschaft war recht froh ber den Antrag, und ich wurde noch am selben
Tag die Schenkkellnerin. Zugleich hatte ich die Gste zu bedienen und
auch den Offizieren zu servieren; doch ging mir alles glcklich von der
Hand, und schon nach ein paar Tagen mute ich das Versprechen geben, in
der Schenke zu bleiben. Ich tat es gerne; denn ich verdiente mir ein
schnes Stck Geld und lernte berdies mit feinen Leuten umzugehen.

Bald hatte ich mir nicht nur die Zufriedenheit der Herrschaft erworben,
ich war auch der Liebling der Offiziere und vieler vornehmer Gste.

Am Tage vor ihrem Weitermarsch veranstalteten die Hauptleute der
Einquartierten noch einen kleinen Ball, zu dem viele Mnchner Offiziere
samt ihren Frauen geladen waren. Vorher war ein reiches Mahl gegeben
worden und ich hatte alle Hnde voll zu tun. Danach gab mir ein jeder
der Offiziere, die durch den Herrn schon erfahren hatten, da ich eine
Brgerstochter und ein braves Mdel sei, die Hand, viel schne Worte und
einen blanken Taler, und einer bat mich gar um ein Busserl, wofr er
mir versprach, er wolle ewig an dieses Herbstmanver denken.

Ich hatte nichts weiter dagegen und gab ihm lachend den verlangten Ku.
Da hielt der junge Herr mich fest und legte mir ein feines Kettlein mit
einem kleinen Medaillon um den Hals.

Es ziemt sich nicht, meinte er dann ernst, einem Mdchen aus gutem
Haus ein Trinkgeld zu reichen; ich wenigstens kann es nicht und hoffe
auch, da meine lieben und geschtzten Kameraden das Mdel nicht
entlohnen, sondern nur belohnen wollten.

Ich war ganz bestrzt und dachte schon, jetzt msse ich all das schne
Geld wieder hergeben; da rief ein alter, graubrtiger Offizier mit
schnarrender Stimme: Ah, was! Unsinn, Kamerad! Der Taler ist nicht
Trinkgeld, sondern Andenken an uns fesche Kerle! worauf alles in
Gelchter ausbrach und die Angelegenheit erledigt war.

Spter, beim Tanz, bat der junge Herr meine Herrschaft, mir Urlaub zu
geben, bestellte etwa zwanzig Flaschen Sekt und lie sie gleich kalt
stellen. Sodann befahl er den Offiziersburschen, zu bedienen.

Die andern Mannschaften hatten sich drauen in der Tenne bei einem Fa
Bier versammelt und Wachtmeister und Unteroffiziere saen im Nebenzimmer
fidel beisammen.

Ich mute ein gutes Kleid anziehen und war nun sehr begehrt, wobei ich
fand, da der Leutnant mit dem Kettlein es im Tanzen selbst den hchsten
Offizieren zuvor tat. Er meinte es, wie mir schien, recht ehrlich mit
mir; denn er wollte nicht einmal das Busserl, das er mir am Abend
abverlangt hatte, behalten und gab es mir mit dankbarem Blick vierfach
zurck, ehe er beim Morgengrauen den Tanzsaal verlie.

Am andern Tag sah ich die Truppen wohl fortreiten, doch konnte ich aus
der groen Ferne keinen mehr erkennen.

Dafr kamen am Nachmittag abermals etwa zehn Reiter, zwar keine
Offiziere, doch auch ganz muntere Gesellen, die in einer Reitschule das
lernten, was sie spter entweder zum Beruf brauchten oder womit sie
andern einmal imponieren wollten.

Sie kamen nun tglich und waren alle recht hflich und liebenswrdig zu
mir, gaben mir viel Trinkgelder und brachten mir allerlei hbsche Dinge
mit: bald ein Krblein Blumen, bald ein Schchtelchen mit Zuckerwerk.
Einer von ihnen aber, der Sohn des Reitschulbesitzers, htte mir gerne
einen hbschen Filigranschmuck geschenkt; doch ich wies das Angebinde
schnde zurck, weil der Geber sich dafr nichts weniger denn mein
Jungfernkrnlein ausgebeten hatte.

berhaupt traten jetzt die Versucher gar hufig und, wie sie meinten, in
den lockendsten Gestalten an mich heran.

Da war ein alter Jude, ein steinreicher Geldhndler, der mir fr eine
kleine Liebenswrdigkeit sofort eine groe Summe Goldes bot. Ferner ein
Pferdehndler, ebenfalls ein Jude, der mir einst seine Equipage mit der
Weisung schickte, ich solle mich in den ersten Modehusern kleiden wie
ich wnsche, koste es, was es wolle; doch mchte ich nachher in
demselben Wagen heim in seine Wohnung fahren und bei ihm eine Tasse Tee
trinken.

Doch nicht nur die reichen Herren, auch etliche Burschen aus der Mhle
htten mich gern zu ihrem Schtzlein gehabt, und ich wute bald nicht
mehr, was ich tun sollte, um mir die unsinnigen Freier vom Hals zu
schaffen. Und als mich gar einmal mitten in der Nacht drauen vor meinem
Fenster, ich schlief im ersten Stock, ein Gerusch aufweckte, als htte
jemand eine Leiter angesetzt, und gleich danach ein leises Klopfen an
die Scheiben ertnte und jemand mit unterdrckter Stimme rief: Lenerl,
mach auf! I mua dir was sagn, da sprang ich voll Zorn aus dem Bett und
rief ganz laut hinaus, ohne zu ffnen: Mei Ruah will i habn! I brauch
koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tr 'reitraut, soll ganz
wegbleibn!

Da erscholl es drauen wieder flehend: Geh, la mi halt ei, Dirndl! I
htt a schns Ringerl fr di! whrend zu gleicher Zeit im Garten
drunten der alte Bernhardinerhund wtend zu bellen begann. Nun klopfte
der nchtliche Besucher wieder, diesmal aber ganz heftig, ans Fenster
und bat: Lenerl, i bitt di um Gottswilln, la mi halt ei, i bins ja,
der Mhlfranzl! Schau, da Barri lat mi nimma abi!

Ich gab nun gar keine Antwort mehr und hielt mich muschenstill; denn im
Zimmer neben mir wurde es lebendig und gleich darauf erschien Max, der
etwa zwanzigjhrige Sohn meiner Herrschaft, in Unterhosen und barfu,
ein Kerzenlicht in der Hand, an meiner Tr: Leni, hrn Sie nix?
Einbrecher massn da sei!

Nun verschwand die Gestalt eilig vom Fenster, und gleich danach vernahm
man ein wildes Auffahren des Hundes, einen dumpfen Schrei und das
Umfallen der Leiter. Darauf war es wieder still.

Nun wagte ich, das Fenster zu ffnen, und sah hinunter. Da sa unser
Barri auf einer dunklen, am Boden hingestreckten Gestalt, und ber den
beiden lag die lange Leiter.

Unser liabi Zeit! Der hat si gwi dafalln! rief ich voll Schreck und
bereute schon meine Hrte; da schrie der Max zum Fenster hinunter,
whrend ich ganz gebrochen auf einen Stuhl fiel: Barri, marsch in dei
Httn! worauf der Hund den Schwanz einzog und unter der Leiter
wegschlich.

Wer nur ds sei mua! meinte etwas angstvoll der junge Mann.

Da sagte ich leise, indem ich wieder zum Fenster trat und hinabsah: Der
Mhlfranzl war's. Fensterln htt er wolln! Und jatz is er tot zwegn mein
Trutz!

In diesem Augenblick rhrte sich der vermeintliche Tote, kroch unter der
Leiter hervor und hinkte mhsam und halblaut fluchend von dannen.

Nun verlie auch der Max das Zimmer und ich legte mich wieder hin; doch
ich konnte nicht mehr einschlafen und nahm mir vor, das Haus zu
verlassen. Ich sagte das am Morgen auch der Frau; doch die lachte mich
aus und meinte: Ja, warum net gar! Davonlaufn mcht s' jatz, anstatt
da s' an Stolz htt, wenn si d'Burschn so um sie rein! Recht zum Narrn
haltn tuast's!

Nach reiflicher berlegung entschied ich mich auch wirklich fr diesen
vernnftigen Ausweg. Ich lie mir eifrig den Hof machen und hatte die
grte Freude, wenn sich manches Mal der eine oder andere von einem
Rivalen zurckgedrngt glaubte und ihm mit der Faust zu beweisen suchte,
da er der Bevorzugte sei.

Der Umstand, da ich mich in diesem stndigen Kreuzfeuer so tapfer
bewhrte, lie mich nicht nur in den Augen meiner Herrschaft gro
dastehen, sondern auch in der Gunst unserer Stammgste, zu denen auch
der Benefiziat des Dorfes zhlte, hher und hher steigen, und es
geschah des fteren, da der hochwrdige Herr mich beiseite nahm und mir
versicherte, ich sei das tapferste Mdel, das ihm vorgekommen; und als
ich ihm einmal sein Bier auf den Tisch stellte, rief er: Na, wie
geht's, Sie steinerne Jungfrau? Hat sich gestern keiner von Ihren
Verehrern erschossen? worauf ich lachend erwiderte: Naa, Herr
Hochwrden, aber datrnkt hat si scho hi und da oana z'wegn meiner!

Was! schrie er da voll Schreck und hatte seine liebe Not, den Trunk,
den er eben gemacht und der ihm vor Schreck in die unrechte Kehle
geraten war, wieder heraufzubringen. Was, ertrnkt?!

Ja, aber net im Wasser! beruhigte ich ihn und klopfte ihm tchtig auf
den Rcken, bis er nach heftigem Husten wieder zur Ruhe kam.

                   *       *       *       *       *

Als ich etwa zwei Monate im Hause war, erschien eines Nachmittags ganz
unverhofft meine Mutter und wollte wissen, wie ich mich fhre.

Meine Frau war noch in der Kche, als die Mutter mit den Worten vor sie
trat: 'n Tag! I bin d'Mutter von dera da! Dabei wies sie mit der Hand
auf mich und fuhr fort: I mcht anfragn, wie sie si auffhrt und was s'
Lohn hat!

Meine Frau entgegnete kurz: So, Sie sind d'Mutter! D'Leni is recht
ordentlich und fleiig und i hab nie a Klag. Was 'n Lohn betrifft, so
hat s' halt zwanzg Mark und ihre Trinkgelder. Ds geht mi brigens nix
o, wie viel ds ausmacht.

Da fing meine Mutter an, sich bitter ber mich zu beklagen, und erzhlte
ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, da ich einmal
zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen htte, die sie nun holen wolle.
Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: Was Sie mit Eahnera Tochter
dahoam g'habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und
ehrli, und konn i ihr net 's geringste nachredn!

Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tr krachend
hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstck und legte es ihr
im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit
den Worten: Da san die zehn Mark. Wenn S' no was guat habn, na sagn S'
mir's, da i's Eahna gib!

Oho! Schneibt's leicht dir d'Goldstckl, da d'so rumschmeit damit?
rief sie nun halb erstaunt, halb spttisch. I htt di gern wieder
dahoam g'habt; aber wenn's dir so guat geht da, na wirst z'erscht net
nauf wolln zu uns!

O naa! I wr viel liaber dahoam, erwiderte ich und das Weinen stand
mir nahe. Sagn 's ja alle Leut, da 's a Schand is, wenn a so a reiche
Brgersfamilie ihr Tochter zum Deana lat! I woa's blo net, ob mi mei
Frau fortlie.

Sonst nix mehr! erscholl da neben uns die erzrnte Stimme meiner Frau,
die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: Lenerl,
Sie bleibn mir da! Jatz htt ma amal oane, die was taugn tt, jatz
laufat s' mir nix, dir nix davo! No amal sag i's, Sie bleibn da!

Da sah die Mutter wohl, da ich hier anerkannt und gut gehalten war und
sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: Wannst hoam willst, kannst
jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si's g'hrt!

Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brcke,
die ber den Kanal fhrt. Da fate sie ganz pltzlich meine Hand, besah
meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: So dumm
z'sei! Wia leicht kunntst tot sei und i htt d'Verantwortung!

Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Trnen
zurckhaltend: Adje, Mutter, i mua in d'Schenk; gran S' mir'n Vater!
Vielleicht komm i bald!

Seit diesem Vorfall gefiel es mir gar nicht mehr recht im Dienst, und
obwohl ich mir in der kurzen Zeit schon ein neues Kleid, manch schnes
Stck Wsche und noch ber hundert Mark bares Geld verdient hatte, sagte
ich doch am ersten des folgenden Monats zu meiner Herrschaft: I mcht
wieder hoam. Mi leid's nimmer da, wenn i woa, da mi d'Muatter braucht;
und auf Weihnachten wr i halt do liaba bei meine Leut dahoam als wia r
in der Fremd!

Ganz traurig meinte die Frau: Gehn S' jetzt wirkli! I konn's ja gern
glaubn, da si's Herz wieder zu der Mutter z'ruck verlangt, aber wenn ma
solche Aussichten hat, wie Sie, da wr's wohl besser, ma hret mehr
auf'n Verstand als aufs Herz.

Doch als ich meine Bitte wiederholte, lie sie mich gehen: In Gott's
Nam, mua i mir halt wieder um jemand schaun!

                   *       *       *       *       *

Also verlie ich Mitte Dezember meinen Dienst, begleitet von den
Segenswnschen der ganzen Familie, die mich vor meinem Scheiden noch
reichlich beschenkt hatte. Ich konnte mich der Trnen nicht erwehren,
als ich einem nach dem andern die Hand gab, und es waren nicht die
angenehmsten Empfindungen, mit denen ich mich auf den Heimweg machte.

Als ich etwa eine halbe Stunde Wegs zurckgelegt hatte, kam ein Fiaker
hinter mir her. Ich rief ihn an, ob er mich fahren wolle, und als er
dies bejahte, stieg ich ein und fuhr nach Hause.

Daheim rannte alles ans Fenster, als ich so nobel angefahren kam, und
der Vater meinte, als ich ihn begrte: Du kommst ja daher wie a
Prinzessin; ma kennt di kaam mehr!

Als ich aber mein Erspartes und die geschafften Sachen alle sehen lie,
verstummte er vllig und auch die Mutter war starr vor Staunen. Ich
sagte, indem ich das Geld wieder verwahrte: Ds Geld trag i auf
d'Sparkass' und mei Wasch heb i mir auf, bis i heirat. Wer woa, ob i
mir net no was dazu verdean!

Die Mutter verstand wohl, wie ich das meinte; denn sie sagte sofort:
Oho! Mchst net scho wieder davolaufa, kaum'st komma bist! Zum Aushaltn
werd's scho sei dahoam; i leg dir nix mehr in Weg!

Auch der Vater versprach mir, da man mich gut halten wolle, und ich
dankte ihm von Herzen. Vergessen war jetzt fr mich alles, was einmal
geschehen, und ich freute mich wieder des Elternhauses und ging munter
an die Arbeit. Ich war jetzt auch wohl gelitten im Hause und niemand gab
mir ein unrechtes Wort; ich wirtschaftete wieder wie vorher und gab
selber auch keinen Anla zum Tadel.

So verging der Winter, und mit dem Eintritt des Frhjahrs standen in der
Nachbarschaft zwei Neubauten unter Dach, was fr die Bauleute die
Veranlassung zu einer groen Feier war, die, ein altes Herkommen, als
Hebebaum- oder Hebeweinfeier bekannt ist und wobei oben am First des
Neubaues ein mit bunten Bndern gezierter Tannenbaum aufgepflanzt wird.
Alle am Bau Beschftigten begeben sich auf den Dachstuhl und einer unter
ihnen hlt nun eine feierliche Ansprache, in der er dem Bauherrn, dem
Eigentmer und dem Palier fr den Verdienst dankt und sie alle einzeln
mit einem dreifachen Hoch ehrt. Inzwischen hat der Wirt ein Fa Bier und
Krge hinaufschaffen lassen, und nun nimmt ein jeder seinen gefllten
Krug und stimmt laut in das Hoch des Redners ein; denn der Brauch will,
da man die Bauherren durch den Trunk ehre.

In der Wirtschaft wird mittlerweile gro aufgekocht; denn der Eigentmer
hat zwei Schweine und ein Kalb fr die Bauleute gestiftet, whrend in
der Schenke fnf Hektoliter Bier, ein Geschenk des Bauherrn, bereit
stehen. Dazu gibt der Wirt noch etliche hundert fette Maurerloabi, ein
grobes, sehr wrziges Brot, sowie fr jeden der Bauleute zehn Zigarren.

Bald fllt sich das Lokal und nicht lange whrt es, so geht es an ein
Essen und Trinken, an ein Singen und Scherzen, da man sich in eine
Bierbude des Oktoberfestes versetzt glaubt.

So war's auch diesmal wieder. Ein jeder wollte das meiste tun im
Trinken, Essen und im Lrmen; denn ein jeder trug das stolze Bewutsein
in sich und mancher trug es auch offen zur Schau: Auch ich hab mein
redlich Teil dabei getan!

Spter freilich, als ihnen das Bier schon ziemlich zu Kopf gestiegen
war, schwand dies Selbstbewutsein erheblich, und nun waren es die
Mrtelweiber und Biertrgerinnen, die das groe Wort fhrten. Eine jede
hatte, obwohl selber lngst verheiratet, einen Auserwhlten unter den
Bauleuten, unbekmmert, ob der Erkorene Weib und Kind daheim hatte, oder
nicht.

Heute nun hatte ein jeder Eheherr auch seine Frau mitgebracht und teilte
mit frhlichem Sinn das, was die Arbeitgeber gespendet. Auch die Gattin
des obersten Paliers, Simon Scheibenzuber, war anwesend. Da erhob sich
ein, obschon nicht mehr junges, doch noch ziemlich mannliches
Mrtelweib, stieg allen Bemhungen ihrer Genossinnen zum Trotz auf den
Tisch und schrie: Ich bin die Keenigin von Jerusalem und der
Scheibnzuber Simmerl is mei Mo!

Da sprang die tiefgekrnkte Gattin des Paliers vom Stuhl auf, gab ihrem
ganz verblfften Manne eine schallende Ohrfeige und strzte sich nun wie
eine Furie auf die Verwegene. Die aber war so voll des sen Getrnks,
da sie nur noch gurgelnd herausbrachte: Was tatst denn wollen, du
gscherte Mollen! dann aber auf ihren Sitz zurcksank.

Dies hatte aber die Wut der Paliersgattin aufs hchste gesteigert: Was,
i a gscherte Molln! schrie sie mit berschnappender Stimme: Ds konnst
ma ban, du Gwaff, du zahnluckerts! Und im Nu hatte sie die betrunkene
Rivalin bei den Haaren gefat und schlug mit der andern Hand wtend auf
sie ein, bis sie von der bermacht der Maurerweiber zurckgedrngt
wurde. Die also gedemtigte Knigin aber wankte aus der Stube in den
Hof, wo sie unter Zuhilfenahme einer groen Schale schwarzen Kaffees
sich all ihres Zornes und wohl auch ihrer Liebe entledigte; denn sie
erschien danach wieder munter im Lokal und rief: So, jatz san ma
g'sund! Jatz trink ma aufn Bauherrn a Mal!

Mein Vater war bei dem Vorgang wieder ganz bleich geworden und frchtete
eine Rauferei; doch zur Ehre dieser einfachen Leute sei's gesagt, da es
zu nichts kam. Sie blieben sitzen bis zum Morgengrauen und gaben noch
allerhand lustige Stcklein zum besten.

Frhlich ging ein jeder heim oder lie sich von der getreuen Hausfrau
fhren; alle hatten den Verspruch des Bauherrn, da sie in etlichen
Tagen wieder Arbeit bekmen. Doch dieser Neubau war in einer andern
Stadtgegend, so da unser Lokal etwas stiller ward wie bisher, obgleich
noch die am dritten Bau Beschftigten, sowie alle brigen Arbeiter und
Gste dasselbe tglich fllten.






Inzwischen war ich eine ganz stattliche Dirn geworden und betrachtete
gar manches Mal mein Spiegelbild mit Befriedigung und geheimem
Wohlgefallen. Meine Mutter hatte mir fr den Sommer eigene
Wirtschaftskleider aus feinem, blauen Mousseline anfertigen lassen, und
da ich selbst viel auf einen guten Anzug hielt, hatte ich bei der
Schneiderin Matrosenform mit weien Batistkrgen und kurzen rmeln
bestellt. Dazu trug ich weie Spitzenschrzen, darber eine weite
Leinenschrze zur Kchenarbeit und um den Hals eine Kette aus Korallen.
Mein reiches, blondes Haar hatte ich zierlich geflochten und als Krone
aufgesteckt; in die Stirn hingen ein paar natrlich aussehende, wirre
Lckchen, die ich jedoch jeden Abend mittels einer Haarnadel kunstvoll
wickelte. Auerdem trug ich nur Lackschuhe; denn mein Stiefvater
besorgte mir deren alle Vierteljahr ein Paar bei einem alten
Schuhmacher, dem Revolutionsschuster, so genannt, weil er als
bereifriger Anhnger des Anarchismus alle Tage aufs neue fr die
allernchste Zeit den Ausbruch der grimmigen Revolution und eines
Brgerkrieges prophezeite, so da ich glaube, der Vater kaufte die
vielen Schuhe nur, um zu verhindern, da die Revolution in seinem Lokale
ausbrche.

Doch htte mein Vater dies nicht so zu befrchten gehabt wie den
Ausbruch eines Freierkrieges; denn meine muntere, geschftige Natur in
Verbindung mit der lockenden Aussicht auf eine ansehnliche Mitgift hatte
nicht nur die Herzen etlicher junger Brgersshne betrt, sondern auch
bei ein paar betagteren Leuten einiges Unheil angerichtet.

Da war erstlich ein etwa fnfundzwanzigjhriger, bildsauberer Drechsler
aus Traunstein, der Ehrenthaler Franzl; der htte sich gern eine recht
liebe, husliche Meisterin in mir geholt, da er einmal seines Vaters
Geschft bernehmen sollte. Er gefiel mir, und ich htte ihm wohl gut
sein knnen; doch war er noch nichts, hatte auch nichts und war nicht
recht gesund, weshalb ich ihm eine Brgerstochter aus der Nachbarschaft
empfahl. Dann war ein alter Brieftrger, der Barmbichler Xaver, dem das
Stiegensteigen nicht mehr recht gefiel und den auch das Zipperlein schon
in allen Gliedern zwickte; der wollte sich jetzt pensionieren lassen und
dann mit mir und meinem Heiratsgut ein beschauliches Leben fhren, auf
das ich aber verzichtete und mir einen andern Bewerber, den etwa
vierundzwanzigjhrigen Brumeisterssohn Aloys Kapfer etwas genauer
ansah. Da fand ich, da er trank, viel trank, auch hoch spielte und
keine Nacht vor zwei Uhr nach Hause ging; und obschon mir sein
zierliches Ponyfuhrwerk, mit dem er oft bei uns vorfuhr, sowie die
dreihundert braunen Scheine, die er mir als Brautgabe zugedacht hatte,
sehr wohl gefielen, dachte ich doch, da schon gar mancher sein Hab und
Gut vertrunken und verspielt htte und gab ihm einen Korb und meinte, es
sei besser, mich um einen einfachen Handwerksmeister umzuschauen. Der
war auch da in Gestalt eines dreiigjhrigen Schlossermeisters aus
meinem Heimatdorf; es war der Schwaiger Lenz, ein Vetter vom
Schlosserflorian. Er hatte vor einem Vierteljahr seine Frau verloren und
wollte mich als sein riegelsames Weib und als liebe Mutter fr seine
verwaisten drei Kinder heimholen. Da ich mich jedoch wegen der drei
Kinder lange nicht entschlieen konnte und immer wieder um Bedenkzeit
bat, holte er sich endlich eine Fabrikantenstochter, die ihm schon lange
zugeblinzelt hatte. Nun trat dessen Nachbar, der Schneidermeisterssohn
Kaspar Zintl, mehr ins Licht und meinte, er wolle mit mir nach Paris und
London reisen, wenn ich seine Frau wrde und wolle mir die ganze weite
Welt zeigen. Ich dachte aber, wir wrden nicht weit kommen mit dem
Gelde, das er besa, und berlegte, ob ich ihm das meine noch dazugeben
solle. Konnte mich aber nicht dazu entschlieen und bedachte lieber den
Antrag des Prucker Toni, eines stattlichen Hausbesitzerssohnes aus der
Nachbarschaft, der es trotz seiner jungen Jahre schon bis zum
Eisenbahnexpeditor gebracht hatte. Da er aber ebenso grob als energisch
war und nicht einmal seine Eltern achtete, frchtete ich, nichts zu
gewinnen, wenn ich das Haus meiner Mutter mit dem seinen vertauschte. Da
gefiel mir der sanfte und allzeit zuvorkommende dreiigjhrige
Hausbesitzer Hans Wipplinger, der sich leidenschaftlich um meine Hand
bewarb, schon besser. Bse Nachbarn aber wuten zu berichten, da er in
groen Geldnten sei und mit meinem Heiratsgut wohl die dritte Hypothek
seines Anwesens heimzahlen wolle.

Als der bereits sechzigjhrige Realittenbesitzer und Tndler Simon
Lampl hrte, da ich diesen Antrag ausgeschlagen hatte, erschien er
eines Tages in einem altmodischen, grnschillernden Gehrock und
Zylinderhut, um den Hals eine riesige, ehedem weie Binde und im
Knopfloch die Ehrenzeichen des Feldzuges von 1870 und hielt feierlich um
meine Hand an, indem er mir seine smtlichen Besitztmer: vier
vierstckige Huser mit Rckgebuden und gut vermieteten Lden, zwei
Baupltze bei Planegg, die gutgehende Tndlerei, die seit
siebenunddreiig Jahren bestehe und jhrlich ihre zwei bis dreitausend
Mark abwerfe, sowie hundertvierzigtausend Mark bares Geld, dessen Zins
er verzehren drfe, aufzhlte und mir die denkbar beste Behandlung
zusicherte. Doch lehnte ich seine Werbung hflich, aber entschieden ab,
da er mir einerseits doch nicht mehr jung genug schien, anderseits aber
trotz seines Reichtums als ein groer Geizhals verrufen war.

Aufgemuntert durch meine abschlgige Antwort auf den Antrag dieses Alten
wagte noch am selben Abend der blutjunge Hafnermeister Edmund Sack, dem
kurz nacheinander Vater und Mutter gestorben waren, mir in einem
anschaulichen Brief Herz und Hand anzubieten; doch kannte ich ihn viel
zu wenig, um ihm meine Zukunft anzuvertrauen, und dann hatte ich eine
ausgesprochene Abneigung gegen diese Loahmpatzer, die Ofensetzer. Da war
das edle Handwerk der Bcker doch appetitlicher, und ich hrte ganz
erbaut auf die salbungsvollen Worte des achtundfnfzigjhrigen
Feinbckers und Melbers Kanisius Dumler, mit denen er mich zur Herrin
ber sein Haus und seine Guglhopfe und Zuckerbretzln erkiesen wollte. Er
war schon seit zehn Jahren Witwer und bekleidete die ehrenvollen Posten
eines Armenrates, Kirchenbaurates, Distriktsvorstehers und
Rechnungsfhrers bei einem Kriegerverein. Auch war er einer von den
Auserwhlten unseres Pfarrers und durfte bei allen Prozessionen den
Himmel tragen. Sein kleines Haus war schuldenfrei, und das gute
Geschft, dem jetzt seine Schwester vorstand, sicherte ihm ein
behagliches Leben. Doch besa er einen schon zwanzigjhrigen Sohn, der
eben seine Militrzeit als Freiwilliger abdiente. Dieser Sohn aber, der
Ferdl, ein fescher Bursch und groer Tunichtgut, war nun die Ursache,
da ich dem Alten meine Hand versagte; denn ich sah den Jungen nicht
ungern. Von seiner Ausgelassenheit und den bermtigen Streichen, die
man ihm nachsagte, konnte ich nichts bemerken; vielmehr war er immer der
bescheidenste unter meinen Freiern geblieben. Stundenlang sa er da und
starrte mich wortlos und wie in Verzckung an, trank dabei seine zwlf
bis fnfzehn Glas Bier und schien auer mir nichts mehr zu hren und zu
sehen. Ja, er bersah und berhrte regelmig die Stunde, da er in der
Kaserne htte eintreffen sollen; und so kam es, da er eine Arreststrafe
um die andere meinethalben abzuben hatte. Schlielich bekam er eine
ganze Woche Mittelarrest zudiktiert, und whrend er in der Kaserne
brummte, fuhr eines Abends, da ich eben in der Schenke beschftigt war,
vor unserm Hause ein Wagen vor, dem ein sehr sorgfltig gekleideter
junger Mann, mit einem groen Strau Veilchen in der Hand, entstieg. Er
trat in die Wirtskche, und ehe ich mich noch von meinem Erstaunen
erholt hatte, hrte ich schon die Mutter in die Gaststube rufen: Josef,
geh, komm a bil raus! worauf die drei eifrig miteinander verhandelten.

Nach einer Weile kam der Vater zu mir in die Schenke und sagte unter
fterem Ruspern: Was i sagn will, Leni, der Hasler Benno is draun und
hat g'sagt, da er di heiratn mcht; du sollst dein Ausspruch toa, wiast
g'sonna bist. Jatz, vo mir aus ko'st es macha wiast magst; i red dir nix
ei und rat dir net ab!

Ich zhlte noch die eben begonnene Rolle Geldes fertig, rechnete mit der
Kellnerin ab und schenkte noch etliche Glas Bier ein, mich sorglich
zusammennehmend, da die Hand nicht zittere oder sonst eine Bewegung
ber mich Herr wrde. Dann ging ich, ohne dem Vater zu antworten, in die
Kche, wo der stattliche Bewerber sich sehr lebhaft mit der Mutter
unterhielt. Als er mich sah, sprang er von seinem Sitz, einem rohen,
blankgescheuerten Holzstuhl, auf, reichte mir die Hand und begann:
Liabs Fruln Leni, ich hab Sie lang beobacht und hab g'funden, da blo
Sie mi glcklich machen knnen. Wenn's Ihnen also recht ist, heiraten
wir; Ihre Eltern haben mich nicht abgewiesen.

Da ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort, indem er mir den Strau
gab: Ich mein's ehrlich mit Ihnen, Fruln Leni; ich hab's nicht ntig,
nach Geld zu schauen, ich heirat aus Liebe. Nehmen S' halt meine Lieb
auch freundlich an, wie die Blmerl und sagen S' ja!

Bei diesen letzten Worten hatte er mich wieder an der Hand gefat und
sah mich bittend an; dennoch antwortete ich zgernd und leise nur: I
will ma's berlegn; ds ko ma net so auf'n Augenblick sagn, ob ma oan
gern habn ko oder net!

Ja, bedenken Sie's noch, liebs Lenerl; Sie brauchn's nicht zu bereuen!
Ich bin der einzige Sohn, erb einmal das Haus mitsamt dem ganzen
Holzg'schft und vorlufig hab ich mein gutes Einkommen als Prokurist
des alten, feinen Hauses Protus Stuhlberger. Wenn Sie sich b'sonnen
haben und einschlagen wollen in mei Hand, so knnen wir bald Hochzeit
machen!

Meine Mutter hatte schon whrend der Rede des Freiers wiederholt das
Taschentuch an die Augen gedrckt und sich umstndlich geschneuzt; jetzt
aber zog sie mich laut aufschluchzend an ihre Brust und rief aus: So a
Glck, ha, so a Glck! I gunn dir's von Herzn Deandl; bist ja so a
richtigs und ordentlichs Madl und konnst'n glckli macha, den liabn
Herrn Hasler!

Dann schob sie mich von sich und drckte mich ganz fest an die Schulter
des freudig berraschten, der sofort die Arme ausbreitete und mich
zrtlich umfing. Dann bedankte er sich noch mit wohlgesetzten Worten bei
der Mutter und trat danach in die Gaststube, die Verlobung bei einer
Flasche Wein zu feiern.

Unterdessen hatten sich mehrere Leute an der Kchentr angesammelt, die
sich nach vorhandenen Abendspeisen erkundigen wollten, in der Erregung
des bedeutungsvollen Augenblicks aber ganz bersehen worden waren. Diese
Menschen waren die ersten, die mein bevorstehendes Glck inne wurden.

Was ma no z'essen ham, Frau Kugler? -- naa, so a Glck hat ds Madl! --
ja so, a Schnitzl, a Kottlett, a bachens Hirn, -- und nach Liab kon er
heiratn; Geld hat er selber gnua! -- a guats Kalbszngerl hab i aa no,
Frau Kugler! so ging der Redestrom ber die Lippen meiner hocherfreuten
Mutter.

Ich aber tat meine Arbeit wie zuvor und dachte blo, ob ich wohl ein
seidenes Brautkleid kriegen wrde.

Als dann in der Kche nichts mehr zu tun war, durfte ich mich auch an
den Tisch zu meinem Hochzeiter setzen, und nun sprachen wir ausfhrlich
ber die Bekanntgabe der Verlobung, ber meine Aussteuer und ber die
Zeit, wann wir heiraten wollten. Ich sagte zu allem ja, und auch meinem
Vater gefielen die Vorschlge seines zuknftigen Schwiegersohnes ganz
wohl. Nur als dieser wissen wollte, wie hoch die Brautgabe fr mich
ausfallen wrde, da rusperte er sich wieder verlegen und meinte dann:
Da mua d'Muatter aa dabei sei, wenn ma d'Geldangelegenheit bereden,
und er ging hinaus in die Kche. Doch die Mutter war schon zu Bett
gegangen und hatte nur durch die Kchenmagd sagen lassen, sie htte
Kopfweh. Also blieb die Geldfrage noch unbeantwortet.

Wir saen noch bis ein Uhr beisammen, und als mich jetzt der Benno ganz
leise an der Hand fate und mich mit seinen von Wein und Liebe
glnzenden Augen selig anblickte und nochmals fragte: Kannst mi a ganz
kloans Brckerl gern haben, Lenerl? kam er mir auf einmal recht schn
und liebenswert vor und alle meine Bedenken schwanden, und ich sagte
lachend, nachdem ich rasch ein Glas Wein hinuntergestrzt hatte: Ja,
ja! I wer dei Frau und mag di! und besiegelte das Versprechen spter
noch unter der Haustr, da ich ihn hinausgeleitete, mit einem laut
schallenden Ku, worber der Benno so beglckt war, da er beim
Fortgehen noch ganz verklrt hinter sich sah und auf den Randstein nicht
achtete, so da er auf ein Haar zu Fall gekommen wre. Ich aber schlug
rasch die Tre zu und mute beim Zusperren laut auflachen ber dies
Migeschick.

Doch dachte ich in der Nacht nicht weiter mehr ber das Erlebte nach,
sondern schlief ganz ruhig; und als am andern Tag durch einige
Ratschkathln die Sache in allen Milch- und Kramerlden herumgetragen
worden war und nun eine nach der andern kam, mir zu gratulieren, da
erschien mir diese Wichtigkeit so lcherlich, da ich am End ganz wild
wurde und keiner mehr eine Antwort gab.

Am Vormittag nun kam der Dumler Ferdl. Er hatte fr seinen Hauptmann
etwas besorgen mssen und wollte mir nun rasch einen Gru bringen; denn
ihm waren die acht Tage Arrest gar lang geworden.

Mit langen Schritten trat er in die Gaststube, und da er mich nicht sah,
strmte er in die Kche und rief: Guat Morgn, Zirngibimuatterl! Wo is's
Lenerl?

Ich stand wie angenagelt in dem kleinen, dunklen Speiskammerl und gab
keinen Laut von mir, so erschrak ich. Die Mutter aber begann mit groem
Pathos und feierlicher Miene, den Mnchner Dialekt mhsam zu einem
zierlichen Schriftdeutsch drechselnd: Ja, was, der Herr Ferdl! Mei Leni
mchtn S'? ... Is s' net da, mei Leni? ... Setzn S' Eahna doch a
wengerl, Herr Ferdl! I mua Eahna nmlich leider die freudige Mitteilung
machen, Herr Ferdl, da sich mei Leni gestern mit'n Herrn Hasler Benno
verlobt hat! Und in berschwenglichem Ton fuhr sie fort: Ja, ja, a
bravs, rechtschaffens Brgersmadl sucht a jeder! Aber es is ihr zum
gunna! Geltn's, Herr Ferdl, Sie gunna's ihr aa!

Aber der Herr Ferdl hrte schon lngst nicht mehr. Er war bei der
Mitteilung, da ich mich verlobt habe, aufgesprungen, hatte im
Gastzimmer hastig sein Glas Bier auf einen Zug geleert, der Kellnerin
ein Zwanzgerl hingeworfen und war auf und davon gegangen.

Ganz baff sah ihm die Mutter nach und begriff lange nicht, warum er so
rasch fortgelaufen war. Nun trat ich aus der Speis; da rief mir die
Mutter zu: Da bist ja! Warum gehst denn net zuawa? Jatz is er davo,
weilst net komma bist!

Naa, naa, Muatta! Deswegn is er net fort, rief ich nun eilig; dem
hockt er halt, weil er mi net kriagt hat; er htt mi ja gern g'heirat!

Der Rotzlffi! Is kaam trucka hinter die Ohrn! antwortete die Mutter
und ging in die Gaststube, kam aber sogleich wieder zurck und hielt
einen Brief in der Hand: Da schau her; der Hasler ladt uns ei fr heut
auf d'Nacht in Lwenbrukeller. Der Peuppus halt sein Abschied. Vo mir
aus konnst scho hingeh; i geh net mit.

Damit gab sie mir den Brief, den ich hocherfreut durchlas und dann die
Mutter lange bat, sie solle doch mitgehn. Endlich sagte sie zu.

Nun mute ich der Kchenmagd noch alles zeigen und ihr fr den Abend die
ntigen Weisungen geben. Ich tat dies am Nachmittag und versicherte mich
ihrer Gewissenhaftigkeit durch ein gutes, heimliches Trinkgeld.

Also machten wir uns gegen Abend fr das Konzert und den Hochzeiter
zurecht. Die Mutter lie es sich nicht nehmen, ihr Schwarzseidenes aus
dem unergrndlichen Eichenschrank zu holen und go eine Menge Patschouli
hinein, um den aufdringlichen Kampfergeruch ein wenig zu bertuben.
Dazu legte sie schwere goldene Armspangen und eine Menge Ringe an, tat
eine massive Goldkette um den Hals und steckte die feine Uhr mit der
altmodischen Kette zwischen die funkelnden Glasknpflein der nach Art
der Schneiderkleider ganz glatt gearbeiteten Taille. Danach setzte sie
ein kleines, mit einem reichen Stutzreiher versehenes Kapothtchen auf,
nahm den kostbaren Spitzenschal aus der Kommode und legte ihn um die
Schulter.

Also geschmckt trat sie nochmals vor den alten, vergoldeten Spiegel des
Schlafzimmers und besah sich. Da erblickte sie durch denselben mich in
meinem einfachen, blauen Tuchkleid und rief: A so willst vor dein
Hochzeiter hinsteh? Was fallt dir denn ei! Da er moana kannt, mir warn
Bettlleut!

Und eilig ffnete sie ihre Schmuckschatulle und behing mich mit einer
kstlichen Halskette aus Granaten und Perlen, tat mir statt meiner
kleinen Korallen schwere Perlgehnge in die Ohren und legte mir ein
breites, protziges Armband an. Dann nahm sie einen alten Siegelring aus
einem vergilbten Plschkstlein, steckte ihn an und gab mir dafr ein
mit Trkisen und Perlen besetztes Ringlein, das ihr mein seliger Vater
einst geschenkt hatte.

Den kannst glei b'haltn, meinte sie, an dem liegt mir nix.

Ich sagte ihr vielen Dank fr das Geschenk; denn es war das Einzige, was
von dem so furchtbar ums Leben Gekommenen noch vorhanden war. Ich hielt
das Ringlein hoch in Ehren und habe es nachmals, als das Schicksal mir
in meiner Ehe mein ganzes Hab und Gut nahm, unserer lieben Frau im
Herzogspital auf den Altar gelegt; denn ich htte es nicht ber mich
gebracht, es gleich den andern Kostbarkeiten dahingehen zu lassen.

In diesem reichen Aufputz begaben wir uns alsdann nach der Kche, wo der
sehr gewhlt gekleidete Freier schon mit einem prchtigen Strau roter
Rosen uns erwartete.

Als wir eintraten, sprang er von seinem Sitz auf und kte der Mutter
erst galant die Hand; dann gab er ihr die Blumen mit einer tiefen
Verbeugung: Nehmen S' die Rosen als Dank, da Sie mir heut die Ehr
geben, mitzukommen, werte Frau Mutter! Hierauf begrte er mich mit
einem flchtigen Ku ans Ohr, worber ich mich hchlich verwunderte, da
ich dergleichen weder in Geschichten gelesen, noch je selbst erlebt
hatte. Dann zog er ein weiseidenes Schchtelchen aus der Westentasche
und bergab es mir mit den Worten: Heut feiern wir Verlobung, und da
g'hrt sich's, da ich der Braut was schenk.

Erwartungsvoll ffnete ich das zierliche Kstlein; da blitzte mir ein
herrlicher Brillantring entgegen. Da ich dergleichen auch noch nicht
erlebt hatte, besann ich mich, was ich nun tun oder sagen sollte. Zum
Glck fiel mir die Stelle eines Romans ein, an der so etwas vorkam, und
ich machte es wie die Heldin des Buches: ich errtete, sah verwirrt zu
Boden und flsterte verliebt: Ah, wie herzig! doch in meine
gewhnliche, natrliche Art verfallend fuhr ich fort: Woat, Benno, so
viel Geld httst aber net ausgebn solln. Da werd si d'Muatta sch
o'strenga massn, da s' dir ds wieder ersetzt!

Aber da kam ich schn an bei der Mutter.

Ds war no ds besser! rief sie mit funkelnden Augen. Moanst, i hab
net scho lang g'sorgt, da d'dein Breitigam a anstndigs G'schenk gebn
konnst! Hier, Herr Hasler, is Eahna Verlobungsring; i hoff, da i net
schlecht ei'kaaft hab beim Thoma!

Und damit zog sie aus der Rocktasche ein rotes Plschetui und entnahm
demselben einen recht ansehnlichen Solitr; den gab sie mir, indem sie
mit vor Rhrung bebender Stimme sagte: Da, Leni, steck'n dein Herrn
Breitigam o; hoffentli pat er eahm!

Obgleich mir diese ganze Szene wie eine Komdie vorkam, tat ich doch der
Mutter ihren Willen und steckte meinem Verlobten den protzenhaften Ring
an den kleinen Finger, an den er gerade pate. Dann tat ich auch meinen
Brautring aus dem Schchtelchen und schmckte damit meine rechte Hand.

Nachdem wir noch rasch einige Worte mit dem Vater gewechselt hatten,
gingen wir. Doch an der nchsten Hausecke stand schon ein Wagen bereit,
und der Benno hie uns einsteigen, worauf wir nach den festlich
geschmckten Rumen des Lwenbrukellers fuhren.

Whrend des von einer schier zahllosen Menge besuchten Konzerts kam ich
nur wenig dazu, mich mit meinem Verlobten zu unterhalten; denn meine
Mutter schwatzte ihm so viel vor von meinen allseitigen Vorzgen und
guten Eigenschaften, da er vor Freude ber meine Tugenden ganz auf mich
selber verga. Ich sa einsam auf meinem Platz an der Wand und
betrachtete abwechselnd mein Brautringlein und das meines Vaters, oder
ich lie die Augen ber die lrmende Menge gleiten und besah mir die
vielen verliebten Mgdlein und ihre Herren, meist Unteroffiziere und
Soldaten in den verschiedensten Uniformen, bis mich endlich die Mutter
mit den Worten: So, Leni, jetzt gehn ma! aus meinen Trumen
aufschreckte.

Wieder nahm der Benno eine Droschke, und in rasselnder Fahrt ging's nach
Hause.

Daheim muten wir uns noch zu ihm an den Tisch setzen, und bald klangen
die Champagnerglser und ertnte das glockenhelle Lachen der Mutter. Der
Vater war an diesem Abend auch sehr aufgerumt und gab alle mglichen
Schnurren zum besten, wobei der vor Glck strahlende Hochzeiter ihn
eifrig untersttzte und an lustigen Einfllen fast bertraf.

Ehe wir uns trennten, wurde noch ausgemacht, da ich am andern Tag den
Eltern meines Brutigams vorgestellt werden sollte, und die Mutter bat
ihn, er mge daheim sagen, da sie sich schon sehr auf einen Besuch der
geschtzten Familie freue.

                   *       *       *       *       *

Mit nicht geringer Angst sah ich dieser Vorstellung entgegen und hatte
eine schlaflose Nacht. Doch verlief das Ganze, wenn auch ziemlich
zeremoniell, so doch recht gut, und es kam mir vor, als wollte eins das
andere berbieten an Zuvorkommenheit und herzlicher Freundschaft.

Der Vater meines Hochzeiters, ein noch sehr rstiger, hochgewachsener
Mann von etwa sechzig Jahren, fhrte mich erst in die altmodische
Wohnstube, die mich mit ihren sauberen Kattunbezgen ber den
behaglichen Polstermbeln und den vergilbten Stichen an den mit einer
groblumigen, verschossenen Tapete bekleideten Wnden und den freundlich
blhenden Geranien am Fenster sogleich anheimelte. Die Mutter aber
meinte, fr einen so liebwerten Gast msse man schon die gute Stube
aufsperren und lief dann eilig in die Kche, um nach dem Kaffee zu
schauen.

Sie war ein kleines, zusammengeschrumpftes Weiblein mit
glattgescheiteltem Haar ber der runzligen Stirn. Aus dem gelblichen,
furchigen Gesichtlein blickten ein paar wasserhelle Augen forschend
umher, und die rauhen, schwieligen Hnde erzhlten von rastloser Arbeit,
deren Segen man berall in Haus und Geschft wahrnehmen konnte.

Whrend die Frau Hasler geruschvoll in der Kche herumhantierte, sorgte
der Hausvater fr die Unterhaltung, und ich ward nun inne, da den
eigentlichen Grundstein zu dem Reichtum und gediegenen Ruf der Familie
die kleine Frau durch ihre Herkunft sowohl, als auch durch das
ansehnliche Kapital, das sie dem Mann in die Ehe gebracht, gelegt hatte.
Sie entstammte einer schon seit lnger denn einem Jahrhundert allerorts
als ehrsam und lauter bekannten Alt-Mnchner Kaufmannsfamilie und hatte
als vierundzwanzigjhrige Jungfrau dem als Schreiner im Elternhaus
ttigen, eben aus dem Feldzug zurckgekehrten Burschen ihre Hand
gegeben, unbekmmert darum, da er nur der Sohn einer drftigen, alten
Hebamme aus einem kleinen Dorf im Schwabenland war und auer einem Paar
nerviger Fuste und der Tapferkeitsmedaille nichts in die Ehe
einbrachte.

Und sie hatte es nicht zu bereuen gehabt, da sie dem heftigen
Widerstand ihrer stolzen Eltern zum Trotz den stattlichen,
dunkellockigen Hannes heiratete; denn er war ein heller Kopf und hatte
schon als Kind seine zehn Geschwister sowohl an Klugheit, wie auch an
Geschicklichkeit bertroffen. Sein Vater war schon in jungen Jahren zum
Brgermeister seines Orts gewhlt worden, da er eine sehr rechtliche,
gerade Natur und von mnniglich geschtzt war. Doch hatte der sonst so
frtreffliche Mann einen einzigen Fehler: er trank. Das wurde ihm und
der ganzen Familie zum Verhngnis; denn der Unglckliche ward von seiner
unseligen Leidenschaft bald so weit gebracht, da ihm kein Branntwein
mehr gengte und er nicht nur alle Balsam- und Painexpellerglser
leerte, sondern am Ende noch zum Petroleumkruge griff und
Hofmannstropfen flaschenweise trank. Es dauerte nicht lange, so verlor
er Amt und Wrden und endete zuletzt als kaum vierzigjhriger Mann
elendiglich in einem Schweinestall, darin er schon seit Monden hausen
mute, da er in seinem Rausche alles zerschlug und zerstrte, was ihm
unter die Hnde kam. Damals war der Hannes gerade zwlf Jahre alt
geworden, und es hie nun hinaus in die Welt und selber schauen, wie das
Brot am besten fr den Hunger ging. Also machte er sich mit vieren
seiner Geschwister auf und zog mit ihnen gen Mnchen, wo ein jedes bald
Arbeit fand. Die Mutter hatte zum guten Glck schon whrend ihrer
traurigen Ehe sich im Ort ein sicheres, wenn auch beschwerliches
Fortkommen geschaffen: sie war Kindlesfrau, so hie man die Hebammen,
geworden. Noch mit ihrem vollendeten neunzigsten Jahr hat sie ihrer
bedeutend jngeren Kollegin gar manche schwere Geburt abgenommen, und es
kam nicht selten vor, da ein Bauer stundenweit fuhr und die alte,
halbblinde Haslermutter holte, whrend in seinem Orte irgendeine
tchtige, junge Hebamme das Nachsehen hatte.

Indes der Hausvater mich also unterhielt und allmhlich immer mehr in
Wrme geraten war, kam die Frau wieder zu uns herein und bat uns in die
gute Stube zum Kaffee. Sie hatte sich inzwischen in Staat geworfen und
prangte in einem altmodischen Gewand aus starrer, violetter Seide, das
bei jeder Bewegung bald rtlich, bald grau schimmerte und dessen Jacke
mit vielen Rschen und langen Schen geziert war.

Mein Verlobter hatte sich fr diesen Nachmittag von seinem Herrn Urlaub
erbeten und kam nun gerade recht nach Hause, den Kaffee mit uns zu
trinken. Er nahm meinen Arm und fhrte mich in die Ehrenstube, deren
Mbel alle aus Kirschbaumholz gefertigt und mit dunklen Ornamenten
eingelegt waren. Die ganze Einrichtung stammte noch von den Eltern der
Frau Hasler, wie der Benno mir berichtete. Auf dem sauber gedeckten
Tisch standen zierliche Tassen und Kannen, deren eine jede in einem bunt
gemalten Kranz die goldene Inschrift trug: Lebe glcklich!

Wir tranken nun vergnglich Kaffee, und mein Verlobter sprach viel von
meinen guten Eigenschaften, von seiner schnen Stellung, seiner
gediegenen Herkunft und von baldigem, sicheren Eheglck. Dann brachte er
mich wieder nach Hause, nachdem ich mir noch das Versprechen der beiden
alten Leute hatte geben lassen, da sie uns am folgenden
Sonntagnachmittag mit ihrem Besuch beehren wrden.

Dies taten sie auch. Pnktlich um die angegebene Stunde fuhr ein Fiaker
am Hause vor und heraus sprang mein Hochzeiter und half seinen Eltern
beim Aussteigen.

Ich hatte schon vormittags genaue Weisung von der Mutter erhalten, wie
ich sie zu empfangen htte: also eilte ich geschwind von der Wirtskche
auf die Strae, reichte jedem die Hand und sagte: Guten Tag, Frau
Mutter und guten Tag, Herr Vater! Gr Gott, Herr Benno! Die Mutter
hlt's fr a groe Ehr, da S' uns die Freud machen und a Tass' Kaffee
bei uns trinkn. Bitt schn, kommen S' nur glei mit 'rauf in d'Wohnung,
d'Mutter is scho drobn!

Und nun fhrte ich alle drei nach der im ersten Stockwerk gelegenen, fr
den hohen Besuch frisch gestberten und geschmckten Wohnung, wo die
Mutter in ihrem nobelsten Aufputz aufgeregt durch alle Zimmer lief und
bald ein Deckerl anders legte, bald ein Stubchen wischte oder
umstndlich ihr Spiegelbild betrachtete.

Als sie uns kommen hrte, ging sie mit steifer Wrde auf die beiden
Alten zu, reichte ihnen mit ausgesucht hflicher Verbeugung die Hand und
sagte: Herr Hasler, Frau Hasler, ds freut mi! Derf i vorausgeh? Kommen
S' nur 'rei in Salon und nehman S' Platz! ... Herr Benno, mgn S' net
auf'n Divan hintre mit der Leni! Und geschftig rckte sie den Tisch
zur Seite und bot jedem seinen Platz an; dann trat sie unter die Tr und
rief: Rosl, an Kaffee 'rei! Nehman S' d silberne Plattn zum Kuchn!

Whrend sich nun eine lebhafte Unterhaltung ber die gleichgltigsten
Dinge entspann, betrachtete bald der Vater, bald die Mutter meines
Verlobten die protzige Einrichtung des Salons und sie wechselten von
Zeit zu Zeit verstohlen Blicke der Befriedigung; und als die Augen des
Alten auf das Klavier fielen, fragte er, wer darauf spiele. Die Mutter
sagte stolz: Mei' Leni kann's; i hab's ihr lerna lassn, da s'amal
ihren Mann unterhaltn ko. Geh, Leni, spiel deine zuknftign
Schwiegereltern oan auf! Vielleicht an Bienenhausmarsch oder 's
Glhwrmchenidyll, oder was die Herrschaften sonst gern hrn!

Ich setzte mich an das Instrument und spielte etliche Stcke, wie sie
mir gerade einfielen. Da ging die Tr auf und herein kam der Vater,
begrte die Familie Hasler und sagte: I hab der Kathi g'sagt, sie soll
d paar Halbe Bier hergebn, die jatz gehn, da i aa a bisl raufschaugn
ko zu d Herrschaftn ... No, wia steht's werte Befinden? -- Scheene Tag
hama allweil jatz. -- Warn S' scho auswrts heuer? -- Bei dem warma
Weeder macht a jeda a G'schft vo d auswrtign Wirt. -- Hast no an
Kaffee, Muatta?

Damit setzte er sich und begann von dem zu reden, was bis dahin ein
jedes wie auf Verabredung vermieden hatte, von unserer bevorstehenden
Heirat.

Ds hat si ganz unverhofft g'schickt! meinte er, zu dem alten Hasler
gewendet. Mir ham's glei gar net glaabn knna, da ma d'Leni wirkli
scho herlassn solln.

Ja, ds is wahr; fiel ihm die Mutter ins Wort, so geht's zua in der
Welt! Will ma selber no net zu d Alten g'hrn, derweil hat ma scho
heiratsfhige Kinder!

Oho! rief da der Benno. Jetzt mcht gar d'Frau Zirngibl aa schon vom
Alter redn und schaut aus, wie a eiserne Venus, so g'sund und so sauber.
Der Zirngiblvater kann stolz sei auf so a Frau!

Geschmeichelt lchelte die Mutter, und auch der Vater hrte diese
Lobrede wohlgefllig an. Die alten Haslerleute aber warfen ihrem Sohn
halb rgerliche, halb verlegene Blicke zu, und es entstand eine kleine
Pause, die ich rasch bentzte, den Benno zu mir an ein kleines Tischlein
zu ziehen, wo ich meine Erinnerungen und Andenken aus der Klosterzeit
aus einem kleinen Kstlein kramte. Dabei fielen meinem Verlobten etliche
Briefe und Karten auf, die smtlich die Adresse trugen: An die Jungfrau
Magdalena Christ, Kandidatin bei den Josefschwestern zu Brenberg.

Auf seine Frage, ob die Briefe einer Freundin gehrten, erwiderte ich
ihm: Naa, naa! Ds san lauter Briaf an mi!

Erstaunt sah er mich an, und auch am Tisch wurde man aufmerksam, so da
ich mich an die Mutter wandte: Denkn S' Eahna, Mutter, der Benno woa
net amal mein rechtn Namen!

Mit hochrotem Kopf sa die Mutter da, und Zorn und Verlegenheit kmpften
sichtbar auf ihrem Gesicht, whrend sie zgernd sagte: Ja, mei lieber
Gott! Ds wissen d wenigsten Leut, was fr a Unglck mi scho in meine
jungen Jahr troffn hat; ds erzhlt ma net so mir nix, dir nix an jeden,
der daher kommt!

Sie konnte nicht mehr weiter reden; ein heftiges Schluchzen erschtterte
ihren Krper, whrend sie von Zeit zu Zeit einen wtenden Blick zu mir
hinberwarf. Die Familie Hasler aber sa starr und stumm da und blickte
fragend von einem zum andern.

Da ergriff der Vater rasch das Wort und sagte: Da brauchst net z'woana,
Muatta; deswegn is dir aa no koa Perl aus da Kro' g'falln. Und was
d'Erziehung und ds ander betrifft, hat si no nie nix g'feit. A jeder ko
froh sei, wann er so a Madl zum Heiratn kriagt!

Erst jetzt begriffen die Haslerischen den Sachverhalt, und die Frau rief
mit klglicher Stimme: Ja, was is denn net ds! Na is also d'Leni gar
net von Eahna, Herr Zirngibl?

Naa. Der Leni ihra Vata is damals bei dem groen Schiffsunglck, wo d
englischn Hund den scheena Dampfer Cimbria a so o'gfahrn ham, da'n glei
da Deixl g'holt hat und d'Leut allsam dasuffa san, aa dabei g'wen. Der
hat sein Ruah! Und da hab halt i d'Muatta g'heirat.

Schweigend hatten alle zugehrt, und endlich begann der alte Hasler: No
ja; in Gott's Nam'! Sell isch au di g'fhrlichscht Snd no nit, da e so
e saubre Frau amal was Kloins kriagt! Im brige ischt's mir ja ganz
gleich, ob's Mdle lediger Weis' isch dag'wesa oder von der Eh;
d'Hauptsach isch halt, da sie e aaschtndige Mitgift ei'bringt!

Jetzt hatte sich auch die Mutter wieder erholt und schilderte nun in
beweglichen Worten, wie sie mich ausstatten wolle und da sie jederzeit
da wre, wenn's einmal drauf ankme. Der Vater aber sagte kurz: Zwegn
der Mitgift braucht koa Hochzeiter a Sorg z'habn. D'Leni hat bei
drei'gtausend Mark Muatterguat und vo ihran Vatern achtausend Mark
ausg'machts Geld auf der Bank. Und wenn amal d'Not an sie kam, na war
allweil i aa no da; vorlufig kann i ihr allerdings vo mir no nix gebn;
ds steckt alls im G'schft drin.

Whrend dieser Rede war die Wolke, die unheildrohend auf der Stirn der
alten Haslerin gestanden, von ihr gewichen und das sonnigste Lcheln lag
auf ihrem Gesicht. Auch der Herr Hasler rieb sich vergnglich die
Daumenballen und sagte blo: Scheen, guat, isch ja sehr aagenehm!

Der Benno aber, der zuvor, als meine Abkunft an den Tag kam, sich auf
einen von mir ziemlich entfernten Stuhl gesetzt hatte, kam jetzt mit
zrtlicher Miene auf mich zu und sagte, indem er mich um die Hfte nahm,
leise: Du glaabst gar net, Lenerl, wie gern i di hab!

Und in heiteren Gesprchen verflo die Zeit, bis die Mutter um fnf Uhr
zum Vater sagte: Josef, jatz werd's Zeit ins G'schft!

Da brachen die Haslerischen auch auf und empfahlen sich mit groer
Hflichkeit.

Nun war ich also Bennos Braut und lebte im brigen wie zuvor.






Die Hochzeit war auf den Herbst festgesetzt worden, und der Benno eilte
mit viel Flei von Amt zu Amt, um die zur Heirat notwendigen
Schriftstcke zusammenzubringen. Der alte Hasler kndigte einer schon
lange Jahre in seinem Haus wohnenden alten Jungfer die Wohnung und lie
viel Arbeitsleute kommen. Die Wnde wurden tapeziert, die Bden frisch
lackiert; in die Kche kam ein neuer Herd und in die Kammer daneben ein
Bad. Die Frau Hasler stand bei grter Sommerhitze auf der Altane und
fllte Kissen und Betten mit Flaum und zeigte den Nachbarn die Gre der
mtterlichen Liebe, die nicht blo zusieht, wie das Kind, das nun dem
Nest entflogen, sich in der neuen Lebenslage zurechtfindet, sondern die
in Beherzigung des Wortes Wer sich gut bettet, liegt gut sorglich ihr
Teil dazu beitrgt, da dessen Lebensbett ein lindes werde.

Mein Vater lie den Schreiner kommen und bestellte die Mbel, nachdem er
sich die fr uns bestimmte Wohnung angesehen hatte. Alles sollte
altdeutsch werden, und die Schrnke sollten Spiegel haben und ein jedes
Stck noch einen Muschelaufsatz. Der alte Tapezierer Fnffler mute fr
die Polster sorgen und den Divan samt den Sthlen nebst einem kleinen
Kanapee anfertigen.

Die Mutter aber lief zum Nachbar Glaser und erstand das Neueste an
buntem Porzellan, an irdenem Geschirr und Glsern.

Dann kam der Tag, an dem sie ging, das Brautkleid einzukaufen. Da mute
ich zur alten Haslerin und diese bitten, da sie uns die Liebe tt und
mitginge, den Stoff zu kaufen, was sie mir versprach.

Also machten sie sich auf den Weg, eine jede starrend in Seide und
blitzend im Schmuck der Nadeln, Ringe und Spangen, die an Glanz
wetteiferten mit den langen Perlenfransen der Mantillen und
Kapothtchen.

Erst spt abends kamen sie heim, und ich vernahm, da nun alles
eingekauft sei, dessen ich als Braut bedrfe, um zu glnzen. Ich
erschrak beinahe, als ich von der Mutter hrte, da mein Brautkleid von
Seide wre und der Zeug allein schon mehr denn hundertfnfzig Mark
gekostet htte. Ich verga darber ganz und gar den Dank, so da die
Mutter sehr entrstet ward und rief: Woat net, was si g'hrt, du
Hackstock? Gibt ma so viel Geld aus fr ds G'stell und kriagt net amal
an Danksch' dafr!

Da kam ich erst wieder ein wenig zu mir und sagte halblaut: Dank sch,
Mutter, so was htt's net braucht.

So, ds htt's net braucht! Moanst vielleicht, i la mi lumpn und
oschaugn von d Haslerischen? Hab's scho g'sehgn, wie s' d'Letschn hat
hnga lassn, weil i z'erscht g'moant hab, a Schlepp war net notwendi;
aber jatz hab i so viel kaaft, da d'an meterlanga Schwoaf hint
nachiziagst!

Ich wute nicht viel darauf zu antworten und empfand im Grunde wenig
Freude ber den Prunk, in den man mich stecken wollte. Als ich jedoch
nachher das schwere, glnzende Gewebe sah, regte sich meine Eitelkeit
doch, und ich dachte, wie die in der Nachbarschaft wohl schauen wrden,
wenn sie mich in dieser Pracht erblickten. Ich trug den Stoff alsbald
zur Nhterin, die mir einen Arm voll Modebltter mit nach Hause gab zur
Durchsicht, damit wir whlten, was uns gefiele. Ich suchte mir ein sehr
einfaches Bild zum Muster aus und bat die Mutter, sie mchte das Gewand
nach diesem machen lassen, was sie mir zusagte.

So waren die Tage der Brautzeit immer mehr ihrem Ende zugegangen, und es
war nun an uns, zum Pfarrer zu gehen, das Stuhlfest zu feiern.

Also meldete mein Verlobter an einem Oktobersonntag nach dem
Gottesdienst in der Sakristei unserer Pfarrkirche dem alten einugigen
Mener, da wir am nchsten Tage zum Herrn Pfarrer kmen, damit er uns
in allem unterweise, was fr den Stand der christlichen Ehe von Nutz und
Frommen sei.

Hand in Hand schritten wir denn andern Tags gegen elf Uhr mit klopfendem
Herzen durch die Straen und zgernd stiegen wir im Pfarrhause die
breite Treppe hinauf zur Tr, hinter der ein wirres Durcheinander von
Kinderstimmen zu hren war. Im gleichen Augenblick strmten etwa zehn
Schulkinder jubelnd und lrmend aus der Wohnung und schwangen im Triumph
bunte Heiligenbilder, die sie gewi als Lohn fr gute Antworten in der
Religionslehre erhalten hatten. Hinter ihnen erschien lchelnd der noch
ziemlich junge Pfarrer und mahnte: Kinder, tut's sch stad sei; pfat
euch Gott und tut si koans derfalln! So, pfat Gott, so!

Da erblickte er uns: So, so! ... Gr Gott, Leutln! ... So, geht's nur
glei da rei; so ... Ja, jetz san ma also da, so ... So, sitzt's euch nur
glei da her, so!

Und sorglich fhrte er uns zu einer Fensternische, die eigens zu dem
Zweck, der uns hingefhrt, gemacht schien. Ein kleiner Sammetdivan stand
in der Ecke, darauf wir Platz nahmen; vor uns ein Tischlein, auf dem
nichts als ein kleines Buch lag. Davor stand ein bequemer Armstuhl, der
fr den Priester bestimmt war.

Da saen wir nun mit seltsam bewegtem Gemt. Ein leichter Duft von
Weihrauch umgab uns; die Sonne schimmerte durch die groen Glasbilder,
die an den Fenstern hingen, und lie die reichen Blumenstcke bald in
blulichem, bald rotem Licht erglnzen. Auch zu dem blassen Herrgott,
der an einem hohen Kruzifix aus schwarzem Holze hing, huschte einer von
den roten Strahlen und gab dem Gottessohn ein Kleines seiner Wrme und
beinahe einen Hauch von Leben.

Stumm blickte ich bald auf den Pfarrer, bald auf die lebensgroe Statue
des Jesukindes, die zwischen Blumen und Kerzen in einer Ecke stand. Dann
schielte ich verstohlen hin zum Benno: der sa etwas gebeugt und Trnen
rannen ihm ber sein Gesicht.

Nun begann der Priester seine Lehre: erst gab er uns den Segen, dann
fhrte er uns im Geist zurck zu den ersten Menschen, zur ersten Ehe im
Paradiese; hierauf gab er uns alle jene Mahnungen und guten Lehren,
deren junge Eheleute bedrfen. Vor allem aber bat er uns, die Tage vor
der Trauung nichts zu tun, was gegen Sittsamkeit verstoe, und in der
Ehe Gottes Segen nicht durch Anwendung von irgendwelchen Schutzmitteln
freventlich zu hemmen oder zu vermindern; denn das sei ja der Kern der
Ehe, da die Welt durch sie bevlkert bleibe. Nach diesen Unterweisungen
fragte er den Benno: Also, Herr Hasler, nachher kannt ma am Sonntag
scho zum erstenmal verknden, so, und nachher setz' ma glei die Trauung
fest. Wie moanatn S', Herr Hasler, wenn ma den zwoatn Deanstag im
November nahm?

Mein Hochzeiter, der whrend der Ansprache des Herrn Pfarrers wiederholt
in Schluchzen ausgebrochen war, trocknete nun seine Trnen und
erwiderte: Jawohl, Herr Hochwrden; am zweiten Dienstag im November is
uns scho recht. Aber i mcht halt bitten um a g'sungene Mess' und da
uns halt der hochwrdige Herr Pfarrer d'Liab tt, selber die Trauung
z'machen. Es wr halt a recht groe Ehr fr uns, und auch der Vater
moant, es wr viel feierlicher, wenn der Herr Hochwrden d'Traumess'
haltet.

Der Pfarrer sagte ihm dies zu, und nachdem er uns noch aufgetragen
hatte, den Tag vor der Hochzeit eine Lebensbeichte abzulegen und am
Hochzeitsmorgen noch die Kommunion zu empfangen, gab er uns den Segen
und geleitete uns dann bis zur Gangtr.

Wie von einer groen Last befreit, atmete ich auf, als wir drauen
waren, und bermtig sprang ich die Stiegen hinab und auf die Strae.
Der Benno aber war sehr ernst und schttelte den Kopf, als er meine
Ausgelassenheit sah, und whrend ich mit tnzelnden Schritten und
lebhaftem Geplauder dahineilte, schritt er beinahe bedrckt neben mir
her und sah mich schweigend an. Da schob ich lachend meinen Arm in den
seinen und rief: Juhu, g'heirat werd! Da derf i mit der Scheesn fahrn
und hab an Schlepp und a seidens G'wand, juhu!

                   *       *       *       *       *

Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstage kamen die Handwerksleute und
meldeten, da sie mit allem, was ihnen aufgetragen worden, fertig seien.

Also muten nun die Mbel in die fr uns bereitete Wohnung gebracht
werden, und ich erbat mir deshalb von der Mutter die Erlaubnis, etliche
Tage vom Geschft wegbleiben zu drfen. Da stie ich zum erstenmal seit
langem wieder auf heftigen Widerstand, und die Mutter begann zu fluchen
und zu schelten und machte mir die grbsten Vorwrfe, da ich jetzt, wo
ich endlich etwas taugte, heiratete.

Und i leid's einfach net, da d'gehst! Ds war ds rechte! I kannt mi
dahoam darenna vor lauter Arbat und d gndi Fruln laafat furt und tat
d'Wohnung eirichtn. Sag's nur d Haslerischen! D ham mehra Zeit wie
mir; d solln si um d'Wohnung kmmern! I mua alles zahln, drum verlang
i aa, da d'dafr arbatst!

Ratlos schlich ich davon und besorgte, es mchte der Tag meiner Hochzeit
kommen und ich htte nichts gerichtet, worin wir wohnen und schlafen
knnten. In meiner Not ging ich zum Vater und bat ihn um seine Frbitte,
und nun konnte ich wenigstens fr einen Tag Urlaub bekommen.

Ich ging also in aller Frh schon fort und trat bei der Familie Hasler
eben in dem Augenblick in die Stube, als der Benno seinen Hut vom Nagel
nahm und in das Geschft wollte. Als ich berichtete, wie schwer ich von
zu Hause fortgekommen sei, meinte er: Da mu i glei dahoam bleibn, da
ma heut no ferti wer'n; i mcht net habn, da dei Mutter harb werd.

Also blieb er bei mir, und wir begannen sogleich unsere Arbeit. Erst
stellten wir alles das auf, was in die Schlafstube gehrte, wobei wir
beinahe in Streit gekommen wren, da der Benno haben wollte, wir sollten
die beiden Betten zusammenrcken, ich sie aber gern getrennt gehabt
htte. Doch gab ich endlich nach, nachdem mich mein Verlobter auf die
Worte des Pfarrers: Das Weib mu dem Mann gehorchen hingewiesen hatte.

Gegen Mittag hatten wir ein Zimmer fertig, und ich wollte nun nach Hause
gehen zum Essen; doch gaben die alten Haslerleute keine Ruhe, bis ich
blieb.

Nachmittags rumten wir dann die Wohnstube ein; doch kamen wir zu keinem
Ende, da ein jedes die Dinge nach seinem Kopf gestellt haben wollte.
Daher lie ich den Benno bei seiner Arbeit allein und ging in die Kche,
wo Geschirr und Bilder, Mbel und Nippsachen, Spiegel und Stellagen bunt
durcheinander standen und lagen.

Nach wenig Stunden wurde es dunkel, und ich war noch nicht einmal zur
Hlfte fertig mit meiner Arbeit. Da kam mit einemmal eine groe
Traurigkeit ber mich, und ich setzte mich in einer Ecke auf einen
kleinen Hocker und begann zu weinen. Die Unordnung ringsum bedrckte
mich, und alles kam mir so fremd und unwirtlich vor und ich empfand
pltzlich eine groe Furcht vor dem Heiraten.

Whrenddem war es ganz finster geworden, und ich stand auf und ging in
die Stube, wo ich den Benno gelassen hatte. Da war sie leer. Ich ging in
das Schlafzimmer, doch auch da fand ich ihn nicht. Nun wollte ich
hinuntergehen zu den Eltern Bennos; da fand ich die Wohnungstr
verschlossen und war also eingesperrt. Ratlos stand ich da und wute
nicht, was ich beginnen sollte. Es fiel mir nicht ein, da ich ja nur
ein Fenster zu ffnen brauchte und auf die Strae zu rufen; vielmehr
ging ich wieder zurck in die Schlafstube, legte mich auf ein Bett und
weinte bitterlich. Da hrte ich aufsperren, und es kam der alte Hasler
mit einem Licht und wollte sich unser Werk beschauen. Er erschrak gar
sehr, als er mich so trostlos hier fand, und ich erfuhr nun, da der
Benno geglaubt hatte, ich sei im Zorn fortgelaufen, und er hatte deshalb
gar nicht weiter nach mir gesehen.

Als ich daher mit dem alten Hasler eine Weile spter drunten in die
Wohnstube trat, war groe Freude ber den guten Ausgang dieser
Geschichte.

Spt abends brachte der Benno mich nachhause und bat die Mutter, sie
mge mich doch noch einen oder zwei Tage fort lassen.

Mit ssauerem Lcheln erwiderte sie: Ja, ja, sie kann scho geh vo mir
aus; jatz mu i mi alleweil scho dro g'whna, ohne Hilf z'sei. Ds is
scho was alt's, da d'Kinder, wann s' oan gnua kost' ham, davolaafn und
heiratn!

Wir bedankten uns fr die Erlaubnis, und am andern Morgen machte ich
mich wieder auf den Weg, ohne vorher etwas zu essen. Als ich daher von
der Frau Hasler zum Kaffee geladen wurde, nahm ich dies gern an, sagte
aber, da ich mittags heim ginge; denn ich befrchtete, es mchte ihr zu
viel werden.

Der Benno war schon in aller Frh zu seinem Herrn ins Geschft gegangen,
ihn um Urlaub zu bitten, bis wir eingerichtet wren. Nun kam er, und wir
begannen wieder unsere Arbeit. Es ging uns jetzt alles gut von statten,
da ich zu mde war, um noch lnger zu streiten, und mir vorgenommen
hatte, nach der Hochzeit doch alles so zu richten, wie es mir gefiel.

Am Mittag wollte ich dann heimgehen, vorher aber gab es noch ein kleines
Unglck.

Mein Hochzeiter war ber unsere Arbeit so erfreut, da er mich mit einem
Male um die Hften fate, mit mir in der Stube herumtanzte und am Ende
mich in die Hhe hob und auf den Divan fallen lie. Ich hatte schon
whrend des Aufhebens heftig gezappelt und kugelte nun beim Fallen vom
Divan herab und gerade hinein in einen schnen, groen Spiegel, den ich
kurz zuvor darangelehnt hatte. Er ging in Scherben, und es kostete mich
nicht geringe Mhe, aus dem Rahmen, in dem ich sa, herauszukommen. Die
Holzwand war durchgebrochen und die beiden goldenen Amoretten, welche
den Rahmen zierten, standen nun auf meinem Rcken und hielten mit Anmut
das goldene Wappen. Der Benno war erst wie erstarrt; als ich aber unter
groem Jammer begann, mich von der unbequemen Einrahmung zu befreien,
brach er in so lautes Gelchter aus, da ich in heftigsten Zorn geriet
und schwur, ich wrde ihm den ganzen Spiegel an den Kopf werfen, wenn
ich nur erst herauen wr. Zum Glck hatte ich keine Verletzung
davongetragen, und als mir der Benno herausgeholfen hatte und sich nun
selbst hineinsetzte, um mir das komische Bild zu zeigen, da mute auch
ich lachen. Die alte Haslermutter freilich war sehr erschrocken, als
sie's vernahm, und prophezeite uns, da wir nun sieben Jahre kein Glck
htten, worber ich wieder hellauf lachen mute. Ob nicht doch ein
Krnlein Wahrheit in dem Worte lag?

Mein Verlobter begleitete mich heim und trat gleich in das Gastzimmer,
um rasch ein Glas Bier zu trinken; ich aber ging in die Kche. Als ich
die Mutter grte, dankte sie mir nicht und fragte nur: Was willst?

Ich sagte, da ich zwar zum Essen geladen worden wre, es aber
ausgeschlagen htte. Da schrie sie: Also was z'essen mchst! Sonst
fallt dir nix ei! Ds war no ds schnere; an ganzn Tag rum z'vagiern
und dahoam 's Essen z'verlangn! Nix da! Wannst net bei mir arbatst, hast
aa nix z'fordern von mir. La di nur von d Haslerischen fuattern!

Ich gab ihr keine Antwort mehr darauf, sondern lief in die Gaststube und
sagte mit vor Erregung heiserer Stimme zum Benno: Komm, gehn ma!
Rasch!

Auf der Strae erst erzhlte ich dem aufs hchste Erstaunten und
Erbitterten den Vorfall.

Als wir nachher bei seinen Eltern zu Tisch saen und ihnen berichtet
hatten, wie es mir ergangen, da meinte der alte Hasler: So was isch
aber do scho ganz aus dr Weis'! Da mgscht ja glei e Narr wera! Was ha i
dr g'sagt, Benno; da hascht es jetzt. I ha's ja allweil g'sagt: e Mdla
aus'm Gaschtlokal isch e Stckle vom a Saustall! Jetzt ka'scht luadrige
Tag grad gnua kriege. Am brvschte wr's halt, wenn d'heut auf d'Nacht
hi'fahrn ttsch' und alls rckgngig mache!

Da sprang der Benno auf und schrie berlaut: So! Was fallt dir denn ei,
Vater! Was kann denn 's Madl dafr, da s' so a narrische Muatta hat!
Naa, so viel Ehrenmann bin i allweil no, da i woa, was si g'hrt! I
heirat, und geht's wie's mag!

Nun mischte sich auch die alte Mutter in das Gesprch: Gar so unrecht
kann i ja der Frau Zirngibl net gebn, Vater; du mut allweil bedenkn,
da d'Leni ledi is!

Ja, ledig, dies isch scho recht; aber 's Fressa braucht ma au em ledige
Kind it vorz'werfe! ...

Mitten im Reden brach er ab und sah auf mich. Ich war vllig ohne alle
Fassung dagesessen und groe Trnen rannen mir ber die Wangen; doch
sagte ich kein Wort und stand nur nach einer Weile auf und ging wieder
in mein werdendes Heim. Dort setzte ich mich neben dem zerbrochenen
Spiegel auf einen Stuhl und bedachte zum erstenmal den Schritt, den ich
mit meiner Heirat zu tun im Begriff stand. Ich sah jetzt ein, da ich
von den Schwiegereltern nicht viel Liebe zu erwarten hatte; da mein
Gatte heute fr mich eintrat, gab mir nicht die sichere Gewhr, da dies
auch morgen noch geschehe; da ich aber trotzdem nicht mehr zurcktreten
durfte, wenn ich nicht der grbsten Schmhungen von seiten meiner Mutter
gewrtig sein wollte, stand fest bei mir. Es bedrckte mich zwar das
rauhe Wesen meiner Mutter, doch mehr noch ngstigte mich das unbekannte
und doch naheliegende Schicksal, das mich in meiner Ehe erwartete.

In dieser trben Stimmung begab ich mich ins Schlafzimmer, wo ein groes
Bild der Mutter Gottes hing. Dort setzte ich mich auf den Rand eines
Bettes und redete mit dem Bild: Liabe Muatta Gottes, hilf mir do in
dera Angst. La mi net z'grund geh; sag's dein Sohn, da er's recht
macht!

Da tnte die Klingel der Haustr, und es kam mein Verlobter. Wir
sprachen nichts mehr ber das Vorgefallene und arbeiteten den ganzen
Nachmittag fleiig. Abends gegen sechs Uhr wollte ich aufhren, doch
hatte ich mir vorgenommen, nicht heimzugehen, sondern in einem der neuen
Betten zu schlafen. Ich sagte dies dem Benno, und er meinte auch, da es
besser wre, wenn ich heute nicht heimginge. Also bereitete ich mir noch
eins der Betten fr die Nacht. Als es nun so frisch gerichtet war,
meinte mein Verlobter, ich sollte es doch einmal mit ihm probieren, wie
sich's in den neuen Betten schlafe. Ich aber wies ihn streng zurecht und
gab trotz der Versicherung, da wir es ja leicht noch beichten knnten,
nicht nach. Schmollend ging er hinaus und nahm mir meine Weigerung recht
bel. Vielleicht trug er auch einen Groll gegen die kirchlichen
Ehegesetze in sich, weil sie dem Mann nicht auch in diesem Fall die
Durchsetzung seines Willens gestatteten.

Da ich befrchtete, er knne sein Begehren, wenn ich da schliefe, noch
strmischer wiederholen, so machte ich mich bald auf den Heimweg.

Als ich in die Kche trat, sagte mir unsere Magd, da die Nhterin
soeben mit der Mutter in der Wohnung droben sei; sie htte das
Brautkleid gebracht. Ich konnte aber keine Freude darber empfinden, und
nicht einmal die Erzhlung des Mdchens, da das Kleid eine lange
Schleppe habe, bereitete mir Vergngen. Mimutig schnitt ich mir ein
Stcklein Wurst ab und a, ohne mich zu setzen.

Da kam die Schneiderin mit der Mutter herein und rief, als sie mich
erblickte: Ah, da is ja d'Fruln Leni scho! Jetz kannt ma glei no
schaun, ob's Brautkleid aa pat! Und ich mute mit ihr in die Wohnung
hinaufgehen und das Gewand anziehen. Es sah recht nobel aus, doch pate
es nicht gut und war der Kragen viel zu eng. Ich bat sie daher, das
Kleid wieder mitzunehmen und zu richten, was sie auch tat.

Als ich nachher wieder hinunter kam, war der Benno gekommen und sa mit
etlichen seiner Freunde in der Gaststube, gerade dem Fenster gegenber,
aus dem man die Speisen in die Stube langte. Er grte mich freundlich
und winkte mir zu, aber ich ging nicht hinein, sondern setzte mich an
die Anricht und begann fr den kommenden Tag Gemse zu putzen. Die
Mutter sa nahe bei dem Ausgang, der in die Schenke fhrte, und hatte
eine Zeitung in der Hand, doch las sie nichts und blickte von Zeit zu
Zeit zornig auf mich. Mit einem Mal sprang sie auf und schrie mich an:
Du unverschmts Frauenzimmer, woat net, was si g'hrt? Hast du koan
Dank fr dei Mutter? Moanst leicht, i war dir's schuldi, da i dir a
seidas hab kaaft!

Ich blickte sie erschrocken an und wollte eben erwidern, da ich es ja
noch gar nicht htte, da fuhr die Mutter aufs neue heraus: Umanander
renna, d'Gndige spieln und dabei d'Letschn hnga lassn, ds kann's;
aber dir treib i's aus, du Herrgottsakramenter! Und ehe ich mich
versah, hatte sie den Schrhaken ergriffen und mir denselben etliche
Male um die Schultern geschlagen.

Ich sprang auf und rief: Aber Mutter! Denkn S' doch, da i Braut bin!

Da kam sie in eine furchtbare Wut; sie fate mich an den Haaren und ri
mich herum, gab mir etliche Ohrfeigen und stie mich schlielich mit dem
Schrei: Geh nei zu dein Kerl, G'stell, verfluchts! Moanst vielleicht, i
frcht mi vor dem Brscherl! in die Gaststube hinein.

Da sprang mein Verlobter auf, strzte in die Kche hinaus und schrie:
Frau Zirngibl, ds is a Saustall, wie Sie mit meiner Braut umgehn!
Schamen S' Eahna! Sie fhrn Eahna ja auf wie a Zigeunerin!

Mein Vater hatte mich, als ich so in die Stube flog, sogleich beim Arm
gefat und trat nun mit mir in die Kche, als eben der Benno so laut das
Benehmen der Mutter geielte. Und als die Mutter gerade wieder begann zu
toben, rief der Vater dazwischen: Was is denn ds fr a Wirtschaft!
Kannst di jatz du gar net a weng eischrnka, Muatta?

Der Benno aber fluchte und rief: Ds war ma ds Rechte! Sofort mu ma
d'Leni aus'm Haus! Koa Minutn la i's mehr bei so ana Megrn! Ds war d
recht Zigeunerwirtschaft!

Aber die Mutter fuhr ihn an: 's Maul halten, Rotzlffel! D bleibt ma
da! Und wann's ma net pat, na derf s' ma aa net heiratn! Ds kannt enk
passen, scho vor der Trauung z'ammz'hocka in Konkubinat! Sie san a ganz
a feiner, Sie Rotzer! Moanen S' vielleicht, i kriag koan andern
Schwiegersohn mehr als Eahna? Da brennan S' Eahna! I ko mei Tochter
gebn, wem i will, verstanden!

In maloser Wut hatte der Benno bei diesen Schmhungen gestampft und
geflucht, jetzt aber fate er mich rauh am Arm und schrie: Marsch, du
gehst ma sofort aus dem Haus, wannst willst, da i di heirat!

Da trat der Vater abermals dazwischen, drckte die Mutter auf einen
Stuhl, schob den Benno in die Gaststube und schickte mich zu Bett; dazu
sagte er blo mit seltsam bewegter Stimme: Bringt's mi do net um alles!
Mei ganz' Renomee is beim Teufl durch enkern Saustall; seids g'scheit
und ht's enker Zung! Geh Benno, gib aa wieder an Fried!

Grollend ging der Benno wieder in die Stube, die Mutter machte einen
kleinen Spaziergang in den Hof und ich ging zu Bett.

Am andern Tag schien alles wieder gut zu sein, und ich machte mich auf
den Weg, meine Wohnung vollends zu richten.

Das war drei Tage vor meiner Hochzeit. Es gab immer noch viel zu tun,
wenn ich alles gut instand setzen wollte, und ich arbeitete ohne Rast
bis zum spten Nachmittag.

Als ich endlich fertig war, richtete ich noch die fen her, da ich sie
beim Einzug nur anzuznden brauchte. Dann eilte ich heim, ohne noch zu
den Haslerischen zu gehen; denn ich schmte mich sehr wegen der
traurigen Szene am Tag vorher.

Als ich heimkam, trat ich mit freundlichem Gru in die Kche und sagte:
So, jetz bin i ferti. Wenn S' vielleicht Lust htten, Mutter, da Sie's
Eahna anschaun mchtn, tat's mi freun!

Ich bekam keine Antwort und wute also, da ich, wenn nicht abermals
etwas Unliebsames vorkommen sollte, gehen mute. Daher sagte ich blo
noch: Gut Nacht! und ging dann zu Bett.

Am andern Tag wollte ich mein Geld von der Sparkasse abholen und
kleidete mich daher schon frh an. Der Vater wollte mitgehen, und es
mute also die Mutter in die Schenke. Sie tat es, ohne ein Wort mit uns
zu reden; nur als ich ihr Adieu sagte, rief sie mir nach: Kannst glei
dein Brutigam 's Brauthemad kaafa und a Myrtnstruerl! Na gehst glei
hoam!

Ich hatte mir schon allerhand ausgedacht, was ich mir um die neunzig
Mark, die mir von dem Geld aus der Floriansmhle noch geblieben waren,
alles kaufen wollte; als ich aber heimkam, verlangte mir die Mutter das
Geld sofort ab und sagte: Ds Geld gibst her, na kaaf i dir an saubern
Spiegelkasten drum.

Obschon ich gerne dagegen gesprochen htte, blieb ich doch stumm auf
diese Rede; denn ich frchtete, aufs neue den Zorn der Mutter zu
erregen, wenn ich nicht zu allem ja sagte. Also ward ich auch dieses
Geldes los, wie ich einst des meines Grovaters und des Hausls los
geworden war.






Es ist ein alter Brauch, da man den Vorabend einer Hochzeit mit einer
kleinen Feier begeht, und nennt man diesen Abend den Polterabend.

Zu der Zeit meiner Verheiratung wute ich ber den Ursprung und die
Bedeutung dieses Wortes noch nicht viel, doch schien mir der Name fr
meine Verhltnisse gar nicht so unrecht; denn die Mutter polterte an
diesem Tag im ganzen Haus herum, fluchte, zeterte, zertrmmerte
verschiedenes Geschirr, jagte die Kchenmagd aus dem Haus und prgelte
meine Stiefbrder, ohne da man recht wute, warum. Ich war deshalb sehr
bedrckt und tat nichts, wovon ich vermeinte, da es die Mutter erzrnen
knnte, und hatte auch wirklich bis zum Nachmittag Ruhe.

Um zwei Uhr ging ich in die Wohnung hinauf, um meine kleinen Andenken
und all die Kstlein und Schchtelchen, die Bilder und Bchelchen
zusammenzupacken, die mir zu lieb waren, als da ich sie htte
zurcklassen mgen. Auch die Mutter kam bald hinzu und warf mir manches
hbsche und auch kostbare Stck hin, das sie nicht mehr mochte; doch
brummte sie bestndig vor sich hin und schrie mich pltzlich ganz
unvermittelt an: Hast es ja recht notwendi, da d'heiratst! Httst es
ja nimmer aushalten knna dahoam! Aber wart nur, du wirst es scho sehgn,
wia's dir geht! Da dir i nix guats wnsch, kannst dir denka, du
undankbars Gschpf! Kannt ma s' so guat braucha und mua ma fremde Leut
haltn, whrend die gndig Fruln heirat und si auf die faule Haut
flackt!

Dabei warf sie mir etliche Schmuckschchtelchen auf den Tisch, dazu ein
schweres Kettenarmband, eine Halskette mit einem schnen, alten
Medaillon, einen schwarzen Beinschmuck und ein groes, kostbares
Ametystkreuz, das sie einst von einer Grfin von Lindwurm erhalten
hatte. Ich glaubte nicht, da die Dinge alle fr mich bestimmt seien und
lie sie liegen. Da schrie die Mutter wieder: Is dir leicht mei Sach
nimma guat gnua? Bist leicht z'sch dazua, da d' was alts, was guats
tragst?

Da nahm ich rasch die Sachen vom Tisch, leerte eine hbsche Schatulle,
in der ich Briefe liegen hatte, aus und tat alles hinein, indem ich
sagte: Was denken S' denn, Mutter! Freili mag i alles! Und von Herzen
'gelt's Gott dafr! Ds freut mi anders, da i grad ds schnste kriagt
hab! Dank sch, Mutter! 'gelt's Gott!

Da lief sie aus dem Zimmer und schlug krachend die Tr zu.

Ich hatte groes Mitleiden mit ihr und dachte, ob ich wohl auch einmal
ein Mdchen bekme und wie ich mit ihm sein wollte; doch bald
verscheuchte ich diese Gedanken und trug meine Kostbarkeiten nach der
neuen Wohnung, wo ich alles in die Kommode rumte. Danach ging ich zur
Familie Hasler, wobei mir das Herz klopfte; doch sagten sie kein Wort
wegen des Verdrusses, den wir gehabt. Sie luden mich ein, mit ihnen den
Kaffee zu trinken, aber ich entgegnete, ich msse erst daheim um
Erlaubnis bitten.

Ich ging also gleich wieder nachhause und bat den Vater, der es mir zwar
erlaubte, doch meinte, ich msse schon auch die Mutter fragen. Dies tat
ich, und da ich ohnehin auch noch zur Beicht mute, lie die Mutter mich
gleich fort und sagte blo: Da d'hoam kommst bis auf d'Nacht! Bringst
Haslers mit, mir ham heut a Konzert!

Nach dem Kaffee, etwa um fnf Uhr, brach ich auf und holte meinen
Hochzeiter vom Geschft ab, um mit ihm zur Beicht zu gehen. Er war
wieder sehr ernst und redete nicht viel.

Nach der Beicht gingen wir wieder zu seinen Eltern, wo wir die alten
Leute bereits in sonntglicher Kleidung antrafen. Der Tisch in der
Wohnstube war wei gedeckt, ein Rosmarin prangte in der Mitte und eine
groe Torte mit der Aufschrift: Dem Brautpaar, stand daneben. Der
Vater holte eine Flasche Wein herbei und die Mutter stellte die Glser
mit zitternder Hand dazu. Es war schon vllig dunkel, und im Zimmer
verbreitete die altmodische Lampe ein behagliches Licht.

Da ertnte drauen im Hof Musik, und das Lied: Nur einmal blht im Jahr
der Mai, nur einmal im Leben die Liebe wurde mit viel Gefhl auf einem
Piston vorgetragen. Nun schenkte der alte Hasler die Glser voll und mit
herzlichen Worten wnschte er uns Glck; die Mutter hatte die Augen voll
Trnen und gab uns ihren Segen, der Benno aber hatte mich an sich
gezogen und schluchzte.

Da ergriff mich eine groe Dankbarkeit gegen diese Menschen und ich
dankte ihnen unter heftigem Weinen. Trotzdem fhlte ich mich so elend,
als sei ich wieder am Grab meines Grovaters, und es befiel mich ein
Zittern und Unwohlsein, und ehe man sich recht zu helfen wute, war ich
ohnmchtig geworden.

Als ich wieder zu mir kam, waren alle um mich besorgt, die Haslermutter
aber fragte mich, ob ich fter an solchen Zustnden leide. Ich sagte
ihr, da ich manches Mal auch ohne besonderen Anla mit solchen
Ohnmachten zu kmpfen htte. Da nahm sie mich beiseite in die
Schlafstube und wollte ausfhrlich ber meine Gesundheit berichtet sein:
Denn, sagte sie, du kannst mir's net verargen, da i mi um mein'
Oanzign sorg.

Nun erzhlte ich ihr, da ich schon seit meinem vierzehnten Jahr
bleichschtig gewesen sei, da ich die Reife des Mdchens erst vor wenig
Wochen zum erstenmal erfahren htte, whrend bisher jahrelang nur diese
Ohnmachten eine gewisse Zeit andeuteten. Diese Bewutlosigkeit sei immer
pltzlich gekommen, und einmal gerade, als ich in der Kche stand und am
Fleischtisch ein Stck Leber schnitt. Zum Glck hatte ich das groe
Tranchiermesser nur locker in der Hand, sonst wre vielleicht ein
Unglck geschehen. Auch berichtete ich ihr, wie ich einmal nach einem
groen Verdru mit der Mutter am Brunnen gestanden, um ein Kalbshirn zu
huten. Da hatte mich mit einem Mal ein kurzer, heftiger Husten gepackt
und ein schner Faden hellen Blutes lief den Brunnen hinab, whrend ich
mit heiem Kopf und mden Beinen dort lehnte und Schmerz und belkeit
bekmpfte. Die Mutter hatte mich am andern Tag zum Arzt geschickt, der
an eine Magenkrankheit glaubte, da ich vordem nur selten gehustet hatte.
Doch sei dies alles lngst wieder gut und ich htte nicht Sorge, da ich
eine Krankheit in mir habe.

Nach einigem Nachdenken meinte die Frau Hasler: Du bist halt
berarbeit't! Wennst jatz dei Ruah hast, wirst scho wieder! 's Heiraten
is ds best' fr di und der Benno is der g'scheitste Doktor. Aber jatz
ma ma wieder zu d andern, sonst wer'n s' uns granti!

Und sie nahm mich bei der Hand und fhrte mich wieder in den Bereich des
Lichts, wo die zwei Mnner inzwischen ernste Dinge verhandelt haben
muten; denn der Vater sah den Benno fest an und sagte noch kurz:
Hascht mi verschtande? worauf der Benno ihm die Hand drckte und
sagte: Ja, Vater, i wer' mir's merkn.

Wir machten uns nun auf den Weg zu meinen Eltern. Schon aus etlicher
Entfernung tnte uns lustiges Klarinetten- und Geigenspiel entgegen, und
als wir eintraten, brachen die Musikanten das eben begonnene Stck ab
und empfingen uns mit einem feierlichen Marsch.

Wir gingen erst an die Schenke, dann in die Kche, die Eltern zu
begren. Da sah ich, da die Mutter geweint hatte, und ich fragte sie
sogleich, ob ich in der Kche helfen knne; sie sagte aber: Naa, naa!
Bleib nur drin! Ds war no ds nettere: a Polterabend ohne Braut!

Da setzte ich mich an den Tisch, wo schon die ganze Verwandtschaft und
Freundschaft Platz genommen hatte, und ein lustiges Treiben begann, und
es whrte nicht lange, da forderte mich mein Verlobter zum Tanz. Und
heiter ging der Abend dahin, und um Mitternacht ertnten Hochrufe und
knatterten Schsse und begann ein Glckwnschen und eine Lust, da ich
mir wie verzaubert vorkam. Bald stimmte auch ich in die Lustbarkeit ein
und sang noch manches Trutzliedlein in dieser Nacht.

Endlich um drei Uhr morgens gingen wir auseinander; denn da der Benno
und ich seit Mitternacht weder essen noch trinken durften wegen der
morgendlichen Kommunion, so freute uns schlielich der ganze Spa nicht
mehr.

Ich lag noch nicht lange im Bett und war kaum eingeschlafen, als mich
ein heftiges Weinen aufweckte. Ich setzte mich erschreckt auf und
horchte. Da vernahm ich, da dasselbe aus dem Schlafzimmer der Eltern,
welches unmittelbar an meines stie, drang. Deutlich hrte ich jetzt die
Mutter klagen: Htt i meine Leut g'folgt! Htt i auf mein Vatern
g'hrt! So a Schand! Jatz bin i no so jung und mua ds derlebn!

Vergebens trstete der Vater: Mach dir do nix draus, Muatta! Da denkt
koa Mensch weiter drber nach, da d' no so jung bist!

Sie wurde immer erregter: Jatz kann i mi aa zu d Altn hi'hocka im
Kaffeehaus! Und i will no net so alt sei! I will no lebn! Koa Mensch
acht a Schwiegermuatta! Htt do i dem Lumpen net glaabt, damals! O mei!

Und sie weinte und klagte, und der Vater redete begtigend mit ihr, und
seine Stimme wurde immer liebevoller und leiser, und endlich vernahm ich
nichts mehr, als ein Flstern, dessen Zrtlichkeit mir anzeigte, da die
Mutter wieder gut sei.

Da legte ich mich wieder hin und versuchte zu schlafen, doch obschon ich
mich bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehte, gelang es mir
nach dem eben Gehrten nicht mehr. Am End stand ich auf, wusch mich mit
kaltem Wasser und begann mich dann fr die Frhmesse und Kommunion
anzukleiden.

                   *       *       *       *       *

Kurz nach fnf Uhr verlie ich das Haus und begab mich in die matt
erhellte Kirche, wo nur etliche Beterinnen und vier Klosterfrauen
knieten. Ich setzte mich in eine der vordersten Bnke und erwartete
meinen Brutigam.

Ohne Teilnahme, ohne Andacht und ohne Bewegung sa ich da und blickte
stumpf auf den riesigen Kronleuchter vor dem Tabernakel. Die rote Ampel
lie kaum das kleine Lichtlein durchscheinen, und der weite,
schmiedeeiserne Reif darum bewegte sich leise hin und her.

Wenige Augenblicke vor Beginn der Messe, als eben der Kirchendiener die
Kerzen des Altars entzndete, kam der Benno. Leise trat er in meinen
Stuhl und begrte mich flsternd. Dann kniete er sich nieder, zog ein
Andachtsbchlein aus der Tasche und schien recht gesammelt und
ehrfurchtsvoll zu beten. Ich aber versuchte vergebens, ein Vaterunser zu
vollenden; schon bei der dritten oder vierten Bitte war ich mit meinen
Gedanken wieder in der Welt und in der Zukunft. Erst als der Ministrant
bei der Wandlung mit seinem silbernen Glcklein zur Anbetung des
menschgewordenen Gottes mahnte, konnte ich der frommen Handlung folgen
und empfing andachtsvoll das Sakrament des Lebens.

Nach der Kirche gingen wir zusammen bis zu unserm Haus und trennten uns
mit gemessenem Gru.

Unsere Fanny, meines Vaters jngste Stiefschwester, die seit einem
halben Jahr im Hause war und schon etliche Wochen hindurch hatte lernen
mssen, all die Arbeiten zu tun, welche sonst ich zu verrichten hatte,
war inzwischen schon mit dem Kaffeekochen fertig und ich trank schnell
meine Tasse. Dann ging ich ins Bad und begann danach in meinem Zimmer
mich mit der feinen Wsche zu bekleiden, die mir die Haslermutter zur
Brautgabe gesandt hatte; denn es war bei uns der Brauch, da die Braut
fr den Brutigam und wiederum er fr die Braut jenes Hemd anschaffte,
das den Krper am Tag der Vermhlung bekleidet. Nach der Hochzeit wird
es dann gewaschen und aufgehoben bis zum Tod, wo es noch einmal die
Glieder kleiden soll. Es waren recht ernste Gedanken, die mich dabei
bewegten, und ich besah mich nachdenklich im Spiegel, nachdem ich das
kostbare Linnenhemd angetan hatte. Doch gewann bald meine muntere Natur
die Oberhand, und als ich meine Fe in die weien, seidenen Strmpfe
hllte und in die feinen Stiefelchen aus weiem Leder schlpfte, kam es
mir pltzlich in den Sinn, zu versuchen, ob ich in diesem Schuhwerk auch
gut tanzen knne. Und ich stand auf und begann erst allerhand Schritte
zu machen, und dann tanzte ich auf dem weichen Teppich und summte dazu
die Donauwellen.

Da ging die Tr auf und die Mutter und der Vater kamen herein. Erstaunt
sahen sie mich an, und der Vater meinte: Schau, schau, wie 's Brutl
scho munter is! Denkst leicht, wenn ma in Ehstand einitanzt, na hat ma
mehra Glck? Da pa nur auf, da dir koan Fua vodrahst, sunst is vorbei
mit der Freud!

Nach diesen Worten ging er hinab ins Geschft. Die Mutter aber befahl
mir kurz: Ziag den Schlafrock o, den i auf mei Bett g'legt hab, na
gehst nber zum Teuerl und lat di frisiern!

Ich ging, nachdem ich den feinen, dunkelroten Schlafrock angezogen und
der Mutter dafr gedankt hatte.

Das Frisieren dauerte ber eine Stunde, da der Fritzl, der kleine Sohn
des Friseurs, das Brenneisen erwischt und verrumt hatte, so da ber
dem Suchen beinahe eine halbe Stunde verrann.

Endlich trat ich fein gelockt und gescheitelt aus dem Laden und lief
geschwind heim; denn es schlug eben neun Uhr und um halb zehn Uhr war
schon das Frhstck angesagt.

Als ich wieder in mein Zimmer kam, fragte die Mutter, ob ich das
Brautgewand gleich mitgebracht htte. Da fiel mir erst ein, da die
Schneiderin versprochen hatte, um sieben Uhr schon da zu sein. Ich lief
daher schnell ins Nachbarhaus zu ihr und fragte, warum sie denn nicht
kme. Sie war recht krank geworden und konnte sich kaum aufrecht halten,
ihre Gehilfin aber war nicht gekommen. Instndig bat ich sie, sie mge
doch versuchen, mitzukommen, da ich ja sonst nicht heiraten knne. Da
zog sie sich doch an, packte das Kleid und die Nadelbchse zusammen und
ging mit. Nun sperrte die Mutter ihren Salon auf, und ich wurde vor dem
groen Spiegel angekleidet und mit Kranz und Schleier geschmckt.

Als sie fertig war, ging die Nhterin wieder nachhause und bat, man mge
ihr das herkmmliche Mahl hinaufschicken.

Nun stand ich also brutlich angetan da und ein feierliches Gefhl
berkam mich.

Da trat die Mutter zu mir, besah mich lange, und es kam wieder etwas
Bses in ihren Blick, das ich schon kannte und frchtete. Eine groe
Angst befiel mich und ich war unfhig, mich zu rhren, noch zu reden,
als sie begann: Also, heunt bist erlst vo mir; werd dir net gar
z'wider sei, ds! Jatz kannst dein Mo rgern, wie'st bis heunt mi
g'rgert hast!

Ich konnte kein Wort erwidern und sie fuhr fort: I wollt dir z'erscht
hundert Mark Taschengeld gebn, aber i tua's net. Leicht kannt's eahm gar
net recht sei, an Hasler! Aber den Frauntaler gib i dir; den kannst dir
aufhebn, bis d' amal nix z'fressn mehr hast. Und mein Wunsch will i dir
aa no sagn: du sollst koa glckliche Stund habn, so lang'st dem Menschn
g'hrst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere ban man. Und
froh sollst sei, wannst wieder hoam kannst; aber rei kimmst mir nimma.
Jatz woat es!

Ich war whrend dieser grausigen Worte wie unter Peitschenhieben
zusammengezuckt; ein unsagbar elendes Gefhl berkam mich, und dann fiel
ich ohne Besinnung zu Boden.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem der bequemen
Polstersthle, und um mich standen zitternd die alte Haslerin und ihre
Schwester Hanne, der alte Hasler, die zwei Beistnder oder Trauzeugen
und die Kranzljungfern. Meine Mutter bemhte sich schluchzend und
jammernd um mich und reichte mir mit den Worten: Geh, trink a bil,
arms Kind! ein Glschen Wein. Willenlos lie ich es geschehen, da man
es mir eingab, obschon ich das Gefhl hatte: jetzt vergiftet sie dich.
Doch war es nicht so, und ich bekam in den nchsten Minuten immer mehr
die Empfindung, da ich das Furchtbare zuvor nur getrumt; denn die
Mutter war so voll Schmerz ber mein Scheiden und schien in Trnen
aufgelst. Sie zog mich an sich und rief: Viel Glck, mei liabs Kind!
Jatz gehst halt und lat mi alloa! Bleib mir g'sund und vergi mi net!

Dann schritt sie gerhrt von einem zum andern, gratulierte, klagte und
weinte, wie es gerade pate, bis die Kellnerin meldete, da der
Brutigam warte.

Da stand ich auf, und die Haslermutter trat zu mir, kte mich und
sagte: I wnsch dir Glck! Sei mei guats Tchterl! Und ganz langsam
rollte eine Trne ber das runzlige Gesicht. Dann beglckwnschte mich
eins nach dem andern, die Kranzljungfern faten die Schleppe meines
Kleides, die Mutter legte mir eine kostbare, alte Goldkette um den Hals,
die Haslerin steckte mir einen feinen Opalring an die Hand und groe
Opale in die Ohren; der Haslervater gab mir seinen Arm, und nun ging's
mit groer Feierlichkeit hinab in die festlich geschmckte Gaststube.
Mein Hochzeiter stand schon mit dem prchtigen Brautbukett da und
begrte mich mit einem Handku. Er gefiel mir in dem festlichen Gewand
recht wohl, und ich empfand ganz pltzlich ein groes Verlangen, ihm um
den Hals zu fallen und ihn zu kssen, doch die vielen Menschen, die uns
von allen Seiten umgaben, lieen mich davon abstehen.

Nun setzten wir uns zum Frhstck; es wurden Bratwrste auf groen
Porzellanplatten herumgereicht und man trank Mrzenbier dazu. Whrend
des Essens trat auch mein Vater herzu und gratulierte uns und bergab
mir einen schnen Ring, da ich ihn meinem Brutigam anstecke. Und indes
derselbe von allen Seiten beschaut und bewundert wurde, kam die Mutter
und sagte: Lieber Benno und Leni! I kann leider net mitfahrn in
d'Kirch; denn i hab koa Aushilf kriagt zum Kochen. Und d'Hauptsach is ja
do a guats Mahl nach dem Schreckn, net wahr!

Und mit freundlichem Lcheln ging sie wieder hinaus in die Kche.

Die Haslerischen waren ber diese Mitteilung gar nicht erfreut und
konnten es nicht begreifen, da wir nicht mehr darauf gedrungen hatten,
die Mutter solle mitkommen. Denn, meinte die Frau Hasler, wann d
eigene Muatter net mitgeht in d'Kirch und fr ihra Kind bet, na is mit'n
Ehglck net weit her.

Und sie ging hinaus und bat die Mutter dringend, doch mitzukommen.

Ich lie sie gewhren, obwohl ich schon wute, da all ihr Bemhen
vergeblich sei.

So war es auch. Die Haslerin kam bald mit hochrotem Kopf wieder herein,
nickte etliche Male fr sich wie zur Besttigung und murmelte
unverstndliche Worte.

Da kam der Brettlhupfer, jener dienstbeflissene Mann, der den
Wagenschlag ffnet, ein jedes aus der Gesellschaft in den bestimmten
Wagen bringt, acht hat, da kein Zylinderhut verdrckt, kein Kleid
beschdigt und keine Schleppe in die Wagentr eingezwickt wird; der mit
viel Grazie und wohlgesetzten Worten die Braut leitet und einem
jeglichen sein Amt weist und sowohl am Standesamt als in der Kirche fr
die gute Ordnung sorgt. Er war in schwarzer Wichs, seine Lackschuhe und
sein Zylinder glnzten, und Handschuhe und Halsbinde schimmerten in
reinstem Wei. Mit der Haltung eines Kavaliers stand er an der
geffneten Tr und sagte: Verehrte Herrschaften, d'Wgn wrn da! Darf
ich bitten?

Und er nahm zuerst die Kranzljungfern vor und geleitete sie zu einem
Wagen; dann kamen die Beistnder und mein ltester Bruder, hierauf die
Schwester der alten Haslerin und meine Firmpatin, die Nanni, sowie die
beiden Stiefschwestern meines Vaters. In dem vierten Wagen sa der
Brutigam und sein Vater, und im fnften endlich nahmen ich und die
Haslermutter Platz.

Whrend der kurzen Fahrt zum Standesamt redeten wir nichts. Als wir
vorfuhren, hatte sich eine kleine Menge Neugieriger, sowie eine Horde
Kinder angesammelt, und whrend der Brettlhupfer sich eifrig umtat, uns
die bei einer solchen Gelegenheit bliche Ordnung zu geben, konnte man
aus dem Spalier der Gaffenden allerlei Bemerkungen hren: Ah, der
Breitigam is sauber! rief eine junge Kchin, die mit aufgestlpten
rmeln dastand. Wia nur der d Molln mag, d aschblonde!

D werd scho a Geld g'habt habn! erwiderte eine ltere Frau, an deren
schmutzigem Kittel zwei noch schmutzigere Kinder hingen.

In dem Augenblick humpelte ein altes Weiblein auf seinem Krckstock
daher und hielt seine verkrppelte Hand hin: Gott g'segn an Ehestand,
schne Braut! Derft i bittn um a freundliche Gab!

Ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte, da ich ja kein Geld besa.
Die alte Haslerin schimpfte ber die Frechheit des alten Mtterleins und
prophezeite mir groes Unglck durch diese Begegnung. Mein Hochzeiter
aber griff in die Tasche und langte ein neues Markstck heraus, das er
der Alten mit den Worten gab: Aber nix Schlechts derfan S' uns
wnschen, Muatterl, verstandn!

I, wia wer i denn so gottvergessn sei! schmunzelte das Weiblein und
humpelte davon.

Und whrend sich die Umstehenden ber den Zwischenfall unterhielten,
begaben wir uns in den im ersten Stockwerk gelegenen Vorsaal des
Standesamts.

Der Brettlhupfer flsterte aufgeregt mit den Trauzeugen, gab den
Verwandten Weisung, wo sie sich hinzustellen hatten und ermahnte dann
die Kranzljungfern noch, beim Aus- und Eingehen recht achtzugeben, da
sie nicht zu stark an der Schleppe zgen: Net, da uns d'Braut z'letzt
hi'fallt!

Mit einem Male taten sich vor uns zwei Flgeltren auf, und wir gingen
in schner Ordnung in den Trauungssaal. Voran der Brutigam und ich an
seinem Arm. Dahinter die trippelnden Kranzljungfern, dann die
Trauzeugen, die mit langen Schritten rechts und links von uns Platz
nahmen, und darauf kamen die andern; doch sah ich sie nicht mehr, da
mich nun die Handlung ganz in Anspruch nahm.

Der Brettlhupfer hatte dem Diener des Standesbeamten das Schchtelchen
mit den Trauringen bergeben, und der legte diese nun auf eine schne,
silberne Platte, worauf der Standesbeamte unsere Namen verlas und eine
sehr weihevolle Ansprache ber die soziale Wichtigkeit der Ehe, ber
ihre Wirksamkeit, sowie ber die Pflichten und Verantwortungen der
Eheleute hielt. Danach kamen die Trauzeugen daran, und es wurde ihnen
auch eine kleine Rede gehalten, worauf die eigentliche Trauung vor sich
ging. Wir erhielten die Ringe, steckten sie uns gegenseitig an die
Rechte und beantworteten die feierlichen Fragen des Beamten mit
krftigem Ja. Dann wurde noch etliches gesprochen, was mir aber nicht
mehr erinnerlich ist, da ich mit einem Male so erregt war, da ich weder
hrte noch sah und nur mechanisch am Arm meines vor der Welt nun mir
angetrauten Gatten zum Wagen ging.

Diesmal war die Ordnung eine andere; denn ich sa neben dem Benno, und
wir fuhren nun zum Photographen. Die andern Wgen hatten uns zwar
begleitet, doch stieg niemand aus und fuhren sie, indes wir uns da
aufhielten, spazieren. Der Brettlhupfer aber war bei uns geblieben und
half mir nun mit viel Anmut aus dem Wagen, hielt mir die Schleppe und
trug sie mir bis zum Empfangssalon des Photographen. Wir waren schon
gemeldet und kamen daher sofort daran, obwohl noch mehrere Leute
warteten.

Whrend des Photographierens hatte der Benno eine kleine
Auseinandersetzung mit dem Meister; denn als er seinen Arm um meine
Schulter legte, sich fest an mich schmiegte und mit seligem Gesicht
meinte: Jatz standn ma ganz sch, net wahr? da zog ihm der Photograph
wortlos den Arm wieder herab, schob uns auseinander und sagte: Net so
strmisch, Herr Hasler, net so strmisch! Ds kommt spter!

Der Benno war darber so gekrnkt, da er ein ganz rotes Gesicht bekam
und so ernst und geknickt dreinsah, da die Verwandten, als sie nach
etlichen Wochen die Bilder sahen, sich darber lustig machten und
meinten: Aber Benno! Du schaugst ja auf dem Bildl aus, als obst zum
Kpfa ganga warst, statt zum Heiratn!

Als die Aufnahme gemacht war, kam wieder der Brettlhupfer und geleitete
uns hinaus; doch zu meinem Staunen kam ich nun wieder in den Wagen
meiner Schwiegermutter, whrend der Benno zu seinem Vater hineinstieg.
Auf meine Frage, warum dies geschehen sei, sagte mir die Frau Hasler,
da ich vor Gott noch nicht Bennos Frau sei, deshalb drfe ich auch noch
nicht mit ihm zusammen fahren. Ich war es zufrieden und blieb whrend
der brigen Fahrt wieder schweigend.

Das hohe Portal unserer Pfarrkirche stand weit offen, und feierliches
Orgelspiel empfing uns beim Eintritt in das Gotteshaus. Voran gingen die
Verwandten, dann die Trauzeugen und zuletzt wir und die Brautjungfern.

Nur wenige Leute waren anwesend, und ich sah mich ein wenig um, ob nicht
ein Bekanntes darunter wre. Da sehe ich pltzlich hinter einem der
mchtigen Pfeiler das verzerrte Gesicht meiner Mutter auftauchen; sie
stand da ohne Hut, im Wirtschaftsgewand und in der weien Schrze, nur
ein leichtes Tuch um die Schultern gelegt und starrte mit glhenden
Augen auf den Zug. Und wie sie mich erblickte, da streckte sie den Kopf
weit vor. Ich konnte nicht mehr hinsehen und hing mich fest an den Arm
meines Brutigams, und es bemchtigte sich meiner eine solche Bewegung,
da ich ohne alle Fassung zu schluchzen begann und nicht aufhrte
whrend der Trauung und der feierlichen Messe.

Die Verwandten hatten in den Chorsthlen neben dem Hochaltar Platz
genommen; mein Brutigam und ich knieten uns auf einen rotsammetenen
Betstuhl, der vor dem Altar stand, whrend die Trauzeugen sich rechts
und links von uns aufstellten.

Da trat der Pfarrer im reichen Chorhemd, angetan mit der weien Stola,
aus der Sakristei, und es begann die heilige Handlung. Nach einer
ernsten Ansprache legte er dem Brutigam die Frage vor: Herr Benno
Hasler, wollen Sie sich mit der Jungfrau Magdalena Christ in den
heiligen Stand der Ehe begeben und darin verbleiben, bis der Tod Sie
scheidet, so sprechen Sie >ja<.

Mit lautem, bestimmtem Ja antwortete mein Verlobter, und nun kam die
Frage an mich. Kaum vernehmlich und in Schluchzen fast erstickt war
meine Antwort.

Nach dieser Ablegung des Ehegelbdes fate der Priester unsere Hnde,
legte sie zusammen, wickelte seine Stola darum und machte unter
weihevollen Gebetsformeln das Zeichen des heiligen Kreuzes darber.
Danach besprengte er uns mit Weihwasser und betete mit lauter Stimme,
worauf er die Trauringe weihte. Unter abermaligen feierlichen Gebeten
reichte er uns sodann dieselben, und wir steckten uns diese Symbole der
unverbrchlichen Treue und unwandelbarer Freundschaftsliebe an, worauf
wir mit dem Priester das Paternoster beteten.

Damit war die eigentliche Trauung beendet, und der Pfarrer trat wieder
in die Sakristei, um sich zur Messe zu bereiten.

Whrend derselben versuchte ich immer wieder meiner Bewegung Herr zu
werden, doch gelang es mir nicht, und als unter der Kommunion des
Priesters das Schubertsche Ave Maria ertnte, konnte ich mich nicht mehr
fassen und weinte laut auf. Da flsterte mir mein Brutigam zornig zu:
Hr do auf mit dem Getrenz! Httst ja grad naa sagn brauchn, wenn's di
so reut!

Das brachte mich pltzlich wieder zu mir, und ich wurde still und das
Gefhl einer khlen Gleichgltigkeit kam ber mich und verlie mich den
ganzen Tag nicht mehr.

Nach dem Meopfer sang der Chor das Tedeum, und der Priester erteilte
uns mit aller Feierlichkeit den Brautsegen. Dies war eine groe Ehre;
denn derselbe wird sonst nur bei ganz groen, festlichen Hochzeiten
gespendet.

Als wir uns zum Gehen ordneten und ber die Stufen des Hochaltars
hinabschritten, sah ich, da inzwischen eine groe Menge Bekannter und
auch andere Neugierige gekommen waren; meine Mutter aber konnte ich
nicht mehr erblicken. Sie war wohl schon frher nachhause geeilt, um fr
das Mahl zu sorgen.

Beim Wegfahren von der Kirche durften ich und mein Brutigam in der
eigentlichen Brautchaise Platz nehmen, und half er mir mit groer
Ritterlichkeit beim Einsteigen. Er schlang auch gleich seinen Arm um
mich und kte mich wiederholt und fragte mit zrtlicher Stimme:
Kimmt's dir net hart o, da d'furt muat vo dahoam und mit mir geh?

Ich antwortete mechanisch: Naa.

Da drckte er mich fest an sich und bat mich, ihn doch anzusehen: Geh,
schau mi halt a kloans bil o und gib mir halt a Busserl!

Auch das tat ich, doch ohne Wrme, ohne Leben, so da dem Benno ganz
angst wurde und er fragte: Bist leicht krank, da d' so stad und
wunderli bist? Warum redst denn nix?

Ich blickte durch das Wagenfenster und sagte nur: I bin net aufglegt!

Da meinte er, ich htte vielleicht Hunger und schmeichelte: Hast halt
no nix G'scheits z'essn g'habt, gel! Aber jatz wer'n ma glei g'holfn
habn, wart nur, Weiberl! Jatz tuast amal z'erscht was essn, na trinkst a
paar Glaserl Wei, und na werst sehgn, wia dir da d'Frhlichkeit und
d'Liab kimmt!

Ich gab ihm nur ein halblautes Hm hm zur Antwort und lehnte mich mit
geschlossenen Augen in meinen Sitz zurck. Der Benno aber glaubte, ich
wollte mich an ihn schmiegen und drckte mich strmisch an sich.

Da hielt der Wagen. Wir waren bei den Eltern, und der Brettlhupfer stand
schon mit den Kranzljungfern am Wagenschlag.

Beim Aussteigen sah ich, da es leicht zu schneien begonnen hatte, was
etliche von den vielen Neugierigen, die Spalier standen, zu dem Ausruf
veranlate: So viel Schnee und Regen, so viel Glck und Segen! Natrli,
d Grokopfatn habn allweil no's meiste Glck aa, an Goldhaufa habn s'
ja a so scho!

Die Kinder der Nachbarschaft drngten sich um mich und schrien: Schenkn
S' uns was, Frau Leni! Bitt sch, schenkn S' uns was!

Da schickte ich eine der Kranzljungfern hinein zum Vater und lie mir
fr drei Mark Zehnerln geben, die ich dann unter die Kleinen verteilte.

Inzwischen war die Festmusik, fr die der alte Knoflinger, seines
Zeichens ein Schuhmacher, mit noch sieben Genossen sorgte, vor die Tr
getreten und empfing uns mit dreimaligem Tusch, und unter den festlichen
Klngen des Pariser Einzugsmarsches zogen wir in die Gaststube ein.

Voran ging Meister Knoflinger mit der Geige und hinter ihm sein
fnfzehnjhriger Sohn Eusebius, der die zweite spielte. Ihnen folgten
zwei Flten und zwei Klarinetten, darauf der weikpfige Hundshndler
Schniepp mit weithinschallendem Bandoneonspiel, und den Schlu bildete
der alte, bucklige Bageigenmichel, ein gewesener Kaminkehrer.

So zogen wir hinein und nahmen an der schn gezierten Tafel Platz. Mit
allen Geladenen waren unser siebenundzwanzig an derselben zum Mahl. Auch
andere Gste waren so viel erschienen, da die Stube sie kaum fassen
konnte, und immer kamen noch neue hinzu und wollten Platz haben.

Whrend des Essens spielte die Musik lauter feierliche, vaterlndische
Weisen; doch als der letzte Gang verzehrt war und nur noch einzelne
Tellerchen mit Kuchen auf dem Tische standen, da vertauschten die beiden
Fltisten ihre zarttnenden Instrumente mit ein paar Trompeten, und der
Bageigenmichel holte einen blanken Bombardon aus dem schwarzen
Ledersack, und nicht lange darauf ertnte ein znftiger Landler.

Das war das Zeichen zum Beginn des Tanzes, und als gleich darauf ein
Ziehrerscher Walzer erklang, stand der Hochzeiter auf und tanzte mit mir
ein paarmal auf dem winzigen Flecklein, das ausgerumt und mit
geschabten Kerzen bestreut worden war. Wir tanzten nicht gut zusammen,
da der Benno in seinen neuen Stiefeln auf dem Wachs immer rutschte und
weil, wie er zu seiner Entschuldigung sagte, ihm die Landler besser ins
Geblt gingen, wie die schleifenden Walzer.

Indessen kamen immer noch mehr Leute herbei und schon fllte sich die
Schenke und die Kche mit Gsten, worber die Eltern nicht gar erfreut
waren, da sie sich so kaum umdrehen konnten vor Arbeit. Und als am Abend
die Handwerks- und Geschftsleute Feierabend hatten, kamen sie auch noch
und wollten dabei sein.

Da bat ich den Vater, er mge auf den Tanzplatz etliche kleine Tische
stellen, da sich die Gste setzen knnten; wir htten nun genug
getanzt. Er war sehr froh darber, und bald waren auch die drei Tische,
die er nebst fnfzehn Sthlen herbeischaffen lie, voll besetzt.

Als es nun mit dem Tanzen aus war, begannen alle die, welche Geschenke
gebracht hatten, ihre Reden, Widmungen und Glckwnsche.

Da kam zuerst der Vorstand der Tischgesellschaft Eichenlaub: er sagte
viel schne Worte und berreichte uns einen groen, gerahmten Stahlstich
Andreas Hofers letzter Gang. Darauf folgte eine launige Ansprache des
Vorstandes der Arbeitsscheuen, und er lie eine reiche Waschgarnitur
hereinbringen. Ich nahm sie dankend in Empfang und wollte sie zu dem
Bild auf das breite Fensterbrett stellen; da sah ich, da berall, in
der Waschschssel sowohl als auch im Krug und Nachtgeschirr Spiegel
angebracht waren, was mich in nicht geringe Verlegenheit setzte. Ein
kleines Mgdlein, als Rotkppchen gekleidet, entri mich daraus und
sagte sein Verslein mit viel Pathos und lebhafter Bewegung der Arme. Und
zum Schlu reichte es mir sein Krblein, dem der neugierige Hochzeiter
zur groen Belustigung der Anwesenden eine Suglingsflasche und allerlei
Wickelzeug, mit blauen Bndlein verziert, entnahm. Ganz unten lag ein
silbernes Schepperl mit einem Zettelchen daran: Fr unsern Liebling.
Rasch entri ich ihm die Dinge und warf sie wieder in das Krblein,
whrend es ringsum launige und anzgliche Bemerkungen regnete.

Da erhob sich ein Brumeister der Lwenbrauerei, von der die Eltern das
Bier hatten, beglckwnschte uns in einer kurzen, stotternden Ansprache
und berreichte uns im Auftrage der Brauerei einen groen Lederkasten
mit feinem Silberzeug.

Ihm folgten noch viele, und es war schon zehn Uhr, als das Schenken ein
Ende nahm, und die Musiker waren froh, endlich mit ihrem Tusch- und
Hochblasen fertig zu sein, und mit viel Behagen verzehrten sie das
Freimahl, das ihnen gespendet worden.

Mein Schwiegervater hatte ein Schwein und ein Kalb gestiftet, das als
Braten, Suppe und Ragout an die Arbeiter unserer Fabriken sowie an die
Musiker verteilt wurde. Mein Vater schenkte ihnen dazu einen Hektoliter
Bier, und so gab es an diesem Tag viel Lust und Freud und manchen Dank
und warmen Glckwunsch.

Gegen halb elf Uhr wurde ich in die Kche gerufen, und als ich hinaus
kam, stand ein Bruder meines Schwiegervaters, der Jrg Hasler, welcher
eigens zur Hochzeit von Augsburg hergefahren war, da und bedeutete mir,
es sei nun Zeit, da ich entfhrt werde. Die Mutter meinte, er solle
mich zu meinem Onkel, der etliche Straen weiter eine gute Wirtschaft
habe, fhren, sie lasse gleich einen Wagen holen.

Fast auf allen brgerlichen, altbayerischen Hochzeiten herrscht noch die
Sitte des Brautausfhrens: Der Hochzeiter soll gut achthaben auf seine
Braut. Wird sie ihm dennoch von ihren Freunden entfhrt, so mu er mit
seinen Freunden sie suchen gehen und zur Strafe fr seine Unachtsamkeit
alles bezahlen, was die andern mit der Braut inzwischen verzehrt haben.

Also fuhren wir fort, und meine Verwandten, vor allem der Onkel, hatten
groe Freude, als wir kamen. Der Vetter Hasler bestellte sofort
Champagner, und wir waren sehr lustig; denn die Frau Bas spielte recht
gut auf der Zither, whrend der Onkel sie auf der Gitarre begleitete. Da
nur wenige Gste in der Wirtsstube waren, gab es viel Platz, und die
Dienstboten rumten Sthle und Tische beiseite, damit wir, wenn man sich
gefunden htte, gut tanzen knnten. Auch streuten sie Federwei auf den
Boden und tanzten etliche Male, damit er glatt wurde.

Mit einem Male ertnte drauen auf der Strae lautes Juchzen und Musik,
und herein kam der Brutigam, die Beistnder, die Kranzljungfern und
viele der Gste, und es begann nun ein ausgelassenes Treiben, whrend
der Brutigam mich mit hellem Juchschrei begrte und mit mir tanzte.

Wir blieben noch etwa eine Stunde dort und machten uns dann wieder auf
den Weg zu den Eltern. Der Onkel sperrte seine Wirtschaft zu und
begleitete uns mit allen seinen Leuten und blieb bis zum Morgen auf der
Hochzeit.

Inzwischen waren immer noch mehr Gste gekommen und der Andrang so gro
geworden, da die Leute in dem groen Hausgang Tische und Sthle
aufstellten und etliche sogar auf der Stiege sich niederlieen. Es war
frchterlich hei und ein solcher Lrm im Lokal, da ich es kaum mehr
aushielt. Ich trank in die Hitze viel Champagner und nickte nur
mechanisch denen zu, die kamen, mich zu begren und zu beglckwnschen.
Dabei ward mir immer elender zumut und mit einem Male drehte sich alles
vor meinen Augen, und ich fiel unter den Stuhl. Man brachte mich hinaus
in den Hof, wo ich alles, was man mir zu Hilfe reichen wollte, von mir
warf: ein Glas mit Magenbitter, eine Tasse voll schwarzen Kaffees und
ein Stck Zucker mit Hofmannstropfen. Dann entledigte ich mich noch
alles dessen, was meinem Magen zu viel schien und verlangte schlielich
unter furchtbarem Weinen ins Bett.

Also fhrte meine Schwiegermutter mich wieder in die Gaststube und sagte
meinem Gatten, der mit groem Rausch und starker Rhrung dasa und
trnenden Auges auf das horchte, was sein Vater ihm eben mit viel Eifer
erzhlte, da ich nach Hause mchte.

Ja, Herrgott, i bin ja verheirat! rief der Benno da aus. Was, hoam
mcht mei Weiberl? Geh, Muatter, fhr's derweil naus in d'Kch, da ihr
d'Zirngiblmuatta was Warms oziagt. I la derweil an Wagn holn.

Ich packte nun meine Hochzeitsgeschenke alle auf einen Haufen zusammen
und deckte etliche Tischtcher darber. Dann nahm ich alle Blumen, die
man mir am Morgen gegeben hatte und sagte den Verwandten und Bekannten
Dank fr ihr Kommen und verabschiedete mich von allen.

Als ich nun gehen wollte, erhob sich ein furchtbarer Lrm, und man
wollte mich mit Gewalt zurckhalten, doch machte ich ein so jmmerliches
Gesicht, da die Gste glaubten, ich sei ernstlich krank, und sie lieen
mich ziehen. Mein Gatte war, noch ehe jemand etwas ahnte, fortgegangen
und holte selbst einen Wagen; denn nicht weit von unserer Wirtschaft
pflegten immer etliche Fiaker zu stehen.

Meine Mutter war den ganzen Tag keinen Augenblick zur Ruhe gekommen,
doch schien sie heiter und guter Laune zu sein, und als ich nun Gute
Nacht und Pfat Gott sagte, erwiderte sie lachend: So, gehst scho! I
wnsch dir halt an guatn Ei'stand und a g'ruhsame Nacht! Feier dein
goldnen Tag recht sch und la di bald wieder sehgn!

Ich dankte ihr nochmals, und auf einmal berkam mich eine groe
Sehnsucht nach ihrer Liebe; ich fiel ihr um den Hals, drckte meinen
Kopf an ihre Brust und weinte. Da zog sie langsam meine Arme von ihrem
Hals, schob mich sanft von sich und sagte: Geh, sei do g'scheit, Leni!
Du machst ja dei ganz Gwand voll Fettn! Jatz brauchst do nimma nach mir
z'jammern, hast do an Mann!

Die Frau Hasler war gerhrt dabei gestanden, als sie aber sah, da meine
Mutter mich weggeschoben hatte, fate sie pltzlich meinen Arm, zog mich
an sich und sagte: Hast scho no a Muatter aa, Leni; und wenn was is,
komm nur zu mir. Dei Muatter hat so allweil so viel z'tuan!

Meine Mutter merkte den Hieb gar nicht und meinte, zu mir gewendet:
Sigst, wia's dei Schwiegermuatta guat mit dir moant! Da war manche
froh, wenn s' so oane dawischn tt!

Derweilen kam der Benno mit dem Wagen, und nach nochmaligem,
umstndlichen Abschied von meinen Eltern, besonders von meinem
Stiefvater, der mir noch ein Goldstck zusteckte und mir viel Glck
wnschte, fuhren wir drei fort.

In unserer Wohnung angekommen, gab es sogleich eine kleine
Auseinandersetzung der Frau Hasler mit ihrem Sohn; denn whrend er alle
Lichter anzndete, die er fand, schrte sie rasch den Ofen des
Wohnzimmers an und begann dann mir den Schleier und Kranz abzunehmen.
Sie war fast damit fertig und ich mittlerweile auf dem Stuhl beinah
eingeschlafen, whrend sie mit halblauter Stimme mir allerhand
freundliche, gtige Worte sagte, als mein Mann dazukam und rief: Was
fallt dir denn ei, Muatta! Ds is mei Arbat, mei Frau ausz'ziagn!

Schrei net so grob, du Waster! Dei alte Muatta werd wohl so viel Ehr
wert sei, da s' ihrana Schwiegertochter beim Ausziagn helfn derf!

Naa, sag i, ds leid i net! schrie da der Benno und entri ihr den
Brautkranz, den sie mir eben vom Kopf genommen hatte. I ziag mei Frau
scho selber aus, und berhaupts hast du jatz nix mehr z'tuan da herobn;
i brauch di nimma!

Da begann die alte Frau bitter zu weinen ber die Grobheit ihres Sohnes
und sank fassungslos auf einen Sessel. Ich empfand tiefes Mitleid mit
ihr und nahm ihren Kopf in meine Hnde und sagte: Sei do stad,
Muatterl! Der Benno moant's net a so; der hat halt heunt an Rausch!

Aber sie war nicht zu trsten: Wie werd's dir geh, arms Kind, bei dem
Rapel! rief sie aus und sprang dann pltzlich auf und stellte sich mit
funkelnden Augen vor meinen Gatten: Ds sag i dir; da d'ma s' schonst,
dei Frau; sonst, bei Gott, is g'fehlt, wannst es machst wia ...!

Mitten im Satz brach sie ab und trat zur Seite, doch hatte das Ganze
einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und ich ging nochmals zu ihr hin
und sagte: Muatterl, reg di net auf! Mach mir mein Rock auf, und
nachher tuast schlaffa geh. I komm morgn frah scho nunter zu dir, gel!
Dann gab ich ihr noch einen Ku, und nachdem sie mir das Kleid geffnet
hatte, ging sie, ohne dem Benno noch eine gute Nacht zu wnschen.

Ich zog mich schnell vollends aus und schlpfte, whrend mein Mann
berall herumlief und sich an unserm Eigentum erfreute, ins Bett.

Und ich war schon eingeschlafen, als er kam, und am andern Morgen, als
ich aufstand, war ich nicht mehr das frische, sorglose Mdchen, und der
Spiegel zeigte mir ein mdes, fremdes Gesicht.

So hatte ich denn den ersten Schritt in das Leben getan, das mir noch so
bel geraten sollte.






Den Tag nach der Hochzeit nennt man bei uns gemeiniglich den goldenen,
wie berhaupt die erste Zeit der Ehe gar viel belobt und besungen wird.
Ein jedes Mdchen kennt die Flitterwochen und manche Braut trumt von
der Zeit des Honigmonds.

So lebte auch ich in der Erwartung einer goldenen Zeit und hoffte von
einem Tag zum andern auf den Beginn derselben; und als es inzwischen
Weihnachten geworden war, da begann ich mich zu bedenken, warum nicht
auch in meiner Ehe Flitterwochen gewesen waren. Und ich ging zu einer
alten Frau, die fr Geld den Leuten ihre Zukunft und ihr Schicksal aus
Karten und Planeten prophezeite; doch als die mir weiter keine Erklrung
gab, als da ich immer noch im Honigmonde lebe, da wute ich, da auch
diese Zeit ganz anders sei, als ich geglaubt; wie denn vieles in meinem
Leben anders kam, als ich es erhofft.

Ich konnte nicht begreifen, warum man diese Wochen als Flitterwochen
besingt; ich sah nichts Herrliches und kein Glck darin, der
nimmersatten Willkr und den schrankenlosen Wnschen des Gatten zu
dienen, jeden Morgen mit umrnderten Augen meinen mden Leib zu erheben
und nicht einmal wenigstens die eine Befriedigung zu haben, sich Mutter
zu fhlen.

So erkrankte denn mein Gemt, und es whrte nicht lange, da empfand ich
tiefe Angst vor der Fortsetzung dieser Ehe, und die Zrtlichkeiten
meines Mannes verursachten mir krperlichen Schmerz; dazu litt ich an
qulendem Herzweh und hatte nur noch den einen brennenden Wunsch: ein
Kind.

Dieses Verlangen allein bewog mich immer wieder, zu gehorchen, mich
hinzugeben, zu leiden und zu schweigen.

Nun erst erkannte ich, da es nicht die rechte Liebe war, die mich mit
Benno verband. Wohl war ich ihm dankbar fr das, was mir die erste Zeit
hindurch als Leidenschaft und Liebe erschien. Dazu kam die Hoffnung, da
bald Stille auf den Sturm eintrete und mit der angenehmen Ruhe der
Gemter auch das Glck zu mir kme. Auch hatte ich viel religises
Empfinden und hielt es mit den Gattenpflichten im Gefhl meiner
erhabenen Berufung zur Mutterschaft genau.

Nun aber drang Zweifel um Zweifel an dieser Berufung auf mich ein, und
ich begann mir einzureden, da meine Heirat nicht von Gott gewollt und
gesegnet sei. Und ich suchte durch ein frommes Leben den Himmel zu
vershnen und hielt neuntgige Andachten zur Mutter Gottes und verlobte
mich zu unserer lieben Frau von Birkenstein, wenn sie mir die Gnade
erwirkte, da ich Mutter wrde.

Besonders am Feste Mari Lichtme betete ich mit groer Andacht und
empfing auch die Sakramente in der Meinung, da Gott mir meinen
Herzenswunsch erflle.

Mein Vertrauen auf die Hilfe Gottes war um so grer, als ich schon
etliche Tage vor Lichtme infolge eines eingetretenen natrlichen
Zustandes nach langem Bitten bei meinem Gatten erreicht hatte, da er
mir fr kurze Zeit die Ruhe und Schonung gewhrte, deren ich mich weder
vordem noch nachher jemals erfreuen konnte.

Etliche Wochen spter fhlte ich denn auch wirklich allerlei Anzeichen,
die mir Gewiheit darber boten, da Gott mir meinen Wunsch erfllt
habe.

Von diesem Augenblick an begann ich meinen Gatten zu liebkosen und ihm
alles zu gewhren. Ich kochte ihm seine Leibgerichte, fertigte ihm
allerlei Dinge, von denen ich meinte, da sie ihn freuen wrden, und
suchte auf alle Weise ihm unser Heim lieb und wert zu machen.

Er aber hatte es anders im Kopf und wollte nun alle Welt das zu
erwartende Glck sehen und bereden lassen und empfand stets die grte
Freude, wenn in Wirtshusern und Brukellern irgend ein Geschftsfreund
oder Zechkumpan mit schamloser Deutlichkeit auf meinen Zustand hinwies.
Herausfordernd stellte er mich mitten in den Kreis solcher Gesellen und
hatte kein Ohr fr meine lauten Bitten und Klagen.

Schon zu Zeiten meiner Kindheit und Jugend war mir das Wirtshauswesen
oft zu einer schier unertrglichen Last geworden; darum war es nicht
verwunderlich, da ich jetzt, zumal in diesem mir wunderbar und fast
heilig vorkommenden Zustande, viel lieber daheim in der gemtlichen
Stube geblieben wre, um in Stille und ruhiger Beschaulichkeit die
Ankunft des Kindes vorzubereiten. Nun kam es aber fast tglich zu den
grbsten Auseinandersetzungen; denn der Benno fand seine grte Freude
und liebste Unterhaltung bei Bier und Wein und wurde darin auch von
seinen Eltern ehrlich untersttzt, die meinten, ein Ehemann msse unter
allen Umstnden der Herr im Haus bleiben, was auch komme.

So war es Pfingsten geworden, und ich begann seit etlichen Tagen auf ein
geheimnisvolles Etwas in mir zu horchen. Oft sa ich ganz still und
hielt den Atem an, um es zu spren und in innerster Seele zu hren.

Und eines Tages, es war um Johanni, vertraute ich es meinem Gatten an,
indem Trnen der Freude mir in die Augen traten.

Da sprang er auf, ri mich in der Stube herum und rief: Was sagst,
Weibi, rhrn tuat si der Bua scho! Ja, Herrgott, ds mua aber g'feiert
wer'n! Ziag di o, na fhr i di in Lw'nbrukeller! Ja, Herrgott, wer'n
d schaugn am Stammtisch!

Geh, bleib do dahoam, Benno, meinte ich und fuhr fort: Schau, dahoam
is so was vui schner und g'matlicher z'feiern! I htt di so gern fr
mi alloa ghabt und geh gar net gern furt. Geh, bleib dahoam!

Aber, wie immer, so kam es auch dieses Mal: erst ging es ans Bitten,
dann ans Streiten, und am End mute ich, wenn ich nicht einer
Mihandlung gewrtig sein wollte, zu allem ja sagen, mich ankleiden und
mitgehen.

Am Stammtisch saen schon die Freunde: etliche Sergeanten des Regiments,
bei dem der Benno gedient hatte, und die er sich durch manchen bezahlten
Rausch wohl gewogen gemacht hatte; ferner ein paar Buchhalter seines
Geschfts und etliche Leute, von denen man nicht recht wute, wovon sie
lebten und wessen Geld sie verjubelten.

In diese Gemeinde nun schleppte mich mein Gatte und rief, als wir an den
Tisch getreten waren: Servus, meine Freund! Heunt leidt's an Rausch,
heunt hat der Bua sein erschten Hupfa g'macht!

Einer der Sergeanten hatte sich bei unserm Kommen erhoben und war zu uns
getreten. Und whrend die andern nun in ihrer gewhnlichen Art die
Anrede meines Mannes belachten, fate er mich mit der Linken an der
Schulter; mit der Rechten aber fuhr er ber meinen Leib und meinte:
Schau, schau! Sch dick werd's scho, d'Haslerin! Hat's enk denn scho
gar so pressiert, da im erscht'n Jahr no d'Kindstaaf sei mua?

Ich stand wie mit Blut bergossen, und die Stimme versagte mir, dem
frechen Schwtzer zu antworten. Trnen rannen mir ber die Wangen, und
ich bat den Benno um die Hausschlssel, da ich heim knne, da ich krank
sei.

So, so, krank is mei g'schmerzte Frau Gemahlin! Bleib nur sch da; ds
werd scho wieder vergeh bei der Musi!

Und fest drckte er mich auf einen Stuhl und begann dann eifrig zu
schwatzen und zu trinken; und obschon etliche gemeint hatten, sie
wollten mich nachhause bringen, lie er dies nicht geschehen, sondern
sagte: D soll dableibn! So vui mua ma aushaltn knna! Was taten denn
andere Weiber, d wo arbatn mssn ums Tagloh'!

Erst lange nach Mitternacht kamen wir heim, nachdem mein Mann mich noch
in ein Kaffeehaus und danach zum Wein gefhrt und auch die andern dazu
eingeladen hatte.

Von da ab unterwarf ich mich seinem Willen, ohne zu bitten, und hoffte,
da alles ein Ende htte, wenn erst das Kind geboren wre.

So kam der Herbst, und meine Zeit rckte immer nher. Meine
Schwiegereltern waren zwar lngst nicht mehr lieb zu mir, doch lieen
sie es mir an nichts fehlen und fragten oft nach meinen Wnschen oder
Gelsten; denn sie hofften auf einen Buben, der dem Geschlecht der
Haslerischen einmal Ehre machen wrde.

Da war es einmal, da ich in ihrer Wohnstube sa und an einem
Kinderhemdlein nhte, whrend die Mutter eine alte Truhe mit buntem
Kinderzeug durchwhlte und allerlei Jpplein und Windeln daraus
hervorzog und vor mich hinlegte. Ich aber blickte sehnschtig und
verlangend nach dem Schreibtisch, wo eine Anzahl schner pfel in eine
Reihe geordnet lagen; doch getraute ich mir nicht, von der
Schwiegermutter einen zu erbitten, da sie schon dem Benno, als er einen
nehmen wollte, mit strengen Worten sein Tun verwiesen hatte; denn sie
war nicht freigebig.

Je lnger ich nun hinsah, desto mehr gelstete es mich nach einem der
pfel, und endlich kam mir ein guter Gedanke. Ich stand auf und ging
hinaus in das Holzlager zum Schwiegervater, der eben einen uralten
Wiegenkorb mit himmelblauer Farbe strich.

Vater! rief ich.

Was isch' denn? antwortete er, ohne aufzusehen.

I mcht was!

Was willsch' denn?

Was Runds.

Ja was! Eppe gar 'n Taler? Und gespannt blickte er von seiner Arbeit
auf mich.

Naa, Vater, a Kugel is!

A Kugel? -- a Kugel? -- Mdla, sell ka i mir it denka! Da muat m'r
scho helfa roata!

Lachend nahm ich ihn bei der Hand und fhrte ihn hinein und vor den
Schreibtisch.

Ja da schau her! rief der Alte jetzt und nahm einen der Apfel, dias
isch also die Kugel! Na die sollsch' haba!

Schon wollte er mir den Apfel geben; da fiel ihm die Mutter in den Arm:
Was, grad von d schnsten oan!

Aber ungeachtet dieses Widerspruchs gab er mir ihn doch und meinte: La
dir'n nur guat schmecka! 's isch viel g'scheiter e g'schenkter groer,
als e g'stohlener kloiner! Wia leicht knnt's Kindle 's Stehla lerna
scho im Mutterleib!

Da gab sich die alte Frau zufrieden, und ich verzehrte den Apfel mit
groem Behagen.

Etliche Tage spter kaufte der Haslervater einen Korb voll Trauben und
schenkte sie mir, indem er sagte: Dia muat alle essa, da d' e saubers
Kindle kriagsch'!

Der Oktober ging seinem Ende zu, und ich richtete alles her, dessen man
zum Empfang eines Kindleins bedarf, und stellte die gemalte und von der
Haslermutter mit geblumten Vorhngen geschmckte Wiege in die
Schlafstube und rckte die Ehebetten auseinander.

Am Allerheiligentag schon in aller Frh ziehen die Soldaten unter
klingendem Spiel in die Kirche, das Namensfest unseres Regenten zu
feiern, und aus allen Fenstern fahren die Kpfe, und ein jedes freut
sich der Musik.

Als damals in der Frh die Bller krachten und die Soldaten sich
rsteten zum Fest, da rief ich dem Benno, der noch schlief, aus meinem
Bette zu: Benno, geh hol ma d' Frau Notacker, i glaab, es werd was.

Erschreckt fuhr mein Gatte aus dem Bett und in die Hosen; in der Eile
aber brachte er das vordere Teil nach hinten, und ich mute ber den
komischen Anblick trotz meiner Schmerzen herzlich lachen.

Unter vielen ngsten, und nachdem er alles Erdenkliche angestellt hatte,
seinen Hut verloren und sein Rad im Haus der Hebamme hatte stehen
lassen, brachte er endlich die schon sehnlich Erwartete.

Geschftig packte sie ihre groe Tasche aus, bei welcher Arbeit ich ihr
ngstlich zusah; denn ich konnte es immer noch nicht glauben, da das
Kind ohne jede Beihilfe von Messer oder Schere, ohne Leibaufschneiden
hervorkommen knne.

Nachdem sie ihre Sachen geordnet und mein Bett zurechtgemacht hatte,
sagte sie: So, Herr Hasler, jatz lassn S' an etlichs Paar Bratwrscht
holn und a Flaschn Rotwei; d'Frau Hasler braucht a Kraft!

Eilig lief der Benno, das Befohlene zu holen, und inzwischen kamen die
Haslerischen und fragten, wie weit es noch wre.

A paar Stund no, erwiderte die Hebamme und fgte lachend bei: Was
leidt's denn, wenn i an Bubn hol?

Sell kriagn ma na scho, Frauli! antwortete der Vater, und die Mutter
meinte: D'Hauptsach is, da alls guat geht, ebbas werd's scho sei!

Um Mittag bemchtigte sich meiner eine groe Unruhe, so da ich aufstand
und mich etwas ankleidete. Dann ging ich ans Fenster und sah hinab auf
die vielen Menschen, die zur Parade gingen. Deutlich hrte ich das
Wirbeln der Trommeln und hoffte, das Militr bei uns vorbeiziehen zu
sehen, weshalb ich das Fenster ffnete, whrend mein Gatte sich lebhaft
mit der Frau Notacker unterhielt.

Da fhlte ich pltzlich ein starkes Anstemmen des Kindes, und zugleich
hatte ich das Gefhl, als msse ich zerspringen.

Frau Notacker, i moan, jatz ... mehr brachte ich nicht mehr heraus.

Drunten zog die Regimentsmusik vorbei mit Pauken und Trompeten, und
Kinder jubelten und pfiffen; da mischte sich ein kreischendes Stimmlein
in die Klnge des Militrmarsches -- ich hatte einen Buben.

Nun herrschte Lust und Freud im Hause und ward die Taufe mit groem Pomp
gefeiert und gab man dem Buben nach seinem Grovater die Namen Johannes
Magnus.

                   *       *       *       *       *

Ich eile nun, zum Ende zu kommen; denn die letzten meiner Erinnerungen
sind so traurig und peinlich, da es der Leser mir nicht bel vermerken
mge, wenn ich gewisse Zeitpunkte berspringe und in gedrngter Form die
letzten Schicksale erzhle.

Diese Ehe war so unglcklich, da ich noch jetzt mich bedenke, ob nicht
wirklich der Fluch, den meine Mutter mir am Hochzeitsmorgen zum Geleit
mitgab, mit also furchtbarer Macht seine Wirkung whrend meiner ganzen
Ehe bte, und ob nicht doch jene Klosterfrau, als sie mich warnte,
wieder in die Welt zurckzukehren, von Gott begnadet war, das Schicksal
vorauszusehen, welches mich herauen erwartete.

Und, seltsam, gerade einige Tage nach der Geburt meines ersten Kindes
traf ein Brief von ihr ein, in dem sie mir die Versicherung gab, meiner
niemals im Gebete zu vergessen, und mich ermahnte, auch im tiefsten Leid
und Unglck nicht zu verzagen, denn Gottes Hand mchte vielleicht mich
strafen, da ich damals nicht mein Leben ihm geopfert.

Spter einmal, als ich ihr die Geburt eines Mdchens berichtete, bat sie
mich, es recht gut zu erziehen; denn, meinte sie, vielleicht bringt es
einmal dem Herrn das Opfer, das ich ihm ehemals verweigert.

                   *       *       *       *       *

Ich war in den letzten Wochen vor der Niederkunft im Gesicht recht alt
und fleckig geworden und mute daher manches bittere Wort vom Benno
hren. Nun aber blhte ich sichtbar auf, und schon nach drei Wochen war
ich wieder so verjngt, da mein Gatte aufs neue in heftiger
Leidenschaft entbrannte und allen Vorstellungen zum Trotz mit Gewalt
jene Schranke niedertrat, die eine weise Natur einer jeglichen Mutter,
sogar den Tieren aufrichtet. Vergeblich wies ich ihm den Kleinen, wenn
er sich an meiner Brust sttigte und flehte: Geh, nimm do dein' Buam
net sei Nahrung! La mi do in Fried! Schau, i bin no krank!

Aber seine Sinne begehrten, und da mute der Verstand schweigen. So kam
es, da ich nach wenig Monaten aufs neue Mutterhoffnungen fhlte.

Bald begann ich zu krnkeln, und mit der Gesundheit schwand mein guter
Humor, und ich wurde zur gealterten Frau, die vom Leben nichts mehr
hofft.

Unsere Huslichkeit bot weder Frieden noch Behagen; der Benno sah wohl,
was er getan, hatte aber doch kein Einsehen. Am Tage gab es Streit, und
am Abend suchte er alles Trbe und Miliche in Leidenschaft zu
ersticken.

Meine Schwiegereltern beklagten sich bitter ber diese Zustnde und
schoben die Schuld auf meine Nachgiebigkeit und meinen Leichtsinn. Darob
ward ich recht erbittert und mied sie von nun an.

Meine Eltern hatten schon bald nach meiner Heirat sich mit den
Haslerischen verfeindet, und ich durfte deshalb lngst nicht mehr zu
ihnen gehen, wenn ich nicht eines Auftritts mit Benno gewrtig sein
wollte. Nun aber war das Verlangen nach der Mutter so stark in mir, da
ich alles verga und mich aufmachte und zu ihr ging.

Als ich sie in der Kche begrte, fragte sie nach kurzem ' Gott, was
ich wolle. Da berichtete ich ihr schluchzend mein Unglck und bat sie um
Trost.

So, war i jatz guat gnua zum trsten! Ds g'schieht dir grad recht,
wenn's dir schlecht geht; du httst es aushaltn knna dahoam! Was geht
mi dei Elend o! Geh zu d Haslerischen, ds san jatz deine Leut! Mach
nur, da d' ma weiter kommst!

Da sagte ich nichts mehr und ging, und begab mich zu fremden Leuten,
ihnen mein Leid zu klagen. Wie wohl taten mir da die Worte des Beileids
und des Trostes, obgleich ich wute, da sie nicht von Herzen kamen, und
ich nachher in allen Milch- und Kramerlden durchgehechelt und
ausgerichtet wurde.

Mein Gatte hatte sich in der letzten Zeit immer mehr dem Trunk ergeben
und kam oft nchtelang nicht nach Hause, um dann bei dem geringsten
Anla zu wten und mich zu mihandeln.

Um Weihnachten dieses Jahres fhlte ich, da meine Stunde da sei, und
ging daher zu meiner Schwiegermutter und bat sie, den Buben, der schon
seit Wochen an schwerem Keuchhusten krank lag, etliche Tage in Pflege zu
nehmen. Sie versprach es gerne und war auch sonst freundlich, wofr ich
ihr von Herzen dankte.

Am ersten Weihnachtstag kam ein junger, verlebt aussehender Mensch und
begehrte den Benno. Ich rief ihn hinaus, und er erkannte in dem Fremden
einen Schulkameraden und Freund, der inzwischen in Hamburg Kaffeehndler
und ein reicher Mann geworden war. Hocherfreut lud er ihn ein, und
nachdem er mir noch befohlen, ein festliches Essen zu bereiten, ging er
mit dem Besuch zum Frhschoppen.

Ich hatte zum Glck allerlei Vorrat und richtete ein gutes Mahl.

Schon whrend des Kochens hatten leichte Wehen mir das Nahen meiner
Stunde angezeigt; nun aber wurden sie strker, und ich begann mich recht
zu ngstigen, da es schon zwei Uhr war und mein Mann mit dem Besuch noch
immer nicht kam. Ich lief zu einer Nachbarin und bat, sie mge mir die
Frau Notacker holen. Bis diese kam, richtete ich die Schlafstube und
wollte den Buben zu seiner Gromutter tragen, doch schlief er, und ich
lie ihn liegen.

Gegen fnf Uhr erschien die Hebamme und meinte, es sei noch zu frh; vor
dem nchsten Tag knne man nicht auf das Kind rechnen. Sie ging also
wieder mit dem Bemerken, sie sehe gegen neun Uhr abends noch einmal
vorbei.

Kurz nach sechs Uhr kam der Benno allein heim und verlangte sogleich mit
groben Worten zu essen. Ich machte ihm Vorwrfe, da er mich umsonst mit
dem Kochen noch so geplagt htte, und da meine Zeit da sei und ich
niemand htte, der mir beistehe. Mit rohen Schimpfworten verbat er sich
mein Gejammer und verlangte Wein, obschon er stark betrunken war. Ich
gab ihm eine Flasche; denn ich frchtete ihn sehr in solchen
Rauschzustnden. Dann ging ich in die Schlafstube, wo der Kleine eben
wieder zu husten begann. Ich hob ihn auf und wickelte ihn frisch ein,
wobei mein Krper von heftigen Wehen erschttert wurde. Da bekam der
arme Bub einen der furchtbaren Anflle, und ich glaubte, er msse
ersticken; doch ging es vorber, und ermattet lag er nun in meinem Arm.
Ich bettete ihn wieder in die Wiege und ging hinaus zum Benno, ihm ber
das Kind zu berichten. Er hrte teilnahmslos zu und sagte dann kurz: I
geh auf d'Nacht no furt!

Ich erwiderte nichts und wollte den Tisch abrumen, whrend er ein
Pcklein unzchtiger Photographien aus der Tasche zog und betrachtete.
Pltzlich suchte er mich in erwachendem Begehren zu sich auf das Sofa zu
ziehen. Unsanft stie ich ihn von mir weg und verwies ihm seine
Unvernunft.

In dem Augenblick hrte ich meinen Buben weinen und ging zu ihm an die
Wiege und beugte mich ber das Bettlein, ihn mit leisen Worten zu
beruhigen.

Da fhle ich pltzlich von rckwrts wie eine eiserne Klammer einen Arm
um meinen Leib und fhle, wie der Benno mich fest in das Bettlein drckt
und sein Eherecht ausbt. Verzweifelt suche ich mich seiner zu erwehren,
und es gelingt mir wirklich fr den Augenblick. Da packt ihn eine
rasende Wut, und unter den grbsten Schmhungen zerrt er mich an den
Haaren herum, wirft mich zu Boden, tritt sein eigen Fleisch und Blut mit
Fen und versucht, mich zu erwrgen.

Auf mein lautes Hilfegeschrei strzen Leute aus den Nachbarswohnungen
herbei, man sprengt die Tr, und alle fallen ber den sich wie besessen
Gebrdenden her.

Auch sein Vater kam, und es geschah nun etwas, was mich noch heute
erstaunt: Der alte Hasler fate seinen Sohn vor all den Nachbarn am
Genick, setzte ihn auf einen Stuhl, gab ihm ein paar tchtige Ohrfeigen
und stie ihn sodann mit groer Gewalt zur Tr hinaus. Dies alles tat er
ohne ein Wort; dann aber kehrte er sich an die Anwesenden und fragte
grollend: Hat no wer was verlora da herinne? worauf sie alle
verschwanden.

Nun trat er zu mir; ich lehnte erschpft an meinem Bett und bat um die
Hebamme. Ohne ein Wort ging er, und schon nach einer halben Stunde
brachte er sie mit.

In derselben Nacht gebar ich ein Mdchen und lag danach an die sechs
Wochen im Kindbettfieber.

Seit diesem Vorfall mute sich mein Mann sein eheliches Recht stets
erzwingen; denn ich hatte alle Zuneigung zu ihm verloren und frchtete
ihn sehr. Trotzdem wurde ich noch viermal Mutter whrend dieser Ehe.

                   *       *       *       *       *

Bald nach dem dritten Kinde begannen auch Wohlstand und Glck von uns zu
weichen. Mein Mann hatte durch seine Trunksucht alles das eingebt, was
man sonst an ihm schtzte; auch lie er sich in seiner Stellung allerlei
zuschulden kommen und wurde schlielich entlassen. Seine Eltern waren
darber so erbittert, da sie uns aus dem Haus jagten.

Wir zogen also um, und der Benno bernahm selber ein Geschft. Es ging
uns auch etliche Zeit wieder gut, und ich hatte Hoffnung, da alles
wieder recht wrde, obschon ich nun dauernd krnkelte, da die Geburten
meines vierten und fnften Kindes Totgeburten und sehr schwer gewesen
waren.

Nun war das sechste Kind auf dem Wege, und kurz vor Weihnachten kam ich
in die Wochen.

Mein Mann hatte um diese Zeit aufs neue ein wstes Leben begonnen und
sa oft Tag und Nacht im Weinhaus. Kam er dann nach Hause, prgelte er
mich und die Kinder und zerschlug alles, was ihm gerade in die Hnde
kam.

Am Tage nach der Geburt dieses Kindes kam gegen Abend ein Freund meines
Gatten und hatte mit ihm eine Unterredung, die sehr erregt schien; denn
der Besuch ging nach kurzem Wortwechsel ohne Gru, und der Benno schlug
krachend hinter ihm die Tre zu. Ich rief ihn zu mir in die Schlafstube,
doch kam er nicht und ging bald darauf fort, ohne sich von mir zu
verabschieden.

Zwei Tage und eine Nacht blieb er weg und kam erst am heiligen Abend
gegen neun Uhr heim. Ich erschrak heftig bei seinem Anblick; seine
Kleider waren zerrissen und beschmutzt, sein Gesicht aufgedunsen und
verzerrt, die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, und die stieren,
blutunterlaufenen Augen blickten gierig und lstern nach mir.

Ich sa wie versteinert aufrecht in meinem Bett, als er mit dem
zrtlichen Gru zu mir trat: Servus, Weibi; du bist aber sauber! Geh,
la mi eini zu dir!

Bittend hob ich die Hnde und sagte: Was hast denn, Benno; woat denn
net, da ma r a kloans Deanderl kriagt ham! Jatz konnst do net zu mir!
Gel, Benno, du verstehst mi scho!

Aber er verstand mich nicht mehr. Rasch ri er seine Kleider ab und
wollte zu mir, indem er mir alle erdenklichen Gensse versprach.

Flehend setzte ich ihm nochmals die Unvernunft seines Begehrens
auseinander, doch vergebens. Er fiel ber mich her, und ich mute alle
Kraft daran setzen, mich seiner zu erwehren. Endlich gelang es mir, aus
dem Bett zu entkommen, und eilig schlpfte ich in meinen Unterrock und
lief aus dem Zimmer.

Da hre ich pltzlich meine Kinder aufkreischen. Ich eile in ihre
Schlafstube und sehe nun, wie der Benno mit gezcktem Stilet drinnen
herumtanzt und nach der Melodie des Schfflertanzes vor sich hinsingt:

Hi mat's sei! Daschtecha tua r i enk! Alle mat's heunt hi sei!

Er sieht mich gar nicht, wie ich die Kinder aus ihren Bettlein reie und
das Kleinste aus der Wiege; tanzend zertrmmert er alles, was im Zimmer
ist und singt dazu.

Also flchteten wir uns barfu und fast unbekleidet hinaus in den
Schnee, und weinend hingen sich die Kinder an mich. Zitternd wankte ich
vorwrts, und das Blut rann mir gleich einem Bchlein ber die Fe und
zeigte die Spur meiner Schritte.

Freundliche Nachbarn nahmen uns auf und veranlaten auf der
Polizeiwache, da man den Wtenden bndigte und nach der psychiatrischen
Klinik verbrachte.

Ein schweres Fieber folgte auf diese Nacht, und ich kmpfte lange mit
dem Tod.

Als ich mich wieder besser fhlte, nahm ich mit vielem Dank Abschied von
den guten Leuten und begab mich wieder in meine Wohnung. Hier erwartete
mich neuer Schreck: die Mbel waren alle mit dem Siegel des Gerichtes
versehen und gepfndet. Etliche Briefe, die ich im Kasten fand, klrten
mich auf. Der Benno hatte, ohne da ich es wute, sein volles Vermgen
und dazu mein ganzes Heiratsgut einem Freund, der Baumeister war,
geliehen, und dieser war bankerott geworden. Er hatte anscheinend schon
davon gewut und war vielleicht auch durch den Verlust dieser
fnfzigtausend Mark um seinen Verstand gekommen. Nun hatten unsere
Lieferanten und auch der Hausherr zu Neujahr keine Bezahlung mehr
erlangt, weshalb sie, da sie auch keine Antwort auf ihre Mahnungen
erhielten, endlich zur Pfndung schritten. Die Hausverwalterin hatte die
Schlssel meiner Wohnung an jenem Abend von einem Schutzmann erhalten
und ffnete, als der Gerichtsvollzieher kam.

Nur weniges verblieb mir; zum Glck hatte man mir einen kleinen Schrank
mit Kinderwsche gelassen, in dem auch meine Schmucksachen verwahrt
lagen. Nun konnte ich wenigstens so viel Geld dafr bekommen, da ich
die Kinder bei fremden Leuten in Pflege zu geben und mir ein kleines
Stblein zu halten vermochte. Das Ringlein meines Vaters aber opferte
ich im Herzogspital der Mutter Gottes.

Dies war in der Zeit des Faschings; auch der Schfflertanz traf auf
dieses Jahr und fllte die Taschen der Tnzer.

Um diese Zeit ging ich zu meiner Mutter und klagte ihr meine groe Not
und bat sie um einiges Geld, damit ich mir etliche Mbelstcke wieder
auslsen knnte; denn der Hausherr hatte sich Verschiedenes behalten,
indem er mir versprach, er wolle mir das gegen Bezahlung meiner
Zinsschuld von sechzig Mark wiedergeben.

Wortlos hrte die Mutter mir zu. Als ich geendet, sagte sie: I kann dir
net helfa! I hab selber no Schuldn beim Bru. Geh zu d Haslerischen, d
san reicher wia i. brigens freuts mi, da si mei Wunsch erfllt hat;
recht schlecht soll's dir geh, weil's du's net aushalten hast knna
dahoam!

Dann rief sie den Vater aus der Schenke und sagte: Gel Josef, mir
knnen ihr nix gebn, weil ma selber nix habn wia Schuldn! worauf der
Vater sich erst rusperte, dann halblaut wiederholte: Naa, nix knna ma
toa, mir habn selber Schuldn!

Traurig ging ich nun zu meinen Schwiegereltern. Diese versprachen mir,
fr den Buben zu sorgen. Mehr konnten auch sie nicht helfen, da sie, wie
ich jetzt erst erfuhr, dem Benno whrend des letzten Jahres etliche
tausend Mark gegeben hatten, die er, ohne mir davon zu sagen, vertan
hatte.

Also begann ich am andern Tag mir Arbeit zu suchen. Ich las auch die
Zeitung; da fiel mein Blick auf eine Notiz ber den Schfflertanz, und
ich entnahm ihr, da derselbe am 20. Februar auch vor dem Hause des
Gastwirts Zirngibl aufgefhrt wrde.

Trotz der groen Bitterkeit, die in mir aufstieg, als ich an die Kosten
eines solchen Tanzes, die zum mindesten an die hundert Mark betragen,
dachte, konnte ich es doch nicht unterlassen, mich andern Tags unter die
Menge der Zuschauer zu mischen.

Da sah ich, wie sie alle, der Vater, die Mutter, die Stiefbrder und
auch das Gesinde, an den Fenstern standen und mit vergngten Mienen und
strahlendem Lcheln fr die Hochrufe dankten und die Mutter eine Hand
voll Silberstcke in die Mtze des Meisters warf, whrend sie den Tag
vorher ihr Kind hungern sah, ohne zu helfen.

Ich suchte also Arbeit und fand auch solche; doch nicht lange dauerte
es, da konnte mein geschwchter Krper dieselbe nicht mehr leisten, da
ich, um den Kindern das ihre geben zu knnen, oft hungern mute. Am End
war ich erschpft und mute meine Stellung aufgeben.

Nach kurzer Zeit war auch der Rest meines Geldes verbraucht; und da ich
das Kostgeld fr meine Kinder nicht mehr aufbringen konnte, setzte man
sie mir eines Tages im Winter vor die Tr.

Da fand sich ein Baumeister, der mir in seinem Neubau umsonst Wohnung
bot.

Ich band meine Habe samt den Kindern auf einen Karren und zog dahin. Ein
alter, brotloser Mann, dem ich frher Gutes getan hatte, half mir dabei.

Das Haus war noch ganz neu, und das Wasser lief an den Wnden herab; wir
schliefen auf dem Boden und bedeckten uns mit alten Tchern und krochen
zusammen, damit wir nicht gar zu sehr froren.

Einige leichtere Schreibarbeiten schtzten uns vor dem Verhungern,
wenngleich unser tgliches Mahl in nichts weiter bestand, als in einem
Liter abgerahmter Milch und einem Suppenwrfel, aus dem ich nebst einem
Ei und etwas Brot eine Suppe fr die Kinder bereitete. Ich selber a
fast nichts mehr und war so elend und krank, da ich mehr kroch als
ging.

Eines Tages erfuhren wir, da mein Gatte in der Kreisirrenanstalt
untergebracht worden sei, da eine Geisteskrankheit ihm dauernd das Licht
des Verstandes genommen hatte.

Nach einem Monate solch jammervollen Lebens war auch die Gesundheit
meiner Kinder dahin. Hustend und weinend hingen sie an mir, whrend
Fieberschauer mich schttelten.

Oft war die Versuchung in mir aufgestiegen, dem Leben ein Ende zu
machen; oft hatte ich am Abend den Hahn der Gasleitung zwischen den
Fingern; doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lie mich das nicht
vollbringen, was die Verzweiflung mir eingab.

Mitleidige Menschen machten endlich den Armenrat des Bezirks auf mein
Elend aufmerksam, worauf die Gemeinde fr uns sorgte, indem sie die
Kinder einer Anstalt bergab, whrend ich im Krankenhaus Erlsung aus
aller Trbsal erhoffte.

Doch das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, da ich nicht
das sei, wofr ich mich so oft gehalten, eine berflssige.


           Umschlag- und Einbandzeichnung von Alphons Woelfle

                  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
       Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niesern bei
                                 Pforzheim
          Einbnde von E. A. Enders. Grobuchbinderei, Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Am Ende von Seite 119 heit es: ... von einer meiner Basen, ..., aber
wre dem Kontext nach logischer: ... von einer seiner Basen, ... Dies
wurde wie im Original belassen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonstige
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 173]:
   ... an Kartoffisalat, an grean und rote Ruanb; heut trifft ...
   ... an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft ...

   [S. 222]:
   ... vergoldeten Spiegel das Schlafzimmers und besah ...
   ... vergoldeten Spiegel des Schlafzimmers und besah ...

   [S. 253]:
   ... Hasler dir Glser voll und mit herzlichen Worten ...
   ... Hasler die Glser voll und mit herzlichen Worten ...






End of Project Gutenberg's Erinnerungen einer berflssigen, by Lena Christ

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ERINNERUNGEN EINER BERFLSSIGEN ***

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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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