The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm

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Title: Aquis Submersus

Author: Theodor Storm

Release Date: September, 2005  [EBook #8889]
[This file was first posted on August 21, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: US-ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***




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Aquis submersus

Theodor Storm

Novelle (1876)


In unserem zu dem frueher herzoglichen Schlosse gehoerigen, seit
Menschengedenken aber ganz vernachlaessigten "Schlossgarten" waren
schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzoesischen Stile
angelegten Hagebuchenhecken zu duennen, gespenstischen Alleen
ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blaetter tragen,
so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Baeume nicht verwoehnt, sie
gleichwohl auch in dieser Form zu schaetzen; und zumal von uns
nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
treffen sein.  Wir pflegen dann unter dem duerftigen Schatten nach
dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhoehe in der
nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
Wege steht.

Die meisten moegen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
Gruen der Marschen und darueberhin an der Silberflut des Meeres zu
ergoetzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
schwimmt; meine Augen wenden unwillkuerlich sich nach Norden, wo,
kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem hoeher
belegenen, aber oeden Kuestenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
von den Staetten meiner Jugend.

Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzaehlige Male sind wir am
Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
Sonntagabend oder montags frueh zu unserem Nepos oder spaeter zu
unserem Cicero nach der Stadt zurueckzukehren.  Es war damals auf
der Mitte des Weges noch ein gut Stueck ungebrochener Heide uebrig,
wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte.  Hier summten
auf den Blueten des duftenden Heidekrauts die Immen und weissgrauen
Hummeln und rannte unter den duerren Stengeln desselben der schoene
goldgruene Laufkaefer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
sonst zu finden waren.  Mein ungeduldig dem Elternhause
zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen traeumerischen
Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um
desto munterer vorwaerts, und bald, wenn wir nur erst den langen
Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon ueber dem
dunkeln Gruen einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
Fensterscheiben auf die bekannten Gaeste hinabgruesste.

Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fuenf Quartier auf der
Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung.  Nur
die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stueck oberhalb des
bemoosten Strohdaches rauschen liess, war gleich dem Apfelbaum des
Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.

Der Hauptschauplatz unserer Taten war die grosse "Priesterkoppel",
zu der ein Pfoertchen aus dem Garten fuehrte.  Hier wussten wir mit
dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
Grauammern aufzuspueren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
gefaehrlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstuempfen dicht
umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Kaefer, die wir
"Wasserfranzosen" nannten, oder liessen wir ein andermal unsere
auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
Walnussschalen und Schachteldeckeln schwimmen.  Im Spaetsommer
geschah es dann auch wohl, dass wir aus unserer Koppel einen Raubzug
nach des Kuesters Garten machten, welcher gegenueber dem des
Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
wir hatten dort von zwei verkrueppelten Apfelbaeumen unseren
Zehnten einzuheimsen, wofuer uns freilich gelegentlich eine
freundschaftliche Drohung von dem gutmuetigen alten Manne zuteil
wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
in deren duerrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
auf allen Waellen standen, spuere ich noch heute in der Erinnerung,
wenn jene Zeiten mir lebendig werden.

Doch alles dieses beschaeftigte uns nur voruebergehend; meine
dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
nicht etwa die Roehrenbauten der Lehmwespen, die ueberall aus den
Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
Tierchen zu beobachten; ich meine den viel groesseren Bau der alten
und ungewoehnlich stattlichen Dorfkirche.  Bis an das Schindeldach
des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
und beherrschte, auf dem hoechsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
die weite Schau ueber Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
Anziehungskraft fuer mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
der ungeheure Schluessel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
stammen schien, erregte meine Phantasie.  Und in der Tat erschloss
er auch, wenn wir ihn gluecklich dem alten Kuester abgewonnen hatten,
die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine laengst
vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
aufblickte.  Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
uebermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
Antlitz mit Blute ueberrieselt waren; dem zur Seite an einem
Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
Teufelsfratzen sich hervorzudraengen schienen.  Besondere Anziehung
aber uebte der grosse geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
des Gekreuzigten Mantel wuerfelten, bekam man draussen im
Alltagsleben nicht zu sehen; troestlich damit kontrastierte nur das
holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie haette
leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
koennen, wenn nicht ein anderes mit noch staerkerem Reize des
Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen haette.

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
eines schoenen, etwa fuenfjaehrigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
besetzten Kissen ruhend, eine weisse Wasserlilie in seiner kleinen
bleichen Hand hielt.  Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
Grauen des Todes, wie huelfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
diesem Bilde stand.

Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
Holzrahmen ein finsterer, schwarzbaertiger Mann in Priesterkragen
und Sammar.  Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schoenen
Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
des Kindes eine naehere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
selbst aus dem duesteren Antlitz des Vaters, das trotz des
Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.

--Nach solchen Studien in dem Daemmerlicht der alten Kirche
erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da
aber die Kuesterei an derselben Altersschwaeche litt, so wurde
weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
trotzdem die Raeume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
rechts, im Sommer die groessere links vom Hausflur, wo die
aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
Mahagoniraehmchen an der weissgetuenchten Wand hingen, wo man aus dem
westlichen Fenster nur eine ferne Windmuehle, ausserdem aber den
ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
Schein verklaerte und dann das ganze Zimmer ueberglaenzte!  Die lieben
Pastorsleute, die Lehnstuehle mit den roten Plueschkissen, das alte
tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart.  Nur eines
Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
welch eine Vergangenheit an diesen Raeumen hafte, ob nicht
gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmuetig
holden Sage den duesteren Kirchenraum erfuellte.

Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, dass ich am
Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
jetzt entgangen waren.

"Sie lauten C.  P.  A.  S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
"aber wir koennen sie nicht entraetseln."

"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
nimmt man das Geruecht zu Huelfe, so moechten die beiden letzten
Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
woertlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
vorangehenden C.  P.  waere man dann noch immer in Verlegenheit!
Der junge Adjunktus unseres Kuesters, der einmal die Quarta
passiert ist, meint zwar, es koenne Casu periculoso--'Durch
gefaehrlichen Zufall'--heissen; aber die alten Herren jener Zeit
dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall
nicht nur bloss gefaehrlich."

Ich hatte begierig zugehoert.  "Casu" sagte ich; "es koennte auch
wohl 'Culpa' heissen?"

"Culpa?" wiederholte der Pastor.  "Durch Schuld?--aber durch wessen
Schuld?"

Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"

Der gute Pastor war fast erschrocken.  "Ei, ei, mein junger Freund",
sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich.  "Durch Schuld
des Vaters?--So wollen wir trotz seines duesteren Ansehens meinen
seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen.  Auch wuerde er
dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."

Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
ein Geheimnis der Vergangenheit.

Dass uebrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; dass
aber Sachverstaendige in dem Maler einen tuechtigen Schueler
althollaendischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
jetzt erst durch den Vater meines Freundes.  Wie jedoch ein solcher
in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
wie er geheissen habe, darueber wusste auch er mir nichts zu sagen.
Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
Malerzeichen.

Die Jahre gingen hin.  Waehrend wir die Universitaet besuchten, starb
der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte spaeter
ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
dass ich fuer den Sohn eines Verwandten ein Schuelerquartier bei
guten Buergersleuten zu besorgen hatte.  Der eigenen Jugendzeit
gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
Strassen, als mir an der Ecke des Marktes ueber der Tuer eines alten
hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
fiel, die verhochdeutscht etwa lauten wuerde:

Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
Also sind auch die Menschenkind.

Die Worte mochten fuer jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
mir einen Heissewecken bei dem dort wohnenden Baecker geholt hatte.
Fast unwillkuerlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
sich hier ein Unterkommen fuer den jungen Vetter.  Die Stube ihrer
alten "Moeddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt haetten, habe seit
Jahren leer gestanden; schon lange haetten sie sich einen jungen
Gast dafuer gewuenscht.

Ich wurde eine Treppe hinaufgefuehrt, und wir betraten dann ein
ziemlich niedriges, altertuemlich ausgestattetes Zimmer, dessen
beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geraeumigen
Marktplatz hinausgingen.  Frueher, erzaehlte der Meister, seien zwei
uralte Linden vor der Tuer gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schoene
Aussicht ganz verdeckt haetten.

Ueber die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; waehrend
wir dann aber noch ueber die jetzt zu treffende Einrichtung des
Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
Schrankes haengendes Oelgemaelde gefallen, das ploetzlich meine ganze
Aufmerksamkeit hinwegnahm.  Es war noch wohlerhalten und stellte
einen aelteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
diejenigen aus den vornehmeren Staenden zu tragen pflegten, welche
sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
Kriegshandwerke beschaeftigten.

Der Kopf des alten Herrn, so schoen und anziehend und so trefflich
gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhaengenden
Hand eine weisse Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
laengst.  Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
zugedrueckt hatte.

"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir ploetzlich
bewusst wurde, dass der vor mir stehende Meister mit seiner
Auseinandersetzung innegehalten hatte.

Er sah mich verwundert an.  "Das alte Bild?  Das ist von unserer
Moeddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgrossonkel, der ein
Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat.  Es
sind noch andre Siebensachen von ihm da."

Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
eingeschnitten waren.

Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
der Deckel zurueck, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
vergilbte Papierblaetter mit sehr alten Schriftzuegen.

"Darf ich die Blaetter lesen?" frug ich.

"Wenn's Ihnen Plaesier macht", erwiderte der Meister, "so moegen Sie
die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
Wert steckt nicht darin."

Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu duerfen; und waehrend ich
mich dem alten Bilde gegenueber in einen maechtigen Ohrenlehnstuhl
setzte, verliess der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
doch gleichwohl die freundliche Verheissung zuruecklassend, dass seine
Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.

Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.


So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeraeth und sonstiges Gepaecke
hatte ich in der Stadt zurueckgelassen und wanderte nun froehlich
fuerbass, die Strasse durch den maiengruenen Buchenwald, der von der
See ins Land hinaufsteigt.  Vor mir her flogen ab und zu ein paar
Waldvoeglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen ueber
Nacht und noch gar frueh am Vormittage, so dass die Sonne den
Waldesschatten noch nicht ueberstiegen hatte.

Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
seinen Widerhall in meinem Herzen.  Durch die Bestellungen, so mein
theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
fiel auf mein Maentelchen mit feinem Grauwerk, und der Luetticher
Degen fehlte nicht an meiner Huefte.

Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
Gerhardus, meinen edlen grossguenstigen Protector, wie er von der
Schwelle seines Zimmers mir die Haende wuerd' entgegenstrecken, mit
seinem milden Grusse: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"

Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu frueh in die ewige
Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
auch nachmals den Kuensten und Wissenschaften mit Fleisse obgelegen,
so dass er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
wiewohl wegen der Kriegslaeufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
einer Landesuniversitaet ein einsichtiger und eifriger Berather
gewesen.  Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
aufgebessert, sondern auch durch seine fuernehme Bekanntschaft unter
dem Hollaendischen Adel es dahin gebracht, dass mein theuerer Meister
van der Helst mich zu seinem Schueler angenommen.

Meinte ich doch zu wissen, dass der verehrte Mann unversehrt auf
seinem Herrenhofe sitze, wofuer dem Allmaechtigen nicht genug zu
danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
war daheim die Kriegsgreuel ueber das Land gekommen; so zwar, dass
die Truppen, die gegen den kriegswuethigen Schweden dem Koenige zum
Beistand hergezogen, fast aerger als die Feinde selbst gehauset, ja
selbst der Diener Gottes mehrere in jaemmerlichen Tod gebracht.
Durch den ploetzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen ueberall;
manch Bauern- oder Kaethnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
Trunke suesser Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in oedem
Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine gruenen Spitzen
trieb.

Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
moechte, dass er Gab und Gunst an keinen Unwuerdigen verschwendet habe;
dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
Kriege her noch in den Waeldern Umtrieb halten sollte.  Wohl aber
tueckete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
Wulf.  Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie oefters nach meines lieben
Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
mir die schoenen Tage vergaellet und versalzen.  Ob er anitzt in
seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
vernommen, dass er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.

Indem ich diess bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
Richtsteig durch das Tannenhoelzchen geschritten, das schon dem Hofe
nahe liegt.  Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Wuerzeduft
des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbueschen
eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
zwo Reihen gewaltiger Eichbaeume, die zum Herrensitz hinauffuehren.

Ich weiss nicht, was fuer ein bang Gefuehl mich ploetzlich ueberkam, ohn
alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
Lerchensingen.  Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
fluesterte mit seinen jungen Blaettern in der blauen Luft.

"Gruess dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschoepfes, in dem, wie es
sich nachmals fuegen musste, all Glueck und Leid und auch all nagende
Busse meines Lebens beschlossen sein sollte, fuer jetzt und alle Zeit.
Das war des edlen Herrn Gerhardus Toechterlein, des Junkers Wulfen
einzig Geschwister.

Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
neunjaehrig Dirnlein, die ihre braunen Zoepfe lustig fliegen liess;
ich zaehlte um ein paar Jahre weiter.  So trat ich eines Morgens
aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
Schlafkaemmerlein eingeraeumt war, hatte mir einen Eschenbogen
zugerichtet, mir auch die Bolzen von tuechtigem Blei dazu gegossen,
und ich wollte nun auf die Raubvoegel, deren genug bei dem
Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.

"Weisst du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwaenzchen, die darfst du
ja nicht schiessen!"

Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jaehlings stille
stehn.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schuettelte wie
entsetzt ihre beiden Haendlein in der Luft.

Es war aber ein grosser Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
Baumes sass und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Voegelein
erhaschen moege.  "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
"Schiess, Johannes, schiess!"--Der Kauz aber, den die Fressgier taub
gemacht, sass noch immer und stierete in die Hoehlung.  Da spannte
ich meinen Eschenbogen und schoss, dass das Raubthier zappelnd auf
dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
Voeglein in die Luft.

Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
einander; in Wald und Garten, wo das Maegdlein war, da war auch ich.
Darob aber musste mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
Hofe sass.  In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
und da er juenger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
Herrentoechterlein ihm zu gefallen.  Doch war das schier umsonst;
sie lachte nur ueber seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
merklich runden Augen sass.  Ja, wenn sie seiner nur von fern
gewahrte, so reckte sie wohl ihr Koepfchen vor und rief.  "Johannes,
der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
des Gartens hinanzieht.

Darob, als der von der Risch dess inne wurde, kam es oftmals
zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
stark war, der Vortheil meist in meinen Haenden blieb.

Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
beklommen machte.  Auch war ein alt gebrechlich Fraeulein ihr zur
Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie liess
das Kind nicht aus den Augen und ging ueberall mit einer langen
Tricotage neben ihr.

Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
alter Widersacher.  Ich merkte allsogleich, dass er noch immer bei
seiner schoenen Nachbarin zu Hofe ging; auch dass insonders dem alten
Fraeulein solches zu gefallen schien.  Das war ein "Herr Baron" auf
alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie hoechst obligeant mit einer
widrig feinen Stimme und hob die Nase unmaessig in die Luft; mich
aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
Augen einkniff und im Gegentheile that, als saehe er auf mich herab,
obschon ich ihn um halben Kopfes Laenge ueberragte.

Ich blickte auf Katharinen; die aber kuemmerte sich nicht um mich,
sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
spoettisch stolzes Laecheln, so dass ich dachte: 'Getroeste dich,
Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
Trotzig blieb ich zurueck und liess die andern dreie vor mir
gehen.  Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darueber bruetend, wie
ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tuechtig
Haarraufen beginnen moechte, kam ploetzlich Katharina wieder
zurueckgelaufen, riss neben mir eine Aster von den Beeten und
fluesterte mir zu: "Johannes, weisst du was?  Der Buhz sieht einem
jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
wieder, eh ich mich's versah.  Mir aber war auf einmal all Trotz
und Zorn wie weggeblasen.  Was kuemmerte mich itzund der Herr Baron!
Ich lachte hell und froehlich in den gueldnen Tag hinaus; denn bei
den uebermuethigen Worten war wieder jenes suesse Augenspiel gewesen.
Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.

Bald danach liess mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
nach Amsterdam zu machen habe, uebergab mir Briefe an seine Freunde
dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
Vaters Freund.  Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
gehen, von wo ein Buerger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
nehmen wollte.

Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied.  Unten im Zimmer sass
Katharina an einem Stickrahmen; ich musste der Griechischen Helena
gedenken, wie ich sie juengst in einem Kupferwerk gesehen; so schoen
erschien mir der junge Nacken, den das Maedchen eben ueber ihre
Arbeit neigte.  Aber sie war nicht allein; ihr gegenueber sass Bas'
Ursel und las laut aus einem franzoesischen Geschichtenbuche.  Da
ich naeher trat, hob sie die Nase nach mir zu.  "Nun, Johannes",
sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen?  So kann Er auch dem
Fraeulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
traten die Junker Wulf und Kurt mit grossem Geraeusch ins Zimmer; und
sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.


Im Thorhaus drueckte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
Ranzen schon fuer mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
Eichbaeumen auf die Waldstrasse zu.  Aber mir war dabei, als koenne
ich nicht recht fort, als haett ich einen Abschied noch zu Gute, und
stand oft still und schaute hinter mich.  Ich war auch nicht den
Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
weiteren auf der grossen Fahrstrasse hingewandert.  Aber schon kam
vor mir das Abendroth ueberm Wald herauf, und ich musste eilen, wenn
mich die Nacht nicht ueberfallen sollte.  "Ade, Katharina, ade!"
sagte ich leise und setzte ruestig meinen Wanderstab in Gang.

Da, an der Stelle, wo der Fusssteig in die Strasse muendet--in
stuermender Freude stund das Herz mir still--, ploetzlich aus dem
Tannendunkel war sie selber da; mit gluehenden Wangen kam sie
hergelaufen, sie sprang ueber den trocknen Weggraben, dass die Fluth
des seidenbraunen Haars dem gueldnen Netz entstuerzete; und so fing
ich sie in meinen Armen auf.  Mit glaenzenden Augen, noch mit dem
Odem ringend, schaute sie mich an.  "Ich--ich bin ihnen
fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Paeckchen in
meine Hand drueckend, fuegte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes!  Und
du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
Gesichtchen truebe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
reden, aber da brach ein Thraenenquell aus ihren Augen, und
wehmuethig ihr Koepfchen schuettelnd, riss sie sich hastig los.  Ich
sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
Ferne hoerte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
Es war so still, die Blaetter konnte man fallen hoeren.  Als ich
das Paeckchen aus einander faltete, da war's ihr gueldner
Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
das las ich nun beim Schein des Abendrothes.  "Damit du nicht in
Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
Nacht erreichte ich die Stadt.

--Seitdem waren fast fuenf Jahre dahingegangen.--Wie wuerd ich heute
alles wiederfinden?

Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
Linden, hinter deren lichtgruenem Laub die beiden Zackengiebel des
Herrenhauses itzt verborgen lagen.  Als ich aber durch den Thorweg
gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeisser mit
Stachelhalsbaendern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
seine weissen Zaehne dicht vor meinem Antlitz.  Solch einen
Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.  Da, zu meinem
Glueck, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
traute Stimme.  "Hallo!" rief sie; "Tartar, Tuerk!" Die Hunde liessen
von mir ab, ich hoerte es die Stiege herabkommen, und aus der Thuer,
so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.

Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, dass ich lang in der Fremde
gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiss geworden, und seine
sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betruebsam auf mich
hin.  "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
beiden Haende.

"Gruess Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich.  "Aber seit wann haltet
Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gaeste anfallen gleich den
Woelfen?"

"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
hergebracht."

"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.

"Nun", sagte ich, "die Hunde moegen schon vonnoethen sein; vom Krieg
her ist noch viel verlaufen Volk zurueckgeblieben."

"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
er mich nicht zum Hof hinauf lassen.  "Ihr seid in schlimmer Zeit
gekommen!"

Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
Fensterhoehlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
gute Herr im Schloss wird helfen, seine Hand ist offen."

Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
den Weg.  "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, hoeret
mich an!  Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Koeniglichen Post
von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
koennen."

"Dieterich!" schrie ich.  "Dieterich!"

"--Ja, ja, Herr Johannes!  Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
und die Gueridons brennen an seinem Sarge.  Es wird nun anders
werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein hoeriger Mann, mir ziemet
Schweigen."

Ich wollte fragen: "Ist das Fraeulein, ist Katharina noch im Hause!"
Aber das Wort wollte nicht ueber meine Zunge.

Drueben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
kleine Kapelle, die aber, wie ich wusste, seit lange nicht benutzt
war.  Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.

Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich ueber
den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmuecke Singen kam
oben aus den Lindenwipfeln.

Die Thuer zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
trat ich ein.  Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, dass er
itzt eines andern Lands Genosse sei.  Indem ich aber neben dem
Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich ueber den Rand des
Sarges mir gegenueber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.

Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf.  "O
Johannes, seid Ihr's denn?  Ach, Ihr seid zu spaet gekommen!" Und
ueber dem Sarge hatten unsere Haende sich zum Gruss gefasst; denn es
war Katharina, und sie war so schoen geworden, dass hier im Angesicht
des Todes ein heisser Puls des Lebens mich durchfuhr.  Zwar, das
spielende Licht der Augen lag itzt zurueckgeschrecket in der Tiefe;
aber aus dem schwarzen Haeubchen draengten sich die braunen Loecklein,
und der schwellende Mund war um so roether in dem blassen Antlitz.

Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
zu danken, ihm manche Stunde genueber zu sitzen und sein mild und
lehrreich Wort zu hoeren.  Lasst mich denn nun die bald vergehenden
Zuege festzuhalten suchen."

Und als sie unter Thraenen, die ueber ihre Wangen stroemten, stumm zu
mir hinuebernickte, setzte ich mich in ein Gestuehlte und begann auf
einem von den Blaettchen, die ich bei mir fuehrte, des Todten Antlitz
nachzubilden.  Aber meine Hand zitterte; ich weiss nicht, ob alleine
vor der Majestaet des Todes.

Waehrend dem vernahm ich draussen vom Hofe her eine Stimme, die ich
fuer die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
nach einem Fusstritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
deuchte.

Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
gingen vorueber.  Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund.  Nicht lange,
so kam draussen ein einzelner Schritt zurueck; in demselben
Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
fuehlte, wie ihr junger Koerper bebte.

Sogleich auch wurde die Kapellenthuer aufgerissen; und ich erkannte
den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
und aufgedunsen schien.

"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
bezeigen; du haettest ihm wohl den Trunk kredenzen moegen!"

Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
kleinen Augen an.  "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"

Der Junker fand nicht vonnoethen, mir die Hand zu reichen; er
musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du traegst da
einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
muessen!"

"Nennt mich, wie's Euch gefaellt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
hinaustreten.  "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wisst wohl, Eueres Vaters Sohn
hat grosses Recht an mir."

Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
magst du zeigen, was du fuer meines Vaters Gold erlernet hast; und
soll dazu der Lohn fuer deine Arbeit dir nicht verhalten sein."

Ich meinete, was den Lohn anginge, den haette ich laengst
vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
wie sich's fuer einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fuer
Arbeit er mir aufzutragen haette.

"Du weisst doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
verlaesst, so muss ihr Bild darin zurueckbleiben."

Ich fuehlte, dass bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
denn, Junker Wulf?"

"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
"dass du das Bildniss der Tochter dieses Hauses malen sollst!"

Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiss nicht, ob mehr ueber
den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.

Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
vergoennen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
Meisters Lehre keine Schande anzuthun.  Raeumet mir nur wieder mein
Kaemmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
geschehen, was Ihr wuenschet."

Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
moege einen Imbiss fuer mich richten lassen.

Ich wollte ueber den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
ich verstummte wieder, denn ueber den empfangenen Auftrag war
ploetzlich eine Entzueckung in mir aufgestiegen, dass ich fuerchtete,
sie koenne mit jedem Wort hervorbrechen.  So war ich auch der zwo
grimmen Koeter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
heissen Steinen sonnten.  Da wir aber naeher kamen, sprangen sie auf
und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, dass Katharina einen
Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
heulend ihm zu Fuessen krochen.  "Beim Hoellenelemente", rief er
lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
Flandrisch Tuch!"

"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so moeget
Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"

Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riss sich ein paar
Mal in seinen Zwickelbart.  "Das ist nur so ihr Willkommensgruss,
Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bueckte, um die
Bestien zu streicheln.  "Damit jedweder wisse, dass ein ander
Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
hetz ich in des Teufels Rachen!"

Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestossen, hatte er sich
hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt ueber den
Hof dem Thore zu.

Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
wie ich es vordem gesehen; die goldgebluemten Ledertapeten, die
Karten an der Wand, die saubern Pergamentbaende auf den Regalen,
ueber dem Arbeitstische der schoene Waldgrund von dem aelteren
Ruisdael--und dann davor der leere Sessel.  Meine Blicke blieben
daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
obschon vom Walde draussen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfuellet.

Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen.  Da
ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
und ich sah, wie unter den kleinen Haenden, die sie daraufgepresst
hielt, ihre Brust in ungestuemer Arbeit ging.  "Nicht wahr", sagte
sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
seine grimmen Hunde?"

"Katharina!" rief ich; "was ist Euch?  Was ist das hier in Eueres
Vaters Haus?"

"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
Haende, und ihre jungen Augen spruehten wie in Zorn und Schmerz.
"Nein, nein; lass erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
hilf mir!"

Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
ich vor der Schoenen, Suessen nieder und schwur ihr mich und alle
meine Kraefte zu.  Da loesete sich ein sanfter Thraenenquell aus ihren
Augen, und wir sassen neben einander und sprachen lange zu des
Entschlafenen Gedaechtniss.

Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
dem alten Fraeulein nach.

"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel!  Wollt Ihr sie begruessen?  Ja,
die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
Treppen sind ihr schon laengsthin zu beschwerlich."

Wir traten also in ein Stuebchen, das gegen den Garten lag, wo auf
den Beeten vor den gruenen Heckenwaenden soeben die Tulpen aus der
Erde brachen.  Bas' Ursel sass, in der schwarzen Tracht und
Krepphaube nur wie ein schwindend Haeufchen anzuschauen, in einem
hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
nachmals mir erzaehlte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
war er solches itzund wirklich--ihr aus Luebeck zur Verehrung
mitgebracht.

"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indess sie
behutsam die helfenbeinern Pfloecklein um einander steckte, "ist Er
wieder da, Johannes?  Nein, es geht nicht aus!  O, c'est un jeu
tres-complique!"

Dann warf sie die Pfloecklein ueber einander und schauete mich an.
"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiss Er denn
nicht, dass Er in ein Trauerhaus getreten ist?"

"Ich weiss es, Fraeulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
trat, wusste ich es nicht."

"Nun", sagte sie und nickte gar beguetigend; "so eigentlich gehoeret
Er ja auch nicht zur Dienerschaft."

Ueber Katharinens blasses Antlitz flog ein Laecheln, wodurch ich mich
jeder Antwort wohl enthoben halten mochte.  Vielmehr ruehmte ich der
alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
dem Thuermchen, das draussen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
dem Fenster hingesponnen und wiegete seine gruenen Ranken vor den
Scheiben.

Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen waeren,
die itzt schon wieder anhueben mit ihrer Nachtunruhe; sie koenne
ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
Garten draussen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
Gaertnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.

--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemueden Leib zu staerken.

Ich war nun in meinem Kaemmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend sassen wir
auf seiner Tragkist, und liess ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
von ihm erzaehlen.  Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
muessen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Froelen
Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden koennen,
brach er gleichwohl ploetzlich ab und schauete mich an.

"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, dass
Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drueben!"

Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir muessen freilich
bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."

Weiss nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund fuer ein Mann
geworden.

Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wuechse.  "Wollet
Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann.  "Er gehoeret zu denen
muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Buergersleuten die
Knoepfe von den Haeusern schiessen; Ihr moeget glauben, er hat
treffliche Pistolen!  Auf der Geigen weiss er nicht so gut zu
spielen; da er aber ein lustig Stuecklein liebt, so hat er letzthin
den Rathsmusikanten, der ueberm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
Wams und Hosen anzuthun.  Statt der Sonnen stand aber der Mond am
Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen muessen!--Wollet Ihr
mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Toechtern gesegnet; und
dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."

Ich wusste freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein hoeriger Mann", seiner
Rede Schluss gemacht.

--Mit meinem Malgeraeth war auch meine Kleidung aus der Stadt
gekommen, wo ich im Goldenen Loewen alles abgeleget, so dass ich
anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging.  Die
Tagesstunden aber wandte ich zunaechst in meinen Nutzen.  Naemlich,
es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
ein Saal, raeumlich und hoch, dessen Waende fast voellig von
lebensgrossen Bildern verhaenget waren, so dass nur noch neben dem
Kamin ein Platz zu zweien offen stund.  Es waren das die Voreltern
des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Maenner und
Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
selbsten in kraeftigem Mannesalter und Katharinens frueh verstorbene
Mutter machten dann den Schluss.  Die, beiden letzten Bilder waren
gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
in seiner kraeftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
Pinsel die Zuege meines edlen Beschuetzers nachzuschaffen; zwar in
verengtem Massstabe und nur mir selber zum Genuegen; doch hat es
spaeter zu einem groesseren Bildniss mir gedienet, das noch itzt hier
in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
ist.  Das Bildniss seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.

Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
schoenen Bildern.  Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
Wulf?--Das musste tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
Langsam ging ich die Reih der aelteren Bildnisse entlang, bis ueber
hundert Jahre weit hinab.  Und siehe, da hing im schwarzen, von den
Wuermern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war.  Es stellete
eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Haelfte
zwischen dem Weissen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
wurde. Ein leiser Schauer ueberfuhr mich vor der so lang schon
heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
ist's!  Wie raethselhafte Wege gehet die Natur!  Ein saeculum und
drueber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
Geschlechter fort; dann, laengst vergessen, taucht es ploetzlich
wieder auf, den Lebenden zum Unheil.  Nicht vor dem Sohn des edlen
Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sproessling
soll ich Katharinen schuetzen.' Und wieder trat ich vor die
beiden juengsten Bilder, an denen mein Gemuethe sich erquickte.

So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
Sonnenstaeublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.

Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fraeulein und
den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
hohen Toenen redete, so war es stets ein stumm und betruebsam Mahl,
so dass mir oft der Bissen im Munde quoll.  Nicht die Trauer um den
Abgeschiedenen war dess Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht beruehrt, entfernte
sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen gruessend; der Junker
aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
wollte ueber mein gestecktes Mass, ueberdem wider allerart Flosculn zu
wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.

Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
des Dorfes, allwo das Erbbegraebniss ist und wo itzt seine Gebeine
bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Hoechste ihnen
dereinst eine froehliche Urstaend wolle bescheren!

Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
aus der Stadt und den umliegenden Guetern gekommen, von Angehoerigen
aber fast wenige und auch diese nur entfernte, massen der Junker
Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, dass in
der Kuerze alle wieder abgezogen sind.

Der Junker draengte nun selbst, dass ich mein aufgetragen Werk
begoenne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
belegenen Fenster mir schon den Platz erwaehlet hatte.  Zwar kam
Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
und meinete, es moege am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
ihr nicht nuetzen.  Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
die Nebenfenster des Saales zu verhaengen und die hohe Staffelei zu
stellen, so ich mit Huelfe Dieterichs mir selber in den letzten
Tagen angefertigt.


Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
oeffnete sich die Thuer aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
trat herein.  Aus was fuer Ursach, waere schwer zu sagen; aber ich
empfand, dass wir uns diessmal fast erschrocken gegenueber standen;
aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
junge Antlitz in gar suesser Verwirrung zu mir auf.

"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniss malen;
duldet Ihr's auch gern?"

Da zog ein Schleier ueber ihre braunen Augensterne, und sie sagte
leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"

Wie ein Thau des Glueckes sank es in mein Herz.  "Nein, nein,
Katharina!  Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
Euch, damit wir nicht so muessig ueberrascht werden, und dann sprecht!
Oder vielmehr, ich weiss es schon.  Ihr braucht mir's nicht zu
sagen!"

Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran.  "Denket Ihr
noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
niederschosset?  Das thut diessmal nicht noth, obschon er wieder ob
dem Neste lauert; denn ich bin kein Voeglein, das sich von ihm
zerreissen laesst.  Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
mir wider den!"

"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"

--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
zum Weibe geben!  Waehrend unseres Vaters langem Siechbett habe ich
den schaendlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
hab ich's ihm abgetrotzt, dass ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
aber ich weiss, auch das wird er nicht halten."

Ich gedachte eines Stiftsfraeuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
Zuflucht anzugehen sei.

Katharina nickte.  "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Haende kam die Antwort,
und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfuellet haette,
wenn es noch offen gewesen waere fuer den Schall der Welt; aber der
gnaedige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
Erdenschlummer zugedecket."

Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genueber gesetzet,
und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen.  So kamen
wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
vorgeschritten, nach Hamburg musste, um bei dem Holzschnitzer einen
Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, dass ich alsdann den
Umweg ueber Preetz naehme und also meine Botschaft ausrichtete.
Zunaechst jedoch sei emsig an dem Werk zu foerdern.

Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen.  Der
Junker musste es schon wissen, dass ich zu seiner Schwester stand;
gleichwohl--hiess nun sein Stolz ihn, mich gering zu schaetzen, oder
glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
an den andern Tagen von ihm ungestoeret.  Einmal zwar trat er ein
und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
dann die Thuer hinter sich, und wir hoerten ihn bald auf dem Hofe ein
Reiterstuecklein pfeifen.  Ein ander Mal noch hatte er den von der
Risch an seiner Seite.  Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
Seit dem Begraebnisstage, wo ich einen fremden Gruss mit ihm
getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
nun trat er naeher und beschauete das Bild und redete gar schoene
Worte, meinete aber auch, weshalb das Fraeulein sich so sehr vermummt
und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken
habe wallen lassen; wie es ein Engellaendischer Poet so trefflich
ausgedruecket, "rueckwaerts den Winden leichte Kuesse werfend."
Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, dass das mein Vater
war!"

Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwaertig oder doch nur
gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
malete.  Von letzterem begann er ueber meinen Kopf hin diess und
jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
wuenschend.

Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
Blick gleich einer Messerspitze nach mir zuecken.

--Wir hatten nun weitere Stoerniss nicht zu leiden, und mit der
Jahreszeit rueckte auch die Arbeit vor.  Schon stand auf den
Waldkoppeln draussen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
wohl niederschreiben--, wir haetten itzund die Zeit gern stille
stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
Woertlein, weder sie noch ich zu ruehren.  Was wir gesprochen, wuesste
ich kaum zu sagen; nur dass ich von meinem Leben in der Fremde ihr
erzaehlte und wie ich immer heim gedacht; auch dass ihr gueldner
Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
Kinderherzen es damals fuergesorget, und wie ich spaeter dann
gestrebt und mich geaengstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
mir zurueckgewonnen hatte.  Dann laechelte sie gluecklich; und dabei
bluehete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer suesser das holde
Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
Mitunter war's, als schaue mich etwas heiss aus ihren Augen an; doch
wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurueck; und dennoch
floss es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so dass mir
selber kaum bewusst ein sinnberueckend Bild entstand, wie nie zuvor
und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
sollte ich meine Reise antreten.

Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehaendigt, sass sie noch
einmal mir gegenueber.  Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
schweigende Gesellschaft an den Waenden werfend, deren ich in
Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.

Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
Frauenbildniss, das mir zur Seite hing und aus den weissen
Schleiertuechern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
Mich froestelte, ich haette nahezu den Stuhl verruecket.

Aber Katharinens suesse Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
fast erbleichet; was flog Euch uebers Herz, Johannes?"

Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild.  "Kennet Ihr die,
Katharina?  Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."

"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen.  Es ist die
Gemahlin eines frueheren Gerhardus; vor weit ueber hundert Jahren hat
sie hier gehauset."

"Sie gleicht nicht Euerer schoenen Mutter", entgegnete ich; "dies
Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."

Katharina sah gar ernst zu mir herueber.  "So heisst's auch", sagte
sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
aber hat man das blasse Fraeulein aus einem Gartenteich gezogen, der
nachmals zugedaemmet ist.  Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
gewesen sein."

"Ich weiss, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
aus dem Boden."

"Wisset Ihr denn auch, Johannes, dass eine unseres Geschlechtes sich
noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht?  Man sieht
sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draussen in dem
Gartensumpf verschwinden."

Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
des Bildes.  "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"

"Weshalb?"--Katharina zoegerte ein Weilchen und blickte mich fast
verwirret an mit allem ihrem Liebreiz.  "Ich glaub, sie wollte den
Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."

--"War es denn ein gar so uebler Mann?"

Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herueber, und tiefes
Rosenroth bedeckte ihr Antlitz.  "Ich weiss nicht", sagte sie
beklommen; und leiser, dass ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
hinzu: "Es heisst, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
ihres Standes."

Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie sass vor mir mit
gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
Schosse auf ihr Herz geleget, so waere sie selber wie ein leblos Bild
gewesen.

So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"

Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
war kein Hehlens mehr; heiss und offen ging der Strahl zu meinem
Herzen.  "Katharina!" Ich war aufgesprungen.  "Haette jene Frau auch
dich verflucht?"

Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.

Aber Katharina zog mich leise fort.  "Lass uns nicht trotzen, mein
Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hoerte ich im Treppenhause ein
Geraeusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
muehselig die Stiegen heraufarbeitete.  Als Katharina und ich uns
deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
zur Hand genommen hatte, oeffnete sich die Thuer, und Bas' Ursel, die
wir wohl zuletzt erwartet haetten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
"Ich hoere", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
besorgen; da muss ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"

Es ist wohl maenniglich bekannt, dass alte Jungfrauen in Liebessachen
die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
Bedrang und Truebsal bringen.  Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
mich allsogleich: "Hat denn das Fraeulein Ihn so angesehen, als wie
sie da im Bilde sitzet?"

Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
bloss die Abschrift des Gesichts zu geben.  Aber schon musste an
unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
ihre Blicke gingen spaehend hin und wider.  "Die Arbeit ist wohl
bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer hoechsten Stimme.  "Deine
Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
nicht wohl gedienet."

Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
noch hie und da zu schaffen.

"Nun, da braucht Er wohl des Fraeuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"

Und so musst ich von der duerren Alten meines Herzens holdselig
Kleinod mir entfuehren sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
kaum dass die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
konnten.

Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
Fruehe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
von des Junkers Hunden herfuer und fuhr meinem Thiere nach den
Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
oben im Sattel sass, schien ihnen allzeit noch verdaechtig.  Kamen
gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
abends bei guter Zeit in Hamburg an.

Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, dass man sie nur
zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
brauchte.  Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
das alles wohl verpacket nachzusenden.

Nun war zwar in der beruehmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeraeubers
Stoertebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
Buche heisser, niemand sagen duerfe, dass er in Hamburg sei gewesen;
sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
den die Hamburger, wie ich nachmalen hoerete, auf einen Seesieg
wider die tuerkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
doch mein Gemuethe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
sehr beschweret.  Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
hatte allsobald allen Laermen des grossen Hamburg hinter mir.

Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
Stifte bei der hochwuerdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Zuege des
Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders.  Ich hatte,
selbst nachdem ich Katharinens Schreiben ueberreichet, ein lang und
hart Examen zu bestehen; dann aber verhiess sie ihren Beistand und
setzete sich zu ihrem Schreibgeraethe, indess die Magd mich in ein
ander Zimmer fuehren musste, allwo man mich gar wohl bewirthete.

Es war schon spaet am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
bereits verspuerete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir fuer Katharinen
mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertaeschlein unterm
Wamse auf der Brust.  So ritt ich fuerbass in die aufsteigende
Daemmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.

Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
Geissblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
an die Nuestern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
Himmelsglocke ueber mir strahlte im Suedost das Sternenbild des
Schwanes in seiner unberuehrten Herrlichkeit.

Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinueberzureiten,
welches seitwaerts von der Fahrstrassen hinterm Wald belegen ist.
Denn ich gedachte, dass der Krueger Hans Ottsen einen passlichen
Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
schicken, um die Hamburger Kiste fuer mich abzuholen; ich aber
wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
bestellen.

Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
gruenlichen Johannisfuenkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
mich hier umflogen.  Und schon ragete gross und finster die Kirche
vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
ich hoerte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter.  'Aber
sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Daechern, die
dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter.  Als
ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
entgegen.

Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
und brachte meinen Gaul im Stalle unter.  Als ich danach auf die
Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Maennern und Weibern,
und ein Geschrei und wuest Getreibe, wie ich solches, auch
beim Tanz, in frueheren Jahren nicht vermerket.  Der Schein der
Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
schwebten, hob manch baertig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
dem man lieber nicht allein im Wald begegnet waere.--Aber nicht nur
Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnuegen; bei den
Musikanten, die drueben vor der Doens auf ihren Tonnen sassen, stund
der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel ueber dem einen Arm,
an dem andern hing ihm eine derbe Dirne.  Aber das Stuecklein
schien ihm nicht zu gefallen; denn er riss dem Fiedler seine Geigen
aus den Haenden, warf eine Handvoll Muenzen auf seine Tonne und
verlangte, dass sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
sollten.  Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
toll die neue Weise klingen liessen, schrie er nach Platz und
schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
dem Geier.

Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
Wirth zu reden.  Da sass der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Spaessen in
Bedraengniss brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
schuettelte sich vor Lachen, wenn der geaengstete Mann gar jaemmerlich
um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, liess
er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnueget;
ich aber antwortete nur, ich kaeme eben von dort zurueck, und werde
der Rahmen in Kuerze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
mit seinem Handwaeglein leichtlich moege holen lassen.

Indess ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
der Risch hereingestuermet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
kuehlen Trunk zu schaffen.  Der Junker Wulf aber, dem bereits die
Zunge schwer im Munde wuehlete, fasste ihn am Arm und riss ihn auf den
leeren Stuhl hernieder.

"Nun, Kurt!" rief er.  "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
Was soll die Katharina dazu sagen?  Komm, machen wir alamode ein
ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
Wams hervorgezogen.  "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"

Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
nur wuenschend, dass die Nacht vergehen und der Morgen kommen moechte.--
Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nuechternen Uebermann; dem
von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.

"Troeste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indess er schmunzelnd
die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:

"Glueck in der Lieb
Und Glueck im Spiel,
Bedenk, fuer einen
Ist's zu viel!

"Lass den Maler dir hier von deiner schoenen Braut erzaehlen!  Der weiss
sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."

Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
von Liebesglueck bewusst sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
und sah gar grimmig auf mich her.

"Ei, du bist eifersuechtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnueglich,
als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
getroeste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."

Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
Spuerhund bei der Witterung.  "Von Hamburg heut?--So muss er Fausti
Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
Mittag noch in Preetz!  Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
gewesen."

Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Taeschlein
mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als saehe er damit
mein ganz Geheimniss offen vor sich liegen.  Es waehrete auch nicht
lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch.  "Oho!"
schrie er.  "Im Stift, bei meiner Base!  Du treibst wohl gar
doppelt Handwerk, Bursch!  Wer hat dich auf den Botengang
geschickt?"

"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muss Euch genug
sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
fiel mir auch bei nun, dass ich ihn an den Sattelknopf gehaenget, da
ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.

Und schon schrie der Junker wieder zu seinem juengeren Kumpan: "Reiss
ihm das Wams auf, Kurt!  Es gilt den blanken Haufen hier; du
findest eine saubere Briefschaft, die du ungern moechtst bestellet
sehen!"

Im selbigen Augenblick fuehlte ich auch schon die Haende des von der
Risch an meinem Leibe, und ein wuethend Ringen zwischen uns begann.
Ich fuehlte wohl, dass ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
mehr ueber wuerde; da aber fuegete es sich zu meinem Gluecke, dass ich
ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
stund.  Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wusste jeder wohl,
dass er's mit seinem Todfeind vor sich habe.

Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Huelfe kommen;
mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
seinen Platz zurueck.  Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
noch vermochte: "He, Tartar!  Tuerk!  Wo steckt ihr!  Tartar, Tuerk!"
Und ich wusste nun, dass die zwo grimmen Koeter, so ich vorhin auf der
Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
springen sollten.  Schon hoerete ich sie durch das Getuemmel der
Tanzenden daherschnaufen, da riss ich mit einem Rucke jaehlings
meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthuer aus dem
Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
Freie.

Und um mich her war ploetzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
Sternenschimmer.  In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
zu gehen, sondern sprang flugs ueber einen Wall und lief ueber das
Feld dem Walde zu.  Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
Holzung bis hart zur Gartenmauer.  Zwar war die Helle der
Himmelslichter hier durch das Laub der Baeume ausgeschlossen, aber
meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
Taeschlein sicher unter meinem Wamse fuehlte, so tappte ich ruestig
vorwaerts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
berathen, was allfort geschehen solle; massen ich wohl sahe, dass
meines Bleibens hier nicht fuerder sei.

Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
Abgang wohl die Thuer ins Schloss geworfen und so einen guten
Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
vernehmbar.  Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
Mond erhellete Lichtung trat, hoerete ich nicht gar fern die
Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hoerte, dahin
richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewusst, sie hatten
hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
erkannte nun auch, wo ich mich befand, und dass ich bis zum Hofe
nicht gar weit mehr hatte.

Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
aus dem Dunkel drang.  Da ploetzlich schlug was anderes an mein Ohr,
das jaehlings naeher kam und mir das Blut erstarren machte.  Nicht
zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
hielten fest auf meiner Spur, und schon hoerete ich deutlich hinter
mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Saetze in dem duerren Laub des
Waldbodens.  Aber Gott gab mir seinen gnaedigen Schutz; aus dem
Schatten der Baeume stuerzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
Fliederbaums Geaeste schwang ich mich hinueber.  Da sangen hier im
Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
Schatten.  In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.  "Sieh dir's noch
einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es koennt
geschehen, dass du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
faendest, und dass alsdann ein Willkomm nicht fuer dich am Thor
geschrieben stuende;--ich aber moecht nicht, dass du diese Staette hier
vergaessest."

Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich musste bitter lachen;
denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hoerete ich
die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draussen an der Gartenmauer
rennen.  Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
ueberall so hoch, dass nicht das wuethige Gethier hinueber konnte; und
rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
drueben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn.  Da, als
eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
war ich schon hoch genug, dass sie mit ihrem Anspringen mich nicht
mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
geglitten, hatten sie mit ihren Zaehnen mir herabgerissen.

Ich aber, also angeklammert und fuerchtend, es werde das nach oben
schwaechere Geaeste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen moechte;
aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublaetter um mich
her.--Da, in solcher Noth, hoerete ich ober mir ein Fenster oeffnen,
und eine Stimme scholl zu mir herab--moechte ich sie wieder hoeren,
wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen laesst aus diesem Erdenthal!--
"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hoerete ich meinen Namen,
und ich kletterte hoeher an dem immer schwaecheren Gezweige, indess
die schlafenden Voegel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
Geheul heraufstiessen.--"Katharina!  Bist du es wirklich, Katharina?"

Aber schon kam ein zitternd Haendlein zu mir herab und zog mich
gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
Entsetzen in die Tiefe starrten.

"Komm!" sagte sie.  "Sie werden dich zerreissen." Da schwang ich
mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, liess mich das
Haendlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen.  Die dicken Flechten
ihres Haares lagen ueber dem weissen Nachtgewand bis in den Schoss
hinab; der Mond, der draussen die Gartenhecken ueberstiegen hatte,
schien voll herein und zeigete mir alles.  Ich stund wie fest
gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
Schoenheit.  Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
ihr: "Katharina, liebe Katharina, traeumet Ihr denn?"

Da flog ein schmerzlich Laecheln ueber ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist suess!"

Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
fuhr sie erschreckt empor.  "Die Hunde, Johannes!" rief sie.  "Was
ist das mit den Hunden?"

"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
es muss bald geschehen; denn es fehlt viel, dass ich noch einmal
durch die Thuer in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
Brief aus meinem Taeschlein hervorgezogen und erzaehlete auch, wie
ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.

Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.

"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmass oder so dergleichen, damit
ich der beiden Thiere drunten mich erwehren koenne?"

Sie aber schrak jaeh wie aus einem Traum empor.  "Was sprichst du,
Johannes!" rief sie; und ihre Haende, so bislang in ihrem Schoss
geruhet, griffen nach den meinen.  "Nein, nicht fort, nicht fort!
Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"

Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
wir umfingen uns in grosser Herzensnoth.  "Ach, Kaethe", sprach ich,
"was vermag die arme Liebe denn!  Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
waere; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."

Sehr suess und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich daechte,
du seiest auch das!  Aber--ach nein!  Dein Vater war nur der Freund
des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"

"Nein, Kaethe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
und umfasste fester ihren jungfraeulichen Leib; "aber drueben in
Holland, dort gilt ein tuechtiger Maler wohl einen deutschen
Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
ist wohl dem Hoechsten ehrenvoll zu ueberschreiten.  Man hat mich
drueben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre!  Wenn
ich dorthin zurueckginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wuesten
Junker!"

Katharinens weisse Haende strichen ueber meine Locken; sie herzete
mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
werd ich doch dein Weib auch werden muessen."

--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
Adern goss, darin ohnedies das Blut in heissen Pulsen ging.--Von
dreien furchtbaren Daemonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
Schoss.

Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jaehlings
stille, und da es noch einmal gellte, hoerete ich sie wie toll und
wild davon rennen.

Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, dass uns der
Athem stille stund.  Bald aber wurde dorten eine Thuer erst auf-,
dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben.  "Das ist Wulf",
sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
gesperrt."--Bald hoerten wir auch unter uns die Thuer des Hausflurs
gehen, den Schluessel drehen und danach Schritte in dem untern
Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
Dann wurde alles still.

Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
war es mit einem Male schier zu Ende.  Katharina hatte den Kopf
zurueckgelehnt; nur unser beider Herzen hoerete ich klopfen.--"Soll
ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.

Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
ging nicht.

Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
Nachtigallen und von fern das Rauschen des Waesserleins, das hinten
um die Hecken fliesst.--


Wenn, wie es in den Liedern heisst, mitunter noch in Naechten die
schoene heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwueler Ruch von
Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten ueberm Walde spielete
die Nacht in stummen Blitzen.--O Hueter, Hueter, war dein Ruf so fern?

--Wohl weiss ich noch, dass vom Hofe her ploetzlich scharf die Haehne
kraehten, und dass ich ein blass und weinend Weib in meinen Armen
hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, dass ueberm Garten
der Morgen daemmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf.  Dann
aber, da sie dess inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
geschreckt, mich fort.

Noch einen Kuss, noch hundert; ein fluechtig Wort noch: wann fuer das
Gesind zu Mittage gelaeutet wuerde, dann wollten wir im Tannenwald
uns treffen; und dann--ich wusste selber kaum, wie mir's geschehen--
stund ich im Garten, unten in der kuehlen Morgenluft.

Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Haendlein mir zum
Abschied winken.  Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
bei einem Rueckblick aus dem Gartensteig von ungefaehr die unteren
Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als saehe hinter
einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knoechern
gleich der Hand des Todes.  Doch war's nur wie im Husch, dass
solches ueber meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Maerleins
von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
nur meine eigenen aufgestoerten Sinne, die solch Spiel mir
vorgegaukelt haetten.

So, dess nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
merkete aber bald, dass in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
sank auch der eine Fuss bis uebers Aenkel ein, gleichsam, als
ob ihn was hinunterziehen wollte.  'Ei', dachte ich, 'fasst das
Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang ueber
die Mauer in den Wald hinab.

Die Finsterniss der dichten Baeume sagte meinem traeumenden Gemuethe zu;
hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
Sinne sich nicht loesen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich voellig wach.
Ein Haeuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und ueber
mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche.  Da schuettelte ich
all muessig Traeumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
auch wie heisse Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
Johannes?  Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, dass
dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'

Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, dass ich dann
zurueck nach Holland ginge, mich dort der Freundeshuelf versicherte
und allsobald zurueckkaem, um sie nachzuholen.  Vielleicht, dass sie
gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
musste auch gehen ohne das!

Schon sahe ich uns auf einem froehlichen Barkschiff die Wellen des
gruenen Zuidersees befahren, schon hoerete ich das Glockenspiel vom
Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
Gewuehl hervorbrechen und mich und meine schoene Frau mit hellem
Zuruf gruessen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
geleiten.  Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kraeftiger
und rascher schritt ich aus, als koennte ich baelder so das Glueck
erreichen.

--Es ist doch anders kommen.

In meinen Gedanken war ich allmaehlich in das Dorf hinabgelanget und
trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jaehlings
hatte fluechten muessen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
gestrengen Junkern?  Ich war just draussen bei dem Ausschank; aber
da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
auch die Hunde raseten an der Thuer, die Ihr hinter Euch ins Schloss
geworfen hattet."

Da ich aus solchen Worten abnahm, dass der Alte den Handel nicht
wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
gezauset; da musst's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."

"Ich weiss, ich weiss!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hueten, Herr Johannes; mit
solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."

Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern liess mir Brot
und Fruehtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
Degen holete, auch Stift und Skizzenbuechlein aus dem Ranzen nahm.

Aber es war noch lange bis zum Mittaglaeuten.  Also bat ich Hans
Ottsen, dass er den Gaul mit seinem Jungen moeg zum Hofe bringen
lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
zum Wald.  Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhuegel, von
wo man die beiden Giebel des Herrenhauses ueber die Gartenhecken
ragen sieht, wie ich solches schon fuer den Hintergrund zu
Katharinens Bildniss ausgewaehlet hatte.  Nun gedachte ich, dass, wann
in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
Vaterhaus nicht mehr betreten wuerde, sie seines Anblicks doch nicht
ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfuer und begann zu
zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
gehaftet haben.  Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen gruesse, wann ich sie
dort in unsre Kammer fuehren wuerde.

Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig.  Ich liess noch wie
zum Gruss ein zwitschernd Voegelein darueber fliegen; dann suchte ich
die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, dass
die Zeit vergehe.

Ich musste gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
von einem fernen Schall und wurd dess inne, dass es das Mittaglaeuten
von dem Hofe sei.  Die Sonne gluehte schon heiss hernieder und
verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung ueberdeckt
war.  Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
unseren Waldgaengen suesse Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drueben zwischen den
Straeuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
gesehen, wie ich sie nun gleich, im naechsten Augenblicke, schon
leibhaftig an mein klopfend Herze schliessen wuerde.

Da ploetzlich ueberfiel mich's wie ein Schrecken.  Wo blieb sie denn?
Es war schon lang, dass es gelaeutet hatte.  Ich war aufgesprungen,
ich ging umher, ich stund und spaehete scharf nach aller Richtung
durch die Baeume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.

Boeser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
dem Hofe zu.  Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
begegnete mir Dieterich.  "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
sein Junge brachte mir Euren Gaul zurueck;--was habet Ihr mit
unsern Junkern vorgehabt?"

"Warum fragst du, Dieterich?"

--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhueten
moecht."

"Was soll das heissen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.

"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
Alte.  "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
im Garten an den Hecken putzte.  Da ich an den Thurm kam, wo droben
unser Fraeulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
mit unserem Junker dicht beisammen stehen.  Er hatte die Arme
unterschlagen und sprach kein einzig Woertlein; die Alte aber redete
einen um so groesseren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
feinen Stimme.  Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwaechst.--Verstanden, Herr
Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
wohl auf, hielt sie mit ihrer knoechern Hand, als ob sie damit
drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich naeher hinsah, war's
ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."

"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.

"Es ist nicht viel mehr uebrig", erwiderte er; "denn der Junker
wandte sich jaehlings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
waeret.  Ihr moeget mir es glauben, waere er in Wirklichkeit ein Wolf
gewesen, die Augen haetten blutiger nicht funkeln koennen."

Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"

--"Im Haus?  Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"

"Ich sinne, Dieterich, dass ich allsogleich mit ihm zu reden habe."

Aber Dieterich hatte bei beiden Haenden mich ergriffen.  "Gehet
nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzaehlet mir zum wenigsten,
was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
gewusst!"

"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich.  Und also mit diesen
Worten riss ich meine Haende aus den seinen.

Der Alte schuettelte den Kopf.  "Hernach, Johannes", sagte er, "das
weiss nur unser Herrgott!"

Ich aber schritt nun ueber den Hof dem Hause zu.  Der Junker sei
eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
befragte.

Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
betreten.  Statt wie bei seinem Vater sel.  Buecher und Karten, war
hier vielerlei Gewaffen, Handroehre und Arkebusen, auch allerart
Jagdgeraethe an den Waenden angebracht; sonst war es ohne Zier und
zeigete an ihm selber, dass niemand auf die Dauer und mit seinen
ganzen Sinnen hier verweile.

Fast waer ich an der Schwelle noch zurueckgewichen, da ich auf des
Junkers "Herein" die Thuer geoeffnet; denn als er sich vom Fenster zu
mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
Radschloss er hantirete.  Er schauete mich an, als ob ich von den
Tollen kaeme.  "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"

"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich naeher zu ihm
trat, "es moecht der Strassen noch andre fuer mich geben, als die in
Euere Kammer fahren!"

--"So dachte ich, Sieur Johannes!  Wie Ihr gut rathen koennt!  Doch
immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"

In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
Sprunge lag, so dass die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
Jedennoch sprach ich: "Hoerer mich und goennet mir ein ruhig Wort,
Herr Junker!"

Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
erstlich auszuhoeren!  Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
langsam waren, wurden allmaehlich gleichwie ein Gebruell--, "vor ein
paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
und reuete mich gleich einem Narren, dass ich im Rausch die wilden
Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
beim Hoellenelement!  mich reut's nur noch, dass mir die Bestien
solch Stueck Arbeit nachgelassen!"

Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
schwieg, so dachte ich, dass er auch hoeren wuerde.  "Junker Wulf",
sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
einmal den Groesseren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"

Da stockte mir das Wort im Munde.  Aus seinem bleichen Antlitz
starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
schlug mir in das Ohr, ein Schuss--dann brach ich zusammen und
hoerete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.

Es war manche Woche danach, dass ich in dem schon bleicheren
Sonnenschein auf einem Baenkchen vor dem letzten Haus des Dorfes sass,
mit matten Blicken nach dem Wald hinueberschauend, an dessen
jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war.  Meine thoerichten
Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
vorstellete, Katharinens Kaemmerlein von drueben auf die schon
herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
keine Kunde.

Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
Junkers Waldhueter bewohnt wurde; und ausser diesem Mann und seinem
Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war waehrend meines langen
Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuss in meine
Brust erhalten, darueber hat mich niemand befragt, und ich habe
niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
zu Sinnen kommen.  Er mochte sich dessen auch wohl getroesten; noch
glaubhafter jedoch, dass er allen diesen Dingen trotzete.

Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten ueberbracht als
Lohn fuer Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
Weib wohl spaeter nicht zu viel empfahen wuerde.  Zu einem traulichen
Gespraech mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
nicht gerathen wollen, massen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
dass der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
ich noch den Alten bitten, dass er dem Fraeulein, wenn sich's treffen
moechte, meine Gruesse sage, und dass ich bald nach Holland zu reisen,
aber baelder noch zurueckzukommen daechte, was alles in Treuen
auszurichten er mir dann gelobete.

Ueberfiel mich aber danach die allergroesseste Ungeduld, so dass ich,
gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drueben noch die
letzten Blaetter von den Baeumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
hollaendischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
gluecklich Zeichen wohl erkennen, dass zwo Bilder, so ich dort
zurueckgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
waren.  Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon frueher
wohl gewogener Kaufherr liess mir sagen, er habe nur auf mich
gewartet, dass ich fuer sein nach dem Haag verheirathetes Toechterlein
sein Bildniss malen moege; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
dafuer versprochen.  Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
dass dann genug des helfenden Metalles in meinen Haenden waere, um
auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
einzufahren.

Machte mich also, da mein freundlicher Goenner desselbigen Sinnes
war, mit allem Eifer an die Arbeit, so dass ich bald den Tag meiner
Abreise gar froehlich nah und naeher ruecken sahe, unachtend, mit was
vor ueblen Anstaenden ich drueben noch zu kaempfen haette.

Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort.  Ich hatte
in der Arbeit meiner Schwaeche nicht geachtet, die schlecht geheilte
Wunde warf mich wiederum danieder.  Eben wurden zum Weihnachtsfeste
auf allen Strassenplaetzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
mein Siechthum und hielt mich laenger als das erste Mal gefesselt.
Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
Mangel, aber in Aengsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.

Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
gruenen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
Bord.  Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.

Von Hamburg aus fuhr ich mit der koeniglichen Post; dann, wie vor
nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fusse durch den Wald,
an dem noch kaum die ersten Spitzen grueneten.  Zwar probten schon
die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kuemmerten sie
mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwaerts ab und
schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu.  Da stund ich bald in
Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenueber.

Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
munter.  "Nur", fuegte er bei, "mit den Schiessbuechsen muesset Ihr
nicht wieder spielen; die machen aergere Flecken als so ein
Malerpinsel."

Ich liess ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
dem alten Dieterich.

Da musste ich vernehmen, dass er noch vor dem ersten Winterschnee,
wie es so starken Leuten wohl passiret, eines ploetzlichen, wenn
auch gelinden Todes verfahren sei.  "Der freuet sich", sagte Hans
Ottsen, "dass er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fuer
ihn auch besser so."

"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"

Indess aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
der Risch?"

"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
ihn schon zu Richte setzen wird."

Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
dass er nicht so von Katharinen reden wuerde; und da er dann den
Namen nannte, so war's ein aeltlich, aber reiches Fraeulein aus der
Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drueben in Herrn
Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fraeulein und der Junker
mit einander hauseten.

Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu.  "Ihr meinet
wohl", sagte er, "dass alte Thuerm' und Mauern nicht auch plaudern
koennten!"

"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
aufs Herz.

"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
die Augen, "wo das Fraeulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
besten wissen!  Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
hier gewesen; nur wundert's mich, dass Ihr noch einmal wiederkommen;
denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum boesen
Spiel gemachet haben."

Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
worden; dann aber kam mir ploetzlich ein Gedanke.  "Ungluecksmann!"
schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fraeulein Katharina
sei mein Eheweib geworden?"

"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
schuettelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an!  Es geht
die Rede so!  Auf alle Faell'; seit Neujahr ist das Fraeulein im
Schloss nicht mehr gesehen worden."

Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
wisse nichts von alledem.

Ob er's geglaubet, weiss ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
grosser Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
Maegde eine, so durch die Thuerspalt gelauschet, wolle auch mich ueber
den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann spaeter haetten sie
deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hoeren, und seien seit
jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloss
gewesen.

--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
nicht hier verzeichnet werden.  Im Dorf war nur das thoerichte
Geschwaetz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im uebrigen
mir auch berichtet, dass keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
gesehen worden.  Da reisete ich wieder zurueck und demuethigte mich
also, dass ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat.  Der sagte hoehnisch,
es moege wohl der Buhz das Voeglein sich geholet haben; er habe dem
nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
von Herrn Gerhardus' Hofe.

Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, liess nach
Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstuende, auch zu ihm zu
dringen, er wuerde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloss geworden;
wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
Degen in die Buesche flog.  Aber er sahe mich nur mit seinen boesen
Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu laengerem
Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
groesserer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.

Es ist alles doch umsonst gewesen.


Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen.  Denn vor mir
liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Toechterlein,
meiner Schwester sel.  Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
belegen ist.  Aber das alles gehoert ja der Vergangenheit.

Hier schliesst das erste Heft der Handschrift.  Hoffen wir, dass der
Schreiber ein froehliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.

Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenueber; ich konnte
nicht zweifeln, der schoene ernste Mann war Herr Gerhardus.  Wer
aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
zugleich letzte Heft, dessen Schriftzuege um ein weniges unsicherer
erschienen.  Es lautete wie folgt:

Geliek as Rook un Stoof verswindt,
Also sind ock de Minschenkind.

Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, sass ob dem
Thuersims eines alten Hauses.  Wenn ich daran vorbeiging, musste ich
allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
blieben.  Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
ich aus den Truemmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
gleicherweise ob der Thuere meines Hauses eingemauert worden, wo er
nach mir noch manchen, der voruebergeht, an die Nichtigkeit des
Irdischen erinnern moege.  Mir aber soll er eine Mahnung sein,
ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren.  Denn du, meiner lieben
Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, moegest mit
meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
dir nicht habe anvertrauen moegen.

Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
Nordsee; massen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
zum schuldigen und freundlichen Gedaechtniss ihres Seligen, der
hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
denn auch noch heute ueber dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
schauen ist.  Daneben wuenschte auch der Buergermeister, Herr Titus
Axen, so frueher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
sein Conterfey von mir gemalet, so dass ich fuer eine lange Zeit
allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
einzigen und aelteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
war hoch und raeumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
Linden an der Ecken von Markt und Kraemerstrasse, worin ich,
nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben,
anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.

Meine Werkstaette hatte ich mir in dem grossen Pesel der Witwe
eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
Nur dass die gute Frau selber gar zu gegenwaertig war; denn
allaugenblicklich kam sie draussen von ihrem Schanktisch zu mir
hergetrottet mit ihren Blechgemaessen in der Hand; draengte mit ihrer
Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
untermalet hatte, verlangte sie mit viel ueberfluessigen Worten, der
auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
meinem Bruder auch vernommen hatte, dass selbiger, wie es die
Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
mag, dem unvernuenftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
muessen.  Als dann von der Aussendiele her wieder neue Kundschaft
nach ihr gerufen und mit den Gemaessen auf den Schank geklopfet, und
sie endlich von mir lassen muessen, da sank mir die Hand mit dem
Pinsel in den Schoss, und ich musste ploetzlich des Tages gedenken, da
ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
Und also rueckwaerts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, musste ich
zu eigener Verwunderung gewahren, dass ich die Zuege des edlen Herrn
Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte.  Aus seinem
Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
entgegentreten!

Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
auf meine Kammer ober der Hausthuer, allwo ich mich ans Fenster
setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbaeume auf den Markt
hinabsah.  Es gab aber gross Gewuehl dort, und war bis drueben an die
Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, dass Gast
mit Gaste handeln durfte, also dass der Stadtknecht mit dem Griper
muessig auf unseres Nachbaren Beischlag sass, massen es vor der Hand
keine Bruechen zu erhaschen gab.  Die Ostenfelder Weiber mit ihren
rothen Jacken, die Maedchen von den Inseln mit ihren Kopftuechern und
feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethuermeten Getreidewagen
und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
wohl ein Bild fuer eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
ich, bei den Hollaendern in die Schule gegangen war; aber die
Schwere meines Gemuethes machte das bunte Bild mir truebe.  Doch war
es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
Leid kam immer gewaltiger ueber mich; es zerfleischete mich mit
wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
Augen aber daemmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
Traeumen schlugen leis und fern die Nachtigallen.  O du mein Gott
und mein Erloeser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--


Da hoerete ich draussen unter dem Fenster von einer harten Stimme
meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
grossen hageren Mann in der ueblichen Tracht eines Predigers, obschon
sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
angestanden waere.  Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
von baeuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
Struempfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
Hausthuer zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewuehle von
dannen schritt.

Da ich dann gleich darauf die Thuerglocke schellen hoerte, ging ich
hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
darauf ich ihn genoethigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.

Also war selbiger der Kuester aus dem Dorfe norden der Stadt, und
erfuhr ich bald, dass man dort einen Maler brauche, da man des
Pastors Bildniss in die Kirche stiften wolle.  Ich forschete ein
wenig, was fuer Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben haette,
dass sie solche Ehr ihm anzuthun gedaechten, da er doch seines Alters
halben noch nicht gar lang im Amte stehen koenne; der Kuester aber
meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stueck Ackergrundes
einmal einen Process gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
eben nicht, was Sondres koenne vorgefallen sein; allein es hingen
allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
sagen muesse, vernommen haetten, ich verstuende das Ding gar wohl zu
machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
Pastor mit hinein; dieser selber freilich kuemmere sich nicht eben
viel darum.

Ich hoerete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniss des Herrn Titus Axen
aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
konnte, so hub ich an, dem Auftrage naeher nachzufragen.

Was mir an Preis fuer solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
gering, so dass ich erstlich dachte: sie nehmen dich fuer einen
Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
fuer ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
ploetzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
Herbstessonne ueber die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist.  Sagete also zu, nur
mit dem Beding, dass die Malerei draussen auf dem Dorfe vor sich
ginge, da hier in meines Bruders Hause passliche Gelegenheit nicht
befindlich sei.

Dess schien der Kuester gar vergnuegt, meinend, das sei alles hiebevor
schon fuergesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Kuesterei
erwaehlet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
so dass also auch der Pastor leicht hinuebertreten koenne.  Die Kinder,
die im Sommer doch nichts lernten, wuerden dann nach Haus
geschicket.

Also schuettelten wir uns die Haende, und da der Kuester auch die
Masse des Bildes fuersorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeraeth,
dess ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
hinausbefoerdert werden.

Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spaet am Nachmittage; denn
ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedraengniss von einer
Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
wollten--, meinete er, ich bekaeme da einen Kopf zu malen, wie er
nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und moechte mich mit
Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzaehlete mir auch, es sei der
Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
haben solle; sei uebrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
mein Bruder an, dass bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
adelige Fuersprach eingewirket haben solle, wie es heisse, von drueben
aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
Klosterrechnung ein Woertlein davon fallen lassen.  War jedoch
Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.


So sahe mich denn die Morgensonne des naechsten Tages ruestig ueber
die Heide schreiten, und war mir nur leid, dass letztere allbereits
ihr rothes Kleid und ihren Wuerzeduft verbrauchet und also diese
Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
gruenen Baeumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer hoeher vor
mir in den dunkelblauen Octoberhimmel.  Zwischen den schwarzen
Strohdaechern, die an seinem Fusse lagen, krueppelte nur niedrig Busch-
und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.

Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Kuesterei
gefunden hatte, stuerzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
Schul entgegen; der Kuester aber hiess an seiner Hausthuer mich
willkommen.  "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
sagte er.  "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
sehen."

In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte.  Aber auf
seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
das war ein schoener blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
fuehrete; das Kind mochte etwan vier Jahre zaehlen und sahe fast
winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.

Da ich die Bildnisse der frueheren Prediger zu sehen wuenschte, so
gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
dass man nach den anderen Seiten ueber Marschen und Heide, nach
Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
kann.  Es musste eben Fluth sein; denn die Watten waren ueberstroemet,
und das Meer stund wie ein lichtes Silber.  Da ich anmerkete, wie
oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
Kuester auf die Wasserflaeche, so dazwischen liegt.  "Dort", sagte er,
"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
grossen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
auf der einen Haelfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."

Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'

Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
dessen Nacken mit beiden Aermchen fest umschlungen und drueckte die
zarte Wange an das schwarze baertige Gesicht des Mannes, als finde
er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
vor unseren Augen ausgebreitet lag.

Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
eines guten Pinsels werth gewesen waere; jedennoch war es alles eben
Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schueler van der Helsts hier
in gar sondere Gesellschaft kommen.

Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, dass der
Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben moegen; nur, Meister,
machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch fuer meine Zeit."

Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
fuer meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemuehung zugesaget,
fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
Bruder mir war geruehmet worden.

Ein fast verachtend Laecheln ging ueber des Predigers Angesicht.  "Da
kommet ihr zu spaet", sagte er, "es ging in Truemmer, da ich's aus
der Kirche schaffen liess."

Ich sah ihn fast erschrocken an.  "Und wolltet Ihr des Heilands
Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"

"Die Zuege von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
ueberliefert worden."

--"Aber wollet Ihr's der Kunst missgoennen, sie in frommem Sinn zu
suchen?"

Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
den Kleinen nicht zu zaehlen, so ueberragte er mich doch um eines
halben Kopfes Hoehe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der Koenig
die hollaendischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Hoechsten Strafgericht
zu trotzen?  Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drueben
in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestuehlte schnitzen
lassen?  Betet und wachet!  Denn auch hier geht Satan noch von Haus
zu Haus!  Diese Marienbilder sind nichts als Saeugammen der
Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
gebuhlt!"

Ein dunkles Feuer gluehte in seinen Augen, aber seine Hand lag
liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
schmiegte.

Ich vergass darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
danach, dass wir in die Kuesterei zurueckgingen, wo ich alsdann meine
edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.


Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern ueber die Heide
nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
rascheren Fortgang.  Gemeiniglich sass der Kuester neben uns und
schnitzete allerlei Geraethe gar saeuberlich aus Eichenholz,
dergleichen als eine Hauskunst hier ueberall betrieben wird; auch
habe ich das Kaestlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
erstanden und darin vor Jahren die ersten Blaetter dieser
Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
letzten darin sollen beschlossen sein.--

In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Kuesterei; er
stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
Ecke des Zimmers.  Da ich selbigen einmal fragte, wie er heisse,
antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heisse
ich ja auch!"--Er sah mich gross an, sagte aber weiter nichts.

Weshalb ruehreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
ueberraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
Pinsel muessig auf der Leinewand ruhen liess.  Es war etwas in dieses
Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
aber es war kein froher Zug.  So, dachte ich, sieht ein Kind, das
unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen.  Ich haette oft
die Arme nach ihm breiten moegen; aber ich scheuete mich vor dem
harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu behueten schien.
Wohl dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
sein?'--

Des Kuesters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
man nicht; in die Bauernhaeuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
Aus dem Garten der Kuesterei, welcher in eine dichte Gruppe von
Fliederbueschen auslaeuft, sahe ich sie einmal langsam ueber die
Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
Ruecken zugewendet, so dass ich nur ihre schlanke, jugendliche
Gestalt gewahren konnte, und ausserdem ein paar gekraeuselte Loeckchen,
in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
und die der Wind von ihren Schlaefen wehte.  Das Bild ihres
finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
passe dieses Paar nicht wohl zusammen.

--An den Tagen, wo ich nicht da draussen war, hatte ich auch die
Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so dass nach einiger
Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.

So sass ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
Bruder unten in unserem Wohngemache.  Auf dem Tisch am Ofen war die
Kerze fast herabgebrannt, und die hollaendische Schlaguhr hatte
schon auf Eilf gewarnt; wir aber sassen am Fenster und hatten der
Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
einer froehlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
Laeden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
so draussen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.

Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
Hoehen, fiel es mir jaehlings in die Brust: Die Augen des schoenen
blassen Knaben, es waren ja ihre Augen!  Wo hatte ich meine Sinne
denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stuermten auf mich ein!

Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
aber itzt ein heller Schein zu uns herueberschwankte.  "Sieh nur!"
sagte er.  "Wie gut, dass wir das Pflaster mit Sand und Heide
ausgestopfet haben!  Die kommen von des Glockengiessers Hochzeit;
aber an ihren Stockleuchten sieht man, dass sie gleichwohl hin und
wider stolpern."

Mein Bruder hatte recht.  Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
dass die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
eines Glasers Meisterstueck erstanden waren, in ihren satten Farben
wie in Feuer gluehten.  Als aber dann die Gesellschaft an unserem
Hause laut redend in die Kraemerstrasse einbog, hoerete ich einen
unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
der Flammen singen zu hoeren!"

Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draussen die
Stadt lag wieder still und dunkel.

"O weh!" sprach mein Bruder; "den truebet, was mich troestet."

Da fiel es mir erst wieder bei, dass am naechsten Morgen die Stadt
ein grausam Spectacul vor sich habe.  Zwar war die junge Person, so
wegen einbekannten Buendnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
aufgefunden worden; aber dem todten Leibe musste gleichwohl sein
peinlich Recht geschehen.

Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
Hatte doch auch die Buchfuehrer-Witwe Liebernickel, so unter dem
Thurm der Kirche den gruenen Buecherschranken hat, mir am Mittage, da
ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
dass nun das Lied, so sie im voraus darueber habe anfertigen und
drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, dass unser
Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
so gnaediglich in seinen Schoss genommen hatte.

Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drueben von
der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
Justification selber zu assistiren.  "Es schneidet mir schon itzund
in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
Karren die Strasse herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
fuegete er bei, "der du ein freier Vogel bist, wuerde ich aufs Dorf
hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
malen!"

Nun war zwar festgesetzet worden, dass ich am naechstfolgenden Tage
erst wieder hinauskaeme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
wie er die Ungeduld in meinem Herzen schuerete; und so geschah es,
dass alles sich erfuellen musste, was ich getreulich in diesen
Blaettern niederschreiben werde.

Am andern Morgen, als drueben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
Kirchthurmhahn in rothem Fruehlicht blinkte, war ich schon von
meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich ueber den Markt,
allwo die Baecker, vieler Kaeufer harrend, ihre Brotschragen schon
geoeffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
Wachtmeister und die Fussknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
bereits einen schwarzen Teppich ueber das Gelaender der grossen Treppe
aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.

Als ich hinter dem Schlossgarten auf dem Steige war, sahe ich drueben
bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
maechtigen Holzstoss aufgeschichtet.  Ein paar Leute hantirten noch
daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
leichten Brennstoff zwischen die Hoelzer thaten; von der Stadt her
aber kamen schon die ersten Buben ueber die Felder ihnen zugelaufen.
Ich achtete dess nicht weiter, sondern wanderte ruestig fuerbass, und
da ich hinter den Baeumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten ueber die Heide
emporstieg.  Da musste ich meine Haende falten:

O Herr, mein Gott und Christ,
Sei gnaedig mit uns allen,
Die wir in Suend gefallen,
Der du die Liebe bist!--

Als ich draussen war, wo die breite Landstrasse durch die Heide
fuehrte, begegneten mir viele Zuege von Bauern; sie hatten ihre
kleinen Jungen und Dirnen an den Haenden und zogen sie mit sich fort.

"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."

Nun, wie ich's wohl zum voraus wusste, sie wollten die Hexe, das
junge Satansmensch, verbrennen sehen.

--"Aber die Hexe ist ja todt!"

"Freilich, das ist ein Verdruss", meineten sie; "aber es ist unserer
Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
koennen wir nicht aussen bleiben und muessen mit dem Reste schon
fuerlieb nehmen."--

--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits ueber die Heide,
obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemueth
verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
Als ich auf dem Huenenhuegel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
ueberfiel es mich, als muesse auch ich zur Stadt zurueckkehren oder
etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
Luft schwebete etwas wie ein Glueck, wie eine rasende Hoffnung, und
es schuettelte mein Gebein, und meine Zaehne schlugen an einander.
'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fuehlte mein
Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
seinem Dorfe zu.

Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thuer des
Kuesterhauses.  Sie war verschlossen.  Eine Weile stund ich
unschluessig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an.  Drinnen
blieb alles ruhig; als ich aber staerker klopfte, kam des Kuesters
alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.

"Wo ist der Kuester?" fragte ich.

--"Der Kuester?  Mit dem Priester in die Stadt gefahren."

Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
dahin geschlagen.

"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.

Ich schuettelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
Schule, Trienke?"

--"Bewahre!  Die Hexe wird ja verbrannt!"

Ich liess mir von der Alten das Haus aufschliessen, holte mein
Malergeraethe und das fast vollendete Bildniss aus des Kuesters
Schlafkammer und richtete, wie gewoehnlich, meine Staffelei in dem
leeren Schulzimmer.  Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
suchte damit nur mich selber zu beluegen; ich hatte keinen Sinn zum
Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.

Die Alte kam hereingelaufen, stoehnte ueber die arge Zeit und redete
ueber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
draengete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
ich brachte das Wort nicht ueber meine Zungen.  Dagegen begann die
Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
sei; erzaehlete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken ueber des Pastors Hausdach
habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwaechliche
Kreatur.

Ich mochte solch Geschwaetz nicht fuerder hoeren; ging daher aus dem
Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
gegen die Dorfstrasse liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
Augen nach den weissen Fenstern, konnte aber hinter den blinden
Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
ueberall zu sehen sind.--Ich haette nun wohl umkehren moegen; aber ich
ging dennoch weiter.  Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenlaeuten an mein Ohr; ich
aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloss, und war doch ein
tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Hoechsten Hand
viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte.  Was kruemmete denn
ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
fuehren!

Ich weiss nicht mehr, wohin mich damals meine Fuesse noch getragen
haben; ich weiss nur, dass ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
die Sonne fast zur Mittagshoehe war, langete ich wieder bei der
Kuesterei an.  Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
Staffelei, sondern durch das Hinterpfoertlein wieder zum Hause
hinaus.--


Das aermliche Gaertlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
dichter Weidenbuesche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.

Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemuethe erfuellet von nicht zu
zwingender Unrast, an des Kuesters abgeheimseten Bohnenbeeten
hinging, hoerete ich von der Koppel draussen eine Frauenstimme von
gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.

Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
sich gezogen haben.  Schon war ich am jenseitigen Rande des
Holundergebuesches, das hier ohne Verzaeunung in die Koppel auslaeuft,
da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Aermchen voll Moos, wie
es hier in dem kuemmerlichen Grase waechst, gegenueber hinter die
Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gaertchen
angeleget haben.  Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen!  Ja, ja; ich such
derweil noch mehr; dort am Holunder waechst genug!"

Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
laengst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
schritt sie zu mir her, so dass ich ungestoeret sie betrachten
durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
wieder, das sie einst gewesen war, fuer das ich den "Buhz" einst von
dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
war bleich und weder Glueck noch Muth darin zu lesen.

So war sie maehlich naeher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Bueschen
hinlief; doch ihre Haende pflueckten nicht davon; sie liess das Haupt
auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.

Da rief ich leise: "Katharina!"

Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Buesche.  Doch als
ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes maechtig
vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes!  Ich
wusste wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, dass
du heute kommen wuerdest."

Ich hoerete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
des Predigers Eheweib?"

Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an.  "Er hat
das Amt dafuer bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
Namen."

--"Mein Kind, Katharina?"

"Und fuehltest du das nicht?  Er hat ja doch auf deinem Schoss
gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzaehlet."

--Moege keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"

Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gaenzlich
todtenbleich.

"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.

Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kuehlen Blatte sich auf
meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
Antlitz sahen mich flehend an.  "Du, Johannes", sagte sie, "du
wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."

--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"

"Leben?--Es ist ja doch ein Glueck dabei; er liebt das Kind;--was
ist denn mehr noch zu verlangen?"

--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiss er davon?"

"Nein, nein!" rief sie heftig.  "Er nahm die Suenderin zum Weibe:
mehr nicht.  O Gott, ist's denn nicht genug, dass jeder neue Tag ihm
angehoert!"

In diesem Augenblicke toenete ein zarter Gesang zu uns herueber.--
"Das Kind", sagte sie.  "Ich muss zu dem Kinde; es koennte ihm ein
Leids geschehen!"

Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja froehlich dort mit seinem
Moose."

Sie war an den Rand des Gebuesches getreten und horchete hinaus.
Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
Hauch kam von der See herauf Da hoerten wir von jenseits durch die
Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:

Zwei Englein, die mich decken,
Zwei Englein, die mich strecken,
Und zweie, so mich weisen
In das himmlische Paradeisen.

Katharina war zurueckgetreten, und ihre Augen sahen gross und
geisterhaft mich an.  "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"

Ich wollte sie an mich reissen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
Mannes Weib; vergiss das nicht."

Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
bevor du sein geworden?"

Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Haende vor
ihr Angesicht und rief.  "Weh mir!  O wehe, mein entweihter armer
Leib!"

Da wurd ich meiner schier unmaechtig; ich riss sie jaeh an meine Brust,
ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
wieder!  Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbruenstiglich; ich
haette sie toedten moegen, wenn wir also mit einander haetten sterben
koennen.  Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Kuessen: "Es ist
ein langes, banges Leben!  O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"

--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hoerte.  Der
Ruf kam von drueben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
haerter rief es: "Katharina!"

Da war das Glueck vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.

--Als ich in die Kuesterei trat, war auch schon der Kuester wieder da.
Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
einzureden.  "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
waeret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."

Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.

"Was war das, Kuester?" rief ich.

Der Mann riss ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
nichts weiter.  "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
geschrien hat; und drueben von der Priesterkoppel kam's."

Indem war auch die alte Trienke in die Thuer gekommen.  "Nun, Herr?"
rief sie mir zu.  "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
gefallen!"

--"Was soll das heissen, Trienke?"

"Das soll heissen, dass sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
dem Wasser ziehen."

Ich stuerzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, dass ich durch das
weisse Pfoertchen in des Pastors Garten ging.  Da ich eben ins Haus
wollte, trat er selber mir entgegen.

Der grosse knochige Mann sah gar wueste aus; seine Augen waren
geroethet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht.  "Was
wollt Ihr?" sagte er.

Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort.  Ja, was wollte ich
denn eigentlich?

"Ich kenne Euch!" fuhr er fort.  "Das Weib hat endlich alles
ausgeredet."

Das machte mir die Zunge frei.  "Wo ist mein Kind!" rief ich.

Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."

--"So lasst mich zu meinem todten Kinde!"

Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, draengete er
mich zurueck.  "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
schreit zu Gott aus ihren Suenden.  Ihr sollt nicht hin, um ihrer
armen Seelen Seligkeit!"

Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
des Predigers Worte gruben sich in mein Gedaechtniss.  "Hoeret mich!"
sprach er.  "So von Herzen ich Euch hasse, wofuer dereinst mich Gott
in seiner Gnade wolle buessen lassen, und Ihr vermuthendlich auch
mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
eine Tafel oder Leinewand!  Mit solcher kommet morgen in der Fruehe
wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz.  Nicht mir oder
meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
ausgelebet, moeget Ihr das Bildniss stiften.  Moeg es dort die
Menschen mahnen, dass vor der knoechern Hand des Todes alles Staub
ist!"

Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, dass alles so
geschehen moege.

--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
Schuld und Busse gleich einem Blitze jaehlings aus dem Dunkel hob, so
dass ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.

Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
Spectacul, dem er heute assistiren muessen, hart ergriffen war,
hatte sein Bette aufgesucht.  Da ich zu ihm eintrat, richtete er
sich auf "Ich muss noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
Da wirst du sehen, dass Herrn Gerhardus' Hof in fremde Haende kommen,
massen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biss
gar jaemmerlichen Todes verfahren ist."

Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
es fehlte nicht viel, dass ich getaumelt waere.  Mir war's bei dieser
Schreckenspost, als spraengen des Paradieses Pforten vor mir auf;
aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hueter, Hueter, war
dein Ruf so fern!--Dieser Tod haette uns das Leben werden koennen;
nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.

Ich sass oben auf meiner Kammer.  Es wurde Daemmerung, es wurde Nacht;
ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
mein Lager.  Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
Theil.  In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
sei der Kirchthurm drueben meinem Fenster nah gerueckt; ich fuehlte
die Glockenschlaege durch das Holz der Bettstatt droehnen, und ich
zaehlete sie alle die ganze Nacht entlang.  Doch endlich daemmerte
der Morgen.  Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten ueber
mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Ruecken.

Aber so fruehe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
der Schwelle seines Hauses stehen.  Er geleitete mich auf den Flur
und sagte, dass die Holztafel richtig angelanget, auch meine
Staffelei und sonstiges Malergeraeth aus dem Kuesterhause
heruebergeschaffet sei.  Dann legte er seine Hand auf die Klinke
einer Stubenthuer.

Ich jedoch hielt ihn zurueck und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
ist, so wollet mir vergoennen, bei meinem schweren Werke allein zu
sein!"

"Es wird Euch niemand stoeren", entgegnete er und zog die Hand
zurueck.  "Was Ihr zur Staerkung Eueres Leibes beduerfet, werdet Ihr
drueben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thuer an der
anderen Seite des Flures; dann verliess er mich.

Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke.  Es
war todtenstill im Hause; eine Weile musste ich mich sammeln, bevor
ich oeffnete.


Es war ein grosses, fast leeres Gemach, wohl fuer den
Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weissgetuenchten Waenden;
die Fenster sahen ueber oede Felder nach dem fernen Strand hinaus.
Inmitten des Zimmers aber stund ein weisses Lager aufgebahret.  Auf
dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
kleinen Zaehne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.

Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein bruenstiglich
Gebet.  Dann ruestete ich alles, wie es zu der Arbeit noethig war;
und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muss, die nicht
zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen.  Mitunter wurd ich wie von
der andauernden grossen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
hielt und horchte, so wusste ich bald, es sei nichts da gewesen.
Einmal auch war es, als draengen leise Odemzuege an mein Ohr.--Ich
trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
Muendlein niederbeugete, beruehrte nur die Todeskaelte meine Wangen.

Ich sahe um mich; es war noch eine Thuer im Zimmer; sie mochte zu
einer Schlafkammer fuehren, vielleicht dass es von dort gekommen war!
Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.

So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
und malete weiter; und da ich die leeren Haendchen ansahe, wie
sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
doch musst du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
Bildniss ihm eine weisse Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
damit eingeschlafen.  Solcher Art Blumen gab es selten in der
Gegend hier, und mocht es also ein erwuenschet Angebinde sein.

Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermuedeter
Leib verlangte Staerkung.  Legete sonach den Pinsel und die Palette
fort und ging ueber den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
angewiesen hatte.  Indem ich aber eintrat, waere ich vor
Ueberraschung bald zurueckgewichen; denn Katharina stund mir
gegenueber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
Zauberschein, so Glueck und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
moegen.

Ach, ich wusste es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
Bildniss, das ich selber einst gemalet.  Auch fuer dieses war also
nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
selber denn?  Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniss an; die alte
Zeit stieg auf und quaelete mein Herz.  Endlich, da ich musste, brach
ich einen Bissen Brot und stuerzete ein paar Glaeser Wein hinab; dann
ging ich zurueck zu unserem todten Kinde.

Als ich drueben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
zeigete es sich, dass in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
weniges sich gehoben hatten.  Da bueckete ich mich hinab, im Wahne,
ich moechte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
kalten Augensterne vor mir lagen, ueberlief mich Grausen; mir war,
als saehe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz kuenden: "Mein Fluch hat
doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich haette es um alle
Welt nicht lassen koennen--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
bitteren Thraenen zum ersten Male mein geliebtes Kind.  "Nein, nein,
mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
ist alleine noch der Tod.  Nicht aus der Tiefe schreckbarer
Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
hinabgerissen."

Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drueckte
ihm sanft die beiden Augen zu.  Dann tauchete ich meinen Pinsel in
ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
Buchstaben: C.  P.  A.  S.  Das sollte heissen: Culpa Patris Aquis
Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.

Waehrend meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
Thuer, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
leises Geraeusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
bei meinem schweren Werk mir nah zu sein?  Ich konnte es nicht
entraethseln.

Es war schon spaet.  Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
Gehen wenden; aber mir war, als muesse ich noch einen Abschied
nehmen, ohne den ich nicht von hinnen koenne.

So stand ich zoegernd und schaute durch das Fenster auf die oeden
Felder draussen, wo schon die Daemmerung begunnte sich zu breiten; da
oeffnete sich vom Flure her die Thuer und der Prediger trat zu mir
herein.

Er gruesste schweigend; dann mit gefalteten Haenden blieb er stehen
und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Haende auf, und ich sahe,
wie seinen Augen jaehlings ein reicher Thraenenquell entstuerzete.

Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief ueberlaut:
"Leb wohl, mein Kind!  O mein Johannes, lebe wohl!"

Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Haenden an der Thuer; ich
hoerte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thuere
nieder, und das Geraeusch vom Falle eines Koerpers wurde hoerbar.

"Katharina!" rief ich.  Und schon war ich hinzugesprungen und
ruettelte an der Klinke der fest verschlossenen Thuer; da legte die
Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
er.  "Gehet itzo!  Aber gehet in Frieden; und moege Gott uns allen
gnaedig sein!"

--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
wanderte ich schon draussen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.

Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurueck,
das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte.  Dort lag mein
todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
wurde ploetzlich mir bewusst, dass ich vom fernen Strand die Brandung
toesen hoerete.  Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres toenete es mir
immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
aquis submersus!


Hier endete die Handschrift.

Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefuehl seiner Kraft
vermessen, dass er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Groesseren
gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
gesprochen.

Sein Name gehoert nicht zu denen, die genannt werden; kaum duerfte er
in einem Kuenstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
engeren Heimat weiss niemand von einem Maler seines Namens.  Des
grossen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
Erwaehnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
Kunstschaetzen derselben verschleudert und verschwunden.
Aquis submersus


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***

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