The Project Gutenberg EBook of Candida, by George Bernard Shaw

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Title: Candida

Author: George Bernard Shaw

Release Date: December, 2005  [EBook #9491]
[This file was first posted on October 5, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: US-ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, CANDIDA ***




E-text prepared by Michalina Makowska







This Etext is in German.

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CANDIDA

Ein Mysterium in drei Akten

George Bernard Shaw

Uebersetzt von Siegfried Trabitsch







PERSONEN

Pastor Jakob Morell
Candida, seine Frau
Burgess, ihr Vater
Alexander Mill, Unterpfarrer
Proserpina Garnett, Maschinenschreiberin
Eugen Marchbanks, ein junger Dichter

Ort der Handlung: Die St. Dominikpfarre, Viktoriapark, London E.

Zeit: Oktober 1894.




ERSTER AKT

(Ein schoener Oktobermorgen im nordoestlichen Viertel Londons.  In
diesem ausgedehnten Bezirk sind die Seitengaesschen viel weniger schmal,
schmutzig, uebelriechend und stickig als in dem viele Meilen
entfernten London von Mayfair und St. James.  Hier spielt sich
besonders das unelegante Leben der Mittelklassen ab.  Die breiten,
dichtbevoelkerten Strassen sind mit haesslichen eisernen
Beduerfnisanstalten, radikalen Klubs und Trambahnlinien, auf denen
Ketten von gelben Wagen endlos einziehen, reichlich versehn.  Doch
sind die Hauptverkehrsadern mit grasbewachsenen Vorgaertchen verziert,
von denen man nur den kleinen Streifen betritt, der vom Pfoertchen zur
Haustuer fuehrt.  Jene Strassen werden durch die stumm geduldete
Eintoenigkeit sich meilenweit erstreckender haesslicher Ziegelbauten,
schwarzer Eisengitter, Steinpflaster und Schieferdaecher arg entstellt.
Anstaendig aber unmodern oder gemein und aermlicb gekleidete Leute, die
an dieses Viertel gewoehnt sind und sich zumeist in aufreibender Weise
fuer andere plagen muessen, ohne sich fuer ihre Arbeit zu interessieren,
bilden ihre Bewohner.  Das bisschen ihnen gebliebene Energie und Eifer
gipfelt in der Habgier des Londoner Cockneys und in der Begierde, ihr
Geschaeft vorwaerts zu bringen.  Selbst die Schutzleute und die Kapellen
sind nicht selten genug, die Eintoenigkeit zu unterbrechen.  Die Sonne
scheint klar, es ist nicht neblig, und obgleich der Rauch sowohl die
Gesichter und Haende als auch die Mauern aus Ziegelstein und Moertel
verhindert, frisch und rein zu sein, so ist er doch nicht schwarz und
schwer genug, um einen Londoner zu belaestigen.)

(Diese reizlose Wueste hat ihre Oase.  Am aeussersten Ende der
Hackneystrasse ist ein durch ein hoelzernes Pfahlwerk abgeschlossener
Park von 270 Morgen angelegt.  Er enthaelt Rasenplaetze, Baeume, einen
Teich zum Baden, Blumenbeete, die Triumphe der vielbewunderten
Cockney-Kunst der Teppichgaertnerei sind, und eine Sandgrube, die
urspruenglich zur Belustigung der Kinder vom Meeresufer importiert,
aber schleunigst verlassen wurde, als sie sich in eine natuerliche
Ungezieferbrutstaette fuer die ganz kleine Fauna von Kingsland, Hackney
und Hoxton verwandelte.  Ein Orchester, ein kleines Forum fuer
religioese, antireligioese und politische Redner, Cricketplaetze,
ein Turnplatz und ein altmodischer Steinkiosk bilden die
Hauptanziehungspunkte.  Wo die Aussicht von Baeumen oder gruenen Anhoehen
begrenzt wird, ist es ein huebscher Aufenthaltsort.  Wo sich aber der
Boden flach bis zu dem grauen Lattenzaun hinzieht und man Ziegel und
Moertel, Reklameschilder, zusammengedraengte Schornsteine und Rauch
gewahrt muss die Gegend (im Jahre 1894), trostlos und haesslich genannt
werden.)

(Die beste Aussicht auf den Viktoriapark gewinnt man von den
Frontfenstern der St. Dominikpfarre; von dort sieht man auf keinerlei
Mauerwerk.  Das Pfarrhaus steht halb frei, mit einem Vorgarten und
einer Vorhalle.  Besucher benuetzen die Stufen, die auf die Veranda
fuehren, Geschaeftsleute und Familienmitglieder geben durch eine Tuer
unterhalb der Treppe in das Erdgeschoss, wo ein Fruehstueckszimmer nach
vorne liegt, das zu allen Mahlzeiten dient; die Kueche liegt hinten.
Oben, auf einem Niveau mit der Flurtuer, befindet sich das
Empfangszimmer mit seinem breiten Fenster aus geschliffenem Glas, das
auf den Park hinausfuehrt.)

(Hier, in dem einzigen Raume, der von den Familienmahlzeiten und den
Kindern verschont bleibt, vollbringt der Pfarrer, Reverend Jakob Mavor
Morell, sein Tagewerk.  Er sitzt in einem starken drehbaren Stuhl mit
runder Lehne am Ende eines langen Tisches, der dem Fenster
gegenuebersteht, so dass er sich durch einen Blick ueber die linke
Schulter an der Aussicht auf den Park erfreuen kann.  Am Ende des
Tisches, an diesen anstossend, befindet sich ein zweiter Tisch, der nur
halb so breit ist und eine Schreibmaschine traegt.--Seine Schreiberin
sitzt davor mit dem Ruecken gegen das Fenster.  Der grosse Tisch ist
unordentlich mit Zeitungen, Broschueren, Briefen, Schubladeeinsaetzen,
einem Notizheft, einer Briefwage und aehnlichen Dingen bedeckt.  In der
Mitte steht ein uebriger Stuhl fuer die Besucher, die mit dem Pfarrer
geschaeftlich zu tun haben.  Seiner Hand erreichbar steht eine
Papierkassette und eine Photographie in einem Rahmen.  Die Wand hinter
ihm ist mit Buecherregalen zugestellt.  Die theologische Richtung des
Pfarrers kann ein Sachverstaendiger an: Maurices "Theologischen Essays"
und einer vollstaendigen Ausgabe der Browningschen Gedichte erkennen,
seine politischen Reformideen an einem gelbrueckigen Band "Fortschritt
und Armut", den "Essays der Fabier", dem "Traum John Bulls" von
William Morris, dem "Kapital" von Marx und einem halben Dutzend
anderer grundlegender sozialistischer Buecher.  Dem Pfarrer gegenueber,
auf der andern Seite des Zimmers in der Naehe der Schreibmaschine, ist
die Tuer.  Weiter hinten, dem Kamin gegenueber, steht ein Buecherbrett
auf einem Spind, daneben ein Sofa.  Ein starkes Feuer brennt im Kamin
und davor steht ein bequemer Lehnstuhl, ferner ein schwarz lackierter,
blumenbemalter Kohleneimer auf der einen Seite und ein Kindersessel
fuer einen Knaben oder ein Maedchen auf der anderen.  Der hoelzerne
Kaminsims ist lackiert, und in den kleinen Feldern der nett geformten
Faecher sind winzige Spiegelglaeser eingelegt, und eine Reiseuhr in
einem Lederetui (das unvermeidliche Hochzeitsgeschenk) steht darauf.
An der Wand darueber haengt eine grosse Autotypie der Hauptfigur aus
Tizians Assunta.  So sieht der Kamin sehr einladend aus.  Im ganzen
gesehen ist es das Zimmer einer guten Hausfrau, die, was des Pastors
Arbeitstisch betrifft, an etwas Unordnung gewoehnt ist, aber trotzdem
die Situation vollkommen beherrscht.  Die Einrichtung verraet in ihrem
ornamentalen Aussehen den Stil der in den Zeitungen annoncierten
"Saloneinrichtung" des unternehmenden Vorstadtmoebelhaendlers; aber es
ist nichts Zweckloses oder Aufdringliches in dem Zimmer.  Die Tapeten
und die Taefelung sind dunkel und lassen das grosse helle Fenster und
den Park draussen kraeftig hervortreten.)

(Hochwuerden Jakob Mavor Morell ist ein christlich-sozialer Geistlicher
der anglikanischen Kirche und ein aktives Mitglied der Gilde von
"Sankt Matthaeus" und der "Christlich Socialen Union".  Ein starker,
freundlicher, allgemein geachteter Mann von vierzig fahren, kraeftig
und huebsch, voll Energie und mit liebenswuerdigen, herzlichen,
ruecksichtsvollen Manieren, mit einer gesunden, natuerlichen Stimme, die
er mit der wirkungsvollen Betonung eines geuebten Redners benutzt.  Er
verfuegt ueber einen grossen Wortschatz, den er vollkommen beherrscht.
Er ist ein vorzueglicher Geistlicher, faehig, was er will zu wem er will
zu sagen und die Leute abzukanzeln, ohne sich ueber sie zu aergern,
ihnen seine Autoritaet aufzudraengen, ohne sie zu demuetigen und, wenn es
sein muss, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, ohne dabei zu
verletzen.  Die Quelle seiner Begeisterung und seines Mitgefuehls
versiegt niemals auch nur fuer einen Augenblick; er isst und schlaeft
noch immer ausgiebig genug, um die taegliche Schlacht zwischen
Erschoepfung und Erholung glaenzend zu gewinnen.  Dabei ist er ein
grosses Kind, verzeihlicherweise eitel auf seine Faehigkeiten und
unbewust selbstgefaellig.  Er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, eine
schoene Stirn mit etwas plumpen Augenbrauen, glaenzende und lebhafte
Augen, einen energischen Mund, der nicht besonders schoen geschnitten
ist, und eine kraeftige Nase mit den beweglichen, sich blaehenden
Nasenfluegeln des dramatischen Redners, die aber wie alle seine Zuege
der Feinheit entbehrt.)

(Die Maschinenschreiberin, Fraeulein Proserpina Garnett, ist eine flinke
kleine Person von ungefaehr dreissig Jahren, sie gehoert der unteren
Mittelklasse an, ist nett, aber billig mit einem schwarzen Wollrock
und einer Bluse bekleidet, ziemlich vorlaut und naseweis und nicht
sehr hoeflich in ihrem Benehmen, aber empfindungsfaehig und
teilnahmsvoll.  Sie klappert emsig auf ihrer Maschine drauf los,
waehrend Morell den letzten Brief seiner Morgenpost oeffnet.  Er
durchfliegt seinen Inhalt mit einem komischen Stoehnen der Verzweiflung.)

(Proserpina.)  Wieder ein Vortrag?

(Morell.)  Ja.  Ich soll naechsten Sonntagvormittag fuer die
Freiheitsgruppe von Hoxton sprechen.  (Er betont mit grosser
Wichtigkeit "Sonntag", weil das der unvernuenftige Teil des Verlangens
ist.)  Was sind das fuer Leute?

(Proserpina.)  Ich glaube, kommunistische Anarchisten.

(Morell.)  Es sieht den Anarchisten aehnlich, nicht zu wissen, dass sie
am Sonntag keinen Pastor haben koennen.  Schreiben Sie ihnen, sie
sollen in die Kirche kommen, wenn sie mich hoeren wollen, das kann
ihnen nicht schaden!  Und fuegen Sie hinzu, dass ich nur Montags und
Donnerstags frei bin.  Haben Sie das Vormerkbuch da?

(Proserpina hebt das Vormerkbuch auf:)  Ja!

(Morell.)  Ist irgendeine Vorlesung fuer naechsten Montag angesetzt?

(Proserpina im Vormerkbuch nachschlagend:)  Der radikale Klub von Tower
Hamlet.

(Morell) Nun, und Donnerstag?

(Proserpina.)  Die englische Bodenreform-Liga.

(Morell.)  Was dann?

(Proserpina.)  In der Gilde von Sankt Matthaeus am Montag.  In der
unabhaengigen Arbeitervereinigung, Abteilung Greenwich, am Donnerstag;
am Montag darauf in der soziademokratischen Foederation, Abteilung Mile
End; am folgenden Donnerstag ist die erste Konfirmationsklasse.
(Ungeduldig:)  Ach, ich will lieber schreiben, dass Sie ueberhaupt nicht
kommen koennen; es sind doch nur ein halbes Dutzend unwissende und
eingebildete Hausierer, die miteinander keine fuenf Schilling haben.

(Morell belustigt:)  Ah, aber bedenken Sie, es sind nahe Verwandte von
mir, Fraeulein Garnett.

(Proserpina ihn anstarrend:)  Verwandte von Ihnen?

(Morell.)  Ja!  Wir haben denselben Vater--im Himmel.

(Proserpina erleichtert:)  Oh, weiter nichts?

(Morell mit einer Melancholie, die einem Manne Genuss ist, dessen
Stimme sie schon so schoen auszudruecken vermag:)  Ah, Sie glauben das
auch nicht,--jedermann sagt es, niemand glaubt es, niemand!  (Schnell
zu seinem Gegenstande zurueckkehrend:)  Gut, gut!  Na, Fraeulein
Proserpina, koennen Sie keinen Tag fuer die Hausierer finden, wie ist's
mit dem fuenfundzwanzigsten,--der war noch vorgestern frei.

(Proserpina aus dem Vormerkbuch:)  Auch vergeben--an die Fabier.

(Morell.)  Hol' der Geier die Fabier!  Ist der achtundzwanzigste
gleichfalls vergeben?

(Proserpina.)  Bankett in der City.  Sie sind von den Huettenbesitzern
zum Speisen eingeladen.

(Morell.)  Das geht, ich werde eben statt dessen nach Hoxton gehen.
(Sie traegt diese Verpflichtung schweigend ein, mit unerschuetterlicher
Verachtung gegen diese Hoxtoner Anarchisten, die sich in jeder Linie
ihres Gesichtes spiegelt.  Morell reisst das Streifband eines Exemplars
des "Church Reformer" ab, das mit der Post angekommen ist, und
ueberfliegt den Leitartikel Stewart Hedlams und die Mitteilungen der
Gilde von Sankt Matthaeus.  Diese Vorgaenge werden alsbald durch das
Erscheinen des Unterpfarrers Morells, Alexander Mill, unterbrochen.
Er ist ein junger Mensch, den Morell von der naechsten Missionstelle
der Universitaet bezogen hat, wohin er von Oxford gekommen war, um dem
East-End von London die Wohltat seiner akademischen Bildung angedeihen
zu lassen.  Er ist ein eingebildeter, gutgesinnter, unreifer Mann, von
enthusiastischer Natur.  Nichts absolut Unausstehliches ist in seinem
Wesen ausser der Gewohnheit, um eine gezierte Sprache zu erzielen, mit
sorgsam geschlossenen Lippen zu reden und eine Menge Vokale schlecht
auszusprechen, als ob dies das Hauptmittel waere, die Bildung Oxfords
unter den Poebel Hackneys zu tragen.)

(Morell, den er durch eine huendische Unterwuerfigkeit fuer sich gewann,
blickt nachsichtig von seiner Lektuere im "Church Reformer" auf und
bemerkt:)  Nun, Lexi, wieder verschlafen, wie gewoehnlich?

(Mill.)  Leider ja.  Ich wollte, ich koennte des Morgens leichter
aufstehen.

(Morell freut sich der eigenen Energie:)  Ha, ha! (launig:)  "Wache und
bete", Lexi, "wache und bete".

(Mill.)  Ich weiss.  (Er benuetzt diese Gelegenheit sofort, um einen Witz
zu machen.)  Aber wie kann ich wachen und beten, wenn ich schlafe;
--hab' ich nicht recht, Fraeulein Prossi?

(Proserpina scharf:)  Fraeulein Garnett, wenn ich bitten darf.

(Mill.)  Entschuldigen Sie, Fraeulein Garnett.

(Proserpina.)  Sie muessen heute alle Arbeit allein erledigen.  (Mill.)
Warum?

(Proserpina.)  Fragen Sie nicht, warum.  Es wird Ihnen wohl bekommen,
Ihr Abendbrot einmal zu verdienen, bevor Sie es essen, wie ich es
taeglich tue.  Los, troedeln Sie nicht.  Sie sollten schon seit einer
halben Stunde unterwegs sein.

(Mill starr:)  Spricht sie im Ernst, Herr Pastor?

(Morell in bester Laune--seine Augen glaenzen:)  Ja.  Heute werd' ich
einmal bummeln.

(Mill.)  Sie?  Sie wissen ja nicht, wie man das macht.

(Morell herzlich:)  Ha, ha!  Weissichdasnicht?  Diesen Tag will ich ganz
fuer mich haben, oder doch wenigstens den Vormittag!  Meine Frau kommt
naemlich zurueck, um elf Uhr fuenfundvierzig soll sie hier eintreffen.

(Mill erstaunt:)  Schon zurueck--mit den Kindern?  Ich dachte, sie
wollte bis Ende des Monats fortbleiben.

(Morell.)  So ist es.  Sie kommt nur fuer zwei Tage her, um fuer Jimmy
etwas Flanellwaesche einzukaufen und um zu sehen, wie wir hier ohne sie
fertig werden.

(Mill aengstlich:)  Aber lieber Herr Morell, wenn das, was Jimmy und
Flussy gefehlt hat, wirklich Scharlach war, halten Sie es fuer klug?--

(Morell.)  Unsinn, Scharlach!  Masern waren es, ich habe sie selbst von
der Pycroftstrasse aus der Schule nach Hause gebracht; ein Pastor ist
wie ein Arzt, mein Lieber, er muss der Ansteckung ins Auge sehen koennen
wie ein Soldat den Kugeln.  (Er erbebt sich und schlaegt Mill auf die
Schultern.)  Trachten Sie, Masern zu bekommen, wenn Sie koennen; Candida
wird Sie dann pflegen, und was fuer ein Gluecksfall waere das fuer Sie,
--was?

(Mill unsicher laechelnd:)  Es ist schwer, Sie zu verstehen, wenn Sie
ueber Frau Morell sprechen.--

(Morell weich:)  Mein lieber Junge, seien Sie erst verheiratet!
Verheiratet mit einer guten Frau, und dann werden Sie mich verstehen.
Es ist ein Vorgeschmack von dem Besten, was uns in dem himmlischen
Reich erwartet, das wir uns auf Erden zu gruenden versuchen.  Dann
werden Sie sich schon das Bummeln abgewoehnen!  Ein braver Mann fuehlt,
dass er dem Himmel fuer jede Stunde des Gluecks ein hartes Stueck
selbstloser Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen schuldig ist.  Wir
haben ebensowenig das Recht, Glueck zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen,
als Reichtum zu verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.  Suchen Sie sich
eine Frau wie meine Candida, und Sie werden immer Schuldner sein,
wieviel Sie auch abzahlen.  (Er klopft Mill liebevoll auf den Ruecken
und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Mill ihn zurueckruft.)

(Mill.)  Oh, warten Sie einen Augenblick, ich vergass...  (Morell bleibt
stehen und wendet sich um, die Tuerklinke in der Hand.)  Ihr Herr
Schwiegervater wird hierherkommen, er hat mit Ihnen zu sprechen.
(Morell schliesst die Tuer wieder, mit vollkommen veraendertem Wesen.)

(Morell ueberrascht und nicht erfreut:)  Burgess?

(Mill.)  Ja!  Ich traf ihn mit jemandem im Park, in eifrigem Gespraech.
Er sprach mich an und bat mich, Sie wissen zu lassen, dass er
hierherkommt.

(Moroll halb unglaeubig:)  Aber er ist seit Jahren nicht hier gewesen.
Sind Sie sicher, Lexi?  Sie scherzen doch nicht etwa?--

(Mill ernst:)  Nein, Herr Pastor, ganz bestimmt nicht!

(Morell nachdenklich:)  Hm, hm, er haelt es an der Zeit, sich wieder
einmal nach Candida umzusehen, ehe sie gaenzlich aus seinem Gedaechtnis
verschwindet.  (Er fuegt sich in das Unvermeidliche und geht hinaus;
Mill sieht ihm mit begeisterter, naerrischer Verehrung nach.  Fraeulein
Garnett, die Mill nicht schuetteln kann, wie sie moechte, laesst ihre
Gefuehle an der Schreibmaschine aus.)

(Mill.)  Was fuer ein vortrefflicher Mann, welch ein tiefes liebevolles
Gemuet!  (Er nimmt Morells Platz am Tisch ein und macht es sich bequem,
indem er eine Zigarette hervorzieht.)


(Proserpina ungeduldig, nimmt den Brief, den sie auf der Maschine
geschrieben hat, und faltet ihn zusammen:)  Ach! ein Mann sollte seine
Frau lieben koennen, ohne einen Narren aus sich zu machen.

(Mill erregt:)  Aber Fraeulein Proserpina!

(Proserpina geschaeftig aufstehend, holt ein Kuvert aus dem Pulte, in
das sie, waehrend sie spricht, den Brief hineinlegt:)  Candida hin und
Candida her und Candida ueberall.  (Sie leckt das Kuvert.)  Es kann
einen ausser Rand und Band bringen!  (Haemmert das Kuvert, um es fest zu
schliessen.)  Hoeren zu muessen, wie eine ganz gewoehnliche Frau in dieser
laecherlichen Weise vergoettert wird, bloss weil sie schoenes Haar und
eine leidliche Figur hat.

(Mill mit vorwurfsvollem Ernst:)  Ich finde sie ungewoehnlich schoen,
Fraeulein Garnett.  (Er nimmt die Photographie zur Hand betrachtet sie
und fuegt mit noch tieferem Ausdruck hinzu:)  Wunderbar schoen,--was fuer
herrliche Augen sie hat!

(Proserpina.)  Candidas Augen sind durchaus nicht schoener als meine,
(Mill stellt die Photograpbie fort und sieht sie strenge an,) und ich
weiss ganz gut, dass Sie mich fuer ein gewoehnliches und untergeordnetes
Geschoepf halten.

(Mill erbebt sich majestaetisch:)  Gott behuete, dass ich von irgendeinem
Geschoepf Gottes in dieser Weise daechte.  (Er geht steif von ihr fort
bis in die Naehe des Buecherschranks.)

(Proserpina mit bitterem Spott:)  Ich danke Ihnen, das ist sehr nett
und troestlich.

(Mill traurig ueber ihre Verstocktheit:)  Ich hatte keine Ahnung, dass
Sie etwas gegen Frau Morell haben.

(Proserpina entruestet:)  Ich habe durchaus nichts gegen sie.  Sie ist
sehr liebenswuerdig und sehr gutherzig, ich habe sie sehr gern und weiss
ihre wirklich guten Eigenschaften weit besser zu wuerdigen, als
irgendein Mann es koennte.  (Mill schuettelt traurig den Kopf, wendet
sich zum Buecherschrank und sucht die Reihen entlang nach einem Bande.
Sie folgt ihm mit heftiger Leidenschaftlichkeit.)  Sie glauben mir
nicht?  (Er wendet sich um und blickt ihr ins Gesicht.  Sie faellt ihn
mit Heftigkeit an:)  Sie halten mich fuer eifersuechtig?  Was fuer eine
tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens Sie haben, Herr Alexander Mill!
Wie gut Sie die Schwaechen der Frauen kennen, nicht wahr?  Wie schoen
es sein muss, ein Mann zu sein und einen scharfen durchdringenden
Verstand zu haben, statt blosse Gefuehle, wie wir Frauen, und zu wissen,
dass die Ursache, warum wir ihr Vernarrtsein in eine Frau nicht teilen,
nur in gegenseitiger Eifersucht zu suchen sein kann.  (Sie wendet sich
mit einer Bewegung ihrer Schultern von ihm ab und geht an das Feuer,
ihre Haende zu waermen.)

(Mill.)  Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schluessel zur
Staerke des Mannes faendet wie zu seiner Schwaeche, es gaebe keine
Frauenfrage.

(Proserpina ueber ihre Schulter, waehrend sie die Haende vor die Flammen
haelt:)  Wo haben Sie das von Herrn Morell gehoert?  Sie selbst haben es
nicht erfunden,--Sie sind dazu nicht gescheit genug.

(Mill.)  Das ist ganz richtig.  Ich schaeme mich durchaus nicht, ihm
diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere
geistige Wahrheiten verdanke!  Er tat ihn bei der Jahresversammlung
der freien Frauenvereinigung.  Erlauben Sie mir hinzuzufuegen, dass ich,
obwohl bloss ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu
schaetzen wusste!  (Er wendet sich wieder an den Buecherschrank in der
Hoffnung, dass diese Worte sie vernichtet haben.)

(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:)  Wenn
Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir gefaelligst Ihre eigenen Gedanken,
soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells.  Sie geben
niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn
nachzumachen.

(Mill gekraenkt:)  Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht,
ihn nachzumachen.

(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rueckwege zu ihrer Arbeit:)
Jawohl, Sie machen ihn nach.  Warum stecken Sie Ihren Schirm unter
den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere?
Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwaerts
mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,--Sie, der Sie nie vor halb
zehn Uhr morgens aufstehen?  Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht",
obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen?  Bah--glauben Sie, ich weiss das
nicht?  (Geht zurueck zur Schreibmaschine.)  Da kommen Sie her und
machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug
Zeit verloren.  Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung fuer heute.
(Sie reicht ihm ein Memorandum.  Mill schwer beleidigt:)  Ich danke
Ihnen.  (Er nimmt das Papier und steht mit dem Ruecken gegen sie an den
Tisch gelehnt und liest.)  Sie faengt an, auf der Schreibmaschine ihre
stenographischen Aufzeichnungen zu uebertragen, ohne auf Mills Gefuehle
zu achten.

(Burgess tritt unangemeldet ein.)  Er ist ein Mann von sechzig Jahren,
derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen
Kraemers, die sich spaeter durch Ueberfuetterung und geschaeftlichen Erfolg
zu traeger Aufgeblasenheit milderte.  Ein gemeiner, unwissender,
unmaessiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenueber, deren
Arbeit wohlfeil ist, ehrfuerchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang,
aber beiden gegenueber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid.  Da
sie ihn ohne besondere Faehigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere
gut bezahlte Arbeit zu bieten gewusst, als unnoble Arbeit, und er wurde
infolgedessen etwas erbaermlich, hat aber keine Ahnung, dass er so
beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz
ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der
Geschicklichkeit, Tuechtigkeit, Faehigkeit und Erfahrung eines Mannes,
der im Privatleben uebertrieben, leichtsinnig, liebenswuerdig und
leutselig ist.  Koerperlich ist er kurz und dick, mit einer
schnauzenaehnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes;
unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der
Mitte; er hat waesserige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck,
der sich durch die Gewohnheit, seine Saetze wichtigtuend zu singen,
auch leicht auf seine Stimme uebertraegt.

(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:)  Man sagte
mir, Herr Morell sei hier.

(Proserpina sich erhebend:)  Er ist oben, ich will ihn holen.

(Burgess sie frech anstarrend:)  Sie sind nicht dieselbe junge Dame,
die sonst fuer ihn schrieb.

(Proserpina.)  Nein.

(Burgess beistimmend:)  Nein, die war juenger.  (Fraeulein Garnett starrt
ihn an, dann gebt sie mit grosser Wuerde hinaus.  Er nimmt dies
gleichgueltig entgegen und geht an den Kaminteppich, wo er sich
umwendet und sich breitspurig aufpflanzt, den Ruecken dem Feuer
zugekehrt.)

(Burgess.)  Sind Sie im Begriff Ihren Rundgang zu machen, Herr Mill?

(Mill faltet sein Papier und steckt es in die Tasche:)  Jawohl, ich muss
gleich fort.

(Burgess wichtig:)  Lassen Sie sich nicht aufhalten; was ich mit Herrn
Morell zu besprechen habe, ist ganz privater Natur.

(Mill aufgeblasen:)  Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich
einzumengen, verlassen Sie sich darauf, Herr Burgess.  Guten Morgen!

(Burgess herablassend:)  Guten Morgen, guten Morgen!

(Morell kommt zurueck, waehrend Mill sich zur Tuer wendet.)

(Morell zu Mill:)  Sie gehen an die Arbeit?

(Mill.)  Jawohl, Herr Pastor.

(Morell klopft ihn liebenswuerdig auf die Schulter:)  Da, nehmen Sie
mein Seidentuch um den Hals, es geht ein kalter Wind draussen.  Aber
jetzt machen Sie, dass Sie fortkommen.  (Mill, mehr als getroestet ueber
Burgess' Schroffheit, freut sich und geht hinaus.)

(Burgess.)  Guten Morgen, Jakob.  Sie verwoehnen Ihren Unterpfarrer wie
immer.  Wenn ich einen Mann bezahle und einer auf meine Kosten lebt,
dann weise ich ihm gehoerig seinen Platz an.

(Morell etwas kurz angebunden:)  Ich weise meinem Unterpfarrer immer
seinen Platz an, naemlich an meiner Seite als meinem Helfer und
Kameraden.  Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und
Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann
muessen Sie ziemlich rasch reich werden.  Bitte, setzen Sie sich in
Ihren gewohnten Stuhl.  (Er weist mit trockener Autoritaet auf den
Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und
setzt sich in zurueckhaltender Entfernung von seinem Besucher.)

(Burgess ohne sich zu ruehren:)  Sie sind ganz der alte, Jakob.

(Morell.)  Als Sie mich das letztemal besuchten--ich glaube, es war vor
drei Jahren--da sagten Sie genau dasselbe.  Nur etwas aufrichtiger.
Ihr woertlicher Ausspruch war damals: "Derselbe Narr wie immer, Jakob."

(Burgess sich rechtfertigend:)  Vielleicht sagte ich das, aber (mit
versoehnender Heiterkeit:)  ich meinte nichts Beleidigendes damit.  Ein
Geistlicher hat das Privilegium, ein wenig naerrisch sein zu
duerfen--wissen Sie, das liegt schon in seinem Beruf.  Einerlei, ich
bin nicht hergekommen, um alte Meinungsverschiedenheiten aufzuwaermen,
sondern um die Vergangenheit vergessen sein zu lassen.  (Er wird
ploetzlich sehr feierlich und naehert sich Morell.)  Jakob, vor drei
Jahren haben Sie mir uebel mitgespielt.  Sie haben mich um meine
Lieferungen gebracht, und als ich Ihnen in meiner erklaerlichen
Verzweiflung boese Worte gab, brachten Sie meine Tochter gegen mich auf.
Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu zeigen, dass ich ein guter Christ
bin.  (Ihm seine Hand darreichend:)  Ich verzeihe Ihnen, Jakob.

(Morell auffahrend:)  Verdammt frech!

(Burgess weicht zurueck mit fast schluchzendem Vorwurf ueber diese
Behandlung:)  Ziemt diese Sprache einem Pastor, Jakob?  Und besonders
Ihnen?

(Morell bitzig:)  Nein, sie ziemt ihm nicht, ich habe das falsche Wort
gebraucht,--ich haette sagen sollen: "Der Teufel soll Ihre Frechheit
holen!" Das wuerde Ihnen der heilige Paulus und jeder andere brave
Priester gesagt haben.  Glauben Sie, ich habe Ihr Anerbieten vergessen,
als Sie fuer das Armenhaus vertragsmaessig Kleider liefern sollten?

(Burgess in hoechster Erbitterung, weil ihm seine Forderung nur recht
und billig erscheint:)  Ich habe im Interesse der Steuerzahler
gehandelt, Jakob,--es war das niedrigste Angebot, das koennen Sie nicht
leugnen.

(Morell.)  Jawohl, das niedrigste, weil Sie schlechtere Loehne zahlten
als irgendein anderer Unternehmer--Hungerloehne,--ach, aerger als
Hungerloehne war die Bezahlung, die Sie den Frauen fuer ihre Naeharbeit
geboten haben.  Ihre Loehne haetten die Armen auf die Strasse getrieben,
um Leib und Seele zu verkaufen.  (Immer wuetender werdend:)  Jene Frauen
waren aus meinem Kirchsprengel, ich habe die Armenpfleger dazu
gebracht, dass sie sich schaemten, Ihr Angebot anzunehmen, ich habe die
Steuerzahler dazu gebracht, dass sie sich schaemten, es zuzulassen, ich
habe jeden bis auf Sie dazu gebracht, sich deswegen zu schaemen.
(Ueberschaeumend vor Wut:)  Wie koennen Sie es wagen, Herr,
hierherzukommen und mir etwas vergeben zu wollen und ueber Ihre Tochter
zu sprechen und...

(Burgess.)  Beruhigen Sie sich, Jakob,--still, still, regen Sie sich
nicht fuer nichts und wieder nichts so auf.  Ich habe ja zugegeben, dass
ich unrecht hatte.

(Morell wuetend:)  Haben Sie das?  Ich habe nichts davon bemerkt!

(Burgess.)  Natuerlich gab ich's zu, so wie ich's noch jetzt zugebe.  Na,
ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Briefes, den ich Ihnen
geschrieben habe,--genuegt Ihnen das?

(Morell mit den Fingern schnalzend:)  Ganz und gar nicht!  Haben Sie
die Loehne erhoeht?

(Burgess triumphierend:)  Ja!

(Morell verbluefft innehaltend:)  Was?

(Burgess salbungsvoll:)  Ich bin das Muster eines Arbeitgebers geworden.
Ich beschaeftige keine Frauen mehr, sie haben alle den Laufpass
bekommen, und die Arbeit wird jetzt durch Maschinen verrichtet.  Nicht
ein Mann verdient jetzt weniger als sechs Pence die Stunde, und die
alten geuebten Arbeiter bekommen die von den Gewerkschaften
festgesetzten Loehne.  (Stolz:)  Was sagen Sie jetzt?

(Morell ueberwaeltigt:)  Ist das moeglich?  Na, es ist mehr Freude im
Himmel ueber einen Suender, der Busse tut--(Er geht auf Burgess zu mit
einem Ausbruch entschuldigender Herzlichkeit.)  Mein lieber Burgess,
ich bitte Sie herzlichst um Verzeihung wegen der schlechten Meinung,
die ich von Ihnen hatte.  (Seine Hand fassend:)  Und fuehlen Sie sich
nicht wohler nach dieser Veraenderung?  Gestehen Sie es!  Sie sind
gluecklicher, Sie sehen gluecklicher aus.

(Burgess klaeglich:)  Na ja, vielleicht fuehle ich mich jetzt gluecklicher,
ich muss wohl, da Sie es bemerken.  Tatsache ist, dass mein Angebot von
der Behoerde angenommen wurde.  (Wild:)  Sie wollte nichts mit mir zu
schaffen haben, ehe ich anstaendige Loehne zahlte--der Teufel soll
diese verdammten Narren holen, die ihre Nase in alles stecken muessen!

(Morell laesst seine Hand fahren, aufs tiefste entmutigt:)  Das ist also
der Grund, warum Sie die Loehne erhoeht haben!  (Er setzt sich
niedergeschlagen.)

(Burgess streng, anmassend, lauter werdend:)  Weswegen sollt' ich es
sonst getan haben?  Wohin anders fuehrt es, als zu Trunksucht und
Ausschweifungen?  (Er setzt sich wie ein Richter in den grossen
Lehnstuhl.)  Das ist alles sehr schoen und gut fuer Sie: es bringt Sie in
die Zeitungen und macht Sie zu einem beruehmten Manne; aber Sie denken
nie an den Schaden, den Sie anrichten, indem Sie die Taschen der
Arbeiter mit Geld anfuellen, das sie doch nicht vernuenftig auszugeben
verstehen, waehrend Sie es Leuten fortnehmen, die gute Verwendung dafuer
haetten.

(Morell nach einem schweren Seufzer, mit kalter Hoeflichkeit:)  Was
wollen Sie also heute von mir?  Ich bilde mir nicht ein, dass nur
verwandtschaftliche Gefuehle Sie herfuehren.

(Burgess hartnaeckig:)  Doch--gerade verwandtschaftliche Gefuehle und
nichts anderes!

(Morell mit mueder Ruhe:)  Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess springt drohend auf:)  Sagen Sie mir das nicht ein zweites Mal,
Jakob Morell!

(Morell unerschuetterlich:)  Ich werde es genau so oft sagen, als es
noetig ist, Sie davon zu ueberzeugen.--Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess versinkt in einen Zustand von tief verwundetem Gefuehl:)  Nun
gut, wenn Sie durchaus unfreundlich sein wollen, dann ist es wohl am
besten, ich gehe.  (Er bewegt sich zoegernd gegen die Tuer, Morell gibt
kein Zeichen.  Burgess zoegert noch.)  Ich habe nicht erwartet, Sie
unversoehnlich zu finden, Jakob.  (Da Morell noch immer nicht antwortet,
macht er noch einige zoegernde Schritte nach der Tuer, dann kommt er
zurueck, jammernd:)  Wir haben uns doch immer ganz gut vertragen, trotz
unserer verschiedenen Anschauungen, warum sind Sie mir gegenueber jetzt
so veraendert?  Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich bloss aus Freundschaft
hergekommen bin und nicht, um mich mit dem Manne meiner eigenen
Tochter auf schlechten Fuss zu stellen.  Seien Sie doch ein Christ,
Jakob, reichen Sie mir Ihre Hand.  (Er legt seine Hand sentimental auf
Morells Schulter.)

(Morell blickt nachdenklich zu ihm auf.)  Schauen Sie, Burgess, wollen
Sie hier ebenso willkommen sein, wie Sie es waren, ehe Sie Ihren
Vertrag verloren?

(Burgess.)  Jawohl, Jakob, das moechte ich wirklich.

(Morell.)  Warum benehmen Sie sich dann nicht wie damals?

(Burgess nimmt seine Hand behutsam weg:)  Wie meinen Sie das?

(Morell.)  Das will ich Ihnen sagen.  Damals hielten Sie mich fuer einen
jungen Dummkopf!

(Burgess schmeichelnd:)  Nein, dafuer habe ich Sie nicht gehalten, ich--

(Morell ihn unterbrechend:)  Ja, dafuer hielten Sie mich!  Und ich hielt
Sie fuer einen alten Schurken.

(Burgess will diese schwere Selbstanklage Morells heftig abwehren:)
Nein, das haben Sie nicht getan, Jakob.  Jetzt tun Sie sich selbst
unrecht.

(Morell.)  Doch, das tat ich.  Na, das hat aber nicht gehindert, dass
wir ganz gut miteinander ausgekommen sind.  Gott hat aus Ihnen das
gemacht, was ich einen Schurken nenne, und aus mir das, was Sie eben
einen Dummkopf nennen.  (Diese Bemerkung erschuettert die Grundfesten
von Burgess' Moral.  Ihm wird schwach, und waehrend er Morell hilflos
anblickt, streckt er die Hand aengstlich aus, um sein Gleichgewicht zu
bewahren, als ob der Boden unter ihm wankte.  Morell faehrt im selben
Tone ruhiger Ueberzeugung fort:)  Es ist in beiden Faellen nicht meine
Sache, mit Gott darueber zu rechten.  Solange Sie offen als ein sich
selbst achtender, echter, ueberzeugter Schurke hierherkommen und, stolz
darauf, Ihre Schurkereien zu rechtfertigen versuchen, sind Sie
willkommen.  Aber (und nun wird Morells Ton furchtbar; er erhebt sich
und stuetzt sich zur Bekraeftigung mit der Faust auf die Rueckenlehne des
Stuhles:)  ich mag Sie hier nicht herumschnueffeln haben, wenn Sie so
tun, als ob Sie das Muster eines Arbeitgebers waeren und ein bekehrter
Mann dazu, waehrend Sie nur ein Abtruenniger sind, der seinen Rock nach
dem Winde traegt, um einen Vertrag mit der Behoerde zustande zu bringen.
(Er nickt ihm zu, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, dann geht er
zum Kamin, wo er in bequemer Kommandostellung, mit dem Ruecken gegen
das Feuer gekehrt, lehnt und fortfaehrt:)  Nein, ich liebe es, wenn ein
Mensch wenigstens sich selber treu bleibt, selbst im Boesen!  Also,
nehmen Sie jetzt entweder Ihren Hut und gehen Sie, oder setzen Sie
sich und geben Sie mir einen guten, schurkischen Grund dafuer an, warum
Sie mein Freund sein wollen.  (Burgess, dessen Erregung sich genuegend
gelegt hat, um in einem Grinsen ausgedrueckt werden zu koennen, fuehlt
sich durch diesen konkreten Vorschlag sichtlich erleichtert.  Er
ueberlegt einen Augenblick, und dann setzt er sich langsam und sehr
bescheiden in den Stuhl, den Morell eben verlassen hat.)  So ist's
recht,--nun heraus damit.

(Burgess kichernd gegen seinen Willen:)  Nein, Sie sind wirklich ein
sonderbarer Kauz, Jakob!  (Beinahe enthusiastisch:)  Aber man muss Sie
gern haben, ob man will oder nicht.  Ausserdem nimmt man, wie ich schon
sagte, nicht jedes Wort eines Geistlichen fuer bare Muenze, sonst muesste
die Welt untergehn.  Habe ich nicht recht?  (Er fasst sich, um einen
ernsteren Ton anzuschlagen, und die Augen auf Morell gerichtet, faehrt
er mit eintoenigem Ernste fort:)  Nun, meinetwegen, da Sie es wuenschen,
dass wir gegeneinander ehrlich sind, will ich Ihnen zugeben, dass ich
Sie--ein wenig--fuer einen Narren hielt; aber ich fange an zu glauben,
dass ich damals etwas hinter meiner Zeit zurueckgeblieben war.

(Morell frohlockend:)  Aha, haben Sie das endlich herausgefunden?

(Burgess bedeutungsvoll:)  Ja, die Zeiten haben sich mehr veraendert,
als man glauben sollte!  Vor fuenf Jahren noch haette sich kein
vernuenftiger Mensch mit Ihren Ideen abgegeben.  Ich wunderte mich
sogar, dass man Sie auf Ihrem Posten als Pastor beliess.  Ich kenne
einen Geistlichen, der durch den Bischof von London auf Jahre hinaus
seiner Funktionen enthoben wurde, obwohl der arme Teufel nicht einen
Funken mehr religioes war als Sie.  Aber wenn heute jemand mit mir um
tausend Pfund wetten wollte, dass Sie selbst noch einmal als Bischof
enden werden, ich wuerde die Wette nicht anzunehmen wagen.  (Sehr
eindrucksvoll:)  Sie und Ihre Sippschaft werden taeglich einflussreicher,
wie ich ueberall merke.  Man wird Sie einmal irgendwie befoerdern muessen,
und waere es bloss, um Ihnen den Mund zu stopfen.  Sie haben doch den
richtigen Instinkt gehabt, Jakob!  Der Weg, den Sie eingeschlagen
haben, ist der eintraeglichste fuer einen Mann Ihres Schlages.

(Morell reicht ihm jetzt die Hand mit fester Entschlossenheit:)  Hier
meine Hand, Burgess, jetzt reden Sie ehrlich.  Ich glaube nicht, dass
man mich zum Bischof ernennen wird; aber wenn es geschieht, dann will
ich Sie mit den groessten Spekulanten bekannt machen, die ich zu meinen
Diners bekommen kann.

(Burgess der sich mit einem verschmitzten Grinsen erhoben und die
Freundschaftshand ergriffen hat:)  Sie bleiben nun mal bei Ihrem Witz,
Jakob.  Unser Streit ist jetzt beigelegt, nicht wahr?

(Die Stimme einer Frau.)  Sag "Ja", Jakob!

(Erstaunt wenden sie sich um und bemerken, dass Candida eben
eingetreten ist und sie mit jener belustigten, muetterlichen Nachsicht
betrachtet, die ihr charakteristischer Gesichtsausdruck ist.  Sie ist
eine Frau von dreiunddreissig Jahren, schoen gewachsen, gut genaehrt.
Man erraet, dass sie spaeter eine Matrone sein wird, aber jetzt steht sie
noch in ihrer Bluete, mit dem Doppelreiz der Jugend und der
Mutterschaft.  Ihr Benehmen ist das einer Frau, die erfahren hat, dass
sie die Menschen immer lenken kann, wenn sie ihre Neigung gewinnt, und
die dies unbekuemmert offen und instinktiv tut.  In diesem Punkte ist
sie wie jede andere huebsche Frau, die gerade klug genug ist, aus ihrer
weiblichen Anziehungskraft zu alltaeglich selbsttuechtigen Zwecken so
viel Kapital wie moeglich zu schlagen.  Aber Candidas heitere Stirn und
ihre mutigen Augen, der schoen geformte Mund und ihr Kinn kennzeichnen
umfassenden Geist und Wuerde des Charakters, der ihre Schlauheit im
Gewinnen von Neigungen adelt.  Ein kluger Beobachter wuerde, sie
betrachtend, sofort erraten, dass wer das Bild der Assunta auch ueber
ihren Kamin gehaengt haben mochte, ein seelisches Band zwischen den
beiden Frauengestalten geahnt hatte, obwohl er weder ihrem Manne, noch
ihr selbst den Gedanken zutraute, sie mit der Kunst Tizians irgendwie
in Zusammenhang zu bringen.--Sie ist in Hut und Mantel und hat eine
zusammengeschnuerte Reisedecke, durch die ihr Schirm gesteckt ist, eine
Handtasche und eine Menge illustrierter Zeitungen in den Haenden.)

(Morell ueber seine Nachlaessigkeit erschrocken:)  Candida!  Ei nun!--(Er
sieht auf seine Uhr und ist entsetzt, dass es schon so spaet ist.)  Mein
Schatz!  (Er eilt ihr entgegen und nimmt ihr die Reisedecke ab, indem
er fortfaehrt, sein reumuetiges Bedauern hervorzusprudeln:)  Ich hatte
die Absicht, dich von der Bahn abzuholen, aber ich bemerkte nicht, dass
die Zeit schon um war, (die Reisedecke aufs Sofa werfend:)  ich war so
sehr in Anspruch genommen--(Wieder zu ihr kommend:)  dass ich das
vergass--oh!  (Er umarmt sie mit reumuetiger Ergriffenheit.)

(Burgess etwas beschaemt und ungewiss, wie er von seiner Tochter
empfangen werden wird:) Wie geht es dir, Candy?  (Candida, noch in
Morells Armen, bietet ihm ihre Wange, die er kuesst:)  Jakob und ich sind
zu einer Verstaendigung gekommen--zu einer ehrenvollen Verstaendigung.
Nicht wahr, Jakob?

(Morell heftig:)  Reden Sie nicht von unserer Verstaendigung!
Ihretwegen habe ich versaeumt, Candida abzuholen.

(Teilnahmsvoll:)  Du arme Liebe, wie bist du nur mit deinem Gepaeck
fertig geworden?  Wie--

(Candida unterbricht ihn und macht sich los:)  Na, na, na! ich war
nicht allein.  Eugen ist mit uns gekommen--wir sind zusammen
hergefahren.

(Morell erfreut:)  Eugen?!

(Candida.)  Ja.  Er plagt sich eben mit meinem Gepaeck ab, der arme
Junge.  Ich bitte dich, lieber Jakob, geh gleich hinunter, sonst
bezahlt er den Wagen, und das moechte ich nicht.  (Morell eilt hinaus.
Candida stellt ihre Handtasche nieder, nimmt dann ihren Mantel und Hut
ab und legt sie auf das Sofa neben die Decke und plaudert inzwischen.)
Nun, Papa, wie geht's zu Hause?

(Burgess.)  Es lohnt sich nicht mehr, dort zu leben, seit du uns
verlassen hast, Candy.  Ich wollte, du kaemst einmal, um nachzusehn und
mit dem Maedchen zu sprechen.--Wer ist dieser Eugen, der dich begleitet
hat?

(Candida.)  Oh, Eugen ist eine von Jakobs Entdeckungen.  Er fand ihn im
verflossenen Juni schlafend auf dem Kai.  Hast du unser neues Bild
nicht bemerkt?  (Ruf das Bild der Assunta zeigend:)  Das haben wir von
ihm.

(Burgess unglaeubig:)  Was soll das heissen?  Willst du mir, deinem
eigenen Vater, etwa einreden, dass ein Landstreicher, den man schlafend
auf dem Kai findet, solche Bilder schenkt?  (Strenge:)  Betrueg mich
nicht, Candy; es ist ein katholisches Bild, und Jakob hat es selbst
gekauft.

(Candida.)  Du irrst.  Eugen ist kein Landstreicher.

(Burgess.)  Was ist er denn?  (Sarkastisch:)  Ein Edelmann
wahrscheinlich?

(Candida nickt belustigt:)  Jawohl, sein Onkel ist ein Pair--ein
wirklicher, leibhaftiger Graf.

(Burgess wagt es nicht, so eine gute Nachricht zu glauben:)  Nein!

(Candida.)  Ja!  Er trug einen Wechsel auf fuenfundfuenfzig
Pfund--zahlbar in acht Tagen--in der Tasche, als Jakob ihn am Kai fand.
Er dachte, dass er dafuer kein Geld bekommen koennte, bevor die acht
Tage um waeren, und er war zu schuechtern, Kredit zu verlangen.  Oh, er
ist ein lieber Junge, wir haben ihn sehr gern.

(Burgess der so tut, als verachte er die Aristokraten, aber mit
glaenzenden Augen:)  Hm, ich dachte mir's, dass der Neffe eines Pairs
nicht bei euch im Viktoriapark zu Besuch sein wuerde, wenn er nicht ein
bisschen verrueckt waere.  (Er blickt wieder auf das Bild.)  Ich bin
natuerlich mit dem Vorwurf dieses Bildes, als strengglaeubiger
Protestant, nicht einverstanden, Candy; aber dass es ein erstklassiges,
grosses Kunstwerk ist, das habe ich sofort erkannt.  Nicht wahr, du
stellst mich ihm vor, Candy?  (Er sieht aengstlich auf seine Uhr.)  Ich
kann aber hoechstens noch zwei Minuten bleiben.

(Morell kommt mit Eugen zurueck, den Burgess mit feuchten Augen
begeistert anstarrt.  Eugen ist ein seltsamer, scheuer Juengling von
achtzehn Jahren, schlank, weibisch, mit einer zarten, kindlichen
Stimme, einem gehetzten, gequaelten Ausdruck und mit einem Benehmen,
das die schmerzliche Empfindlichkeit sehr schnell und ploetzlich
gereifter Knaben kennzeichnet, bevor ihr Charakter volle Festigkeit
erreicht hat.  Erbaermlich unentschlossen, weiss er nie, wo er stehen
und was er tun soll.  Burgess erschreckt ihn, und er moechte am
liebsten fort von ihm in die Einsamkeit laufen, wenn er es wagte.
Aber die Intensitaet, mit der er eine so ganz gewoehnliche Lage
empfindet, zeugt doch nur von seiner uebergrossen nervoesen Kraft; und
seine Nasenfluegel, sein Mund und seine Augen verraten einen
leidenschaftlich ungestuemen Eigensinn, ueber dessen aeussersten Grad
seine Stirne, die schon vom Mitleid gefurcht ist, wieder beruhigt.  Er
sieht absonderlich aus, beinahe wie nicht von dieser Welt--und
prosaische Leute sehen etwas Ungesundes in dieser ueberirdischen Art,
so wie poetische Menschen darin etwas Engelgleiches sehen.  Seine
Kleidung ist ganz frei; er traegt ein altes Jakett aus blauem Serge,
aufgeknoepft, ueber einem wollenen Lawn-Tennis-Hemd, mit einem seidenen
Halstuch als Krawatte, zu dem Jackett passende Beinkleider und braune
Schuhe aus Segeltuch.  In diesem Aufzuge hat er augenscheinlich im
Heidekraut gelegen und ist durch das Wasser gewatet; es ist auch nicht
ersichtlich, dass er die Kleider jemals abgebuerstet hat.  Da er beim
Eintritt einen Fremden sieht, haelt er inne und drueckt sich laengs der
Wand nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers weiter.)

(Morell beim Eintreten:)  Kommen Sie.  Sie haben sicher doch eine
Viertelstunde fuer uns uebrig.  Das ist mein Schwiegervater, Herr
Burgess--Herr Marchbanks.

(Marchbanks weicht geaengstigt gegen den Buecherschrank zurueck:)  Sehr
angenehm--

(Burgess geht mit grosser Herzlichkeit auf ihn zu, waehrend Morell vor
den Kamin zu Candida tritt:)  Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen,
Herr Marchbanks.  (Noetigt ihn, ihm die Hand zu geben.)  Wie geht es
Ihnen bei diesem Wetter?  Ich hoffe, Jakob versucht nicht, Ihnen
verrueckte Ideen in den Kopf zu setzen.

(Marchbanks.)  Verrueckte Ideen?  Ach, Sie meinen sozialistische?  Nein,
o nein!

(Burgess.)  Das ist recht.  (Sieht wieder auf seine Uhr.)  Na, jetzt muss
ich aber gehen, da ist nichts zu machen.  Haben Sie vielleicht
denselben Weg, Herr Marchbanks?

(Marchbanks.)  Nach welcher Richtung gehen Sie?

(Burgess.)  Station Viktoriapark.  Um zwoelf Uhr fuenfundzwanzig geht ein
Zug nach der City.

(Morell.)  Unsinn, Eugen, Sie fruehstuecken doch hoffentlich mit uns!

(Marchbanks sich aengstlich entschuldigend:)  Nein, ich--ich--

(Burgess.)  Nun, ich will Ihnen nicht zureden.  Ich wette, dass Sie es
vorziehen, mit Candy zu fruehstuecken.  Ich hoffe aber, dafuer werden Sie
eines Abends im Buergerklub in Norton Folgate mit mir dinieren,--bitte,
sagen Sie zu!

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen, Herr Burgess.  Wo ist Norton
Folgate?--Unten in Surrey, nicht wahr?

(Burgess, unaussprechlich belustigt, faengt zu lachen an.)

(Candida zu Hilfe kommend:)  Du wirst deinen Zug versaeumen, Papa, wenn
du nicht sofort gehst; komm am Nachmittag wieder und erklaere Herrn
Marchbanks dann, wie man nach dem Klub gelangt.

(Burgess mit schallendem Gelaechter:)  In Surrey, ha ha, das ist nicht
schlecht!  Nun, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht
Norton Folgate gekannt haette.

(Betroffen ueber den Laerm seiner eigenen Stimme:)  Leben Sie wohl, Herr
Marchbanks; ich weiss, Sie sind zu vornehm, um meinen Scherz schlecht
aufzufassen.  (Er reicht ihm abermals die Hand.)

(Marchbanks erfasst sie mit nervoesem Griff.)  O bitte, bitte!

(Burgess.)  Adieu, adieu, Candy.  Ich werde spaeter wiederkommen--auf
Wiedersehen, Jakob.

(Morell.)  Muessen Sie wirklich gehen?

(Burgess.)  Lasst euch nicht stoeren.  (Er gebt mit unverminderter
Herzlichkeit hinaus.)

(Morelt.)  Ich werde Sie hinausbegleiten.  (Er folgt ihm, Eugen starrt
ihnen aengstlich nach und haelt seinen Atem an, bis Burgess verschwunden
ist.)

(Candida lachend:)  Nun, Eugen?  (Er wendet sich mit einem Ruck um und
kommt heftig auf sie zu, haelt aber unschluessig inne, als er ihren
belustigten Blick bemerkt.)  Wie gefaellt Ihnen mein Vater?

(Marchbanks.)  Ich--ich kenne ihn doch kaum,--er scheint ein sehr
lieber alter Herr zu sein.

(Candida mit leiser Ironie:)  Und Sie werden seine Einladung in den
Buergerklub annehmen, nicht wahr?

(Marchbanks ungluecklich, es fuer Ernst nehmend:)  Gerne, wenn Sie es
wuenschen.

(Candida geruehrt:)  Wissen Sie, dass Sie ein sehr lieber Junge sind,
Eugen, trotz all Ihrer Sonderlichkeiten.  Wenn Sie meinen Vater
ausgelacht haetten, so waere nichts dabei gewesen, aber es gefaellt mir
um so besser von Ihnen, dass Sie nett zu ihm waren.

(Marchbanks.)  Haette ich lachen sollen?  Mir war, als ob er etwas
scherzhaftes sagte, aber ich fuehle mich Fremden gegenueber so bedrueckt,
und ich kann Witze nie verstehen.  Es tut mir sehr leid.  (Er setzt
sich auf das Sofa, die Ellbogen auf den Knien und die Schlaefen
zwischen den Faeusten, mit dem Ausdruck hoffnungslosen Leidens.)

(Candida heitert ihn gutmuetig auf:)  Oh, Sie grosses Kind,--Sie sind
heute noch aerger als sonst.  Warum waren Sie auf der Fahrt in der
Droschke so melancholisch?

(Marchbanks.)  Oh, das war nichts.  Ich dachte darueber nach, wieviel
ich dem Kutscher geben sollte.  Ich weiss, es ist aeusserst dumm, aber
Sie wissen nicht, wie schrecklich mir solche Dinge sind,--wie ich mich
davor scheue, mit fremden Leuten zu unterhandeln.  (Frisch und
beruhigend:)  Aber jetzt ist alles gut.  Er lachte mit dem ganzen
Gesicht und beruehrte seinen Hut, als Ihr Mann ihm zwei Schilling gab;
ich war im Begriff, ihm zehn zu bieten.  (Candida lacht herzlich,
Morell kommt mit einigen Briefen und Zeitungen zurueck, die mit der
Mittagspost gekommen sind.)

(Candida.)  Oh, lieber Jakob, denke nur, er wollte dem Kutscher zehn
Schilling geben,--zehn Schilling fuer eine Fahrt von drei Minuten, was
sagst du?

(Morell vor dem Tisch die Briefe ueberfliegend:)  Machen Sie sich nichts
daraus, Marchbanks.  Der Trieb, zuviel zu bezahlen, ist ein Beweis von
Grossmut und viel besser als der entgegengesetzte, und nicht so
gewoehnlich.

(Marchbanks wieder in Niedergeschlagenheit verfallend:)  Nein, Feigheit,
Untauglichkeit ist das.  Frau Morell hat ganz recht.

(Candida.)  Gewiss hat sie recht.  (Sie nimmt ihre Handtasche auf.)  Und
nun muss ich Sie Jakob ueberlassen.  Ich nehme an, Sie sind zu sehr Poet,
um sich den Zustand vorstellen zu koennen, in dem eine Frau ihr Haus
wiederfindet, wenn sie drei Wochen fortgewesen ist.  Geben Sie mir
meine Decke.  (Eugen nimmt die eingeschnallte Decke vom Sofa und gibt
sie ihr; sie nimmt sie in die linke Hand, da sie ihre Tasche in der
rechten haelt.)  Nun, bitte, haengen Sie mir den Mantel ueber den Arm.
(Er gehorcht.)  Nun meinen Hut.  (Er gibt ihn ihr in die Hand, die das
Gepaeck haelt.)  Nun oeffnen sie mir die Tuer.--(Er laeuft ihr voraus und
oeffnet die Tuer.)   Danke.  (Sie geht hinaus, und Marchbanks schliesst sie
hinter ihr wieder.)

(Morell noch am Tisch beschaeftigt:)  Sie bleiben selbstverstaendlich zum
Fruehstueck bei uns, Marchbanks.

(Marchbanks erschreckt:)  Ach, ich darf nicht.  (Er sieht rasch nach
Morell hin, weicht aber ploetzlich seinem vollen Blick aus und fuegt mit
sichtlicher Unaufrichtigkeit hinzu:)  Ich meine, ich kann nicht.

(Morell.)  Sie meinen, Sie wollen nicht.

(Marchbanks ernst:)  Nein, ich moechte wirklich gerne, ich danke Ihnen
sehr, aber--aber--

(Morell leichthin, beendigt seinen Brief und tritt dicht an Eugen
heran:)  Aber--aber--aber--aber!  Unsinn!  Wenn Sie bleiben wollen,
dann bleiben Sie,--Sie werden mich doch nicht ueberzeugen wollen, dass
Sie irgend etwas anderes zu tun haben?  Wenn Sie schuechtern sind,
machen Sie einen Spaziergang durch den Park und schreiben bis halb
zwei Uhr Gedichte, und dann kommen Sie wieder und essen tuechtig.

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen.  Ich wuerde das sehr gern tun, aber ich
darf wirklich nicht.  Die Wahrheit ist, dass mir Frau Morell gesagt hat,
dass ich's lieber nicht tun sollte.  Sie sagte, sie glaube nicht, dass
Sie mich zum Fruehstueck einladen wuerden, aber wenn Sie es taeten, dann
wuenschten Sie es doch nicht ernstlich.  (Schmerzlich:)  Sie sagte, ich
wuerde das schon verstehen, aber ich verstehe es nicht.--Bitte, sagen
Sie ihr nichts davon, dass ich es Ihnen wiedererzaehlt habe.

(Morell belustigt:)  Oh, ist das alles?  Was halten Sie von meinem
Vorschlag, in den Park zu gehen und diese Frage damit zu erledigen?

(Marchbanks.)  Wie?

(Morell in guter Laune herausplatzend:)  Na, Sie Dummkopf.  (Aber dies
geraeuschvolle Wesen verletzt sowohl ihn selbst als auch Eugen.  Er
haelt inne und faehrt mit liebevollem Ernst fort:)  Nein, Scherz beiseite,
mein lieber Junge! in einer gluecklichen Ehe wie die unsere ist die
Rueckkehr der Frau in ihr Haus etwas sehr Heiliges.  (Marchbanks sieht
ihn rasch an, und erraet beinahe im voraus, was er sagen will.)  Aber
ein lieber Freund, eine wirklich vornehme, sympathische Seele ist bei
einer solchen Gelegenheit nicht im Wege,--der erstbeste Besucher waere
es allerdings.  (Der gehetzte, erschreckte Ausdruck kommt ploetzlich
und lebhaft in Eugens Gesicht, sowie er begreift.  Morell, mit seinen
eigenen Gedanken beschaeftigt, faehrt, ohne es zu bemerken, fort:)
Candida dachte, ich wuerde Sie vielleicht lieber nicht hier haben, aber
sie hatte unrecht.  Ich habe Sie sehr lieb, Eugen; und ich moechte es
auch Ihretwegen, dass Sie sehen, wie schoen es ist, so gluecklich
verheiratet zu sein wie ich.

(Marchbanks.)  Gluecklich?  Ihre Ehe?  Das meinen Sie, das glauben Sie
wirklich?

(Morell heiter:)  Ich weiss es, mein Junge.  Laroche-foucauld behauptet
zwar, dass es hoechstens passende, aber keine gluecklichen Ehen gaebe.
Sie koennen sich nicht vorstellen, wie wohl es tut, einen so
abgefeimten Luegner und verderbten Zyniker zu durchschauen!  Ha, ha!
Nun aber fort in den Park und schreiben Sie Ihr Gedicht! und vergessen
Sie nicht: Punkt halb zwei Uhr!  Wir warten niemals mit dem Essen auf
jemand.

(Marchbanks wild:)  Nein, halten Sie ein, Sie sollen es auch nicht!
Ich will alles ans Licht bringen.

(Morell verwundert:)  Wie?  Was wollen Sie ans Licht bringen?

(Marchbanks.)  Ich muss mit Ihnen sprechen.  Es gibt etwas, das zwischen
uns erledigt werden muss.

(Morell mit einem belustigten Blick nach der Uhr:)  Jetzt?

(Marchbanks leidenschaftlich:)  Jawohl, jetzt.  Ehe Sie dieses Zimmer
verlassen.  (Er weicht ein paar Schritte zurueck und steht so, als ob
er Morell den Weg zur Tuer versperren wollte.)

(Morell ernst, ohne sich zu ruehren, da er begreift, dass es sich um
etwas Ernstes handelt:)  Ich will es gar nicht verlassen.  Ich dachte,
Sie wollten gehen.--(Eugen ist von seinem sicheren Ton verwirrt und
wendet ihm, sich kruemmend vor Verdruss, den Ruecken zu.  Morell geht zu
ihm hin und legt die Haende auf seine Schultern, fest und guetig, ohne
Marchbanks Versuche, ihn abzuschuetteln, zu beachten.)  Na--setzen Sie
sich ruhig und erzaehlen Sie mir, was los ist.  Und bedenken Sie eines:
wir sind Freunde und brauchen nicht zu fuerchten, dass einer von uns
anders als geduldig und guetig zu dem andern sein werde, was wir
einander auch moegen zu sagen haben.

(Marchbanks windet sich hin und her:)  Oh, ich werde mich nicht
vergessen, ich bin nur (bedeckt sein Gesicht verzweifelt mit den
Haenden:)  ausser mir vor Entsetzen!  (Dann laesst er die Haende fallen,
und sich mutig vorwaerts gegen Morell wendend, faehrt er drohend fort:)
Sie werden ja sehen, ob Geduld und Guete da am Platz sind.  (Morell,
unerschuetterlich wie ein Felsen, sieht ihn nachsichtig an.)  Betrachten
Sie mich nicht so selbstgefaellig!  Sie halten sich zwar fuer staerker
als mich, aber ich werde Sie aufruetteln, wenn Sie ein Herz im Leibe
haben.

(Morell mit maechtigem Vertrauen:)  Mich aufruetteln, mein Junge?  Nur zu!
Nur zu!  Heraus damit!

(Marchbanks.)  Zuerst--

(Morell.)  Zuerst?

(Marchbanks.)  Ich liebe Ihre Frau!  (Morell faehrt zurueck, und nachdem
er Eugen einen Augenblick aeusserst erstaunt angestarrt hat, bricht er
in heftiges Lachen aus.  Eugen wird stutzig, verliert aber seine
Fassung nicht und steht empoert und verachtungsvoll da.)

(Morell setzt sich, um sich auszulachen:)  Aber, mein liebes Kind,
natuerlich lieben Sie Candida.  Jeder liebt sie, man kann nicht anders;
das freut mich nur, aber (er sieht seltsam zu ihm auf:)  halten Sie
Ihren Fall fuer etwas, ueber das man auch nur zu sprechen braucht?  Sie
sind unter zwanzig und Candida ist ueber dreissig,--sieht das nicht
einer Dummenjungenliebe aehnlich?

(Marchbanks heftig:)  Sie wagen, so von ihr zu sprechen!  Sie glauben,
dass Ihre Frau diese Art Liebe einfloessen kann!--Das ist eine
Beleidigung gegen sie!

(Morell erhebt sich rasch und veraendert den Ton:)  Gegen sie?  Nehmen
Sie sich in acht, Eugen.  Ich war geduldig.  Ich hoffe, geduldig zu
bleiben.  Aber es gibt Dinge, die ich mir verbitten muss.  Zwingen Sie
mich nicht, Ihnen die Nachsicht zu zeigen, die ich einem Kinde
gegenueber haben wuerde.  Seien Sie ein Mann.

(Marchbanks mit einer Bewegung, als wuerfe er etwas hinter sich:)  Oh,
lassen Sie dieses Geschwaetz beiseite.  Ich bin entsetzt, wenn ich
denke, wieviel die Arme davon hat anhoeren muessen in den langen Jahren,
in denen Sie Candida selbstsuechtig und blind Ihrem Duenkel geopfert
haben!  (Sich nach ihm umwendend:)  Sie, der Sie nicht einen Gedanken,
nicht ein Gefuehl mit ihr gemeinsam haben.

(Morell mit philosophischer Ruhe:)  Ihr scheint das alles aber recht
gut zu bekommen.  (Ihm gerade ins Gesicht blickend:)  Eugen, Sie machen
sich zum Narren--zu einem sehr grossen Narren.  Es ist zu Ihrem eigenen
Besten, wenn man Ihnen das offen und ehrlich sagt.

(Marchbanks.)  Oh, glauben Sie, ich wuesste das alles nicht?  Glauben Sie,
dass die Dinge, ueber die Leute zu Narren werden, weniger wirklich und
wahr sind, als die, bei denen sie vernuenftig bleiben?  (Morells Blick
wird zum ersten Male unsicher, er wendet instinktiv sein Gesicht ab
und steht horchend, bestuerzt und nachdenklich da.)  Diese Dinge sind
noch viel wahrer, sie sind ueberhaupt die einzigen Dinge, die wahr sind.
Sie sind sehr ruhig und massvoll und ruecksichtsvoll gegen mich, weil
Sie sehen koennen, dass ich, was Ihre Frau betrifft, ein Narr bin.  So
wie der alte Mann, der eben hier war, zweifellos sehr weise ueber Ihren
Sozialismus denkt, weil er sieht, dass Sie sich dabei zum Narren machen.
(Morell wird sichtlich immer bestuerzter, und Eugen nuetzt seinen
Vorteil aus, ihn heftig mit Fragen bedraengend:)  Beweist dies, dass Sie
unrecht haben?  Beweist Ihre sichere Ueberlegenheit mir gegenueber, dass
ich unrecht habe?

(Morell sich zu Eugen wendend, der seinen Platz behauptet:)  Marchbanks,
irgendein Teufel hat Ihnen diese Worte in den Mund gelegt.  Es ist
leicht, fuerchterlich leicht, in einem Menschen den Glauben an sich
selbst zu erschuettern.  Dies auszunuetzen, um eines Menschen Seele zu
verwirren, ist Teufelswerk.  Hueten Sie sich davor!

(Marchbanks unbarmherzig:)  Das weiss ich!  Es geschieht absichtlich.
Ich sagte Ihnen ja, ich wuerde Sie aufruetteln.  (Sie sehen einander
einen Augenblick drohend in die Augen, dann findet Morell seine Wuerde
wieder.)

(Morell mit edler Guete:)  Eugen, hoeren Sie mich an.  Ich hoffe und baue
darauf, dass Sie eines Tages ein gluecklicher Mensch sein werden, wie
ich.  (Eugen gibt durch eine zornige, ungeduldige Gebaerde zu verstehen,
dass er an den Wert dieses Glueckes nicht glaubt.  Morell, tief
beleidigt, beherrscht sich mit aller Nachsicht und faehrt mit grosser
kuenstlerischer Beredsamkeit fort:)  Sie werden verheiratet sein und mit
aller Macht und Ihrem besten Koennen daran arbeiten, jeden Erdenfleck,
den Sie betreten, so gluecklich zu machen, wie Ihr eigenes Heim es sein
wird.  Sie werden einer von denen sein, die das Himmelreich auf Erden
bereiten wollen, und--wer weiss?--Sie moegen ein Pionier oder ein
Baumeister werden, wo ich nur ein demuetiger Arbeiter bin.  Sie duerfen
nicht glauben, Eugen, dass ich in Ihnen, so jung Sie auch sind, nicht
jene Keime sehe, die Groesseres versprechen, als ich jemals von mir
erwarten darf.  Ich weiss ganz gut, dass der Geist, der in einem Dichter
wohnt, heilig--dass er geradezu goettlich ist.  Sie sollten bei dem
Gedanken daran zittern, bei dem Gedanken, dass die schwere
Verpflichtung und die grossen Gaben eines Dichters vielleicht einst auf
Ihren Schultern ruhen werden.

(Marchbanks unberuehrt und reuelos; die knabenhafte Knappheit seiner
Worte sticht scharf gegen Morells Beredsamkeit ab:)  Nicht davor
zittere ich!  Der Mangel dieser Gaben bei anderen, der macht mich
zittern.

(Morell verdoppelt die Kraft seiner Rede unter dem Einfluss seines
echten Gefuehls und der Verstocktheit Eugens:)  Dann tragen Sie dazu bei,
jene Gaben in andere und in mich zu pflanzen--und nicht, sie
auszurotten.  Spaeter einmal, wenn Sie so gluecklich sein werden, wie
ich es bin, dann will ich Ihr treuer Glaubensbruder werden.  Ich will
Sie zu dem Glauben fuehren, dass Gott uns eine Welt geschenkt hat, die
nur unserer eigenen Unvernunft wegen kein Paradies ist, und dass jeder
Federstrich Ihrer Arbeit Glueck aussaet fuer die grosse Ernte, die
alle--selbst die Geringsten--eines Tages einfuehren werden.  Und
endlich will ich Ihnen nicht zum wenigsten zu dem Glauben verhelfen,
dass Ihre Frau Sie liebt und in ihrem Heim gluecklich ist.  Wir brauchen
solche Hilfe, Marchbanks, wir haben sie immer sehr noetig.  Es gibt so
viele Dinge, die in uns Zweifel wecken, wenn wir uns erst einmal haben
unsern Glauben trueben lassen.  Selbst zu Hause sitzen wir wie in einem
Kriegslager, umgeben von einer feindlichen Armee von Zweifeln.  Wollen
Sie den Verraeter spielen und sie zu mir einlassen?

(Marchbanks sich umblickend:)  Ist es fuer sie hier immer so gewesen?
Dass eine Frau mit einer grossen Seele, die nach Wahrheit, Wirklichkeit
und Freiheit duerstet, bloss mit Metaphern, Predigten und abgedroschenen
Redensarten abgespeist wird?  Glauben Sie, dass die Seele einer Frau
von Ihrem Predigertalent leben kann?

(Morell tief verwundet:)  Marchbanks, Sie machen es mir schwer, mich zu
beherrschen.  Mein Talent gleicht dem Ihren, sofern es ueberhaupt einen
echten Wert besitzt: es ist die Gabe, goettliche Wahrheit in Worte zu
kleiden.

(Marchbanks ungestuem:)  Es ist die Gabe des Mundwerks, nicht mehr und
nicht weniger.  Was hat Ihre Fertigkeit, schoene Reden zu halten, mit
der Wahrheit zu schaffen?--so wenig, wie das Orgelspiel mit ihr zu
schaffen hat.  Ich war niemals in Ihrer Kirche, aber ich war in Ihren
politischen Versammlungen und habe Sie dort das tun sehen, was man die
Menge zum Enthusiasmus hinreissen nennt.  Das heisst: die Leute regten
sich auf und benahmen sich, als ob sie betrunken waeren.  Ihre Frauen
sahen zu und merkten, was fuer Narren sie zu Maennern hatten.  Oh, das
ist eine alte Geschichte, Sie koennen sie schon in der Bibel finden.
--Mir scheint, Koenig David in seinem Enthusiasmus war Ihnen sehr
aehnlich.  (Ihm die Worte in die Seele hohrend:)  "Aber sein Weib
verachtete ihn in ihrem Herzen!"

(Morell wuetend:)  Verlassen Sie mein Haus!  Hoeren Sie?  (Er gebt
drohend auf ihn los.)

(Marchbanks gegen das Sofa zurueckweichend:)  Lassen Sie mich in Frieden,
ruehren Sie mich nicht an!

(Morell fasst ihn kraeftig am Aufschlag seines Rockes; er duckt sich auf
das Sofa nieder.)

(Marchbanks schreit leidenschaftlich:)  Halten Sie ein; wenn Sie mich
schlagen, so toete ich mich, ich wuerde es nicht ertragen!  (Beinahe
hysterisch:)  Lassen Sie mich los: nehmen Sie Ihre Hand fort!

(Morell langsam, mit nachdruecklicher Geringschaetzung:)  Sie kleiner,
winselnder, feiger Hund!  (Er laesst ihn los:)  Gehen Sie, sonst fallen
Sie aus Angst in Ohnmacht.

(Marchbanks auf dem Sofa nach Luft schnappend, aber befreit durch das
Zurueckziehen von Morells Hand:)  Ich fuerchte mich nicht vor Ihnen, Sie
fuerchten sich vor mir!

(Modell ruhig, ueber ihn gebeugt:)  Es sieht mir ganz danach aus!

(Marchbanks mit dreister Heftigkeit:)  Ja; es sieht so aus.  (Morell
wendet sich verachtungsvoll ab, Eugen steht hastig auf und folgt ihm.)
Weil ich vor einer brutalen Behandlung zurueckschrecke, weil (mit
Traenen in der Stimmt:)  ich nichts anderes tun kann, als heulen vor Wut,
wenn mir Gewalt angetan wird--weil ich keinen schweren Koffer vom
Kutscherbock herabheben kann wie Sie--weil ich mit Ihnen nicht um Ihre
Frau raufen kann wie ein Arbeiter--deshalb glauben Sie, ich haette
Angst vor Ihnen!  Aber Sie irren.  Besitze ich auch nicht Ihren
beruehmten britischen Mut, so besitze ich doch auch nicht die britische
Feigheit.  Ich fuerchte mich vor den Ansichten eines Pastors nicht.
Ich will kaempfen gegen Ihre Ansichten.  Ich will Candida von der
Sklaverei dieser Ansichten befreien, ich will meine eigenen Ansichten
den Ihren entgegenstellen.  Sie jagen mich aus dem Hause, weil Sie es
nicht wagen, Candida zwischen meinen und Ihren Ansichten waehlen zu
lassen!  Sie fuerchten sich vor einem Wiedersehen zwischen Ihrer Frau
und mir.  (Morell wendet sich ploetzlich zornig zu ihm; er fluechtet
nach der Tuer in unfreiwilliger Angst:)  Lassen Sie mich in Ruhe.  Ich
gehe.

(Morell mit kalter Verachtung:)  Warten Sie einen Augenblick: ich werde
Sie nicht beruehren, fuerchten Sie sich nicht.  Wenn meine Frau
zurueckkommt, duerfte sie wissen wollen, warum Sie fortgegangen sind;
und wenn sie erfaehrt, dass Sie unsere Schwelle nie wieder ueberschreiten
werden, dann wird sie darueber Aufklaerung verlangen.  Nun moechte ich
sie nicht betrueben und ihr sagen, dass Sie sich wie ein Schuft benommen
haben.

(Marchbanks kehrt mit erneuter Heftigkeit um:)  Sie sollen es--Sie
muessen!  Wenn Sie irgendeine andere Aufklaerung als die wahre geben, so
sind Sie ein Luegner und ein Feigling.  Sagen Sie ihr, was ich gesagt
habe, und wie Sie stark und maennlich waren und mich zerzaust haben wie
ein Hund eine Ratte, und wie ich zurueckwich und entsetzt war, und wie
Sie mich einen winselnden kleinen Hund nannten und mich aus dem Hause
jagten!  Wenn Sie ihr das alles nicht sagen werden, so werde ich es
tun!  Ich werd' es ihr schreiben.

(Morell verbluefft:)  Warum wollen Sie, dass sie das alles erfahren soll?

(Marchbanks mit lyrischer Begeisterung:)  Weil sie mich dann verstehen
und wissen wird, dass ich sie verstehe.  Wenn Sie nur ein Wort von
alledem vor ihr verheimlichen--wenn Sie nicht bereit sind, ihr die
reine Wahrheit zu Fuessen zu legen--wie ich--dann werden Sie bis an das
Ende Ihrer Tage wissen, dass sie in Wirklichkeit mir gehoert und nicht
Ihnen.  Leben Sie wohl.  (Er wendet sich zum Geben.)

(Morell in furchtbarer Unrube:)  Halt! ich werde ihr das alles nicht
erzaehlen.

(Marchbanks wieder nach der Tuer, wendet sich um:)  Sie muessen ihr
entweder die Wahrheit sagen, wenn ich gehe, oder eine Luege.

(Morell zoegernd:)  Marchbanks, es ist manchmal entschuldbar--

(Marchbanks ihn unterbrechend:)  Zu luegen--ich weiss!  Diesmal wird es
aber vergeblich sein!  Leben Sie wohl, Herr Pfarrer!  (Wie er sich
endlich zur Tuer wendet, geht diese auf und Candida tritt in ibrem
Hauskleid ein.)

(Candida.)  Sie verlassen uns, Eugen?  (Sieht ihn genauer an:)  Aber,
Sie werden doch nicht in diesem Zustand auf die Strasse gehen.  Sie
sind ein Dichter, sicherlich!  Sieh' ihn nur an, Jakob!  (Sie fasst
Eugen am Rock und zieht ihn nach vorne, ihn Morell zeigend.)  Sieh
diesen Kragen an und diese Krawatte und dieses Haar.  (Zu Eugen:)  Man
moechte glauben, dass jemand Sie hat erdrosseln wollen!  (Die beiden
bueten sich, ihr schlechtes Gewissen zu verraten.)  Da,--halten Sie
still.  (Sie knoepft ihm seinen Kragen, bindet sein Halstuch zu einer
Schleife und ordnet sein Haar.)  So, so!  Nun sehen Sie so nett aus,
dass ich es doch fuer besser hielte, Sie fruehstueckten mit uns, obwohl
Sie es eigentlich nicht sollten, wie ich Ihnen schon gesagt habe.  In
einer halben Stunde wird das Essen bereit sein.  (Sie glaettet sein
Halstuch noch mit einer letzten Beruebrung; er kuesst ihr die Hand.)
Nicht dumm sein.

(Marchbanks.)  Ich moechte schon bleiben, gewiss--falls Ihr verehrter
Herr Gemahl, der Herr Pastor, nichts dagegen einzuwenden hat.

(Candida.)  Soll er bleiben, Jakob, wenn er verspricht, ein braver
Junge zu sein und mir beim Tischdecken zu helfen?  (Marchbanks wendet
den Kopf und sieht Morell ueber die Schulter fest an, seine Antwort
herausfordernd.)

(Morell kurz angebunden:)  O ja, gewiss; es waere mir lieb.  (Er geht an
den Tisch und tut, als ob er mit den Papieren beschaeftigt waere.)

(Marchbanks bietet Candida den Arm:)  Decken wir den Tisch.  (Sie nimmt
seinen Arm, dann wenden sie sich zusammen nach der Tuer, im Hinausgehen.)
Nun bin ich der gluecklichste Mensch von der Welt!

(Morell.)  Das war ich auch--vor einer Stunde.

(Vorhang)




ZWEITER AKT

(An demselben Tage, dasselbe Zimmer spaet nachmittags.  Der Stuhl fuer
Morells Besucher steht wieder an dem Tisch, der womoeglich noch
unordentlicher aussiebt als vorhin. Marchbanks, allein und muessig,
versucht herauszukriegen, wie die Schreibmaschine arbeitet.  Er hoert
jemanden kommen und stiehlt sich schuldbewusst fort an das Fenster
und tut so, als ob er in die Aussiebt versunken waere.  Proserpina
Garnett tritt mit ihrem Notizblock ein, der das Stenogramm von
Morells Briefen enthaelt.  Sie setzt sich an die Schreibmaschine
und will mit der Abschrift beginnen.  Sie ist viel zu sehr
beschaeftigt, um Eugen zu bemerken.  Ungluecklicherweise versagt
die erste Taste, auf die sie schlaegt.)

(Proserpina.)  Himmel!  Sie haben sich mit der Maschine zu schaffen
gemacht, Herr Marchbanks, und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie auch
noch so ein unschuldiges Gesicht aufsetzen.

(Marchbanks schuechtern:)  Es tut mir sehr leid, Fraeulein Garnett.  Ich
wollte nur zu schreiben versuchen.

(Proserpina.)  Und dabei haben Sie diese Taste verdorben.

(Marchbanks ernst:)  Ich versichere Ihnen, dass ich die Tasten nicht
beruehrt habe.  Wahrhaftig nicht.  Ich habe nur ein kleines Rad gedreht.
(Er zeigt unschluessig auf die Kurbel.)

(Proserpina.)  Oh, nun verstehe ich.  (Sie bringt die Maschine in
Ordnung und schwatzt dabei ununterbrochen:)  Mir scheint, Sie dachten,
es waere eine Art Drehorgel.  Man braucht nur die Kurbel da zu drehen,
und die Maschine schreibt einem den schoensten Liebesbrief glatt aufs
Papier, he?

(Marchbanks ernst:)  Ich kann mir vorstellen, dass eine Maschine
erfunden werden koennte, die Liebesbriefe schreibt.--Es sind ja immer
dieselben, nicht wahr?

(Proserpina etwas aufgebracht, da jede derartige Unterhaltung--ausser
scherzweise einmal--ihren Umgangsformen fernliegt:)  Woher soll ich das
wissen?  Warum fragen Sie mich?

(Marchbanks.)  Entschuldigen Sie.  Ich dachte, dass gescheite
Leute--Leute, die Geschaefte besorgen, Briefe schreiben und aehnliche
Dinge verrichten koennen--auch immer Liebesangelegenheiten haben.

(Proserpina erbebt sich beleidigt:)  Herr Marchbanks!  (Sie siebt ihn
strenge an und gebt sehr wuerdevoll zum Buecherschrank.)

(Marchbanks naehert sich ihr demuetig:)  Ich hoffe, dass ich Sie nicht
beleidigt habe.  Ich haette vielleicht auf Ihre Liebesangelegenheiten
nicht anspielen sollen.

(Proserpina nimmt ein blaues Buch aus einem Fach und wendet sich
scharf nach ihm um:)  Ich habe keine Liebesangelegenheiten!  Wie koennen
Sie es wagen, mir so etwas zu sagen?

(Marchbanks naiv:)  Wirklich?  Oh, dann sind Sie auch schuechtern, wie
ich, nicht wahr?

(Proserpina.)  Ich bin gewiss nicht schuechtern: was meinen Sie damit?

(Marchbanks geheimnisvoll:)  Sie muessen es sein.  Das ist der Grund,
warum es so wenig echte Liebesgeschichten in der Welt gibt.  Wir gehen
alle umher und sehnen uns nach Liebe, sie ist die erste
Naturnotwendigkeit, das heisseste Gebet unseres Herzens, aber wir wagen
es nicht, unsere Wuensche zu aeussern, wir sind zu schuechtern.  (Sehr
ernst:)  Oh, Fraeulein Garnett, was wuerden Sie nicht darum geben, ohne
Furcht zu sein,--ohne Scham--

(Proserpina empoert:)  Nein, meiner Treu, das ist stark!

(Marchbanks trotzig und ungeduldig:)  Sagen Sie mir nicht solche
Albernheiten.  Sie taeuschen mich doch nicht.  Wozu soll das sein?
Warum scheuen Sie sich, sich mir gegenueber so zu zeigen, wie Sie sind?
Ich bin ja selbst genau so wie Sie.

(Proserpina.)  Wie ich?  Bitte, ich weiss nicht recht, wollen Sie damit
mir oder sich schmeicheln?  (Sie wendet sich ab, um zur
Schreibmaschine zurueckzugeben.)

(Marchbanks tritt ihr geheimnisvoll in den Weg:)  Still!  Ich bin auf
der Suche nach Liebe, und ich finde sie in unermesslichen Schaetzen in
den Herzen anderer aufgespeichert.  Aber ich wage es nicht, darum zu
bitten,--eine fuerchterliche Schuechternheit schnuert mir die Kehle zu,
und ich stehe da, stumm, aerger als stumm, und rede sinnloses Zeug und
stammle toerichte Luegen.  Und ich sehe die Liebe, nach der ich
verschmachte, an Katzen und Hunde und verhaetschelte Voegel vergeudet,
weil die kommen und darum bitten.  (Beinahe fluesternd:)  Man muss Liebe
verlangen,--sie ist wie ein Geist, sie kann nicht sprechen, bevor
nicht zu ihr gesprochen wird.  (Mit seiner gewohnten Stimme, aber mit
tiefer Melancholie:)  Alle Liebe in der Welt ringt nach Worten, aber
sie wagt es nicht, zu sprechen, weil sie zu schuechtern ist, zu
schuechtern, zu schuechtern!  Das ist die Tragik des Lebens!  (Mit einem
tiefen Seufzer setzt er sieb in den Besuchsstuhl und vergraebt sein
Gesicht in den Haenden.)

(Proserpina verwundert, aber ohne ihren gesunden Menschenverstand zu
verlieren,--ein Ehrenpunkt fuer sie im Verkehr mit fremden jungen
Maennern:)  Es gibt aber schlechte Menschen, die diese Schuechternheit
gelegentlich ueberwinden, nicht wahr?

(Marchbanks faehrt beinahe wuetend auf:)  Schlechte Menschen!  Das heisst
Menschen, die ohne Liebe sind, deshalb sind sie auch ohne Scham!  Sie
haben den Mut, Liebe zu verlangen, weil sie keine brauchen; sie haben
den Mut, sie anzubieten, weil sie keine zu geben haben!  (Er sinkt in
seinen Stuhl und fuegt traurig hinzu:)  Aber wir, die wir Liebe haben
und danach brennen, sie mit anderen auszutauschen, wir koennen kein
Wort ueber die Lippen bringen.  (Schuechtern:)  Finden Sie das nicht auch?

(Proserpina.)  Nehmen Sie sich in acht.  Wenn Sie nicht aufhoeren, so zu
reden, werde ich das Zimmer verlassen, Herr Marchbanks.  Ich tue es
wirklich!  Das gehoert sich nicht.  (Sie nimmt ihren Sitz vor der
Schreibmaschine wieder ein, oeffnet das blaue Buch und macht sich
bereit, daraus etwas zu kopieren.)

(Marchbanks hilflos:)  Nichts gehoert sich, was wert ist, dass man
darueber spricht!  (Er erhebt sich und wandert verloren im Zimmer umher:
) Ich kann Sie nicht begreifen, Fraeulein Garnett.  Worueber soll ich
denn sprechen?

(Proserpina fertigt ihn kurz ab:)  Sprechen Sie ueber gleichgueltige
Dinge.  Sprechen Sie ueber das Wetter.

(Marchbanks.)  Wuerden Sie es ertragen, ueber gleichgueltige Dinge zu
sprechen, wenn ein Kind neben Ihnen stuende, das vor Hunger bitterlich
weinte?

(Proserpina.)  Vermutlich nicht.

(Marchbanks.)  Nun, ich kann auch nicht ueber gleichgueltige Dinge
sprechen, waehrend mein Herz in seinem Hunger bitterlich weint.

(Proserpina.)  Dann--schweigen Sie.

(Marchbanks.)  Jawohl, darauf laeuft's immer hinaus, wir schweigen.
Unterdrueckt das den Schrei Ihres Herzens--denn es schreit, nicht wahr?
Es muss, wenn Sie ueberhaupt ein Herz haben.

(Proserpina erhebt sich ploetzlich und presst ihre Hand aufs Herz.)  Oh,
es ist vergeblich, arbeiten zu wollen, waehrend Sie so reden.  (Sie
verlaesst ihren kleinen Tisch und setzt sich auf das Sofa.  Ihre Gefuehle
sind heftig aufgewuehlt.)  Es kuemmert Sie gar nichts, ob mein Herz
schreit oder nicht, aber es ist mir so, als muesste ich nun doch ueber
all das zu Ihnen sprechen.

(Marchbanks.)  Das brauchen Sie nicht; ich weiss doch, dass es so ist.

(Proserpina.)  Merken Sie sich: wenn Sie jemals behaupten sollten, dass
ich derlei gesagt habe, dann werde ich es leugnen.

(Marchbanks mitleidig:)  Ja, das weiss ich.  Deshalb finden Sie auch
nicht den Mut, es ihm zu sagen.

(Proserpina aufspringend:)  Ihm?!  Wem?!

(Marchbanks.)  Wem es auch sei.  Dem Manne, den Sie lieben.  Irgend
jemandem.  Dem Unterpfarrer Herrn Mill vielleicht.

(Proserpina verachtungsvoll:)  Herrn Mill?  Wahrhaftig, das ist der
rechte Mann, mir das Herz zu brechen.  Da waeren Sie mir noch lieber.

(Marchbanks zurueckweichend:)  Nein, wirklich!  Es tut mit leid, aber
daran duerfen Sie nicht denken.  Ich--

(Proserpina scharf, geht ans Feuer und bleibt davor stehen, ihm den
Ruecken zuwendend:)  Oh, fuerchten Sie nichts, Sie sind es nicht.  Es ist
gar keine bestimmte Person.

(Marchbanks.)  Ich verstehe.  Sie fuehlen, dass Sie jeden Mann lieben
koennten, der Ihnen sein Herz anboete--

(Proserpina ausser sich:)  Nein, das koennte ich nicht!  Jeden, der mir
sein Herz anboete!  Fuer was halten Sie mich?

(Marchbanks entmutigt:)  Es ist vergebens, Sie wollen mir keine
wirklichen Antworten geben, nur diese leeren Worte, die jedermann sagt.
(Er geht nach dem Sofa und setzt sich trostlos nieder.)

(Proserpina die es wurmt, in den Augen eines Aristokraten manierlos zu
erscheinen:)  Wenn Sie originelle Unterhaltung wuenschen, dann ist es
besser, Sie sprechen mit sich selbst.

(Marchbanks.)  Das tun alle Dichter; sie sprechen laut mit sich selbst;
und die Welt ueberhoert sie.  Aber es ist furchtbar einsam, nicht
manchmal auch jemand anders sprechen zu hoeren.

(Proserpina.)  Warten Sie, bis Herr Morell kommt.  Der wird schon mit
Ihnen reden.  (Marchbanks schaudert.)  Oh, Sie brauchen die Nase nicht
zu ruempfen, er kann besser sprechen als Sie.  (Lebhaft:)  Er wird Ihnen
den kleinen Kopf schon zurechtsetzen.  (Sie ist im Begriff aergerlich
an ihren Platz zurueckzugeben, als er, ploetzlich erleuchtet, aufspringt
und sie anhaelt.)

(Marchbanks.)  Ah, jetzt begreife ich!

(Proserpina erroetend:)  Was begreifen Sie?

(Marchbanks.)  Ihr Geheimnis!  Sagen Sie mir, ist es wirklich und
wahrhaftig moeglich, dass eine Frau ihn liebt?

(Proserpina als ob dies ihr ueber den Spass ginge:)  Genug!

(Marchbanks leidenschaftlich:)  Nein, antworten Sie mir!  Ich will es
wissen, ich muss es wissen, ich kann es nicht begreifen.  Ich kann an
ihm nichts finden als Worte, fromme Vorsaetze, was die Leute Guete
nennen!  Sie koennen ihn deswegen doch nicht lieben!

(Proserpina versucht, ihn durch ihr kuehles Wesen stutzig zu machen:)
Ich weiss ganz einfach nicht, wovon Sie sprechen--ich verstehe Sie
nicht.

(Marchbanks heftig:)  Sie verstehen mich ganz gut.  Sie luegen!

(Proserpina.)  Oh!

(Marchbanks.)  Sie verstehen, und Sie wissen.  (Entschlossen, eine
Antwort zu bekommen:)  Ist es moeglich, dass eine Frau ihn lieben kann?
Ja oder nein!

(Proserpina ihm gerade ins Gesicht blickend:)  Ja!  (Er bedeckt sein
Gesicht mit den Haenden.)  Was in aller Welt fehlt Ihnen denn?  (Er
nimmt die Haende herab und sieht sie an.  Erschreckt ueber das traurige
Gesicht, das sich ihr darbietet, eilt sie so weit wie moeglich von ihm
fort, behaelt aber ihre Augen auf ihn gerichtet, bis er sich von ihr
abwendet und nach dem Kinderstuhl am Kamin geht, wo er sich in
tiefster Trostlosigkeit niederlaesst.  Proserpina eilt zur Tuer, die Tuer
geht auf und Burgess tritt ein.  Als sie ihn erblickt, ruft sie aus:)
Gott sei Dank, es kommt jemand!  (Setzt sich wieder beruhigt an ihren
Tisch.  Sie legt einen neuen Bogen in die Maschine, waehrend Burgess zu
Eugen hinuebergebt.)

(Burgess beflissen, sich um den vornehmen Besucher zu kuemmern:)  Na,
gehoert sich das, wie man Sie hier sich selbst ueberlaesst, Herr
Marchbanks?  Ich bin gekommen, Ihnen Gesellschaft zu leisten.
(Marchbanks siebt zu ihm mit einer Bestuerzung auf, die Burgess aber
gar nicht merkt.)  Jakob empfaengt eine Deputation im Speisezimmer, und
Candy ist oben und unterrichtet eine junge Naeherin, fuer die sie sich
interessiert.  Sie sitzt bei ihr und lehrt sie lesen, in einem frommen
Buche: die himmlischen Zwillinge.  (Teilnahmsvoll:)  Sie muessen es hier
recht langweilig finden, so ohne einen Menschen, mit dem Sie reden
koennen, ausser der Schreiberin.

(Proserpina aeusserst erbittert:)  Er wird sich jetzt ganz wohl fuehlen,
da er das Glueck hat, Ihre gebildete Unterhaltung zu geniessen,--das ist
schon ein Trost.  (Sie beginnt mit heftigem Geraeusch zu schreiben.)

(Burgess erstaunt ueber ihre Kuehnheit:)  Mit Ihnen hab' ich nicht
gesprochen, soviel ich weiss, Sie junges Ding!

(Proserpina scharf zu Marchbanks:)  Haben Sie jemals solche Manieren
gesehen, Herr Marchbanks?

(Burgess mit wichtigtuendem Ernst:)  Herr Marchbanks ist ein Edelmann,
der seine Stellung kennt; das ist mehr, als manche Leute von sich
sagen koennen.

(Proserpina zornig:)  Gluecklicherweise gehoeren Sie und ich nicht zu den
"Damen" und "Herren"; ich wuerde Ihnen schon meine Meinung sagen, wenn
Herr Marchbanks nicht zugegen waere.  (Sie zieht den Brief so heftig
aus der Maschine heraus, dass er zerreisst.)  So! nun habe ich den Brief
verdorben, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen.  Oh, ich kann
mich nicht beherrschen.--Sie dummer alter Schafskopf, Sie!

(Burgess erhebt sich, atemlos vor Entruestung:)  Was, ein dummer alter
Schafskopf bin ich?!  Das ist stark!  (Ausser Atem:)  Gut, gut!  Warten
Sie nur, das werde ich Ihrem Prinzipal sagen--ich will Sie lehren--Sie
sollen es sehen!

(Proserpina.)  Ich--

(Burgess sie unterbrechend:)  Genug, Ihr Reden nuetzt Ihnen nun nichts
mehr, Sie sollen mich kennen lernen! (Proserpina schiebt ihre Walze
mit einem zornigen Stoss herum und setzt verachtungsvoll ihre Arbeit
fort.)  Nehmen Sie keine Notiz von ihr, Herr Marchbanks, sie ist es
nicht wert.  (Er setzt sich stolz wieder hin.)

(Marchbanks fuerchterlich nervoes und verlegen:)  Waere es nicht besser,
wir wuerden von etwas anderem sprechen.  Ich--ich glaube nicht, dass
Fraeulein Garnett es boese gemeint hat.

(Proserpina mit fester Ueberzeugung:)  Ob ich es boese gemeint habe!
Doch!

(Burgess.)  Ich will mich nicht so weit erniedrigen, von ihr ueberhaupt
noch Notiz zu nehmen.  (Eine elektrische Klingel laeutet zweimal.)

(Proserpina rafft Notizhlock und Papier zusammen:)  Das gilt mir!  (Sie
eilt hinaus.)

(Burgess ihr nachrufend:)  Oh, wir koennen Sie entbehren.  (Er freut
sich ueber den Triumph, das letzte Wort behalten zu haben, und doch
halb und halb geneigt, noch mehr zu sagen, sieht er ihr einen
Augenblick lang nach, dann laesst er sich auf seinen Platz neben Eugen
nieder und spricht sehr vertraulich zu ihm:)  Jetzt, wo wir allein sind,
Herr Marchbanks, lassen Sie mich Ihnen einen freundlichen Wink geben,
den ich nicht jedermann geben wuerde.  Wie lange kennen Sie meinen
Schwiegersohn Jakob schon?

(Marchbanks.)  Ich weiss nicht.  Ich kann mir Daten niemals merken,
--vielleicht einige Monate.

(Burgess.)  Haben Sie nie etwas Sonderbares an ihm bemerkt?

(Marchbanks.)  Nicht dass ich wuesste.

(Burgess ausdrucksvoll:)  Das werden Sie auch schwerlich.  Darin liegt
eben die Gefahr.  Nun--er ist verrueckt.

(Marchbanks.)  Verrueckt?!

(Burgess.)  Total verrueckt.  Beobachten Sie ihn nur, und Sie werden es
selbst finden.

(Marchbanks aengstlich:)  Aber das scheint Ihnen gewiss nur so, weil
seine Ansichten--

(Burgess beruehrt Eugens Knie mit dem Zeigefinger und drueckt es, um
seine Aufmerksamkeit zu erregen:)  Genau dasselbe habe ich frueher
gedacht, Heir Marchbanks.  Ich glaubte lange genug, es waeren nur seine
Ansichten, obwohl Ansichten zu sehr ernsten Angelegenheiten werden,
sobald Leute danach handeln, wie er; aber danach habe ich nicht
geurteilt.  (Er siebt umher, um sich zu ueberzeugen, dass sie allein
sind, und neigt sich zu Eugens Ohr.)  Was, glauben Sie, hat er heute
morgen in diesem Zimmer zu mir gesagt?

(Marchbanks.)  Was denn?

(Burgess.)  Er sagte mir, dass ich--so wahr, als wir hier sitzen--er
sagte ganz ruhig: "Ich bin ein Narr und Sie sind ein Schurke"...  Ich
ein Schurke--bedenken Sie nur--und dann schuettelte er mir die Hand
dazu, als ob seine Meinung schmeichelhaft fuer mich waere.  Wollen Sie
behaupten, dass so ein Mensch nicht verrueckt ist?

(Morell von aussen "Proserpina" rufend, waehrend er die Tuer oeffnet:)
Schreiben Sie alle Namen und Adressen auf, Fraeulein Garnett.

(Proserpina aus der Entfernung:)  Jawohl, Herr Pastor!  (Morell tritt
ein, mit den Dokumenten der Deputation in der Hand.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:)  Oh, da ist er.  Beobachten Sie ihn
nur, Sie werden schon sehen.  (Erhebt sich mit wichtiger Miene:)  Ich
bedaure, Jakob, mich bei Ihnen beklagen zu muessen.  Ich tue es nicht
gerne, aber ich fuehle, dass es meine Pflicht und mein Recht ist.

(Morell.)  Was ist denn geschehen?

(Burgess.)  Herr Marchbanks wird es bestaetigen, er war Zeuge.  (Sehr
feierlich:)  Ihre Schreiberin vergass sich so weit, mich einen dummen
alten Schafskopf zu nennen.

(Morell mit groesster Herzlichkeit:)  Oh, sieht das Prossi nicht ganz
aehnlich?  Sie ist so aufrichtig, sie kann sich nicht beherrschen.
Arme Prossi, ha, ha!

(Burgess zitternd vor Wut:)  Und erwarten Sie, dass ich mir das von
ihresgleichen ruhig gefallen lasse?

(Morell.)  Bah, Unsinn.  Nehmen Sie keine Notiz davon, lassen Sie's gut
sein.  (Er geht an das Schreibpult und legt die Papiere in eines der
Schubfaecher.)

(Burgess.)  Oh, ich mache mir nichts daraus.  Ich bin ueber derlei
erhaben.  Aber war es recht?  Das ist es, was ich zu wissen wuensche!
--war es recht?

(Morell.)  Das ist eine Frage fuer die Kirche und nicht fuer Laien.
Wurde Ihnen dadurch irgendein Schaden zugefuegt? danach muessen Sie
fragen--selbstverstaendlich "nein".  Also denken Sie nicht mehr daran.
(Er laesst den Gegenstand fallen, geht nach seinem Platz an den Tisch
und beginnt an seiner Korrespondenz zu arbeiten.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:)  Was habe ich Ihnen gesagt?  Total
verrueckt!  (Er geht an den Tisch und fragt mit der Hoeflichkeit eines
Hungrigen:)  Wann wird zu Tisch gegangen, Jakob?

(Morell.)  Erst nach einigen Stunden.

(Burgess mit klagender Entsagung:)  Dann geben Sie mir, bitte, ein
huebsches Buch, am Kamin zu lesen--sein Sie so gut, Jakob.

(Morell.)  Was fuer ein Buch,--ein gutes?

(Burgess beinahe mit einem Aufschrei des Widerwillens:)  Nein.  Irgend
was Lustiges, womit man die Zeit totschlagen kann.

(Morell nimmt eine illustrierte Zeitschrift vom Tisch und bietet sie
ihm an, er ergreift sie demuetig:)  Ich danke Ihnen, Jakob.  (Er geht
zurueck zum Kamin, laesst sich bequem in den grossen Stuhl nieder und
liest.)

(Morell waehrend er schreibt:)  Candida wird gleich kommen und Ihnen
Gesellschaft leisten.  Sie ist jetzt fertig mit ihrer Schuelerin und
fuellt die Lampen.

(Marchbanks faehrt empor in wildem Entsetzen:)  Aber das wird ihre Haende
beschmutzen,--das kann ich nicht dulden, Herr Pastor, das ist eine
Schande; ich werde die Lampen fuellen.  (Er wendet sich nach der Tuer.)

(Morell.)  Lassen Sie es lieber sein.  (Marchbanks bleibt unschluessig
stehen: ) Sie wuerde Ihnen hoechstens meine Schuhe zu putzen geben, um
mir die Arbeit zu ersparen, es morgen frueh selbst zu tun.

(Burgess mit grosser Missbilligung:)  Halten Sie kein Maedchen mehr, Jakob?

(Morell.)  Ja, aber es ist keine Sklavin, und das Haus sieht aus, als
ob ich drei hielte.  Daraus folgt, dass jeder mithelfen muss.  Das geht
ganz gut.  Prossi und ich koennen nach dem Fruehstueck, waehrend wir
abwaschen, ueber unsere Geschaefte sprechen; das Abwaschen macht keine
Muehe, wenn es zwei besorgen.

(Marchbanks gequaelt:)  Glauben Sie, dass jede Frau so grobkoernig ist wie
Fraeulein Garnett?

(Burgess pathetisch:)  Sie haben ganz recht, Herr Marchbanks,
vollkommen recht,--die ist grobkoernig!

(Morell ruhig und bedeutungsvoll:)  Marchbanks!

(Marchbanks.)  Ja.

(Morell.)  Wie viele Dienstboten haelt Ihr Vater?

(Marchbanks.)  Oh, ich weiss nicht.  (Er gebt unbehaglich an das Sofa
zurueck, als ob er sich so weit fort wie moeglich vor Morells Fragen
retten moechte, setzt sich in grosser Verstoertheit und denkt an das
Petroleum.)

(Morell sehr ernst:)  So viele, dass Sie es nicht einmal wissen.
(angriffsbereit:)  Immerhin, wenn irgendeine grobkoernige Arbeit zu
verrichten ist, dann klingeln Sie und halsen sie jemand anders
auf--das ist eine der grossen Tatsachen in Ihrem Dasein, nicht wahr?

(Marchbanks.)  Oh, quaelen Sie mich nicht.  Die eine grosse Tatsache hier
ist jetzt, dass die wundervollen Finger Ihrer Frau mit Petroleum
beschmutzt werden, waehrend Sie bequem hier sitzen und darueber Reden
halten--endlose Reden und Predigten--Worte--Worte--nichts als Worte!

(Burgess dem diese Erwiderung sehr gelegen kommt:)  Hoert, hoert!  Besser
konnte er's ihm nicht geben!  (Strahlend:)  Da haben Sie es, Jakob!
Ganz so ist es.  (Candida trat ein, in einer reinen Schuerze, mit einer
geputzten und gefuellten, zum Anzuenden fertigen Arbeitslampe.  Sie
stellt sie auf den Tisch neben Morell, damit er sie zur Hand hat.)

(Candida reibt ihre Fingerspitzen gegeneinander, mit einem leichten
Krausziehen ihrer Nase:)  Wenn Sie bei uns bleiben, Eugen, ich glaube,
dann werde ich Ihnen das Fuellen der Lampe uebertragen.

(Marchbanks.)  Ich werde ueberhaupt nur unter der Bedingung bleiben, dass
Sie mir alle grobe Arbeit uebertragen.

(Candida.)  Das ist zwar sehr galant, aber ich moechte doch vorher
wissen, wie Sie sie machen.  (Wendet sich zu Morell:)  Jakob, du hast
in meiner Abwesenheit nicht gehoerig nach dem Rechten gesehen.

(Morell.)  Was habe ich denn getan oder nicht getan, meine Liebe?

(Candida ernstlich aergerlich:)  Meine eigene kleine
Lieblingsnagelbuerste wurde zum Stiefelputzen verwendet.  (Ein
herzzerreissender Klagelaut entringt sich Marchbanks' Brust.  Burgess
sieht sich erstaunt um, Candida eilt ans Sofa:)  Was ist los?  Sind Sie
krank, Eugen?

(Marchbanks.)  Nein, nicht krank.  Nur Jammer erfasst mich, Jammer,
Jammer!  (Er schlaegt die Haende vor das Gesicht.)

(Burgess erschreckt:)  Was haben Sie, Herr Marchbanks?  Oh, das ist
schlimm in Ihrem Alter; Sie muessen trachten, sich das Trinken nach und
nach abzugewoehnen.

(Candida beruhigt:)  Unsinn, Papa.  Das ist nur poetischer Jammer.
Nicht wahr, Eugen?  (Streichelt ihn.)

(Burgess verlegen:)  Oh, poetischen Jammer hat er,--verzeihen Sie, das
wusste ich nicht.  (Er wendet sich wieder nach dem Feuer, seine
Unueberlegtheit bereuend.)

(Candida.)  Was ist's denn, Eugen?  Wegen der Nagelbuerste?  (Er
schaudert.)  Es ist ja nichts dabei, lassen Sie's gut sein.  (Sie setzt
sich neben ihn.)  Wollen Sie mir eine huebsche neue schenken, mit
Elfenbeinruecken und eingelegtem Perlmutter?

(Marchbanks sanft und melodisch, aber traurig und schmachtend:)  Nein,
keine Nagelbuerste, aber ein Boot, eine kleine Schaluppe, um darin
fortzusegeln, weit fort von der Welt, dorthin, wo Marmorboeden vom
Regen gewaschen und von der Sonne getrocknet werden, und wo der
Suedwind die wundervoll gruenen und purpurnen Teppiche fegt.  Oder einen
Wagen moechte ich Ihnen schenken; uns hinaufzutragen in den Himmel, wo
die Lampen Sterne sind und nicht taeglich mit Petroleum gefuellt werden
muessen.

(Morell barsch:)  Und wo es nichts anderes zu tun gibt, als faul,
selbstsuechtig und unnuetz zu sein.

(Candida unangenehm beruehrt:)  Oh, Jakob, wie kannst du nur alles so
verderben!

(Marchbanks feurig:)  Ja: faul, selbstsuechtig und unnuetz, das heisst
schoen, frei und gluecklich sein.  Hat das nicht jeder Mann mit seiner
ganzen Seele fuer die Frau gewuenscht, die er liebte?  Das ist auch mein
Ideal.  Was ist das Ihre und das all der entsetzlichen Menschen, die
in diesen fuerchterlichen Haeuserreihen wohnen?  Predigten und
Schuhbuersten!  Fuer Sie die Predigten und fuer Ihre Frau die Buerste!

(Candida drollig:)  Er putzt die Schuhe, Eugen.  Morgen werden Sie sie
putzen muessen, weil Sie das von ihm gesagt haben.

(Marchbanks.)  Oh, sprechen Sie nicht von Schuhen; Ihre Fuesse wuerden
auch in einer Wildnis schoen bleiben.

(Candida.)  Meine Fuesse wuerden auf der Hackneystrasse ohne Schuhe nicht
sehr schoen aussehn.

(Burgess daran Anstoss nehmend:)  Geh, Candy, sei nicht ordinaer.  Herr
Marchbanks ist daran nicht gewoehnt.  Du hast ihm schon wieder Jammer
eingefloesst,--ich meine poetischen Jammer.  (Morell schweigt, scheinbar
ist er mit seinen Briefen beschaeftigt.  Tatsaechlich ist er aber ueber
seine neue und beunruhigende Erfahrung in sorgenvolle Gedanken
vertieft: je sicherer er seiner moralischen Ausfaelle ist, desto
sicherer und wirkungsvoller pariert sie Eugen.  Es schmerzt Morell
sehr, dass er einen Menschen zu fuerchten anfaengt, den er nicht achten
kann.  Fraeulein Garnett kommt mit einem Telegramm herein.)

(Proserpina haendigt das Telegramm Morell ein:)  Rueckantwort bezahlt,
der Bote wartet.  (Zu Candida, waehrend sie zu ihrer Maschine geht und
sich setzt:)  Marie wartet auf Sie in der Kueche, Frau Morell.  (Candida
erhebt sich:)  Die Zwiebeln sind gekommen.

(Marchbanks krampfhaft:)  Zwiebeln!?

(Candida.)  Ja, Zwiebeln, und nicht einmal spanische! garstige, kleine
rote Zwiebeln!  Sie koennen mir helfen, sie zu zerschneiden; kommen Sie.
(Sie nimmt ihn am Handgelenk und laeuft, ihn nachziehend, hinaus.
Burgess erhebt sich verbluefft und starrt ihnen, auf dem Kaminteppich
stehend, nach.)

(Burgess.)  Candy sollte den Neffen eines Pairs nicht so behandeln.
Das geht doch zu weit, Jakob.  Hat er oefters solche komischen Anfaelle?

(Morell kurz, ein Telegramm schreibend:)  Ich weiss nicht.

(Burgess sentimental:)  Er spricht sehr nett.  Ich habe immer etwas
Sinn fuer Poesie gehabt.  Candy schlaegt mir darin nach.  Ich musste ihr
immer Maerchen erzaehlen, als sie noch ein so kleines Maedchen war.  (Er
haelt die Hand ungefaehr zwei Fuss hoch ueber den Fussboden.)

(Morell beschaeftigt:)  So, wirklich?  (Er loescht das Telegramm ab und
geht hinaus.)

(Proserpina.)  Haben Sie die Maerchen, die Sie Ihrer Tochter erzaehlten,
selbst erfunden?

(Burgess wuerdigt sie keiner Antwort und nimmt vor dem Kamin die
Stellung tiefster Verachtung gegen sie ein.)

(Proserpina sehr ruhig:)  Ich haette nie gedacht, dass Sie derlei koennten.
Uebrigens moechte ich Sie doch warnen, da Sie so grosses Interesse
an Herrn Marchbanks nehmen.  Er ist verrueckt.

(Burgess.)  Verrueckt!  Was?  Der auch?

(Proserpina.)  Total verrueckt!  Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie
sehr er mich vorhin erschreckte--das kann ich Ihnen versichern,
gerade bevor Sie kamen.--Haben Sie das merkwuerdige Zeug, das er sprach,
nicht gehoert?

(Burgess.)  So, das ist also der poetische Jammer?  Potztausend, es ist
mir selbst schon ein oder zweimal aufgefallen, dass es nicht ganz
richtig mit ihm ist.  (Er durchschreitet das Zimmer und hebt seine
Stimme, waehrend er geht:)  Na, das ist ein huebsches Irrenhaus fuer einen
Menschen, der ausser Ihnen niemanden hat, sich um ihn zu kuemmern.

(Proserpina waehrend er bei ihr vorbeikommt:)  Ja, wie fuerchterlich waere
es, wenn Ihnen da etwas zustiesse.

(Burgess hochmuetig:)  Erlauben Sie sich keine Bemerkungen!  Sagen Sie
Ihrem Prinzipal, dass ich in den Garten gegangen bin, meine Pfeife zu
rauchen.

(Proserpina spottend:)  Oh!--(Ehe Burgess erwidern kann, kehrt Morell
zurueck.)

(Burgess gefuehlvoll:)  Ich gehe in den Garten, meine Pfeife zu rauchen,
Jakob.

(Morell kurz angebunden:)  Schon gut, schon gut!  (Burgess geht
wuerdevoll hinaus, wie ein mueder alter Mann.  Morell steht vor dem
Tisch, wendet seine Papiere um und spricht zu Proserpina hinueber, halb
humorvoll, halb geistesabwesend.)

(Morell.)  Nun, Prossi, warum haben Sie meinen Schwiegervater mit
Schimpfnamen belegt?

(Proserpina wird feuerrot und sieht rasch zu ihm auf, halb
vorwurfsvoll, halb erschrocken:)  Ich--(Sie bricht in Traenen aus.)

(Morell lehnt sich mit leisem Humor zu ihr hinueber und troestet sie:)
Oh, lassen Sie, lassen Sie nur! es ist ja nichts dabei: er ist ein
alter Schafskopf, nicht wahr?  (Mit einem krampfhaften Schluchzen
stuerzt sie nach der Tuer und verschwindet, die Tuer zuschlagend.  Morell
schuettelt resigniert den Kopf, seufzt und geht muede an seinen Stuhl,
wo er sich an die Arbeit setzt.  Er sieht alt und vergraemt aus.
Candida kommt herein; sie hat ihre haeusliche Arbeit beendet und die
Schuerze abgenommen.  Sie bemerkt sofort Morells niedergeschlagenes
Aussehen, setzt sich ruhig auf den Besuchsstuhl und betrachtet ihn
aufmerksam.  Sie schweigt.)

(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:)  Nun, wo ist
Eugen?

(Candida.)  Er waescht sich die Haende in der Waschkueche--unter der
Wasserleitung.  Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur
erst seine Furcht vor Marie ueberwunden hat.

(Morell kurz:)  Gewiss, zweifellos.  (Er faengt wieder zu schreiben an.)

(Candida geht naeher und legt ihre Haende sanft auf die seinen, um ihn
aufzuhalten, und sagt:)  Komm zu mir, mein Lieber.  Lass dich anschauen.
(Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfuegung; sie lasst
ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn
mit kritischen Blicken.)  Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht.
(Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.)  Mein alter Junge
sieht nicht gut aus,--hat er sich ueberanstrengt?

(Morell.)  Nicht mehr als gewoehnlich.

(Candida.)  Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus.
(Seine Melancholie nimmt zu und Candida fasst sie geflissentlich lustig
an.)  Komm her.  (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:)  Du hast fuer heute genug
geschrieben.  Ueberlass Prossi alles Weitere, und wir wollen ein
bisschen plaudern.

(Morell.)  Aber--

(Candida nachdruecklich:)  Ja, du musst mit mir plaudern.  (Sie zwingt
ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Fuessen.)
Nun (seine Haende streichelnd:)  faengst du schon an, besser auszusehen.
Warum gibst du alle diese ermuedenden Extraarbeiten nicht auf?  Jeden
Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden.  Freilich, was du
sagst, ist alles schoen und gut; aber es nuetzt ja nichts: sie geben
nicht das geringste darauf.  Sie sind natuerlich deiner Ansicht--aber
was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann
hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Ruecken kehrt?
Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik?  Warum wollen sie dich
jeden Sonntag ueber Christentum reden hoeren?  Nur weil sie mit ihren
Geschaeften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschaeftigt
waren, dass sie am siebenten Tage nichts davon hoeren moegen.  Da wollen
sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurueckkehren und besser
als je dem Gelde nachjagen koennen.  Du hilfst ihnen nur noch dabei,
anstatt sie daran zu hindern.

(Morell mit energischem Ernst:)  Du weisst sehr gut, Candida, dass ich
sie deswegen oft tuechtig ausschelte.  Aber wenn ihr Kirchgang ihnen
nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum waehlen sie
dann nichts Lustigeres, Angenehmeres?  Es muss doch etwas Gutes in der
Tatsache liegen, dass sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten
vorziehen.

(Candida.)  Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst
wenn sie es waeren, sie wuerden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst
gesehn zu werden.  Ueberdies, lieber Jakob, predigst du so
wundervoll, dass es fuer sie so gut wie ein Schauspiel ist.  Warum,
glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?

(Morell verletzt:)  Candida!

(Candida.)  Oh, ich weiss.  Du Ahnungsloser, du glaubst, dein
Sozialismus und deine Religion machen es,--doch wenn's bloss das waere,
dann wuerden sie tun, was du ihnen sagst, anstatt nur hinzugehen und
dich anzustarren;--sie haben alle Prossis Leiden.

(Morell.)  Prossis Leiden?  Was meinst du damit, Candida?

(Candida.)  Ja, Prossis und das all der anderen Sekretaerinnen, die du
hattest.  Warum, meinst du, laesst sich Prossi herbei, abzuwaschen,
Kartoffeln zu schaelen und sich auf alle moegliche Art zu erniedrigen,
da sie bei dir doch sechs Schillinge in der Woche weniger verdient,
als sie in einem Bureau in der City bekaeme?  Sie ist verliebt in dich,
das ist der Grund,--sie sind alle in dich verliebt.  Und du bist ins
Predigen verliebt, weil du das so wundervoll kannst.  Und du glaubst,
es sei alles Enthusiasmus fuer das Himmelreich auf Erden--und sie
glauben es auch--o du lieber Dummkopf, du!

(Morell.)  Candida, was ist das fuer ein schrecklicher, seelenmordender
Zynismus?  Scherzest du oder--ist es moeglich--bist du eifersuechtig?

(Candida seltsam gedankenvoll:)  Ja, manchmal bin ich etwas
eifersuechtig.

(Morell unglaeubig:)  Auf Prossi?

(Candida lachend:)  Nein, nein, nein.  Nicht eifersuechtig a u f
jemanden.  Eifersuechtig f ue r jemanden, der n i c h t so geliebt wird,
wie er sollte.

(Morell.)  Bin ich das?

(Candida.)  Du?  Nein.  Du bist verwoehnt durch Liebe und Verehrung,
mehr, als fuer dich gut ist.--Nein, ich meine Eugen.

(Morell betroffen:)  Eugen?

(Candida.)  Es scheint mir ungerecht, dass du alle Liebe besitzen sollst
und er keine, obgleich er sie so viel noetiger hat als du.  (Eine
krampfhafte Bewegung schuettelt ihn gegen seinen Willen.)  Was ist dir,
quaele ich dich?

(Morell rasch:)  Durchaus nicht.  (Er sieht sie mit unruhiger Spannung
an.)  Du weisst, dass ich dir blindlings vertraue, Candida.

(Candida.)  Du eitler Mann.  Bist du deiner Unwiderstehlichkeit so
sicher?

(Morell.)  Candida, du verletzest mich.  Ich habe an
Unwiderstehlichkeit nie gedacht.  Deiner Froemmigkeit, deiner Reinheit
vertraue ich.

(Candida.)  Was fuer haessliche, ungemuetliche Dinge du mir da sagst,--oh,
du bist wirklich ein Pastor, Jakob, ein Pastor durch und durch!

(Morell ins Herz getroffen, sich von ihr abwendend:)  Das sagt Eugen
auch.

(Candida neigt sich mit lebhaftem Interesse zu ihm, die Arme auf
seinen Knien:)  Eugen hat immer recht.  Er ist ein wundervoller Junge,
ich habe ihn lieber und lieber gewonnen waehrend der ganzen Zeit, wo
ich fort war.  Weisst du, Jakob, dass er, obwohl er selbst nicht die
leiseste Ahnung davon hat, im Begriff steht, sich wahnsinnig in mich
zu verlieben?

(Morell grimmig:)  Oh, er selbst hat nicht die leiseste Ahnung davon,
wirklich?

(Candida.)   Nicht die geringste.  (Sie nimmt ihre Arme von seinen Knien
und wendet sich gedankenvoll ab, wobei sie eine bequeme Stellung
einnimmt, die Haende im Schoss.)   Eines Tages wird er es wissen,--wenn er
erwachsen und erfahren sein wird wie du--da wird er erkannt haben, dass
ich es wissen musste!--Ich bin neugierig, was er dann von mir denken
wird.

(Morell.)   Nichts Boeses, Candida.  Ich hoffe und vertraue, nichts Boeses.

(Candida zweifelnd:)  Das wird davon abhaengen...

(Morell erschreckt:)  Abhaengen!

(Candida ihn ansehend:)  Ja, es wird davon abhaengen, was er bis dahin
erleben wird.  Er sieht sie verstaendnislos an.  Begreifst du das
nicht?  Es haengt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewusst wird, was
die Liebe eigentlich ist.  Ich meine, es kommt auf die Frau an, die
ihn die Liebe lehren wird.

(Morell ganz verwirrt:)  Nein,--ja,--ich weiss nicht, was du meinst.

(Candida erklaerend:)  Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird
alles gut und schoen sein, dann wird er mir verzeihen.

(Morell.)   Verzeihen?!

(Candida fortfahrend:)  Aber gesetzt den Fall, dass eine schlechte Frau
sie ihn lehrt, wie dies vielen Maennern, ganz besonders dichterisch
veranlagten, geschieht, die alle Frauen fuer Engel halten,--gesetzt den
Fall, sage ich, dass er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er
sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat,
--glaubst du, dass er mir dann auch verzeihen wird?

(Morell.)   Dir verzeihen?  Weswegen?

(Candida bemerkt, wie beschraenkt er ist, faehrt etwas enttaeuscht, aber
sanft fort:)  Verstehst du das nicht?  (Er schuettelt den Kopf; sie
wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu
erklaeren.)   Ich meine: wird er mir verzeihen, dass ich selbst ihn die
Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen ueberlassen habe?
meiner Froemmigkeit--meiner Reinheit wegen, wie du es nennst!  Oh,
Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, dass du nur immer von deinem
Vertrauen in meine Froemmigkeit und Reinheit sprichst.  Ich wuerde sie
beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler
meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte.  Vertraue auf
meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht waere, aus deinen Predigten
wuerde ich mir sehr wenig machen--das sind bloss leere Phrasen, mit
denen du andere und dich selbst jeden Tag beluegst.  (Sie ist im
Begriff aufzustehen.)

(Morell.)  Seine Worte!

(Candida schnell innehaltend, indem sie aufsteht:)  Wessen Worte?

(Morell.)  Eugens!

(Candida entzueckt:)  Er hat immer recht.  Er versteht dich, er versteht
mich, er versteht Prossi; und du, Jakob, du verstehst nichts.  (Sie
lacht und kuesst ihn, um ihn zu troesten; er weicht wie gestochen zurueck
und springt auf.)

(Morell.)  Wie kannst du mich kuessen, waehrend du--oh, Candida!  (Mit
Schmerz in der Stimme:)  Ich haette vorgezogen, dass du mir einen
Widerhaken ins Herz gestossen haettest, statt mir diesen Kuss zu geben.

(Candida erhebt sich beunruhigt:)  Mein Lieber, was ist denn mit dir?

(Morell schuettelt sie wild ab:)  Beruehre mich nicht!

(Candida erstaunt:)  Jakob!  Sie werden durch den Eintritt Marchbanks'
und Burgess' unterbrochen, der in der Naehe der Tuer stehen bleibt und
sie anstarrt, waehrend Eugen sich zwischen sie nach vorwaerts draengt.

(Marchbanks.)  Ist etwas vorgefallen?

(Morell totenbleich, mit eiserner Selbstbeherrschung:)  Nichts, als dass
entweder Sie heute morgen recht hatten, oder dass Candida verrueckt ist!

(Burgess laut protestierend:)  Was?  Candy auch verrueckt?  Das ist
zuviel!  (Er durchschreitet das Zimmer bis zum Kamin, protestiert
waehrend des Gehens und klopft dort seine Pfeifenasche aus.  Morell
setzt sich verzweifelt nieder, lehnt sich nach vorne, um sein Gesicht
zu verbergen, und verschlingt seine Finger krampfhaft, damit sie ruhig
bleiben.)

(Candida zu Morell, erleichtert und lachend:)  Oh, du bist nur
verletzt--ist das alles?  Wie konventionell ihr unkonventionellen
Leute doch alle seid!

(Burgess.)  Benimm dich anstaendig, Candy.  Was wird Herr Marchbanks von
dir denken?

(Candida.)  Das kommt davon, weil Jakob mir immer predigt, nur mir
selbst Rechenschaft abzulegen und nie darauf zu achten, was andere
Leute ueber mich denken koennten.  Das ist ausserordentlich schoen und gut,
solange ich derselben Meinung bin wie er.  Aber jetzt--weil ich
gerade etwas anderer Meinung war jetzt schau ihn dir an, schau nur!
(Sie weist auf Morell, hoechst belustigt.  Eugen beobachtet ihn und
presst seine Hand heftig ans Herz, als wenn ihn irgendein Schmerz
getroffen haette; er setzt sich auf das Sofa wie ein Mensch, der einer
Tragoedie beiwohnt.  Burgess auf dem Kaminteppich:)  Sie hat recht,
Jakob, Sie sehen wirklich nicht so wuerdig aus wie gewoehnlich.

(Morell mit einem Lachen, das ein halbes Schluchzen ist:)  Das kann
schon sein, verzeiht mir alle,--ich wusste nicht, dass ich eine Stoerung
verursache.  (Sich zusammenraffend:)  Es ist schon gut, schon gut,
schon gut.  (Er geht zurueck nach seinem Platz am Tisch und setzt sich,
um an seinen Papieren wieder mit entschlossener Heiterkeit
weiterzuarbeiten.)

(Candida geht nach dem Sofa und setzt sich neben Marchbanks, noch in
heiterster Stimmung:)  Nun, Eugen, warum sind Sie traurig?  Haben Sie
vom Zwiebelschaelen geweint?  (Morell kann sich nicht enthalten, sie zu
beobachten.)

(Marchbanks beiseite zu ihr:)  Ihre Grausamkeit ist es, die mich
traurig macht.--Ich hasse Grausamkeit.  Es ist entsetzlich,
mitanzusehen, wie ein Mensch einem andern weh tut.

(Candida ihn streichelnd, ironisch:)  Armer Junge, war ich grausam?
Habe ich ihn kleine, rote, haessliche Zwiebel schaelen lassen?

(Marchbanks ernst:)  Oh, halten Sie ein, halten Sie ein: ich meine
nicht mich!  Er hat Ihretwegen furchtbar gelitten.  Ich fuehle seinen
Schmerz in meinem eigenen Herzen.  Ich weiss, dass Sie nicht schuld
daran sind,--es ist etwas geschehen, was geschehen musste; aber nehmen
Sie es nicht so leicht.  Mich schaudert, wenn Sie ihn quaelen und dabei
lachen.

(Candida unglaeubig:)  Ich Jakob quaelen?!  Unsinn, Eugen; wie Sie
uebertreiben!  Torheit!  (Sie blickt hinueber zu Jakob, der seine
Schreiberei hastig fortsetzt; sie gebt zu ihm und steht hinter seinem
Stuhl, sich ueber ihn beugend.)  Arbeite nicht laenger, mein Lieber, komm
und plaudere mit uns.

(Morell liebevoll, aber bitter:)  Ach nein: ich kann nicht plaudern,
ich kann nur predigen.

(Candida ihn streichelnd:)  Nun, dann komm und predige!

(Burgess heftig widersprechend:)  Ach nein, Candy! zum Henker mit dem
Predigen!  (Alexander Mill kommt herein und sieht aengstlich und
wichtig aus.)

(Mill beeilt sich, Candida zu begruessen:)  Wie geht es Ihnen, Frau
Morell?  Wie freue ich mich, dass Sie wieder zurueck sind.

(Candida.)  Ich danke Ihnen, Herr Mill.  Sie kennen Eugen, nicht wahr?

(Mill.)  O ja!  Wie geht es Ihnen, Marchbanks?

(Marchbanks.)  Danke, gut!

(Mill zu Morell:)  Ich komme eben aus der Gilde von Sankt Matthaeus.
Die Leute sind furchtbar bestuerzt ueber Ihr Telegramm.  Es ist doch
hoffentlich nichts geschehen?

(Candida.)  Was hast du denn telegraphiert, Jakob?

(Mill zu Candida:)  Es war vereinbart, dass er heute abend dort sprechen
sollte, sie haben den grossen Saal in der Marestrasse gemietet und eine
Menge Geld fuer Plakate ausgegeben.  Der Herr Pastor telegraphierte nun,
dass er nicht kommen koennte!  Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem
Himmel.

(Candida ueberrascht, beginnt zu wittern, dass etwas nicht in Ordnung
ist:)  Eine Gelegenheit, oeffentlich zu sprechen, hast du ausgeschlagen?

(Burgess.)  Zum erstenmal in seinem Leben, das moechte ich wetten;
--nicht wahr, Candy?

(Mill zu Morell:)  Man hat beschlossen, Ihnen ein dringendes Telegramm
zu schicken, mit der Bitte, Ihren Entschluss zu aendern.  Haben Sie es
erhalten?

(Morell mit muehsam verhaltener Ungeduld:)  Ja, ja, ich bekam es.

(Mill.)  Es war mit bezahlter Rueckantwort.

(Morell.)  Ja, ich weiss.  Ich habe es beantwortet.  Ich kann nicht
kommen.

(Candida.)  Aber warum nicht, Jakob?

(Morell beinahe heftig:)  Weil ich nicht mag!  Diese Leute vergessen,
dass ich auch ein Mensch bin; sie halten mich fuer eine Redemaschine,
die man jeden Abend zu seinem Vergnuegen aufziehen kann.  Darf ich
nicht auch einmal einen Abend zu Hause haben, mit meiner Frau und
meinen Freunden?  (Sie sind alle ueber diesen Ausbruch erstaunt mit
Ausnahme von Eugen,--sein Ausdruck bleibt unveraendert.)

(Candida.)  Oh, Jakob, du weisst es selbst: morgen wirst du dann
Gewissensbisse haben, und ich werde darunter leiden muessen.

(Mill eingeschuechtert, aber dringend:)  Ich weiss natuerlich, dass diese
Menschen die unvernuenftigsten Anforderungen an Sie stellen; aber sie
haben ueberallhin um einen anderen Redner telegraphiert und koennen
niemanden mehr bekommen als den Praesidenten des Agnostikerbundes.

(Morell rasch:)  Nun, das ist ein ausgezeichneter Mann,--was wollen sie
denn noch mehr?

(Mill.)  Aber er besteht immer so fest auf der Scheidung des
Sozialismus vom Christentum.  Er wird all das Gute, das wir gestiftet
haben, zunichte machen,--natuerlich, Sie muessen ja am besten wissen,
aber...

(Er zoegert.)

(Candida schmeichelnd:)  O bitte, geh' doch hin, Jakob.  Wir kommen
alle mit.

(Burgess brummend:)  Schau, Candy, lass uns lieber gemuetlich zu Hause am
Kamin sitzen.  Er braucht ja nicht laenger als zwei Stunden
wegzubleiben.

(Candida.)  Du wirst dich in der Versammlung genau so behaglich fuehlen.
Wir werden alle auf dem Podium sitzen und wichtige Leute sein.

(Marchbanks entsetzt:)  Oh, bitte, nicht auf dem Podium; nein!  Jeder
wird uns anstarren,--das hielte ich nicht aus.  Ich werde im
Hintergrund des Saales bleiben.

(Candida.)  Fuerchten Sie sich nicht.  Man wird viel zu sehr damit
beschaeftigt sein, Jakob anzustarren als dass man Sie bemerkte.

(Morell wendet den Kopf und sieht Candida vielsagend ueber die Schulter
an:)  Prossis Leiden, Candida,--nicht?

(Candida lustig:)  Jawohl.

(Burgess neugierig:) Prossis Leiden?  Was reden Sie da, Jakob?

(Morell beachtet ihn nicht, erhebt sich, geht nach der Tuer, oeffnet und
ruft in befehlendem Ton hinaus:)  Fraeulein Garnett!

(Proserpina aus der Entfernung:)  Ja, Herr Pastor, ich komme schon.
(Sie warten alle mit Ausnahme von Burgess, der verstohlen zu Mill geht
und ihn beiseite zieht.)

(Burgess.)  Hoeren Sie, Herr Mill: worin besteht Prossis Leiden?  Was
fehlt ihr?

(Mill vertraulich:)  Ja, ich weiss es nicht genau; aber sie sprach recht
seltsame Dinge heute frueh;--ich fuerchte, es ist manchmal nicht ganz
richtig mit ihr.

(Burgess ueberwaeltigt:)  Nein,--vier in demselben Haus!  Es muss
ansteckend sein.  (Er geht zurueck an den Kamin, ganz in Gedanken
versunken ueber die Veraenderlichkeit des menschlichen Verstandes in der
Umgebung eines Geistlichen.)

(Proserpina erscheint auf der Schwelle:)  Was wuenschen Sie, Herr Pastor?

(Morell.)  Telegraphieren Sie nach der Gilde von Sankt Matthaeus, dass
ich kommen werde.

(Proserpina ueberrascht:)  Werden Sie denn nicht erwartet?

(Morell gebieterisch:)  Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.
(Proserpina setzt sich erschrocken an die Schreibmaschine und gehorcht.)

(Morell geht hinueber zu Burgess.  Candida beobachtet seine Bewegungen
die ganze Zeit ueber mit wachsender Verwunderung und Besorgnis.)
Burgess, Sie moechten lieber nicht mitkommen?

(Burgess sich entschuldigend:)  Oh, so duerfen Sie das nicht
auffassen--ich meine nur, wissen Sie--weil heute nicht Sonntag ist.

(Morell.)  Das ist schade, ich dachte, Sie wuerden gerne mit dem
Vorsitzenden bekannt werden.  Er ist im Provinzialarbeitsausschuss und
hat einigen Einfluss bei Abschluessen von Lieferungen.  (Burgess wird
mit einem Male lebendig; Morell, der das erwartet hat, haelt einen
Augenblick inne und sagt:)  Sie wollen also doch mitkommen?

(Burgess mit Enthusiasmus:)  Das will ich meinen,--ob ich mitkomme,
Jakob!  Es ist ja stets ein Genuss, Sie predigen zu hoeren!

(Morell wendet sich zu Proserpina:)  Ich werde Sie noetig haben, damit
Sie in der Versammlung einige Notizen machen koennen, Fraeulein Garnett,
falls Sie nicht schon vergeben sind.  (Sie nickt, aus Angst, sprechen
zu muessen.)  Sie kommen doch auch mit, Lexi?

(Mill.)  Selbstverstaendlich.

(Candida.)  Wir kommen alle mit, Jakob.

(Morell.)  Nein!  Du kommst nicht mit, und Eugen kommt nicht mit.  Du
wirst zu Hause bleiben und dich mit ihm unterhalten, zur Feier deiner
Rueckkehr.  (Eugen erhebt sich atemlos.)

(Candida.)  Aber Jakob--

(Morell gebieterisch:)  Ich bestehe darauf; Ihr habt beide keine Lust
zu kommen, weder er, noch du!  (Candida will sich dagegen verwahren.)
Oh, denkt nicht an mich, ich werde auch ohne euch eine Menge Menschen
um mich versammelt sehen.  Eure Stuehle werden von unbekehrten Leuten
besetzt sein, die mich noch nie gehoert haben.

(Candida beunruhigt:)  Eugen, moechten Sie nicht hingehen?

(Morell.)  Ich wuerde mich fuerchten, mich vor Eugen hoeren zu lassen; er
ist Predigten gegenueber sehr kritisch.  (Sieht ihn an.)  Er weiss, dass
ich mich vor ihm fuerchte, er hat mir's heute frueh selbst gesagt.  Nun
will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich fuerchte, indem ich ihn hier
allein in deiner Hut lasse, Candida.

(Marchbanks zu sich selbst, mit lebhaftem Gefuehl:)  Das ist tapfer; das
ist schoen.  (Er setzt sich wieder und hoert mit geoeffneten Lippen zu.)

(Candida mit aengstlicher Beunruhigung:)  Aber, aber--Ist irgend etwas
geschehen, Jakob?  (Sehr verwirrt:)  Ich kann dich nicht begreifen.

(Morell.)  Ah, ich dachte, ich sei es, der nichts begreifen kann, meine
Liebe.  (Er schliesst sie zaertlich in die Arme und kuesst sie auf die
Stirn, dann blickt er ruhig auf Marchbanks.)

(Vorhang)




DRITTER AKT

(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhaenge sind zugezogen und die
Lampe brennt.  Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten.  Der breite
Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, dass das Tagewerk
vollbracht ist.  Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe
steht auf dem Kaminsims ueber Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl
sitzt und laut liest.  Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner
Haufen von Manuskripten und ein paar Baende Gedichte.  Candida sitzt im
grossen Stuhl und haelt einen leichten Schuerhaken aus Messing aufrecht
in der Hand; sie sitzt zurueckgelehnt und sieht versonnen auf die
funkelnde Messingspitze.  Sie hat die Fuesse gegen das Feuer hin
ausgestreckt und laesst ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich
ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewusst.)

(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:)  Jeder Dichter, der je
gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht.  Er muss es, ob
er will oder nicht.  (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und
bemerkt, dass sie auf den Schuerhaken starrt.)  Haben Sie nicht zugehoert?
(Keine Antwort:)  Frau Morell!

(Candida auffahrend.)  Wie!?

(Marchbanks.)  Haben Sie nicht zugehoert?

(Candida schuldbewusst, mit uebertriebener Hoeflichkeit:)  O ja.  Es ist
sehr huebsch.  Fahren Sie fort, Eugen.  Ich bin begierig, zu hoeren, was
dem Engel passiert ist.

(Marchbanks laesst das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)
Verzeihen Sie, dass ich Sie langweile!

(Candida.)  Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.
Bitte, fahren Sie fort--bitte, Eugen.

(Marchbanks.)  Ich habe das Gedicht ueber den Engel vor einer
Viertelstunde beendet.  Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes
vorgelesen.

(Candida reuevoll:)  Das tut mir wirklich leid, Eugen.  Mir scheint,
der Schuerhaken hat mich behext.  (Sie legt ihn nieder.)

(Marchbanks.)  Er hat mich fuerchterlich gestoert.

(Candida.)  Warum haben Sie mir das nicht gesagt?  Ich haette ihn sofort
weggelegt.

(Marchbanks.)  Ich fuerchtete, Sie auch zu stoeren; er glich einer Waffe.
Wenn ich ein Held aus alten Tagen waere, wuerde ich mein gezogenes
Schwert zwischen uns gelegt haben.  Wenn Morell gekommen waere, haette
er geglaubt, dass Sie den Schuerhaken ergriffen haben, weil kein Schwert
zwischen uns liegt.

(Candida verwundert:)  Was?  (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:)
Das kann ich nicht recht verstehen.  Ihre Sonette haben mich so sehr
verwirrt!  Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?

(Marchbanks ausweichend:)  Oh, lassen wir das.  (Er bueckt sich, das
Manuskript aufzuheben.)

(Candida.)  Legen Sie das wieder hin, Eugen.  Mein Hunger nach Poesie
hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie.  Sie haben mir laenger als zwei
Stunden vorgelesen--seit mein Mann fort ist--, ich moechte lieber
plaudern.

(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:)  Nein, ich darf nicht reden.  (Er
sieht in seiner verlorenen Weise um sich und fuegt ploetzlich hinzu:)
Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park.  (Er will nach der
Tuer.)

(Candida.)  Unsinn! er ist laengst geschlossen.  Setzen Sie sich auf den
Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewoehnlich tun!  Ich will
unterhalten werden,--wollen Sie nicht?

(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:)  Ja.

(Candida.)  Dann kommen Sie her.  (Sie rueckt ihren Stuhl etwas zurueck,
um Platz zu machen; er zoegert, dann kauert er sich schuechtern hin vor
den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurueck auf
ihre Knie und sieht zu ihr empor.)

(Marchbanks.)  Oh, ich habe mich den ganzen Tag so ungluecklich gefuehlt,
weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin
ich so gluecklich.

(Candida zart, belustigt ueber ihn:)  Ja; ich bin ueberzeugt, nun fuehlen
Sie sich wie ein grosser, erwachsener, boeser Verfuehrer--ganz stolz auf
sich, nicht wahr?

(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie
anzublicken:)  Nehmen Sie sich in acht.  Ich bin sogar um vieles
aelter als Sie, Sie wissen es nur nicht.  (Er wendet sich auf seinen
Knien ganz herum; mit gefalteten Haenden und die Arme in ihrem Schoss,
spricht er mit wachsender Erregung--sein Blut faengt an zu wallen:)
Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?

(Candida ohne die leiseste Angst oder Kaelte und mit vollkommener
Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres
klugkerzigen muetterlichen Humors:)  Nein.  Aber Sie duerfen alles
sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fuehlen, was es auch sei, alles!
Ich fuerchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir
spricht und nicht eine blosse Pose--eine galante oder eine gottlose,
oder selbst eine dichterische Pose.  Das verlange ich von Ihnen, bei
Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!--Nun sagen Sie, was Sie wollen.

(Marchbanks der heisse Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen
Lippen und Nasenfluegeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.)
Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich
weiss, gehoeren mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle--bis auf
eines.

(Candida.)  Welches Wort ist das?

(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:)
"Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"--das muss ich jetzt sagen,
da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke
und fuehle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".

(Candida.)  Selbstverstaendlich!  Und was haben Sie Candida zu sagen?

(Marchbanks.)  Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.
Fuehlen Sie nicht, dass es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?

(Candida.)  Macht es Sie nicht gluecklich, dass Sie beten koennen?

(Marchbanks.)  Ja, sehr gluecklich.

(Candida.)  Nun, dieses Glueck ist die Antwort auf Ihr Gebet.--Wuenschen
Sie sich etwas Besseres?

(Marchbanks selig:)  Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist.
(Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und ueberschaut mit
einem Blick die ganze Szene.)

(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:)  Hoffentlich stoere ich nicht.
(Candida faehrt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit.  Sie
lacht ueber sich selbst.  Eugen, noch auf den Knien, schuetzt sieh vor
dem Fallen dadurch, dass er seine Haende auf den Stuhlsitz legt; Morell
mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)

(Candida im Aufstehen:)  Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich
war so mit Eugen beschaeftigt, dass ich deinen Schluessel nicht gehoert
habe.  Wie ist die Versammlung verlaufen?  Hast du gut gesprochen?

(Morell.)  Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.

(Candida.)  Das ist ausgezeichnet!  Wieviel ist eingegangen?

(Morell.)  Ich vergass zu fragen.

(Candida zu Eugen:)  Er muss wundervoll gesprochen haben oder er haette
das nicht vergessen.  (Zu Morell:)  Wo sind die andern?

(Morell.)  Sie verliessen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich
glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.

(Candida in ihrer hausmuetterlichen Art:)  Oh, dann kann Marie zu Bette
gehn; ich will es ihr sagen.  (Sie geht hinaus in die Kueche.)

(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:)  Nun?

(Marchbanks laesst sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich
nieder und fuehlt sich Morell gegenueber ganz sicher, sogar voll
verschmitzten Humors:)  Nun?

(Morell.)  Haben Sie mir etwas zu sagen?

(Marchbanks.)  Nur, dass ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe,
waehrend Sie oeffentlich dasselbe getan haben.

(Morell.)  Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.

(Marchbanks springt auf, eifrig:)  Ganz genau auf dieselbe Art.  Ich
habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie.
Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen,
begannen--

(Morell unwillkuerlich:)  Candida?

(Marchbanks.)  Ja, so weit bin ich schon.  Heldentum ist ansteckend,
ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in
Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat
in Ihrer Gegenwart gesagt haette.

(Morell.)  Und haben Sie dieses Geluebde gehalten?

(Marchbanks setzt sich ploetzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:)
Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten.
Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen
Gedichte--und andere--um einer Unterhaltung auszuweichen.  Ich sah
das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten....  Sie koennen
sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemuetlich....
Dann--

(Morell seine Ungeduld bezaehmend:)  Dann?

(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewoehnliche Stellung im
Lehnstuhl ueber:)  Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.

(Morell.)  Und da haben Sie sich dem Himmelstor schliesslich genaehert?

(Marchbanks.)  Ja.

(Morell.)  Und dann?  (Wild:)  Sprechen Sie, Mensch!  Haben Sie denn
kein Gefuehl fuer mich!

(Marchbanks sanft und melodisch:)  Dann wurde sie ein Engel, und ein
Flammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so dass ich
nicht eintreten konnte und nun begriff, dass dieses Tor in Wahrheit das
Tor der Hoelle war.

(Morell triumphierend:)  Sie hat Sie zurueckgestossen!

(Marchbanks erhebt sich mit grimmigem Hohn:)  Nein, Sie Narr!  Wenn sie
das getan haette, wuerde ich gar nicht gefuehlt haben, dass ich schon im
Himmel war.  Mich zurueckgestossen... glauben Sie, dass mich das gerettet
haette?--Tugendhafte Entruestung!  Oh, Sie sind nicht wert, in einer
Welt mit ihr zu leben.  (Er wendet sich verachtungsvoll von ihm ab
nach der anderen Seite des Zimmers.)

(Morell der ihn ruhig beobachtet hat, ohne seinen Platz zu wechseln:)
Glauben Sie, dass Sie dadurch an Wert gewinnen, wenn Sie mich
beschimpfen, Eugen?

(Marchbanks.)  Hier endet der tausendunderste Text.  Morell: ich halte
doch nicht viel von Ihrem Predigen.  Ich glaube sogar, ich selbst
koennte das besser.  Der Mann, den ich jetzt vor mir haben moechte, ist
der Mann, den Candida geheiratet hat.

(Morell.)  Der Mann, den... meinen Sie mich?

(Marchbanks.)  Ich meine nicht Hochwuerden Jakob Mavor Morell, Moralist
und Schwaetzer.  Ich meine den wirklichen Menschen, den Hochwuerden
Jakob irgendwo in seiner schwarzen Kutte versteckt haben muss, den Mann,
den Candida geliebt hat.  Sie koennen die Liebe einer Frau wie Candida
nicht dadurch erreicht haben, dass Sie bloss Ihren Kragen hinten statt
vorne knoepfen.

(Morell kuehn und standhaft:)  Als Candida einwilligte, mich zu heiraten,
da war ich derselbe Moralist und Schwaetzer, den Sie jetzt vor sich
sehen.  Ich trug meinen schwarzen Rock, und meinen Kragen knoepfte ich
hinten statt vorne.  Glauben Sie, dass sie mich mehr geliebt haette,
wenn ich unaufrichtig in meinem Beruf gewesen waere?

(Marchbanks auf dem Sofa, seine Knoechel umfassend:)  Oh, sie hat Ihnen
vergeben, so wie sie mir vergibt, dass ich ein Feigling bin und ein
Schwaechling, und was Sie einen kleinen winselnden Hund--und so
weiter--nennen.  (Vertraeumt:)  Eine Frau wie diese hat goettlichen
Einblick: sie liebt unsere Seele und nicht unsere Narrheiten und
Eitelkeiten und Illusionen, oder unsere Kragen und Roecke, oder die
andern Fetzen und Lappen, in die wir gehuellt sind.  (Er denkt darueber
einen Augenblick nach, dann wendet er sich mit gespannter Erwartung um,
Morell zu befragen:)  Was ich wissen moechte, ist, wie Sie an dem
Flammenschwerte, das mich zurueckgeschreckt hat, vorbeigekommen sind!

(Morell bedeutungsvoll:)  Vielleicht weil ich nicht nach zehn Minuten
unterbrochen wurde.

(Marchbanks verbluefft:)  Was?

(Morell.)  Der Mensch kann auf die hoechsten Gipfel steigen; aber er
kann nicht lange dort verweilen.

(Marchbanks.)  Das ist falsch.  Dort kann er ewig verweilen! nur dort!
Anderswo findet er keine Ruhe und hat keinen Sinn fuer die stille
Schoenheit des Lebens.  Wo sollte ich meine seligsten Minuten verleben,
wenn nicht auf den Hoehen?

(Morell.)  In der Kueche, Zwiebeln schneidend und Lampen fuellend.

(Marchbanks.)  Oder auf der Kanzel, Seelen scheuernd die aus billigem
Ton sind.

(Morell.)  Ja, das auch!  Dort habe ich meinen goldenen Augenblick
geerntet und mit ihm das Recht, um Candidas Liebe zu werben.  Ich habe
mir diese Stunde nicht erborgt, noch habe ich sie benuetzt, um das
Glueck eines andern zu stehlen.

(Marchbanks schreitet ziemlich angewidert dem Kamin zu:)  Ich zweifle
nicht daran, dass Sie Ihre Verrichtungen so ehrenhaft erfuellt haben,
als ob Sie ein Pfund Kaese abgewogen haetten.  (Er haelt vor dem Kamin
inne und fuegt nachdenklich zu sich selbst, Morell den Ruecken kehrend,
hinzu:)  Ich konnte zu ihr nur als Bettler kommen.

(Morell auffabrend:)  Als ein frierender Bettler, der sie um ihren
Schal bat, nicht wahr?

(Marchbanks wendet sich ueberrascht um:)  Ich danke Ihnen, dass Sie sich
auf mein Gedicht beziehen.  Ja, wenn Sie wollen: als ein frierender
Bettler, der sie um ihren Schal bat.

(Morell erregt:)  Und sie verweigerte ihn.  Soll ich Ihnen sagen, warum
sie ihn verweigert hat?  Ich kann es Ihnen sagen, mit ihrer eigenen
Erlaubnis: weil...

(Marchbanks.)  Sie hat ihn nicht verweigert!

(Morell.)  Nicht?

(Marchbanks.)  Sie bot mir alles, worum ich bat: ihren Schal, ihre
Fluegel, den Sternenkranz aus ihrem Haar, die Lilien in ihrer Hand, den
aufgehenden Mond zu ihren Fuessen.

(Morell ihn anpackend:)  Heraus mit der Wahrheit, Mensch!  Meine Frau
ist meine Frau: ich habe genug von Ihrem poetischen Flitterkram,--ich
weiss ganz gut, dass kein Gesetz Candida an mich binden wuerde, wenn ich
ihre Liebe an Sie verloren haette!

(Marchbanks bizarr, ohne Furcht oder Widerstand:)  Packen Sie mich nur
beim Kragen: sie wird ihn dann wieder in Ordnung bringen wie heute
morgen.  (Mit stiller Begeisterung:)  Ich werde wieder die Beruehrung
ihrer Haende fuehlen.

(Morell:)  Sie junger Fant, fuehlen Sie nicht, wie gefaehrlich es ist,
mir das zu sagen!  Oder (mit ploetzilicher Befuerchtung:)  hat Sie irgend
etwas kuehn gemacht?

(Marchbanks.)  Ich fuerchte mich jetzt nicht mehr!  Ich habe Sie bisher
nie leiden moegen, deshalb bin ich bei Ihren Beruehrung zusammengezuckt.
Aber heute erkannte ich--als Candida Sie quaelites--dass Sie sie lieben.
Seitdem bin ich Ihr Freund!  Jetzt koennen sie mich erwuergen, wenn
Sie wollen!

(Morell ihn loslassend:)  Eugen, wenn das keine herzlose Luege ist--wenn
Sie noch einen Funken menschlichen Fuehlens haben--so werden Sie mir
sagen, was im meiner Abwesenheit vergefallen ist!

(Marchbanks:)  Was vorgefallen ist?  Nun, das Flamenmenschwere...
(Morell stampft ungeduldig mit dem Fusse;),--also im ganz einfacher
Prosa: ich liebte sie so unendlich, dass ich nichts weiter wuenschte als
das Glueck, so lieben zu fuer ich und bevor ich--Zote fang vom hoechsten
Grafen der Gefuer herunterzutaumente--traten Sie ein.

(Morell (scowen leidend:)) Leidenschaftlichem immer nicht erduldig--
immer bleibt ihr noch die ehblines Zweifzig.

(Marchbanks.)  Quall und wuensche jetzt nichts mehr als Candidas
Glueck.  (Mit leidenschaftlichem Gefuehl:)  Oh, Morell, geben wir sie
beide auf!  Warum soll sie waehlen muessen zwischen einem elenden,
nervoesen kleinen Kranken, wie ich es bin, und einem starrkoepfigen
Pfarrer wie Sie?  Gehen wir auf Pilgerschaft, Sie nach Osten und ich
nach Westen, auf der Suche nach einem wuerdigeren Liebhaber, einem
schoenen Erzengel mit purpurnen Fluegeln.

(Morell.)  Papperlapapp, dummes Zeug!  Oh, wenn sie verrueckt genug waere,
mich Ihretwegen zu verlassen, wer sollte sie beschuetzen, wer sollte
ihr helfen, wer sollte fuer sie arbeiten, wer ihren Kindern ein Vater
sein!  (Er setzt sich verstoert auf das Sofa, seine Ellbogen auf die
Knie gestuetzt und den Kopf zwischen den geballten Faeusten.)

(Marchbanks schnappt wild mit den Fingern:)  Sie stellt nicht solche
toerichte Fragen: sie braucht jemanden, den sie schuetzen und behueten,
fuer den sie arbeiten kann, jemanden, der ihr Kinder anvertraut, um sie
zu beschuetzen, ihnen zu helfen und fuer sie zu arbeiten, einen
erwachsenen Menschen, der wieder wie ein kleines Kind geworden ist.
Oh, Sie Narr, Sie Narr, Sie dreifacher Narr!  Ich bin der Mann, Morell,
ich bin der Mann!  (Er tanzt aufgeregt herum und schreit:)  Sie
verstehen nicht, was eine Frau ist,--schicken Sie nach ihr, Morell,
schicken Sie nach ihr und lassen Sie sie waehlen zwischen--(Die Tuer
oeffnet sich und Candida tritt ein; er haelt wie versteinert inne.)

(Candida erstaunt an der Schwelle:)  Was um alles in der Welt machen
Sie da, Eugen?

(Marchbanks drollig:)  Ihr Mann und ich haben ein Wettpredigen
veranstaltet, und er verliert dabei.  (Candida sieht rasch nach Morell,
und als sie bemerkt, dass er traurig ist, eilt sie hin zu ihm und
spricht sehr aergerlich mit heftigem Vorwurf zu Marchbanks.)

(Candida.)  Sie haben ihn geaergert.  Nein, das dulde ich nicht, Eugen,
hoeren Sie!  (Sie legt ihre Hand auf Morells Schulter und vergisst in
ihrem Aerger ganz ihren weiblichen Takt:)  Mein Liebling soll nicht
geaergert werden, ich werde ihn beschuetzen.

(Morell sich stolz erhebend:)  Beschuetzen?

(Candida nicht auf ihn achtend, zu Eugen:)  Was haben Sie ihm gesagt?

(Marchbanks erschreckt:)  Nichts.  Ich--

(Candida.)  Eugen, nichts?

(Marchbanks jaemmerlich:)  Ich meine--ich--es tut mir sehr leid, ich
werde es nicht wieder tun, gewiss nicht, ich werde ihn in Ruhe lassen.

(Morell empoert mit einer angreifenden Bewegung gegen Eugen:)  Mich in
Ruhe lassen!  Sie junger--

(Candida ihm ins Wort fallend:)  Sch, nicht doch! lass mich mit ihm
reden, Jakob.

(Marchbanks.)  Oh, Sie sind mir doch nicht boese?

(Candida strenge:)  O ja, ich bin--sehr boese.  Ich haette nicht uebel
Lust, Sie aus dem Hause zu jagen.

(Morell von Candidas Heftigkeit ueberrascht und durchaus nicht willens,
sich vor einem andern Mann durch sie retten zu lassen:)  Sachte,
Candida, sachte.  Ich kann mich schon selbst beschuetzen.

(Candida ihn streichelnd:)  Ja, Lieber, natuerlich kannst du das.  Aber
man darf dich nicht aergern und quaelen.

(Marchbanks beinahe in Traenen, sich nach der Tuere wendend:)  Ich will
gehen.

(Candida.)  Oh, Sie brauchen nicht zu gehen, so spaet kann ich Sie nicht
fortschicken.  (Heftig:)  Aber schaemen Sie sich, schaemen Sie sich!

(Marchbanks verzweifelt:)  Was habe ich denn getan?

(Candida.)  Ich weiss, was Sie getan haben, so genau, als ob ich die
ganze Zeit hier gewesen waere.--Oh, es war unwuerdig.  Sie sind wie ein
kleines Kind, Sie koennen Ihren Mund nicht halten.

(Marchbanks.)  Ich wuerde lieber zehnfachen Tod erleiden, als Ihnen
einen Augenblick Kummer bereiten.

(Candida mit groesster Geringschaetzung gegen diese Kinderei:)  Ihr Tod
wuerde mir viel nuetzen!

(Morell.)  Liebste Candida, dieser Wortwechsel ist kaum am Platz.  Es
handelt sich um eine Angelegenheit zwischen zwei Maennern, und ich bin
dazu da, sie beizulegen.

(Candida.)  Zwei Maenner?  Nennst du das einen Mann?  (Zu Eugen:)  Sie
schlimmer junge, Sie!

(Marchbanks wird wunderlich liebevoll und mutig, da er ausgezankt
wird:)  Wenn ich mich auszanken lassen soll wie ein kleiner Junge, muss
ich mich auch wie ein kleiner Junge verteidigen duerfen.  Er hat
angefangen und er ist groesser als ich.

(Candida verliert ein wenig ihre Sicherheit, da sie Morells Wuerde
bedroht sieht:)  Das kann nicht wahr sein.  (Zu Morell:)  Du hast doch
nicht angefangen, Jakob, nicht wahr, nein?

(Morell verachtungsvoll:)  Nein.

(Marchbanks entruestet:)  Oh!

(Morell zu Eugen:)  Sie haben angefangen,--heute frueh.  (Candida bringt
dies sofort in Zusammenhang mit der geheimnisvollen Bemerkung, die
Jakob nachmittag machte, als er ihr sagte, dass ihm Eugen am Morgen
etwas mitgeteilt habe.  Sie sieht ihn mit raschem Verdachte forschend
an.  Morell faehrt fort mit dem Pathos der beleidigten Ueberlegenheit:)
Aber Ihre andere Bemerkung ist richtig.  Ich bin gewiss der Groessere von
uns beiden und, wie ich hoffe, Candida, auch der Staerkere!  Es waere
daher besser, du ueberliessest die Sache mir.

(Candida ihn wieder besaenftigend:)  Ja, Lieber--aber (verwirrt:)  ich
verstehe das nicht wegen heute morgen.

(Morell ein wenig auffahrend:)  Das brauchst du auch nicht zu verstehen,
meine Liebe.

(Candida.)  Aber, Jakob, ich--(Die Hausglocke laeutet:)  Oh, wie dumm.
Da kommen sie alle!  (Sie geht hinaus, sie einzulassen.)

(Marchbanks laeuft zu Morell:)  Oh, Morell, ist das nicht schrecklich?
Sie ist boese auf uns, sie hasst mich,--was soll ich tun?

(Morell in seltsamer Verzweiflung, sich in die Haare fahrend:)  Eugen,
es dreht sich mir alles im Kopf, ich werde gleich zu lachen anfangen.
(Er geht in der Mitte des Zimmers auf und ab.)

(Marchbanks folgt ihm aengstlich:)  Nein, nein!  Dann wird sie glauben,
ich haette Sie hysterisch gemacht.  Lachen Sie nicht!  (Man hoert
heftiges Stimmengewirr und Gelaechter, das immer naeher kommt.
Alexander Mill, dessen glaenzende Augen und dessen ganzes Benehmen eine
ungewohnte angeregte Stimmung verraten, tritt mit Burgess ein, der
einen schmierigen und selbstgefaelligen Eindruck macht, aber
vollstaendig Herr seiner Sinne ist.  Fraeulein Garnett folgt ihm mit
ihrem schoensten Hut und ihrer besten Jacke, aber obwohl ihre Augen
glaenzender sind als frueher, ist sie sichtlich in besorgter Stimmung.
Sie stellt sich mit dem Ruecken gegen ihren Schreibmaschinentisch, mit
einer Hand sich darauf stuetzend, mit der anderen sich ueber die Stirne
fahrend, als ob sie etwas muede und schwindlig waere.  Marchbanks
verfaellt wieder in Schuechternheit und schleicht weg in die Naehe des
Fensters, wo Morells Buecher sind.)

(Mill begeistert:)  Herr Pastor, ich *muss* Ihnen gratulieren, (seine
Hand fassend:)--was fuer eine edle, herrliche, von Gott eingehauchte
Ansprache Sie gehalten haben!  Sie haben sich selbst uebertroffen.

(Burgess.)  Ja, das haben Sie, Jakob.  Ich bin bis zum letzten Worte
wach geblieben,--nicht wahr, Fraeulein Garnett?

(Proserpina ungeduldig:)  Oh, ich habe Sie nicht beachtet, ich habe
mich bemueht, Notizen zu machen.  (Sie nimmt ihre Notizen heraus,
blickt auf ihr Stenogramm und faengt beinahe zu weinen an.)

(Morell.)  Habe ich zu schnell gesprochen, Prossi?

(Proserpina.)  Viel zu schnell.--Sie wissen, ich kann nicht mehr als
neunzig Worte in der Minute schreiben.  (Sie macht ihren Gefuehlen Luft,
indem sie ihr Notizbuch aergerlich neben die Maschine wirft, wo sie es
am naechsten Morgen bereit haben will.)

(Morell besaenftigend:)  Nun, nun, das macht ja nichts.  Habt ihr alle
schon zur Nacht gegessen?

(Mill.)  Herr Burgess war so liebenswuerdig, uns in's Belgrave
Restaurant zu einem geradezu glaenzenden Abendessen einzuladen.

(Burgess mit ueberschwenglicher Grossmut:)  O bitte, bitte, Herr Mill.
(Bescheiden:)  Sie waren mir bei meinem bescheidenen Feste herzlich
willkommen.

(Proserpina.)  Wir haben Champagner getrunken!  Ich hatte noch niemals
welchen gekostet.  Ich bin ganz schwindlig.

(Morell ueberrascht:)  Ein Champagnersouper!  Das war sehr huebsch von
Ihnen.  Ist meine Beredsamkeit schuld an dieser Verschwendung?

(Mill mit Pathos:)  Ihre Beredsamkeit und Herrn Burgess' Herzensguete.
(Mit erneutem Gefuehlsausbruch:)  Was fuer ein herrlicher Mensch der
Vorsitzende war, Herr Morell; er hat auch mit uns gespeist.

(Morell bedeutungsvoll Burgess anblickend:)  So, so, der Vorsitzende!
--*jetzt* verstehe ich!  (Burgess verbirgt hinter einem Huesteln ein
Laecheln der Zufriedenheit ueber seine diplomatische Geschicklichkeit
und setzt sich an den Kamin.  Mill verschraenkt die Arme und lehnt sich
neben das Buechergestell in einer Stellung, die seine Begeisterung zum
Ausdruck bringt.  Candida kommt mit Glaesern, Zitronen und heissem
Wasser auf einem Tablett herein.)

(Candida.)  Wer wuenscht etwas Limonade?  Sie kennen unsere Hausregel:
vollkommene Abstinenz!  (Sie stellt das Tablett auf den Tisch, nimmt
den Zitronenpresser zur Hand und blickt fragend umher.)

(Morell.)  Du bemuehst dich umsonst, meine Liebe, sie haben alle
Champagner getrunken, Prossi hat ihr Geluebde gebrochen.

(Candida zu Proserpina:)  Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie auch
Champagner getrunken haben?

(Proserpina verstockt:)  Ja, das hab' ich; ich bin nur eine Bier-,
keine Champagnerabstinenzlerin.  Ich mag kein Bier.--Sind Briefe fuer
mich zur Beantwortung da, Herr Pastor?

(Morell.)  Nichts mehr fuer heute.

(Proserpina.)  Dann gute Nacht allerseits.

(Mill galant:)  Waere es nicht geraten, dass ich Sie nach Hause begleite,
Fraeulein Garnett?

(Proserpina.)  Nein, ich danke.  Ich wuerde mich heute nacht niemandem
anvertrauen wollen!  Haette ich nur nichts von diesem Zeug getrunken!
Sie geht rasch hinaus.

(Burgess empoert:)  Zeug!  Dieses Maedel weiss nicht, was Champagner ist.
Pommery und Greno, zwoelf Schilling sechs Pence die Flasche.  Zwei
Glaeser nacheinander hat sie geleert.

(Morell etwas besorgt:)  Gehen Sie, Lexi, und sehen Sie nach ihr!

(Mill beunruhigt:)  Aber wenn sie wirklich... bedenken Sie, wenn sie in
den Strassen zu singen anfaengt oder dergleichen!

(Morell.)  Eben darum waere es besser, Sie braechten sie sicher nach
Hause.

(Candida.)  Tun Sie es, Lexi, als guter Kamerad!  (Sie reicht ihm die
Hand und schiebt ihn sanft nach der Tuer.)

(Mill.)  Es ist selbstverstaendlich meine Pflicht, mit ihr zu gehen.
Ich hoffe aber, es wird nicht noetig gewesen sein.  Gute Nacht, Frau
Morell.  (Zu den uebrigen:)  Gute Nacht.  (Er geht, Candida schliesst die
Tuer hinter ihm.)

(Burgess.)  Er war selbst ganz aus dem Haeuschen in lauter Froemmigkeit
nach dem zweiten Glas.  Heutzutage koennen die Leute nicht mehr trinken
wie frueher.  (Den Gegenstand fallen lassend, geht er vom Kamin fort.)
Nun, Jakob, es ist Zeit, das Haus zu schliessen.  Herr Marchbanks,
werden Sie mir auf dem Heimwege ein Stueckchen das Vergnuegen Ihrer
Gesellschaft schenken?

(Marchbanks erschrocken:)  Ja, es ist besser, ich gehe.  (Er eilt nach
der Tuer, aber Candida stellt sich ihm in den Weg.)

(Candida mit ruhiger Wuerde:)  Sie setzen sich noch, Sie werden noch
nicht gehen!

(Marchbanks eingeschuechtert:)  Nein,--ich--ich wollte ja auch nicht.
(Er kommt zurueck in das Zimmer und setzt sich gehorsam auf das Sofa.)

(Candida.)  Herr Marchbanks bleibt heute nacht bei uns, Papa.

(Burgess.)  Na, dann sage ich gute Nacht.  Auf Wiedersehn, Jakob.  (Er
schuettelt Morell die Hand und geht hinueber zu Eugen.)  Lassen Sie sich
ein Nachtlicht an Ihr Bett stellen, Herr Marchbanks, es wird Sie
beruhigen, falls Sie in der Nacht einen Anfall Ihres Leidens bekommen
sollten!  Gute Nacht.

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen, es soll geschehn.  Gute Nacht, Herr
Burgess.  (Sie geben einander die Haende, Burgess geht zur Tuer.)

(Candida haelt Morell zurueck, der Burgess begleiten will:)  Bleib' hier,
mein Lieber, ich werde Papa seinen Rock anziehen helfen.  (Sie geht
mit Burgess hinaus.)


(Marchbanks.)  Herr Pastor, es wird eine schreckliche Szene geben.
Haben Sie keine Angst?

(Morell.)  Nicht die geringste.

(Marchbanks.)  Ich habe Sie bisher nie um Ihren Mut beneidet.  (Er
erhebt sich schuechtern und beruehrt mit seiner Hand flehend Morells
Unterarm:)  Stehen Sie mir bei,--wollen Sie?

(Morell schuettelt ihn sanft, aber entschieden ab:)  Jeder fuer sich,
Eugen!  Sie--muss nun zwischen uns waehlen.  (Er gebt beim Eintritt
Candidas auf die andere Seite des Zimmers, Eugen setzt sich mit seinem
besten Benehmen wie ein schuldbewusster Schulknabe auf das Sofa.)

(Candida zwischen den beiden, sich zu Eugen wendend:)  Tut es Ihnen
leid?

(Marchbanks ernst:)  Ja, unendlich.

(Candida.)  Gut, dann ist Ihnen verziehen.  Nun gehen Sie wie ein
braver kleiner Junge zu Bett, ich moechte mit Jakob ueber Sie sprechen.

(Marchbanks erhebt sich mit groesster Bestuerzung:)  Oh, das kann ich
nicht.--Herr Pastor, ich muss hierbleiben.  Ich will nicht fortgehen.
Sagen Sie es ihr!

(Candida die ihren Verdacht bestaetigt sieht:)  Was soll er mir sagen?
(Seine Augen vermeiden die ihrigen, sie wendet sich um und uebertraegt
ihre Frage stumm auf Morell.)

(Morell wappnet sich fuer die Katastrophe:)  Ich habe ihr nichts zu
sagen, ausgenommen--(dabei sinkt seine Stimme zu massvoller, trauriger
Zaertlichkeit herab:)  dass sie mein groesster Schatz auf Erden ist--wenn
sie mir wirklich gehoert.

(Candida kalt, verletzt, dass er seinem Rednerinstinkt nachgibt und sie
behandelt, als ob sie sich unter den Zuhoerern der Gilde von St.
Matthaeus befaende:)  Ich bin ueberzeugt, dass Eugen nicht weniger sagen
kann, wenn das alles ist.

(Marchbanks entmutigt:)  Morell, sie lacht uns aus.

(Morell auffahrend:)  Es gibt da nichts zu lachen.  Lachst du uns aus,
Candida?

(Candida mit stillem Aerger:)  Eugen ist sehr witzig, ich hoffe, dass ich
lachen werde--aber vorlaeufig fuerchte ich, mich aergern zu muessen.  (Sie
geht an den Kamin und bleibt dort stehen, ihren Arm auf dem Gesims und
ihren Fuss auf dem Gitter, waehrend Eugen sich zu Morell hinstiehlt und
ihn beim Arm fasst.)

(Marchbanks fluesternd:)  Halten Sie ein, Herr Pastor; sagen wir nichts
mehr.

(Morell stoesst Eugen fort, ohne ihn eines Blickes zu wuerdigen:)  Ich
hoffe, dass du mir nicht drohen willst, Candida.

(Candida mit feierlicher Warnung:)  Nimm dich in acht, Jakob!--Eugen,
ich habe gewuenscht, dass Sie gehen sollen,--gehen Sie oder nicht?

(Morell mit dem Fusse stampfend:)  Er wird nicht gehen; ich wuensche, dass
er bleibt.

(Marchbanks.)  Ich will gehen.  Ich tue, was Sie wollen.  (Er wendet
sich zur Tuer.)

(Candida.)  Bleiben Sie.  (Er gehorcht.)  Haben Sie nicht gehoert, dass
Jakob wuenscht, dass Sie bleiben sollen?  Jakob ist hier der Herr,
wissen Sie das nicht?

(Marchbanks erroetend, mit der Wut eines jungen Dichters gegen Tyrannei:)
Was gibt ihm das Recht dazu?

(Candida ruhig:)  Sag es ihm, Jakob.

(Morell bestuerzt:)  Meine Liebe, ich bin mir keines Rechtes bewusst, das
mich zum Herrn macht; ich bestehe auf keinem solchen Rechte.

(Candida mit schwerem Vorwurf:)  Du weisst es nicht?  O Jakob, Jakob!
(Zu Eugen nachdenklich:)  Ich wuesste gern, ob Sie das verstehen, Eugen...
Nein, Sie sind zu jung.  Nun, ich erlaube Ihnen, zu bleiben und zu
lernen.  (Sie geht von Kamin fort und stellt sich zwischen die beiden.)
Also, Jakob, was ist's?  Komm und sag' es mir.

(Marchbanks fluestert ihm aengstlich zu:)  Sagen Sie ihr lieber nichts.

(Candida.)  Bitte!--Heraus damit!

(Morell langsam:)  Ich wollte dich sorgfaeltig vorbereiten, Candida, um
jedes Missverstaendnis zu vermeiden.

(Candida.)  Ja, Lieber, das wolltest du gewiss; aber sei unbesorgt, ich
werde nichts missverstehen.

(Morell.)  Nun denn, es--(Er zoegert, unfaehig, die lange Erklaerung zu
finden, die er fuer noetig haelt.)

(Candida.)  Nun?

(Morell klipp und klar:)  Eugen behauptet, dass du ihn liebst.

(Marchbanks ausser sich:)  Nein, nein, nein, nein, niemals, das habe ich
nicht behauptet, Frau Morell, es ist nicht wahr!  Ich sagte, dass ich
Sie liebe und er nicht.  Ich sagte, dass ich Sie verstehe und dass er es
nicht kann.  Und nicht infolgedessen, was sich hier am Kamin
zugetragen hat, habe ich das gesagt,--ganz gewiss nicht, auf mein Wort!
schon heute morgen hab' ich es ihm gesagt!

(Candida erleuchtet:)  Heute morgen?!

(Marchbanks.)  Ja!  (Er siebt sie um Glauben bittend an und fuegt dann
einfach hinzu:)  Das war auch der Grund, warum mein Kragen in Unordnung
geriet.

(Candida nach einer Pause, weil sie nicht gleich begreift, was er
meint:)  Ihr Kragen!  (Sie wendet sich erschrocken zu Morell, verletzt:)
O Jakob, hast du ihn--?  (Sie haelt inne.)

(Morell beschaemt:)  Du weisst, Candida, dass ich mit meinem Temperament
zu kaempfen habe, und er sagte, (schauernd:)  dass du mich verachtest in
deinem Herzen.

(Candida wendet sich rasch zu Eugen:)  Haben Sie das gesagt?

(Marchbanks geaengstigt:)  Nein!

(Candida strenge:)  Dann hat mich also Jakob eben angelogen.  Wollen
Sie das behaupten?

(Marchbanks.)  Nein, nein: ich--ich... (herausplatzend mit der
verzweifelten Erklaerung:)--es war die Rede von Davids Frau, nicht bei
ihm zu Hause, sondern als sie ihn tanzen sah vor allen Leuten.

(Morell nimmt diesen Fingerzeig mit der Geschicklichkeit eines
Wortkaempfers auf:)  Ja, als er vor dem ganzen Volke tanzte, Candida, in
der Meinung, dass er ihre Herzen dadurch ruehrte, waehrend sie nur an
Prossis Leiden litten.  (Sie ist im Begriff zu protestieren, er winkt
ihr mit der Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und faehrt fort:)
Tue nicht als ob du entruestet waerest, Candida.

(Candida.)  Tun als ob?!

(Morell fortfahrend:)  Eugen hatte recht!  Wie du mir einige Stunden
spaeter klarmachtest, hat er immer recht.  Er sagte nichts, was du
nicht viel besser selbst gesagt haettest.  Er ist der Dichter, der
alles sieht; und ich bin der arme Pastor, der nichts versteht.

(Candida reuevoll:)  Aergert dich, was ein naerrischer junge gesagt hat,
weil ich im Scherz etwas Aehnliches sagte?

(Morell.)  Der naerrische Junge kann mit der Begeisterung eines Kindes
und mit der Verschlagenheit einer Schlange sprechen.  Er hat behauptet,
dass du ihm gehoerst und nicht mir, und, ob mit Recht oder Unrecht, ich
beginne zu fuerchten, dass es wahr sein koennte.  Ich will nicht
umhergehen von Zweifeln und Verdaechtigungen gequaelt.  Ich will nicht
mit dir leben und ein Geheimnis vor dir haben.  Ich will nicht die
entwuerdigende Qual der Eifersucht erdulden.  Deshalb haben wir
beschlossen--er und ich--dass du jetzt zwischen uns waehlen sollst!  Ich
erwarte deine Entscheidung.

(Candida weicht langsam einen Schritt zurueck, verletzt ueber sein
Pathos, trotz des aufrichtigen Gefuehls, das sie heraushoert:)  Oh, ich
muss also waehlen?  Ich nehme an, dass eines vollkommen feststeht: dass
ich einem o d e r dem andern gehoeren muss.

(Morell entschlossen:)  Vollkommen; du musst endgueltig waehlen.

(Marchbanks aengstlich:)  Herr Pastor,--Sie verstehen nicht: sie meint,
dass sie sich selbst gehoert.

(Candida sich zu ihm wendend:)  ja, das meine ich, Junker Eugen, und
noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet.  Und
ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr fuer meine Wahl zu
geben?  Es scheint, dass ich versteigert werden soll.  Wieviel bietest
du, Jakob?

(Modell vorwurfsvoll:)  Cand....  (Er bricht zusammen, seine Augen
fuellen sich mit Traenen, und seine Kehle schnuert sich zu, der Redner
wird zu einem verwundeten Tier.)  Ich kann nicht sprechen.

(Candida geht impulsiv zu ihm hin:)  O Liebster!

(Marchbanks in wildem Aufruhr:)  Halten Sie ein, das ist nicht gerecht.
Sie duerfen ihr nicht zeigen, dass Sie leiden, Morell.--Ich bin auch
auf der Folter, aber ich weine nicht.

(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:)  Ja, Sie haben recht.  Es
ist nicht Mitleid, worum ich bitte.  (Er befreit sich von Candida.)

(Candida zieht sich frostig zurueck:)  Entschuldige, Jakob, ich hatte
nicht die Absicht, dich zu beruehren.  Ich warte auf dein Angebot.

(Morell mit stolzer Demut:)  Ich habe dir nichts zu bieten als meine
Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen fuer deine Ruhe, meine
Tuechtigkeit und Arbeit fuer deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine
Stellung fuer deine Wuerde.  Das ist alles, was einem Manne ansteht,
einer Frau zu bieten.

(Candida ganz ruhig:)  Und Sie, Eugen, was bieten Sie?

(Marchbanks.)  Meine Schwaeche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!

(Candida geruehrt:)  Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun weiss ich, wie
ich meine Wahl zu treffen habe.  (Sie haelt inne und blickt seltsam von
einem zum andern, als ob sie beide abschaetzte.  Morell, dessen
hochtmuetiges Zutrauen sich in herzzerreissende Angst bei Eugens Gebot
verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht
verbergen.  Eugen dagegen, mit aeusserst angespannter Kraft, zuckt mit
keiner Wimper.)

(Morell mit halb erstickter Stimme--ein Hilferuf entringt sich den
Tiefen seiner Verzweiflung:)  Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:)  Feigling!

(Candida bedeutsam:)  Ich gebe mich dem Schwaecheren von beiden.  (Eugen
erraet ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiss wie scbmelzender
Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:)  Ich nehme
deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.)  Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.)  Oh, ich fuehle, ich bin verloren.  Er koennte die Last
nicht ertragen!

(Morell unglaeubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)
Meinst du mich, Candida?

(Candida laechelt ein wenig:)  Setzen wir uns und plaudern wir gemuetlich
darueber wie drei Freunde.  (Zu Morell:)  Setze dich, mein Lieber.
(Morell nimmt den Stuhl vom Kamin--den Kindersessel.)  Bringen Sie mir
diesen Stuhl, Eugen.  (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn
schweigend, sogar mit etwas wie kuehler Beherrschung und setzt ihn
neben Morell, etwas hinter ihn.  Sie setzt sich, er geht an das Sofa
und laesst sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergruendlich.
Als sie alle sitzen, beginnt Candida,--einen Hauch von Ruhe um sich
breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zaertlichen Stimme:)  Sie
erinnern sich doch, was Sie mir ueber sich selbst erzaehlten, Eugen: wie
sich niemand um Sie gekuemmert hat, seit Ihre alte Amme starb.  Wie
Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brueder die
Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie
Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford
zurueckzukehren, wie Sie leben mussten ohne Behaglichkeit oder
Willkommen, ohne Zufluchtsstaette, immer einsam und fast immer ungern
gesehen und missverstanden!  Sie armer Junge!

(Marchbanks der Groesse seines Schicksals wuerdig:)  Ich hatte meine
Buecher.  Ich hatte die Natur.  Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.)  Lassen wir das im Augenblick beiseite.  Nun moechte ich, dass
Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,--meinen verwoehnten
Jungen,--verwoehnt von seiner Wiege an.  Einmal alle vierzehn Tage
besuchen wir seine Eltern.  Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und
die Bilder des Helden dieser Familie sehen.  Jakob als Baby, das
wundervollste aller Babys!  Jakob, als er seinen ersten Schulpreis
erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren!  Jakob als der
Fuehrer seiner Mitschueler beim Cricketspiel!  Jakob in seinem ersten
schwarzen Anzug!  Jakob in allen moeglichen ruhmvollen Posen.  Sie
wissen, wie stark er ist--ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan--wie
gescheit er ist--wie gluecklich!  (Mit wachsendem Ernst:)  Fragen Sie
Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat,
Jakob die Muehe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit
und gluecklich zu sein.  Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs
Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner
Kinder--alles in einer Person--zu sein!  Fragen Sie Prossi und Marie,
wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben,
die uns helfen Zwiebeln schneiden.  Fragen Sie die Geschaeftsleute, die
Jakob stoeren und seine prachtvollen Predigten gefaehrden wollen, wer es
ist, der sie abschuettelt!  Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn
Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es.  Ich habe ihm ein Schloss
von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer
Schildwache davor, um all den taeglichen kleinen Lebenssorgen den
Eintritt zu verwehren.  Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es
nicht weiss und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er
dazu gekommen ist, es zu sein.  (Mit suesser Ironie:)  Und als er dachte,
ich koennte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus
mir werden wuerde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir--
(sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze ueber das Haar)
seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit fuer meinen Unterhalt,
seine Stellung fuer meine Wuerde, seine (zoegernd:)  ah, ich
verwechsle deine wunderschoenen Saetze und verderbe sie, nicht wahr,
Liebling?

(Morell kniet ganz ueberwaeltigt neben ihren Stuhl und umschlingt sie
mit knabenhafter Leidenschaft:)  Alles ist wahr, jedes Wort.  Was ich
bin, hast du aus mir gemacht, durch die Arbeit deiner Haende und die
Liebe deines Herzens.  Du bist mein Weib, meine Mutter, meine
Schwester,--du bist die Summe aller Liebessorgen fuer mich.

(Candida in seinen Armen, laechelnd zu Marchbanks:)  Bin ich Ihnen auch
Mutter und Schwester, Eugen?

(Marchbanks erhebt sich mit einer heftigen Bewegung des Ekels:)  Oh,
niemals!  Hinaus denn in die Nacht mit mir!

(Candida erhebt sich rasch und unterbricht ihn:)  sie werden nicht so
von uns gehn, Eugen!

(Marchbanks mit dem Tonfall eines entschlossenen Mannes, nicht mit der
Stimme eines Knaben:)  Ich weiss, wann die Stunde geschlagen hat.  Ich
bin ungeduldig zu tun, was getan werden muss.

(Morell erhebt sich von seinen Knien, beunruhigt:)  Candida, lass ihn
nichts Uebereiltes begehen!

(Candida laechelt Eugen vertrauensvoll an:)  Oh, sei unbesorgt, er hat
gelernt, ohne Glueck zu leben.

(Marchbanks.)  Ich ersehne nicht mehr Glueck; das Leben kann Hoeheres
bieten.  Pastor Jakob, ich gebe Ihnen mein Glueck mit beiden Haenden hin;
ich liebe Sie, weil Sie das Herz der Frau, ganz ausgefuellt haben, die
ich liebte.  Leben Sie wohl!  (Er geht zur Tuer.)

(Candida.)  Ein letztes Wort.  (Er haelt inne, aber ohne sich nach ihr
umzuwenden.)  Wie alt sind Sie, Eugen?

(Marchbanks.)  Jetzt bin ich so alt wie die Welt.  Heute morgen war ich
achtzehn Jahre!

(Candida geht zu ihm hin und steht hinter ihm, eine Hand liebkosend
auf seiner Schulter:)  Achtzehn...  Wollen Sie mir zuliebe ein kleines
Gedicht aus zwei Zeilen machen, die ich Ihnen sagen will?  Und wollen
Sie mir versprechen, sich's immer vorzusagen, so oft Sie an mich
denken.

(Marchbanks ohne sich zu ruehren:)  Sagen Sie die beiden Zeilen.

(Candida.)  Wenn ich dreissig sein werde, dann wird sie fuenfundvierzig
sein; wenn ich sechzig sein werde, dann wird sie fuenfundsiebzig sein.

(Marchbanks wendet sich nach ihr um:)  In hundert Jahren werden wir
gleich alt sein!  Aber ich trage ein besseres Geheimnis als das in
meinem Herzen!  Lassen Sie mich jetzt gehen, die Nacht waechst draussen
ungeduldig.

(Candida.)  Leben Sie wohl!  (Sie nimmt sein Gesicht in die Haende, und
da er ihre Absicht erraet und sein Knie beugt, kuesst sie ihn auf die
Stirne, dann flieht er hinaus in die Nacht.--Sie wendet sich zu Morell,
mit ausgebreiteten Armen:)  O Jakob!  (Sie umarmen einander.  Aber das
Geheimnis in des Dichters Herzen, das kennen sie nicht.)

(Vorhang)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes CANDIDA, von George Bernard Shaw.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, CANDIDA ***

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